Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Verfluchtes Montevideo

Es gibt das Bermudadreieck, wo die Kompasse durchdrehen, es gibt das Goldene Dreieck, wo die Morphinisten durchdrehen, und es gibt das Bergische Dreieck, das sich aus Wuppertal, Remscheid und Solingen zusammensetzt und rund eine dreiviertel Million Seelen zählt. Der Name der Stadt Solingen, seit 1374 im Besitz der Stadtrechte, stammt ursprünglich von "suhlen", "wo die Schweine sich suhlen".

*

Es begab sich aber, dass ein junger Schweinebauer aus den Urwäldern des Bergischen Landes in die weite Welt hinaus wollte. Am Stadttor zu Köln, wo er in den D-Zug einsteigen wollte, wurde er aufgehalten.
"Tünnes! Bliev stonn! Wo küss du her?"
"Wer? Ich!?"
"Wer süss, Eiermeyster!"
"Wo wilde Schweyne und Frischlinge sich suhlen!"
"Ach su, ut Suhlingen." Man wies ihn rüde ab. "Putz dir ens eesch die Zäng, Ferken!" (Putz dir erstmal die Zähne, Schwein, bevor du vor einen Kölner trittst.)

Nun bin ich in diesem elenden Schlammloch nicht nur aufgewachsen, sonder auch Zeit meines Lebens wohnen geblieben, mich zog es nicht in die Welt hinaus. Dazu passt folgende winzige Anekdote, die mir vom ältesten der drei Rocketta-Brüder überliefert wurde.

Demnach war ich im Sommer 1977 einer der letzten Burschen ohne Acid-Erfahrung. Das halte ich zwar für ein Gerücht, relativ nahe an der Rufschädigung, aber gut, wenn er meint. Jedenfalls, im Herbst desselben Jahres stürze ich auf einem Deutschrock-Konzert im Haus der Jugend mit riesigen LSD-Pupillen auf Rocketta zu.
"Jetzt weiß ich Bescheid!"
"Was..?"
"Ich weiß jetzt, worum es im Leben geht! Es geht darum, sich in der eigenen Scheiße zu wälzen!"

"Du hast geleuchtet wie ein Alien, der sich hübsch gemacht hat. Ich hab dich nie wieder so enthusiastisch erlebt. Als hättest du die Erleuchtung deines Lebens gehabt!"

Als mir Rocketta das vor Jahren erzählte, hatte ich an den LSD-Trip selbst kaum Erinnerung, doch die Szene, wo ich auf ihn zustürze, von wegen, jetzt wüsste ich, was es mit dem Leben auf sich hat, die kam mir sattsam bekannt vor. Denn, Hand aufs Herz und reingegriffen, was hab ich in meinem Leben schon groß anderes gemacht als meine eigene Suppe auszubaden, diesen bleichen Sud aus Schuld und Sühne, wieder und wieder, ohne die Pampe je ausgetauscht, die Schweinegrube je ausgehoben zu haben?

Doch wohin hätte ich gehen sollen? War ich mit der Geburt in Schlamm-City No. 1 nicht schon am Ziel? Hatte ich, Nachfahre jenes bergischen Jungbauern, der es im späten Mittelalter mit beschädigtem Zahnstatus bis nach Köln schaffte, je eine Wahl? Hm. Oder ob ich auf meine alten Tage vielleicht doch mal losmachen sollte..? Über die 110 Meter hohe Stahlbrücke, die unsere alte Wupper überspannt und die höchste Eisenbahnbrücke in ganz Deutschland ist, rüber nach Uruguay?

2.7.08 12:42


42 Nummern

Ein Blick ins Telefonbüchlein beweist es. Wieviel Leute es gibt, mit denen man eine Weile zu tun hat, und danach hört man nie wieder von ihnen.

Wie hier, unter Sch, der Schiebo.

Schiebo hatte einen schmuddeligen kleinen Verkaufs-Stand vorm alten Bahnhof. So einen feststehenden Wagen, aus dem heraus er die Bahnfahrer mit heißem Kaffee, Snacks, Zeitungen und Liebesperlen und Jägermeister fütterte.

Mit der Hygiene nahm er es nicht so genau. Er schwitzte jeden Tag zwei T-Shirts durch, aber es waren immer dieselben beiden T-Shirts, von denen eines zum Auslüften hing, hinterm Verkaufswagen, im Schatten.

Einmal, es war Hochsommer, die Hundstage, sah ich beiläufig eine kleine Motte aus seinen Achseln emporsteigen, weg war sie.

Und dann war da noch Sammy, sein kleiner kackender Kamerad, Sammy mit dem Schubs-Auge.

Ich kenn mich mit Hunderassen nicht besonders gut aus, mir sind struppige Promenadenmischungen sowieso lieber, einmal die Straße rauf, einmal die Straße runter, das hat Charme.

Sammy war ein Rassehund, vielleicht ein Sport-Mops, so was in der Art, aber trotzdem nett anzusehen, wäre da nicht das vermaledeite rechte Auge gewesen. Es stand hervor wie ein Minigiolfball, von wässrigen roten Äderchen durchzogen. Als wäre der Innendruck in dem Auge zu hoch gewesen und hätte den Augapfel aus der Augenhöhle herausgeschubst.

"Was hat Sammy da am Auge?" fragte ich.
"Ne Krankheit..", nuschelte Schiebo.
Schiebo machte nicht viel Worte, und die nicht vielen, die er machte, Worte, nuschelte er. Dann hob er die Stimme, aber nur ganz wenig, ein achtel Zoll vielleicht.
"Schleimbeutelentzündung."

Kurios wurde es, wenn er seinem Sammy eine rötliche, vom Viehdoktor verordnete Arznei ins herausgeschubste Auge träufelte. Dann glänzte es eine halbe Stunde lang wie eine fette Piemont-Kirsche.

"Mon Cheri", neckte ihn Schiebo, "guck mal wer da kommt! Deine Herz-Dame..!"

Ich kam mit Frau Moll den Weg rauf zum alten Bahnhof, um den Ordner abzuholen mit den Rechnungen und Quittungen für die Umsatzsteuer-Voranmeldungen.

Sammy war über beide Ohren verknallt in Frau Moll. Jeder anderer Köter, der sich dem Verkaufswagen näherte, wurde streng verbellt, nur Frau Moll, damals kaum ein Jahr alt, durfte sich alles erlauben, wenn sie mit mir zu Besuch kam.

Am schärfsten schien es, wenn sich Frau Moll zuvor ordentlich das Fell eingesaut hatte, beim Wälzen in Aas oder Entengrütze.
Dann blinkte Sammys Schubs-Auge in einer Geschwindigkeit, als wolle er gleichzeitig nach links und nach rechts abbiegen.

"Gnä' Frau", der Blinker pulsierte und erzitterte, "darf ich Sie hinter den Wagen jagen?"

"Heut Abend reitet Sammy wieder wild auf seiner Decke", meinte Schiebo. "Und anschließend liegt er ausgepumpt in der Ecke."

Sammy war es auch schnuppe, dass Frau Moll ihn mit Missachtung strafte. Du hässlicher Vogel, geh mir aus den Augen. Mach dich dünne.
Dabei war Sammy dreimal so dünn wie Frau Moll.
Wie sollte er sich da noch dünne machen?
Luder.

Kennengelernt hatte ich Schiebo über Ringo, der über dem Spielsalon am Bahnhof wohnte und sich bei Schiebo jeden Morgen, bevor er die Bahn nach Düsseldorf nahm, wo er einen festen Job als Software-Distribitor hatte, mit den ersten Jägermeistern des Tages eindeckte.

Ich absolvierte damals in einer Wirtschaftsschule meine Umschulung zum Steuerfachangestellten. Das Ganze entpuppte sich schnell als Lachnummer, aus der ich aber nicht mehr ohne weiteres raus kam, also zog ich es durch bis zur Abschlußprüfung.

Vielleicht kann mir der Glumm die Steuern machen und die Buchführung gleich mit, dachten sich Bekannte, die selbständig waren.
Das dachte sich auch Schiebo.

Tatsächlich führte ich seine Bücher zwei Jahre lang, dann hatte ich die Nase voll. Ich wollte mit dem ganzen Steuerscheiß nichts mehr am Hut haben. Ich kapierte es auch nicht richtig. Vor allem Buchführung. Ich wusste nie genau, was ich da machte.
Das war doch krank.

"Ich hör auf", sagte ich.
"Schade", meinte Schiebo, dessen Plauze auf eine Art prall war, als hätte er ein Zelt verschluckt und dann im Bauch aufgebaut, "aber was soll's. Nächsten Monat mach ich hier sowieso dicht."

Schön, das passte doch. Aus der Nummer war ich schon mal raus. Blieben nur noch 41 andere Nummern, aus denen ich raus musste.
Es ging aufwärts.



*
Nach einigem Hadern, was das überhaupt soll, ein zweiter Blog, geht The Glumm weiter, Alle älter und so.
4.7.08 12:30


Prämens

Kaum hat sie ein bißchen zugenommen äußert sie den Verdacht, ich würde ihr nachts heimlich Cremetörtchen in die Hüfte spritzen. Vanillecreme.

Na schön, sie ist prämens. Prämens, von prämenstruell. Kurz vor der Periode, dieser katholischen Frechheit.

Ich meine, das Wort prämens gibt es gar nicht. Nicht im Fremdwörterbuch, nicht als Slang. Ich kenne das Wort überhaupt nur von ihr und von ihrer Busenfreundin, die aus dem gleichen wilden Holz geschnitzt ist, nur anders.

Sie ist immer sehr empfindlich, wenn sie prämens ist, die Gräfin, klar.
Prinzessin auf der Erbse.
"Prinzessin auf der DNS einer Erbse", berichtigt sie.

Ich soll nicht so unverschämt laut kauen, wenn wir beim Frühstück zusammensitzen.
"Ich hab geglaubt, draußen trabt ein Pferd über die Strasse."

Ich darf nicht Aktenzeichen XY.. gucken.
"All diese furchtbaren Menschen! Mach das weg!"

Zugegeben, auch an sich selbst verteilt sie an den Tagen gerne etwas Gratisgespött.

Vorm Badezimmerspiegel:
"Was bin ich eine käsebleiche Natter diesen Sommer! Ich seh aus wie Uschi Glas mit kleineren Augen!" erschrickt sie, weil der Bettfrisör über Nacht Hand angelegt hat. (Auch der Cremetörtchenchemiker war wieder aktiv.)

"Du siehst doch hübsch aus", sag ich.
Vergiss es. Da kann ich auch gleich rülpsen, in die Hosen scheißen und noch mal rülpsen. Ist vom Resultat her das gleiche. Da greift kein Kompliment, wenn sie prämens ist. Im Gegenteil.

"Ich weiß überhaupt nicht", entgegnet sie, "ob ich mit jemanden reden soll, der um zehn Uhr morgens noch Abdrücke vom Kopfkissen im Gesicht hat!"

Zehn Uhr? Der Hund muss raus. Der platzt gleich. Ist zwar ein Solinger Hund mit einer gesunden Blase, aber die ist trotzdem nicht aus Stahl.

Kaum sind wir ein paar Meter gegangen, bleibt die Gräfin stehen. Ich soll ihr den Nacken massieren. Sie hat neuerdings ständig einen kühlen Nacken, "damit mein Gehirn nicht überhitzt wahrscheinlich. Die Synapsen. Ich muss ja für den Herrn an meiner Seite mitdenken, weil der seine Nase immer nur im Schwitzbuch hat oder vorm Computer."

Eine Minute später, neue dunkle Theorie.
"Meine Nackenschmerzen kommen vom strengen Verhalten in meinem Gesicht."

Dabei dauert es in der Regel maximal eine Viertelstunde, und ein Lächeln betritt ihren schönen Mund mit der Perle auf der Oberlippe.

"Das ist keine Perle, das ist eine Warze. Ich seh aus wie eine olle Hexe."

Als ich stehenbleibe, um etwas zu notieren:
"He, wir haben Sonntag, du alte Schreibschraube! Kannst du nicht wenigstens sonntags mal dein Schwitzbuch zulassen!"

(Wenn sie schnell spricht, verschluckt sie Silben und aus Notizbuch wird Schwitzbuch. Ich liebe es.)

Am Abend, beim Zappen durchs TV-Programm, erwischt sie zufällig Heidi Klum, ihr Lieblings-Hass-Objekt No. 1.
"Ich weiß eigentlich gar nicht, warum die Klum mich so aggressiv macht. Die möchte ich töten. Nein, nicht töten! Die soll nicht sterben, die soll mit ner zerschnittenen Fresse durch die Gegend rennen und Glas spucken!"

Ich lache laut auf. Ich mag es, wenn sie bösartig wird. Ein gemeines, schnittiges Modul.
Und erst diese Perle links über der Lippe..

"Na, Hass hält wach. Aber sonst bringt das gar nichts. Ich bin nur sauer und todmüde. Ich bin so was von prämens. Wahrscheinlich ist auch noch Vollmond."

Als ich später am Abend zur Hintergrundmusik eines B-Movies aus Hongkong rhythmisch korrekt mit dem Kugelschreiber quietsche, bring ich sie sogar zum Lachen.
Sie nimmt mir den Kuli aus der Hand, schiebt ihn sich in den Mund.
"Komm, du willst es doch auch.."
Hm..? Mein Schätzchen reiben? Ein Sätzchen schreiben? (Jetzt nicht das Falsche sagen.)
7.7.08 15:00


Hitze

"Mann, ist das heiß.. Ich hör schon mein Herz wischen", stöhnt sie.
"Mein Herz ist ein Scheibenwischer, hörst du?"

Zu heiß zum Lachen reicht es nur zum Glucksen. Nicht mal das Notizbuch krieg ich hoch.
Das Schwitzbuch.

