Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Wo früher Wienerwald war

Es war regnerisch und der Wind fegte um die Ecke, wo heute die Deutsche Bank steht, als Pepe auf die Kreuzung zusteuerte, den Fußgängerüberweg.

Der Affe kroch ihm durchs Gewebe, rüttelte schon an den Knochen, ungeduldig, wie an Käfigstangen, und Pepe hatte dieses diffuse Gefühl, wenn ich jetzt nicht die Arschbacken zusammenkneife, scheiß ich mir in die Hosen.

Schweiss rann ihm durchs Gesicht, aus dem alles Blut abgezogen war, weil es woanders gebraucht wurde; der Regen nervte. Und dann sah er ihn. Botnick.
Botnick näherte sich der Fußgängerampel, auf der anderen Strassenseite, blieb stehen.

Erst war Pepe sich nicht sicher. Ist das Botnick, ist er das nicht? Zwischen ihnen die zweispurige Schwesternstrasse, der Autoverkehr, der Richtung Innenstadt floss.

Regenwasser juckte in Pepes Augen, vermischt mit salzigem Schweiss. Er wischte sich mit dem Ärmel durchs Gesicht, das machte es nicht besser.

Das ist Botnick, klar, das ist er, dachte Pepe, der hat garantiert was auf der Tasche. Sonst würde er nicht so dämlich grinsen. Man ist ja Trüffelschwein als Süchtiger, man hat die Nase ständig auf der Tasche anderer Junkies, schnuppernd, anstupsend, bettelnd, mopsend.

Der würde nicht so ein fettes breites Schoregrinsen durch die Stadt tragen, hätte er nichts auf der Tasche: Lieber Gott, betete Pepe und kniff die Arschbacken zusammen, lass Botnick was zu Verticken dabei haben.

Endlich sprang die Ampel auf grün, Pepe stiefelte drauflos, die Arschbacken ausser Acht lassend, auf Botnick zu, der sich nun, keine zehn Meter entfernt, ebenfalls in Bewegung setzte.

Mitten auf dem Zebrastreifen: Wieso sieht Botnick so frisch aus, dachte Pepe entsetzt, wieso hängen die Wangen nicht durch, müde vom Großstadthumor, den man braucht als Süchtiger um die Kleinstadt zu überleben, wieso..?

"Hallo."

Das war nicht Botnick. Das war der Hundemann. Der ständig Hunde ausführte. Mit ganzen Rudeln spazierte er durch die Stadt. Doch jetzt war er alleine unterwegs. "Alles klar?"

Pepe nickte während er an ihm vorüberhastete.
2.3.08 08:43


Auch bei Miss Tilly..

..gibt's 500 beine.
3.3.08 18:46


Schreiben ist Schwärmen für die B-Seite

Als ich acht oder neun Jahre alt war stand im Wohnzimmer eine Stereo-Musiktruhe von Telefunken, doch da durfte ich nicht ran. Ich musste mit dem Plattenspieler in der Wohnküche vorlieb nehmen: Ein altes Möfchen mit vergilbtem Tonarm, aber mit den spannenderen Platten: Den Singles meiner großen Schwester!

"Eloise" von Barry Ryan, "Lady Madonna" von The Beatles, "Ich sprenge alle Ketten" von Ricky Shayne, sogar ein paar Langspielplatten von The Casuals, The Byrds, Donovan.

Die erste Single aber, von der ich nicht genug bekommen konnte, war von Vicky Leandros. Das war noch nicht das gurrende Schlagervötzchen der späteren Jahre, das war eine blutjunge Einwanderin, die mit hungriger Pianobegleitung ihrer Seele Luft machte:

"DEINEN KLEINEN FINGER WILL ICH NICHT..", schrie es drei Minuten lang aus der geheimnisvollen schwarzen Rille, eine katapultartige Anklage in 45 Umdrehungen gegen einen Schuft, der nicht so wollte wie sie wollte, nämlich: "DIE GANZE HAND!"

Sie litt, als hätte sie heiße Suppe gelöffelt, auf der Fettaugen schwimmen und an der man sich ruckizucki die Zunge verbrennt; ich war auf der Stelle süchtig. Nach Vicky. Nach so Suppe. Nach.. Schwärmen für einen anderen!

Die Platte ist im Laufe der Jahre weggekommen, aber ich bin mir sicher, dass es die B-Seite war, die in der Seele eines neunjährigen Buben eine grandios verwüstete Landschaft hinterließ, nicht die A-Seite. Nicht der eigentliche Hit.

Eine andere Single, die ich oft spielte, war von Cliff Richard, "Ein Sonntag mit Marie". Das Stück fand ich scheiße, es war eine Art Polka, auch das Cover, auf dem Cliff Richard zwischen gelben Luftballons hervor lugt, war eher trottelig, doch die Einleitung des Songs, wow, die hatte was, die gefiel mir. Die war sogar richtig gut.
Wie das schwärmte!

"Der Sommer war längst schon vorbei..", säuselte Cliff, "es war ein Sonntag, es war noch fruh."
Fruh! Nicht früh, fruh. Es war noch fruh. Das war toll. Das war sexy.
Fruh.
Es war noch fruh!

Noch Jahre später hockte ich mit Karlos zusammen und wir spielten alte Singles von meiner Schwester und noch ältere von meinen Eltern, lange bevor das Hören alter Schlager populär wurde. Damals schlugen alle nur angenervt die Türe zu, wenn Karlos und ich die Spitzenreiter von 1964 auflegten.

Überhaupt steckten Karlos und ich die Köpfe so oft zusammen, am Tresen, in hitziger Rede, dass die Leute schon misstrauisch wurden: Was habt ihr beiden da eigentlich andauernd zu bekakeln?!

Im Nachhinein würde ich das auch gern mal wissen. Ich nehme an, ich hab ihm einfach von Vicky vorgeschwärmt, wie sie mich 68 in die Popmusik eingeführt hat. So alltägliches Zeugs eben, das ich heute hier erzähle, in meinen Geschichten.

Und genau das ist der Plauderplan.
4.3.08 11:00


Wundertage

1

Tage wie dieser, an denen man zu seinen eigenen Augenbrauen aufblickt: welch ein Überhang!

Fast ein Mandat.


2

"Ne Ahnung, warum du früher so viel gesoffen hast?"

"Keine Ahnung."

"Weil du dich so schwer getan hast mit Nähe. Du hast dir die Distanz zum Leben weggesoffen."

"Und heute?"

"Säufst du nicht mehr."

 

3

Geheime Klopfzeichen im Wald, ein stetig' Wummern, wenn man leise ist; das Herzpochen der Bäume.

Ihr Blutrausch.

 

4

Schlangen waren mir von klein auf suspekt. Keine Arme, keine Beine, keine Ohren.

An der Hasseldelle gab es eine Wiese, die niemals gemäht wurde. Wilde Wiese, hohes Gras.
Die Schlangenwiese.

Einmal spielten wir Verstecken, obwohl die Schlangenwiese tabu war. Eigentlich. An diesem Tag nicht. Viele fremde Kinder.

..neun, zehn! Ich komme!

Und dann, keinen halben Meter von mir entfernt, plötzlich ein Rascheln.
Ein Zischeln.

"Eine Schlange!" schrie Patrizia.

Alles flüchtete. Rannte um sein Leben. Durch das Schlangengras. Die hohe Wiese. In kurzen Hosen rempelte ich jemanden an, am Boden eine hechelnde Bewegung, ein Hinschnappen!

Störrische Halme knicken, Gräser reissen.

Getrappel.

Ich war der erste, der die Strasse erreichte.

"Boh!"

 

5

Wie die Gräfin auf die Ideen kommt, Ideen für ihre Malerei? Kann ich euch sagen. Die Blaublütige paust Kaffeeflecke ab, vom Küchentisch. Von der Lackdecke. Espressoflecke. Daraus entwickelt sie ihre Figuren.
"Kuck mal. Sieht aus wie ne Ultraschallaufnahme von dir."
Ich seh sogar Ultraschall 1a aus. Wie ganze Bohne.

 

6

"All das Werden und Vergehen", philosophiert sie locker, wie nebenbei, "wird der Menschheit noch vergehen."

 

7

Voran im zappeligen Seniorenschritt. Das Blut schwappt rein und schwappt wieder raus.
Das ist mein Wundertag.

 

8

Als werfe man sich mit jedem neuen Eintrag gegen ein fahrendes Auto, betend, dass die Knochen halten, das müsste Bloggen sein. So gefährlich.
Wie dieser Tag.

 

9

Mittags in der Apotheke. Vier Leute vor mir dran, und nur ein weißes Arzneimütterchen vor Ort.

Das kann dauern.

Ich stell mich auf die Personenwaage, in voller Montur. Jacke an, Weste drunter, Tabak und Feuerzeug dabei, Hausschlüssel, Notizbuch, Schuhe. Macht insgesamt 80 Kilo. Ohne Klamotten, sagen wir, 77.

Wie ist das eigentlich, denk ich, mit dem Notizbuch? Das ist noch leer. Frisch angebrochen. Aber angenommen, es wäre voll. Würde die Waage dann mehr anzeigen?

Bin ich schwerer mit vollgeschriebenem Notizbuch? Und was wiegen Worte? Ein Buchstabe ein Gramm? 1000 Buchstaben 1 Kilo?

Wenn ich 77 Kilo wiege, ohne Klamotten, bin ich schwer wie 77.000 Buchstaben?
Wie eine Erzählung?

 

Ich bin eine kleine Erzählung.

6.3.08 08:52


Eine Frau braucht Hunderttausend

21. März 95, Nachtdienst. Zwei Mark Trinkgeld von Charles Regnier erhalten! Der Altstar bewohnt in der elften Etage ein Doppel-Zimmer mit Sonja Ziemann, in zwei getrennten Betten, auf ausdrücklichen Wunsch hin: KEIN FRANZÖSISCHES BETT stand in fetten Buchstaben im Buchungstext.

Die Truppe befindet sich auf Tournee und das Stück, das sie geben, ist eine Komödie und heisst "Adelaide". Ausser für Charles Regnier und Sonja Ziemann sind für drei weitere Schauspieler Zimmer gebucht sowie für Frau Müller, die Maskenbildnerin, und Reiseleiter Raspotnik.

Die Mannschaft trudelt gegen Mitternacht ein, Regnier vorneweg. Bei der Übergabe zwei Stunden zuvor hatte mein Chef was von berühmten Schauspielern gemurmelt, die bei uns zu Gast wären, und der Name Sonja Ziemann sagte mir tatsächlich was, aber Charles Regnier? Erst jetzt, wo er an der Rezeption steht, vis a vis, kommt mir das Gesicht bekannt vor, aus den Schwarz-Weiss-Krimis der 60er Jahre, Francis Durbridge oder Edgar Wallace.

"N'abend", grüßt er. "Wir haben hier ein Zimmer reserviert."
"Weiß ich doch, weiß ich doch..", entgegne ich mit ausgesuchter Souveränität und reiche den Schlüssel für die 17 rüber, ein Doppelzimmer.
"Oh ja. Danke."
Charles Regnier strahlt, vermutlich froh, dass ihn mal jemand erkennt, dessen Fettgewebe noch halbwegs in Schuß ist. Er betrachtet den Schlüssel in seiner Hand.
"Zimmer 17..? Ist das auf dieser Etage?"
"Ja, gleich hier.."
Ich beuge mich über die Rezeption und zeige rechts den Gang runter.

Sonja Ziemann, das rote Lockenköpfchen, und der Rest der Mannschaft halten sich im Hintergrund. Wie ich sehe, ist sogar Klaus Kinski dabei, verkleidet als Reiseleiter Raspotnik. Regnier wühlt kurz in seiner Manteltasche und legt lächelnd ein Zwei-Mark-Stück auf den Tresen, bevor er rechts den Flur hinunter abgeht, verfolgt von Ziemann, die abrupt abstoppt und den Zweitschlüssel für Zimmer 17 verlangt. Est dann schiebt sie ab.

Maskenbildnerin Müller, auch sie rotes Haar wie die Ziemann, aber feuerrot gefärbt, erkundigt sich, wie lange man bei uns morgens frühstücken kann.
"Bis zehn Uhr", sag ich, und: "Für Sie ist eben ein Anruf gekommen, von einem Herrn Müller.." Ich lasse "Herrn Müller" in der Luft stehen, gehalten von einem Fragezeichen.
"Hm, na.. schön. Dann weiß ich Bescheid", meint sie sauertöpfisch.
Ich wünsche eine geruhsame Nacht.

Weitere Gäste in dieser wenig frequentierten Samstagnacht im Turm-Hotel: zwei Ehepaare aus Ost-Berlin, deren Buben übers Wochenende an einem Fussballturnier teilnehmen, zwei strenge Damen aus Bukarest, die ein Praktikum an der Zentralen Deutschen Süsswarenfachschule absolvieren, vermutlich im Referat Dauerbackwaren. Eine weitere Dame, Frau Melinea, hat den ganzen 13. Stock für sich alleine. Sie fungiert als Vorhut des Schweizer Zirkus Fliegenpilz, der nächste Woche in der Stadt gastiert. Angekündigt, unter anderem, ist Nilpferd Elsbeth.

Insgesamt sind sechzehn zahlende Gäste in der Zimmerliste eingetragen, und die meisten sind um Mitternacht bereits auf ihrem Zimmer, es fehlt nur noch das Pfannkuchengesicht aus dem 12. Stock, ein komischer Vogel, der jeden Abend, wenn er den Schlüssel abholt, ein schweigsames Bierchen kippt an der Rezeption.

Um ein Uhr verzieh ich mich nach hinten ins Büro, in den knautschigen Chefsessel, vor den Kabelfernseher. Eine ruhige Nacht kündigt sich an, bis auf das Geschnarche aus Zimmer 17. Charles Regnier sägt alles in Grund und Boden. Schnarchen ist ein grausames Nachtgewehr. Die arme Ziemann.

Dann, um kurz nach zwei, schellt es plötzlich. Wenn in einer Nacht wenig los ist, schrecke ich jedes Mal aus dem Sessel hoch, als hätte direkt neben mir jemand die Pauke gehauen und Humba-humba gebrüllt, tä-tä-rä! Dschingderassa!
Auf dem Monitor, der den Eingang im Blick hat, erkenne ich das Pfannkuchengesicht. Den hatte ich fast schon vergessen. Per Knopfdruck öffne ich die Tür.

