Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Wo wichst Mustafa?

Nachtschicht im Turm-Hotel, die siebte hintereinander. Die letzte.
Danach hab ich sieben Tage frei. Nach sechs langen Nächten in die siebte und letzte Nacht eintauchen, das ist, als ob man aus einem langen dunklen Tunnel herausfährt und endlich Licht sieht. Zwar schwach noch und beschädigt von den vorangegangenen Nächten und schier endlosen Kilometern. Dem Schlafentzug. Den Selbstgesprächen.

Der Langeweile.

Aber Licht.

In dieser Nacht, es ist die Nacht von Sonntag auf Montag, verzeichnet die Zimmerliste exakt sieben Gäste: Fünf Chinesen auf Montage sowie ein deutsches Pärchen aus Erfurt, das mal ordentlich bumsen will.

So jedenfalls hat es mir der Chef zu verstehen gegeben, bei der Übergabe, den Daumen zwischen Zeige-und Mittelfinger geklemmt, wie früher vor der Teeniedisco, wenn man vor den Freunden angeben wollte, was man alles für schweinische Zeichen kennt.

Laut Meldevordruck für Beherbergungsstätten handelt es sich bei dem Pärchen um Kati Kösau aus Erfurt plus Begleitung. Sie logieren in Zimmer 16, hier im elften Stock.

Die Chinesen sind schon seit Monaten hier. Wir nennen sie "unsere fünf Wanderarbeiter". Jeden Morgen Punkt fünf Uhr fünfzig stehen zwei von ihnen in der Hotelküche und holen zwei große Thermoskannen voll kochend heißer Milch ab.

"Vergessen Sie morgen früh nicht die heiße Milch für die Chinesen!" meint der Chef immer, wenn er mich um 22 Uhr in die Nacht entläßt.

Einmal haben die Chinesen aus Versehen ein Blatt Papier an der Rezeption liegen lassen, und ich hab es mir fasziniert angeguckt, immer und immer wieder. Wenn man selbst viel Zeit hat in der Nacht, erstaunt es einen, was andere Menschen so an Zeit und Geduld aufbringen, um Schriftzeichen zu malen, also, das finde ich grandios.

Andererseits, wenn man für jede kleine Notiz erst mal die Staffelei aus dem Kofferraum holen und aufstellen muss, ist das auch Scheiße.

Die Nacht von Sonntag auf Montag ist regelmäßig und mit großem Abstand die langweiligste der ganzen Woche. Kaum ein Kumpel ruft an oder guckt auf einen Sprung rein, ein Näschen Schore auf der Tasche. Und es gibt auch keine Laufkundschaft von Sonntag auf Montag wie in den Nächten zuvor, wo Leute um drei Uhr in der Nacht schellen und ein Doppelbett brauchen für ein paar Stunden, ohne Frühstück.

Aus Langeweile schlüpfe ich nach Mitternacht in die Schlappen vom Chef und schlappe den Flur hinab. Wie ein Indianer, der keine Lust mehr hat auf traditionelles Kabelfernsehen. Der mal etwas Abwechslung braucht.
Eine kleine Live-Übertragung.

Vor Zimmer 16 bleib ich stehen. Ich horche an der Tür, frage mich, was das Pärchen aus Erfurt wohl macht. Bumsen, okay. Aber wieso in Solingen. In Köln, ja meinetwegen, oder in Düsseldorf. Liegt beides um die Ecke. Aber ausgerechnet in Solingen? Wer kommt für einen GV nach SG? Einer Stadt, in der man die Hotels an einer Hand abzählen kann, die nachts einen Portier beschäftigen? (Und wo es nicht schadet, wenn ein Finger fehlt.)

Ich höre eine Männerstimme aus dem Zimmer. Undeutlich. Ich muss schon näher ran, mit dem Ohr. Ah, der Herr und die Dame tummeln sich im Bad. Sie schäkern ausgelassen, während im Bad das Badewasser einläuft. Er redet irgendwas von seinem Hund, "ein ganz aktiver Bursche, der ist den ganzen Winter steif" und "ist doch logisch, dass ich schwimmen gehen will, wenn ich schon mal in einem Fünf-Sterne-Hotel bin!" Darauf folgt ein kieksendes Frauenlachen, vermutlich von Kati Kösau, Erfurt, zur Zeit Solingen, Zimmer 16, elftes Stockwerk, Turm-Zentrum.

Die Beiden kennen sich noch nicht lange, jede Wette. Spannung liegt in der Luft und wabert unter der Türritze her, es riecht nach hoteleigener Seife.

Das Badewasser wird abgestellt. Plötzlich schnelle Schritte. Ich weiche einen Schritt zurück und hebe hastig die Hand, den Mittelfinger gekrümmt, so als wolle ich gerade anklopfen. Falls die Tür sich öffnen sollte.
Man weiss ja nie.

Man planscht.

Zwischendurch hab ich zu tun. Fünf Uhr. Der Bäckersbursche ruft an und nimmt die Brötchen-Bestellung entgegen. Und kaum hab ich aufgelegt, klingelt das Telefon wieder. Ein Kumpel von mir. Der dicke Hansen. Ob ich Lust habe mitzukommen zum Konzert von Link Wray. Die Gitarren-Legende spielt in Köln, am Dienstagabend. Eigentlich kenne ich gerade mal den Namen. Link Wray. Schöner Name.

Nach dem Telefonat schleiche ich wieder den Gang runter.

Zimmer 16.

Das Badewasser gluckert im Abfluss. Na, super. Danke Bäckersbursche, danke dicker Hansen. Das Live-Baden hab ich schon mal verpasst. Ich meine, die beiden haben es garantiert in der Wanne getrieben.

"..aber nicht lachen, ja? Dann geht's nämlich nicht!" japst Kati Kösau aus Erfurt.

Ich hab keine Ahnung, worum es in dem Zimmer geht, was da drin für eine Sauerei vor sich geht, doch plötzlich macht es KLACK! Ein Lichtschalter wird angeknipst, mir fährt wieder ein Riesenschreck in die Knochen. Wenn jetzt die Tür aufgeht, steht da der Nachtportier mit langem Ohr und Kati Kösau, Stressbiene aus Erfurt, in Begleitung irgendeines Zweimeter-Heinz, schreit erschrocken auf.

"SCHNAPP DIR DAS SCHWEIN, ZWEIMETERHEINZ!"

Das muss ich nicht haben, einen Eklat in der letzten, der siebten Nacht, wo der Tunnel endet und der neue Tag sich zaghaft schon zeigt. Ich ziehe mich zurück ins Büro hinter der Rezeption. Da passiert wenigstens nichts.
Da ist es friedlich. Da werde ich bezahlt fürs Totsein im Chefsessel vorm Kabelfernseher und Aufpassen auf nichts.

Ich könnte mich natürlich auch ein Stündchen aufs Ohr hauen. Doch plötzlich zieht Wind auf und umtost den hohen Turm, schickt sogar etwas Eisregen vorbei, der im elften Stockwerk gegen die breite Fensterfront klimpert wie verirrte Silvesterraketen.

Ist das laut.

Ist das öde.

Noch fünf Stunden, dann ist die Nacht um.

Fünf Stunden können lang sein.

Fünf Minuten später. In der Hocke, vor Zimmer 16. Ich gucke durchs Schlüsselloch, obwohl die Schlüssellöcher blickdicht sind.

Man kann es ja mal versuchen.

Dann sagt der Typ in Zimmer 16, ich hab immer noch keinen Schimmer, wie er aussieht, einen ganz wunderbaren Satz, den ich so unterschreiben könnte. Der Satz fällt, als Kati Kösau ihm einen Pickel auf der Nase ausdrücken will.

"Laß den Scheiß, Kati", murrt er. "Der fällt doch von ganz allein ab."

Was ein Satz! Den möchte ich haben. Der fällt doch von ganz allein ab! Genial. Vielleicht können die Chinesen mir den abmalen!

"Der fällt doch von ganz allein ab!"

So soll es sein.

Auch Kati Kösau gackert, sie kriegt sich kaum wieder ein in Solingen.

"Mhaaa.."

Eigentlich kommt sie ja aus Erfurt.

Drei Minuten später.

"Ist das ein Wind hier."

Eine Tür fällt ins Schloss, irgendwo in den oberen Etagen, und mir rutscht mal wieder das Herz in die Hostie. Äh.

Noch eine Minute später.

"Mustafa, pass auf."

Ah. Mustafa. Den Namen hätten wir schon mal..

Die Stimme von Kati Kösau bekommt plötzlich einen barschen Ton.

"Da musst du aufpassen, echt, Mustafa. Der braucht doch nur hier reinzumarschieren und schon kann er dich problemlos vierundzwanzig Stunden lang festhalten!"

24 Stunden.. festhalten? Freund Mustafa hat krumme Geschäfte am laufen. Die Schmiere auf den Fersen. Deswegen versteckt er sich in Solingen. Die Sache wird interessant. Aktenzeichen XY. Was ist da los?

Ich kann es euch sagen, was da los ist: Geräusche sind da los. So raschelnde Geräusche, die entstehen, wenn Leute sich ankleiden. Das Plaudertäschchen aus Erfurt und der Schwerkriminelle scheinen sich ausgehfein zu machen.

"Mustafa, sag: Wo wichst du?" fragt Gabi ihren Lover aus dem Maghreb.

"Was?! Wie bist du denn drauf?" antwortet Mustafa dunkel, aber freundlich.

"Ach, komm, Mustafa! Sag, wo wichst du am liebsten?!"

"Wie bist du denn drauf. Na, wo wohl. Im Bett natürlich."

"Aha. Im Bett. Und wo sonst noch? Auf der Autobahn? Beim Fahren? Wichst du beim Fahren auf der Autobahn, Mustafa? Gib's zu. Das macht dir doch Laune.. Komm, erzähl. Abspritzen auf der A 46, oder! Mustafa, sag! Wo wichst du am liebsten!"

(Mustafa lacht.)

"Oder vorm Spiegel? Im Stehen? Bestimmt! Ja? Mustafa wichst vorm Spiegel im Stehen, die alte Pottsau! Ahahaa!"

Plötzlich eilige Schritte in Richtung Zimmertür. Ich, auf Schlappen, spurtstark den Gang runter, ins Büro, wo ich wie blöde am Fernseher fummle, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, ich könnte sie belauscht haben. Aber Blödsinn. Die Beiden sind so mit sich beschäftigt, die haben nichts davon mitgekriegt, dass ich auf Schlappen den Gang hochgespurtet bin...

Sie latschen an der Rezeption vorüber. Ich hab Herzklopfen. Ich hab sie heimlich belauscht.

Ich seh sie durch die offene Tür Richtung Fahrstühle verschwinden.

Kati Kösau trägt Lederjacke und Jeans, eine kleine emsige Person. Mustafa, öliges Haar, pechschwarz, okay aussehend.

"Steckst du den Schlüssel ein?" sagt sie zu ihm.

Dann sind sie im Aufzug verschwunden. Der Wind pfeift vorm Fenster, mit einer kleinen Eisrakete.

Wo Mustafa..?

Nein. Ich weiß es nicht.
2.4.08 12:48


Andreas Glumm liest Gedichte

Im April 1983, einen Monat bevor ich mit Karlos nach Portugal reiste, erschien im Tageblatt eine winzige Vorankündigung unter Vermischtes:

Andreas Glumm liest Gedichte in Kerry's Antiquitätenladen, Wupperstr.

Das war allerdings nur die halbe Wahrheit. Die Gedichte stammten zwar von mir, gelesen wurden sie aber von Karlos. Der hatte eine ritterliche Stimme und trockene Hände, er war ja Schauspieler.

Eines meiner frühen Gedichte hieß: DIE FISCHANGST MEINER HÄNDE. Ich finde es nicht mehr. Es ist verloren. Ich hab sogar auf dem Speicher gesucht, in dem staubigen alten Koffer, doch es ist weg.

Das Poem endet damit, dass ich wach werde und einen Fisch reite mit einem großen Busen. Daran erinnere ich mich.
Das Ende war gut.

Eine Handvoll Freunde und Angehörige erschien an diesem Nachmittag in Kerry's Antiquitätenladen. Der dicke Hansen war da, sein Bruder, mein Bruder, meine Schwester, mein Schwager, Pepe, Pepes Bruder, der Bruder von Karlos, Schnaat, (der hatte keinen Bruder). Nur Schwestern. (Die waren aber nicht da.)

Kerry war auch da, logisch. Kerry, der Gastgeber, der kürzlich gestorben ist, im Alter von fünfzig Jahren.
Ein paar Tage vor seinem Tod hab ich ihn noch in der Stadt getroffen.

Er sah gut aus, wie lange nicht mehr. Er hatte die Hände voll. Links einen Strauß Rosen in Blumenpackpapier, rechts einen Fisch in Fischeinwickelpapier.
"Kerry!" rief ich. "Wohin?"
"Nach Hause", sagte er gutgelaunt.
"Oh. Machst es dir gemütlich, wie?"
"Sicher", strahlte er. "Den Fisch in die Blumenvase, die Vase auf die Heizung, halbe Stunde voll aufdrehen, fertig ist der Budenzauber."

Budenzauber war das letzte Wort, das ich aus seinem Mund gehört hab, und drum herum saß ein Strahlen.
Paar Tage später setzte sein Kreislauf aus, auf dem Sofa vorm Fernseher, neben seiner Mutter.

