Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Brie

"Es gibt so viel zu erzählen und so oft die Klappe zu halten, manchmal weiß ich nicht mehr, was jetzt an der Reihe ist", sag ich zur Gräfin, nachdem ich den ersten Espresso angeblasen hab und mich wieder zu ihr lege.

"Mh ja", sagt sie.
Es ist halb zwölf. Wir haben so lange geschlafen, wir sehen aus wie Kraut und Rüben.
Auch Frau Moll ist eine struppige Gouvernante.

"Vielleicht sollten wir jemand engagieren, der uns sagen kann, was an der Reihe ist", gähnt die Gräfin und streckt sich. "Jemand, der uns das Leben erklärt. Ich mein, wenn er schon mal hier ist."
"Was für ein jemand sollte das denn sein?"
Sie wischt sich eine kleine Morgenträne aus dem Auge.
"Weiss nicht.. Vielleicht einer, der gleich laut lachen und weinen kann..? Ja. Genau. Weinen ist wie Lachen. Nur mit mehr Salz."
Sie steht auf.
"Mal sehen, wie der Espresso rüberkommt."

Sie geht in die Küche. Und wo sie schon mal dabei ist, verfrühstückt sie gleich einen französischen Brie, bei dem die Kühlkette einen Riss hatte.
"Innen geht ja noch, aber die Rinde stinkt, als hätten da Pferde drübergepisst."
Das kriegt Frau Moll. Da freut sie sich.
Sie kriegt zum Schluß alles. Den ganzen alten Brie. Jetzt ist sie eine struppige Gouvernante, die lecker Pisse frisst.

"Eigentlich seid ihr beide komplette Edel-Irren", sag ich.
Die Gräfin lächelt entrückt.
"Du weisst, was Frauen hören wollen.."
3.6.08 11:07


Das Geheimnis des Schreibens

Als hätte man es nie anders geschrieben,
so muss es sich lesen.
4.6.08 09:55


Johann Wolfgang von Glumm

Knoedel
sei der Mensch,
Wellfleisch und Sud.
6.6.08 09:11


8 Uhr morgens, 19 88

1
Auch wenn Karlos mit jedem Glas Bier zappeliger wurde und aufbrauste, seine Sprüche blieben stets staubtrocken, wie Bomber Müller 1974 im Finale gegen Holland: Ballannahme, kurze Drehung - bumms!

"Jetzt kennt man sich schon so lange", meinte er mal zu mir, "und weiß immer noch Bescheid."

Oder, als ihm mal wieder irgendwas im Hals stand und er cholerisch vor sich hinglühte: "Man kann mich nicht ärgern, ich weiß, wie ich ausseh!"

Zur Begrüßung: "He, was macht das Leben, Glumm, außer dass es hauptsächlich vorbeigeht?"

Und, unübertroffen: "Den Tag werd ich nie vergessen. Obwohl ich mich an nix erinnern kann."


2
Wir lernten uns am Gymnasium kennen, in der Sexta.
Sein Vater war Küster an der evangelischen Stadtkirche, mein Vater war Klempnermeister. Seine Mutter, klein und dicklich, spazierte gern unterm Sonnenschirmchen durch die Stadt, meine Mutter war Halb-Italienerin.
Und wir hatten den gleichen Schulweg.

Eine frühe Erinnerung: nach Schulschluss gehen wir diesen engen Pfad hoch, Karlos ist knallrot im Gesicht vor Begeisterung.

"Kuck mal, ich hab die genialsten Gummistiefel der Welt, besser als jede Gleitschuhe! Auf denen kannst du einfach nicht stillstehen ohne sofort loszurutschen. So ganz einfache Dinger sind das, wie Nikolausstiefel!"

Als wir die Eckstrasse erreichen, eine verrufene Siedlung, in der es eine Frau mit Bubikopf gibt, die immer hinterm Fenster steht und feuerrot ins Garnichts stiert, ist er nicht mehr zu stoppen.

"Nee! Ist wahr, Glumm! Ich brauch keine Armbanduhr! Ich weiß die Zeit auch so! Auf die Minute genau! Jede Wette!"

Wir machen ein paar Versuche, über die folgenden Tage verteilt, und tatsächlich, er schätzt die Uhrzeit richtig ein. Jedes Mal, auf die Minute..
"..haargenau, wah!?" kräht er.

Ich halte Karlos für einen Aufschneider. Und einen Trickser. Irgendwo hat ihm die Mutti eine Sonnenuhr ins Futter der Jacke eingenäht, jede Wette. Doch ich kann ihm nichts nachweisen. Bis heute.

"Timing", knarzt Karlos, "ist alles. Timing und gute Gummistiefel."


3
1988, Frühsommer. Karlos und ich haben die sechzig Quadratmeter große Genossenschaftswohnung gemietet, am Kannenhof.
Unsere Devise: Wenn ich erst mal dreißig bin, fang ich an zu überlegen, wie ich vierzig werde.
Funktioniert gut. Kann man nicht meckern.
"Kann man schon meckern", widerspricht Karlos. "Aber man muss nicht."

Kann der auch mal die Klappe halten?


4
Wenn wir nicht grade im Mumms am Tresen stehen und darauf warten, dass uns die Weiber an den Arsch fassen, arbeite ich nachts an der Rezeption im Turmhotel und Karlos steht im Stadt-Theater auf der Studio-Bühne.
Nebenher jobbt er auf dem Friedhof als Sargträger.

"Weißt du, was am Theater nervt? Dass man von der Bühne immer wieder lebend runterkommt, selbst nach der schönsten Todesszene. Da krieg ich die Krätze."
"Wieso? Du kannst dich doch auf der Bühne selbst abmurksen", sag ich, "wenn das Stück es verlangt."
"Ja, ein Mal funktioniert das.. Der Papa will aber zehn Mal tot sein auf der Bühne, hundert Mal. Tausend Mal tot sein auf der Bühne. Was meinst du? Kann man da mal was erfinden, Glumm? Geht da was?"

Was die Bestattungen betrifft, erweist sich Karlos als penibler Buchhalter. Er führt Strichliste, damit ihn das Friedhofsamt nicht übers Ohr haut.

Die Liste hängt in seinem Zimmer am Fenster, und so kommt es, dass im Schnitt jeden Monat fünfzehn bis zwanzig Leichen an seinem Fenster hängen, ohne dass von aussen das geringste zu sehen ist.

Im November sind es schon mal fünfundzwanzig. Der November ist ein guter Monat.
Ein Leichnam bringt zwanzig Mark.

"Der Tod trägt gewienerte Schuhe", sagt Karlos.


5
Acht Uhr morgens, 1988. Ich komm vom Nachtdienst nach Hause und wundere mich, dass genau unter unserem Fenster der Manta von Gerrit parkt, Karlos jüngerem Bruder.

Gerrit ist ein Einzelgänger. Als Kirchenmusiker leitet er den Posaunenchor seiner Gemeinde, er fährt Manta, aber so unsicher, dass er niemals Beifahrer hat, und er raucht für sein Leben gern Schmand. Dass er aber um diese frühe Uhrzeit schon am Kannenhof hockt, das ist ungewöhnlich.

Andererseits, ist Gerrit nicht immer am Geiern nach Schmand, wenn kein Brösel im Haus ist?
Dann zerlegt er sämtliche Purpfeifen in ihre Einzelteile und kratzt mit einer biegsamen Haarnadel auch noch die letzten Reste heraus, öliges, schwarzes Zeugs, Schmand eben, den er dann in kurze dicke Joints eindreht.

Ich hab von Schmandrauchen nie groß was gehalten, auch Karlos nicht.
Eigentlich kenne ich überhaupt niemanden, der auf Schmandrauchen steht, bis eben auf Gerrit, der, seit er das Rauchen von Zigaretten eingestellt hat, noch versessener aufs Schmandrauchen ist, wegen des Nikotingehalts.

(Eigentlich will er nur dicke Kippe rauchen, die ein bißchen nach altem Hasch riechen.)


6
Vorm Nachtdienst war ich mit Karlos und Gerrit noch auf einen Sprung im Mumms.
Am Tresen fiel mir auf, dass wir drei wie die Hühner auf der Stange nebeneinander standen, jeder ein Kölschbier in der rechten Hand: Karlos in Höhe seines Unterleibs, ich in Höhe des Bauches, Gerrit in Höhe seines Herzens.