"Haben Sie noch ein Bier da?"
Na, das war ja klar. Ohne Bier kommt der nichts ins Bett. Ich hol ihm eins aus dem Kühlschrank in der Küche.
"Glas dabei?"
"Nee, lassen Sie mal. Ich trink lieber aus der Pulle." Er dreht sich zur Seite und verzieht das Gesicht. "Teufel, hier schnarcht aber einer."
"Edgar Wallace", sag ich. "Der Säger."

Das Pfannkuchengesicht hört nicht hin. Es ist ständig mit sich selbst beschäftigt. Nicht unsympathisch, aber kaputt, irgendwie. Heute ist seine letzte Nacht. Das macht ihn mutig. Während er sonst sein Bier schweigend in sich hineinkippt, kann er diesmal sogar richtig sprechen. Er erzählt vom letzten Urlaub. Neulich, in Spanien.

"Drei Wochen hatten wir gebucht.."
"Insel?" frage ich, froh um etwas Abwechlung.
"Nee, Festland. Da unten bei Portugal.. na, wie hieß das noch..? Ach, egal. Schon die ersten Tage hab ich mich mies gefühlt. Verschleppte Bronchitis, wissen Sie. Ich hab ganz schlecht Luft gekriegt, und dann wurden meine Beine immer dicker. Zuletzt konnte ich kaum noch gehen. Keine fünf Schritte mehr. Bin ich also zum Doc. Hab aber natürlich keinen Auslands-Krankenschein mit, ich mein, wer denkt denn an so was? Der Ich also zum Doc, und der hat nur die Hände überm Kopf zusammengeschlagen, ich versteh ja kein spanisch, und mich direkt ins Krankenhaus überwiesen."
"Och", sag ich.
"Ja."

Er nimmt einen Schluck aus der Pulle.
"Im Krankenhaus fragen die mich als erstes, ob ich genug Geld dabei hab. Bargeld. Du genug Bargeld? Da musste meine Frau sich erst mal hinsetzen und zehn Euroschecks unterschreiben, bis sie zufrieden waren. Und dann kommt bei der Untersuchung raus, ich hab Wasser in der Lunge. Ich wär fast innerlich fast abgesoffen. Zwei Wochen war ich am Tropf, mein Leben hing am seidenen Faden, aber zum Glück war das ein gutes Krankenhaus, sonst wär mein Zimmer hier im Hotel jetzt leer. Wäre storniert worden, mein ich. Zwei Wochen Intensiv. Und den Katheter haben mir die Brüder natürlich bei vollem Bewusstsein gelegt, bei draussen vierzig Grad."

Während er redet, schiebt er die Bierflasche auf der Rezeption gemächlich hin und her.

"Klingt nach nem scheiss Urlaub", sag ich. Was soll ich auch sonst sagen? Erst war ich ja noch ein bißchen gespannt, weil er in den Tagen zuvor kaum das Maul aufgekriegt hat, aber dann kommt er doch nur mit seiner Krankengeschichte rüber. Das nervt. Ausserdem gibts dafür kein Trinkgeld. Na schön, was solls. Jeder ist seine eigene Klinik. Jeder läuft mal im Bademantel über den Flur, das Herz gebrochen, die Knie kaputt, Psychose im Kopp. Jeder spielt mal den Chefarzt, die Nase hoch, selbst wenn man nur ein Stupsnäschen hat, jeder sitzt mal unten auf U3 in der Ambulanz und wird glatt übersehen. (Nicht jeder hingegen verlässt auf eigenen Wunsch die eigene Klinik.)

"Achtundzwanzigtausend Mark hat mich der Klinikaufenthalt gekostet, für vierzehn Tage Intensivstation. Hübsche Stange Geld, was?"
"Das sind zweitausend Mark am Tag", rechne ich mit. "Kriegen Sie doch von der Krankenkasse erstattet, oder nicht?"
"Erstattet krieg ich hundert Mark. Der Rest, genau siebenundzwanzigtausendneunhundert D-Mark, war Eigenanteil. Hundert Mark." Er lächelt matt. "Aber ehrlich gesagt, es war ja nicht nur die verschleppte Bronchitis.."

Die Flasche Bier bekommt eine Pause, bei ihrer Wanderung über die Theke. Er guckt auf seine Hände. Gepflegt, aber die Fingernägel sind groß und krumm. Herzkrank.

"Ich hab zuviel gesoffen. Noch einen Tag vorm Abflug nach Spanien bin ich so voll gewesen, ich hab ins Bett gepisst." Er blickt auf.
"Das ist mir auch mal passiert", sag ich. "Da hab ich soviel Osborne und Bier gesoffen, du Scheisse. Am nächsten Morgen war die ganze Matratze voller Pisse."
Der Frau, die ich abgeschleppt hatte, tischte ich am nächsten Morgen auf, mir wär in de Nacht ein grosses Glas Wasser umgekippt, als ich vom Klo gekommen war, zurück ins Bett.

"Schnaps, genau! Schnaps ist Gift für mich, Schnaps ist Gift für mein Herz", schnappt das Pfannkuckengesicht nach Luft, froh, dass er nicht der einzige ist, dem mal so ein Malheur passiert ist. Er nimmt einen geübten Schluck Bier.
"Für die Blase auch", werfe ich ein.
"Was?"
"Gift. Für die Blase ist Schnaps auch Gift."
"Ja.. natürlich. Äh. Als wir aus Spanien zurück waren, hab ich vier Wochen erstmal nur Cola gesoffen. Können Sie sich das vorstellen? Vier Wochen nur Cola? Ich war so mies drauf, ich hab zu meiner Frau gesagt, ich kauf mir jetzt einen Ferrari. Einen roten Ferrari. Ist doch scheissegal. Wenn ich demnächst sowieso draufgehe, will ich wenigstens noch Spass haben. Aber das wollte ihr nicht in den Kopf, das hat sie nicht verstanden, warum ich jetzt einen roten Ferrari brauche. Ich mein klar, ich bin kein Ferraristi, ich war nie einer, na jedenfaklls, da ist sie richtig sauer geworden. Gut. Aber dann der Hammer."

Vor dem Hammer bringt er sich in Stellung. Beine durchgedrückt, Rücken gerade, fester Blick. Ab jetzt, heisst das, wird aus dem Krieg erzählt. Und weil unsere Generation nie einen Krieg mitgemacht hat, wird von Nebenschauplätzen berichtet.

"Pass auf." (Bei Kriegsschilderungen wird sofort auf Du umgestellt, unter Kriegern.) "Bringt mein Vater uns eine Schubkarre voll Brennholz vorbei, für den Kamin, brüllt meine Frau ihn an, 'Du sollst dich anmelden bevor du hier aufkreuzt!' und schmeisst ihm ein Stück Holz an den Kopf! Mein Vater konnte gar nicht reagieren, so perplex war der alte Herr.." Er macht de Rest der Flasche in einem letzten Zug leer.

"Ich natürlich direkt in den Hof runter. Will wissen, was los ist. 'Du hältst besser dein Maul!' schreit meine Frau mich an. 'Ich hätte dich in Spanien besser verrecken lassen! Was kannst du mir schon bieten?!' Ich wusste überhaupt nicht, was mit der plötzlich los war. Dabei hab ich ihr ne Woche vorher noch fünfzigtausend Mark geschenkt. Fünfzigtausend, von dem Geld, das eigentlich für den Ferrari gedacht war."

Er schaut mich fragend an.
"War das zu wenig? Was meinen Sie? Fünfzigtausend Mark..?"
Ich kann nicht anders und muss lachen, und auch Charles Regnier, der in Zimmer 17 eine Weile Ruhe gegeben hat, röchelt plötzlich wieder wie ein altes Nilpferd im Brackwasser.
"Möglich, ja, das kann schon sein, dass fünfzigtausend nicht genug sind", sag ich. "Hunderttausend sind gut. Hunderttausend kommt immer gut bei Frauen. Eine Frau braucht hunderttausend."

Er hört gar nicht hin.
"In Osnabrück, wo ich herkomme, fahren ja nur drei oder vier Ferrari rum, und mir fehlt ne Herzklappe. Kann sein, dass ich nächste Woche umkippe und tot bin. Gestern hat sie angerufen und gesagt, sie will sich scheiden lassen." Mit einem Auge schielt erin die leere Bierflasche, in der ein allerletzter Nösel zu Boden sinkt. "Schreiben Sie das Bier auf die Rechnung? Danke."

Als er dann doch überraschend flott in den Aufzug verschwindet, muss ich an meinen jung verstorbenen Cousin denken. Auch ihm fehlte eine Herzklappe, und die Jagd nach Kohle war ähnlich. Einmal hielt er im Porsche an der Ampel, und vor ihm stand mein Bruder im R4. Da ist unser Cousin schnell aus dem Wagen und hat am R4 an die Scheibe geklopft. Vorne, an der eingedellten Fahrerseite.
"Ich hab meine erste Million zusammen! Ich bin jetzt Millionär!"

Drei Stunden noch, und eine weitere Nacht ist um, in der 70-Betten-Klinik zu Solingen.
6.3.08 16:30


Jules Vernes

Frau Moll hat eine gepökelte Kalbshaxe in Arbeit, da steckt sogar noch ein Stück Kuhfell dran, unten am Knochen. Wie ein weißes Echtheitsfähnchen schwingt es im Zimmerwind, bevor der Hund losknurpselt und krumpelt.

Es ist so laut und durchdringend, wir verstehen unser eigenes Wort nicht mehr.

Die Gräfin erzählt gerade von Donatella, ihrer italienischstämmigen Nachbarin beim Word/Excel-Kurs.

Donatella leidet unter einer irreversiblen Absenkung der Brust, ausserdem ist ihr Unterschenkel amputiert, als Folge eines Motorradunfalls.
Sie hatte auf dem Sozius gesessen, der Fahrer beide Beine verloren. Und weil er das nicht verkraftete, hat er sich ein paar Monate später das Leben genommen.

Als Donatella nach Hause kam, baumelte ihr Freund in der Küche. Sie hat ihn mit einer Haushaltsschere vom Strick geschnitten und hektisch Wiederbelebungsversuche unternommen, bevor sie mit einem Weinkrampf zusammenbrach.

Eigentlich eine Situation zum Zuhören und Nachdenken, was schlimmer sein könnte, als nach Hause zu kommen und den Mann, den man liebt, vom Strick schneiden zu müssen, doch der schmatzende porkelnde rülpsende Hund ist so in seinem Element, er springt auf die Pfoten und knabbert im Stehen weiter, wobei der Schwanz unablässig gegen die Tischkante knallt, vor lauter Einsatzfreude.

"MENSCH, HUND! JETZT SEI DOCH MAL STILL!"

Würde man Frau Moll jetzt den Hundepuls fühlen, da wär Getrommel.



"Du kannst sagen, was du willst..", setzt die Gräfin an.
"Ich sag gar nix, erst recht nicht, was ich will", entgegne ich, doch sie lässt sich nicht beirren.
"..wenn man den ganzen Tag vorm Computer sitzt, stinken abends die Haare. Von den ganzen elektronischen Wellen und Signalen.."

Sie hält mir ihre Mähne hin, zur Bestätigung ihrer These, doch ich rieche nichts. Nur den Duft ihres gestern benutzten Shampoos und darunter ihren ureigenen Geruch, der mich von je her an das Palomino-Pferdchen aus der alten C&A-Reklame erinnert, das wie aus einer fernen Galaxis dahergetrappelt kam.

Ich bin ja überhaupt der Überzeugung, die Gräfin wurde nicht auf die herkömmliche Art geboren, sie ist im Universum abgebrochen. Als hätte sich dort oben ein Weib gekratzt, und dabei ist die kleine Gräfin zu Boden gesunken.

"Ich riech nix", sag ich.
"Gut", sagt sie erleichtert.



"Mähne? Von welcher Mähne sprichst du eigentlich? Seitdem ich beim Frisör war, ist mein langes Haar doch in den ewigen Mädchengründen verschwunden."

Ich kann mich an den Anblick nicht wirklich gewöhnen. Auch wenn mir ihre neue Kurzhaarfrisur gefällt. Mich an einen Chanson erinnert. Ich bekomme Durst auf ein Gläschen Ricard, wenn ich sie ankucke.



Für manch einen Mann mag es wie der Gewinn einer Goldmedaille sein, für mich auch: ich darf mich auf Geheiß der Blaublütigen bis auf weiteres nicht mehr waschen.

Als Dauerobjekt ihrer Feldforschung am eigenen Mann erschnüffelt sie so Abend für Abend, wie der Tag für mich gelaufen ist. Eine Dusche würde da nur stören, das Ergebnis verfälschen.
"Ich freu mich schon auf morgen Abend", reibt sie sich das Näschen.

Am besten scheint es hinter meinen Ohren zu funktionieren. Da erschnuppert sie minutenlang mein Tageskarma. Mein Stundenmenü.
Es ist, als schnaube ein großer Igel hinter meinem Zelt.
"Mmmhh..", macht es. "mmpff. Mmpff..!"

Was da ungewaschen aus meinem Inneren quillt und sprudelt, möchte ich nicht wissen. Obwohl, ist ja Blödsinn. Innendrin wäscht man sich sowieso nicht. Wo es am nötigsten wär. "Erfahrene Soul-Putze gesucht".

Jedenfalls, sie mag meinen Geruch, und ihre Interpretationen hauen nicht selten hin.
"Du hattest einen sehr entspannten Tag", sagt sie.
Ich kuck sie zweifelnd an.
"Nicht in deinem Schädel, in deinem restlichen Körper. Das gehört bei dir nicht unbedingt zusammen."

Für Männer, die gerne mal zehn Tage lang (plus Option auf vier weitere Tage) ohne Lotion und Haarshampoo auskommen, perfekt.



"Gammelfleisch?! Was wollt ihr denn?" mokiert sich Frau Moll.
"Ist doch lecker."
Sie steht auf ihrer Decke, übermütig, ein wenig linkisch. Als wäre sie mit ihren 4 Jahren immer noch nicht ausgewachsen, als würde sie immer noch nicht ganz in ihr Fell reinpassen.

Ausserdem wartet sie, jetzt, wo die Haxe langweilig geworden ist, auf den Nachtisch. Frau Moll hat einen bezwingenden Charakter. Hat sie ein Ziel im Auge, geht ihr alles andere am Arsch vorbei. Ihr Blick ruht starr auf der Keksdose, die auf dem Schrank im Korridor steht.
Ihre spezielle Keksdose mit den Hundeleckerchen. Dem Nachtisch.

Sie sitzt stur auf der Decke, den Blick auf die Keksdose gerichtet. Fünf Minuten, zehn Minuten. Bewegungslos. Viertelstunde, zwanzig Minuten. Wenn nichts geschieht, auch ne halbe Stunde. Dreiviertel Stunde. Rekord: anderthalb Stunden. Ohne einen Mucks. Starr den Blick auf die Dose im Flur.