Wir sind hinten im Garten. Es ist Nachmittag. Juli.
"Wusstest du, dass Bäume bei extremer Hitze Blätter abwerfen?"
"Nee."
"Um sich zu schützen. Vor Austrocknung. Die Blätter sind lästige Mitsäufer. Konkurrenten ums Wasser."

Sie fläzt sich im Bikini auf dem Liegestuhl, ich sitz unterm Essigbaum. Der steht in voller Montur da, wie rote Zündkerzen zeigen die Blüten in den knallblauen Himmel. (Gleich biegt Corradini um die Ecke, der Eiswagen, der sich auf Blauen Engel im Becher spezialisiert hat.)

Biblisch, diese Ruhe. Diese Glut.
Gras, gestern erst gesmäht, übernacht zu Heu geworden.
Der Gartenzaun knackt.
Kein Eiswagen.
Ich gähne.

"Leuten, die jetzt in Urlaub fahren, wird geraten zwei Koffer voll Schatten mitzunehmen", les ich in der Zeitung. "Soll ich einen Espresso anblasen?"

Wir bummeln eine Runde mit dem Hund. Immer dem Schatten entlang, runter zur alten Papiermühle.

"Ich gehöre nicht in diese Welt", keucht die Gräfin, "ich bin ein Happening. Eine Fata Morgana."

Hinter der Papiermühle, wo die Wupper wohnt unter Eisenbrücken, kommt uns ein Mann entgegen, mit verquollenen Hitzeschühchen.

"Das ist der Hitzepeter". (Die Gräfin).

Er warnt uns vor dem schmalen Reitweg - angeblich ist er von Pferdeäpfeln übersät. Aber Frau Moll ist der Chef. Wir sind zu schwach. Sie hechelt voran, ein Popsong, der lacht und lacht, und lacht..

"Die haben wirklich üppig geäppelt, die Pferdchen", tänzle ich zwischen dem Dung hindurch.
"Das liegt an der Hitze", meint die Gräfin. "Da äppeln Pferde immer wie doof."

Wir besuchen die Lehrerin. Die hat auch einen Hund. Ein alter Hund. Er kränkelt. Er hat Sodbrennen und sein Frauchen, die pensionierte Lehrerin, ein Häuschen am Zedernweg und einen Gewölbekeller, der ist kühl.

Wir atmen durch, bei einem Gläschen. Es riecht nach Erdbeeren und nach Dill.

"Erdbeeren sind ein Aphrodisiakum", lächelt die Lehrerin.
"Und Dill ist ein Räuber!" fahr ich fort.
Ein Gauner.
"Ja, die Welt muß man sich ergaunern!" ruft die Gräfin erfrischt.

Die Lehrerin ist aufgebracht. Sie hat die Schnecken im Garten. Die Plage.

"Die kommen von hinten aus dem Wald gekrochen und futtern mir das gesamte Saisongemüse weg. Die müssen Räuberleiter machen, anders kann ich es mir nicht das nicht erklären, wie die über den Zaun kommen. Untenrum geht nicht, der Zaun ist einen halben Meter tief in der Erde."

Der alte Hund, im Körbchen, röchelt wie ein Kastrat, da kann Frau Moll nichts mit anfangen.
Sie ist der Chef.
Sie will los.

Zurück durch den Wald, an der Wupper entlang.
"Guck mal, Goldfische!" ruf ich.
Goldfische? Wupperprinzessinnen?
"Deine Goldfische sind weggeworfene Möhrenhälften", bei näherer Betrachtung, ja richtig.

Ein Schwarm Mücken bekritzelt die Luft, brüllt wie nach einem langen Nickerchen, und eine Pferdebremse, begeistert von Haut und Menschenschweiss, kommt von der nahen Pferdekoppel herüber und sticht der Gräfin ins Bein. Paff! mit der flachen Hand zugeschlagen, zu spät.
Rasch bildet sich ein roter Flatschen.

Als ihr am Wegesrand Nesseln in die Wade brennen, reicht es.
"Jetzt reicht's aber mit dem Viehzeugs!"

Frau Moll denkt, sie habe Schuld und schleicht bedröppelt davon, da kurvt ein Schmetterling um die Gräfin herum, ungewöhnlich nah und wild beflattert er sie und plötzlich! pfffitzzu! läßt der Schmetterling ein Häufchen!

"Das gibt's doch nicht!"
Wir blicken fassungslos nach oben.
"Hast du das gesehen?!"

Auf ihrem Handrücken, drei Pünktchen, bräunlich-rot, als hätte der Falter zuvor Gehacktessauce gerüsselt.

"So also sieht Schmetterlingskot aus", wundere ich mich.
"Ich wusste ja gar nicht, dass die überhaupt mal müssen. Und dann noch groß und mitten im Flug."
"Sag ich doch! Ich bin ein Happening", prustet die Gräfin.

Spätabends im Garten beginnt der Spuk.
Glühwürmchen!
So viele wie lange nicht mehr.

Zu Hunderten sausen die kleinen Ufos durch die Dunkelheit und blinken wie eine Halluzination von zuviel Glutamat.
Das macht glücklich.

Der Gartenzaun knackt.
8.7.08 09:37


Nordstadt

1980, als ein Bordell noch Knusperhäuschen hiess, wo man von internationalen Girls ohne Zeitdruck verwöhnt wurde, nicht so wie heutzutage, wo alles schnell und schnörkellos vonstatten gehen muß: Versaute Türkin! Oma macht's gut! Bumsrussin!, 1980 lernte ich Rikki kennen.

Sie arbeitete in einem Puff in der Nordstadt, ganz in der Nähe der Karateschule, unter der Benzini wohnte, doch ich kannte Rikki aus dem Mumms, wo wir nach Mitternacht rumhingen und Bier tranken. Rikki war so alt wie ich, ihre Augen blitzten verwegen, und sie legte eindeutig zuviel Make-up auf. In einem B-Western, ("Was wir in Rio City brauchen, das ist eine starke Hand, Ma'am!"), hätte sie ein Eins a-Flintenweib abgegeben.

Als das Licht im Mumms aus ging, nahm Rikki mich mit ins Moulin Rouge, ihrem Arbeitsplatz. Da war erst gar kein Licht an, bis auf ein paar speckige rote Glühbirnen. Wir tranken noch ein bißchen weiter, doch als mein Geld alle war, verschwand sie auf der Stelle. Ich hockte allein am Tresen, es war kaum etwas los. Eine Hure setzte mich zu mir. Sie sah aus wie eine Köchin, die sich auf eine Zigarettenlänge aus der Küche gestohlen hatte. Ein bisschen pummelig. Sie fingerte mir am Sack rum.

"Gibst du einen aus?"
Ich zeigte ihr die verbliebenen Münzen.
"Oh", sagte sie, und zog die Hand zurück.
Weil so wenig los war, blieb sie sitzen. Für zwei Bier reichte es noch. Eins kostete 7 Mark. Ich langte nach ihren Schenkeln. Sie trug schwarze Nylonstrümpfe unterm Rock, aber es fühlte sich an wie ein Fahrradschloss.

"Sag bloß, die Oma willst du bumsen..?" grinste jemand in mein Ohr. Rikki war zurück. Sie steckte mir einen Fuffie zu. Das Leben war gemacht, um Fuffies zu verbraten.
"Kannst du mir bei Gelegenheit zurückgeben."
Schon zog sie wieder ab, Arm in Arm mit einem streng dreinblickenden, älteren Herrn, der einen dunkelgrünen Gestapomantel überm Arm trug.

"Tu mir den Fuffie", sagte die Frau neben mir, "blas ich dir schön einen."
Sie führte mich nach hinten zu den leeren Club-Tischen, die sich im Halbdunkel verloren. Der Raum wurde immer tiefer, immer dunkler. Es war, als hätte sich die Nacht einen Spaß erlaubt und wäre in die Hölle hinabgestiegen. Am Tisch liess ich die Hosen runter. Sie holte meinen Schwanz aus dem Hosenstall und fing an zu wichsen.
"Spritz mich bloß nicht an."

Sie wichste und wichste, aber ich war zu betrunken.
"Irgendwann must du aber kommen", stöhnte sie. "Mir tut der Arm weh."
"Ich komm gleich", sagte ich.
"Spritz mich bloß nicht an."

Irgendwo lief ein Pornofilm, die Leinwand war keine zehn Meter entfernt, aber ich sah alles doppelt, also schaute ich ihr beim Wichsen zu. Das war nicht so weit weg. Sie hatte schwarz lackierte, abgekaute Fingernägel.
Sie stand auf.
"Mensch, was bist du denn für einer..? Ich brauch ne Pause. Mir tut der Arm weh."

Sie blieb zehn Minuten weg, und als ich schon dachte, die kommt nicht wieder, stand sie plötzlich wieder da, die Augen weit aufgerissen. Ich saß noch genauso breitbeinig am Tisch, wie sich mich verlassen hatte: die Hose offen, mein Schwanz baumelte hin und her, wie weißes Schilfrohr im Wind.
"Los jetzt", sagte ich.
Sie wichste zwei, drei Minuten weiter, emsig wie ein Mäuschen, dann war Schluß. Sie packte ein.
"Das dauert mir zu lang! Du spinnst wohl!"

Sie hatte recht. Es fühlte sich einfach nur taub an. Sie hätte mir auch die Schuhe wichsen können. Nichts zu machen. Ich zog die Hose hoch und wankte raus, in die Nacht.

Unterwegs fiel mir ein, dass ich eigentlich fürs Blasen bezahlt hatte, nicht fürs Wichsen. Na schön, jetzt war es zu spät für Reklamationen. Zuhause angekommen, versuchte ich mir einen runterzuholen. Am nächsten Mittag, als ich wach wurde, noch mal. Diesmal im Stehen vorm Spiegel. Es dauerte keine halbe Minute, und das Spargelfeld stand komplett unter Wasser.
9.7.08 14:08


Speck-Pfannkuchen und Clueso

Da versucht sie sich einmal an Speck-Pfannkuchen, schon springt der Rauchmelder an und macht einen Riesenaufstand, als stünde die ganze beschissene Welt in Flammen.

"Mann, ist das verräuchert hier!"
Ich reiß die Fenster auf.
"Ja, aber der muß doch knusprig werden..!" ruft sie.
"Was..? Der Pfannkuchen?"
"Der Speck! Und jetzt schiess den Schreihals endlich ab!"

Ich schnapp mir den Besen, mit dem ich sonst Gus, dem Altpunk, über uns klarmache, dass man Sham 69 auch unter zehntausend Dezibel hören kann, und versuche den Rauchmelder ruhig zu klopfen, klappt aber nicht.

Das Ding macht seinen Dauerton einfach weiter, als würde eine heiße Tasse Suppe unter der Decke kleben, auf der Falsett-Augen schwimmen und schreien und wimmern..!
Das ist Krieg!
KRIEG IST DAS!
INFERNO!
ICH WERD BEKLOPPT!

Was hatte der Monteur beim Anbringen der Funk-Rauchmelder für den Home-Security-Bereich unter den diversen Zimmerdecken noch lässig versprochen? Das wäre doch überhaupt kein Problem, KEIN THEMA, das mit dem Abstellen der Sirene..
"Einfach mir dem Besen drunter geklopft, stellt sich das Piepen von alleine ab."

Ja, genau. Das Piepen. Als würde ein hübsch Vögelchen unter der Decke sitzen und singen.. JA SCHEISSE!

Erst nach dem dreißigsten Drunterkloppen mit dem Besen liegt das Funkding endlich unten auf dem Boden und hält die Fresse.

"Mh, so war das aber nicht gemeint", meint die Gräfin, als sie die Bescherung sieht, "oder?"


Während die Suppe unter der Decke brodelte und wimmerte lief Frau Moll verwirrt von einem Zimmer ins andere, stoppte, wenn sie am Staubsauger vorbei kam, ihrem Todfeind, um vorsichtig daran zu schnuppern, ob er vielleicht mit dem Alarm zu tun haben könnte, doch bei aller Verwirrung: Sie kläffte nicht, kein Wimmern, kein Gebelle, nichts.

Nein, die Dame behielt ihre Würde.

Eigentlich verliert unser Hund sein Gesicht nur, wenn es ums Fressen geht.
Dann aber auf ganzer Linie.
"ZIEH NICH SO'N GESICHT!" hab ich Frau Moll schon mal rüde abgekanzelt. "DU HAST KEINS!"

War ja nur Spaß.
So ne Art Spaß.
So wie ne Art Büro.

Ich meine, ich sehe es nicht ein, mit einem Hund anders zu reden als mit einem Kollegen, der ne Menge Haare am Rücken hat.


So lecker die Gräfin sonst auch kocht und so lecker ich sonst auch davon esse, Reibekuchen und Pfannkuchen sind ihre Achillesferse.

"Das liegt am Öl", verteidigt sie sich. "Ich vergesse immer, irgendein stinknormales neutrales Öl zu kaufen, das nach nichts schmeckt."

So musste sie mit Bio-Rapsöl vorlieb nehmen, das ähnlich wie Leinöl schmeckt, und wer Leinöl kennt, der weiß, es hinterlässt einen Geschmack, als kaue man auf einem Ölbild herum, das noch auf der Staffelei steht und vor sich hin tropft.

"Vielleicht war auch einfach zuviel Öl in der Pfanne..?"
Sie goss etwas ab, in ein Glas.
Halbe Stunde später, als sie vom vielen Qualm Durst bekam, sah sie das Glas, dachte: Ah, Wasser! und nahm versehentlich einen beherzten Schluck.

"Teufel! Für einen Moment hatte ich Speiseöl für ein ganzes Jahr im Hals!"

Nachdem der Dampf verzogen war, alle Fenster wieder geschlossen und die Feuerwehr weg, gab es noch einen schönen Apfel-Pfannkuchen mit holländischem Zimt.
Und der letzte verbliebene Rauchmelder schlug auch nicht an.