So war das.


7
Als ich um kurz nach acht 1988 die Wohnungstür aufschließe, die Morgenzeitung in der Hand, schlägt mir ein Summen entgegen, von links aus dem Bad. Der Föhn..? Karlos hat schon geduscht, um acht Uhr morgens? Das ist eigentlich nicht seine Zeit.
So früh wird doch kein Schwein bestattet.

Ich drück die Küchentür auf und erwarte Gerrit am Küchentisch vorzufinden, sein obligatorisches "Morgen, Sportsfreund!" ausstossend während er fortfährt, die rote Zora auszukratzen, meine Purpfeife, meine kleine Freundin, doch da sitzt kein Gerrit. Da sitzt niemand. Da ist bloß die Küche, und im Badezimmer rauscht der Haarföhn, wie ein heftiger Halligalliwind.

Wieso steht der Manta von Gerrit vorm Haus, wenn von Gerrit selbst keine Spur ist? Oder ist er in meinem Zimmer und orgelt sich einen?

Ich geh durch die Küche, öffne meine Tür - kein Sportsfreund. Bleibt nur noch Karlos' Zimmer. Das liegt direkt gegenüber vom Bad und war zu, als ich eben reingekommen bin. Doch warum zum Teufel sollte Gerrit die Tür schließen, wenn er im Zimmer seines älteren Bruders sitzt und Schmandzigaretten rollt?!
Das alles gibt keinen Sinn.

WAS IST HIER EIGENTLICH LOS?


8
Zurück in die Diele. Links das Bad, in dem der Föhn bläst, so gleichförmig, so klingt doch kein Föhn, der ständig in Bewegung ist, der um einen nassen Schädel kreist..

Plötzlich mutiert die Diele zur Hitchcock-Diele. Plötzlich seh ich Karlos vor mir liegen, von einem manipulierten Sportföhn zur Strecke gebracht, mit dem Schädel auf den Fliesen..!
Ich stoße wütend die Badezimmertür auf.

Der Föhn liegt auf dem Boden und prustet vor sich hin, fröhlich in die Luft. Kein Karlos weit und breit. Auch kein Gerrit. Nicht mal Schmand.
Nur dieser scheiß laute Föhn!

Als wären die Brüder Hals über Kopf getürmt, auf genialen Gummistiefeln, Hauptsache, raus, so wirkt das hier auf mich. War die Schmiere heut Nacht hier?!
Das Schmanddezernat?

Ich bück mich und schalte den Föhn aus. Dreh mich um, zur Diele hin. Drücke mein Ohr an Karlos Zimmertür.
Musik ist zu hören, leise Radiomusik.
Ich klopf an.
"Ja..?"
Ich drück den Türknauf.


9
In seinem riesigen Bett, das beinah die Hälfte des Zimmers ausmacht, sitzt Karlos wie er jeden Morgen im Bett sitzt: Den Hinterkopf an die Wand gelehnt, Kippe im Hals, Radiomusik.
Der Buddha vom Kannenhof.

"Morgen", sag ich. "Der Föhn bläst."
"Hm..? Der Föhn bläst?"
"Ja. Der ist an."
"Wie, der Föhn ist an?"
"Der Föhn liegt im Badezimmer auf dem Boden.. und er ist an. Also, der war an. Ich hab ihn ausgemacht. Hast du nichts gehört?"
"Nee.. Aber wieso war der Föhn an?" krächzt der Buddha.
"Weiß ich doch nicht. Ist wohl runtergefallen, vom Spiegelschrank."
"Spiegelschrank?"
"Ja, da, vom Adelbert.."
"Adelbert?"
"ALIBERT! ODER WAS WEISS ICH, WIE DIE SCHEISSE DA HEISST!"

Karlos hält mir die Schachtel Marlboro hin. Ich nehm eine Kippe raus. Beruhige mich.
"Da liegt der Föhn doch.. oben auf dem.. Alibert.. normalerweise."
"Hm. Richtig", meint Karlos. "Aber warum ist der an?"
"Der war an!"
"Warum war der an?"
"Weil er genau auf den An-Schalter gefallen ist, deswegen. Nehm ich an."
"Ach so."
"Auf Stufe eins."
"Eins? Dann war der Föhn ja gar nicht so laut. Ich mein, Stufe drei hätt ich gehört, aber eins.. Nee. Da hat er ja praktisch geschwächelt, der Föhn."

Durch die heruntergelassene Jalousie wirft die Sonne mattes Varietelicht in Karlos' Zimmer.
Es müffelt nach Bier und Schnaps und verschwitzten Turnleibchen in der Ecke vom letzten Turntraining vor sechzehn Jahren.

"Hast du mal Feuer?" sag ich. "Mein Zippo ist alle."
"Ich kann dir ja reinfurzen", bietet Karlos an. "Dann ist genug Gas drin. Darfst du aber keiner Dame Feuer geben."

Ich hol mir das Feuer ab.
"Sag mal, Karlos, warst du beim Zahnarzt?"
"Wieso?"
"Weil du beim Reden den Mund nicht richtig aufmachst."
Er gackert.
"Nee, ich war nicht beim Zahnarzt. Ich muss andauernd grinsen. Dann kann ich nur.. so breit reden."


10
Im Radio läuft leiser Soul. Klingt wie Bobby Womack, der letzte Halbstarke der Soul-Musik, den ich im Mai zuvor noch live gesehen hab, in der Philipshalle. Mit Zehn-Mann-Kapelle und drei schwarzen Backgroundperlen.

Stimmlich war der Meister nicht auf der Höhe, die Stimme hing ihm irgendwo am Jochbein, man näselte.
Und als die stabilste seiner Background-Sängerinnen ein Gospel-Solo brachte und das Publikum entzückt von den Sitzen sprang, zum ersten und einzigen Mal an diesem Abend, da riss Bobby Womack ihr das Mikrofon aus der Hand und erklärte die gestohlene Show für beendet.


11
"Scheiße, hab ich heut Nacht ein komisches Zeugs geträumt", meint Karlos. "Ich hab einen Puff aufgemacht, da baumelten Nutten von der Decke, die sahen alle aus wie Kinski, und das Treppenhaus war mit Koks gepflastert."
"Och", sag ich.
"Ja, ich hatte einen Ballermann in der Hand und wollte die Kinski-Nutten einzeln von der Decke holen, wie beim Kegeln, aber wie in jedem verdammten Schiess-Traum hat mein Ballermann Ladehemmung und die Kugeln verrecken im Lauf, wie beim Fick-Traum, wenn kurz vorm Abgang der Wecker klingelt."
"Och."
"Ja, och! Genau."


12
"Und wieso steht der Wagen von Gerrit vor der Tür?" sag ich.
"Der Wagen von Gerrit?"
"Ja. Direkt unter deinem Fenster."
"Keine Ahnung.. Brüderchen war gestern gar nicht hier. Ist das überhaupt sein Manta? Bist du sicher?"
"Na klar. Oder nicht? Kuck mal raus."
"Später", meint Karlos und furzt bestialisch in sein Bett. Er hat immer noch Darmgrippe.

"Ich hab gestern viermal die Schüssel voll gemacht", klagt Karlos, "dabei hab ich gar nix gegessen. Nur ne Pizza und zwei Frikadellen."
Er hebt die Bettdecke an und schaufelt das Monster in meine Richtung.
"War sowieso ne komische Nacht."


13
Er erzählt, wie er gestern Abend, als er aus dem Mumms nach Hause gekommen ist, die Glotze anknipste, wie er das immer tut, wenn er nach Hause kommt. Nach Hause kommen und die Glotze anschalten, das ist eins, selbst wenn er ne Alte dabei hat.

"War schon nach Mitternacht, aber volles Sportprogramm angesagt, bis in die Morgenstunden."

Erst live das Tennis-Finale in Melbourne, Steffi gegen Chris Evert, danach ab cirka 4 Uhr, so war es in der Programmzeitschrift ausgedruckt, Boxen. Schwergewicht. Mike Tyson gegen Holmes.
Auch live.

"Aber ich bin im ersten Satz schon eingepennt, da stand es 2:1 für Steffi. Muss so gegen ein Uhr gewesen sein."

Karlos drückt die Kippe aus und Bobby Womack verabschiedet sich in die Stand by-Funktion.