Wenn dann immer noch kein Leckerchen kommt, lässt sie sich bitterlich seufzend auf der Decke nieder, mit dem Bass-Seufzer aller Bass-Seufzer, 50.000 Meilen unterm Meer, wo die Tonleiter von Jules Vernes endet.

Ein Seufzer, wie ihn nur ein Hund hinbekommt, der die Welt nicht mehr versteht.
(Aber kennt.)

Wobei es in der Regel ja gar nicht so lange dauert. Bevor sich Frau Moll's Tragikomödie neunzig Minuten hinzieht, ist es meist die Gräfin, die sich erweichen lässt und ein Leckerchen spendiert.



Mir spendiert sie auch etwas. Eine 17 Zentimeter lange Sonnenblume, gerupft aus des Nachbars Vorgarten.
"Komm", sagt sie, "wir legen uns in die Sonne in den Park und schmusen."
"Und währenddessen wird Frau Moll verhaftet, vom Ordnungsamt."
"Au ja!"



Und Donatella?
Geht mir nicht aus dem Kopf.
Auch wenn ich sie gar nicht kenne. Immerzu seh ich diese Situation vor mir, wie eine Frau mit irreversibel abgesenkter Brust und amputiertem Unterschenkel nach Hause kommt. Die Küchentür öffnet.
7.3.08 12:34


Literatur? Nee.

1
Kocht die Gräfin Rote Bete im großen Kessel, duftet es im ganzen Haus nach warmer Erde und ich krieg Lust auf Fußballspielen.
Jedes Mal.
"Ab in den Garten, fauler Hund!"

Kurtisane Moll, eben noch zutiefst gelangweilt auf ihrer Decke hockend, die Schenkel aufgeklappt wie ein Hähnchen im Grill auf der Herbertstrasse, kläfft begeistert.
"Quatsch keine Opern, Chef! Tür auf!"

Im Garten liegt eine Batterie platter Fußbälle, aus denen Frau Moll sämtliche Luft rausgebissen hat. Bis auf einen. Den kriegt sie nicht platt. Auf dem steht "Union Solingen" drauf, "B1", den haben wir auf einem Sonntagsspaziergang gefunden, mitten im Wald, wo man alles mögliche vermutet, nur keinen intakten Fußball, doch man findet heutzutage intakte Fußbälle an jeder Ecke.

Das liegt an der Juvonheu. Die hat es nicht mehr nötig, nach einem Hochschuss, der den Platz verlassen hat, zu suchen. Das macht die nicht extra, die Juvonheu, (klingt wie Juventus, Juventus Deutschland), die meint das nicht böse, die weiss es einfach nicht besser.
Juventus Deutschland denkt: Pille weg, neue kaufen.
Und davon profitiert der Hund von heute.

Als ich aufgewachsen bin, hatten es Hunde bei weitem nicht so gut. Wenn uns ein Ball vom Stiefel rutschte, als Hochschuss jetzt, schwärmten wir in Grüppchen aus und gaben nicht eher Ruhe, bis die Kirsche wieder ans Tageslicht gezerrt war.

Ein dribbelfreudiger Hund musste damals schon mitten im Spiel den Platz stürmen und zwischen den Beinen herumwuselnd die Pille abgreifen, anders war für ihn kein Drankommen.

Das hat der Huvonheu nicht mehr nötig. Der geht sonntags ein Viertelstündchen an die frische Luft, schnuppert am erstbesten Gebüsch in der Nähe eines Bolzplatzes, schon reiht sich der nächste Fußball in die Sammlung ein.

Andererseits waren Fußbälle früher aus richtigem Leder, mit Schweinsblase innendrin. Allein dieser Geruch hat jeden Hund so verrückt gemacht, die Pille wurde regelrecht zerfetzt, bis endlich der Enddarm erreicht war, tief drin in den Eingweiden.

Einmal in den Klauen einer wild gewordenen Bestie blieb von solch einer bedauernswerten Pille eigentlich nichts übrig. Bis auf etwas Pfütze vielleicht, wenn die Kirsche nass gewesen war.

Tja, das waren noch Zeiten früher.
Aber heute ist auch gut.
Für Hunde jetzt.


2
Unter den vielen Zigaretten, die ich mir anstecke, ist gelegentlich eine, deren Geruch mich an meine erste Kippe erinnert. An mein Lungendebüt.

Es muss 1968 gewesen sein, am Garagenhof an der Hasseldelle, eine Reval Ohne. Das hat so geknallt, ich bin fast vom Bananensattel gekippt, so schwindlig wurde mir, also hab ich die Kippe schnell weitergereicht an Fleschkönigs. Der hatte fuchsrote Wimpern, die nicht ein einziges Mal zuckten, bis die Reval zu Ende gepafft war. (Und zwar auf Mund, wie er mir Jahre später beichtete, nicht auf Lunge.)

Die Erinnerung an meine erste Zigarette dauert nur solange, wie der Qualm des ersten Zugs in meine Nase steigt. Sobald das Versprechen von wildem Virginia-Stroh verraucht ist, bin ich wieder 47, Tabakraucher, taubengrauer Auswurf am Morgen.

3
Ich bin kein sonderlich neidischer Mensch, aber wenn ich im Buchladen stehe, eine Neuerscheinung in der Hand, verfasst von irgendwelchen Wurstfingern, bin ich ruckzuck auf 180.
Warum zum Henker sind das nicht meine Wurstfinger, die hier ein gefeiertes Debüt hinlegen?!!
Drecksäcke!
Himmelschreiendes Unrecht!

Doch der Neid verfliegt schnell. Jeder hat seine eigene Geschichte, und meine Geschichte ist dafür bekannt, sich Zeit zu nehmen. Immer wieder ins Stocken zu geraten. Wie unser Wecker im Bad, der ab und zu den Betrieb einstellt.

Will man dann die Uhrzeit ablesen, geht das Ding drei Stunden nach. Oder dreizehn Tage. Obwohl noch Batterie drin ist, volle Lotte. Das ist meine Geschichte. Drei Stunden, 13 Tage, ein verlümmeltes Jahrzehnt.

Da kann ich noch so sehr in der Mechanik rumwerkeln mit Wurstfingern, ich muss warten, bis das Ding wieder von alleine läuft.

Logisch, dass bis dahin 1.000 neue Wurstwaren in der Auslage sind, in der Prosametzgerei um die Ecke.
"Jung, brauchst du Literatur?"
"Nee. Wat zu lesen."

Wirklich neidisch bin ich allerdings auf kleine Kinder, die auf ihrem brandneuen Kinderfahrrad einen asphaltierten Hubbel runterrasen, 80 Zentimeter hoch, vor Freude kieksend.

Drecksäcke.
11.3.08 10:26


Arnheim, der Blues

MUSS RAUS HIER. JETZT. RAUS. REIN IN DEN QUIETSCHEKADETT UND RAUS
AUS DIESER STADT.
WEG VON DIESER FRAU,
DER ICH ZU FÜßEN LIEGE ,
"KOMM ZURÜCK!",
ABER SIE KOMMT NICHT..

..also raus auf die Piste.

Da fahren Lastwagen beladen mit Zigarren, die dickste für mich, die paff ich zum Blues, der steckt in den Knochen, und im Handschuhfach, da sind Schlagzeugstöcke, mit denen trommel ich den Beat:

SHE-S-MY-BA-BEE-
SHE-S-DRIVING-ME-
CRA-ZEE.

2 Wochen und 2 Tage hab ich sie nicht gesehen und dann, heut Nacht, das Telefon, ihre Stimme, "Muss dich sehn, mach mir Sorgen, du schmierst ab!"
sag ich,
"Ja Mädchen, das ist der Trip, der scheucht mich!"

Und in der Nacht zeigt der Türsteher mit dem Finger auf mich: Ahh, da isser wieder der Fertige! Fertig bin ich, wirklich schlimm, aber da ist diese Frau in meinem Kopf, sag ich und schieb ihn beiseite.
"Aber sehen will ich dich nicht", sag ich, "das würd mich umbringen."

Doch schwach bin ich, hilflos, und um 6 in der Früh kommt sie mit dem Adventskalender. Wir öffnen zwei Türchen,
REDEN
RAUCHEN
HEIZEN
durch den Vormittag. Kaufen Turnschuhe im Supermarkt, weil die Latschen vom toten Nachbarsjungen mir kein Glück gebracht haben, tauschen Komplimente an der Kasse:

"Du siehst gut aus!"
"Nein, du siehst gut aus!"
"Nein, du!"
Frag ich: "Das ist unwirklich, nicht wahr?!“
sagt sie, "Doch es ist wahr, wirklich. Lass uns frühstücken".

Im Cafe packen wir alles auf einen Teller, mein erstes Ei seit 2 Wochen 2 Tagen,
"Und neue Jeans brauche ich auch, solche in denen frau die Klöten sieht", sag ich, da wird sie böse, das ist gut, also raus aus dem Cafe und rein in

DIE UMKLEIDEKABINE
DIE KÜSSE
ABER DA LÄUFT DIESES RADIO
DIESE SERVICEWELLE
DIE MELDET STAUS
AUF DER A8 B9 B10

und so finden wir nicht zueinander, die Zungen blockieren.
"Das ist nicht unsere Zeit", sagt sie,
"Nein, das ist sie nicht", sag ich, "Aber die Jeans, die passt, die nehm ich",
also raus aus der Boutique und rein in den Quietschekadett,

irgendwohin fahren, was kiffen, nichts mehr sagen, still sein, bis auf die Kassette, die ist von mir, die macht uns melancholisch.
Sag ich "Mädchen, muss jetzt raus hier, auf nach Arnheim, in das Zimmer von Schnaat, das auf meinen Blues wartet"

sag ich "Ich liebe dich", sagt sie "Ich dich auch, irgendwie", und dieses Irgendwie, das ist der Knockout, der komische, aber das war heute Mittag, jetzt ist Abend,

jetzt ist Arnheim, jetzt parke ich am Hommelseweg und trete mit Kubastummel vor die Vermieterin, die bebrillte Kröte.
Sag ich "Grüße von Schnaat. Ich würde gerne ne Woche hier bleiben, bin auf der Flucht vor dieser Frau",

sagt sie "Klasse, aber für Grüße kann ich mir nix kaufen, kostet doch alles, Strom, Gas, und die Frau, die kenne ich auch nicht, sagen wir fünfzehn Gulden die Nacht"
sag ich "Zehn!"
sagt sie "Fünfzehn!"
sag ich "Abgemacht, Hauptsache ne Hütte“

und steige die Treppe hoch, da ist das Zimmer kahl, kein Bett, keine Matratze, nur Fußboden und ein Haufen kratziger Decken, mit denen ich mir das Nachtlager mache und hier lieg ich jetzt und

HOL IHN MIR HOCH
UM IHN WIEDER RUNTER ZU HOLEN
DOCH ALS ER KOMMT DER ORGASMUS
DENKE ICH
ES WÄRE IHRER
DEN DER SOLDAT IHR MACHT
UND LASSE LOS LASSE SPRITZEN
LASSE RUMSEN IM BAUCH
BIS ES HELL WIRD,
draussen.

Das ist der Blues, der akute Schwitzkasten, selbst im Traum stehe ich auf dieser endlosen Strasse, sehe sie fortlaufen mit dem Soldaten, immer schneller, ich will ihr nach, ich schaff mich, schwitze, doch ich steck fest bis sie fort ist, nur noch ein Punkt in der Ferne, da renne ich los in andere Richtung, gar keine Richtung.

Also rein in die Röhrenjeans, die O-Beine auch nicht grade macht, und runter auf den Hommelseweg.
HALLO ARNHEIM.
HIER BIN ICH!
Doch wer ist Ich?

Steh doch nur neben den Schuhen, weil sie überall drin steckt, sogar in diesen, und die sind so neu, dass die Ferse blutet, das ist der Blues,

ICH GEH
FÜHL
& KOMM UM

SEH ZWEI PUNKS EINEN KANISTER DURCH DIE GOSSE TRETEN
MIT SPITZEN STIEFELN BIS SIE FLITZEN DENN DA BIEGT DER METZGER UM DIE ECKE STEMMT DIE FÄUSTE IN DIE HÜFTE
aber das juckt mich nicht, seh nur die Mayonnaise aus den Ritzen quillen

denk mir,
EH ALLES BLECH, EINDRESCHBAR,

und dass diese Frau mich wahnsinnig macht, was ich ihr alles verspreche:
"Ich mach eine Million Dollar und hole dich zurück/Oder in Lira/Fürn Anfang auch nicht so übel/Oder ich leih mir was!"
lacht sie, "Junge bist du drauf"
sag ich, "Klar, Mädchen, aber deine warmen braunen Augen, die machen so satt, dass kein Hunger bleibt für Worte, die mir Dollars bringen sollen, also bleibts bei den Lira",
doch das findet sie nicht witzig, ich auch nicht, es sind nur die schweren Sachen im Blut, die mich sülzen lassen, jung bin ich, blöd, habe keine Zeit für Weisheit,

MEINE EINZIGE ERFAHRUNG
IST DIE EFAHRUNG
DASS ERFAHRUNG HUMBUG IST
ES MACHT HUM
UND ICH KRIEG WAS VOR DEN BUG

das ist alles, ist wie Langlegen/Aufstehen/Langlegen/Aufstehen, der Rhythmus stimmt, aber ich, ich lieg lang, nehm mich selbst furchtbar wichtig, also weg von dieser Strasse, vom Gestank holländischer Fritten in gelben Tüten und rein in die Cafeteria,

da steht ein Tisch, da klemm ich den Bauch ran, den taste ich ab mit dem Kugelschreiber, aber da kommt nichts, weil ich ja doch nur an sie denke,
an ihre Worte,
die ich vom Ohr gleich rüberlege zur Goldwaage, damit ich ein Bild kriege, doch ihr Kopf ist ein Tollhaus, da gehts drüber, da gehts drunter, und was sind da schon Worte, ausser unzulänglich und verlogen,

einsam bin ich,
und jeder Einsame denkt,
er fällt auf in seiner
Einsamkeit,

da denk ich lieber an zu Hause, an den BEUTEL GERÄUCHERTER BRATWURST IM KÜHLSCHRANK, sollte mein Proviant werden, hab ich aber vergessen, hab ich liegen lassen auf dem Tisch in der Küche,

jetzt seh ich die Spiegelwand, bin erschrocken, wie normal ich wirke, nichts dringt nach aussen, bin nur ein Sack, der sich nicht öffnen lässt, sonst liesse ich ihn strömen, den Schmerz, bis er mehr Ausdruck fände als Fassade und Gesülze,

DAMIT DU BESCHEID WEISST!