1983 stand mitten in seinem Antiquitätenladen eine Werkstatt-Leiter. Karlos hockte auf der obersten Sprosse und las die kleinen Gedichte, in denen ich durch den Weltraum spaziere, "..wo die Ewigkeit nistet..", oder in der Pommesbude stehe, als meine Ex auftaucht, im Schlepptau ihren schnieke Fritz.
Am Ende blutet mein Herz und im Bauch die Currywurst.
Das Ende war gut.

Nach dem letzten Gedicht kam meine große Schwester strahlend zu uns herüber und machte eine Riesenpulle Sekt auf.

In gewisser Weise saufe ich heute noch davon.
3.4.08 15:08


LSD

Die erste Linse hab ich mir 1977 mit Pepe geteilt. Eine Yellow Sunshine. Wir waren schon seit Monaten dahinter her gewesen, doch der große Bruder von Pepe hielt uns hin.

"Ein Trip ist nicht wie Kiffen", warnte er. "Das kann schwer ins Auge gehen. Dafür muß man mit jemand zusammen sein, dem man vertrauen kann. Wartet ein bißchen. Wenn ich noch mal Yellow Sunshines in die Finger kriege, halte ich euch eine zurück."

Yellow Sunshines, soviel hatten wir schon gehört, galten als die Könige unter den LSD-Trips.
Sanft, lang anhaltend, wenig Halluzinationen, kein Speed.

"Was denn, keine Hallus..!?" sagten wir verstört.
Der Bruder von Pepe lachte.
"Wartet nur ab.."

Er war gut im Geschäft damals. Er überfuhr Limousinen in die Türkei, und auf dem Rückflug brachte er Grünen Türken mit. Gepresste Platten, eng am Körper.

Erwischt haben sie ihn erst ein Jahr später, im Bee Gees-Sommer 78, als Pepe und ich ihn in an der Cote d'Azur besuchten, wo er mit Freunden Urlaub machte. Da kassierten ihn die französischen Flics, wegen einer dummen Bemerkung zur falschen Zeit.

Er hatte sich extra für den Urlaub einen VW-Bus ausgeliehen und den Unterboden mit 300 Gramm Türken präpariert. Nur so, zum Eigenverbrauch.
Wir gerieten an einem heissen Nachmittag in eine Polizeikontrolle.

Den Flics von St. Tropez waren wir ein Dorn im Auge. Deutsche Hippies, die sich den ganzen Tag den Bauch hielten vor Lachen und irgendwie nicht wie Nazis aussahen, das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen.

Als man uns aufforderte auzusteigen, beging einer der Freunde von Pepe's Bruder den verhängnisvollen Fehler.
Weil er Angst hatte, die Schmiere würde das Versteck entdecken, zischte er leise, aber vernehmbar, "Scheiße."

Sofort sprang ein französischer Bulle hinzu. Er sprach ein paar Brocken deutsch.
Wichtige Brocken.
"Wieso Scheisse? Wieso sagen Sie Scheisse..?!"
Der Freund von Pepes großem Bruder schwitzte. Wir schwitzten alle.
"Weil.."

Ihm wollte einfach nichts einfallen, und so hing dieses kleine "weil.." in der flirrenden südfranzösischen Luft wie ein winziger Vagabund, der nur eines im Sinn hatte: Flucht.
Die Schmiere direkt hinterher.
"Warum sagen Sie Scheisse, he!!?"

Sie haben den Wagen auseinander genommen, mitten in St. Tropez, bis zur letzten Schraube, und die beschissenen 300 Gramm natürlich gefunden.

Nach einem Nachmittag auf dem Revier durften Pepe und ich gehen, nicht ohne Stadtverbot zu erhalten, für St. Tropez und das angrenzende Departement.

Pepes Bruder wurde später zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt, eine für französische Verhältnisse geradezu lächerliche Strafe, was er nur seinem Vater zu verdanken hatte, der ihm den besten Verteidiger besorgte, der damals für Geld zu haben war.
Und für Geld war alles zu haben.
Auch damals.

Zum Beispiel eine Yellow Sunshine für zehn Mark.

An einem Frühlingstag war es endlich soweit.
"Bleibt auf jeden Fall zusammen, egal was passiert, und geht raus in die Natur", sagte sein großer Bruder noch, als er uns die winzige gelbe Tablette überreichte. "Bleibt bloß nicht im Zimmer hocken."
Dann wünschte er Pepe und mir einen angenehmen Flug.

Wir entschieden uns für den Wald am Hippergrund. Da, wo ich heute mit der Gräfin wohne und täglich Frau Moll ausführe, oder doch beinahe täglich.
Und ab und zu, wenn ich am Treppenbach stehe und das Wetter ist schön wie an diesem Frühlingstag 1978, seh ich uns wieder vor mir.

Wie wir den Trip, oder die Linse, wie es damals hieß, teilten und durch den Wald spazierten, Seite an Seite.
Es dauerte eine Stunde, dann ging es los.

Wenn man noch nie LSD genommen hat, erwartet man natürlich gewaltige Farb-Explosionen, oder dass man wie die Versuchs-Spinne in dem berühmten Experiment abgefahrene Netze häkelt, tatsächlich kam es ganz anders.

Es war, als besuchten wir Shangri-La. Das Land der Ruhe. Der Klarheit.
Wo der Strom aus milden Steckdosen fliesst.

Fulminant milden Steckdosen.

Ein organisches, federndes Gefühl bemächtigte sich unserer Körper, bis in die Fußspitzen, und obwohl Pepe und ich kaum ein Wort miteinander redeten, war völlig klar, dass wir exakt gleich empfanden.
Ein Phänomen, dass ich auch bei späteren Trips feststellte, solange jedenfalls, wie die Trips gut verliefen.

(Eins der irrsten Erlebnisse auf einem späteren LSD-Trip: wie ich und der Bruder vom dicken Hansen nebeneinander auf dem Klo hockten und kackten. Es war, als wollte die Wurst überhaupt nicht enden, als scheidete ich ein ganzes Planetensystem aus, mit einem Schweif anderer Planeten hintendran.
"Ich verrichte eine Geburt!"
"Bäh", blähte der Bruder vom dicken Hansen.)

Pepe und ich erreichten die Wiese am Theegarten, über die der Klauberger Bach plätscherte. Der Treppenbach. Wir liessen uns im Gras nieder, machten uns lang, die Ohren nah am Bachlauf.

Das Sprudeln des Wassers klang so stark und intensiv, als senkten sich riesige Tonarme in die Rille einer Geräusche-Platte und spielten sie nass ab. Es gluckste und tröpfelte und giggelte in den Ohren, als liefe der Bach mitten durch mein Gehirn in das Gehirn von Pepe und wieder zurück in mein Gehirn, wo es aus dem Ohr zurück in den kleinen Bach gluckste und giggelte und..

Wir lachten wie Blagen im Sandkasten.

Wir teilten ein Salbeibonbon, das schmeckte, als würde man mit dem Mund in der Badewanne sitzen.

Wir ruhten nebeneinander auf der Wiese und schauten in den Himmel, wo die Maisonne stand, als großer gelber Bombenkopf.

Wir spielten Sonneverschieben:

Blickten wir nach links, stand die Sonne links am Himmel, blickten wir nachts rechts, rutschte sie nach rechts. Es genügte ein Wimpernschlag, und der große gelbe Fixstern rückte in die entfernteste Ecke, oder wo auch immer wir ihn sehen wollten.

"Meine Sonne schlägt Purzelbaum", wisperte ich.
"Kuselkopp", antwortete Pepe. "Meine macht Kuselkopp."

Der Trip dauerte bis in den Abend. Es war wie nach dem Sex, wenn man geflutet ist von Entspannung und verbunden durch ein gelbes chemisches Band schlenderten wir durch Hofschaften, wo sich die Sonnenblumen vor uns verneigten, lange dünne Richtmikrofone, die alles aufzeichneten für die Ewigkeit, bis halb acht, und uns beglückwünschten.

(Summte einer von uns beiden ein Lied, baute sich im Kopf des Anderen schon die Fortsetzung auf.
Es war, als hörten wir Lieder, die es nicht gab. Niemals geben würde. Unsere Lieder.)

"Peyh-oh!...", flackerte Pepe.
4.4.08 11:03


Es gibt immer
etwas zu schreiben. Es
fällt einem nur
manchmal
nicht ein.
7.4.08 14:39


Neugier ist mein erster Wohnsitz

"Den Tag werd ich nie vergessen!" hat Karlos mir mal vorgeschwärmt.
"Obwohl ich mich an nichts erinnern kann.."

Welch ein Satz!
Welch ein Treffer!
Welch hochrangiger Gast im Landstrich Lakonia!

Tatsächlich hat mein alter Freund Karlos damit die Grundschwierigkeit jedes Menschen angesprochen, der zu schreiben versucht:
Das verfluchte Vergessen.
Das Sichnichterinnernkönnen.

Wie viel abertausend Erlebnisse schon abgetaucht sind auf den Grund meines Gedächtnisses, wo Schwarze Raucher sitzen und alles aufrauchen, was nicht niet-und nagelfest gepeichert ist im Notizbuch, in ganzen Sätzen, am besten, und gegen das Vergessen mit einem passenden Wie-Wort unterfüttert.

Erst wenn mir Jahre später solche Geschichten im Notizbuch begegnen, nur zufällig, weil ich eigentlich etwas ganz anderes gesucht habe, öffnen sich plötzlich Türen und vage Erinnerungen stehen auf der Matte und warten mit großen Augen darauf, in die gute Stube gebeten zu werden.
"Halunke..! Komm rein. Erzähl."

April 1995.

Ich stand in der "Kichererbse", einer neu eröffneten Kebap-Bude am Rande der Innenstadt. Ich war der einzige Gast, und ich bestellte einen Kebap-Teller mit gemischten Gefühl und Reis. Gefühl?
Wie, Gefühl!?
Da steht "gemischten Salat und Reis", nicht Gefühl und Reis.
Manchmal liest das Auge im Notizbuch, was es lesen möchte, begünstigt von meiner kritzligen Grundschulklaue.

"Wie schmecken eigentlich Kichererbsen?" fragte ich neugierig den Türken hinter der Theke.
(Neugier ist mein erster Wohnsitz.)
Er blickte überrascht hoch.
"Anders als normale Erbsen?" setzte ich nach.

Er war etwa so alt wie ich, Anfang bis Mitte dreissig, und kratzte sich am Hals.
"Anders, ja, wie soll ich sagen..?"
Er rang nach Worten.
"Süßer?" versuchte ich es.
"Süßer, nein.. kann ich nicht erklären, hier, mußt du probieren."
Er schaufelte ein paar Kichererbsen auf meinen Teller.
"Hier, probier."

Ich schob zwei Erbsen auf die Gabel.
Er beobachtete mich.
"Gut?"
"Mh. Bißchen mehlig. Ja.. mh.. Mehl."

Wir kamen ins Gespräch. Er war kein Türke, er war Araber, und seit knapp drei Jahren in Deutschland.
Ein Flüchtling.
"Woher?"
"Aus Gaza."
"Gaza..? Ach du Scheiße."

Im Gaza-Streifen hatte erst wenige Tage zuvor ein Israeli mit einer Maschinenpistole in eine betende Palästinenser-Menge gehalten, es hatte 75 Tote gegeben.
Ein Blutbad.
"Schmeckt klasse", lobte ich, "der Teller hier."
Ausser dem Mehl.
"Ja, das Fleisch ist ganz frisch und die Gewürzbeilage nach einem Rezept meiner Mutter."
Dann legte er los.

(Die Leute fassen in der Regel schnell Vertrauen zu mir. Man erzählt mir Dinge, man glaubt mir.
Und kaum dreht ihr mir den Rücken zu, schreibe ich über euch.)

Er erregte sich über die Israelis, die die Palästinenser in Gaza wie Tiere behandelten.
"Wir zahlen Steuern, aber wir haben keine Rechte. Wir dürfen nicht ausreisen, wir bekommen kein Arbeitslosengeld, wir dürfen nur arbeiten, arbeiten, arbeiten. Wenn wir Glück haben und Arbeit finden. Und wehe, du kuckst einen israelischen Soldaten schief an, dann wirst du sofort erschissen...!"
"Erschossen", verbesserte ich, ansonsten überrascht, wie gut deutsch er sprach.
"Erschossen!"

Zwischendurch kam Kundschaft zur Türe rein, die ohne Ausnahme Pommes mit Currywurst verlangte, zum Mitnehmen, mit Mayo, Meister.

Als wir wieder allein waren, sagte er:
"Ich bin Politiker."
Das saß.
Hatte ich diesen Satz jemals aus dem Munde eines gleichaltrigen Deutschen gehört, "Ich bin Politiker"?

Nein, natürlich nicht. Wir leben in einer wehleidigen angepissten Gesellschaft, nur am Stöhnen, wie schlecht es einem geht.
"Hart im Nehmen?!"
"Weich, Baby!"

Wer klagt, will nicht Politiker sein. Und ich bin auch nicht besser. Ich will auch nur mein verpimpeltes de Luxe-Leben weiterleben. Ich bin niemand, der neue Dinge anschieben möchte. Der sich einsetzt für sein Volk. Für eine Idee. Für Gerechtigkeit.
Für..