*
Heut Abend bleib ich länger auf dem Job. Inspektor Clueso ("Mitnehm") spielt auf seiner Street Gigs Tour am Alten Solinger Hauptbahnhof, da, wo ich arbeite. Ich muss nur aus dem Fenster der Bibliothek gucken, kann ich das mitnehm. Gerade ist Soundcheck. Soll er doch. Ich bin gleich weg.
10.7.08 13:33


Da steht nicht Solingen drauf!

Wir sind in Hassels auf eine Lesben-Party eingeladen, im Düsseldorfer Süden.

Wenn man die Landstraße nimmt über Solingen-Ohligs und Hilden ist man schnell in Düsseldorf, man kriegt es kaum mit, ein Dorf geht ins nächste über die Wupper, wie das so ist an Rhein und Ruhr, man weiß nie genau, wo man sich aufhält und grast den Straßenrand nach Ortsschildern ab.

Hassels.
Da wären wir.
Beim Griechen, im verräucherten Hinterzimmer.
Extra Nikotin-Buchung für eine Party mit vierzig Mitgliedern der "Familie", wie die Lesben sich untereinander erkennen, Familie, plus zwei Männern.
Ich, aus Solingen, und noch einer, aus Düsseldorf.

Eigentlich hatte ich ja einen schönen Ochsenziemer aus Frau Molls Leckerchen-Dose einstecken wollen, um damit ein bißchen unterm Tisch zu wedeln.
Nur so.
"Zu Versuchszwecken. Ob die was merken."
Doch die Gräfin war dagegen gewesen.
"Mach bloß kein Stunk!"

Der Abend wird ganz nett, auch ohne getrockneten, zum Himmel stinkenden Ochsenpimmel. Es fließt reichlich Bier, auch Schnaps, verdammt.

Patrizia feiert Geburtstag, eine gute Bekannte der Gräfin, ich mag sie sehr gern, Patrizia und ihre Lebensgefährtin, deren Namen ich mir nicht merken kann. Teddie? Freddie? Irgendwas mit Eddie.

Wie bei Hasselser Lesben üblich läuft den ganzen Abend Schlagermusik aus den 70ern, vornehmlich Daliah Lavi, das kracht.
"Kommst du Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag? Je-he-den Tag wart ich auf di-hich..! O-HOO-HO HOO, WANN KOMMST DU?? Kommst du Montag, Dienstag.."

Nach dem fünften Bier beginne ich lasziv zu schunkeln.
Mittwoch, Donnerstag, Freitag.. "..SAMSTAG!" rutsch ich fast von der Stuhlkante. "ICH TIPP AUF SAMSTAG!"


Schon auf der Hinfahrt hatte ich mich vorsorglich darüber beschwert, als Mann auf einer Lesben-Party wie ein Aussätziger behandelt zu werden.

"Du musst das anders sehen", meinte die Gräfin am Zügel unseres grauen alten Nissan-Pferdchens.
Sie erklärte es so.

"Die meisten Lesben arbeiten unter der Woche in ganz normalen Jobs, wo sie auch mit Männern zu tun haben. Ne Menge Männern. Da wollen sie am Wochenende unter sich bleiben, erst recht wenn Party ist. Da störst du nur mit deiner Anwesenheit als Mann."
"Und warum komm ich dann überhaupt mit?" knurrte ich.
"Keine Ahnung. Weil du eingeladen bist?"

Stimmt. Patrizia und ihrer Lebensgefährtin haben darauf bestanden, dass ich mitkomme.
Die Beiden sind irgendwie anders, aus eigenem Holz.
Sehen nicht mal lesbisch aus.

Bei homosexuellen Paaren, egal ob schwul oder lesbisch, ähneln sich die Partner meist so frappierend, man wird den Eindruck nicht los, jeder würde am liebsten sich selbst poppen vorm Spiegel.

Patrizia und ihre Frau dagegen, seit zehn Jahren verheiratet, sind anders. Patrizia trägt das Haar als wilde Mähne, einzigartig unter vierzig blondierten Bubikopf- und Lastwagen-Lesben.

Ich sitz neben Mata und Trudi, zwei Lesben im Rentenalter, Pagenschnitt.

Mata ist "im Einzelhandel tätig gewesen" und Trudi war ihr Leben lang Kriminalbeamtin.
Schutzpolizei.
"Ich war ein Schupo!" ruft sie.
"SIE WAR EIN SCHUUUH-POOO!" gibt die Familie prompt zurück, in Gelächter ausbrechend. "A-HAA!"

Mata und Trudi wohnen um die Ecke in einer Eigentumswohnung, seit zwanzig Jahren schon, doch sechs Monate im Jahr verbringen sie auf ihrem Boot, das im holländischen Roermond vor Anker liegt, in einem einsamen Hafen.

"Ein Schnäppchen war das, für fünfzigtausend Mark", meint Trudi stolz, Mata nickt.
"Die Vorbesitzerin brauchte dringend Patte. Bargeld. Das war ein Notverkauf. Von dem Boot gibt es in ganz Holland nur drei Stück. Und das in Holland, wo zehntausende Schiffe schippern. Eigentlich wollte die Vorbesitzerin neunzigtausend haben, bar auf die Kralle. Acht Millimeter Stahl, das hält noch zweihundert Jahre, hat sogar der Hafenmeister geschwärmt in Roermond. Ein Schnäppchen."

Dann rühmt Trudi lang und breit ihre Bierfalle, die sie den Nacktschnecken stellt im Garten: Yocca-Becher, gefüllt mit Altbier.
"Das funktioniert! Die ersaufen zwar elendig im Bier, aber es funktioniert!"

Für die Bierfalle benötigt sie zwei Flaschen Altbier pro Woche. Würziges, süffiges Altbier.
"Kölsch kannst du vergessen. Das packen die Biester nicht an."
"Kack Kölner", wiehert eine Lesbe, die mithört. "Die können nicht mal Schnecken killen."

"Wenn ich im Supermarkt um die Ecke an der Kasse steh und zwei Flaschen Altbier bezahle, heb ich immer den Zeigefinger! Ist nicht für mich! Ist gegen die Schnecken! Bierfalle!"
Trudi lacht betrunken.
"Maa-ha!"

Neben ihr und Mata sitzt der zweite Mann des Abends. Ein Autist, mit blauen, herzkranken Lippen. Und wo anderen Leuten Augenbrauen wachsen, trägt er Puschen, mit Bommeln dran.
"Mein Bruder", stellt Mata vor.
"Hallo", reiche ich die Hand über den Tisch.
Er ist scheu.
"Hallo", flüstert er.
Er bebt.

Ich fahre meine Handbewegung zurück, wie ein Schwenkkran, der eine Live-Kamerafahrt unternimmt über all die Leckerbissen hinweg.

Er ist den ganzen Abend still, einmal erleidet er einen schlimmen Schluckauf, der kein Ende nehmen will. Als würde seine Atemluft Aufzug fahren und auf jeder Etage anhalten, wo Leute ein- und aussteigen.
Erst ganz weit unten, auf Parkdeck Rot, ist die Fahrt endlich zu Ende.
Er räuspert sich. Er ist erledigt.

Trudi ist das schnuppe. Sie quasselt mir einfach weiter die Hirse zu.

"Mit ihrem Spezial-Sud aus Teebeuteln und Kaffeesatz und was weiß ich päppelt Mata jede kranke Pflanze hoch, du glaubst es nicht", schwärmt sie von ihrer Lebensgefährtin, die rot wird. "Unter Matas Händen findet alles zu neuer Blüte. Nur wenn die Schnecken kommen und alles wegfressen wollen, wird Mata traurig. Und wenn Mata traurig wird, seh ich rot. Da werde ich zum Feldmarschall! Da schnappt die Bierfalle zu!"

Dem Autisten rinnt der Schweiß über die Stirn. Er zieht ein altmodisches Stofftaschentuch aus der Hosentasche, wischt sich über die Stirn, akkurat und allein unter vierzig Lesben.

Die Gräfin und ich, wir pflegen eine eigene Form von Autismus: So viel wie möglich mitkriegen von dieser Welt ohne groß behelligt zu werden.

"Am besten", schlug sie mal vor, "schleichen wir uns in eine Außenwohngruppe ein, wo wir rundum versorgt werden. Damit wir den Kopf frei haben für die wirklich wichtigen Dinge im Leben."

Nach zehn Bierchen und ein paar 103ern seh ich mich plötzlich auf dem Boot von Trudi und Mata, in Roermond. Das Paar liegt erstochen in der Offiziersmesse.
Tatwaffe: Brotmesser, aus Solinger Produktion.

Ist ja so: Betritt ein Solinger eine Schiff, sucht er schnurstracks die Kombüse auf und zieht die Besteckschublade auf, um nachzusehen, woher die Messer kommen. Was für ein Logo auf der Klinge steht. Das muss man wissen.
Pflicht-Termin.

Es gibt Städte, die sind dafür bekannt seit Jahrhunderten Türschlösser zu fertigen, es gibt Spezial-Städte für Waschmittel- und für die Lebkuchen-Herstellung, für Zwieback und Hallenböden.
Und es gibt Solingen. Die Klingenstadt.

("Da steht nicht Solingen drauf!" lehnten südamerikanische Xingu-Indianer um 1900 herum empört ein Gastgeschenk ab, eine große Schere.)

Ich bin aus Solingen. Ich hab ein Messer in der Tasche. Es steckt in meinem Notizbuch. Es kämpft. Es könnte mal geschärft werden.
Dafür gibt es Schleifer.
Messer-Schleifer.
Schlieper.

Ich kannte einen Schlieper, M. Schlieper. Er sah aus, als wären Baguettes in seine Schulterblätter montiert, wie Holme vom Turnbarren. In der Sexta war er mein Tischnachbar. In Gedanken hab ich ihn zehnmal abgestochen, hundert Mal im Deutschunterricht, viel Blut gab das, eine Sauerei.

"Glumm, du wischst das auf! ALLES! Danach kommst du an die Tafel!"

Aber er konnte einfach die Klappe nicht halten. Er war permanent am quasseln.
Und ich bin Solinger.
Ich steche zu, wenn ich zornig bin, traurig oder normal.

"Mann, musstest du unbedingt eine Lesbe abstechen?" schüttelte die Gräfin auf der Rückfahrt den Kopf.
Betretenes Schweigen.
"Zwei", flüsterte ich.

Man kann es sich als Gedanken-Mörder nicht immer aussuchen, welche Verwicklungen der Tat folgen.

Und warum zwei.


*


Bei Miss Tilly ist Singapur war bombig auf der Männerseite.

Bei Glumm sagt die Gräfin in einem Satz, was sie vom Wattenmeer hält.
11.7.08 13:06


Hinrichtung

Zweimal schon hatte ich den Termin platzen lassen. Einmal wegen Erkältung, was nicht gelogen war, das andere Mal rief ich an und sagte, ich hätte verschlafen, das war gelogen.

Die Hinrichtung wurde auf Dienstagmorgen verschoben, Punkt acht Uhr.

Noch zwölf Stunden. Im Fernsehen lief mal wieder Al Bundy und seine schrecklich nette Familie.

Kabel 1 wiederholte die alten Folgen ohne Ende. Eigentlich kam es nur noch darauf an, wie oft ich eine bestimmte Folge gesehen hatte und ob ich mich ein neuntes Mal amüsieren konnte über Kelly Bundy:
"Dieses Stück Fleisch ist nicht geschaffen für Arbeit."
Worauf sie auf dem Absatz kehrt machte und mit dem Kopf frontal gegen die Wand lief.

Ich lachte so aus vollem Hals, dass der Hund angesprungen kam.
Immerhin.

Dienstagmorgen. Halb acht. Vom Bahnhof Ohligs aus ging ich zu Fuß zur Lukas-Klinik, mit einer Lässigkeit, die mich selbst überraschte.
Nicht mal Schmerzen hatte ich noch, nun, wo es soweit war.

Im Wartezimmer überflog ich die übliche Einverständniserklärung, allerdings mit einer handschriftlichen Ergänzung:

EXTRAKTION Z. 14
KOMPLIKATIONEN:
NACHBLUTUNG
KIEFERHÖHLEN-ÖFFNUNG.

Komplikationen? Kieferhöhlen-Öffnung? Das wussten die alles vorher?!
Was zum Teufel spielte sich hier ab?
Hätte ich vielleicht doch umkehren und noch mal verschlafen sollen?!!

Zu spät.
"Kommen Sie bitte mit, der Herr?"
Verdammt.

Z. 14 war dieser ruinierte Backenzahn, der tief im Fleisch wurzelte, wie ein Widerhaken, ein Monster von einem Widerhaken.
Diese Art Tiefsee-Monster, die man im normalen Leben niemals zu Gesicht bekommt. Nur als Taucher oder wenn man den Backenzahn ruiniert hat.

"Theo, ruhig..", beschwichtigte die am Stuhl assistierende Schwester ihren Chef, doch er wurde zunehmend nervös.
"Herr äh..", setzte er an.
"Ummumm..."
"Wie..?"
"..lumm.."
"Mh, schön. Ich versuche den Backenzahn ganz konventionell zu ziehen", sagte er, das hatte er bereits zweimal gesagt, was uns alle noch nervöser machte.

Dann setzte er die Zange an. Das Monster knackte, brach stückweise ab, doch er bekam die Wurzel einfach nicht zu packen, rutschte immer wieder ab. Er schwitzte und schnoberte wie ein Brauereipferd. Kein schöner Anblick.
Auch keine schönen Geräusche.