"Um sechs werd ich wach, und die Beiden spielen immer noch. Ich reib mir die Augen.. sechs Uhr. Stimmt. Die spielen seit ein Uhr, denk ich. Und jetzt ist es sechs und die sind im zweiten Satz. Fünf Stunden, zwei Gewinnsätze, das kann nicht sein. Das geht nicht. Ich fass mir an den Schädel. Bin ich jetzt Panne? Isses so weit? Dann muss ich wohl wieder eingenickt sein, denn als ich wach werde, ist es 6 Uhr 13 Uhr und Boxen ist drin! Wieso plötzlich Boxen?! Boxen soll um vier Uhr angefangen haben, jetzt ist 6 Uhr 13! Die boxen doch nicht zwei Stunden lang! Außerdem war doch eben noch Tennis drin, vor dreizehn Minuten..!"

Karlos hat den Schrecken noch im Gesicht.
"Ich sitz im Bett und denk, so, jetzt kannst du dich einliefern lassen!"
Er glotzt mich an, als hätte man ihn nicht eingeliefert, sondern ausgesetzt, mitten auf dem Ozean, in einem Dixie-Klo.

"Und dann?" sag ich.
"Hm, dann? Nix. Ich hab Boxen geguckt, ein paar Runden, war kein schöner Kampf. Tyson hat ein, zwei Mal geblökt wie ein Kampfschaf, dann bin ich wieder eingepennt und hab das mit den Kinski-Nutten geträumt.. bis eben. So. Und soll ich dir was sagen, Glumm? Jetzt geht der Papa schleunigst aufs Klo, die Aa-Ritze pinseln. Äh, ist das die Zeitung von heute?"

Ich hab die Morgenpost immer noch in der Hand, eingerollt.
"Ja. Steht aber nix Neues drin."
"Ich such auch nix Neues, aber irgendwas, was ich schon vergessen hab!"


14
Die Auflösung der TV-Problematik: Weil in Melbourne das Tennismatch wegen Regen unterbrochen war, wurden die bis dahin gespielten Sätze ständig wiederholt. Bis etwa 6 Uhr. Da begann Boxen - live, also nicht um vier, sondern um sechs - war ein Druckfehler in der Zeitung.

Und der Manta? War tatsächlich der von Gerrit. Während der Probe des Posaunenchors am Abend zuvor hatte ihm Eva, ("blond, neunzehn, ne ziemliche Kiste, aber gut beim Blasen, wie ein Kolibri"), einen Zettel zugesteckt mit ihrer Telefonnummer.
Gerrit besuchte sie noch am gleichen Abend. Sie wohnt ein paar Häuser weiter den Kannenhof hoch.

"Pff - von wegen Schmandrauchen", sagt Gerrit, als ich ihm die Geschichte erzähle. Er ist sogar ein bisschen eingeschnappt. "Altes Hasch, wah?"
Aber nur ein bisschen.
9.6.08 15:41


Volles Ohr

Ich hatte dieses merkwürdige Stechen im linken Ohr, als sägte jemand vorsichtig und mit spitzen Fingern an den Gehörknöchelchen. Kein Geräusch also, kein Tinnitus, sondern ein Schmerz. Er kam meist in der Nacht, war aber nicht durchgängig da. Manchmal spürte ich auch tagelang gar nichts, und so dauerte es beinahe zwei Monate, bis ich mich endlich aufraffte und Madam Pompadour aufsuchte.

Madam Pompadour, platinblonde Fachärztin für Hals,-Nase,-Ohren, stammte aus Polen und hieß eigentlich Pomdowsky, aber Pompadour klang stimmiger. Den alten Ohren-Doktor mit den roten Patschehändchen gab es nicht mehr. Er hatte den Beruf aufgeben müssen. Wegen einer extremen Form von: Tinnitus. (Ist wahr.)

Montagmorgen, acht Uhr. Wie üblich nach einem Wochenende, an dem sich die Republik mal wieder gegenseitig im Hals gestanden und in den Ohren gelegen hatte, platzte der Warteraum aus allen Nähten. Nasenkranke hockten in schlecht belüfteten Durchgängen.
Es müffelte.
„Waren Sie schon mal bei uns, Herr Glumm?“
„Ja, Weihnachten letztes Jahr.. nee, Moment. 2005. Vorletztes Jahr.“
Wegen einer Zungenwurzelentzündung. Zehn Tage Penicillin, dann war der Fisch abgeschwollen.

Die freundliche Thekenkraft blickte auf den Bildschirm, das Telefon klingelte. Andere Schwestern wuselten durchs Bild. Jemand stöhnte. Schmerz schoss in mein linkes Ohr, so stechend, als hätte sich darin eine ungekochte harte Spiral-Nudel um die eigene Achse gedreht. Unangenehm. Meine linke Seite war gestört. Die künstlerische Seite, die feminine Seite.
Der Mond in mir hatte voll einen an der Klatsche.
„Richtig.. hier haben wir Sie schon, Herr Glumm. Gut. Haben Sie etwas Zeit mitgebracht?“
„Na ja, ich müsste noch was erledigen“, sagte ich, obwohl ich nichts zu erledigen hatte. „Kann ich die Wartezeit nicht dafür nutzen und gleich wiederkommen?“
Das aber schien bei Pompadours keine gängige Praxis zu sein. Wer drankommen wollte, musste dableiben und sich anstellen. Hinsetzen ging ja nicht. War ja alles besetzt.
„Na schön“, murmelte die Audio-Schwester, „kommen Sie in einer dreiviertel Stunde wieder. Ausnahmsweise.“

Stunde später. Im Warteraum war noch genau ein Schalensitz frei, ganz hinten bei den Spielsachen, wo ein kleines wildes Mädchen Kampfschaf spielte, das Gesicht im leeren Omo-Eimer.
Kaum hatte ich mein Notizbuch, den Kugelschreiber, den Ersatzkugelschreiber und den SPIEGEL, den ich mir gekauft hatte, um mir die Zeit zu vertreiben, aus der Jacke gezogen, wurde ich aufgerufen und durfte den ganzen Mist gleich wieder einsammeln.
„Nehmen Sie schon mal im Gang Platz, Herr Glumm.“

Die Atmosphäre war überraschend relaxed, obwohl es doch Montag war und die ganze Scheiße wieder von vorne losging auf dem Planeten. Es schien, als hätten sich die Leute daran gewöhnt. Patient zu sein. Sie hatten die Ruhe weg.

Im Gang sitzen, zwanzig Minuten SPIEGEL lesen, zwischendurch Leute angucken. Da war diese Frau auf Schlappen, die nur für fünf Minuten aus dem Haus gegangen war und sich plötzlich in einer ambulanten Hals,- Nasen,- Ohren-Klinik wiederfand, so sah es jedenfalls aus. Neben ihr ein Paar: er mit fleischfarbenem Bart, vom Hals kaum zu unterscheiden und so akkurat geschnitten, es musste einer geheimen DIN-Richtlinie folgen. Seine Frau quasselte auf ihn ein, er ließ sie quasseln. Ließ sie auflaufen. As wäre sein Mund mit Beton ausgegossen – keine Reaktion.
„Herr Glumm, geradeaus durch ins Chefzimmer bitte.“

Madam Pompadour, ganz in weiß, saß auf ihrem Hocker. Drehte sich in die eigene Zeitlupe versunken um, als ich eintrat und Platz nahm. Kein Händeschütteln, kein Guten Tag sagen, sofort zur Sache.
„Was haben wir denn Hübsches?“
Ich erklärte ihr die Beschwerden.
„Mir tut das linke Ohr weh. Ist bestimmt entzündet.“

Madam Pompadour, die ohne Akzent deutsch sprach, sah nicht die Bohne polnisch aus. Eher als habe ihre Mutter mit einem Polen gebumst, der kurz vorm Kommen zurückgezogen hatte. Das Freudentröpfchen war sie geworden und saß nun vor mir, in all ihrer Pracht.
Sie hatte eine verdammt große Klappe.
„Mannomann, wie die Asozialen!“