(Andererseits leben wir auch nicht in einem Gefängnis, das eigentlich unser eigenes Land ist.)

Als ich ihn fragte, warum er aus Gaza geflüchtet sei und ob er jemals zurückkehren wolle, wich er aus, und plötzlich war da dieser militante Blick.
Das war kein plaudernder Imbißblick mehr.

Ich war wieder mit meinem Teller beschäftigt und ließ ihn in Ruhe, als er zögernd mit der Wahrheit über die Theke kam:
"Zuhause muss ich 399 Jahre ins Gefängnis."
Meine Gabel stand in der Luft.
"399 Jahre? Was bedeutet das? Viermal lebenslänglich?! Fünf Mal?! Wieso?"

Die ganze Geschichte wollte er partout nicht herausrücken, ausser dass bei einem Schusswechsel vier israelische Soldaten ums Leben gekommen seien, und er sei daran beteiligt gewesen.
"Es war Notwehr!" beteuerte er.
Er selbst war auch mehrfach getroffen worden.
"Eine Kugel hab ich heute noch im linken Bein."

Nach dem Tod der vier Soldaten waren alle Krankenhäuser in Gaza streng überwacht worden, er konnte sich nirgends behandeln lassen.

Eine Woche später steckte ihm ein ranghöheres PLO-Mitglied ein gefälschtes Visum zu, mit dem er über Norwegen nach Deutschland flüchten konnte, wo er nun mit einer Deutschen verheiratet war.

Zum Nachtisch nahm ich ein Yes-Törtchen. Die gab es damals noch. Ein Nuß-Törtchen.
9.4.08 11:56


Endlich wieder Pudding!

„Weißt du, wen ich lang nicht mehr gesehen hab?“ frag ich die Gräfin.
„Nö.“
„Den Pudding."
„Stimmt. Ja.. Ich auch nicht.. Ist bestimmt ein halbes Jahr her. Ach was, länger. Da war noch Sommer.“ Sie blinzelt belustigt. „Als er versucht hat mit mir zu flirten.“
„Hm, ja“, sag ich. "Hast du erzählt."
Richtig aufdringlich war er geworden.
Hat sie erzählt.
„Aufdringlich..? Na, er hat sich bei mir untergehakt, ein paar Meter. Mehr nicht.“
„Mh. Der soll die Flossen bei sich behalten.“

„Ach, der ist einsam, der Pudding“, verteidigt sie ihn. Es gibt kein Gesicht, das sie so gerne malt wie seins. „Hat der eigentlich jemals ne Frau gehabt?“
„Keine Ahnung. Glaub nicht. Nee. Ich kenn den Pudding nur solo.“
„Dabei hat er so treue braune Augen. Gutmütige Augen. Aber er ist zu schüchtern. Ich mein, der spricht doch keine Frau an. Traut er sich doch gar nicht.. Oder?“


Der gute alte Pudding. Marschiert seit Menschengedenken in seinem Deutschlandparka durch die Nordstadt und beschwert sich über Gott und die Rasspe AG und die Welt, die alle drei keine Gnade kennen und ihn fallen gelassen haben.

Gut. Am Wochenende holen ihn schon mal ehemalige Arbeitskollegen zum Angeln ab und sie fahren zum Rhein runter.
Die Stelle bei Hitdorf ist ein Geheimtipp.

Sie fischen Brassen. Im Sommer ködert sie Pudding mit Kellog's Honig Smacks, im Winter mit Maden, extra in Maggi gewälzt.
"Da drehen die Brassen durch. Da beissen die an wie bekloppt. Für die ist Maggi eine Schlemmermahlzeit. Hähä, haben sie natürlich Pech."

Pudding hat ein schräges, aber freundliches Gesicht ohne viel Zähne und so Brimborium.
Er trägt es ganz in Leder, in der Regel mit einer Roth Händle aufgehübscht, ohne Filter.
Der Scheitel auf seinem Kopf trennt das Fett der einen vom Fett der anderen Kopfhälfte.

Warum der Pudding Pudding genannt wird?
Keine Ahnung.
Ich hab ihn das niemals gefragt.
"Sag mal, Pudding - wieso heißt du eigentlich Pudding?"
Blöde Frage.


„Weißt du, was sein Problem ist? Er sieht aus wie ein Kindermörder“, sag ich zur Gräfin. "Als würde er i-Dötzchen fressen."
„Der Pudding? Nur weil er so schräg aussieht? Blödsinn. Schräge Figuren fressen keine Kinder. Im Gegenteil. So was machen die Milchgesichter, keine Puddings. Was hat der eigentlich früher gearbeitet?"
„Der war Werkzeugmacher“, sag ich. „Und am Wochenende hat er im Puff am alten Nordbahnhof rumgehangen..“
„Im Puff? Als was? Hausmeister?“
„Nee. Als Ficker vor dem Herrn.“
„Du redest Quatsch.“
„Nee, das stimmt. Wenn einer Nutte nach einem richtigen Kerl zumute war, nach all den Papis, die nur auf ne schnelle Nummer aus waren, das Pepita-Hütchen noch auf dem Kopp, dann musste der Pudding ran. Hat er jedenfalls erzählt, damals.“

Sie bricht in Gelächter aus.
„Der Pudding..! Was ein Vogel.“
„Ja“, sag ich. „Aber der soll seine Flossen bei sich halten.“


Dann, gestern Mittag. Ich geh nach der Arbeit der Korkenziehertrasse entlang, kommt mir ein Mann entgegen.
Der Pudding, denk ich. Da isser.
Tatsache.

Doch dann ist der Mann bis auf ein paar Meter heran, und ich sehe, er hat mit Pudding lediglich die Statur gemein und den schweren schleppenden Gang einer alten Blues-Nummer. Aber sonst? Nichts. Keine Roth Händle im Maul, kein Spruch auf den Lippen, nichts.
Ne normale deutsche Gurke.

Dann – heute Mittag - gleiche Situation, gleiche Uhrzeit, gleiche Höhe auf der Korkenziehertrasse: Wieder kommt mir einer entgegen, der aussieht wie der Pudding.. Ungelogen! Aber diesmal ist es Pudding!

Als er mich erkennt, wechselt er die Spur. Er grinst.
„Och, nee!“ sagt er, und die Hand kriecht aus seinem Parka wie ein verschorftes Reptil.
„Pudding!“ sag ich. "Das wurde aber auch Zeit!"

Wann immer er mir über den Weg läuft, hat Pudding eine Zigarettenkippe in Arbeit, die niemals qualmt und doch nicht aus ist. Er ist Lucky Luke, er ist der poor lonesome Cowboy, Hartz 4, und die Beine sind sein treuer Gaul Jolly Jumper.

„Der alte Pudding“, wiederhole ich strahlend seinen Namen, den sag ich so gern, den Namen, wer heisst schon Pudding mit 49 Jahren und hat auch nichts dagegen, so gerufen zu werden, „wie isses? Lang nicht mehr gesehen.“

Sein Hals ist faltig geworden wie Buttercreme, die am Rande der Torte herunter gelaufen ist und sich überlappt.
Eine müde, vertrocknete Torte.
Großartig.

„Ich komm doch kaum noch vor die Tür, seit ich keinen Wagen mehr hab.“
„Du hast keinen Wagen mehr?“
„Hab ich doch abgemeldet. Keine Flocken mehr für Benzin. Und zu Fuß bin ich auch nicht gut. Das Bein. Und hier, Asthma. Weißt du doch.“

Mit jedem Wort rollt die Zigarettenkippe ein Stück mehr nach rechts, bis sie im Mundwinkel landet und die Reise von vorn losgeht, zum entgegengesetzten Mundwinkel.
Die sind immer unterwegs, die Fluppen vom Pudding.
Die qualmen nicht und sind doch nicht aus.
Die haben ein Leben.

"Ohne Auto und schlecht zu Fuß, da kommst du kaum noch vor die Tür.“
Er kaut zornig auf der Kippe.
„Hm.. Und was ist mit Angeln?“ frag ich.
„Was soll sein mit Angeln? Geht ja nicht, ohne Wagen.“
„Deine Kumpel können dich doch mitnehmen.“

Seine Nase ist mit der Zeit so enorm krumm und lang geworden, dass sie beinahe in seinen Mund reicht. Als versuche die Nasenspitze, ins Maul reinzuwachsen, damit sie auch mal ziehen kann an der Kippe, die niemals brennt, aber immer an ist.

Als ich jetzt "Kumpel" sage sinkt sein Hals tiefer in die trockenen Schluchten, und die Ohren zucken wie riesige rote Fische, die man zurück ins Wasser wirft, weil sie geschützt sind. Weil es nicht mehr viele von ihnen gibt. Die laufen kaum noch rum.
Die sterben aus.
Die haben kein Leben mehr.

„Mein Bruder hat mich letztes Wochenende zum Rhein gebracht, nach Monheim. Zum Nachtangeln. Scheiße, hat das geschüttet. Zwei Tage und eine Nacht, nur geschüttet. Ich hab das Wasser bis zum Campingstühlchen im Zelt gehabt. Nee, ich war froh, als der Frank mich Sonntagabend wieder abgeholt hat. Alles stank nach Müll. Scheiße.“

Die Gräfin hat mal erzählt, dass sie vor ihm gestanden hätte und am liebsten sein Klassegesicht vom Hals gebrochen und mit nach Hause genommen auf die Staffelei, um es bis ins Detail abmalen zu können.
"Das war ein starkes körperliches Verlangen. Dem Pudding das Gesicht vom Rumpf zu reissen."

Ein junges Ding radelt auf der Korkenzieherbahn an uns vorüber, sexy 15 und auf dem Weg zur Chemie-Nachhilfe.
Der arme Pudding schielt ihr so großspurig hinterher, dass ich es auch ja mitkriege.

Jetzt kommt ein Pudding-Spruch, garantiert. Fragt sich nur, welcher.
„Schöner Arsch, ne?“ heiz ich ihn an. „Knackt wie im Unterholz.“
Pudding winkt ab, und die Kippe macht einen Satz.
„Näh, zu jung, die Kleine. Mit der kannst du nur ne Propellernummer machen. Kennst du?“

Er demonstriert, das er nichts verlernt hat: Ne Propellernummer, da wird die Frau auf den Pimmel geschraubt und angeschoben bis sie langsam an Fahrt gewinnt und immer schneller wird, wie bei einer alten Propellermaschine, bis zum Schluss die Puppe durchdreht und vom äh Hocker fliegt..
„Pschiijuuhhh..! Wie bei Hoppe hoppe Reiter!“

Dauert aber nicht lang, und er wird böse. Böse aufs Arbeitsamt, weil die immer noch nicht gezahlt haben. Obwohl doch schon der Siebte ist, und „die müssen doch am 31. zahlen, die Schurken! Oder nicht!?“
„Klar“, sag ich. „Noch keine Kohle drauf?“
Er schüttelt den Kopf.

Böse auf die Autoversicherung, die hat auch noch nicht gezahlt, obwohl er den Wagen schon Anfang des Jahres abgemeldet hat, „da müssen die doch langsam mit der Erstattung rüberkommen, bestimmt zweihundert Euro.“

Böse auf den Vermieter, eine Verwaltungsgesellschaft. Die hat doch versprochen neue Fenster einzubauen, nach über zwanzig Jahren.
„Und was machen die Brüder? Bauen nur ein Fenster ein statt direkt alle drei! So Plastikfenster da!“
„Thermopane?“
„Nee, Plastikfenster! Die Bude schimmelt seit zwanzig Jahren, und was machen die Brüder?! EIN Fenster! Nicht DREI!“

Als das Gemoser und Gemotze und Demonstrieren von Buschgröße kein Ende nimmt, bin ich dran mit der Wahrheit.
Ich meine, ich muss ja auch sehen, wo ich bleibe.
„Pudding, ich hab Hunger. Meine Puppe wartet zu Hause mit dem Essen.“
"Ja gut", sagt er, denkt aber nicht daran, mich ziehen zu lassen. Er motzt weiter (noch mal Autoversicherung HUK Coburg und Vermieter), bis ich schließlich, langsam aber bestimmt, losmarschiere.

"Grüß mir deine Frau", sagt er endlich.
"Mach ich, Pudding."
„Ich hab ja jetzt auch eine zu Hause."
"Was?"
"Ne Puppe."
"Och.. Ist wahr?"
"Klar, Chica. Wenn die mir auf den Sack geht, lass ich einfach die Luft raus und roll sie zusammen.“
Ein halber Lacher, immerhin, zum Abschluß, das muss sein.
„Der war gut, Pudding.“
„Ja, du auch. Schüss.“
11.4.08 09:09


Wenn zuviel Aussen dein Inneres bedrängt

Wenn zu viel Aussen dein Inneres bedrängt, ist es besser mit einer Ahnung von Erfolg durchs Leben zu gehen als den Erfolg unentwegt zu suchen.
Es ist wie mit dem Wachwerden, wenn man den Geschmack des Traums noch auf der Zunge hat, und je länger der Tag dauert, desto schwächer wird der Geschmack bis am Ende des Tages nur noch eine Ahnung bleibt, eine flüchtige, süße Unkenntnis.


*
So groß kann kein Plakat sein,
dass man die Leute noch aus
ihrem Film heraus kriegt.