Mein Blick schwenkte zur Schwester. Die kam mir ziemlich vertrocknet vor, wie eine seltene Wüstenpflanze, die sich erst bei Regen öffnet, aber es regnete nie. Immerhin, sie machte keine Geräusche.
Sie trug einen gestärkten Kittel. Da waren schon erste Blutspritzer drauf. Der Doktor bemerkte die Panik in meinem Blick.

"Einmal wischen!" wies er die Schwester barsch an. Sie tupfte seine Stirn ab.
"Bleib ruhig, Theo. Du machst das schon.." fing sie wieder an mit ihren Beschwichtigungsversuchen.
"Jaa", keuchte er, "jetzt mal gaanz ruhig, der Herr.."
"Mmmhumm...!"
"..der letzte Versuch..!"

Mit einem herzhaften Schnitt - ZPPPHHH!- öffnete er meine Kiefern-Höhle.
Das war sie nun! Die Komplikation.
Die Hinrichtung.

Z. 14.

Ich war zwei Tage krank geschrieben. Lag komplett flach, mit tiefgekühlten Kompressen auf der Backe. Jegliche Nahrungsaufnahme war ein Greuel, alles tat weh.
Die Gräfin kochte mir Reisbrei, der Hund bekam knuspriges Hähnchenfleisch. Die Dinge liefen aus dem Ruder. Und der Schmerz ließ nicht nach. Im Gegenteil.

"Ich glaub, der Mist eitert", sagte ich zu meinem Bruder, der mich Samstag morgens besuchte. Die Gräfin war nicht da, er fuhr mich in die Lukas-Klinik.

Auch Herr Theo war nicht anwesend, nur der diensthabende Oberarzt. Der machte einen überaus luschigen Eindruck auf mich. Reichte mir sein Patsche-Händchen wie ein dickes blutarmes Kind.

Ohne mir groß in den Mund zu gucken, drückte er mir fürs Wochenende ein paar Schmerztabletten in die Hand, aber nur widerwillig.
"Damit müssen sie schon hinkommen, mit den drei Tabletten, mehr gibt es nicht."

Wie bitte!? Was glaubte der Drecksack eigentlich? Dass ich hier am Samstagmorgen im Notdienst der Lukas-Klinik auftauchte, nur um ein paar beschissene Dolomo für die Nacht abzugreifen?!
Hm.. äh..
Nun ja.

Auf dem Rückweg ließ mich mein Bruder in der Stadt raus, weil ich noch was besorgen musste. Vorm Kaufhof kam mir der Pietschi entgegen.
Der lachte erst mal, als er mich so kleinlaut ankommen sah, dann erzählte er mir haarklein, wie man ihm als Teenager den Kiefer geöffnet hatte und dass danach die Backe so dick wurde, dass er sich nicht einmal mehr den Mofa-Helm über den Kopf ziehen konnte, der arme Junge.

Am Sonntag ging die Schwellung zurück, der Schmerz aber nicht. Alle vier bis fünf Stunden schmiss ich zwei Schmerztabletten ein, die ich mir in der Apotheke besorgt hatte, doch obwohl ich noch nie im Leben so viel Pillen eingeworfen hatte ohne breit zu werden, tat die Fresse immer noch weh.

Auch am Montag.

Dienstagmorgen hielt ich es nicht mehr aus. Weil ich von der Lukas-Klinik bedient war, besuchte ich Frau Doktor Bonn, meine reguläre Zahnärztin.

Frau Doktor Bonn war eine kleine resolute Person, die zumeist nicht gut auf mich zu sprechen war, weil ich nicht nur selten zu ihr kam, sondern auch grundsätzlich zu spät.
Originalton, als sie mir dies Mal in den Mund guckte:
"Meister, wissen Sie was?"
"Nee.."
"Das sieht scheiße aus."

Störung in der Wundheilung.
Sie legte eine Drainage mit anästhesierender Wirkung, und wo sie schon mal dabei war, zog sie auch gleich die Fäden, mit denen der Schnitt im Kiefer zugenäht worden war, vom Herrn Theo.

Eine Stunde später war ich das erste Mal seit einer Woche schmerzfrei.

Abends fuhren die Gräfin, Karlos, Sandy und ich nach Köln. Jonathan Richman gab eines seiner raren Konzerte. Obwohl nirgends plakatiert, war das Tingel-Tangel, ein dunkelroter Plüsch-Klub mit Cafehaus-Tischchen und samtenem Licht, rappelvoll.

Als Hardcore-Fans standen wir natürlich in der Südkurve, mit großen Pappbechern Kölsch und grölten die Hits mit:
"I was dancing in a lesbian bar".
"Make a mistake for me today".
"Now is better than before".

Die meisten Zuschauer schienen auf einem anderen Konzert gewesen zu sein. Jedenfalls meinte Karlos später sehr richtig, es hätte sich auch um einen bunten Abend von Scientologen gehandelt haben können, so sittsam und eingefleischt wie die alle vor ihrem Wässerchen saßen und dem Guru lauschten.
Meinem Guru.

Egal. Klasse Abend. Die ersten Bier und Purpfeifen nach über einer Woche.

Hinterher saßen wir noch in der Kölner Südstadt auf dem Bürgersteig und teilten uns zu viert zwei monströse Grill-Hähnchen, von denen das Fett nur so auf den Asphalt triefte und knusprige Gespenster abbildeten.

Das Leben war wieder im Lot. Es ging weiter, mit einem Backenzahn weniger.



*
Van Gogh und die Gräfin: Ihr neuester Senf.
14.7.08 14:33


Die wichtigen Dinge im Leben

"Wenn ich Menschen erst mal ins Herz geschlossen habe, kommen die da nicht mehr raus. Können die machen, was sie wollen. Die bleiben drin."

(Die Gräfin)

*
“Zuhause ne Riesenglotze mit einer Million Pixel, aber draußen im Leben nichts mitktiegen.. Nee, lass mal. Ich will diesen ganzen Scheiß nicht. So’n Großbildschirm zu Hause würde mich verrückt machen. Da wär ich innerhalb einer Woche tot. Wie ne Stubenfliege, die am Fliegengitter klebt, weil sie dem Ding zu nah gekommen ist.. Nee, lass mal. Mir imponiert jeder, der heutzutage noch mit ner kleinen Schwarz-Weiß-Kiste zurechtkommt.”
“Schwarz-Weiß? Gibt’s doch gar nicht mehr. Hat kein Mensch mehr.”
“Nee? Dann imponiert mir auch keiner mehr.”


*
Mehr so Sachen auf The Glumm.
21.7.08 16:39


My love is a flower

"Eigentlich müßte ich schwarz tragen", lese ich im Notizbuch vom Winter 1985, "so im Arsch wie ich bin."

Das Notizbuch trägt nicht nur den Firmenstempel meines Vaters, es riecht auch nach ihm, nach seinem Schweiß, dieser kruden Mischung aus Eisen und blauen Leinen. Merkwürdigerweise. Denn schließlich hat nicht er dieses Notizbuch mit sich herumgeschleppt, im Dezember 85, sondern ich.

Lena hatte sich zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres von mir getrennt, und ich brach zusammen als hätte es ein erstes Mal nicht gegeben.

Der Trennungsschmerz versetzte mich in eine Art Duldungsstarre, ich soff wie ein Loch.
"Du blutest aber gut", meinte Karlos am Tresen zu mir, mit dieser Süffisanz, die ich nicht ab konnte, wenn er sie an den Tag legte.
Ich nickte nur, Schaum vorm Mund.

Mittags war es so, dass ich oft zu meinen Eltern rüber ging, zum Essen.
Beim Nachtisch erzählte Mutter eine Geschichte aus meiner Kindheit, und wie sie so erzählte, war es mir, als lüftete sich ein Schleier und dahinter tauchte der Kern auf, der Kern von Andreas Glumm; kleiner Kern.

Vage erinnerte ich mich daran, dass ich bis zum siebten Lebensjahr Nacht für Nacht ins Bett meiner Eltern kletterte, auf die Seite meiner Mutter, und dort blieb bis zum Morgengrauen.

"Ich hab schon ganz automatisch die Bettdecke angehoben wenn ich deine leisen Schritte hörte, und schon kamst du angekrabbelt und schmiegtest dich an mich."

Dann, 1967, die Beatles waren gut im Geschäft und die Doors beschlossen, nicht nur eine Million sondern zehn Millionen Dollar zu machen, wurde mein Bruder geboren. Es war im Jahr der Ziege.

Ein Dezemberabend, als das Telefon ging. Ich war mit meiner großen Schwester allein zu Hause, sie hob den Hörer ab.
Mein Vater war dran, er rief aus dem Krankenhaus an.
Mutter hatte ihr drittes Kind geboren.

"Was?! Ein Junge..?" rief meine Schwester entsetzt, und ich rannte jubelnd durch die Wohnung an der Hasseldelle, von Zimmer zu Zimmer, im Schlafanzug.
"Ich hab einen Bruder! Ja! Einen Bruder! Ich hab einen Bruder!!"

Was ich nicht wissen konnte, worüber ich aber sehr bald Bescheid kriegen sollte: Der Platz im Bett, an der Seite meiner Mutter, war fortan belegt.
Mein kleiner Bruder beanspruchte nun den Thron an ihrem Busen.

"Die ersten Nächte bist du trotzdem zu mir gekommen, aber es war zu eng. Es ging einfach nicht. Ich.. musste dich abweisen."
Bedauern klang durch, bei einem Schälchen Joghurt mit Schokoraspeln im Dezember 85, Bedauern, dass man mich nicht darauf vorbereitet hatte.

"Es war ein Schock für dich. Ich weiss nicht, wie oft du nachts schreiend wach wurdest, im Albtraum, mit Schaum vorm Mund."
"Schaum vorm Mund?"
"Ja. Es quoll regelrecht aus dir heraus.."

Wie sie so erzählte, spürte ich in mir das Kitzeln einer tiefen Erinnerung, auch wenn es mehr ein Kitzeln war als ein tatsächliches Bild vor Augen.

Immerhin, nun war klar, warum ich so heftig reagierte, wenn eine Frau fort ging, die ich liebte, eine Frau mich verließ mit ihrem Busen.

"Und warum du so viel Bier trinkst, Andreas", meinte Karlos mit trocken erhobenem Zeigefinger, als ich ihm Bericht erstattete, am Tresen im Mumms, mit Schaum am Pils-Glas, auch bekannt als: Blume.
24.7.08 17:23


Ich hör uns noch klopfen

Das alte Getaway ist Legende. Es gibt zwar ein neues Getaway in Solingen-Ohligs, aber das hat mit dem alten kaum was am Hut.

Das alte Getaway stand in Glüder, einem düsteren Talkessel zwischen Solingen und Nirgendwo, und übte am Wochenende auf Hunderte von Rotzlöffeln und jungen rothaarigen Ballroombräuten aus der gesamten Umgebung Anziehung aus, und Kraft.

Die Leute kamen sogar aus dem Köln-Düsseldorfer Raum, womit der Spieß auch mal umgedreht wurde: Nicht wir gurkten in die benachbarten Großstädte, um zu tanzen und uns abzuschießen, sondern die In-Crowd bequemte sich nach Sibirien, um zu tanzen und sich abzuschießen.

Das alte Getaway war ein echter Rock-Schuppen. Es roch muffig-feucht wie in einem riesigen alten Wohnwagen mit Moos im Vorzelt, und immerzu lag irgendjemand lang ausgestreckt überm Flipper und bekotzte sich, worauf der Flipper tilte.

Und dann, logisch, war da noch I hear you knocking, die Single von Dave Edmunds.
Schnaat hatte die Single.

Schnaat, neben Karlos mein bester Freund, hauste damals mit seiner Stromgitarre zur Untermiete an der Burger Landstraße. Zuvor hatte er ein möbliertes Zimmer am Neumarkt gehabt, doch da gab es langen Hafer.

Das Pappschild HIER: FRISCHER BRATFISCH, original entwendet von Fisch Schneider, hatte er gut sichtbar ins Fenster gepappt, zur Fußgängerzone hin, doch was als kleiner Deko-Gag gedacht war, wurde fettiger Ernst:
Besonders an Wochenenden und bei Vollmond klingelten die Leute sich die Finger wund und verlangten im besoffenen Kopf lecker Bratfisch, "auf die Faust, Alter!"

Nur tauchte Schnaats Name auf der Klingel-Leiste gar nicht auf. Er hatte keine Klingel. Er reagierte auf Klopfzeichen am Fenster. Die Nachbarn, die hatten Klingeln. Ne Menge Nachbarn, ne Menge Klingeln.
Kündigung.

Burger Landstraße also, nächstes Zimmer.

Wenn wir 1980 mit dem dicken Hansen oder weiß der Kuckuck wem in Richtung Glüder unterwegs waren, sammelten wir Schnaat kurzerhand ein, Schnaat und I hear you knocking von Dave Edmunds aus dem Jahre 1970, schon damals ein Oldie; die Burger Landstraße lag ja auf dem Weg.

Bewaffnet bis zu den Zähnen mit der 45er-Vinyl hielten wir Einzug im Getaway: die KNOCKING-Gladiatoren betraten die Arena!

BÜTTENMARSCH.

Die R&B-Nummer, im Original von Smiley Lewis, 1955, war so schwarz, "die kann man rauchen!" sagte Karlos mal.
Die Version von Dave Edmunds dagegen war ein schweißtreibender Marsch, ein zuckendes Stück Metallverarbeitung, ein Statement, ein Bekenntnis zum Stampfen auf zwei Beinen während Edmunds quengelige Stimme durch einen verdrehten Badewannenschlauch geschleust wurde und explodierte.

Moment.
Die Platte lief noch gar nicht.
Schnaat hielt sie fest in der Hand.

Bis der Discjockey sie ihm gierig entriss und sie auflegte, und endlich, end-lich! rockte ganz Glüder während das Single-Cover wie ein religiöser Fetisch über die Köpfe der stampfenden Menge hinweg gereicht wurde, der Schuppen kochte wie ein Topf Frühkartoffeln bis nach 2 Minuten 52 Sekunden Schluß war und der Tanzboden Püree.
Das steht mal fest.
Oder so.