Kraftlos bin ich, eine einzige Lücke und hundertfünfzig Kilometer Luftlinie von dir entfernt, und diese Linie in der Luft, die gibt es wirklich, warum also flüchten, warum Arnheim, auch nur eine deprimierende Stadt, nicht mal gross, nur deprimierend, wenn man kein Bild ist in den Köpfen von Eingeweihten,

also rein in den Kadett,
quietsch mich heim zu ihr, zur Bratwurst
im Kühlschrank.
11.3.08 18:58


Ein schmuckes Glied

Levinia war blond und nicht auf den Mund gefallen. Und sie war Stewardess. Darauf legte sie Wert. Stewardess, nicht Flugbegleiterin.

"Flugbegleiterin klingt nach Regionalflughafen Unna", sagte sie einmal. "Und Stewardess.."
"..nach Hawaiigitarre und blauem British Airways Kostümchen", fuhr ich fort.
"Hm, ja", lächelte sie.

Als sie am nächsten Morgen neben mir erwachte, lächelte sie immer noch, etwas entrückter, vielleicht.
"Du hast ein schmuckes Glied", sagte sie und zupfte daran herum.

Ein schmuckes Glied..? Hm..? Wie meinte sie das? Hörte ich da eine Spur von Ironie heraus?
Oder wie!?

Ich meine, hätte sie gesagt, "du hast einen schönen Schwanz", oder meinetwegen "ein schönes Glied", okay. Das wäre in Ordnung gewesen.
Aber ein schmuckes Glied?!
Das erinnerte mich an Glückes Schmied.

Jeder ist seines Glückes Schmied.

Hat also jeder ein schmuckes Glied?? War das damit gemeint!?
Was zum Teufel sollte diese spitze Bemerkung am Morgen nach einem One-Night-Stand?

Sie betrachtete den Übernachtständer und hob das Köpfchen an, so dass ich ihr Gesicht sehen konnte.
"..aber du bist ein Schwein", sagte sie.

Na, Gott sei Dank. Das ging in Ordnung. Damit konnte ich arbeiten. Ich lächelte zurück und ging mit schwerem Gerät in die Küche, Kaffee aufsetzen.
13.3.08 11:18


Cinzano

Ich hab mal als kleiner Junge an einer Autobahn-Raststätte verdorbenes Hühnchen gegessen, in der Frikassee-Variante. Als wir weiterfuhren musste ich so kotzen dass ich die Scheibe nicht schnell genug runtergekurbelt bekam und ein Haufen schlierig-weisser Sabber und Reis landete auf dem Rücksitz und im Schoß meiner Schwester. Pass doch auf, du Schwein! Seit diesem Tag hab ich kein Hühner-Frikassee mehr angefasst, geschweigedenn gegessen.

So ähnlich geht es mir auch mit Cinzano. Ich brauche nur daran zu riechen, schon ist es aus. Warum ich kein Cinzano mehr sehen kann? Ganz einfach. Ich wollte partout nicht glauben, dass Pilze, die um die Ecke auf der Wiese wachsen, genau so törnen können wie im Labor hergestellte Trips, die man teuer bezahlen muss beim dicken LSD-Händler an der Ecke.

Was das nun mit Cinzano zu tun hat?


"Na, wartet ab. Ihr werdet schon sehen.. Aber die Pilze müssen dunkelbraune Lamellen tragen und ein weißes Hütchen, sonst taugen sie nichts“, sagte Danny, der den rechten Arm in Gips hatte, seit Wochen schon. „Die besten Pilze findet man auf Pferdewiesen, in den dunklen, geschützten Ecken. Wo kaum Licht hinfällt. Wo die Pferde hinscheißen.“

„Was denn, was denn..? Pferde, die LSD scheissen?“ fragte Karlos mit großen Augen, gut gespielt.

„Nee, Blödmann. Die wachsen dazwischen. Zwischen dem Dung. Psilos sind Mistbewohner.“

Danny schien zu wissen, wovon er sprach. Von Psilocybin. Magic Mushrooms. Zauberpilzen. Dem rituellen Gift der Atzteken. Vom Frösche lecken.

„Aber Psilos sind genauso verboten wie LSD“, dozierte Danny und grinste. Er war ein langer schmaler Kerl und hatte einen ziemlichen Silberblick, an dem auch seine große Brille nichts ändern konnte. Im Gegenteil. Die Brille machte die Sache nur schlimmer und man wusste nie genau, wohin er eigentlich blickte.

„Verboten? Die Dinger wachsen doch auf der Wiese“, meinte Karlos. "Die kann doch jeder sammeln. Ist doch.. öffentlich. Kann einem doch niemand verbieten."

„Na und ob Deutschland das kann. Psilocybin ist dem Opiumgesetz unterstellt“, sagte Danny. "Genau wie Schore."

Weil er gut in Chemie war und sich mit Rechtslagen auskannte, nannten wir Danny auch den Proff. Hatte jemand eine Vorladung bei der Kriminalpolizei oder sonstwie die Kacke am dampfen, wälzte sich der Proff durch Gesetzestexte und gab Rat. Was aus ihm geworden ist? Keine Ahnung. Ich hab ihn seit Mitte der 80er nicht mehr gesehen. Vielleicht hat er Jura studiert, vielleicht ist er Meteorologe geworden, ("He, Langer! Wie ist die Luft da oben!?"), vielleicht ist er auch ans Heroin verloren gegangen, denn das war das letzte, was ich von ihm gehört hab. Was Drogen anbetraf, war Dannyboy ein Draufgänger.

Wir marschierten runter ins Schellbergtal, der Proff, Karlos und ich.

„Ich kenn da eine Super-Wiese“, sagte Danny, „da wachsen die besten Psilos im ganzen Bergischen.“

"Wieso ausgerechnet da?"

"Ihr werdet sehen. Aber eins kann ich euch jetzt schon verraten: nirgends kacken Pferde dickere Haufen.."

Genaui das schien sich bereits herumgesprochen zu haben. Der Eigentümer hatte den Zaun um die Koppel herum nicht nur erhöht, sondern gleich mit elektrischen Kontakten versehen.

„Scheisse. Da ist Strom drin“, sagte ich.

„Na und“, sagte Danny und führte uns fünfzig Meter weiter. Da war ein Törchen im Gatter. Nicht mal abgeschlossen. Er grinste zufrieden: Siehste! sagte sein Blick. Ihr müsst das nur den Proff machen lassen.

Nur Pflücken, das war leider nicht drin, wegen des Gipsarms. Sagte er. Das müssten schon Karlos und ich erledigen. Die Drecksarbeit.

„Typisch“, murrte Karlos. "Wer muß den Buckel krumm machen?"

Weil seine Schauspielerei kaum Kohle brachte, jobbte Karlos auf dem evangelischen Friedhof. Das brachte zwar auch kaum Kohle, aber zweimal kaum Kohle war besser als zweimal gar keine Kohle.

Karlos war Sargträger, kein Totengräber. Gräber ausheben durfte er nicht. Das verbot die Friedhofsordnung. Das durften nur die festangestellten Gärtner. Karlos durfte mit den Kollegen den Sarg von der Kapelle zum ausgehobenen Erdloch tragen, sich verneigen und die weissen Handschuhe auf den Sarg werfen, mehr nicht. Streng genommen machte er also seinen Buckel dabei gar nicht krumm. Ausser zum Verneigen.

Die Sonne kam raus. Im Schellbergtal roch es nach Moos. Nach Morast. Nach Solingen: wo die Schweine sich suhlen, was der Name der Stadt ursprünglich bedeutete.

Danny zeigte auf einen alten Tunnel, ganz in der Nähe. Er war zur Hälfte zugemauert.

"Das ist das Geheimnis", sagte er ehrfürchtig. "Da drin wohnen Fledermäuse. Die lieben Feuchtigkeit. Und dazu all der schöne Pferdedung hier.. Peferkt."

Er schnalzte.

"Bessere Voraussetzungen für Psilos findest du nirgends.."

Wir mussten ein bisschen suchen und dabei immer aufpassen, nicht in riesige Flatschen Pferdescheiße zu treten, doch schließlich hatten wir zwei Beutel voll Pilze zusammen. Mit weißen Hütchen.

"Die mit brauen Hütchen sind Dreck", hatte auch Karlos schon gelernt.

„Gut“, sagte der Proff. "Richtig."

Ich blieb skeptisch.

„Und die Knalltüten sollen törnen?“ machte ich mich lustig, als wir in Karlos Bude ankamen und die Pilze auf seinem Küchentisch auskippten, samt jeder Menge Erde und Wurzelwerk.

„Schmeckt wie Radi“, meinte Karlos, der gleich zu knabbern anfing.

„Bin i Radi, bin i Keenig!“ grölten Karlos und ich im Chor.

"HE!" rief Danny. "Die müssen erst trocknen! Die kann man nicht einfach so essen! Asis!"

Das Trocknen übernahm er selbst, trotz Gipsarm.

"Ach nee! Auf einmal gehts!" murrte Karlos.

Danny wusch die gut zwei dutzend Pilze unterm Wasserkran und legte sie auf den Kohleofen, ausgebreitet auf einem Küchenhandtuch. Einen Pilz neben dem anderen. Vorsichtig, als wären sie so kostbar wie Bernstein.

Karlos und ich lümmelten am Fenster und genossen die kühle Frühlingssonne.

"Ich freu mich schon auf den Sommer", meinte Karlos. "Wenn sich die Sonne in die Haut reinfummelt, find ich geil."

Er machte eine Flasche Cinzano auf, ich legte Van Morrison auf. Den alten Mono-Plattenspieler, den Karlos von Verwandten aus der DDR geschenkt bekommen hatte, ein einfaches Gerät, war nicht kaputt zu kriegen.

"He! Proff! Mach hinne!" feuerten wir Danny an.

Zwei Stunden später waren die Pilze trocken, die Fütterung konnte beginnen. Allerdings in veränderter Besetzung. Danny hatte sich nach getaner Arbeit dadurch getan, ohne auch nur einen einzigen Psilo probiert zu haben, was uns zunächst stutzig machte, aber dann war es uns egal.

Außerdem war der dicke Hansen aufgekreuzt und für Danny eingesprungen. Haargenau in dem Moment, als der Proff die Treppe runter latschte.

"Als hätte ich's gerochen", sagte der dicke Hansen, der wie immer hungrig war. "Hm, lecker Pilze."

"Finger weg!"

Da keiner von uns dreien jemals Pilze von der Pferdewiese probiert hatte, wussten wir nicht, welche Dosierung es brauchte.

"Ich nehm erst mal einen", sagte ich, und spülte den fingerlangen Lamellenpilz mit einem Schluck Cinzano runter, ohne groß zu kauen.

Karlos und Hansen machten es mir nach, wobei der dicke Hansen sich gleich zwei Pilze auf einmal in den Mund schob.

Der dicke Hansen war nicht wirklich dick. Er hatte einige Pfund Übergewicht, mehr nicht. Trotzdem hieß er überall nur der dicke Hansen. Auch wenn er von sich selbst sprach.

"Der dicke Hansen hat am Wochenende ne Puppe aus Recklinghausen klar gemacht", erzählte er kauend. "Die konnte aber nicht gut küssen. War scheisse."

Nach drei Pilzen war Schluss. Der Geschmack war widerlich. Als hätte man mit der Schnauze tief in der Erde gebuddelt. Ich würgte die Dinger irgendwie runter, mit dem ölige Cinzano, der zum Runterspülen nicht wirklich geeignet war. Mit Wasser wäre es besser gegangen. Aber Psilos mussten ja unbedingt mit Alkohol runter. Das war das letzte gewesen, was Danny uns noch mit auf den Weg gegeben hatte.

„Mit Schnaps lösen sich Psilos im Magen besser auf.“

„Und wann geht’s los? Wie lang dauert das?“ fragte Karlos ungedudig. Was Acid anging, war sein Hirn noch unbefleckt, während Hansen und ich schon einige Linsen und Papers geworfen hatten. Yellow Sunshines, Red Stars.

„Na, wie bei Linsen, schätz ich“, meinte Hansen. „Halbe Stunde, Stunde.“

Wir gurkten unentschlossen in seinem roten Peugeot durch die Strassen. Es ging auf Mittag zu.

"Bißchen Sex mit ner Frau wär jetzt nicht schlecht", meinte Hansen. "Ich hab mir heut morgen zwar schon einen gewichst, im Stehen, war aber scheisse."

"Bei dir ist aber auch alles scheisse, hm?" sagte Karlos. "Obwohl ich gegen Sex auch nix einzuwenden hätte. Ne kurze schmutzige Nummer auffem Klo, wo es schön stinkt."

Wir lachten alle drei auf.

An der Katternberger Strasse, wo ein riesiger Billardschuppen stand, hielt Hansen an.

Ben's Billard Kingdom.

„Billard spielen auf Linse kommt gut“, sagte er. "Ausserdem hab ich Hunger."

"Da gibts nix zu essen."

"Wie? Nicht mal ne Heiße Hexe? Scheisse."

Der dicke Hansen war so etwas wie der Amerikaner in unserem Freundeskreis. Ein Amerikaner mit einem Schlag Süden drin. Lässig. Auf einer USA-Reise hatte er sich monatelang im Mississippi-Delta herumgetrieben. Hansen, der selbst von Kind auf Piano spielte, nahm stapelweise Sendungen aus dem Radio auf, spezielle Cajun,- Blues- und Southern Rock-Sendungen.

Mit den Mitschnitten fütterte er uns nach seiner Rückkehr, und so lernten wir Dr. John kennen, The Meters, Allen Toussaint, Leon Russell. Die ganze wunderbare New Orleans Clique.

In Ben’s Billard Schuppen spielten wir ein kleines Turnier aus. Als ich gegen Karlos gerade auf der Gewinnerstrasse war, fing es an. Ich wollte einen Stoß setzen, da wölbte sich das grüne Tuch auf dem Billardtisch zu kleinen Hügeln auf, und ich setzte den Queue ab. Merkwürdigerweise rollten die Kugeln nicht zur Seite runter. Sie blieben auf dem Tisch. Nur das Tuch kringelte sich, wie eine übergroße benutzte Serviette.

„Ehh.. du Scheisse..“, wich ich zurück, „Was..?!“

Als ich mich umdrehte, sah ich den dicken Hansen, der kerzengerade an der Wand stand, den Zeigefinger in der Nase.
Er bohrte wie besessen, in der anderen Hand hielt er den Queue.