*
Wer wenig sieht,
muß viel gucken.
11.4.08 10:34


Die Steppe

Hauptbahnhof am Sonntag. Die Gräfin und ich warten auf die S-Bahn nach Düsseldorf.
Neben uns stehen zwei schräge Vögel. Schon was älter.

"Wenn du jung bist", krächzt der eine Vogel, er trägt eine längst verblasste Schirmmütze mit dem Schriftzug von Obi, "und dir erzählt einer was von Rollmops und so nem Fischzeugs, dann denkst du, ääh, der spinnt, hör auf..! Aber zwanzig Jahre später, nach ner durchzechten Nacht, da leckst du dir die Finger nach nem Rollmops. Oder nach ner Gurke. Glaub mir das."

"Da ist was dran", sag ich zur Gräfin.
Sie verzieht das Gesicht.
"Ne Gurke.."

Der andere Vogel ist still. Sagt kein Wort. Guckt nur in die Ferne.
Sein Gesicht ähnelt einer Steppe, durch die ein einsames Büschel Texas-Gras weht.
Wie in Comics, wenn nichts los ist.

"Wir müssen noch das Ticket ziehen."
Am Fahrausweisautomat steht eine kleine Familie und hat ein Problem.
Hartz IV-Familie würd ich sagen.
Der Vater, dick und fett vom Nichtstun, weil ihn mit 51 Jahren keiner mehr haben will, nicht mal die Zeitarbeits-Klitsche, und die Mutter eine Halbtagsstelle als kaufmännische Angestellte, BAT-Tarif. Zwei Kinder.
Alles scheisse.

Zudem droht der Sonntagsausflug auszufallen, weil der Automat den Zehn-Euro-Schein partout nicht annehmen will.
"Den hätte Mutti zuhause lieber mal vorbügeln sollen, den Lappen", versucht der Vater einen Scherz. Er hat eine ansteckende Lache. Die Familie kichert mit.

Ich nehme alles zurück. Er, Architekt, wohlgenährt, sie Hausfrau. Zwei Kinder.
Alles klasse.

Bis auf den Geldschein. Der kommt ein ums andere Mal aus dem Schlitz zurückgeschossen. Wie eine bösartige Zunge, die nicht genug bekommt von diesem herrlichen Automaten-Ulk.

Und dann kann der Vater seiner Tochter die alles entscheidende Frage aus dem Erdkunde-Quartett nicht beantworten, nämlich wieviel Indianerstämme heute noch in Mexiko leben:
16?
31?
45?

"Keine Ahnung!" verliert Vater bald die Geduld mit dem verflixten Schein.
"Auch nicht grade schlau", sagt das Mädchen.
Der Sohn, noch im Kindergartenalter, drückt derweil frohgemut alle Funktionstasten durch und singt "ICH BIN EIN FREMDER MANN AUS DÜSSELDORF!"

Plötzlich rattert der Automat, ganz tief innen drin, wo sein Geldherz arbeitet.
"Ja! Der Schein ist drin!" jubelt die Mutter.

"Dann erzähl doch mal deinem 17jährigen Sohn, ne Gurke wär was leckeres!"
Der Vogel mit der Obi-Mütze ist wieder an der Reihe. Seine Stimme klingt, als rolle einem Uhu eine Erbse durch den Hals, rauf und runter.
"Der hält dich doch für komplett plem-plem. Oder nich? Hartmut?"

Endlich, der Zug läuft ein.
Der stille Vogel, der kein Wort sagt, steigt zuerst ein.
Die Gräfin verzieht die Miene.
"Ne Gurke.."
15.4.08 10:40


Yesterday

Als Kind war ich ein begnadeter Ein-und Ausparker von Matchboxautos. 1964, die Beatles stürmten gerade die Charts, lebte unsere Familie in einer Erdgeschoßwohnung an der Hasseldelle, wo ich am Wohnzimmerfenster meine erste Bühne baute.

Während das Publikum draußen über den Bürgersteig flanierte, schob ich auf der Fensterbank meine Spielzeugautos hin und her. Besonders im Sommer, wenn das Fenster ganze Stunden sperrangelweit offen stand, kamen meine raffiniert geschnittenen italienischen Coupes gut zur Geltung, die Maserati, die Lamborghini. Auch französische Citroens gingen gut von der Hand, und der deutsche Opel Diplomat, bei dem man sogar die Türen herausnehmen konnte, wurde mein erster Gangster-Flitzer. Ein verruchtes Teil.

Hinters Lenkrad setzte ich eine winzige Puppe vom Reise-Malefiz und malte ihr eine Zigarre zwischen die Lippen.
"Was futtert der denn da?" machte sich meine große Schwester über den Fahrer lustig. "Ne Stange Porree?"
"Pff", machte ich nur.

Bald vollführte ich Loopings und hitzige Überholmanöver, ich raste gekonnt auf einem Hinterreifen über die marmorne Fensterbank, dass das Gummi qualmte und ein Raunen durch meinem Kopf ging. Ich war vier Jahre alt und gut im Rennen. Mit vier Jahren ist man überhaupt gut im Rennen. Vier Jahre alt zu sein ist DAS Rennen überhaupt.

Ich bekam eine Rennbahn geschenkt, und zwar genau die, die ich mir gewünscht hatte: Ein Parcours aus Kurven und langen Geraden aus biegsamen orangefarbenem Plastik, den man beliebig zusammenstecken konnte, plus einem ECHTEN Looping.
Jetzt gab es kein Halten mehr. Jetzt wollte ich fünf werden. Den ABSOLUTEN Höhepunkt der Kindheit erreichen.

Auf der Fensterbank im Wohnzimmer wurde es eng wie auf dem Rummel, aber die Fans wollten es so.
"So ein lieber Junge!" schwärmte die Nachbarschaft.
"Ja, das ist unser Andreas", antworteten meine Eltern stolz. "Er ist fünf Jahre alt."

Was sie nicht mitbekamen: den Maseratis und Lamborghinis hatte ich längst abgeschworen und stattdessen auf Lastwagen umgesattelt, denen ich heimlich die Kennzeichen abschraubte. Ich war jetzt LKW-Fahrer und nahm auf meinen langen Touren über die Fensterbank Anhalter mit. Damit ich etwas Unterhaltung hatte. Beatniks. Gammler. Langhaarige Nichtstuer. Wie sie da auf dem Trucker-Parkplatz unter dem großen Looping herumlungerten, verfroren in ihren dünnen Mäntelchen mit den niedlichen Hippie-Bommeln und den Amsterdam-Schildchen aus Pappe, ach, da taten sie mir leid.

Kaum waren wir aber auf der Bahn, holte unser Andreas das Hackebeil aus dem Handschuhfach. Und das Blutköfferchen.
"Was ein lieber Junge", lächelte das Publikum, das draußen über den Bürgersteig flanierte und zu mir hochblickte, "schaut nur, er klebt sogar kleine Pflaster auf seine Fahrer-Püppchen."
Ich lächelte brav zurück.

1966, ich war sechs, ich war ein Monster, begann ich Politiker zu entführen. Während unsere Frau Drexelius, die das kleine Büdchen an der Hasseldelle führte, vorüberging und nett grüsste, nickte ich nur noch geschäftig und schloß eilig das Fenster. Richard Nixon wimmerte immer so weibisch, in der zubetonierten Garage.

Schließlich bereitete ich ein Attentat auf Yesterday vor. Paul McCartney hatte Yesterday geschrieben. Ich mochte Yesterday nicht. Ich plante, den Song auf offener Bühne zu überfahren. Zu zermalmen. Einen Meuchelmord. Aber Yesterday war zu schmierig. Ich rutschte aus und verfehlte es. Und genau aus diesem Grund existiert das Kacklied noch heute.
15.4.08 16:05


Arretiert!

Geschichten, einmal in launiger Runde breitgetreten, lassen sich nicht mehr aufschreiben. Das brächte Unglück. Das wäre schlechtes Karma. Also bin ich, was Reden anbelangt, eher knauserig. Ich bewahre mir die Worte fürs Schreiben auf, anstatt sie zu erzählen. Und erwischt es mich doch einmal, quassle ich mich um Kopf und Kragen. Als hätte ich plötzlich Wehen im Hals. Presswehen. Mit Folgen.

Es war im Jahre 1979, als mir der Richter vorm Amtsgericht zwei Wochenend-Arreste aufbrummte plus zwanzig Arbeitsstunden, und das für den Besitz lausiger 0,25 Gramm Haschisch. Die andere Hälfte des 0,5 Gramm-Pieces, das die Jungs vom Rauschgiftdezernat unmittelbar neben uns im Schnee fanden, nachdem sie Pepe und mich vorm „Jazzkeller" aus dem Auto gezerrt hatten, wurde Pepe zugesprochen, und der kam mit zwanzig Arbeitsstunden davon. Kein Arrest.

Warum? Ich hatte meinen Mund nicht halten können. Ich musste dem Richter, der Staatsanwaltschaft sowie allen anderen anwesenden Autoritätspersonen unbedingt mitteilen, wie ungerecht das sei, dass man sich zwar mit einer Pulle Wodka ungestraft an jeder Straßenecke zu Tode saufen könne, für ein halbes Kilo Haschisch hingegen ein Jahr in den Knast wandere.

„Das ist eine Schweinerei!“ rief ich, und: „Große Scheiße hier!“ "Free Nelson Mandela!"

Der Richter schaute mit jeder Silbe aus meinem erregten Mund verdrossener drein: Vom zunächst noch halbwegs belustigten "Junge, jetzt halt doch mal endlich den Rand.."-Gesichtsausdruck bis zum "Jetzt reicht's! Dem Scheiß-Hippie packe ich zwei Wochenend-Arreste drauf!"

*

Einen Teil der Arbeitsstunden leisteten Pepe und ich gemeinsam in der Fauna, dem kleinen Tierpark am Stadtrand. Es war tiefer Winter. Man drückte uns Mistgabeln in die Hand und schickte uns raus in den Ziegenstall, zum Ausmisten.

In der kleinen Blockhütte angekommen, stellten wir die Gabeln erstmal an die Wand, grüßten die Ziegen und rauchten einen fetten Joint zum Warmwerden.

"Sagt mal, ist das Mist, was dahinten bei den Ziegen qualmt?" sorgten sich die Tierpfleger, die uns mit dem Fernglas überwachten, und so wurden Pepe und ich schon getrennt, bevor meine Mistgabeln überhaupt zum Einsatz kam. Pepe blieb alleine im Ziegenstall zurück, während ich im Vogelhaus eingesetzt wurde.

Den Papageien traute ich nicht über den Weg. Wenn ich die Voliere betrat um frisches Wasser nachzufüllen und den Boden zu kehren, gerieten die Viecher in heillose Aufregung und flatterten wie toll durchs Gehege. Dabei schlugen und knallten sie mit den Flügeln gegen die Käfigwände, dass die Federn nur so durch die Luft wirbelten. Bekifft wie ich war, erwartete ich einen Angriff der beknackten Aras, dass sie sich auf mich stürzten und ein Loch in den Schädel bohrten, „hier, Haschbruder! Nimm dies! Und das auch noch!“

Von den Tierpflegern war keine Hilfe zu erwarten. Sie überließen die Drecksarbeit Leuten wie uns, während sie selbst in der überhitzten, stinkigen Küche saßen und Kaffee aus Thermoskannen soffen und ansonsten die Lage per Fernglas kontrollierten. Nur gelegentlich erhob sich einer von ihnen und machte eine Schubkarre mit blutigem Fleisch fertig, fürs Affenhaus. Dachten wir. Bis wir einen der Pfleger nach Feierabend zufällig dabei beobachteten, wie er die Schubkarre in den Kofferraum seines Fiats ausleerte.

Wenn wir unser Tagespensum erfüllt hatten, klemmte ich mich auf den Rücksitz von Pepes Motocross-Maschine und wir düsten mit schepperndem Auspuff runter in die Wipperaue, wo Pepe und sein großer Bruder ein altes Fachwerkhaus gemietet hatten. Erst mal einen Bong durchziehen. Ein Fläschchen Ricard köpfen. Boomtown Rats hören. Zuletzt mit dem Taxi ins Mumms.

*

Kurz vor Weihnachten stand der erste der beiden Wochenend-Arreste an. Mein Vater fuhr mich Samstagmorgen nach Remscheid und setzte mich Punkt sieben Uhr vorm Jugendknast ab. Zeitpunkt der Entlassung war Sonntag, 18 Uhr. Es galt also nur eine Nacht zu überstehen, und dennoch war es die Hölle.
Jeder hatte eine Einzelzelle, Tabak war verboten und zu lesen gab es nichts außer einer abgegriffenen Bibel. Zudem musste das Bett tagsüber hochgeklappt werden. Man sollte schließlich Buße tun, und nicht einpennen.

Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich saß auf dem Stuhl und glotzte mir auf die Schuhe. Die waren groß. Das waren Wupperkähne. Ich spielte Fährmann auf der Wupper. Ich setzte meine Zehen über aufs andere Flußufer. Ich erwischte zwei Schwarzfahrer. Sie hatten kein Geld dabei. Ich liess sie laufen. Ich war auch ein Krimineller. Ich hatte ein Herz für schräge Vögel. Ein Faible für Gesockse. Aber es waren erst zehn Minuten um. Noch dreiunddreißig Stunden.