*
Hier, zum Nach-Stampfen: I hear you knocking, Dave Edmunds, 2:52 Min.
25.7.08 13:18


Notizen

1
"Meinst du, das hat der alles extra aufgeschrieben?" beugt sich ein gepflegtes älteres Ehepaar über mein Notizbuch, das ich unterwegs liegen gelassen hab, auf der Parkbank, als ich im Laufschritt, "he!", um die Ecke gebogen komme: "Das ist meins! Die Finger da weg!"

Meine heiligen Notizbücher!

Die können mich langsam mal, die heiligen Notizbücher. Der Schreibtisch ist übersät mit heiligen Notizbüchern. Ich weiß nicht mehr, wo ich was suchen soll, wo was notiert ist. Es nimmt überhand. Jeden Monat ist das nächste heilige Notizbuch voll. Wer soll da noch den Überblick behalten?

Vor allem wenn ich mit der Gräfin unterwegs bin und sie hat einen halbwegs intakten Tag, komme ich aus dem Notieren kaum noch raus.
"Nich so schnell, nich so schnell.."
"Du müsstest eigentlich Zugriff auf meine Synapsen haben, dann bräuchtest du nicht andauernd stehen zu bleiben und meine Worte zu notieren."

Damit wären auch die Missverständnisse aus der Welt, wenn ich am Straßenrand stehe und das Notizbuch aus der Hosentasche ziehe: Jäh steigen die Autofahrer in die Eisen und schleichen mit schlechtem Gewissen an mir vorüber, als wäre ich eine Zivilstreife.
Politesse auf O-Beinen.

Und die Notier-Gier potenziert sich. Es vergeht keine Stunde ohne Notiz. Die Ohren sind immer on air. Wie Antilopenhörner, vom Fetischmeister in den Kopf gerammt, um Kontakt zu den Göttern zu halten.


2
Eben sitze ich mit der Gräfin nach dem Essen auf einen Espresso am Tisch. Ich hab die Augen in meinem (aktuellen) Notizbuch und kriege nicht mit, dass auch sie ein Notizbuch von mir in der Mache hat, und zwar das von Juli 07, also von genau vor einem Jahr.

Sie blättert darin, bis sie auf den 28. Juli 07 stößt. (Ich datiere die Notizen in der Regel, wodurch sie etwas von einem Tagebuch bekommen.) Sie will wissen, ob sie damals etwas gesagt hat, etwas Erwähnenswertes, was ich festgehalten habe.

Etwas Gräfinisches.

"Hier.. 28. Juli 07. Ich bin auf Schleichwegen zu mir selbst unterwegs. In Klammern: die Gräfin."

Mein Gehirn arbeitet mittlerweile wie ein Computerprogramm, das auf ganz bestimmte Reizworte anspringt:
Originelle.
"Was.. hast du gesagt!?" keuche ich.

Ich werde immer ganz panisch, wenn es darum geht, den Original-Ton zu treffen. Und zwar genau zu treffen. Sonst haut es nicht hin. Und schnell muss es aufgeschrieben werden, sonst ist er verloren, der O-Ton, verloren im Nie Gesagten. Für immer! Für immer!

"Ich schleiche..? Wohin..? Wie war das??"
Während ich los schreibe, bricht die Gräfin in schallendes Gelächter aus.
"He! Jetzt fängst du schon an, deine Notizen vom vorigen Jahr neu zu notieren!"
Ich guck überrascht auf.
"Hm..?!"

Verdammt.
28.7.08 12:16


Vater und Sohn

Greta, die vierzehnjährige kleine Punkerin, die mit ihrem Vater, Alt-Punk Gus, über uns wohnt, ist keine Punkerin mehr. Sie dreht kaum noch die Anlage laut und wenn sie das Haus verlässt, sieht sie aus wie eine kleine Frau, die Einkaufen geht.

Eins hat sie aber nicht abgelegt. Sie rotzt immer noch auf die Straße. Schicke kleine Rotzer, beiläufig auf die Erde geflappt.

Dafür ist der elfjährige Sohn von Gus nun häufiger zu Besuch, hauptsächlich an den Wochenenden. Vater und Sohn spielen von Samstagmorgen bis zum späten Sonntagabend Playstation.

Wenn ich mit Frau Moll von der Abendrunde heimkehre, bleib ich im Vorgarten stehen und höre den Beiden zu, wie sie sich beim Spielen unterhalten.

Die beiden haben mächtig Spaß, eine verschworene Gemeinschaft. Es ist nicht der Wortlaut, der mich fasziniert, es ist der Klang ihrer Stimmen. Wenn Vater und Sohn sich mögen, das ist schon ein besonderer Klang.
30.7.08 09:08


 

 

die beine sind ganz warm gelaufen. sie sind müde. ich mach Ferien.

30.7.08 09:09


die gräfin auch

30.7.08 12:09


frau moll sowieso

30.7.08 12:13


Geht doch um nix (1985)

1
Den ganzen Tag lauf ich durch die Gegend und versuch sie zu erreichen.

Ich steh im Mumms am Tresen, trink Bier, wähle ihre Nummer. Ich stapfe durch den verschneiten Malteser Grund runter ins Kamikaze.
Trinke Bier, wähle die Nummer.
Umsonst.

Wo zum Teufel steckt sie?! Ist sie mit Britta auf Wohnungssuche? Wäre nicht das erste Mal. Aber den ganzen Tag..?

Als es dunkel wird, steh ich am Werwolf in der nächsten Telefonzelle und wähle mit einem mulmigen Gefühl im Bauch die Nummer.
Endlich - sie hebt ab.
"Ja..?"
"Ich bin’s", sag ich.
Ich höre leise das Radio, ihr kleines Transistorradio. Sonst nichts.
Nur.. Schweigen.
"Was ist?" frag ich. "Wie geht’s?"
Keine Antwort. Nur ein Klicken. Sie hat sich eine Kippe angesteckt. Warum sagt sie nichts? Ist jemand da? Britta? Nein. Dann wäre sie nicht so.. komisch.

Ich kann nicht anders: "Sag mal, sind wir eigentlich noch zusammen?!"
Sie zieht an der Zigarette.
"Ich glaub.. nicht. Nein.."
"Du glaubst.. nicht..?"
Ein Plakat starrt mich an: FUNKTAXI.
"Und warum..?" frag ich. "Wegen einem anderen?"
Sie zögert.
"Ja.."
"Ist er da?"
"Ja schon.. aber du kennst ihn nicht.."
"Gib ihn mir mal!"
"Was, jetzt?"
"Natürlich jetzt!"

Ich hab selbst keine Ahnung, was ich von ihm will. Auf der Straße stürmen Autos vorüber. Im Hintergrund ihr Radio.
Die Scheiben der Telefonzelle, beschlagen von meinem Atem.

"Schreiber", meldet sich eine Stimme, so förmlich, als säße der Mann im Büro und seine Sekretärin hätte gerade durchgestellt.
"Hör zu, Junge. Lena ist seit fünf Jahren meine Freundin. Warst du schon mit ihr im Bett?"
"Spielt das ne Rolle?"
Ich werde wütend.
"HAST DU SIE GEFICKT ODER NICHT?!"
"Spielt das ne Rolle?"
"Wenn es keine Rolle spielt", äffe ich ihn nach, dann gib es doch zu! Du Feigling!"

Lena ist wieder am Apparat.
"He, jetzt bleib mal cool..”
"Ich soll cool bleiben!? Ich komm jetzt bei dir vorbei und wehe, du bist nicht da! Der Typ kann meinetwegen da bleiben.."
"Ja, komm vorbei", meint sie beschwichtigend, "aber soll der echt hier bleiben?"
"Mir doch egal. Meinetwegen kann er auch verschwinden."

Ich stürze aus der Telefonzelle ins Kamikaze, Kölsch und 103er auf ex.
Videoclips auf dem Bildschirm. Madonna. Like a virgin. Like the very first time.

Auf dem Weg zur Teufelsinsel pocht es ununterbrochen in mir. Wieso macht sie Schluss? Wegen einem Anderen? Unvorstellbar. Aber ihre Stimme klang irgendwie.. entschlossen.
Gleich wird sie mir sagen, warum es aus ist, und ich werde ihr hilflos ausgeliefert sein.

Lena zittert mindestens genauso. Wir sitzen Rücken an Rücken vorm glühenden Nachtstromspeicher, schauen uns kaum in die Augen.
"Fünf Jahre..", sag ich. "Fünf Jahre..!"
"Ja", sagt sie. "Aber ich kann nicht mehr. Ich will was Neues. Nicht jedes Wochenende fernsehen, baden, bei deinen Eltern Mittagessen. Immer der gleiche Streifen."

Ihre Jugend habe sie mit mir verbracht. Jetzt sei dieser Hunger da.
Dieser Lebenshunger. Es gebe keine Zukunft.
Alles, was sie sagt, zerreißt mich in Stücke, nur die Klamotten halten mich beieinander.

"Was ist mit dem Typ?"
"Der ist nett."
"Bist du verliebt?"
"Ich glaub. Ja."

Sie will mich in die Arme nehmen, doch ich stoße sie fort. Stürme aus der Wohnung, wie so oft, wenn wir Streit hatten, und jedes Mal ist Lena mir nachgerannt, sogar auf Strümpfen, auf Asphalt, nachts, jetzt nicht.
Ich seh sie am Fenster stehen, bewegungslos, ein fernes vertrautes Gespenst.

Ich stiefle los.
Stiefeln durch Winternacht. Der strengste Winter seit Jahren. Zwanzig Grad unter Null. Vereiste Dächer. Die Schneehaufen türmen sich.

Als ich vor meiner Haustür stehe, sträube ich mich aufzuschließen. Die meiste Zeit haben wir hier verbracht. Wegen der großen Buntkiste, wegen der Badewanne, überhaupt. Die Schillerstrasse, das war unser Quartier.

Ich knall mich aufs Bett. Wünsch mir, dass alles nur ein böser Traum ist, doch Morgen, wenn ich wach werde.. ist es vorbei.. mit der Zeit.. in der wir zusammengehalten haben.. jetzt ist sie zwanzig.. hat den Streifen satt.. hat lange genug.. Sonntag für Sonntag.. Gulasch gekaut.

Ich wälz mich von einer Seite auf die andere. Immer wieder taucht Lena auf. Ihr kleiner Busen. Die Schenkel, in die irgendein gesichtsloses Schwein eindringt.
Ihre zärtlichen Worte.
Es schnürt mir die Kehle zu.

Ich spring aus dem Bett, zieh mir den Parka über und laufe durch den Schnee zur Telefonzelle.
Margaretenstrasse.
Ich muss mit ihr reden!
Ich brauche einen Hoffnungsschimmer!
Es kann doch nicht einfach so.. vorbei sein! So Knall - und aus!

Ich werfe ein Markstück in den Schlitz. Sie hat meinen Anruf erwartet. Befürchtet.
Ich frage, ob es denn keine Möglichkeit mehr gebe für uns.
"Es gibt immer eine Möglichkeit", sagt sie.
Sie ist genervt. Sie weiß selbst nicht, was los ist. Dennoch jammere ich wie ein kleiner Junge, dem man sein liebstes Spielzeug weggenommen hat.
"Was soll ich denn machen ohne dich?!"
"Pack meine Sachen zusammen.. Stell ein paar Möbel um. Ich weiß nicht.."
Ein FUNKTAXI-Plakat starrt mich an.
"Du musst stark sein“, fleht sie beinahe. „Du bist nicht so schwach, wie du jetzt glaubst. Und lass mir Zeit, ich blicke selbst nicht durch, was in meinem Kopf abläuft. Es ist so.. ich bin so durcheinander.."

Ich schleiche durch die Kälte nach Hause. Bete, dass die Nacht bald ein Ende hat, doch als es hell wird, wartet der Sonntag.
Ohne Lena. Ohne Liebe. Ohne Film.


2
Sonntag. Der magische Sonntag. Im Tierpark. Sie trug ihr braunes Indianerkleid und war gut gelaunt.
"Zu den Kamelen!"

Im Freigehege rekelten sich Lamas synchron in der Nachmittagssonne, kauten Gras.
"Beiss mich", flüsterte Lena, die mal behauptet hat, ein neues Fußkettchen hätte schlagartig ihr Leben verändert. Ich lugte hinüber zu den Lamas, und biss zu.
Das Kettchen knirschte zwischen den Zähnen.

Vor dem Gehege der Stachelschweine versuchte uns ein Tierpfleger, die Pfeife im Mund, irgendetwas zu erklären, nuschelte aber so unverständlich, wir kapierten kein Wort.
Da erst erkannte ich ihn wieder.

"Na klar..! Der hat doch schon damals hier gearbeitet", flüsterte ich Lena ins Ohr, "als Arsch für alles."
"Damals?"
"Ja, als Pepe und ich hier Arbeitsstunden abreißen mussten.. vierzig Arbeitsstunden, wegen dem blöden Minibrösel, den die Bullen bei uns im Auto gefunden haben."

Ich führte Lena zu dem Stall der schwarzen Zwergziegen, den Pepe und ich jeden Morgen ausmisten mussten. Einmal ist uns dabei ein kleiner Bock abgehauen, ich hatte vergessen, das Gatter zu schließen.

"Vergessen, ja genau", meinte Lena belustigt. "Du meinst, ihr ward bekifft bis zum Kragen."
"Hm, sicher, ist ja auch egal. Jedenfalls ist der Bock durchs Gehege der Truthähne geflüchtet. Shit, gab das einen Aufruhr. Überall flogen die Federn und hat bestimmt ne Stunde gedauert, bis wir den kleinen Drecksack endlich wieder im Stall hatten."
"Na, da habt ihr die Hosen aber voll gehabt."
"Voll? Ich kann dir ja mal zeigen, wie voll meine Hosen sind.."
"Aufschneider. Pff.."