Sie schloss die Fenster, eins nach dem anderen, um das Gejohle und Getröte der Abiturienten, die das Ende ihrer Schulzeit begossen und auf Traktoren durch die Strassen ritten, nicht mehr anhören zu müssen.
„Wieso“, sagte ich zur Verteidigung junger Menschen, „die haben Abi gemacht. Die feiern. Ist doch okay.“
„Ja, aber kann man nicht leiser feiern? Muss das immer gleich asozial sein??“
Sie brachte den Behandlungsstuhl in Position.
„So. Welches Ohr war das?“
(Das Spährohr schon im Anschlag.)
„Links.“
„Oh, na! Grundgütiger..! Da ist aber Ohrenschmalz drin. Himmel!“
Ich seufzte.
„Schon wieder?“
„Was heißt schon wieder?“
„Na ja, 1989 oder so ist da schon mal durchgespült worden.“
„Das sind ja fast zwanzig Jahre“, spöttelte sie. „Kein Wunder. Da müssen wir erst mal spülen, bevor ich sehen kann, ob vielleicht eine Entzündung vorliegt. Im Moment sehe ich nur einen Riesenberg Schmalz.“
Sie presste mir eine kühle Kunststoffschale direkt unters linke Ohr, und zog eine Gummispritze mit Wasser auf.
„Bitte gut festhalten die Schale, damit nichts daneben läuft.“

Das Wasser schoss warm in mein Ohr, es zutschelte und schlürfte wie beim Zahnarzt, wenn Speichel abgesaugt wird.
„He! Stillhalten! Sonst dauert es noch länger!“
Dann die gleiche Prozedur auf der rechten Seite.
„Hier, schauen Sie“, sagte sie und zeigte mir das Ergebnis ihrer Bemühungen in der Petrischale. Dicke rote Brocken, wie damals. Aber ich sagte nichts. Ich guckte woanders hin. Da war auch schön.

„Sie sollten alle sechs Monate kommen zum Spülen, nicht alle zwanzig Jahre, bei Ihrer Überproduktion an Schmalz. Wenn etwa bei der Haarwäsche Shampoo ins Ohr läuft und sich mit dem Sekret verklumpt, kommt so was dabei heraus.“
Aber sie war noch nicht zufrieden mit dem linken Ohr, auch nach der zweiten und dritten Spülung nicht. Madam Pompadour verzweifelte langsam.
„Nee, das ist so verklebt, das müssen wir erstmal aufweichen. Wir versuchen es mit speziellen Tropfen, die den Ohrschmalz auflösen.. wenn’s gut geht. Dazu müssen Sie sich aber zwanzig Minuten ruhig auf die Seite legen.“ Sie schaute mich fragend an und wiederholte: „Zwanzig Minuten. Schaffen Sie das?“
„Na klar, kein Thema. „
Sah ich so aus, als könnte ich keine zwanzig Minuten irgendwo ruhig herumliegen?
„Na schön. Zwanzig Jahre schaffen Sie ja auch. Kommen Sie mit.“

Ich folgte ihr in die benachbarten Behandlungsräume, wo Patienten gleich in ganzen Grüppchen akupunktiert wurden.
„Bitte rechtsrum auf die Liege“, befahl Madam Pompadour, das Fläschchen mit der Emulsion schon in der Hand. Das Einmalpapier, mit der die Liege bezogen war, verknudelte auf der Stelle und rutschte weg und hing schon auf dem Boden, bevor ich überhaupt aufgestiegen war. Sie träufelte die Emulsion ins Ohr, kaum mehr als ein paar Tröpfchen.
„Zwanzig Minuten schön liegen bleiben, dann bin ich zurück“, ordnete sie an, im gleichen Tonfall, in dem ich zum Hund sprach, bevor ich das Haus verließ und sechs Stunden später heimkehrte.

Stabile Seitenlage also. Zu meiner Rechten lauter akupunktierte Existenzen. Ein Schädel war über und über mit bunten Nadeln bepflanzt, wie Wimpel, die über einer Einkaufszone wehten. Ganz still und regungslos saß er da, ein sedierter dicker Herr, der sich am Tag drei Mahlzeiten zufächelte wie Luft an einem heißen Sommertag. Um auf mich aufmerksam zu machen, schabte ich mit Fußknöcheln und Schuhen über die Liege, doch er nahm mich nicht wahr. Niemand nahm mich wahr. Nach gefühlten dreißig Minuten rief ich „Schwester!“ und „He!“ exakt in dem Moment, als die Pompadour über den Gang eilte.
„Ja“, stöhnte sie, „komme gleich.“

Wenig später, wieder im Chefzimmer. Madam Pompadour setzte die vierte Spülung an. Ich fühlte mich wie ein verstopftes WC, in dem die Klempnerin, ganz in weiß, mit dem Pümpel zugange war: ZUUUTSCH! SAUG! SCHLÜRF!
„Geschafft!“
Alle Brocken aus dem Hinterhalt: geholt! Und von einer Entzündung: nichts zu sehen!
„Ja, kann das denn sein?“ fragte ich. „Dass man Ohrenschmerzen kriegt von zu viel Ohrenschmalz?“
„Natürlich. Wenn das so verklebt ist, werden auch die Nerven in Mitleidenschaft gezogen. Das kann sein. Klar.“

Paar Tage später. War der Schmerz wieder da. Ich machte einen neuen Termin aus, ging aber nicht hin. Die Gräfin hatte einen anderen Verdacht.
„Du sitzt so oft bei offenem Fenster am Schreibtisch, du holst dir bestimmt Zug. Davon sind die Ohrenschmerzen. Jede Wette.“
„Blödsinn“, sagte ich. „Das mach ich doch seit Jahren so. Bei offenen Fenster am Schreibtisch sitzen. Hat mir noch nie geschadet.“
„Lass einfach mal das Fenster zu und sitze nicht im Durchzug. Mal gucken, was dann passiert. Kann ja nicht schaden.“

Es schadete nicht. Die Schmerzen im Ohr wurden weniger und waren schließlich ganz weg.
„Gibt’s doch gar nicht“, sagte ich. „Da hätte ich auch selber draufkommen können.“
„Nee, mein Freund. Du nicht.“
Ach so.
13.6.08 13:05


Ein großes düsteres Live-Konzert

Dienstag. Die Gräfin backt Reibekuchen, wünscht sich aber schnell einen Ratgeber für Problempfannen.
"Oder sehen so etwa Reibekuchen aus!?"
Entnervt wirft sie die Brocken hin. (Und es sind tatsächlich Brocken.)

"Ach, ist doch nicht schlimm", sag ich. "Geh ich eben hoch zum PLUS und hol uns ne Pizza. Ist doch egal. Und Salat hast du doch schon gemacht."
Sie verzieht sich schmollend in ihr Zimmer.
"So kann ich nicht arbeiten! Bring ne neue Pfanne mit!"

Frau Moll kommt mit, durch den Park hoch zur Wupperstrasse. Der Himmel ist zugestellt mit dunklen Wänden, Gewitterwürmchen schwirren umher.

Vorm PLUS leine ich Frau Moll am Fahrradständer an. Der steht unterm Vordach, da bleibt sie trocken. Denn kaum latsch ich durch die Gänge und werfe die Zutaten in den Wagen, Pizza Quattro Stationi (Alles vom Bahnhof), Käse, Thunfisch sowie ne Packung Salami zum Einfetten, geht ein mächtiges Gewitter nieder.

Es blitzt, es donnert, und der Regen steppt über die Strasse wie heißes Popcorn.

"Bitte werfen Sie uns Ihr Portmonee entgegen!" brüllt die Kassiererin, als ich an der Reihe bin.
"Mit erhobenen Händen!"

So was tagträumt man, wenn man das Gefühl nicht los wird, dass alle nur noch MEIN Geld wollen.

Ein Vogel zahlt doch auch keine Euro, wenn er im Baum sitzt und singt!

Eines Tages lauf ich Amok. Dann schieß ich einen scheiß Supermarkt zusammen.
Einfach, weil ich schlechte Laune hab.
Oder kein Geld.

Als ich wieder draußen bin, junkert Frau Moll als wäre sie eine Stunde lang allein angeleint gewesen auf weiter Flur.
"Wir müssen warten", sag ich, "bis der Regen aufhört."
Bis der Große Elektriker aufhört den Himmel zu spalten mit der Licht-Axt.

(Der Hund bekommt es mit der Angst.)

"Hallo."
"Ach", sag ich, "hallo.."