Nicht mal den Haustürschlüssel hatte man mir gelassen. Mit dem hätte ich wenigstens Striche einritzen können in die Wand. Für jede gesessene Stunde einen. Fünf römische Striche einen Nachmittag. Sechs bis Feierabend. Sieben Zwerge. Acht.. na, so was eben.

Da ich mir am Abend zuvor mit Karlos und Benzini schäumend die Kante gegeben hatte, ("RAPIDO!"), war mein Schlaf in der ersten Nacht dünn und flach. Im Traum ging ich wie auf Eierkartons, als könnte ich jeden Moment stürzen. Als würden mir die Beine weggezogen. Abgehackt. Gehäckselt. Das waren die Nerven. Das kam vom vielen Wodka. Benzini, Karlos und ich hingen damals viel mit den SHARKS rum, der legendären letzten Solinger Motorradgang mit eigener Kutte, und innerhalb weniger Wochen hatte ich mir fünfzehn Kilo Übergewicht angesoffen.


Endlich Sonntagmorgen. Mir ging’s besser. Ich schob den leeren Kleiderschrank der Wand entlang bis unter das vergitterte kleine Fenster. Dann setzte ich mich oben auf den Schrank und verbrachte die Stunden bis zum Mittagessen damit, die kleine Straßenkreuzung zu beobachten. Mehr gab der Ausschnitt nicht her.

Immer, wenn ich Schritte auf dem Gang hörte, sprang ich vom Schrank runter, setzte mich auf den Stuhl und nahm die Bibel zur Hand. Evangelium Johannes, Punkt 2, Unterpunkt 11. Entfernten sich die Schritte, saß ich wieder auf dem Schrank.

Man mag es glauben oder nicht, aber es kann teuflisch spannend sein, an einem kühlen, verregneten Sonntagnachmittag im Winter einen unbedeutenden Remscheider Zebrastreifen zu kontrollieren. Ich zählte acht Personen bis zur Essensausgabe, einen humpelnden Hund ohne erkennbares Herrchen oder Frauchen, einen Kinderwagen, dessen Vorderreifen blockierten.

Bei der Essensausgabe Punkt zwölf mussten sich die Gefangenen (alle Wochenendgäste wie ich) in Reih und Glied aufstellen. Am Ende der Kette wartete ein Schweinetrog, aus dem ein stabiler Wärter wässrige Erbsensuppe austeilte. Vor mir stand ein Langhaariger, den ich vom Sehen her kannte. Er war ein Bekannter von Pepes großem Bruder. Er hatte sich mit Freunden ein Haus gemietet, oben am Dorperhof, eine echte Villa, die in der ganzen Kifferszene berüchtigt war für wilde Parties.

Der Typ stand vor mir, die Hände hinterm Rücken gekreuzt, und ich wunderte mich, was er da so nervös herumnestelte, bis ich es endlich schnallte: Er wollte mir was übergeben. Unbemerkt von den Wachleuten, die ein strenges Auge auf uns warfen als wären wir vor San Francisco eingekerkert und nicht in Remscheid-Mitte, griff ich in seine leicht geöffnete Hand und nahm ein kleines Piece in Empfang.

Der Sonntag war gerettet. Mal abgesehen von der Erbsensuppe. Das waren die schlimmsten Erbsen meines Lebens, als hätte der Koch Legoklötzchen zu Tode gekocht und mit grünem Filz überzogen.

Weil Rauchen nicht möglich war, bröselte ich das kleine Stück Haschisch in den Tee. Ich wollte gerade den Schrank erklimmen und einen Blick auf meine Kreuzung werfen, da brachte ein Wärter einen Bogen Papier in die Zelle und einen Stift. Jeder sollte aufschreiben, wofür man ihn verknackt hatte und ob man die Tat bereue.

Breit wie ich war, fing ich an zu quasseln mit dem Stift in der Hand. Ich schrieb Vorder- und Rückseite voll, in engen Zeilen, ich quasselte und quasselte. Ich wiederholte meine Vorwürfe vor dem Amtsgericht und befeuert vom Tee forderte ich die komplette Freigabe aller Drogen.
"Wie kann dieser scheiß Staat sich anmaßen, eine Droge unter Strafandrohung zu verbieten, während andere Drogen wie Alkohol als Volksdroge akzeptiert werden und sogar beworben werden dürfen!"
So Zeugs eben, das man schreibt, wenn man 19 ist. Wenn man die Wahrheit in der Tasche hat. (Ab 20 leeren sich die Taschen zusehends.)

Den zweiten Wochenend-Arrest einen Monat später riss ich fast schon routiniert herunter. Mit dem Unterschied, dass ich nun mein eigenes Piece in die Zelle schmuggelte und mir zwei schöne Tage machte, oben auf dem Schrank, als stiller Schiedsrichter. Diesmal zählte ich 23 Personen auf dem Zebrastreifen plus einer hupenden Motorradeskorte. Das waren die SHARKS auf ihrem Sonntags-Ausflug ins Grüne.
Ich winkte begeistert. Niemand sah hoch.
16.4.08 13:00


Spät dran

Heut morgen, kurz vor acht, auf dem Weg zur Arbeit, ich bin spät dran, ist im Park ein Heiden-Kra-Kra im Gange:

ein Dutzend Krähen hat sich gegenseitig in der Mache, es flattert und zetert und lärmt als hätte man Furzkissen in den Auspuff einer schweren Kawasaki gestopft,

ganze Baumkronen scheinen in die Fehde verstrickt zu sein, was soll's, ich bin spät dran, ich hab's eilig, achselzuckend lass ich die Schwärme sich gegenseitig beharken und zieh weiter

und erst auf der Korkenziehertrasse fällt mir der Fleck am Ärmel der kanadischen Platzwart-Jacke auf, ein runder Fleck, so weiß, als hätte ich mich versehentlich an eine frisch verputzte Wand gelehnt,

ich will ihn wegschnippen, den Putz, und hab stattdessen weiße Vogelkacke am Finger, ein frisch abgesetzter Krähenschiss, der mich getroffen haben muss, als ich im Park hochgeguckt und doch nichts mitgekriegt hab,

nicht so wie die Gräfin im letzten Sommer, als sie sich am Strand von Zeeland empört hat, "Ich habe das Arschloch der Möwe genau gesehen, als sie über mir flog! Ich hab nur gedacht, wehe..!",

was aber nichts genutzt hat, die Möwe erwischte sie trotzdem, und zwar am Ärmel, Vögel erwischen einen immer am Ärmel, das ist Gesetz - niemals am Kopf oder der Schulter, immer am Ärmel - weil sie Arme für unsere Flügel halten, die es mit weißer Kacke zu verkleben gilt, darum!

und damit wir Menschen es nicht in die Lüfte schaffen, damit wir keine Konkurrenz werden, damit wir schön unten am Boden bleiben, die sind ja clever, die Krähen, die bescheissen uns ärmelabwärts.
18.4.08 08:39


Fischtag

Freitag.
Endlich Wochenende.
"Na, flotte Biene!" grüßt die Gräfin, als ich die Küchentüre aufstoße, und verbessert sich mit raschem Blick auf meinen Arbeiterschritt.
"Na, flotte Drohne!"

Sie hat gerade eine Scheibe Brot im Toaster.
"Ich hab ein Idee!"
Bestimmt nicht ihre erste heute. Ihr Gehirn ist ein Vögelchen, das den ganzen Tag schreit und aus dem Nest fällt. Eigentlich müsste ich Gewehr bei Fuß unter ihr stehen, bereit zum Auffangen.
"Wir machen ein Museum für Brot auf. Wo die Kniften wie Bücher im Regal stehen, mit der Kruste als Einband. Ein Trocken-Brot-Museum. Was meinst du?"

Ich bin begeistert, und todmüde.
"Ausserdem hab ich Hunger, aber nicht auf Brot."
"Gut. Dann hol du das Lyrikbändchen aus dem Toaster und stelle es schon mal oben ins Regal. Dann kann das Museum gleich Eröffnung feiern, während wir zu Mittag essen."
"Was gibt's denn?"
"Na, Fisch, du Drohne. Ist Freitag."

Richtig. Freitag ist Fischtag. Wir sind eine Bande von Ritualfressern. Ne Dorade in den Ofen geschoben, zehn Kartoffeln gekocht, Pfund Salat dabei. Geht schnell, ist lecker. Vereinzelt bleibt auch was für den Hund übrig.

"Hoffentlich haben die keine Blaskapelle engagiert", sag ich, als wir am Tisch sitzen.
"Hm? Wer?"
"Na, hier, zur Museums-Eröffnung. Ich will meine Ruhe haben beim Essen."
"Dann äh mach doch einfach die Tür zu. Hörst du nichts.. davon."
"Okay."
18.4.08 17:07


Zorro und die Kettenhunde

Samstagmittag. Nachdem tagelang so viel Regen runterkam, als hätte man die Wupper falschrum in den Himmel gehangen, ist endlich die Sonne draussen und ich geh in die Stadt, paar Dinge erledigen.

Auf der Bank stelle ich zwei überfällige Schecks aus, wobei mir der Gedanke kommt, was ein Schwachsinn das ist, Geld auf fremden Konten zu verteilen. So geht das nicht weiter. Da muss es eine Lösung geben. Eine klare Linie, wie das Geld künftig bei mir bleibt und bläht.

Beim Bäcker kauf ich Semmel.
"Mit oder ohne?"
"Mit."
"Rosinen oder Mandeln?"
"Mandeln."
"Kasten oder rund?"
"Kasten."

Das Leben fordert einem in jeder Sekunde Entscheidungen ab, doch nur selten wird man so genau festgelegt wie beim Bäcker.
Das tut fast schon gut.

Im Drogeriemarkt, im gleißenden Neonlicht, leg ich ein Erholungsbad mit Baldrianöl für die Gräfin, Rohzucker und Aromakerzen in den Einkaufskorb, dann hab ich die Schnauze voll und verschiebe die restlichen Erledigungen auf nächsten Samstag.
Falls die Sonne scheint.
Und nehme die Abkürzung über den Friedhof.

Eine wirkliche Abkürzung nach Hause ist das nicht, aber allemal ruhiger als die Wupperstrasse, wo einen zweitausend kariöse Gesamtschüler überrollen, die alle zur gleichen Zeit Schulschluss haben und die Plus-Filiale stürmen für geriffelte Chips, süß-saure Würmchen, Prinzenrolle.

Oben an der kleinen Friedhofskapelle sehe ich Zorro auf der Bank.
Bisschen schief, wie er da sitzt, und blass um die Nase.

"Zorro", grüß ich. "Alles im Lot?"
"Gestern gesoffen", stöhnt er und wir reichen uns die Hand.
"Wodka mit den Russen und dem Saarländer. Ich war voll wie ein Treteimer."

Zorro, eins neunzig groß, hundertzwanzig Kilo, hat einen halben Liter Almdudler in Arbeit, gegen den Nachdurst.

"Ich weiß nicht mal genau, wie ich nach Hause gekommen bin, verdammt. Angeblich hat mich der Saarländer in ein Taxi gesetzt, dem Fahrer Kohle in die Hand gedrückt und gesagt, fahr den Sack zum Katternberg 11, zweite Schelle von unten.."
"Das ist doch okay."
"Mh, ja.. Bloß dass der Sauhund die Kohle vorher aus meiner Brieftasche gezogen hat, plus einem Fuffie."
"Das ist nicht okay."
"Das mein ich auch. Der Hund weiß nur zu gut, dass er mir jetzt besser nicht unter die Augen tritt, in den nächsten Tagen. Dann setzt es ne Schelle, oder zwei.."

Wenn Zorro Schelle sagt, dann meint er Schelle. In Großformat und in Metall gegossen.
Also mehr eine Glocke.
Einen Gong.

Zorro hat siebzehn Jahre Kampfsport auf dem Buckel. Man sieht es heute noch. Er hat Hände wie Motorsägen, und wenn er jähzornig wird, verursachen sie auch ähnliche Betriebsgeräusche.

Nüchtern ist Zorro ein lieber Bursche, der seinem Job nachgeht. Er arbeitet in einem klassischen Solinger Beruf.
Er ist gelernter Messerschleifer, Spezialgebiet: Gemüsemesser.

In den Neunzigern hat er drei Jahre abgesessen, weil er einer Reihe von Leuten Ohrfeigen verpasst hat, die das nicht gut vertragen haben.
Es ist immer im Suff geschehen, wenn ihn etwas ärgerte und er jähzornig wurde. Dann machte es gong! und irgendjemand lag in der Ecke.

Ich höre gerne solche Stories von früher. Von heute auch, logisch, aber früher war mehr los.

Schon mein Großvater meinte, früher wäre mehr los gewesen, mein Vater meinte, früher wäre mehr los gewesen, und ich finde auch, dass früher mehr los war. Und meine Neffen? Was werden die in zwanzig Jahren sagen, wenn genmanipulierte Neonbabies als Quizgewinn ausgelobt werden?
"Früher war aber mehr los."

So gesehen ist eigentlich jeder Zeit was los, weil für irgendwen immer gerade das ist, was wir später früher nennen.

Deshalb spielen auch die meisten Geschichten in diesem ominösen, kaum greifbaren Land namens FRÜHER, das jeder so, wie es ihm gefällt, regiert.