Auf Kieselsteinen zogen wir weiter zum Exoten-Haus. Eine Gruppe Javaner-Affen turnte an einem glänzenden, nackigen Stahlgerüst.
Früher, auf Bali, in ihrer Heimat, waren sie heilig. Unantastbar.
"Wir bleiben uns ewig heilig", schworen wir uns.

Im Vogelhaus, bei den verhaltensgestörten Papageien, fischte ich eine ausgerupfte Feder aus dem Käfig und schenkte sie Lena, die sie schnell entsorgte.

Weiter unten im Wildgatter, zwischen Mufflon und Rehkitz, fanden wir eine einsame schattige Bank. Wir küssten uns. Lena zog die Nylonstrümpfe aus und stieg auf meinen Schoß. Schob ihren Rock hoch. Den Slip beiseite.
"Los, du Vieh!" feuerte sie mich an, und wir mussten lachen. Fast flog die Bank um.
Ich schmeckte ihren Hals.
Küsse. Papageienschreie. Rote Flecken.

Die Bank kippte im richtigen Moment.


3
Bis mittags bleib ich im Bett liegen. Ich bin wie gelähmt. Rauche tausend Kippen.

Ich bade, doch ich weiß nicht, wie oft wir Platznot hatten in dieser Wanne, jetzt ist sie eine riesige Arena und verschlingt mich.

Immerzu muss ich an sie denken. An ihr Lachen. An ihr Gefühl zu mir.
Es schmerzt und macht wütend.

Lena ist natürlich fein aus dem Schneider. Hat einen neuen Kerl und demnächst zieht Britta zu ihr, ihre beste Freundin. Nahtloses Timing. Wozu braucht sie mich noch?! Das Gulasch, das bin ich. Gekaut. Verdaut. Abgezogen.

Mein Selbstbewusstsein liegt auf dem Klo und schielt zur Uhr. Wenn das Mumms wenigstens schon auf hätte..

Ich zieh mich an und stapfe die Margaretenstrasse hoch, zur Telefonzelle. Ich rufe Karlos an.
Er klingt verpennt.
"Was ist los?" gähnt er.
"Lena hat Schluss gemacht."
"Hm..? Oh.. scheiße."
"Ich komm jetzt vorbei."
"Gut.. Ja. Mach das."

Ich laufe eine halbe Stunde durch den Schnee, es ist die die schiere Beinautomatik. Ich funktioniere nur. Fühle mich wie ein halber Mensch und frage mich, wie ich das aushalten soll in nächster Zeit, wenn sie es ernst meint, mit dem Typ..

Finkenstraße 18.
Lady, die hochneurotische Katze, die Karlos zugelaufen ist, begrüßt mich, indem sie mir auf die Schuhe pisst, dann zieht sie Leine.

Drei Stunden lang sitzt Karlos mir im Sessel gegenüber und ich rattere mir die Seele aus dem Leib. Dass Frauen stärker sind als Männer, dass sie in der Lage sind, sich Vorsätze zusammenzubasteln und AUCH DANACH ZU HANDELN, so Sachen eben.

Karlos hört zu, sagt nicht viel, wirft nur zwischendurch Sachen ein wie: "Chaos im Kopf ist nie umsonst", sagt er, oder: "Vielleicht musste das passieren, damit du endlich mal aufwachst aus deinem unverschämt sicheren Dasein und anfängst das zu tun, was der liebe Gott für dich vorgesehen hat."
Ich hab keine Ahnung, wovon er spricht.
"Ja.. wahrscheinlich."

Wir trinken Tee und ich bin froh, dass Karlos da ist. Dass es ihn gibt. Und was Liebeskummer betrifft, brauche ich ihm nichts zu erzählen. Ist zwar schon zwei Jahre her, dass Biene ihn verlassen hat, seine große Liebe, aber so richtig darüber hinweg ist er noch nicht.
"Die Sache ist noch längst nicht gegessen. Das ist wie Heroinsucht. Die hört auch nicht auf."

Na, toll. Aber was ich nicht wusste: Es ist keine vier Wochen her, da stand Karlos mitten in der Nacht unter ihrem Fenster und hat gepfiffen, wie ein Fünfzehnjähriger.
"Und?" frag ich.
"Was, und?"
"Na, hat Biene aufgemacht oder nicht?"
"Nee. Die war in Urlaub."

Wir verabreden uns für sieben Uhr im Mumms. Karlos muss noch Text lernen. Er hat nächste Woche Premiere, eine Doppelrolle in Die Räuber.

Ich geh solange nach Hause, müde und aufgekratzt zugleich. Normalerweise liebe ich kalte Wintertage, wenn in der Wohnung das Gas in der Heizung knistert und ein Besen schnurrt über die Trommel in der Rille einer alten Jazzplatte, wenn die Schritte der Passanten von Schneewehen weggesaugt werden, wenn Kondensstreifen kreuz und quer am Himmel stehen wie aus der Hand gefallene Kugelschreiber, die Sirtaki tanzen.

Normalerweise.

Ich leg mich hin und versuch zu lesen, „Uns verbrennt die Nacht“, geschrieben von einem Indianer, der eine Weile mit Jim Morrison herumgezogen ist, im Los Angeles der 60er Jahre, doch ich kann mich nicht konzentrieren.

Karlos Worte gehen mir nicht aus dem Kopf. Dass ich endlich anfangen soll mit dem, was der Herrgott für mich vorgesehen hat.

Kurz vor sieben. Ich steh schon am Tresen, als Karlos auftaucht.
"Ich wusste, dass du jetzt Jim Morrison liest", sagt er.
Wir besaufen uns mit Bier und Tequila, und jedes neue Glas befeuert in mir dieses aufputschende Gefühl, mich gehen zu lassen, aufzumachen:
Ich bin ein Fluss, der über die Ufer tritt.

Benzini, die Kinnlade vorgeschoben wie einen Balkon, Säbelbeine, stellt sich zu uns.
"Du blutest aber gut..", sagt er mit diesem süffisanten Lächeln. "Versteh mich nicht falsch, aber du machst sonst so einen coolen und abgewichsten Eindruck, hätte ich dir nicht zugetraut, dass dich das so fertig macht mit Lena."

Cool und abgewichst. Jo. Darauf geb ich einen aus.

Kunststoß, der eigentlich Hunstock heißt und den außer mir niemand so nennt, Kunststoß, entpuppt sich als Leidensgenosse: Auch seine Alte hat ihm gestern Abend den Laufpass gegeben, nach sechs Jahren, konsequent.
"Wie Frauen so sind", sag ich. "Nicht so Luschen wie du."

Wir grinsen uns dämlich an. Sind beide unterm gleichen Sternzeichen geboren, beide im Jahr der Ratte, und Kunststoß hat blondes krauses Haar wie ich und ist genauso im Eimer. Irgendwie tröstlich.

Halb drei, Sperrstunde.

Inge Fitting, die Wunderbare, streckt mir die Zunge raus.
"Wird Zeit, dass du mir mal über die Hüfte rutscht, hör mal!" ruft sie und lässt ein Lachen dröhnen, als würde eine schmutzige kleine Lokomotive aus ihrer Kehle biegen.
"Ich trage heute Kontaktlinsen, hör mal! Ich weiß genau, was hier abgeht!"

Karlos kommt von hinten und fischt ihr eine Schachtel Camel aus der Jackentasche.
Steckt sich eine an.
"Kippe jemand?"
"Warum nich..", lalle ich.
"He, Moment mal.. Seit wann raucht ihr beiden Camel..?"

Inge dreht sich um und tippt Karlos, der sich auch umdreht, auf die Schulter.
"Karlos, hast du etwa in meiner Tasche gewühlt?"
"Ich??! Wie kommst du denn darauf..??"
"Sei ehrlich.."
"Ach, Inge, Schätzchen, du merkst auch gar nix mehr.. Ich hab dich schon gefickt, ohne dass du was gemerkt hast!"
"Na, jetzt übertreibst du aber, hör mal!" dröhnt es aus ihrem Tunnel.

“FEIERABEND! RAUS HIER!” brüllt Michael, der Geschäftsführer mit dem roten Schürzchen.

Karlos und ich torkeln rüber zum leeren Taxistand, die ganze Breite der Kölner Strasse nutzend.
Wir wollen noch auf eine Runde zu ihm nach Hause, was rauchen, Karlos hat auf den letzten Drücker Marihuana klar gemacht.

Plötzlich taucht ein Streifenwagen auf, wie aus dem Nichts, und hält an.
Ein Polizist steigt aus, ein anderer bleibt sitzen.
"Augenblick mal, die Herrschaften..!"

Wegen Überqueren der Strasse und Behinderung eines Streifenwagens sollen wir jeder zehn Mark berappen.
"Zehn Mark?! Wofür denn? Hier ist doch überhaupt kein Auto unterwegs!" ereifert sich Karlos. "Und wo bitteschön sollen wir euch behindert haben..?"
"Keine Diskussion, Herrschaften! Da vorn ist die Ampel, dort ist der Überweg, nicht hier. Also, jeder zehn Mark und die Sache ist erledigt."

Jeder einen Zehner? Was soll der Scheiß denn? Außerdem haben wir keine Kohle mehr in der Tasche. Und da wir auch keinen Ausweis vorzeigen können, müssen wir mit auf die Hauptwache.

Die ist um die Ecke. Nicht mal eine Minute. Unterwegs, wir sitzen auf der Rückbank, stimmen wir "Fahr mit .. im grün-weis-en Bul-len-bus!” an, nach der Melodie von Kli-Kla-Klawitter, der Kinderstunde aus den 70ern.
"Wir neh-men je-den mit, wir ha-ben sehr viel Platz!"

"Schau mal einer an, da haben wir ja zwei richtige Witzbolde aufgegabelt", meint der hoch aufgeschossene Polizist auf dem Beifahrersitz, als wir in die Tiefgarage fahren. "Passt nur schön auf, dass es gleich keine Backpfeifen hagelt.."
"Backpfeifen..? Was willst du denn, du grüner Wicht?!" geb ich zurück, da wird der Bulle böse, droht mit einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung.

Auf der Wache werden unsere Personalien aufgenommen.
Da Karlos letztes Jahr umgezogen ist, sich aber noch nicht umgemeldet hat, gibt es Ärger. Er weigert sich Mietparteien zu nennen, die ebenfalls Finkenstraße wohnen.

"Finkenstraße 18! Sag ich doch, ja! Und ich hab ne cholerische neurotische Lady zu Hause, die mir dauernd ins Bett pisst. Mehr sag ich nicht! Müsst ihr schon aus mir herausprügeln!"
Er schraubt seinen cholerischen Schädel ins Neonlicht der Wache.
"Na, kommt schon her, Scheißbullen! Hier, schön eins auf die Nuss geben! Könnt ihr doch so gut!!"

Natürlich spielt Karlos seine Wut nur. Als wäre das hier eine Theaterprobe.
Aber er macht es so gekonnt und so authentisch, sogar ich bin froh, als er endlich die Klappe hält.

Der Zwei-Meter-Bulle steht kurz vorm Überkochen und kündigt an, uns bis morgen früh in Gewahrsam nehmen zu können.
"Das ist kein Problem, Herrschaften!"
Dann geht er dazu über, mir den Hintern versohlen zu wollen, weil ich erneut mit dem grünen Wicht rüberkomme..

"Mann, jetzt macht doch nicht so einen Öschekk hier, ihr Beiden!" versucht sein Kollege einzulenken, worüber ich lauthals lachen muss, weil ich das lange nicht mehr gehört hab, 'einen Öschekk machen.'
"Sagt doch kein Mensch mehr!" sag ich.
"Ein Mensch vielleicht nicht", kräht Karlos, "aber ein Bulle!"

Tatsächlich entspannt sich die Situation etwas, bis zu dem Moment als wir uns weigern, das Polizeipräsidium zu verlassen. Wir wollen es uns lieber auf den harten Bänken bequem machen, wie in den späten 70ern, als wir jedes zweite Wochenende Ärger mit der Schmiere hatten und zur Wache transportiert wurden, im grün-weißen Bullenbus.

"Wir neh-men je-den mit, wir ha-ben sehr viel Platz!" setzt Karlos wieder an.
Da platzt dem Langen der Kragen.
"Du kriegst gleich wirklich was auf die Fresse!"
"Ja! Komm nur mit nach draußen!" rotzt Karlos zurück, schon in der Tür stehend. Der Bulle hätte große Lust dazu, doch sein Kollege hält ihn zurück.
"Verdammt noch mal! Jetzt macht endlich, dass ihr wegkommt!"

"Ich hab früher die härteste Knallplättchenpistole der Welt gehabt!" brüllt Karlos, als wir das Präsidium schon verlassen haben und unten auf der Goerdeler Strasse stehen. "Und ihr?! Was habt ihr, he!? Ne Schlampe zuhause! Und sonst nix!"

Von der ganzen bescheuerten Aktion ernüchtert, gehen wir um die Ecke in die Malteser Gründe und setzen uns auf die Lehne der zugeschneiten Bank.
Dicke Flocken trudeln im Laternenlicht.

Zum Glück haben die Bullen uns nicht durchsucht, Karlos hat das Marihuana in der Jackentasche. Wir dampfen ein Dreiblatt, und schalten endlich einen Gang zurück.

"Sag mal, was wollte Lena eigentlich?" fragt Karlos.
Sie hatte um Mitternacht herum im Mumms angerufen und sich erkundigt, wie ich die letzte Nacht überstanden habe.
"Ich hab kein Auge zugetan", hab ich geantwortet, "aber dafür mache ich mich jetzt zu. Weißt du eigentlich, dass du mir das Herz gebrochen hast?"
"Ich weiß", hat sie kleinlaut gemeint. "Ich mir auch.."