Hab ihn gar nicht bemerkt. Steht plötzlich neben mir, PLUS-Tragetasche in der Hand.
Frau Moll knurrt. Sie mag keine Fremden. Schon gar nicht bei Gewitter.
Sie ist auch nicht gern angeleint.

"Scheiß Regen, wa", sagt er.
"Ja, ne", sag ich.

Er ist klein und drahtig, der mittlere von drei Brüdern. Der jüngste war ein Fußballkumpel von mir, der vor Jahren was Falsches auf dem Löffel hatte und daran krepierte.
Ich mochte ihn gern.
Und er hatte eine nette Freundin, Mischa.
Die ist auch tot.

Mit dem Mittleren der drei Brüder hab ich nie viel zu tun gehabt. Meist begnügen wir uns mit einem Kopfnicken, wenn wir uns begegnen.

Jetzt, unterm Vordach der PLUS-Filiale, stehen wir nah beieinander, der Regen prasselt nieder.
Es kracht.

"Was macht dein älterer Bruder?" frag ich. "Der.. na, wie hieß er noch?"
"Wen meinst du?"
"Na, den Ältesten."
"Sammy.."
"Sammy. Genau. Den hab ich ewig nicht mehr gesehen."
"Ich auch nicht."
"Du auch nicht?"
"Seit acht Jahren nicht", erwidert er so postwendend, als hätte er heut morgen noch durchgezählt.

Er, der Mittlere, hat eine Fresse, die man nicht vergisst. Und er hat sich kaum verändert. Dieselbe plattgeschlagene Boxernase wie damals, als er überall nur Negernase gerufen wurde.
Darunter ein schlecht gelaunter Mund.

"Wieso acht Jahre?" frag ich ihn.
"Weil vor acht Jahren meine.. unsere Mutter gestorben ist."

Als wolle er ganz allein dem Gewitter Paroli bieten, das wie ein großes düsteres Live-Konzert über der Stadt steht, blickt er um sich.

Schon früher wollte er immer lässig sein, und mutig. Doch sobald er einen coolen Travolta-Gang hinzulegen versuchte, wurde eine Hüpfburg draus. Und wollte er böse dreinschauen, wurde er einfach übersehen.

Wenn kleine Männer es schwer haben, dann haben es kleine weiße Männer mit Negernase noch mehr schwer.

Er schaut abwechselnd in mein Gesicht und in den Regen, während ich draufhalte auf sein Gesicht, die Großaufnahme suche.

Ich bin eine Kamera, aber keine digitale. Ich guck weiterhin auf traditionellem Silberfilm. Das ist im Ergebnis nicht weniger unerbittlich, aber weicher in der Unterhaltung. Vertrauenswürdiger.

Und Vertrauen ist das Pfund jedes Kameramanns.

Kuck analog.

"Ich hab ihn mal im Mumms gesehen. War ein Samstagmittag. Da stand Sammy keine drei Meter entfernt am Tresen..", sagt er.
(Donnersongs, von Norden her. Das Live-Konzert bereitet die Zugabe vor.)
".. aber wir haben kein Ton miteinander gesprochen."

Er winkt ab.
"Das kommt gar nicht von ihm, dass er so geworden ist. Dass er sich so zurückgezogen hat. Das ist seine Alte. Wenn er mal abends ein Bierchen trinken will, muss er sich schon aus dem Haus schleichen."
"Ja? So kenn ich ihn gar nicht. Der war doch früher nur solo. Solo und besoffen."
"Früher. Aber seit er verheiratet ist.."

Ich bin fasziniert von diesem Gesicht. Es ist so bodenlos in seiner Wahrhaftigkeit.
So hässlich, so wahr. So sehr Nase.

In den frühen 80ern hat er lange als Rausschmeißer und Gläsereinsammler und Ersatz-DJ im Unox gearbeitet, einer Innenstadt-Disco.
Die hieß eigentlich Xenox.

Einmal war ich im Unox dermaßen betrunken, dass ich nicht mehr den Ausgang fand.
Ich wusste einfach nicht mehr, wo die Türe ist.
Ich irrte hinter den Tischen her und wurde zunehmend panisch.

Bis ich plötzlich IHN erblickte, auf der anderen Seite der Disco, hinter der Tanzfläche, auf einem kleinen Podest. Da stand er und versuchte mich zu dirigieren, mit weit ausholenden rudernden Armbewegungen, in Richtung Ausgang.

Und nach einigen Fehlinterpretationen und Rempeleien schaffte ich es endlich an die frische Luft.
Dafür dank ich heut noch schön.
Dass er mich aus dem Schwarzlicht geleitet hat.

"Aber wenn's ums Erbe geht..", sagt er.
"Erbe?"
"Ja, das Erbe meiner Mutter.."
Jetzt wird spannend. Moneten. Mord. Dazu ein spöttelnder Mund, der davon berichtet.

"Mein Bruder hat damals Anzeige erstattet, gegen Unbekannt. Aber selbst der Bulle, der mich vernommen hat, meinte, dass er mich damit meinte, und nicht Unbekannt."
Ich kapiere kein Wort.
"Hm?"
"Mein lieber Bruder hat damals rumposaunt, ich wäre es gewesen, der unsere Mutter tot aufgefunden hat. Ich wäre der erste gewesen in der Wohnung und hätte das ganze Geld an mich genommen, das sie unterm Bett aufbewahrte."

Seine gefüllte Unterlippe, wie Pastete.
Ich hab Hunger.

"Wieviel Kohle denn?" frag ich.
"Bei den Bullen hat Sammy dreißig bis fünfunddreißigtausend Mark angegeben, die fehlten. Dabei war ER der erste in der Wohnung gewesen, nicht ICH. Ich war ne Stunde später da. Konnte es aber nicht beweisen. Aber später hab ich Kontobewegungen gefunden, die stimmten hinten und vorne nicht. Und wer war stets der Empfänger? Mein lieber Bruder."

Ein Gewitter ist wie ein Karton voller Elektrokabel und Blitzlichtwürfel, verkehrtrum übers Land gestülpt. Wenn alles zur Erde geplumpst ist, wird der Karton wieder angehoben, Licht fällt auf die Strasse, und der Regen lässt nach.

Der Mittlere von drei Brüdern, von denen der Jüngste einen Herointod gestorben ist und der Älteste sich aus dem Haus schleichen muss für ein Bierchen, nimmt die Tragetasche vom Boden.

"So, ich muss. Ein bisschen nass werden schadet ja nicht, wah? Wir sind ja nicht aus Zucker. Tschö."
"Ja, machs gut", sag ich, obwohl ich schon gern gehört hätte, was aus der Sache geworden ist.
Andererseits, acht Jahre, scheiß drauf.

Ich seh ihm nach, wie er sich davonmacht im nachlassenden Regen, ein Mann Mitte vierzig, negroide Nasenführung.
17.6.08 15:37


Things were really honey

Die Tussi schnallte auch gar nichts. Da hatte ich beim Ausfüllen des Personalbogens schon extradick aufgetragen, ich wäre arbeitslos seit 1985, seit drei (!) Jahren also, doch das scherte sie nicht weiter.

Auch dass ich weder den Führerschein besaß noch irgendwelche besonderen Kenntnisse vorzuweisen hatte schien sie zu beeindrucken.

Erst als sie die Rubrik "Stundenlohnvorstellung" erreichte, hob sie ihren Blick.

"Sechzehn Mark?! Nee, junger Mann, das können wir gleich vergessen! Wir hatten an elf Mark gedacht!"

Ich sah zu, wie sie unten auf dem Personalbogen in Druckbuchstaben "ZU HOHE LOHNFORDERUNG" eintrug.

"Moment.. Das geht nicht", sagte ich. "Wenn Sie das so schreiben, krieg ich Ärger mit dem Arbeitsamt."
"Wieso Ärger? Wenn Sie doch auf Ihrer letzten Stelle wesentlich mehr verdient haben, ist das doch kein Problem. Dann kann Sie das Amt nicht dazu zwingen, diese Arbeit aufzunehmen."

"Ja schon..", setzte ich an.
Sie wartete.
"Aber..?"
"Naja, bei meinem letzten Job als Kommissionierer hab ich elf fünfundsiebzig gekriegt.."
"So? Das sind ja gerade mal fünfundsiebzig Pfennig mehr."
"Ja, eben. Können Sie nicht einen anderen Grund angeben, warum Sie mich nicht einstellen?"