Früher ist eine spannende Monarchie.


Zorro hat noch soviel Rest-Promille im Blut, dass seine Zunge lockerer sitzt als sonst.
Beinahe wie einem Cowboy der Colt nach einer Nacht bei Kitty im Saloon.

"Die ganze Scheisse mit der Justiz ging los, als die Bundeswehr mich als Gebirgsjäger einzog. Als Zeitsoldat. Vier Jahre. Blöd und jung wie ich war, hab ich unterschrieben."

Ich setz mich zu ihm auf die Bank.
Die Sonne strahlt uns an.
"Du warst beim Bund?" frag ich.
"Hast du ne Aktive?" fragt Zorro.
"Tabak."
"Auch gut. Als ich beim Barras unterschrieben hab, war ich neunzehn. Aber ich war ja schon sechsundzwanzig, ein alter Knacker, als die mich erst einberufen haben. Termin: zweiter Januar 1989."

Er nimmt einen Schluck Almdudler und rülpst. Wodka flirrt in der Luft, und wir befinden uns kurzfristig auf einem orthodoxen Friedhof am Rande von Moskau.

"Oder zweiter Januar 1988, weiß nicht mehr genau. 88 oder 89.. Ich glaub, 89. Klar, 89. Jedenfalls hab ich damals gar nicht mehr mit denen gerechnet. Ich dachte, die Geschichte wär gegessen. Ja, scheiße. Und dann noch die Einberufung auf den zweiten Januar.. Sag mal, wie schräg muss man drauf sein, um jemanden am zweiten Januar einzuziehen? Da ist doch Trouble programmiert, zwei Tage nach Silvester. Oder nicht."

"Richtig", sag ich. "Und?"

"Und? Ich kam aus der Sache nicht mehr raus. Versuch mal als Zeitsoldat aus dem Vertrag rauszukommen, auch wenn du den Dienst noch gar nicht angetreten hast. Kannst du vergessen. Geht nicht. Die wollen dich, die holen dich."

Also, zweiter Januar 89.
Benno, ein Kumpel von Zorro, den ich auch noch kenne, vom Sehen, bringt ihn mit dem Wagen zur Kaserne nach Mönchengladbach.

"Warte ne Viertelstunde, hab ich noch zum Benno gesagt. Ich hatte so ein mulmiges Gefühl. Ich also rein in die Kaserne. Noch reichlich Fusel im Blut von Silvester und voll auf Koks, natürlich. Unbekokst bin ich damals gar nicht mehr aus dem Haus gegangen. Ich wusste überhaupt nicht mehr, wie Bäume riechen, so kaputt war meine Nase vom Sniefen. Na, scheiße auch. Ich da rein. Steht da so ein kleiner Uffz, weisst du, so ein Männeken. Ein Unteroffizier. Ich grüß noch nett, FROHES NEUES JAHR!, da blökt der mich an, was mir einfällt, von wegen Schönes neues Jahr, ich wüsste wohl nicht, wo ich bin. Doch, hab ich gesagt, beim Bund. Sieht man doch. Ist ja nicht zu übersehen. Da ist der Knabe explodiert. SIE STEHN JETZT STRAMM UND GRÜSSEN ORDENTLICH, SONST BRING ICH SIE PERSÖNLICH SIEBEN TAGE IN DEN BAU! und so Zeugs. Aber das schlimmste, der betatscht mich dabei die ganze Zeit.."

Logisch, dass Zorro mir das demonstriert.
Er steht auf und knallt mir einen vor den Latz, dass ich fast von der Bank fliege.
"Pffm..", sag ich. "Das ist aber mehr als Betatschen, Zorro, hör mal.."

"Ja, klar! Aber wenn ich was nicht ab kann, dann wenn mich einer antatscht. Ich sag zu dem Männeken, lass das lieber, pack mich nicht an, das gibt Trouble, doch der hört nicht auf mich anzugraben, na, da hab ich ihm ne Schelle verpasst, da hat die Tapete geflattert, den ganzen Gang hoch. Ich mein, was sollte ich machen, der hat ja nicht aufgehört."

Ich muss lachen.
"Nee, stimmt. War ja nicht deine Schuld, wenn der nicht die Finger bei sich halten kann."

"Eben. Da lag der Uffz in der Ecke, die Nase gebrochen. Ich dreh mich um und sag nur, Das war's dann wohl mit meiner Karriere als Zeitsoldat, und latsch raus zum Wagen.. Benno, gib Gas, hab ich nur gesagt, und dann sind wir die nächsten drei Wochen in Amsterdam versackt. Ich hatte ja dreitausend Mark Abfindung in der Tasche, vom Schleifen."

Genau. So war das früher. Da wurde nicht viel Federlesen gemacht. Auf keiner Seite. Man wusste genau, wo der Feind stand. Das war gut so.
Problematisch wurde es allerdings, wenn man beim Feind unterschrieben hatte, aber nicht zum Spionieren oder zum Zersetzen der Wehrkraft, sondern weil man jung war und nicht nachgedacht hat.

"Danach hatte ich die Kettenhunde auf den Fersen, einundzwanzig Monate lang. Die haben einfach nicht locker gelassen.."
"Kettenhunde..? Du meinst die, na.."
"Ja.. ich komm auch nicht drauf, die.. na, die harten Spürnasen vom Bund.."
"..die.. FELDJÄGER!"
"Genau. Feldjäger!"

Zwei alte Damen, adrett zurecht gemacht mit weißer Bluse und das Mäntelchen ausgeklopft, nutzen den sonnigen Tag, um die Gräber ihrer verstorbenen Männer zu pflegen.

Auf dem Weg zur Wasserstelle, wo die Gießkannen hängen, kommen sie an unserer Bank vorbei und grüßen freundlich, und Zorro und ich grüßen nett zurück.

Wir wohnen alle im selben großen Land.

"Wenn einen die Kettenhunde einmal auf der Agenda haben, bist du geliefert. Die lassen nicht locker. Die kamen immer zu dritt. Vor allem der Anführer hat das richtig persönlich genommen, wenn ich denen mal wieder durch die Lappen gegangen war. Und einmal hat mich sogar der Max vom Mumms vor den Kettenhunden gerettet."
"Der Max?!"
"Ja, der Max vom Mumms. Glaubt man kaum, ne?"

Max ist der Wirt vom Mumms, mittlerweile in Rente.
"Da kamen die drei abends ins Mumms rein, in voller Kampfmontur, und da hat der Max mich in ein leeres Bierfass gestopft, ungelogen, Deckel drauf, fertig. Zwei Stunden hab ich da drin geschwitzt und kaum Luft gekriegt, bis die Brüder endlich weg waren."

"Hätte ich dem Max gar nicht zugetraut", sag ich.

"Ja, und ein anderes Mal hab ich bei nem Kumpel übernachtet. Mitten in der Nacht hör ich Lärm.."
"Moment", unterbreche ich Zorro in seinem Erzählstrom, doch ich weiß gerne genau Bescheid, wenn's geht.
"Bei welchem Kumpel denn? Mike?"
"Mh.. Mike? War das beim Mike..? Nee, das war der Thata! Beim Thata, klar..! Kennst du den noch? Den..?"
"..bekloppten Thata? Na klar", sag ich. "Wenn der breit war, sprang er immer auf und brüllte ICH BIN UNHEIMLICH WEISS.."
"..UND ICH KOMM AUS DEM BETON!!" fährt Zorro trompetend fort.

Wir klopfen uns die Schenkel vor Vergnügen. Die alten Damen nicken uns lächelnd zu, während sie den Kies harken und der Erinnerung huldigen mit frischem Heidekraut und Primeln.

"Ich werd also beim Thata wach, mitten in der Nacht, und hör Geräusche aus dem Hausflur. Die marschierten ja immer im Gleichschritt, die Kettenhunde, die Treppe hoch mit ihren schweren, klirrenden Stiefeln. Da kommen die Kettenhunde, hab ich zum Thata gesagt, der war auch wach mittlerweile. Ach Quatsch, woher sollen die wissen, dass du hier bist. Doch, hab ich gesagt, das sind die drei, jede Wette. Weil ich damals Hose und Schuhe auch nachts an hatte, bin ich ruckzuck hinten in die Küche, da war ein kleines Fenster, wo ich so eben noch durchpasste, ich hatte ja damals einiges weniger drauf, bestimmt dreißig Kilo.."

Er klopft auf seine Wampe, und wieder liegt dieses stramme Flirren von Wodka in der Luft, wie ein kleiner fliegender Teppich, der nicht wegfliegt.
Der steht in der Luft.

"Klar, ich kenn die Bude vom Thata", sag ich, "der wohnte an der Kurfürstenstrasse, wo die ganzen Altbauten stehen, oder nicht?"
"Genau, Kurfürstenstrasse, ne Bude im Erdgeschoss. Ich zwäng mich also durchs Küchenfenster, da treten die Kettenhunde die Tür ein. Ich meine, die klingeln ja nicht höflich, Guten Tag, ist der Herrn Zorrmann zu sprechen..?"

"Natürlich nicht", sag ich. "Wäre ja auch blöd."

"Eben. Direkt gegenüber vom Küchenfenster, nicht mal ein Meter entfernt, ist ein Garagendach, da hab ich mich hochgeschwungen. Du glaubst gar nicht, was man für Kräfte entwickelt, wenn man auf der Flucht ist. Das Adrenalin pumpt und peitscht durch den Körper, du bist Superman, ehrlich, kein Scheiß. Normalerweise wär ich an das Dach gar nicht rangekommen, geschweigedenn hätte ich mich da hochziehen können, aber mit dem Adrenalin im Blut schaff ich das irgendwie auf die Garage.."

"Und die Kettenhunde?"

"Die erwischen mich fast noch am Hosenbein, die greifen nach mir, doch ich kann sie abschütteln. Ich bin also da oben auf der Garage, mitten in der Nacht, war ja noch dunkel, nur das bisschen Licht aus der Küche, und die drei stehen unten am Fenster und wollen mir nach. Ich hab das Bild noch vor mir, davon träum ich heute noch manchmal. Das war original Kino, wie die da aufs Dach hoch wollen und ich denen dauernd auf die Finger trete, damit die sich nicht hochziehen können. Bestimmt ein, zwei Minuten ging das so, ich am Treten wie ein Irrer auf die Finger, waren ja ne Menge Finger von drei Kettenhunden, das sah aus wie Würstchen in der Metzgerei, die da rumtanzen, bis die Brüder sich plötzlich zurückziehen.. Da bin ich losgerannt übers Dach und mit einem Riesensatz auf nächste Dach, und dann da runter in den Hof und ab durch die Mitte.."

"Ja, wie? Und die Kettenhunde? Was war mit denen? Kamen die nicht hinterher?"

"Keine Ahnung. Ich hab nichts mehr von denen gesehen. Nie wieder.."

Er nimmt den letzten Schluck Almdudler aus der Pulle und wirft sie in den Mülleimer.
Er trifft sogar.
"Yepp."
Ein lässiger Korb.

"Die haben die ganze Sache wegen Fahnenflucht und Körperverletzung nach 21 Monaten an die Schmiere übergeben. Und die hat mich ganz unspektakulär klar gemacht, da war ich gerade zu Besuch bei meinen Eltern. Als hätten die das gerochen. Die haben mich nicht mal unbeobachtet Pissen lassen bis ich in U-Haft war."

Zorro steht auf und reckt seine Glieder, dass es nur so knackt.
Die alten Mütterchen lächeln selig.
"Scheiße, hab ich einen Brand..!"
22.4.08 13:19


Feuerwehrmolke

1
Bei Vollmond gerät ihre Chemie so durcheinander, dass sogar die schweren Korkenzieherlocken schnurgerade herunterhängen.

"Ich seh aus wie ein scheiß Lineal", stöhnt sie.

Und am Abend, als mein Stift einen Tick zu laut übers Papier quietscht:
"Aufhören! Das ist ja nicht zum Aushalten..! Wie Schlittschuhlaufen auf meinen Nerven!"
Die Gräfin fasst sich an den Kopf.
"Ich hab eine ganz private Eislaufhalle da oben. Die braucht ne Pause.. zur Eisaufbereitung. Hast du keine Lust, mit dem Hund raus zu gehn?"
"Nicht besonders."
"Die wimmert aber schon."
"Die wimmert immer, wenn die Abendrunde fällig ist. Aber hast du mal aus dem Fenster geguckt?"
"Ja, nasses Pampawetter. Trotzdem, du bist an der Reihe mit Frau Moll."

Als ihr Name fällt, beginnt Frau Moll wieder zu wimmern wie eine Operndiva, die schwer verletzt an der Stimmgabel ihre alten Tage verbringt. Schwer verletzt, und eingesperrt. Eingekerkert. Gegen ihren Willen zum Wohnungshund degradiert. Zur Teppichmieze.

Ich bin dran.
"Na, schöne Scheisse", sag ich und hol das Halsband vom Haken.


2
Für einen Haushund bedeutet Rausgehen Hochspannung. Was für uns Menschen bloß Bäume sind und Büsche und Dickicht, das ist für den Hund ein echter Thriller. (Zum Krallenkauen spannend.)