Halbe Stunde später verschwindet Karlos fröstelnd in Richtung Finkenstraße, ich mach mich auf in die entgegen gesetzte Richtung.

Aufgeladen wie ich bin, hebe ich einen Pflasterstein auf, den die Gärtner liegengelassen haben, und schmettere ihn in die rückwärtige Fensterfront des Gesundheitsamtes.
Das Klirren der Scheibe potenziert sich in der Stille der Nacht, ein Echo aus splitterndem Glas, doch ich tu so, als sei nichts geschehen und latsche einfach den Park runter, die Hände in den Taschen.

Es kommt, wie es kommen muss. Ich hab den Malteser Grund noch nicht verlassen, da biegt schon ein Streifenwagen in die Anlage ein.
Mit Blaulicht, aber ohne Martinshorn.

Geistesgegenwärtig ducke ich mich, versteck mich in dem dichten Gebüsch am Hochhaus, das wie ein Leuchtturm den Park überragt.
Der Wagen rollt im Schritttempo vorüber, jetzt ohne Licht, und bleibt weiter oben, am Gesundheitsamt, stehen.
Dann passiert nichts mehr.
Die Besatzung steigt nicht mal aus.
Schließlich fährt der Wagen ab, zum anderen Ausgang hinaus.

Ich warte zwanzig Minuten, bis ich mich aus der Deckung wage und in der Dunkelheit nach Hause wanke.


5
Als ich wach werde, hab ich einen Geschmack im Maul als wäre mir ne Schachtel Kippen unter der Zunge eingeschlafen.

Verkatert hocke ich auf der Heizung und rauche. Vielleicht hat sie ihren Entschluss schon bereut..!?

Ich peitsche zur Telefonzelle und ruf in der Zahnarzt-Praxis an.
"Ich muss mit dir sprechen, Lena. Können wir uns treffen?"
"Ja.. klar. Doch."
"Heut Abend im Mumms?"
Sie zögert einen Moment.
"Gut, ich bin da. Gegen fünf Uhr. Bist du traurig..?"

Traurig.. Hat sie überhaupt eine Ahnung, was im Moment alles zusammenstürzt in mir? Was unter den Trümmern begraben liegt? Hm. Das weiß ich auch nicht.

In der Post liegt ein Brief vom Arbeitsamt.
Sehr geehrter bla bla. Berufliche Perspektiven, Stellenangebote, Termin nächste Woche.
Mist. Das hat noch gefehlt.

Ich geh in die Stadt, ins Karstadt-Cafe. Suche mir einen Fensterplatz, nehme das Notizbuch zur Hand, das ich seit ein, zwei Wochen in der Tasche hab. Als hätte ich so was geahnt. Ich versuche zu schreiben, die Dinge festzuhalten. Mir so etwas wie Klarheit zu verschaffen.

Schreiben ist wie von sich selber essen. Was man gekocht hat. Wenn man gekocht hat. Ich kann nicht kochen. Ich kann nur lecker essen und saufen.

Ich hab seit Tagen nur gesoffen.

Eine dicke Frau im weißen Kittel räumt die Tische ab, leert die Aschenbecher, hustet. Leute kommen und gehen, trinken Kaffee, schielen neugierig auf mein Notizbuch.
"Die 340 bittäh!" krächzt eine Frauenstimme aus den Deckenlautsprechern. "Die 340 bittäh, an die 608!"

Ein Rentner steckt sich mit zittriger Hand und gebrochenen Fingernägeln eine Overstolz an, putzt sich die Nase. Ein einsamer alter Mann. Als er meinen Blick entdeckt, guckt er rasch weg, damit ich ihn nicht als einsamen alten Mann identifizieren kann.

Jeder Einsame denkt, er fällt auf in seiner Einsamkeit, kritzle ich ins Notizbuch.

Neben mir bereitet sich die grauhaarige alte Frau mit Brille auf ein Kassler mit Sauerkraut und Püree vor, steckt sich eine Serviette in die Hose.
Der Rentner schlägt die BILD-Zeitung auf.
NEUE KÄLTEWELLE. SCHON 250 TOTE.

Geschäftsleute mit Schlips und Kragen richten ihre Manschetten, sehen so ungewohnt gut aus. Ich empfinde eine große Sympathie für alle hier, möchte sie drücken, in die Arme schließen. Nur schöne junge Frauen nicht. Nee, die nicht. Aber hier im Karstadt-Cafe ist auch keine schöne junge Frau. Hier bin ich goldrichtig.

Dann geh ich zur Jobvermittlung auf der Goerdeler Strasse. Ich brauche Ablenkung. Muss irgendwas tun. Die Tage hinter mich kriegen. Ich hab zu viel Zeit. Da kann ich mir auch einen Job suchen. Dem Arbeitsamt zuvorkommen.

Frau Düstersiek, Chef-Vermittlerin von Jobs bis zu drei Monaten, ("Na, Sie As, wieder auf der Suche? Was macht denn Ihr Kumpel, na, wie heißt er noch gleich..?" "Karlos." "Richtig! Karlos.. Was ist Sache mit Karlos, na?! Warum kommen Sie alleine?") rückt erst auf energische Nachfrage die Telefonnummer einer kleinen Firma heraus, die in Türklinken macht.

Firma Weidner, oben am Schaberg. Ich ruf noch vom Schreibtisch der Düstersiek aus dort an und sage, dass ich sofort anfangen kann. Also.. nächste Woche. Gut, morgen.. Gut. Ja. Wie alt? Okay. Ich soll vorbeikommen.
"Jetzt sofort?!"
"Ja, natürlich", meint die Stimme. "Wenn Sie Zeit haben, können Sie auch gleich anfangen."
(Die Düstersiek beobachtet mich, runzelt die Stirn.)
"Ähm.. ja, natürlich", sag ich.

Ein Job, das wird Lena gefallen. Es wurmt sie schon lange, dass sie morgens früh raus muss und ich kann durchratzen bis in die Puppen.

Ich kaufe einen Strauß Blumen, klemme ihn an ihre Wohnungstür. Mit einem Zettel.
"Liebe dich mehr als alles andere auf der Welt."
Alles andere als originell.

Ich nehm den Bus zum Schaberg. Firma Weidner ist eine üble Hinterhofklitsche.
Es mieft nach dicken Beinen.

Ich werde in der Endmontage eingesetzt. Meine Aufgabe: Türbeschläge und Klinken (aus Messing) montieren, polieren, Kartons falten. Meine Hände flattern. Von Ablenkung keine Spur. Was ich auch tue, ich hab nur Lena im Sinn.

Lüttkenhorst, der mich einarbeitet, meint, ich solle nicht dauernd herumsitzen und die Kartons ordentlicher falten.
"Die kann man doch schön knicken, hier, guck. Die sind nicht aus Stahl, das ist Pappe, Junge. Hier, guck."
Heut Abend im Mumms werde ich alles auf eine Karte setzen. Ich hole sie mir zurück.

Endlich halb Fünf. Feierabend.
"He, die Sendung muss noch raus..!"
Ich fahr mit dem Bus ins Mumms. Sie ist schon da. Sitzt in der hintersten Ecke. Mit ihrer Mutter..! Scheiße. Was soll das denn?

"Hallo", sag ich.
"Hallöchen", sagt Lena’s Mutter freundlich. Ich hab sie bestimmt seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Sie steht auf und verabschiedet sich.
"Machs gut", sagt sie, beinah ein wenig traurig. Wir konnten nie besonders viel miteinander anfangen. Aber nun..

Lena sieht umwerfend aus. Ich hol mir ein Bier. Sie trinkt Tee. Ich hab keine Zeit für Tändeleien.
"Ist wirklich Schluss?"
Ängstlich schaut sie mich an. Und nickt.

Ich spüre, wie die Tränen in mir hoch steigen, und reiße mich zusammen.
Schlagartig ändert sich mein Gefühl, ich befinde mich in einer Art Torschlusspanik, werde sicherer, souveräner.
Das ist meine letzte Chance.

Ich bestehe darauf, dass ich eines schon kapiert habe, in den letzten äh vierundzwanzig Stunden: Ohne gemeinsame Zukunft kann es keine Beziehung zu geben.
"Ich werde für dich arbeiten gehen und ein Buch schreiben."
Sie ist überrascht.
“Ein Buch..? Na, das ist ja mal ein Ding. Da reden sich alle den Mund fuselig, der Herr möge doch endlich mal ein Buch schreiben, aber der Herr tut so, als hätte er nichts gehört, und kaum setzt es einen Schuss vor den Bug, kriegt der Herr seinen Arsch hoch. Guck einer an.“

Sie nimmt einen Schluck Tee.
"Der Herr sollst es nicht für mich, sondern für dich tun."
"Für uns! Der Herr möchte mit dir seinen Weg gehen, mit dir glücklich sein."

Ich spüre, dass sie nachgibt. Weich wird. Damit hat sie nicht gerechnet. Ich streichle durch ihr Haar.
"Und wenn wir wollen, schaffen wir das auch. Wir gehören doch zusammen.."
Wir blicken einander in die Augen.
"Du musst dich jetzt entscheiden, Lena.. Entweder es ist für immer aus zwischen uns beiden, oder wir versuchen es noch einmal."
Ich hab den Spieß umgedreht. Plötzlich bin ich es, der ihr die Pistole auf die Brust setzt. Mein Gott, hab ich eine Angst vor diesem Moment.
Vor ihrer Antwort. Dieses Bauchgefühl.
Dann sagt sie es. Ganz leise. Fast unhörbar.
Hingehaucht.
"Ja."
Ich fliege ihr um den Hals. Vergrabe ihren Kopf an meiner Brust.
"Hast du wirklich ja gesagt?! Ist das dein Ernst?"
"Von dir Wahnsinnigem komm ich ja sowieso nicht los."

Sie lacht. Wir sind glücklich. Ich bin um Tonnen erleichtert. Ich drifte zum Tresen. Glaub es gar nicht. Dass es so schnell geht. So ohne viel Widerstand. Wollte sie mich nur prüfen?

Ich bestelle Tequila. Wir feiern, wir küssen uns.

"Lass uns ehrlich sein", sagt Lena. "Lass uns alles einander anvertrauen. Auch wenn wir fremdgehen.“
"Ja", sag ich, "klar."
Warum sagt sie das, denk ich zwar, hat sie so oft was gehabt mit anderen Kerlen?
Aber ich schiebe es beiseite.

"Und ich bin stolz darauf, dass ich auch ohne dich klarkomme. Und ich möchte, dass du das auch kannst, damit wir nicht mehr wie an einer Nabelschnur zusammenhängen", stellt Lena klar.
"Ja", sag ich, immer wieder ja. Ich würde ihr den größten Kracher versprechen, wenn sie es nur ernst meint, eine 2000-Seiten-Schwarte, einen Schinkenroman.
"Wann machst du mit dem Typ Schluss?"
"Ich werd.. es ihm gleich sagen."

Weil sie mit Britta verabredet ist, für eine Wohnungsbesichtung, verabreden wir uns für morgen Nachmittag um Fünf, sie will zu mir kommen.

Kaum ist sie weg, taucht Karlos im Mumms auf. .
“Die Schmiere hat mich heut Nacht auf dem Nachhauseweg noch klargemacht", erzählt er, immer noch aufgebracht. "Nur weil so ein Idiot im Malteser Grund ein Fenster eingeschmissen hat!"

Dummerweise ist er im Rahmen der Nahbereichsfahndung an dieselbe Streifenwagenbesatzung geraten, die uns zuvor schon in der Mache hatte. Mit dem kleinen Unterschied, dass Karlos dieses Mal die Taschen leeren musste. Wo das schöne Marihuana drin war.
"Acht Gramm!" schimpft Karlos.
Der lange Bulle muss vor Freude nur so geglüht haben.
"Wie ein scheiß Lampion saß dem die Birne auf der Schulter.! Schlimmer als bei mir, wenn ich zwanzig Bier intus hab. Und das nur wegen so nem Volltrottel, der nachts Scheiben einschmeißt!"
"Aber echt", pflichte ich ihm bei.

Als ich Karlos berichte, dass Lena und ich wieder zusammen sind, will er es erst nicht glauben, und als er es mir endlich glaubt, warnt er mich nur, "Freu dich nicht zu früh", aber ich freu mich.


6
Die Maloche am nächsten Tag nervt. Ich kann kaum noch meine Schweißausbrüche unter Kontrolle halten. Der Alkohol setzt mir zu. Aber ich liebe Lena und habe sie wieder. Das ist die Hauptsache.

"Junge! Die Kartons sind aus Pappe!" blökt Lüttkenhorst, der Vorarbeiter. "Die lassen sich biegen! Die kann man schön falten, hier, so! Und nicht einfach nur in die Ecke werfen! Wenn das der Chef sieht, war’s das hier für dich! Da kannst du aber Gift drauf nehmen, Männeken!"

Punkt fünf Uhr bin ich zu Hause. Vielleicht wartet sie schon vor der Tür.
Tut sie nicht.

Ich rauche und höre Radio. Mach ein Bier auf. Viertel nach Fünf, halb Sechs. Ich werde unruhig. Wenn sie wirklich mit mir zusammenbleiben will, müsste sie doch pünktlich sein. Überpünktlich.
Vielleicht ist was mit Britta dazwischen gekommen. Ihrer besten Freundin. Wäre nicht das erste Mal.

Ich steh am Fenster und warte. Watching and waiting. Sechs Uhr, halb Sieben. Autos fahren vorüber, Autos halten. Türen schlagen zu. Nur die Strasse zählt.