„Wo ist Karlos hin..?“ fragte ich.

„Auffem Pott, kotzen.“

Ich glotzte wieder zum Tisch, wie ein Murmeltier, das nach einem langen Winter aus dem Bau steigt und die Gegend nach verrückten, grünen Billardtischen absucht.

„..ich muss hier raus..“

An die folgende Autofahrt hab ich kaum Erinnerung, ausser dass wir zweimal anhielten, weil Karlos kotzen musste, und dass der dicke Hansen, immer noch hungrig, nicht locker ließ, bis wir endlich Börse 17 ansteuerten, das berüchtigte Nacht-Restaurant überm Western Saloon.

Es war Mittagszeit, die Küche hatte noch geschlossen. Während Hansen sämtlichen Charme aufbieten musste, („Ich geh kaputt, junge Frau!)“, um ein argentinisches Hüftsteak mit Bratkartoffeln und Salat zu bekommen, schwappte das Psylocibin durch meinen Körper, in Wellen. Ich wusste nicht, woran ich war.

Mal wähnte ich mich im fiebrigen Vorraum zur LSD-Hölle, mal konnte ich kaum mein Grinsen kontrollieren: Hansen, wie er in rasender Geschwindigkeit seinen Teller abarbeitete, das war Slapstick.

"Habt ihr schon mal ne Frau gefesselt und dann gefickt?" murmelte er mit vollem Mund. "Ich glaub, zwischen zwanzig und dreissig hat man nur Sex im Kopp. Und Geld. Logisch. Junge Frau! Ne Cola?"

Wie Hansen in diesem Zustand überhaupt was runterkriegen konnte, war mir schleierhaft. Allein der Geruch in der Börse, diesen in zigtausend Nächten aufgewärmten Portionen Spaghetti Bolognese, die aus den Ritzen der Kirschbaumvertäfelung troffen..

Aber nicht nur Hansen, auch Karlos schien unbeeindruckt.
Die Beiden beharkten sich mal wieder.

„Du dickes Klötzl“, sagte Karlos, „schmeckt es denn, hm?“

„Schnauze.“

„Trinkst du auch artig dein Glas Coca auf?“

„Weiß nicht.“ (Schmatz.)

„Das musst du aber auftrinken, Hansilein. Kuck mal, in Afrika verdursten die Kinder, und du trinkst deine Coca nicht leer.“

„Afrika? Sollen sie doch Altkleider saufen, dann haben die keinen Durst mehr.“

Vom jahrelangen Rumlaufen auf Westernstiefeln war seine Haltung so beschädigt, dass der dicke Hansen selbst noch im Sitzen den Eindruck machte, als hätte er 16 Eier in der Hose. So lässig er auch sonst war, unter Drogen wurde er ein großspuriges Arschloch.

Dann sah ich plötzlich sein Messer, wie es in seine Halsschlagader stieß, das Blut sprudelte über den Teller, der sich zum Trog aufblähte, die Gabel kratzte im Porzellan.

"Je mehr ich in mich reinfuttere, desto mehr Hunger krieg ich!"

kreischte Hansens Stimme, verdichtete sich zu einem bösartigem Innenradio, in mir:

Doktor Fishlippy!
Hylf!

TOXISCH!

„Kau nicht so laut, Hansilein!“ hörte ich aus der Ferne Karlos sagen, in einem anderen Erdteil.

„Häh?“

„Du sollst nicht so laut schmatzen! Ich hab schon gedacht, draussen trabt ein Pferd über die Strasse!“

„Ich muss.. raus“, murmelte ich, und stand abrupt vom Tisch aus.

„He.. was!?“ blickte Karlos entgeistert auf.

Ich stelzte in Richtung Tür, schob den Holzperlen-Vorhang beiseite (im Hintergrund das Rascheln blitzender Löffel) und war in der Sonne. Hinter mir ein Fauchen.

"He!"

(Wird fortgesetzt)
18.3.08 10:09


Cinzano

Das Hühner-Frikassee an der Raststätte war verdorben gewesen. Kaum hatte sich mein Vater in den fließenden Autobahnverkehr eingefädelt, musste ich kotzen. Ich bekam nicht mal mehr die Scheibe heruntergekurbelt, schon landeten angedaute Geflügelbröckchen, Schlieren und Reis auf dem Rücksitz und im Schoß meiner großen Schwester.

Seit damals, Anfang der 70er Jahre, hab ich kein Hühner-Frikassee mehr angepackt. Wenn mir allein das Wort irgendwo begegnet, auf der Karte als Tagesmenü, prickelt es mir schon in der Spreiseröhre.

So ähnlich verhält es sich mit Cinzano. Ich kriege keinen Cinzano mehr runter. Warum ich keinen Cinzano mehr runterkriege? Kann ich euch sagen: Weil ich 1984 partout nicht glauben wollte, dass Pilze, die um die Ecke wachsen, genau so törnen können wie im Labor hergestellte Trips, die man teuer bezahlen muss beim dicken LSD-Händler um die Ecke.

Schön. Und was hat das nun mit Cinzano zu tun?

"Wartet doch einfach ab.. Ihr werdet schon sehen.. Aber die Pilze müssen dunkelbraune Lamellen haben und ein weißes Hütchen, sonst taugen sie nichts", sagte Danny, der den rechten Arm in Gips trug, seit Wochen schon. "Die besten Pilze findet man auf Pferdewiesen, in dunklen, geschützten Ecken. Wo kaum Licht hinfällt. Wo Pferde hinscheißen."

"Was denn, was denn..!? Pferde, die LSD ausscheissen..?" fragte Karlos mit gespielt großen Augen.
"Blödmann. Psillos wachsen ZWISCHEN dem Dung. DAZWISCHEN! Psillos sind Mistbewohner.“

Danny wusste, wovon er sprach. Von Psilocybin. Magic Mushrooms. Zauberpilzen. Dem rituellen Gift der Atzteken.
Vom Frösche lecken.

"Psillos sind genauso verboten wie LSD", dozierte Danny und grinste. Er war eins neunzig lang und schmal, trug immer dieselbe Jeansjacke, und er hatte einen ziemlichen Silberblick, an dem auch die extra altmodische Hornbrille nichts änderte.
Im Gegenteil, sie machte seinen Blick nur dusselig und man wusste eigentlich nie, wen er denn nun eiogentlich meinte, mit seinem Blick.

"Wie, verboten? Psillos wachsen doch auf der Wiese", meinte Karlos. "Die kann doch jeder sammeln. Ist doch öffentlich. Kann einem doch niemand verbieten."

"Psilocybin ist dem Opiumgesetz unterstellt und verboten", sagte Danny, "genau wie Schore oder andere Drogen. Mit Verboten hat Deutschland doch keine Probleme, wisst ihr doch. Nur anschnallen ist nicht verboten. Sonst alles."
“Nee, is klar."
"Stimmt. Ist richtig."

Weil Danny gut in Chemie war und sich mit Rechtslagen auskannte, nannten wir auch den Proff. Hatte jemand Ärger mit der Schmiere, wälzte sich der Proff durch Gesetzestexte und gab Rat.

Ich hab keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Seit Mitte der 80er hab ich ihn nicht mehr gesehen. Vielleicht hat er Jura studiert, wie er es vorhatte, oder ist Meteorologe geworden: "Langer!" riefen wir, "Wie ist die Luft da oben!?"

Vielleicht aber hat er auch im großen Stil Kokain nach Hongkong verschoben, von Panama aus. Das war sein Plan E, wenn alles andere schief gehen sollte. Danny war ein Draufgänger, der sich aber im richtigen Moment abseilen konnte, wenn eine Sache zu heiß wurde.

Wir hatten uns bei Karlos getroffen, in seiner nikotindüsteren Bude an der Finkenstrasse, nun marschierten wir runter ins Schellbergtal: Der Proff, Karlos und ich.

"Ich kenn da eine 1a-Wiese", hatte Danny getönt, "da wachsen die besten Psilos im ganzen Bergischen Land.“
"Wieso ausgerechnet da?"
"Nirgends kacken Pferde dickere Haufen."

Dummerweise schien sich das bereits herumgesprochen zu haben: Der Eigentümer hatte den Zaun der Koppel erhöht und sogar mit elektronischen Kontakten versehen.
"Scheisse, da ist Blitz drin äh", fluchte ich, "na, Dingens.. Strom!"
"Na und", sagte Danny und führte uns keine fünfzig Meter weiter, zu einem Törchen im Gatter. Es war nicht mal abgeschlossen. Er grinste zufrieden. Siehste! sagte sein Blick, ihr müsst das nur den Proff machen lassen.

Pflücken allerdings war nicht sein Ding. Wegen des Gipsarms. Sagte er. Das müssten wir schon erledigen. Karlos und ich. Die Drecksarbeit.
"Typisch", knurrte Karlos. "Wer muss den Buckel krumm machen? Na!?"
"Na, wir", sagte ich.
"Ja, aber ich hauptsächlich auch!"

Weil die Schauspielerei kaum Kohle brachte, jobbte Karlos nebenbei auf dem Friedhof als Sargträger. Das brachte zwar auch kaum Kohle, aber zweimal kaum Kohle war besser als zweimal gar keine Kohle, logisch.

Die Sonne kam raus. Im Schellbergtal roch es barsch nach Dammwild, nach Moos und Morast. Nach Solingen eben.
Wo die Schweine sich suhlen, was der Name der Stadt ursprünglich bedeutet hatte.

Danny zeigte auf einen alten Tunnel. Der Eingang war zur Hälfte zugemauert.
"Da drinen wohnt das Geheimnis der Psillos vom Schellbergtal", sagte er ehrfürchtig. "Da wohnen Fledermäuse, und die lieben es feucht, genau wie Pilze.“
Er schnalzte.
"Perfektere Voraussetzungen für Psilos findest du nirgends."

Karlos blickte nicht mehr durch.
"Ich dachte, das liegt an sder schönen Pferdescheisse hier."
"Ja, klar. Und?"
"Na, und jetzt quasselst du was von Fledermäusen."
"Ja, die sind der Indikator, dass es hier schön feucht ist. Den Rest machen die Pferde. Die äppeln ordentlich, und dazwischen gedeihen die prächtigsten Giftpilze."

So einfach, wie Danny getönt hatte, waren die Dinger gar nicht zu finden, außerdem mussten wir aufpassen, dass wir nicht in diese riesigen Pferdeflatschen treten.

"Typisch Bergische Land-Klepper", stieß ich Karlos an, "keinen Arsch in der Hose, aber dicke Haufen äppeln."
"Wieso sollen Pferde keinen Arsch haben?" hatte Danny halb hingehört.
"In der Hose!" wiederholte ich. "Die haben keinen Arsch in der Hose, Danny!"

Schließlich waren zwei Beutel Pilze zusammen. Mit weißen Hütchen. Genau wie vorgegeben.
"Die mit braunen Hütchen sind Mist", hatte auch Karlos schon gelernt.
"Brav", nickte der Proff. "Richtig."

Zurück in Karlos dunkler Bude an der Finkenstrasse kippten wir die Pilze auf dem Küchentisch aus, samt jeder Menge Erde und Wurzelwerk.
"Schmeckt wie Radi", meinte Karlos, der sofort zu knabbern anfing.
„BIN I RADI, BIN I KEENIG!“ grölten Karlos und ich im Chor.

"He!" rief Danny. "Die müssen erst noch trocknen! Die kann man nicht einfach roh fressen, ihr Riemen!"
Das Trocknen der Pilze übernahm er selbst, trotz Gipsarm.
"Och, guck an. Auf einmal geht’s", murrte Karlos.

Danny wusch die gut zwei dutzend Psilocybin-Pilze und legte sie auf die Heizung, ausgebreitet auf einem Küchenhandtuch, einen neben dem anderen, und so vorsichtig, als handelte es sich um 24 bergische Kostbarkeiten.

Karlos und ich schoben derweil die nikotinschweren Vorhänge zur Seite und lümmelten uns am Fenster, genossen die kühle Frühlingssonne.
"Ich freu mich auf den Sommer", strahlte Karlos, "wenn sich die Sonne in die Haut reinfummelt, wah."

Er öffnete eine Flasche Cinzano und drehte eine Tüte, ich legte eine Gospel-Scheibe auf. Johnny Cash und die Carter Family.
"Where were you when they crucified my love?"

Karlos hatte nicht viele Platten. Die wenigen, die vor dem alten Mono-Plattenspieler standen, hatte er von mir ausgeliehen und waren seiner Meinung nach in seinen Besitz übergegangen, mit der Zeit. Worauf er Wert legte.
„Pass auf, das ist meine Scheibe, Glumm!“ rief er. „Geh ordentlich damit um!“

Zwei Stunden später waren die Pilze soweit getrocknet, es konnte beginnen.
Allerdings in veränderter Besetzung. Danny hatte sich nach getaner Arbeit dadurch getan, ohne auch nur einen einzigen Pilz probiert zu haben, was uns zunächst stutzig machte, aber dann war es auch egal.
"Scheiß doch der Hund drauf", sagte ich.
“Yes“, bekräftigte Karlos.

Zudem war der dicke Hansen aufgekreuzt, und zwar just in dem Moment, als sich der Proff verabschiedete.
"Als hätte ich's gerochen", freute sich Hansen, der wie immer hungrig war.
"Hm, lecker Pilze."

Da allerdings keiner von uns dreien jemals Magic Mushrooms probiert hatte, wussten wir nicht, welche Dosierung es brauchte.
"Ich nehm erst mal einen", sagte ich und spülte den fingerlangen Lamellenpilz ohne groß zu kauen mit einem Schluck Cinzano runter. Scheiße, war das eklig. Als wäre man mit der Schnauze tief in einer verdreckten Altkleidersammlung.

Karlos und Hansen folgten, wobei der dicke Hansen sich gleich zwei Exemplare in den Mund schob. Hansen war übrigens nicht wirklich dick. Er hatte ein paar Pfund Übergewicht, okay, aber mehr nicht. Trotzdem hieß er überall nur der dicke Hansen, auch in seinen eigenen Worten.
"Der dicke Hansen hat am Wochenende ne Puppe aus Recklinghausen klar gemacht", verzog er kauend das Gesicht. "Die konnte aber nicht gut küssen. War nix."

Wir würgten die Dinger irgendwie runter, mit öligem Cinzano, der zum Runterspülen auch nicht wirklich geeignet war. Wasser wäre es besser gewesen. Aber Psilos mussten ja unbedingt mit Alkohol runter.
Das war das letzte gewesen, was Danny uns mit auf den Weg gegeben hatte.