Zunächst riegelt man den Tatort ab mit einem strengen Band aus Eigenurin, dann werden Geruchsproben genommen und im Gehirn abgespeichert, Indizien werden abtransportiert und an anderer Stelle verbuddelt, (warum, das weiß man nicht), und schließlich begrüßt man Tilly, die neue Kollegin vom Referat Sexualdelikte unter Terriern, herzlich am Arsch, wo die Drüsen sitzen.
"Guten Tag."

Dabei liegt in der Regel gar keine Straftat vor.

Polizeihundliche Ermittlungen inklusive Spurensicherung und Hütehundüberwachung werden rein auf Verdacht aufgenommen. Kein Mord wurde angezeigt, kein Raub, nur Vollmond, und der ist nicht strafbar, solange er nicht vom Himmel stürzt und Hunde tötet.

"Jetzt mach doch mal hin und quatsch nicht so viel", stöhnt die Gräfin, die ihre Ruhe haben will, "ausserdem kackt uns Frau Moll gleich die Bude voll.."
Oh, richtig. Die Dame hat seit gestern schweren Durchfall.
Einen nassen Darm.

Es ist höchste Eisenbahn.


3
Als wir draussen sind, hat der Regen aufgehört, dafür schneit es jetzt, und zwar fette Kristalle.
Das Schneetreiben wird so dicht, dass Frau Moll mit weit aufgerissener Schnauze vor mir her läuft und die Flocken aus der Luft futtert.

Sie hat ja immer Hunger. Zwanzig Stunden am Tag eingesperrt, und immer Hunger.
Ein armes Schwein.

Plötzlich kriegt sie eine Flocke in den falschen Hals, sie verschluckt sich und bleibt entrüstet stehen. Sie hustet und hustet, als habe sie Flusen und Dill im Hals, bis ich ich so tue, als würde ich ihr ein Leckerchen anbieten, ein Halsbonbon, was nicht stimmt, ich hab keins dabei, egal, sie beruhigt sich und wir können weiter.


4
Es schneit und schneit und ich geh meiner Lieblingsbeschäftigung nach, im Rahmen der Abendrunde:
Philosophie.

Ob es wohl einen mathematischen Gott gibt, der all diese Trillionen und Abertrillionen von Schneeflocken markiert und durchzählt?
frage ich mich.
Ist Gott ein Schnee-Farmer?

Ich würde sagen, ja. ("Immer gut Rauchen und Mathematik", sprach der Herr.)


5
Nachdem unser Hund sich dreimal hintereinander entleert hat, bleibt er entnervt am Waldhang stehen und entleert den Darm ein viertes Mal, in suppigen Schüben.

Mir reicht's langsam. Nass, alles nass heute, wohin ich auch weggucke.

Es hört auf zu schneien. Ich schlag den Weg zur Korkenzieherbahn ein, der alten Bahntrasse, die zum Fuß-und Radweg umgebaut wurde und sich quer durch die Stadt schlängelt; fünfzehn Kilometer hin, fünfzehn Kilometer zurück.

Eine ähnliche Trasse gibt es auch bei den Nachbarn in Wuppertal, die Samba-Trasse. So genannt, weil die Bahn, die bis in die 60er Jahre dort verkehrte, noch spätabends Samba-Tänzer heim brachte, bis Barmen und nach Ipanema.

Auf der Korkenzieherbahn kommt uns die seltsame Colliebesitzerin samt Collie entgegen. Wobei, ein richtiger Collie ist das nicht. Eher ein Mischling. Ein bißchen Collie, ein bißchen Münsterländer Camping Mobil. So lang und überall zu Hause. Ein kosmopolitscher Hund.

"Das ist ein Fundhund", sagt die seltsame Dame, die ohne Seidenschal nicht aus dem Haus geht, "aus Bottrop."
"Ach", sag ich.
"Ja. War ne Zeitlang bettlägerig. Herzklappenfehler und Probleme beim Autofahren. Versteht sich aber prima mit Schweinen."

Moment. Von wem spricht sie jetzt? Vom Hund? Oder von sich? Man weiss bei ihr nie so genau.

Eine vertrackte Erscheinung. Den Schal trägt sie, um ihren Kropf zu verdecken.
Ein enormer Kropf.
Ich hab ihn mal gesehen, als der Wind den Schal ein Stück anhob: als hätte sie in jungen Jahren eine Wette verloren. Wetten, dass ich dieses Hühnerei in einem Haps runterschlucke..!?

Und dann war es im Hals stecken geblieben, das große Hühnerei, und dort steckt es noch heute, wie ein Mahnmal für verloren gegangene, dumme Wetten.

Ein pralles Säckchen. (Ich hab's gesehen.)

Wer weiss, vielleicht endet diese Geschichte ganz anders. Vielleicht wird eines schönen Tages ein Küken aus dem Hals schlüpfen, einen schönen Brutkasten hat es schließlich, und dann ist der Kropf weg und ein schnuckeliges kleines Halshühnchen erobert die Welt.
(SENSATION! KROPF ENTPUPPT SICH!)

"Wir müssen mal weiter", sag ich.


6
Es dauert keine hundertfünfzig Meter, und wer läuft mir über den Weg?
Louisa und Eva-Marie.
"Na, ihr Frechdachse."
"Selber Frechdachs!"

Neulich hat mal jemand (in den Kommentaren) gefragt, was eigentlich die alten Kumpel heute so machen. Der dicke Hansen zum Beispiel (bekloppt geworden), der Schnaat (Musiker), Pepe (tot), Benzini (Köln), Karlos.

Karlos wohnt direkt an der Korkenziehertrasse, auf der anderen Seite vom Park, quasi um die Ecke.
Fußweg: Keine zwei Minuten.

Er ist verheiratet mit Sandy und hat mit Lousia und Eva-Marie blonde Zwillinge in die Welt gesetzt, die besuchen die zweite Klasse.
"Zweite Klasse!? Haha, sehr witzig. Wir sind in der dritten. Weisst du doch ganz genau."

Als sie noch klein waren, richtig klein, riefen sie immer DER MANN MIT DEM PUDEL IST DA wenn sie mich sahen, weil ich Karlos mal eine Nachricht hinterlassen hatte, im Briefkasten, unterschrieben von..

DER MANN MIT DEM PUDEL.


7
Frau Moll macht sich nicht viel aus Kindern, Kinder sind nur kurze Wesen mit hektischen Fingern, die ihr an den Ohren zupften, als sie klein war, Frau Moll hat das nicht vergessen.

Wenn diese Wesen aber einen Becher Eis in Arbeit haben, das geht in Ordnung. Da kann man ruhig mal lieb Hund machen.
Es gibt farbiges Wassereis. Auch wenn es gerade erst aufgehört hat zu schneien.

"Blue Curacao?" frag ich.
"Quatsch. Heidelbeer", mampft Eva-Marie mit aufgeworfenen Lippen, wie die junge Bardot. (Verrucht mit sieben.)
"Ich hab Kirsch-Cracker-Eis", sagt Louisa und stippt ihren kleinen Plastiklöffel mit einer Wucht ins gefrorene Eis, dass winzige Bröckchen umherfliegen.

"Frau Moll darf kein Eis haben, oder?"
"Besser nicht", sag ich. "Da ist zuviel Zucker drin. Davon dreht die durch. Davon kriegt die ein Kuheutergesicht wie Mariah Carey."
"Wie der Gian-Luca", sagt Eva-Marie ungerührt, und Louisa stimmt ihrer Zwillingsschwester zu.
"Gian-Luca verträgt auch keinen Zucker. Davon kriegt der Ausschlag, da wird sein ganzes Gesicht krebsrot, und er hat dann überall.. Quaddeln. Der ist ja hyperaktiv, der Gian-Luca. Der darf keinen Zucker, nur Süßstoff."

"Hyperaktiv?" sag ich. "Oder ist der hyperverliebt? Der ist doch bestimmt hyperverknallt, der Gian-Luca. In euch."
"Haha..! In uns verliebt.. Der Gian-Luca doch nicht!"
Eva-Marie wirft ihrer Schwester einen Zwillings-Blick zu.

"Wir sind ja in einer integrativen Klasse", erklärt Louisa und bohrt das Plastiklöffelchen wieder ins gecrushte Eis wie ein Bergsteiger das Eisen kurz unterm Gipfel. "Also wegen den anderen Spinnern. Nicht wegen uns.. Wir sind okay."

Ich krieg ein paar feine Eisbröckchen und Splitter ab. Frau Moll verfolgt aufmerksam die Geschichte und bringt sich in Position, die Schnauze aufgerissen wie ein Höllenhund.

Ein cleveres Tier.
Na, ist ja auch mein Hund.
Klare Kiste, und sehr viel Fell.


8
"Weißt du, woran mich dein rotes Kirsch-Eis erinnert? An Feuerwehrmolke", sag ich.
"Feuerwehr.. molke..? Was soll das denn sein, bitteschön?"
"Das gab's früher zu kaufen, Feuerwehrmolke, aber so was leckeres gibt's heute nicht mehr. Wenn ein Feuerwehrmann vom Einsatz kam und hatte beim Löschen zuviel Feuer eingeatmet, dann haben ihn seine Kollegen solange gemolken, bis alles Feuer aus ihm raus war.."

Die Zwillinge machen große Augen, vier Stück, die mal wieder unter sich bleiben, wie Schokotaler in der Tüte.
"Feuerwehrmänner melken, na klar.." sagt Louisa unsicher.
".. und dann wurde die feurige Feuerwehrmolke samstags in der Stadt auf dem Feuerwehrmarkt verkauft. Hmm, das war vielleicht lecker.. Wie Feuer!"

Erst als ich mir übertrieben den Bauch reibe, meint Eva-Marie "ha ha..", und Louisa dreht sich schnell um, als schäme sie sich dafür, dass sie mir fast auf den Leim gegangen ist.


9
Die Beiden wissen nämlich nicht genau, was sie von mir halten sollen. Von dem Mann mit dem Pudel, der mal der beste Freund ihres Papas war, oder immer noch ist, vielleicht, und der immer nur Blödsinn redet.

Bis auf diese eine Mal. Da hab ich die beiden Mädels (samt Karlos und Sandy) auf einem Fest am Design-Institut getroffen, im Sommer vor zwei Jahren. Da waren Eva-Marie und Louisa erst ganz stolz, dass sie mich kannten, doch dann stellten sie tausend Fragen und ich war genervt von den vielen Leuten und hab keine einzige beantwortet.

Was für ein Institut das sei, wo ich arbeite, was ich da mache den ganzen Tag, wo die Klos sind, wieviel Geld ich verdiene, wo mein Chef ist, was ist ein Institut?
Keine Ahnung, hab ich immer nur gesagt, ich bin eine dumme Nuss, und das hat die Beiden nachhaltig empört.

Noch Monate später, wenn sie mir auf der Korkenzieher-Trasse begegneten und ich es eilig hatte, weil ich mal wieder auf den letzten Drücker zur Arbeit unterwegs war, kicherten sie nur, "ja, klar.. zur Arbeit. Das ist doch da, wo du keine Ahnung hast, von nichts, oder nicht, du dumme Nuss?"

Genau.


10
Als ich mit Frau Moll wieder zu Hause bin, hat sich die Eishalle der Gräfin etwas aufgehellt.

Während im Fernseher eher nebenbei ein Science-Fiction Film mit George Clooney läuft, rätselt sie, was wohl mit unsere Seele geschieht, wenn wir in die ewigen Bodenschätze eingehen.

"In die ewigen Jagdgründe", sag ich.
"Nein, Bodenschätze. Jagdgründe sind ewige Bodenschätze, Schätzchen."
Ihr geht's besser, ja.
"Hm, gut. Also, ich schätze, meine Seele lebt weiter, wenn ich tot bin."
"Als etwas.. Stoffliches?"
"Stofflich? Nein, ich glaub..", mein Blick fällt auf den Tisch, "ich werd eine Zeitschrift. Eine HörZu. Dann bin ich noch eine Woche auf dem Markt, von Samstag bis Freitag - und dann weg."
"Altpapier", sagt sie.
"Genau."
24.4.08 14:40


Neben der Spur

Wenn mir früh am Morgen, ich bin noch nicht richtig wach, aber schon reichlich neben der Spur, auf der Korkenzieher-Trasse ein Radfahrer entgegen kommt, einer jener niemals rasierten Super-Biker im langgezogenen Spurt, durchzuckt mich wie ein Blitz die Vorstellung,

ich würde in dem winzigen Moment, in dem wir auf gleicher Höhe sind, einen Ausfallschritt andeuten in seine Richtung, so ruckartig, dass er vor Schreck aus den Pedalen rutscht und ins Taumeln gerät, mit der Fresse aufs Lenkrad knallt, ein Auge verliert, das über die Strasse springt und kullert wie eine lustige Ping-Pong-Lychee,

bis dann, 7.55 Uhr, die kleine Nervenshow abbricht und ich den Radler passieren lasse, der munter "Guten Morgen!" wünscht, so froh, wie es nur ein Sportler drauf hat, der früh am Tag haarscharf der Katastrophe entronnen ist.
24.4.08 17:39


Frühling in SG

Die ersten schönen Tage. Jetzt kriecht auch das Pack aus seinen Löchern, das die Wintermonate vorm Fernseher und im Büro verbracht hat.
Man erkennt sie am Gang.
Sie staksen wie Stuhl.