Sie rückte die Brille zurecht.
"Was denn für einen?"
Eigentlich sah sie ganz nett aus. Als wäre sie gerade aus dem Bett gestiegen. Verwuseltes Haar, schiefe Zähne. Ist doch schöner als perfekt. Und da war noch dieses neugierige kleine Stupsnäschen, das nun voll zur Geltung kam. Das ganze Gesicht schien nur noch Stups. Und ein bißchen Brille.

"Vielleicht.. dass ich untauglich wäre für den Job?" schlug ich vor.
"Das ist ganz einfache Maschinenarbeit. Das kann jeder." Sie gackerte. "Sogar Sie."

"Hm ja.. oder Sie schreiben, Sie hätten sich für einen anderen Bewerber entschieden. Es haben sich doch bestimmt mehrere Leute vorgestellt für den Job."

"Damit wir uns recht verstehen, junger Mann."
Ihre Stimme bekam einen harschen Klang, als hätte sie plötzlich ihren Kehlkopf durchgedrückt und stünde sich nun kerzengerade selbst im Hals.

"Wir suchen mehrere Mitarbeiter für mehrere Maschinen, und soviel Leute hat uns das Arbeitsamt gar nicht hergeschickt. Den meisten, die hier erschienen sind, ist der Stundenlon zu gering."

Dabei war mir der Stundenlohn noch ziemlich schnuppe. Ich hatte einfach keine Zeit für einen regulären Job. Nachmittags machte ich meinen Kofferträgerjob, und nachts arbeitete ich an der Rezeption.

Die Dinge liefen gut im Sommer 88. Ich war seit gut einem Jahr mit der Gräfin zusammen, die Sonne war draussen, ich hatte Bargeld satt.

Nur wenn ich die Zeitung aufschlug und auf Seite 2 vom nahenden Konjunkturaufschwung lesen musste, wurde mir mulmig. Hätte ja bedeuten können, dass dieser Aufschwung auch für mich ein Pöstchen beinhaltete. Ein sozialversicherungspflichtiges Pöstchen, mein ich.

Davon hatte doch niemand was. Die Arbeitgeber nicht, der Arbeitnehmer nicht, die boomende Konjunktur nicht. Im Gegenteil.

Vor allem ich war zufrieden mit der Situation.

Pünktlich zum Monatsende überwies Nürnberg die Arbeitslosenhilfe auf mein Konto, 700 Mark, das reichte für Miete und Strom und Tageszeitung. Für den Rest, für mein High Life, wie meine Eltern das nannten, jobbte ich im Turmhotel als Kofferträger für amerikanische Reisegruppen, die auf ihrer Heart of Europe Tour Station machten im Bergischen Land, und in der Nacht als Nachtportier.

Im Schnitt kam ich auf zehn bis fünfzehn Nachtdienste im Monat, pro Nacht kassierte ich einen Hunni und pro Koffer einen Dollar fünfzig.

Bezahlt wurde cash auf die Hand und so quollen den ganzen Sommer über Dollars und Deutschmarks aus dem Regal über meinem Bett.
Manchmal erwachte ich mitten in der Nacht wie Onkel Dagobert. Da einen Zwanni, hier zehn Ein-Dollar-Noten.
"Boh eh!"
Dann schlief ich wieder ein.

"Things are really honey", sang ich vor mich hin, und ja, die Dinge waren wirklich Honig in diesem Sommer. Bis eben zu diesem Vorstellungstermin bei Hartchrom Finster im neuen Gewerbegebiet.
Wo ich jetzt vorsprach, im Personalbüro, bei Frau Patzke.

Ich weiss nicht, welcher Teufel mich ritt, aber ich zog meinen Van Nelle aus der Hosentasche und begann mir eine zu friemeln.

Tabak krümelte auf die weiße Tischplatte.

"Ich muss nämlich jeden Job annehmen", sagte ich. "Ich kann gar nicht ablehnen. Wenn Sie also unbedingt wollen, dass ich hier anfange, dann muss ich das tun, wohl oder übel. Sonst sperrt mir das Arbeitsamt die Zahlung."

Frau Patzke starrte auf meine Finger, die die Zigarette rollten. Auf die Krümel. Der Blick verriet Hass. Da war nichts mehr mit Stups.
Ich war zu weit gegangen.

"Also, das müssen Sie schon selbst entscheiden", giftete sie. "Wenn Sie mit 11 Mark Stundenlohn bei einer 40 Stunden Woche zufrieden sind, können Sie hier Montagfrüh anfangen, Punkt sieben Uhr dreißig."

Für sie schien sich das Gespräch dem Ende zu nähern. Und zwar mit riesigen Schritten. Es war eigentlich schon auf dem Gang, das Gespräch.
Ich hörte es trappeln, bis hierhin.

Ich saß in der Falle. Verdammt.. Das war exakt die Situation, die man bei einem Vorstellungsgespräch unbedingt vermeiden sollte. Wenn es nicht vor und nicht zurück ging und man selbst war der Gelackmeierte bei der ganzen Geschichte.

"Elf Mark sind zu wenig", versuchte ich es. "Da bleiben doch gerade mal tausend Mark im Monat."
Ich steckte die fertiggedrehte Kippe und den Tabkak ein.

Frau Patzke zog eine veraltete Rechenmaschine heran und tippte mit flinken Fingern irgendwelche Zahlen ein.
"Ihnen bleiben.. zwischen elfhundertfünfzig und zwölfhundert netto."

Ich griff zur finalen Maßnahme.
"Sie hätten doch gar nichts davon, wenn ich hier am Montag anfange und schon nach zwei oder drei Wochen wieder in den Sack haue."

"Da haben Sie wohl recht", sagte sie und erhob sich rasch. "Davon hätte ich nur ne Menge Papierkram."

Sie ging zur Tür und öffnete sie, flankiert von einer knappen Kopfbewegung: RAUS HIER, FAULER POLAKKE!

Ich schlich davon wie ein begossener Pole.
19.6.08 14:39


Singapur war bombig

Sieben Uhr, 1995.

Nach dem Nachtdienst im Hotel geh ich noch auf einen Kaffee zum Amerikaner. Kaum hab ich Feierabend, schon sitz ich wieder irgendwo rum und sauf Kaffee, als hätte ich das nicht schon die ganze Nacht getan. Aber was soll man machen - ich bin ein Gewohnheitstier. Selbst schlechten Dingen trauere ich hinterher, sobald sie von der Bildfläche verschwinden.

Die Putzkolonne macht sich an die Arbeit, "schulligung", und ein junger Mann grüsst im Vorübergehen.
"Hallo! Schon Feierabend?"
Die dösige Fresse kenn ich doch. Hat der nicht eben an der Rezeption seine Übernachtung bezahlt? Mit Platinkarte? Superlässig?

Mit dem Frühstückstablett in der Hand steuert er den Tisch neben mir an.
"Um zehn geht mein Flieger", sagt er und reisst ein Zuckertütchen auf.
"Lohhausen?" frag ich.
"Genau."

Er lächelt schwul und erzählt von seinem Job beim Weltkonzern M-A-N, wo er beschäftigt sei als technischer Kundenberater. Als einer von weltweit sieben Spezialisten, die sich mit digitalen Druckmaschinen en detail auskennen.

Schon zählt er zwanzig verschiedene Länder auf, von Südafrika bis Südkorea, in die er jederzeit abberufen werden kann.
"Das geht so schnell, so schnell kann ich mich manchmal gar nicht anziehen. Aber in die Karibik geht's nur alle fünf Jahre. Das wird gerecht verteilt auf die sieben Köpfe in unserem Team."

"Aber am liebsten bin ich hier in der Ecke", versichert er.
"Im Bergischen Land?" frag ich verblüfft.
"Nee, im zivilen Europa mein ich. Im Tschad ist mir mal passiert, dass die Eingeborenen vor Einbruch der Nacht kanisterweise Diesel um ihre Hütten kippen und anzünden, um die bösen Geister zu vertreiben. Da ist mir schon mulmig geworden, in meiner Schlafhütte. Das muss ich nicht haben."