“So, sehr hübsch das alles. Und wann geht’s los?“ fragte Karlos ungeduldig. "Können wir mal?"

Was Trips anging, war er noch unbefleckt, während Hansen und ich schon mehr als einmal Linsen und Papers eingeworfen hatten. Yellow Sunshines, Red Stars. Eine Blue Hotel. Und jede Menge Pillen, die mehr oder weniger aus Speed bestanden.

„Bis es losgeht dauert so lang wie bei Linsen, schätz ich“, meinte Hansen. „Halbe Stunde, Stunde.“
"Das sind keine Linsen, das sind Pilze", stellte ich richtig, immer noch skeptisch.

Wir gurkten unentschlossen im roten Peugeot durch die Strassen. Es war noch früh. Gerade mal Nachmittag. Wolken zogen den Märzhimmel entlang wie Gasflämmchen an einer langen Schnur.

"Bisschen Sex mit ner Frau wäre jetzt nicht übel", meinte Hansen am Steuer. "Ich hab mir heut morgen zwar schon einen gewichst, im Stehen, aber das war scheisse."
"Gegen Sex hätt ich auch nix einzuwenden", meinte Karlos. "Ne kurze schmutzige Nummer auffem Klo, wo es schön stinkt, geil."
Wir lachten, ausnahmsweise alle drei.

An der Katternberger Strasse gab es einen riesigen Billardsaal. Hansen hielt an. Ben's Billard Kingdom.
„Ne Partie auf Linse kommt garantiert gut“, sagte er in einem Ton, als hätte er das schon tausend Mal gemacht. "Außerdem hab ich Hunger."
"Da gibt’s nix zu essen."
"Shit."

Hansen war nicht nur nicht dick, er war auch der Amerikaner in unserem Freundeskreis, mit einem Schlag Süden drin.
Auf einer USA-Reise hatte er sich monatelang im Mississippi-Delta rumgetrieben. Es war die Lebensart der Leute, die ihm gefiel, das easy going, die Musik.
Hansen, der selbst von Kind auf Klavier spielte, nahm Sendungen aus dem Radio auf, spezielle Cajun,- Blues- und Southern Rock-Sendungen.

Mit den Mitschnitten auf Cassette fütterte er uns nach seiner Rückkehr, und so lernten wir Dr. John kennen, The Meters, Allen Toussaint, Leon Russell.
Die ganze Fingerschnippende New Orleans Clique.

In Ben’s Billard Schuppen fochten wir ein kleines Turnier aus. Jeder gegen jeden, mit Rückspiel.
Als ich gegen Karlos gerade auf der Siegerstrasse war, fing es an. Ich wollte einen Stoß setzen, da hob sich das grüne Tuch vom Billardtisch, wölbte sich, knickte..
..und ich setzte den Queue ab. Lauter kleine Hügel und Pyramiden und Zelte standen auf der Platte. Merkwürdigerweise rollten die Kugeln aber nicht zur Seite runter. Sie blieben auf dem Tisch.
Nur das Tuch kringelte sich, wie eine übergroße, benutzte Serviettenlandschaft.

„Ehh.. zum Teufel..“, wich ich zurück, „Was..?!“

Als ich mich umdrehte, sah ich den dicken Hansen, der an der Wand lehnte, kerzengerade, ein in Acid gegossenes Ausrufezeichen, den Zeigefinger in der Nase. Er bohrte wie besessen, in der anderen Hand hielt er den Queue.
Total aufrecht, alles.

„Wo.. ist Karlos hin..?“
„Auffem Pott, kotzen.“

Ich glotzte vorsichtig zum Tisch. Ich fühlte mich wie ein Murmeltier, das nach langen Wintermonaten aus dem Bau steigt und die Gegend nach verrückten, grünen Billardtischen absucht.
Verdammt!
„Ich muss hier.. raus..!“

Als wir ins Auto einstiegen, nahm ich auf dem Rücksitz Platz, ich hatte Schiss, ich würde durch die Frontscheibe gehen noch während wir in der Parktasche standen.

Zweimal hielten wir an, weil jemand kotzen musste, dann steuerte Hansen hungrig Börse 17 an, das berüchtigte Nacht-Restaurant überm Western Saloon.
Da die Küche um diese Uhrzeit geschlossen hatte, musste er schon sämtlichen Charme aufbieten, („Ich kack ab, junge Frau“), um ein argentinisches Hüftsteak mit Bratkartoffeln und Salat zu bekommen. Unterdessen schwappte das Psylocibin durch meinen Körper, in heftigen Schüben.
Ich wusste nicht, woran ich war. War ich Strand? War ich Meer? War ich Ich? Und was war das, ich?

Mal wähnte ich mich in der LSD-Hölle, mal ließ sich das Grinsen kaum noch kontrollieren: Der dicke Hansen, wie er in rasender Geschwindigkeit seinen Teller abarbeitete, das war Slapstick. Das war quietschbuntes Vorabendprogramm. Dick war das und Doof.

"Habt ihr schon mal ne Frau gefesselt und dann gefickt?" murmelte Hansen mit vollem Mund. "Ich glaub, zwischen zwanzig und dreißig hat man nur Sex im Kopp. Und Geld. Logisch. Junge Frau! Ne Cola!"

Wie er in diesem Zustand überhaupt was runterkriegen konnte, war mir schleierhaft. Allein der Gestank in der Spelunke machte mich krank, der Gestank von in zigtausend Nächten aufgewärmten Portionen Spaghetti Bolognese, der in der Kirschbaumvertäfelung nistete.

Doch nicht nur der dicke Hansen, auch Karlos schien so unbeeindruckt, die Beiden beharkten sich mal wieder. Sie waren wie Hund und Katze, und ich dazwischen, am Durchdrehen.

„Du dickes Klötzl, schmeckt es, hm?“ neckte Karlos Hansen.
„Schnauze.“
„Trinkst du denn artig dein Glas Coca auf?“
„Weiß nicht.“ (Schmatz.)
„Das musst du aber auf trinken, dickes Hansilein. Kuck mal, in Afrika verdursten die Kinder, und du trinkst deine Coca Cola nicht auf.“
„Afrika? Pff", schnaubte Hansen. "Sollen sie doch Altkleider saufen. Haben sie keinen Durst mehr.“

So amerikanisch lässig Hansen sonst auch sein mochte, unter Drogen wurde er zum großspurigen Arschloch. Mich erreichte unterdessen die nächste Pilzwelle. Ich sah das Besteck heftig in Hansens Halsschlagader stoßen, roter Muskelfarbstoff sprudelte über den Tellerrand, die Gabel kratzte so tief im Porzellan, ich steckte mir verzweifelt die Finger in die Ohren.
"Je mehr ich futtere, desto mehr Hunger krieg ich!" kreischte Hansen, es kam zumindest als Kreischen in meinen Ohren an, als toxisches Orchester.

„He, kau nicht so laut, Freundchen..l!“ hörte ich in der Ferne Karlos sprechen, in einem anderen Erdteil.
„Häh?“ gab Hansen zurück.
„Du sollst nicht so laut schmatzen! Die Kellnerin glaubt ja, da draußen trabt ein Pferd über die Strasse, du alter Bierkutscher!“
Ich stand abrupt vom Tisch auf.
„He.. was denn!?“ sagte jemand. Ich sah noch die Hände von Hansen, die das abgegriffene Bluna-Glas wegstellten, dann eierte ich in Richtung Tür, schob den Holzperlen-Vorhang beiseite, hörte in der Küche das Rascheln aufblitzender Löffel.

Dann war ich draußen, unter der grellen Parkplatzsonne.
"He! Warte.."
Das war Karlos. Er kam mir nach. Alleine. Ohne Hansen. Gott sei Dank. Ich konnte Hansen nicht mehr ertragen. Durch die Scheibe sah ich ihn am Tisch sitzen, vor seinem Futtertrog. Er kuckte uns nicht mal nach.

Karlos und ich kreuzten die Fußgängerzone und die Goerdeler Strasse, ohne ein Wort zu sagen. Karlos kannte mich gut genug, um zu wissen, was los war. Und selbst wenn er es nicht wusste, so ahnte er doch, welchen Film ich fuhr, wenn mich eine Droge auf dem falschen Fuß erwischte.

Im Stadtpark hinterm Haus der Jugend, dem Malteser Grund, war die große Wiese frisch gemäht worden, es roch wild nach Lagerfeuer, nach dampfenden Kartoffeln im Aluminium-Mantel, als wir an einem Gärtner vorüber gingen, der am Fuße der kleinen Klagemauer aus Backstein das Unkraut des Winters abfackelte, mit dem Bunsenbrenner, betrieben von Propangas aus roter Flasche, mit finster entschlossener Miene.

Wir stoppten weiter unten an einer Bank. Ich sprach keinen Ton. Ich war Quecksilber.
Ich spürte die Hitze durch mein Gesichtsfeld rotzen, Quecksilbernerven, geschmirgelt, von den Knochen gelöst, ich war ein versehrtes Tier; und Karlos, ich konnte Dich damals nicht ankucken.. dein Gesicht, erstarrt zum gealterten Pinocchio.. und plötzlich war da kein Ohr mehr, nur noch rohes Knorpelmaterial.

ICH SPRANG von der Bank, hetzte den Park rauf, über die Wiese. DER FRISCH GEMÄHTE RASEN TRÄGT JA BUBIKOPF! FEIN lächelte jemand in mir, ich war das nicht. Hinter mir ein Lärm, als würden Gullydeckel in die Luft gesprengt.
Schritte vom Gärtner auf dem Pflaster.

DER RASEN WURDE ELEKTRISCH NIEDERGEMÄHT! trieb eine Schleife durch mein Gehirn, ein Titel: ELEKTRISCH NIEDERGEMÄHT!

Ich hockte mich nieder, wollte ein Büschel Gras berühren, in die Hand nehmen, wollte mich durch Anfassen ruhig kriegen, die Panik abdämpfen, das war die Absicht, doch die Grashalme verkochten in meinen Händen zu grünen Leprafetzen:

es waren nicht meine Finger, waren Finger von jemand Anderem, waren anderer Leuts Finger, die in die Wiese packten, auch wenn mein Tastsinn FATALERWEISE Berührung signalisierte.. meldete, aus weiter Entfernung,
stadiongroß, der Fieberschub im ganzen Körper;

die Angst, es nicht mehr zu schaffen.. dieses Mal nicht.. dieses Mal NICHT MEHR normal werden zu können.. keine Wiederkehr..
"..nie mehr normal..", sprach ich, die Hand vor Augen, wie im Versteck.

"Doch", widersprach Karlos, der die ganze Zeit neben mir blieb, "das wird.. wieder. Das geht vorbei.."
"Nur normal sein", dachte ich und sagte was von "Fernsehen.. Nur abends im Bett liegen.. und fernsehen.. ganz normal. Ganz einfache Sachen, Karlos.."
"Ja.. Natürlich."

Geknechtet von Eindrücken, die wie von Tauchsiedern erhitzt sprudeln und blubbern und nicht aufhörten zu blubbern und zu sprudeln, Beine, mit Marschflugkörpern bepackt, unterwegs zur Hölle, se schien, als hätte ich hatte sämtliche Tickets gelöst.
Man winkte mich durch und die Engel kicherten: Da isser wieder, der Fertige. Ja. Da war er wieder.

Der kleine Park am Malteser Grund ist eine Art Stadion. Wenn man dem äußeren Weg folgt, läuft man ziemlich genau eine Stadionrunde. Mit dem Unterschied, dass der Park an einem Hang liegt.

Wenn es die eine Hälfte der Stadionrunde bergab geht, geht es die andere Hälfte bergauf. Eine halbe Runde bergab, eine halbe Runde bergauf.

Um auf einem schlechten Trip nicht komplett verloren zu gehen, kann man nur versuchen, in Bewegung zu bleiben, die Zeit umzukriegen. Denken funktioniert nicht, wenn man auf Stunden ein überquellendes Postfach ist und der Sortierer kommt nicht; Stehen bleiben geht noch weniger mitten in der späteren Psychose, im Superwachkoma
PRASSELND
sagte ich, irgendwann, zu Karlos:
"Ich .. Karlos, lass uns zu dir gehen. In die Badewanne. Lass uns heiß baden."

Die Vorstellung, in heißes Wasser einzutauchen, gemeinsam mit dem besten Freund, erschien wie ein Versprechen, doch noch gerettet zu werden, von einem warmen Lasso, in allerletzter Sekunde, eingeholt.
Vom großen stolzen Cowboy Wirklichkeit.

"Sicher", nicktest du. "Lass uns gehen."

Wir gingen nicht zu Karlos, wir stiegen nicht in die heiße Badewanne. Aber wir hätten es getan, Karlos hätte es mir zuliebe getan, das alleine zählte.
Von da an ging es bergauf.

Wir blieben im Malteser Grund bis die Wirkung der Pilze von allein abflaute, vielleicht eine Stunde noch. Bis die Angst, die mich niedergedrückt, so gekrümmt hatte, plötzlich (und wie schnell ging das!) wie weggeflogen war.
Als hätte ich durchs Chaos durch gemusst, um das Funkeln zu begreifen.

Als der Abend fast schon dämmerte nahm ich das feuchte Gras in die Hand, ließ es durch die Finger rieseln, leise wie Samt, und ich freute mich wie ein kleines Kind. Ein kleines Königskind. Dass der Trip endlich ausatmete.

Und die Nacht holte Luft.
18.3.08 12:00


Dann tat ich mich dadurch

Wenn es niemandem auffiel, dass die Musik schon seit einer Stunde aus war, also, das waren die besten Parties. Dazu leichte Bierkleidung und die Art flapsiger Bemerkung auf der Tasche, die bei Frauen gut ankam.

"He, Karlos! Soll die Flasche Rose da bis ans Ende ihres Lebens ungeöffnet auf dem Tisch stehen bleiben?"

Als die Musik wieder einsetzte, und der Rose leer war, sagte ich zur Gräfin, "so, wir können gehen." Was den Zeitpunkt betraf, eine Party zu verlassen, hatte ich ein glückliches Händchen. "Da kommt nix mehr."

Es war Mitternacht, als wir an der Kölner Straße vor dem alten Haus standen, in dem sie mit ihrer besten Freundin Katinka und Sahir, ihrem Ex, wohnte.

Sahir hatte noch keine neue Wohnung gefunden. So lange wurde er quasi geduldet. Die Wohnung war groß genug. Weit über hundert Quadratmeter und ein riesiger Balkon, dazu ein finsterer Hinterhof, mitten in der Stadt.