Um sieben Uhr ist Lena immer noch nicht da. Ich tigere von einem Zimmer ins andere und wieder zurück, ich gerate in Panik.
Schreie "Lena, was machst du mit mir?!" Raufe mir die Haare und schleudere mich gegen die Wand. Bleib liegen. Steh auf. Kann einfach nicht fassen, wie sehr ich verarscht werde.
Knall mich gegen den Türpfosten.

Dann schellt es.. Nicht ihr Schellen. Der lange Eli, mein Nachbar von gegenüber. Ich zerre Poster von der Wand, trete Tassen durch die Küche.
Sie zersplittern unter dem Spülstein.

Eli begreift gar nichts.
"Was denn..? Du kommst wegen Lena so drauf? Gibt es das? Ich dachte immer, die wäre total in dich verknallt.."

Ich lass ihn stehen, schlingere auf Hollandblotschen zur Margaretenstraße, durch den Schnee, zur Telefonzelle.
Unterwegs flieg ich zweimal aufs Maul.

Britta hebt ab.
“Ist Lena da?!" belle ich in den Telefonhörer.
"Was..? Lena, nein. Die ist schon lange weg."
"Hat sie nichts gesagt? Dass sie zu mir kommen wollte?"
"Lena hat gar nichts gesagt. Keine Ahnung, wo sie hin ist."

Ich hetze durch die Strassen. Guck in die vorübersausenden Autos, ob Lena irgendwo drinsitzt. Auch im Mumms ist sie nicht. Natürlich nicht. Das Mumms ist mein Wohnzimmer. Und nicht ihres.

Kaum Leute da. Cobra hockt am Tresen.
"Hallo."
Sie wollte mich mal anmachen, ist noch gar nicht lange her, aber da hab ich abgewinkt. Zu gefährliche Augen. Zu große Titten. Jetzt bin ich froh, dass Cobra da ist.

Ich frage, wie es geht und so. Spendiere Bier und Schnaps.
Hagen, ein Schrank von einem Kerl, schwerfälliger Gang, britisches Beatgesicht, und seine neue Perle, auch schwerfällig, aber kein Beat, kommen rein, trinken einen mit.

Hagen kenn ich schon lange. Er hat zwei Jahre gesessen, wegen Handel mit Heroin. Ein prima Kerl.
"Lass uns heut Nacht kein Streit kriegen."
Dauert nicht lange, und wir beschließen, hier zu verduften.

Wir rufen ein Taxi, legen unterwegs an der BP-Tankstelle einen Stopp ein, für zwei Flaschen Ouzo und Beerenwein und griechischen Wein, fahren dann weiter nach Höhscheid, wo Hagen in einem kleinen Fachwerkhäuschen wohnt. Seit der Scheidung lebt er alleine.

Wir versinken in den Ledersesseln.

Hagen erzählt von seiner zerstreuten Tante, die ihm innerhalb eines Jahres dreimal zum Geburtstag gratuliert hat, jedes Mal mit einem neuen Geschenk.
"Das sind die Tanten, die dieses Land braucht!" wiehert Cobra. Sie und Hagen verstehen sich prächtig. Das gefällt mir nicht. Muss ich mich notgedrungen mit seiner Perle befassen. Eine seltsame Person. Die Nase groß, schief und spanisch, wie eine vergeigte Steinmetz-Arbeit.

Wir reden über Musik. Im Radio laufen Bronski Beat. It ain’t necessarily so.
Muss doch alles nicht sein.
"ACH, QUATSCH!" brüllt Hagen. "GEHT DOCH UM NIX!"

Irgendwann liegen wir zu viert im geräumigen Ex-Ehebett, doch zwei Frauenärsche sind zuviel für mich. Ich bin sturzbetrunken und hab Lenas Körper im Kopf.
Cobra verschwindet mit Claus ins Wohnzimmer. Während die beiden so vehement auf dem Eichentisch vögeln, dass Flaschen zu Boden knallen, hantiere ich unbeholfen an dieser spanischen Steinmetz-Arbeit herum. Wenigstens ist sie weich. Die Musik scheppert. Irgendein amerikanischer Heckmeck.

Cobra kommt wieder ins Schlafzimmer.
"Na, gut abgespritzt?!"
Ich sag gar nichts und penn ein.

Als der Morgen dämmert, pocht mein Herz wie verrückt. Ich steh auf und such das Telefon.
Cobra folgt mir mit den Augen.
"Vergiss es. Ist gesperrt."
Kommt mir bekannt vor. Ich zieh mich an und mach mich auf die Suche nach einer funktionierenden Telefonzelle.

Lena, klopft es in meinem Bauch, sei bitte zu Hause und habe eine Ausrede. Sag nicht das, was ich weiß. Bitte!
Es ist arschkalt. Pisse im Schnee. Hundepisse.

Als ich eine Brücke überquere, bleib ich stehen. Lehne mich über das Stahlgeländer und frag mich, ob die Höhe ausreichen würde, für eine Schelle für den lieben Gott.

Endlich ein Telefonhäuschen. Es leuchtet in der Dunkelheit. Ich wähle die Nummer. Es dauert. Ich leg auf und wähle noch mal.
Lena hebt verschlafen ab.

"Wo warst du gestern?! Du wolltest doch zu mir kommen..!"
"Es ging aber nicht."
"WIESO GING ES DENN NICHT?"
"Weil ich aus der Beziehung raus will! Ich will nicht mehr, kapiere das doch. ICH WILL NICHT MEHR!"
Meine Stimme schnappt über.
"IST DER TYP DA?"
"Ja", sagt sie. "Er ist hier."
"Dann leg dich schön zu ihm ins Bett und pack ihm an die Eier, scheiße! Lena, du hast es mir doch versprochen, dass wir es noch mal versuchen! DU HAST ES MIR DOCH VERSPROCHEN!!"
Sie seufzt schwer.
"Ich weiß.. Aber ich kann nicht."
"Aber du hast doch gesagt, dass wir es noch mal probieren."
"Hab ich auch so gemeint.. Aber es geht schon vom Kopf her nicht."
"WIESO HAST DU ES DANN GESAGT?!"
"Weil du mich so gequält hast.."

Ich raste aus. Erkenne mich selbst kaum wieder. Beschimpfe sie.
Sie legt auf.

Ich stapfe zurück durch den Schnee. Cobra macht mir die Tür auf.
"Ich muss mit dir reden", sag ich.

Wir holen Bier am Kiosk und fahren mit dem Bus zu mir.
Wir verstehen uns plötzlich. Gleiche Wellenlänge. Ich spiele ihr sogar Jonathan Richman vor.
Sie muss lachen.
"Was ist das denn für ein Knabe?"
"Der sitzt am Rand vom Sandkasten und sucht sein Förmchen."

Er gefällt ihr. Ich interessiere sie. Schade, dass ihre Titten so groß sind.


6
Am nächsten Mittag geht Cobra nach Hause und ich ins Mumms.
Karlos ist schon da ("Ich denk, du musst Text lernen?" "Hab ich. Jetzt heißt es schnell wieder alles vergessen.") und legt den Leuten die Karten. Hat er selbst erfunden.

„Das Spiel beginnt!“

Herz Dame. Ist schon mal gut, meint Karlos, dass es so anfängt.. Heisst noch nichts. Kreuz Bube. (Ein Rivale?) Pass auf. Wie, pass auf? Pass auf deine Freundin auf. Ich hab keine Freundin. Kreuz 10. Oh Scheiße. Du trinkst zu viel. Na und. Du auch. Nächste Karte ist entscheidend. Schicksalskarte. Da ändert sich stark was. Du beziehst deine Power nur aus Freundschaften.
Leute gucken uns über die Schulter.
„Macht ihr da?“
Mist! Was haben wir denn nochmal für den Kreu König gesagt!?

Abends ist Cobra wieder da. Die Karo Dame.
"Flüchtige Liebschaft", flüstert sie.
"Du hast mich verwirrt", sagt sie.

Karlos ordert Tequila und entwickelt das Kartenlegen weiter.
Kreuz As und Pik As ergibt.. AIDS. Oder dem Mofafüherschein.
Cobra erzählt, dass sie schon mal fünf Seiten lang ICH BIN STARK geschrieben habe.
Dann sei sie zusammengeklappt.

Pik Sieben ist die geheime Triebkarte. Die paraintuitive Kraft.
"Liebe ist nicht alles", tröstet mich Cobra.
Ich bin geschlaucht. Die ganze Sauferei. Und immer wieder Lena.

Cobra schleppt Tequila an. Tequila baut auf.
"Liebe ist nur Spinnerei im Kopf", meint sie. Zitronenscheiben rutschen unter den Tisch.
Kreuz Zehn bedeutet: Entziehungskur. Folgt darauf die Herz Zehn, wird man: rückfällig.
"Heut bin ich in dich verknallt", wispert mir Cobra ins Ohr, "und morgen ist alles wieder vorbei. Lass uns noch was trinken."

Der nächste Tequila. Endzeithunger. Mad dog days.

Schnaat steht plötzlich neben mir, will wissen, was los ist. Warum ich so saufe. Ich erzähl es ihm und kündige im gleichen Atemzug meinen Besuch an in Arnheim, wo er am Konservatorium Jazz-Gitarre studiert.
"Wenn du nichts dagegen hast", sag ich.
Schnaat schüttelt den Kopf.
"Natürlich. Du kannst kommen, wann immer du willst."
"Ich hab nur keine Lust, dich zu nerven.."
"Ich glaub nicht, dass du jemals richtig nerven kannst."
Hm. Da wäre ich mir nicht so sicher.

Zwei dunkelhäutige Frauen setzen sich an unseren Tisch. Eine sieht aus wie eine Brasilianerin.
Die andere auch.
"Du hast schöne Augen", sagt sie.

Karlos legt ihr die Zukunft. Verlegen stehe ich daneben und überlege, wie ich sie anbaggern könnte, doch andauernd drängelt sich die Freundin dazwischen, funkelt mich böse an.
"Mein Zug ist abgefahren", schreibt Cobra in mein Notizbuch, das offen auf dem Tisch liegt.

Ich hol das nächste Tablett Bier und wende mich Karlos zu.
"Ich weiß überhaupt nicht mehr was Trumpf ist..", sag ich.
Sturzbesoffen redet er auf mich ein.

"Ich hab lang nicht mehr so an dich geglaubt wie jetzt. Du hast soviel Möglichkeiten, die andere nicht haben, du weißt das gar nicht. Du wirst es schaffen, glaub mir das. Du musst nur schreiben.. dann wirst du es schaffen."
Mein Kopf hängt geknickt an seinem Mund.

Samstagmorgen. Ich werd früh wach. Detonierter Bauch. Vollrauschnerven. Das Klingeln des Telefons aus der Nachbarwohnung bohrt sich in meinem Gehörgang fest.
Ich hol mir einen runter.

Zünde mir eine Kippe an. Die erste von den nächsten Tausend.
Draußen regnet es.
Tauwetter.


7
Mittags geh ich zu meinen Eltern rüber zum Essen.
Beim Nachtisch erzählt Mutter was aus meiner Kindheit, und wie sie so erzählt, ist es mir, als lüfte sich ein Schleier und dahinter taucht der Kern auf, der Kern von mir.

Vage erinnere ich mich daran, dass ich bis zum siebten Lebensjahr Nacht für Nacht ins Bett meiner Eltern kletterte, auf die Seite meiner Mutter, und dort blieb bis zum Morgengrauen.
"Ich hab schon ganz automatisch die Bettdecke angehoben wenn ich deine leisen Schritte hörte, und schon kamst du angekrabbelt und schmiegtest dich an mich."

Dann, 1967, die Beatles waren gut im Geschäft und die Doors beschlossen, nicht nur eine Million sondern zehn Millionen Dollar zu machen, wurde mein Bruder geboren. Es war im Jahr der Ziege.

Ein Dezemberabend, als das Telefon ging. Ich war mit meiner großen Schwester allein zu Hause, sie hob den Hörer ab.
Mein Vater war dran, er rief aus dem Krankenhaus an.
Mutter hatte ihr drittes Kind geboren.
"Was?! Ein Junge..?" rief meine Schwester entsetzt, und ich rannte jubelnd durch die Wohnung an der Hasseldelle, von Zimmer zu Zimmer, im Schlafanzug.
"Ich hab einen Bruder! Ja! Einen Bruder! Ich hab einen Bruder!!"

Was ich nicht wissen konnte, worüber ich aber sehr bald Bescheid kriegen sollte: Der Platz im Bett, an der Seite meiner Mutter, war fortan belegt.
Mein kleiner Bruder beanspruchte nun den Thron an ihrem Busen.

"Die ersten Nächte bist du trotzdem zu mir gekommen, aber es war zu eng. Es ging einfach nicht. Ich.. musste dich abweisen."
Bedauern klingt durch, bei einem Schälchen Joghurt mit Schokoraspeln, Bedauern, dass sie mich nicht darauf vorbereitet hatte.

“Es war ein Schock für dich. Ich weiß nicht, wie oft du nachts schreiend wach wurdest, im Albtraum, mit Schaum vorm Mund.”
“Schaum vorm Mund?”
“Ja. Es quoll regelrecht aus dir heraus..”

Wie sie so erzählt, spüre ich in mir das Kitzeln einer tiefen Erinnerung, auch wenn es mehr ein Kitzeln ist als ein tatsächliches Bild vor Augen.

Immerhin, nun ist klar, warum ich so heftig reagiere, wenn eine Frau fort geht, die ich liebe, eine Frau mich verlässt mit ihrem Busen.

“Und natürlich auch warum du so viel Bier trinkst, Andreas”, meint Karlos mit trocken erhobenem Zeigefinger, als ich ihm Bericht erstatte, am Tresen im Mumms, mit Schaum am Pils-Glas, auch bekannt als: Blume.


8
31.7.08 17:39


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