"Und da auf dem Dorf gibt es so eine digitale Druckmaschine..?" wundere ich mich.
Er beisst in seinen Cheeseburger und murmelt was von Fundamentlegung und so. Keine Ahnung. Überhaupt wird sein Mund plötzlich schwierig und nuschelt so leise, ich muss mich schon enorm Anstrengen ihn zu verstehen.
Wäre ich nicht so ein fanatischer Zuhörer, ich würde spätestens jetzt Leine ziehen.

"Und Singapur war bombig!"
Sein Mund ist wieder da.
"Saubere Nutten, kein Zigarettenqualm. Und das nur, weil ich den Anschlussflieger nach Seoul verpasst hatte, zum nächsten Auftrag!"

Als ich vom Klo zurückkomme, wo ich mir zum Müdewerden ein letztes Näschen gezogen hab, ist er mit dem Frühstück fertig und merkt, dass er allmählich langweilt. Nicht nur mich, sondern auch die Putzkolonne, die mitgehört hat bis zum Puff in Singapur.

"So. Machs gut", sagt er, plötzlich zum Du wechselnd, und verrät noch, dass er eigentlich im Taunus lebt.
"Aber da kennt mich ja keiner. Also, ich mein, in Caracas kennen mich mehr!"
Was ein Joke, so zum Abschluss.
"Schüssi."
"Ja. Schüss."

Scheisse. Mein Kaffee ist kalt geworden.
23.6.08 16:22


Hundert hastige Schritte

Was gehört neben dem Talent für die Aneinanderreihung gewisser Buchstaben und einem unbedingten Durchsetzungswillen noch zu einer Schriftstellerkarriere dazu?

Finanzielle Schwierigkeiten, richtig.

Erst heut morgen liegt wieder ein Brief in der Post, zwischen den vielen Werbesendungen, die ein Aufkleber auf unserem Briefkasten ausdrücklich verbietet, und, nun ja, ich werde also von meinem Bankinstitut gebeten, mein Konto auszugleichen, bzw. die überschrittene Dispokredit-Linie zurückzuführen: Kaum noch zu erkennen, zugestellt mit roten Ziffern, der Herr!

Die Linie.

Natürlich halte ich zunächst mal die Beine still, ganz wie es in Glumms Leitfaden "Vom Teller zum Wäscher in 100 hastigen Schritten" als erste Sofortmaßnahme empfohlen wird:

1.) Ruhig Blut bewahren und beobachten, wie der Saft des Lebens gemächlich durch die Adern pümpelt.

Dann, im weiteren Verlauf der Mahnwesens, zunehmend darauf bauen, dass durch einen bankinternen technischen Fehler versehentlich zehn bis fünfzehntausend Euro auf meinem Konto landen.

"Das passiert doch immer wieder mal." (VOM TELLER ZUM WÄSCHER, S. 57 ff.) "Davon liest man in der Zeitung alle naselang. Und dass es in all den Jahren bei Ihnen noch nie passiert ist, vergrößert nur die Wahrscheinlichkeit, dass Sie ENDLICH AUCH EINMAL dran sind! Wollen wir doch mal logisch sein! Und dann heisst es nach entbehrungsreichen Wochen: JETZT WIEDER MIT LIVE-BEGLEITUNG IM PORTMANEE, DER HERR!"

Sollte allerdings der bankinterne Transaktions-Fehler ausbleiben, bin ich geliefert. Is klar. Dann heisst es die nächste Zeit einmal mehr Knäckebrot statt ofenwarmer Rosinenschnecken vom Biobäcker.

"Knäckebrot?!" Ich bin empört. "Da kann ich auch gleich den Staub hinterm Bett zusammenkehren und mit Butter bestreichen!"

"Margarine", meint die Gräfin. "Margarine."

Du Scheiße! Auch das noch! VON MARGARINE KRIEG ICH LANGWEILIGE SPUCKE!
24.6.08 14:21


Bulimie

"Ich leide unter einseitiger Bulimie", jammert der dicke Hansen. "Ich kann nur fressen, nicht kotzen."
25.6.08 10:28


Drei zwei

In Basel hatte der Schlußpfiff des Schiedsrichters kaum den Nachthimmel erreicht, schon hörte ich unter unserem Fenster das vertraute Halsbandklimpern von Jacky, dem kleinen weißen Terrier, der jeden Abend Punkt halb elf zur letzten Pipirunde aufbricht, dahinter die Schritte seines Herrchens, einem eher scheuen und stillen Genossen, normalerweise.

Jetzt sang er "Finaale - ohoho - ho" vor sich hin, leise zwar, aber doch erregt vom Fußballkucken im Kreise seines Eheweibes, einer bösartigen Tratschtante, die jedes Mal penisrosa anläuft, wenn sie über einen Nachbarn herzieht, dann ging es los:

Eine Fanfare stiess durch die Siedlung,
China-Böller platzten auf,
FI-NAAA-LEE Gesänge!

In der Oberstadt startete ein Autokorso, lauter noch als bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren.
Es brummte und dröhnte so laut, als stünde ein Rieseninsekt über den Strassen und schwenkte ihr massives Hinterteil.

"Die Molly muss noch mal raus", gähnte die Gräfin und verschwand schon mal im Bett, einer Beduinin gleich mit Handtüchern umwickelt vom späten Baden, (sie hatte keine große Lust auf Fußball gehabt), "denkst du dran?"

Da stand ich also im Garten hinterm Haus und horchte dem Konzert, dieser hitzigen hupenden Riesenwespe, doch erst als die flott ergraute Schnauze von Frau Moll knurrend in die Dunkelheit schnappte, erkannte ich das wahre Spektakel:

Ganze Horden von Glühwürmchen blinkten und funkelten um uns herum, feierten in ihren reflektierenden Trikots den 3:2-Sieg!
Sogar in der Hecke zum Nachbargrundstück saßen die Käfer und leuchteten wie verrückt gewordene, übermütige Altstars. Einer versuchte eine Lichtgrätsche. Das war Berti Vogts.

Frau Moll knurrte.
27.6.08 12:38


27. Juni 08

1
Was ich heute morgen auch sage, sie versteht es falsch.
"Ich krieg meine Tage", klagt sie. "Du musst mädchendeutsch mit mir sprechen."

Schön. Aber dazu muss man erst mal mädchendeutsch denken. Das ist nicht so einfach für einen Buben.
"Ich geh mit dem Hund raus", sag ich.

Auf dem Weg zu den Kornfeldern bleibt Frau Moll abrupt stehen.
BAUMPFLEGE! warnt ein rotes Dreieck, das mitten auf dem Weg steht.

In dem mächtigen Weiss-Ahorn, hinter dem gewöhnlich Frau Molls Klo beginnt, turnt jemand herum, in mindestens zwanzig Metern Höhe.
Es raschelt, und es knackt.

"Somebody’s walking under!" ruft eine energische Frauenstimme.
"Okay-hay!"

Die Frau lehnt an einem weißen Transporter ("Baum und Dach - alles vom Fach!") mit Essener Kennzeichen und lächelt Frau Moll an. Die knurrt nur gedämpft.
Gefährlich gedämpft.

Zwischen den Sicherheitsseilen hindurch, die vom Baum hängen, ziehen wir weiter.

"Is he gone?"
"Yes!"
"Okay-hay!"

Von hier unten lässt sich der Pfleger im Ahorn nicht ausmachen. Man hört bloß die Säge, Blätter trudeln zu Boden. Es knirscht im Geäst.
Und knurrt wie ein ganzes Geschwader. Das ist Frau Moll. Klar, in ihrem Klo wird gearbeitet.
Da wär ich auch stinkig.

Es ist regnerisch, keine zwanzig Grad, halb elf durch.

Auf den Feldern laufen wir eine Runde neben den gallopierenden Palominopferden her, der Boden vibriert. Vielleicht denken die Stuten, es gibt gleich frisches Heu. Sie haben breite gelbe Zähne. Sind das überhaupt Stuten? (Es ist immer so unhöflich, drunter zu gucken.)

2
Rückweg.
Der Engländer ist immer noch hoch im Ahorn aktiv, von der Bodencrew jedoch fehlt jede Spur.

Ich bleib eine Weile stehen, dann rufe ich: "Somebody's walkin' under!" und will losgehen, Frau Moll im Schlepptau.
Keine Reaktion.