Sahir hatte ich vielleicht zwei Mal gesehen. Ein in Deutschland geborener Türke, der ohne Akzent deutsch sprach.
"Kann der überhaupt türkisch?" fragte ich die Gräfin.
"Ja, guten Morgen, Tante, ich brauche Geld", antwortete sie. "Mehr nicht, glaub ich."

Wir hatten eine Art Abmachung. Solange er dort wohnte, übernachtete die Gräfin bei mir, ich aber nicht bei ihr. Das war so eine Art Abmachnung ohne Worte. Vielleicht hätte man auch einfach Respekt darüber schreiben können.

In dieser Frühlingsnacht 1987 aber ließ die Gräfin nicht locker. Sie wollte unbedingt, dass wir die Nacht in ihrem Bett verbringen.
Später sagte sie, sie habe wohl unbewusst eine Entscheidung herbeiführen wollen.
"Dass der Schädel endlich schnallt, dass ich nichts mehr von ihm will."

Schädel war sein Spitzname. Er mochte ihn nicht. Das ist natürlich schlecht, wenn man seinen eigenen Spitznamen nicht mag.
Mein Spitzname war Glummi.

"Ihr sollt den Glummi decken!" hieß es früher auf dem Fußballplatz, wenn ich einen meiner gefürchteten Scherenschläge in der Luft mit voller Wucht gegen den Pfosten setzte.
Das fand ich besser als ein Tor schiessen. Wenn dem Keeper, der wild sein Haus bewachte, der Kasten wackelte.

Wir standen unten am Gatter.
"Ach , komm doch mit hoch", sagte sie. "Das kriegt der gar nicht mit, der Schädel. Ausserdem brennt kein Licht in seinem Zimmer."

Ein Jahr war ich mit Lena auseinander gewesen, als die Gräfin aufgetaucht war und mir die Fingernägel lila lackierte. Es dauerte drei Wochen, bis die Farbe rausgewachsen war, weil Nagellackentferner galt ja nicht.

Seitdem waren wir zusammen, seit ein paar Monaten, alles war Neuland. Sie verdrehte mir den Kopf, aber nach vorne.
So, dass ich wieder sehen konnte, wie das Leben war.
Schön, und schräg.

Wir standen in der Dunkelheit und spekulierten angetrunken, was wohl mit einem alten Flokati geschieht, den man in den warmen Golfstrom wirft. Ob da ein Korallenteppich draus wird, oder ob die Fische Atemnot kriegen.

"Die Fresse voller Flusen", sagte ich.

Aber es half nichts.
Sie kam wieder zum Thema.
"Komm mit.. Sei nicht so. Sei kein Frosch."
Ich sträubte mich.
"Wir können doch zu mir", sagte ich.
"Das ist so weit, ich bin müde. Komm.., bitte."

Es war ein warmer langer Kuss, der nach Pflaumenwein roch und mich schließlich überzeugte.
Leise öffnete sie die Wohnungstür.
"Geh schon mal vor", flüsterte sie. "Ich kuck mal eben in sein Zimmer.."

Eine Minute später stand sie im Türrahmen.
"Ta ta! Der ist wirklich nicht hier."
Gut.

Am nächsten Morgen wurden wir früh wach und trödelten noch was im Bett rum.
Dann stand sie auf, um Kaffee aufzusetzen.
Als sie zurückkam, war sie blass.
"Scheisse. Der Schädel ist doch da. Der liegt auf dem Sofa und schnarcht."
"Auf dem Sofa?"
"Ja, im Wohnzimmer. Daneben steht ne leere Flasche Whisky. Der war bestimmt stratzevoll."
"Na, ich bin ja gleich weg", beruhigte ich sie.

Die Vorstellung, dass er die ganze Nacht nur ein paar Meter entfernt gewesen war, während wir Sex und Glockenspiel hatten, war allerdings prekär.

Das Problem war, dass die Beiden nie wirklich Schluss gemacht hatten. Je nach seiner Verfassung stellte Sahir immer noch Ansprüche, auch wenn es längst gelaufen war zwischen den Beiden.

Aber ich war selbst ein Mann, der verlassen worden war, zugunsten eines Anderen. Jetzt war ich dieser Andere, und Sahir war ich. Was ich sagen will: ich konnte es ihm nachfühlen, wie er da im Wohnzimmer auf dem Sofa lag, besoffen, schnarchend.

"Ich hol mal den Kaffee", sagte die Gräfin.
Sie ging in die Küche, und plötzlich hörte ich Stimmen. Geschrei.
Ein wütendes Schnauben, schnelle Schritte über den Flur, die Zimmertür wurde aufgerissen.

Seine funkelnden türkischen Augen.
Er raste auf mich zu. Ich versuchte noch von der Matratze hochzukommen, die auf dem Boden lag, doch sein Fuß war schon an meiner Kehle.
Blitzschnell.
"Damit hättest du rechnen müssen!"

Die Gräfin kam von hinten, hielt ihn fest, ich lag da, seinen Fuß am Hals, konnte nichts tun.
"He.. bleib cool", röchelte ich.

Katinka, ihre Freundin mit der heiseren Soul-Stimme, stürmte hinzu, aus ihrem Zimmer, das gegenüber lag.
"Was ist denn hier los!?"

Gute Frage. Fuß am Hals. Er hätte zutreten können, er hätte mich töten können, da liess er plötzlich von mir ab, trat der Gräfin, "Du Hure!", auf die nackten Füsse.

Katinka ging dazwischen wie ein Ringrichter, während ich schnell hochsprang.
"Sag mal, spinnst du, Schädel?" rief Katinka und fasste Sahir am Kragen.

Wir standen zu viert im kleinen Zimmer, vier Leute in Unterwäsche, keine Strümpfe, nur T-Shirts, ein BH.
Ne Menge Haut, ein Becher Kaffee, Zorn. Geschrei. Sonntagfrüh.

Ich stand da wie ein Boxer, Sahir ein Kickboxer, Katinka und die Gräfin als Frauen.

"Der soll verschwinden!" kochte Sahir.
"Ruhig, Junge", sagte ich. Er war im Recht. Ich hatte hier nichts zu suchen.
Noch nicht.
"Pass auf. Ich zieh mich an, und dann verschwinde ich.."

Ich nahm meine Jeans vom Stuhl, und stieg ins erste Hosenbein.
"Willst du ihm jetzt beim Anziehen zukucken, oder was!?" pflaumte Katinka Sahir an, mit ihrer rauen Stimme, mehr Blues als Soul an diesem Morgen.

Er glotzte doof, einen Moment lang, und machte auf dem Absatz kehrt.

Ich zitterte, die Gräfin zitterte, den Becher Kaffee in der Hand, Katinka zitterte, Sahir zitterte irgendwo in der Tiefe der Wohnung.

Ich zog mich an.
Leichtes Diplomatengepäck.
"Scheisse", sagte ich und umarmte die Gräfin. "Bis heut Abend."

Dann tat ich mich dadurch.
20.3.08 15:12


Telefon-Interview mit Glumm..

.. bei radio g.
22.3.08 11:20


Kaschemmen, Kabänsmänner

Die Gräfin hat ihre Prinzipien. Zum Beispiel den Teller sauber lecken. Selbst beim Edel-Chinesen in Oberkassel. Da kennt sie nichts. Da wird gezüngelt bis über die Porzellankante und zurück.

"Das ist kein Prinzip", widerspricht sie. "Das ist ne Gewohnheit von früher. So bin ich groß geworden. Das ist was anderes."

Und die Sache mit dem Tanken?
Sie tankt niemals ganz voll.
"Das ist ein Prinzip, ja. Ein Viertel voll reicht. Dann hat die Dame ihre Ruhe", sagt sie und tätschelt unser graues Nissan-Pferdchen, 1991 zur Welt gekommen auf einer japanischen Weide, mit 230.000 Brüdern und Schwestern.

"Ganz voll tanke ich nur, wenn wir in Urlaub fahren. Und auch da nur mit großer Aversion. Aber muß ja sein."

Nun neigen Prinzipien dazu, ins Auge zu gehen, gelegentlich. Zumindest kann es unangenehm werden. Wenn nämlich der Zeiger der Tankanzeige im roten E-Bereich hin-und herpendelt wie eine übersteuerte Aufnahme von Going To A Go-Go.

"Ja, dann ist schlecht", gibt sie zu. "Das ist klar."

Warum sie niemals voll tankt, liegt auf der Hand.

"All die alten Kaschemmen, die ich je gefahren bin in meinem Leben, sind immer dann stehen geblieben, wenn ich voll getankt hatte. Dann stand ich da mit meinem Kolbenfresser und fünfzig tollen Litern. Nee, mein Freund. Nie wieder. Viertel voll ist schon okay", sagt sie, an der Zapfsäule gelehnt. "Dann ist die Dame zufrieden."

Ganz voll ist sowieso keine Option. Man sollte immer eine Handbreit Platz haben, bis zur Decke. Kann ja sein, dass man sich strecken muss.

Ausser beim WC-Kasten.
Wenn der vollgelaufen bis obenhin auf den nächsten Einsatz wartet, das geht in Ordnung.

"Sonst haben wir ein Problem mit den Kabänsmännern", stimmt sie mir zu. "Dann bleiben die stehen."

In den existentiellen Dingen des Daseins sollte man sich auf einer Linie bewegen.
22.3.08 13:23


Irgendwo im Nebel (..und immer geradeaus)

Es klatscht und hagelt gegen die Häuserwände, als würde das Tief Melli großspurig Ohrlaschen verteilen.
"Hier, du kriegst auch eine!" brüllt es gegen den Beton, und die nächste Böe fegt schon um die Ecke, mit einem Mordsgaudi.

"Puh, ist der übermütig", sorgt sich die Gräfin
"Wer?"
"Der Frühling."


*
Sie versinkt in diesem Ausstellungs-Katalog von Edward Hopper, seit einer Stunde schon.
Blättert vor und zurück.
Einmal holt sie gar ihre Lupe.

"Der malt so toll, man möchte einatmen, und nie wieder ausatmen."


*
Tatort Küche.
"Hoffentlich hört dieser Scheiß-Winter bald mal auf!" schimpft sie. "Die Heizung frißt, der Hund frißt.. und ich mach mir jetzt auch ein Bütterchen."
"Und was ist mit mir?" frag ich mißmutig.
"Wie, was ist mit dir!? Ich hab doch gesagt, der Hund frißt!"


*
"Wenn ich Ministerin wär", schwärmt die Gräfin, "würde ich jemanden einstellen, der nur dazu da ist, mein Doppelkinn zu stützen."
"Doppelkinn..? Du hast doch gar kein Doppelkinn."
"Wenn ich Ministerin wär, hätte ich sehr wohl ein Doppelkinn!"


*
Ich latsch entlang der Strasse, hält plötzlich ein Wagen neben mir.

"Junger Mann, wie komm ich denn nach Sprockhövel?"
"Sprockhövel, hm", sag ich, "liegt hinter Wuppertal", und geh weiter, das muss reichen.

Auch für Fahrer, die ohne datengestützte Orientierung unterwegs sind und den Weg nach Schwelm wissen wollen oder nach Velbert oder Radevormwald oder was weiß ich wohin, liegt alles hinter Wuppertal, irgendwo im Nebel, und dann immer geradeaus.


*
Und den Satz hier, den hatte ich schon vergessen, und dann begegnet er mir als Zitat ganz woanders und kuckt mich an, als hätte es jemand anderes geschrieben:

"Hinter jedem richtig gewählten Zeitpunkt stehen mindestens sechzig falsche, die ihr letztes Hemd dafür geben würden, um doch noch zum Einsatz zu kommen.."

(02/2007, 500beine)

Also, immer schön aufpassen, Glumm.
26.3.08 11:47


Das Ende vom Goldregen

Als ich aus der Bäckerei komme, eine Tüte süßer Brötchen in der Hand, läuft mir Harry über den Weg. Harry kenn ich von früher. Als ich ihn das letzte Mal gesehen hab, war sein Haar noch grau. Jetzt ist es weiß. Wie frisch gekalkt.

"Harry", sag ich.
"Glummann", sagt er.
Wir reichen uns die Hand.

Harry hat zwei Brüder. Der jüngste, Kikki, ist tot. Bleibt noch einer. Seinen Namen hab ich vergessen. Er hatte das breiteste Grinsen der Stadt. Man hatte das Gefühl, einem Frosch beim Lachen zuzusehen.

Wir reden ein bißchen, dann muss ich los. Es ist gleich halb zehn.
"Wohin? Frühschoppen?"
"Frühstücken, und dann zur Arbeit", sag ich.
"Ich hab heut frei", sagt Harry.
"Grüß mal deinen Bruder", sag ich.
"Mach ich."
"Den sieht man gar nicht mehr. Grinst der noch?"
"Der hängt viel bei mir rum. Der hat ein dickes Bein. Der kann nicht mehr so rumlaufen. Kommt vom Saufen."
"Und grinsen?"
"Na, ab und zu. Klar."

Als ich am Kannenhof ankomme, seh ich einen Junge vor unser Haustür. Kommt mir bekannt vor. Ferrarirote Mütze. Ist das nicht der Freund von Paul?
Er hält einen Fußball in der Hand, eine richtige FIFA-Pille.

"Tu mal her", sag ich und stell die Tüte Brötchen ab.
Der Junge, vielleicht elf, zwölf, zögert einen Moment, dann wirft er mir den Ball zu. Ich stoppe ihn mit dem Oberschenkel, lass ihn vier, fünf Mal tänzeln, dann abtropfen, und geb ihn per Dropkick zurück, ganz trocken, wie eine schöne Frikadelle vom Tresen.

Das ist nicht ohne Risiko, mit Mitte Vierzig einen Lederball tänzeln zu lassen, aus dem Stegreif. Ohne sich warm zu machen.
Könnte ja abrutschen, die Mist-Pille, und dann steht man da wie ein Anfänger, dem das Blut zu Kopfe steigt. Man sollte es lieber sein lassen.
Aber ich kann nicht anders.
Seh ich einen Ball, muss ich handeln.

"Die pennen noch", sagt der Junge.
"Immer noch?"
"Ja."

Er ist der Fußballkumpel von Paul, und Paul ist der Sohn von Gus, dem alleinerziehenden Alt-Punk, der über uns wohnt.
"Na, die pennen immer", sag ich, "wenn die nicht gerade Punk haben."

Während wir vorm Eingang den Ball hin-und herschieben, mit kleinen artistischen Einlagen, fährt ein grüner Pritschenwagen vor, und hält an.
Das sind die Siedlungs-Gärtner. Wahrscheinlich machen sie Frühstücksüpause. Hier unten am Kannenhof hat man seine Ruhe.