*
Ich habe meine Theorien.
Eine geht so.

Die Landschaft im Herbst ist die Bronzezeit des Jahres, der Sommer ist eine altägyptische Katze, die träge im Palast liegt und maunzt, der Winter ist Mammut-Land.
Nur Meister Frühling, der tut neu. Obwohl auch er aus uralter Zeit stammt.
Der alte Blender.
26.4.08 11:06


Naturvolk

Weil ich den Kopf voll blonder Löckchen hatte, machten sich meine Schwester und meine Kusine Eva einen Spaß daraus, mich zu verkleiden und zu schmücken.
Sie konnten nicht genug davon kriegen.
Sie nannten mich Goldmarie und bemalten meinen Mund mit Lippenstift, sie flochten von Weihnachten übrig gebliebenes Lametta in mein Haar und machten sich vor Vergnügen in die Hose.
Ich hatte keine Chance. Ich war anderthalb Jahre alt.

Als Teenager konnte man mich auf hundert Meter Entfernung von hinten erkennen, nur an meinem wilden krausen Haar.
Ich sah aus wie ein weißer Little Richard. Ein wilder Soul-Prediger.

Und heute?

"Herr Geheimrat! Wo sind deine Locken geblieben?" entrüsten sich schon mal Leute, die mich länger nicht gesehen haben. Als hätte ich meine negroide Kopf-Bebauung selbst geplättet, aus lauter Lust und Laune am Plattmachen.

Aber es stimmt ja. Aus der wilden Mähne ist gemäßigter Wellengang geworden, das Haar plätschert dunkelblond über den Schädel, und das schlimmste: Geheimratsecken fressen sich voran wie Parkplätze in den brasilianischen Urwald.

(Ein unhaltbarer Zustand. Ich spiele mit dem Gedanken, amerikanische Umweltaktivisten zu engagieren, die sich an die letzten verbliebenen Riesen ketten..)

"Also, ich finde das sexy", sagt die Gräfin, als wir nebeneinander vorm Badezimmerspiegel stehen. "Das ist so verletzlich."
"Sexy?! Du findest Geheimratsecken sexy?"
"Na, sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Und Verletzlichkeit finde ich sexy. So herum ist es richtig. Ausserdem, ich weiß gar nicht, was du hast. Geheimratsecken sind doch männlich."

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung, also ich weiss nicht. Früher lagen die Dinge einfacher.
Ich hatte ne schöne Matte und die Mädels liefen mir hinterher.
Das war besser.

Da war ich mein eigenes Naturvolk.

Allein schon dieses Wort, Geheimratsecken. Wie erniedrigend. Würdelos, und altbacken.

"Ach, das sind doch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..", tröstet sie mich.
"Na, toll! Weisst du noch früher? Da war ich mein.."
"..eigenes Naturvolk, ja, ich weiß."

Sie überlegt.
"Eigentlich hast du ja noch genug Locken, jede Menge, am Arsch."
"Stimmt.."
"Kannst du dir ja transplantieren lassen, auf den Schädel."
"Nee, das wär ja Minipli. Und mit Minipli erkennt man mich nicht auf hundert Metern von hinten."
"Hm.. Auch wieder wahr. Dann lass es halt, wie es ist."
28.4.08 10:06


Am dicksten Geldautomat der Stadt

Dienstagfrüh, Ende des Monats.

Ich geh mal davon aus, dass der dickste Geldautomat der Stadt noch einen Hunderter in petto hat für mich, warum sollte er sonst so protzig in der Gegend rumhängen, der alte Auszahler, also geb ich meine Geheimzahl ein und den Betrag und warte geduldig, was das Maschinchen dazu meint.

Man hört es Ächzen, dunkel, bedrohlich, wie Ali Baba, der mit vierzig Bankern unterwegs ist zu meinem Kontostand.
Das kann dauern.

Ich hab Zeit. Ich bin blank.

Ich dreh mich zur Seite, und wer steht da, keine zwei Meter entfernt, mit beiden Beinen fest auf der roten Demarkationslinie?

Peter Hoips.

Schon in der Sexta hatte Hoips kaum noch Haare auf dem Kopf und die dicksten Brillengläser der gesamten Unterstufe, aber dafür war er der erste, der in den Stimmbruch kam!
Immerhin.
War ja auch was wert, damals.

Dass er mit Vornamen Peter hieß, wusste ausserhalb der Schule kaum jemand. Dabei passte der Vorname ganz gut zu ihm. Ich hab bis heute keinen Peter kennen gelernt, der nicht durchgeknallt wäre.

Wie ich ihn so dastehen seh, in sein Handy vertieft, Peter Hoips, muss ich daran denken, wie die Sesamstrasse nach Deutschland schwappte, Anfang der 70er, noch im amerikanischen Original, und wie klasse alle den Ernie fanden, viel besser als den steifen Bert.

Alle, bis auf Hoips.

Der stand auf Bert. Dabei war Bert nur Stichwortgeber, Staffage. Die Gags machte Ernie. Erst heute kann ich das nachvollziehen, dass man Bert klasse finden konnte. Ich finde Bert mittlerweile auch besser als Ernie. Na, sagen wir, genau so gut. Oder fast so gut. Ach so ein Scheissdreck!

Ernie ist immer noch der Beste!


Nachdem ich den Hunderter verstaut hab, meine du-großer-starker-Automat-du-Bauchpinselei hat noch mal hingehauen, geh ich dicht an Hoips vorbei, der eine SMS-Nachricht liest, und grüße.
„He, Hoips..!“

Einen Moment lang scheint er nicht zu wissen, wer das sein soll, der ihn Dienstagmorgen, kurz vor acht, so intim vom Handy wegreißt, doch dann erkennt er mich und nickt kurz und stapft auf den Geldautomat zu, mit einem dumpfen, entschuldigenden Blick, „du weißt ja, die Zeit, sie drängt..“

Hoips war schon früher ein finsterer Vertreter. Er wohnte in der Papageiensiedlung, nicht weit von uns. Er war ein Einzelkind und seine Eisenbahn war größer als meine, aber sein Zimmer roch muffig nach Wohnwagen und die Vorhänge waren immer zugezogen.

Die wenigen Nachmittage, die ich bei ihm mit Eisenbahnspielen verbrachte, kamen mir vor wie in einem anderen Jahrhundert. Zu seinem elften Geburtstag lud er mich auf seine Geburtstagsfeier ein. Außer mir kamen nur Thomas H. und jemand anderes.
Es gab dunklen Kuchen und Kuhmilch.

Obwohl Hoips schwerfällig wirkte, stand er auf Popmusik. Er kannte sich sogar gut aus mit Hitparaden und US-Neuerscheinungen, ohne viel Worte darüber zu verlieren. Das imponierte mir.

Als Geburtstagsgeschenk brachte ich ihm eine brandaktuelle 45er Single mit, von John Kongos, "He's gonna step on you again", meine damalige Nummer 1.

Eine rockige Nummer, die wie Johnny Wakelings "In Zaire" direkt aus dem Dschungel zu kommen schien, mit Buschtrommeln und scharfen Gitarren-Riffs, und die Rückseite fand ich fast noch besser, eine dieser Sch-sch-Nummern, auf die ich immer schon stand, schön schleppend.

(Mitte der 80er wurde Peter Hoips im Daddy, dem angesagtesten Club im Bergischen, als DJ (!) engagiert, und er war nicht mal der Übelste. Ich seh mich noch auf der Tanzfläche, im weißen Hemd und mit Sonnenbrand, ich war jung und besoffen, und Hoips spielte Beat it!)

Ich glaub nicht, dass er 1971 mit John Kongos wirklich was anfangen konnte. Aber dass ich ihm überhaupt ein Single schenkte, löste ein Funkeln in seinen Augen aus, ein kurzfristiges Entglubschen, und ein bisschen waren wie an diesem Tag Verbündete.


Unsere Freundschaft war ein ganz zartes Pfläzchen. Am Wochenende gingen wir gemeinsam ins Kino. Keine Ahnung, in welchen Film. "Als die Frauen noch Schwänze hatten" war zwei Jahre zuvor gelaufen, daran erinnere ich mich, der kann es nicht gewesen sein.

Mitten in der Vorstellung fiel es mir siedendheiss ein. Es war wie eine Zündschnur, die auf mich zulief, und ich selbst war die Bombe, die hochgehen würde, am Ende der Schnur, und ich konnte nichts dagegen unternehmen.
Nur abwarten.

Am liebsten wäre ich nach Hause gestürzt, doch ich blieb sitzen, bis zum Ende des Films. Nur den Nachspann ließ ich aus. Mitgekriegt hatte ich allerdings auch zuvor schon nichts mehr.

Ich hatte das Sexheft zu Hause auf meinem Bett liegen lassen.

Und das Sexheft gehörte meinen Eltern.

Ich hatte es in ihrem Schlafzimmer gefunden, zwischen Stapeln frischer Wäsche. Erst hatte ich es mir nicht erklären können, wie es dorthin gekommen war, ich verdächtigte sogar meinen Onkel Fitting, dass er es dort deponiert hatte. Dem traute ich das zu. Aber meinen Eltern?
Was hatten die mit Sex zu tun?


Ich holte das Heft nun jedes Mal aus dem Schlafzimmer, wenn ich alleine zu Hause war. Den Geruch hab ich heute noch in der Nase, wenn ich gelegentlich ein druckfrisches Modemagazin in der Hand halte. Es ist der gleiche obszöne Geruch, wie Hochglanzpenicillin, zu Pulver vermahlen.

Ein Artikel drehte sich um Masturbation. Es war eine mit schwarz-weißen Fotos dokumentierte Geschichte, in der ein Liebespaar schilderte, wie es sich jedes Wochenende um den Verstand onanierte und sich dabei gegenseitig zuguckte.
Die Frau sagte: „Zum Schluss ejakuliert John nur noch kleine hektische Tröpfchen.“

Merkwürdige Sachen.

Wenn ich mit dem Heft durch war, legte ich es wieder zurück, sorgsam, damit kein Verdacht aufkam. Doch diesmal hatte ich es eilig gehabt, ich wäre sonst zu spät ins Kino gekommen, zu dem Date mit meinem neuen Freund Hoips, und so war es auf dem Bett liegen geblieben.

Ich war mir meiner Nachlässigkeit aber nicht sicher. Ich saß im Kinosessel und versuchte mich zu erinnern. Hatte ich das Heft vielleicht doch zurückgebracht..?
Während der Film weiterlief und Hoips neben mir keine Ahnung hatte, was in mir los war, versuchte ich mir den Weg ins Schlafzimmer vorzustellen, den Stapel Wäsche, immer wieder, wie eine Beschwörung, vielleicht hatte ich es ja doch..

Je länger die Ungewissheit dauerte im Kino, desto verfahrener wurde die Situation in meinem 11jährigen Kopf. Möglicherweise würde meine Mutter das Heft ja finden, es aber aus Scham klammheimlich an sich nehmen und kein Wort darüber verlieren..
Nein, das passte es nicht zu ihr.

Als ich die Wohnungstür aufschloss, kam mir Mutter in der Diele schon entgegen, mit gekrümmten Zeigefinger mich heranzitierend, wie im Grossen Wilhelm Busch Buch, nur hundert Jahre später und nicht gezeichnet.

„Mit dir hab ich ein Hühnchen zu rupfen..“

Mir rutschte das Herz in die Hose. Und andere Sachen hinterher.
Verdammt.

Ich ging nie wieder mit Peter Hoips ins Kino.
29.4.08 09:11


1530

Je mehr einer zu sagen hat, desto weniger redet er. Und wenn er doch mal was sagt, dann was anderes.

*
Eben brettert ein alter VW Käfer unterm Fenster her, ein fast vergessener Sound:
als drehe sich serienmäßig der Schlüssel mit, während der Motor läuft.

*
"Wieso bist du eigentlich kein Arzt?" meint die Gräfin. "Du hast keinen Führerschein, du bist kein Arzt. Ist ja wohl das mindeste, was man verlangen kann. Dass der Partner Arzt ist und einen Führerschein hat."

*
Bene kam aus Eritrea und veranstaltete die besten Flohmärkte in der Gegend. Immer dabei: sein Hund Struppi, ein pfiffiger kleiner Kerl, der keine Leine kannte.
Selbst im dicksten Verkehr war er gern allein unterwegs.

Es konnte passieren, dass Bene mittags in seine Stammkneipe Mumms kam und fragte, ob Struppi hier gewesen sei. Ob ihn jemand gesehen hätte.

Und kaum war Bene weg, guckte Struppi um die Ecke.
"War Bene schon da?"

Bene brachte ihm kleine Kunststückchen bei. So schaffte Struppi es nach einer Weile, kopfüber in den orangefarbenen Müllbehälter zu springen, der vorm Mumms am Laternenpfahl hing.

"Allez!" rief Bene, und Struppi verschwand im Müll. Man hörte ein eifriges Wühlen und ein Schnaufen, bis der Hund endlich mit dem Köpfchen aus der Öffnung herausragte, stolz hechelnd:
"Na, wie hab ich das gemacht!?"

Die Beiden waren ein zufriedenes glückliches Paar, bis er eines Tages beim Überqueren der Hauptstrasse unter die Räder geriet.
Nicht Struppi.

Bene.

*
Situation Fleischtheke
30.4.08 09:59


s



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