"I'M WALKING UNDER!" versuch ich es noch mal, die Hand zum Trichter geformt.
Die Säge setzt aus.
"WHAT??"
"I'M WALKING UNDER! THE MAN.. FROM BEFORE!"
"Ah.. ok-ay.."

Mit britischen Beschneidern auf deutschen Bäumen konnte ich es schon immer gut. No problem. Dann rauscht plötzlich ein Ast von oben runter, verkantet sich im dichten Blätterwerk, löst sich, donnert zu Boden und streift dabei meine rechte Schulter, ein anderer Ast verfehlt Frau Moll denkbar knapp.

"Allright!?" schallt es atemlos von oben herab.
"Someone's hurt?"
"NÄH!" geb ich zurück und seh zu, dass ich Land gewinne.
"Okay-hay!"

Was man als Bub heutzutage alles drauf haben muss, um nicht unterzugehen. Bubendeutsch, Mädchendeutsch.
Baumbritisch.
27.6.08 13:54


Jim Morrison - The Todestag

Meine Vernarrtheit in Jim Morrison und die Doors begann im Sommer 1971.

Ich war elf Jahre alt, hatte krumme Beine vom Kicken, krauses Haar und entdeckte die Magie der Popmusik.
"Riders on the storm" von den Doors hatte es mir besonders angetan.

Eine Single mit Gewitter drauf, und Regen.

Ich kaufte meine 45er bei Radio Palenschadt am Neumarkt. Die hatten schalldichte Einzelkabinen, da konnte man neue Singles probespielen.

Riders on the storm war meine zweite oder dritte Single. Ich hatte von Anfang an einen Tick: in einer unteren Ecke des Plattencovers notierte ich das Kaufdatum.

10. Juli 1971.

Riders on the storm klang düster und romantisch, wie auf schwarzen Wolken. Was man mit elf eben so braucht, um sich wie schmutzige zwölf zu fühlen.
Die B-Seite war auch okay. Changeling.

Was ich nicht wissen konnte: der Sänger der Doors, Jim Morrison, war zu diesem Zeitpunkt schon eine Woche tot. Er war am 3. Juli 1971 in Paris in einem Hotel ertrunken. In der Badewanne. Angeblich. Der herbeigerufene Arzt hatte auf dem Totenschein lediglich "Herzversagen" als Todesursache attestiert. Herzversagen. So was.

Dreissig Jahre später haben Zeugen dieser Nacht sowie der ehemalige Nachtclubmanager Sam Bernett ihr Schweigen gebrochen.

Demnach hat Morrison in der Nacht vom 2. Juli auf den 3. Juli 1971 auf dem Klo der Pariser Discotheque Rock'n Roll Circus eine Überdosis Heroin gesnieft. Das Zeugs war hochgradig rein, ausserdem war Morrison wie immer besoffen.

Als der Nachtclubmanager Bernett ihn auf dem Klo fand, lag er gekrümmt auf dem Boden, Schaum vorm Mund, Blut lief aus der Nase, er atmete nicht mehr.

Man schleppte ihn in Panik zum nahen Hotel, wo Pamela Morrison schon schlief, seine Frau, die drei Jahre darauf ebenfalls an Heroin starb, steckte ihn die Wanne, liess Wasser laufen und versuchte, ihn wieder auf die Beine zu kriegen.

Jeder Junkie kennt das. Kaltes Wasser, Ohrfeigen und Bewegung haben schon so manchen zurückgeholt. (Ich hab solch eine Aktion ein Mal miterlebt und weiß seither, welche Panik alle Anwesenden ergreift. Wohl dem, der jemanden dabei hat, der kühlen Kopf bewahrt.)

Es gibt Fotos, die ein paar Tage vor dem Tod von Jim Morrison aufgenommen wurden und einen aufgedunsenen Säufer auf der Terrasse eines Pariser Cafes zeigen. Wer die Bilder gesehen hat, ahnt: Jim Morrison hat sich totgetrunken, und ob da nun Monsieur Morphium mit in der Wanne gesessen hat oder nicht, spielt letztlich keine Rolle.


Zehn Jahre später, am 3. Juli 1981, wollte ich mit Karlos und Pepe, die genauso vernarrt waren in die Doors, zum Friedhof Pere Lachaise im Osten von Paris, wo Jim Morrison begraben liegt.

Eine Menge Prominenz hatte sich zum zehnten Todestag angesagt, da durften wir natürlich nicht fehlen.

Da Pepe arbeiten musste, nahm er am 3. Juli vormittags den Intercity von Köln nach Paris während Karlos und ich bereits am 1. Juli losgetrampt waren.

Zwei Jungs ohne viel Gepäck in zwei Tagen bis Paris, mein Gott, wir hatten schon längere Strecken in schnellerem Tempo hingekriegt, und das mit dicken Rucksäcken und Totenkopf-Flagge obendrauf.

Wir waren mit Pepe am Pere Lachaise verabredet, am 3. Juli, um die Mittagszeit herum.

Pepe war pünktlich am Grab in der 6. Division und hielt Ausschau nach uns, Tausende von Fans waren pünktlich am Grab, alle waren so verdammt pünktlich an diesem 3. Juli 1981 am Grab von Jim Morrison und stimmten a cappella "My wild love" an, und „Light my fire“.

Sogar die drei verbliebenen Doors waren eigens aus Los Angeles angereist, mit einem Filmteam: Organist Raymond Daniel Manzarek, Gitarrist Robbie Krieger, Drummer John Densmore.

Wer nicht da war? Klare Sache, Karlos und ich.

Zu diesem Zeitpunkt standen wir im strömenden Regen auf einer Kuhwiese irgendwo in Belgien und bauten unser winziges Zwei-Mann-Zelt auf.

Wir hatten Tramper-Pech auf ganzer Linie gehabt. Kaum ein Wagen hatte angehalten, und wenn sich doch einmal ein Fahrer erbarmte und uns mitnahm, dann nur ein paar Kilometer bis zur nächsten Autobahn-Abfahrt.
"Allez!" (Fußtritt.)

So vergingen sage und schreibe zwei Tage. Wir waren die lahmsten Doors-Freaks aller Zeiten und näherten uns Paris mit der Geschwindigkeit schlecht gelaunter Raupen.

Die Stimmung änderte sich erst, als klar wurde, dass es beim besten Willen nicht mehr zu schaffen sein würde. Und von da an entwickelte sich der 3. Juli 1981 noch zum schönsten 3. Juli aller Zeiten.

Karlos und ich auf dieser triefenden Weide abseits einer vielbefahrenen belgischen Autobahn, unter Dauerregen im Mini-Zelt gefangen, von furchteinflössend muskulösen weißen belgischen Kühen umgeben.

Diese Monster niemals aus den Augen lassend erhitzten wir auf unserem kleinen Campingkocher zwei Flaschen billigen Landwein, kippten Zucker dazu und rollten einen kleinen Joint vom letzten Rest Roten Libanesen.

Wir haben gelacht bis wir einschliefen, und noch in der Nacht, als ich wach wurde mit zerfranster Kehle, war ich am Lachen, während Karlos draußen mit den Kühen diskutierte: "Zum Mitnehmen, ja selbstverständlich, die Dame! Können Sie ruhig alles in eine Tasse packen! Ist nicht zu schwer, nein, die Dame! Ich bedanke mich! Ein schönes Fest ist das hier!"

Als wir am nächsten Tag endlich Pere Lachaise erreichten, der Friedhof war abgeschlossen, wir mussten übers Tor klettern, war ausser uns niemand anwesend.
Logisch, ich mein, welcher Penner besucht schon das Grab von Jim Morrison an einem 4. Juli.


Pepe starb Ende Juni 1987 auf dem Klo eines Cafes auf der Münchener Leopoldstrasse an einer Überdosis Heroin. Als er vom Wirt gefunden wurde, lag er gekrümmt auf dem Boden und atmete schwer.

Beigesetzt wurde er am 3. Juli 1987 in Hagen, im Grab seiner Großeltern.


"Das Echteste, was einem passieren kann, ist der Tod auf dem Lokus. Auf dem Lokus kommt es zur Sache. Da spricht dein Körper Tacheles. Der Lokus ist der ehrlichste Ort im Leben eines Menschen." (Die Gräfin)


Pere Lachaise (Virtuelle Tour)
28.6.08 14:13


s



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