"Eigentlich waren wir zum Fußballspielen verabredet", meint der Junge und bläst die Locke aus der Stirn, die sich unter der roten Kappe rausgeschmuggelt hat. "Aber die pennen ja noch."
"Ja. Hör mal, ich muss rein", sag ich.
"Okay."

Ich schließe die Tür auf, mit der Tüte süßer Brötchen in der Hand und der Erwartung, dass sich Frau Moll kläffend auf mich stürzt, stattdessen kommt die Gräfin gerade aus dem Bad geschlappt, auf einem Söckchen.

"Hab ich tief geschlafen..", gähnt sie zufrieden und kuschelt sich an mich.
"..und wie lecker du riechst.. nach draußen."
"Nach Fußball?"
"Ja, nach draußen.."
"Leg dich noch was hin", sag ich, "wenn der Kaffee fertig ist, weck ich dich."
"Okay..", flüstert sie.

Auch Frau Moll ist noch ganz verpennt und verwuschelt, sie reckt ihr Näschen unterm Küchentisch vor und junkert leise, als ich plötzlich diesen Aufschrei höre, aus dem Zimmer der Gräfin.
"HE! WAS MACHEN DIE DENN DA?"
Ich stürze hinzu, der Hund ebenso, mit wildem Gebell.
"Was ist los?"
Die Gräfin starrt aus dem Fenster.
"Kuck mal! Die haben sie wohl nicht mehr alle!! Die wollen unseren Goldregen killen..!!""

Im Vorgarten stehen drei Gärtner um den Goldregen herum, der sich jetzt, Anfang Juni, in vollem Wichs präsentiert, trotz des Dauerregens der letzten Wochen.
Der Meister hat schon ein Seil um den Stamm gelegt, und zurrt es fest.

"Echt! Das gibt's ja wohl nicht!" empöre ich mich im Laufen, einmal um die Hausecke gebogen: "Ihr könnt doch nicht unseren schönen Goldregen fällen!"

Der Meister blickt überrascht auf.

"Wie..? Junger Mann, der Baum ist morsch. Der muss weg. Das ist unser Auftrag."

Mit fleißigen, krummen Fingern umfasst er den Stamm, unterhalb des Seils.

"Die Goldregen fallen um wie die Fliegen. Den Kannenhof hoch ist schon einer weggeknickt. Gestern. Pfokk! - lag er da. Zum Glück hat kein Auto geparkt."
"Na, das ist immer wichtig", murmle ich, "eure scheiss Autos."

Ich drehe mich um. Frau Moll steht hinterm Fenster, auf ihren Hinterpfoten, daneben die Gräfin. Der Goldregen ist ihr Baum. Er spendet Schatten, wenn sie am Zeichentisch sitzt, und er winkt die Honigbienen heran.
Die liebt sie auch.

"Lässt sich da gar nichts machen?" frag ich. Das sind schließlich Genossenschaftsgärtner. Die haben hier Verfügungsgewalt. Wenn die meinen, ein Strauch hat spitze Fußnägel, weg damit.

"Nee, der muss weg. Der Baum steht schon ganz schief, sehen Sie doch. Eine Windböe, und der stürzt um. Den brauchen wir gleich nur anzutippen, weg isser. Sie werden sehn. Die Gegend ist zu nass für Goldregen. Die Wurzeln faulen weg. Kann man nichts machen."

"Ist wirklich ein Jammer", mischt sich Gärtner Nummer Zwei ein, mit gequetschter Stimme, als würde tief in seiner Kehle eine kleine Kartoffel wohnen. "Früher war die ganze Gegend hier übersät mit Goldregen."

"Ja, früher war alles übersät", sag ich.

Die freundliche alte Nachbarin, die im Haus gegenüber lebt, steht im Morgenmantel am Fenster.
Sie winkt schüchtern.

"Was sollen wir machen", meint nun auch der dritte Gärtner. Er sieht aus wie ein süchtiger Saxofonist, seine Arbeitshandschuhe sind löchrig.

Wenn drei Leute zusammenarbeiten, gibt es immer einen Chef und eine Nummer Zwei sowie einen süchtigen Saxofonisten, der alles nachplappert.

"Wir müssen die Goldregen fällen, sonst knallen die auf parkende Autos drauf und machen alles kaputt. Ist zu nass der Boden hier. Alles übersät."

"Ja, wie früher", sag ich.

Dann ist es soweit. Die Gärtner vertauen das Seilende an der Anhängerkupplung ihres Pritschenwagens.
Sie machen keine Worte mehr.
Jetzt wird entwurzelt.
Ich geh rein.

Beim Abschlachten des Goldregens muss ich der Gräfin beistehen. Wie bei der Verabschiedung des toten Fernsehers in der Nachbarschaft, da haben wir auch nebeneinander am Fenster gestanden, als er aus dem Haus getragen wurde.
Eisern Union.

Sie sagt keinen Ton. Selbst Frau Moll ist ungewöhnlich maulfaul.
Ausgerechnet sie, die alte Hupe.

Als der Wagen anfährt, zeigt sich das mürbe Holz von der kämpferischen Seite.
Der Goldregen bäumt sich ein letztes Mal auf.

"Ja!! Der wehrt sich!" bangt die Gräfin, und im selben Moment kippt der Baum zur Seite und das Seil reißt mit einem flitzenden zzzzatss! - PFOPP! in zwei Hälften.

Der Goldregen liegt halb auf dem Gehweg und halb im Vorgarten. Die Strasse ist ein Meer voller Blüten. Ein goldenes, totes Meer.

Der Meister klopft ans Fenster.
"Junger Mann, kommen Sie mal raus und kucken sich das an."
Rauskommen?
Ich sitz schon am Küchentisch. Ich will jetzt endlich meinen Kaffee trinken. Ich hab die Nase voll.

"Du sollst mal rauskommen", meint die Gräfin resigniert.

Ist ja gut, is ja gut.
Ich seh's ja.

Der Stamm ist innen hohl, das Fleisch kränkelt, der musste weg, besser heute als morgen, der wär sonst umgekippt, Dachschaden am Auto.

"Der hätte es nicht mal mehr drei Monate gemacht", meint der Gärtner mit dem Saxofon.
Er wirft die Kettensäge an.
"He! Moment mal!" tipp ich ihn an, und er schaltet die Maschine wieder aus.

Die Gräfin, am Fenster, gestikuliert.
"Können Sie uns ein Stück absägen?" interpretiere ich sie. "Als Andenken?"
"Sicher - machen wir."

Im Boden bleiben lediglich einige Stümpfe zurück, zum Vermodern.

Ich bring das armdicke Stück Holz zur Gräfin rein.
Sie ist direkt mit der Nase drüber, Frau Moll auch.
"Mhm, schön würzig. Wie das Arschloch eines Elefanten.."

Na, Gott sei Dank.
Sie kommren wieder auf die Beine, die Beiden.

Als ich das nächste Mal in ihr Zimmer kucke, liegt die Gräfin auf dem Bett und zählt die Jahresringe in dem Stück Holz.
Sie kommt auf zwanzig, während im Vorgarten die STIHL-Säge angeblasen wird.

"Schon komisch", sagt die Gräfin, "dass sich der Goldregen noch mal so aufgeplustert hat letzte Woche. Als hätte er sein Ende geahnt."
"Ja. Das stimmt", sag ich.

So prachtvoll stand er in seiner Blüte, als wollte er sich den Honigbienen noch ein allerletztes Mal andienen, im hauseigenen Motodrohn.

Vorbei. Jetzt sorgt Gärtner Nummer Zwei für den Sound, mit dem Laubsauger fegt er das goldene Blütenmeer von der Strasse.

Zurück bleibt eine kleine braune Wunde im Vorgarten.

"Und mein lauschiges Plätzchen im Schatten, was ist damit?" bleibt die Gräfin ratlos in ihrem Zimmer zurück.
Sie starrt auf den Zeichentisch, auf den nun volle Kanne die Sonne knallt.
"Weißt du, wie ich mich fühle? Als würde ich plötzlich im Flachland leben. So.. ohne Schutz."

"Ja, früher war alles ohne Schutz", schätz ich.
27.3.08 15:02


Zweiten Ostern, unterwegs auf der A3

1
Zweiten Ostern, unterwegs auf der A46, dann A3. Ein roter Power-Volkswagen stürmt an uns vorüber, mit einem Satz Jesus-Aufklebern und Weißwandreifen.

"Sportlich, sportlich", sag ich.
"Das sind Attrappen", meint die Gräfin.
"Meinst du? Sehen aber echt aus."
"Gute Attrappen sehen echt aus. Aber das sind bestimmt keine Originalreifen."
"Reifen? Ich meinte die Jesus-Aufkleber."
"Ach."

Wir fahren nach Zeeland, im Süden von Holland. Unser windiges Kalifornien. Paar Tage nur. Aber Ende März? Und dann auch noch Camping?!

"Seid ihr suizidgefährdet?" hat mein Vater gemeint, 81 Jahre alt und immer noch die Vorsicht in Person. "Bei dem Wetter im Zelt, ihr Pfeifen? Da holt ihr euch den Tod."

Als er das gesagt hat, war die Sache gebongt. Da wussten wir, es geht los.
"Ihr Pfeifen", aus dem Mund meines Vaters, da KANN gar nichts mehr schiefgehen. So viel Hagelschlag und Blitz hat der Himmel gar nicht im Köcher, als dass er uns damit treffen könnte.

Wenn mein Vater sagt, "ihr Pfeifen".

2
"Fahr nicht so schnell", sag ich.
"Wie, nicht so schnell!? Noch langsamer?"
"Wieso nicht? Wir haben doch Zeit."
"Zeit.. Niemand hat Zeit", sagt die Gräfin, "Nicht mal der Jesus da vorn. Man sieht nur noch seine Staubwolke."
"Jesus war schon immer ein Aufschneider, der es eilig hatte. Der kam doch gar nicht schnell genug ans Kreuz."
"Ein Aufschneider, Jesus?" Sie stutzt. "Blödsinn. Und Aufschneider fahren nicht VW."
"Doch. Jesus schon. Den da vorn. Den roten VW mit den weißen Reifen. Aber ich red nicht von Jesus, ich red von uns. WIR haben Zeit."
"Du vielleicht."
"Ja, ich hab Zeit. Du nicht?"
Sie stöhnt, und steigt vom Gas.

3
Das waren unsere erste Worte seit Duisburg-Ruhrort. Dafür war es recht flüssig. Kann man nicht meckern. Obwohl, meckern geht immer. Immerhin sind wir noch in Deutschland. Dem Mekka der Meckerer.

Ansonsten herrscht Schweigen im Wageninneren. Nur der Hund fiept gelegentlich, als köchele auf dem Rücksitz ein Topf Muscheln.

"Erzähl mal was", sagt sie.
"Erzählen..? Was denn?"
"Na, irgendwas. Unterhalte mich. Dann fahr ich auch langsamer. Wenn ich mich langweile, drück ich automatisch auf die Tube. Und ich fahr ja schon langsam, dir zuliebe. Tempo 100, pff. Ist doch nicht schnell."

Sie will schnell ankommen, darum geht es ihr. Damit sie das Autofahren hinter sich hat.
"Bleibt ja immer an mir hängen, die Fahrerei."

Wir fahren beide ungern Auto, ich als Beifahrer, sie als Fahrer. Und je älter ich werde, desto schlimmer wird es.
Vor allem Autobahn.

Es ist weniger die ständige Präsenz des Todes, die mitfährt, es sind die Bilder von Verletzten, die auf dem Asphalt rumliegen, in Brei und Scherben, wie im Bibelfilm.
Das macht mich kirre.

Die blutigen Bilder tauchen ganz unvermittelt auf, Fetzen von Kampf & Massaker. Knochen, Kniescheiben.
Ich muss mich jedes Mal schütteln.

4
Früher, klar, da ist es immer gut gegangen. Man ist von Solingen nach München gefahren und weiter nach Wien und überall heil angekommen, mit krummen gesunden Beinen, die Venen intakt.
Aber die Zeiten sind vorbei.

Das wissen wir alle.

Sie drosselt herunter auf Tempo 95, mir zuliebe, und ich sterbe 10 Tode weniger.
"Fahr 90, und ich erzähl dir was."
"Au ja."
Wieder zehn weniger.

Mein Plan: Wenn die Gräfin die Geschwindigkeit so weit rausnimmt, dass sie zum Schluß stehen bleibt, müssen auch die Wagen hinter uns stehen bleiben.

Alle müssten schließlich stehenbleiben, alle dürften weiterleben, mit Gliedmaßen, die nicht abgetrennt im hohen Bogen auf die Weide fliegen, wo holländische Kampfschafe blöken.

Es sei denn, sie überholen.

5
"Also, erzähl mir was."
Ich seufze.
"Was denn? Mir fällt nichts ein."
"Dann fahr ich wieder schneller", droht sie.
Sie kann knallhart sein, wie alle Blaublütigen.

Hastig durchleuchte ich mein Gehirn mit der Grubenlampe nach Erzählbarem, doch der Stollen ist dicht.
Blickdicht. NICHTS DA ZUM ERZÄHLEN.
Höslein tot.
Ihr Gesicht fährt herum.
"Höslein tot..?!"
"Ja. Höslein tot."
Sie bricht in Gelächter aus.

Auf dem Rücksitz weiss der Hund nicht mehr, wo er es suchen soll. Mal liegt er, mal steht er, mal tut er einen Schritt, mehr Platz ist nicht, nach rechts, dann lässt er sich nieder, wieder, mit einem Seufzer, so schwer, als habe man bei ihm gerade Rücksitz-Krebs diagnostiziert, vom vielen Autofahren.

Frau Moll hasst die Autobahn noch mehr als wir.

"Geschichte", drängt die Gräfin. "Erzähl. Bitte.. Mir ist langweilig."
Das Tachometer klettert in den roten Bereich.
Ich ächze bei jedem Teilstrich.

"Also.. schön.. Äh.. Die drei Rockettas wohnten.."
"NEIN! KEINE ROCKETTAS!"
"Warum nicht?!"
"Die machen mich verrückt, deine drei Rockettas! Mit denen kann ich partout nichts anfangen! Ich hasse die Rockettas! Die sind so.. dämlich! Wenn ich den Namen schon höre. Die sind wie die Daltons!"

Schade. Da hätte ich wenigstens einen Anfang gehabt: Die drei Rockettas und ihr Mütterlein lebten in einem kleinen Haus. Es war so winzig klein, dass den drei stadtbekannten Rowdies in der Nacht, wenn sie schliefen, die Beine aus dem Fenster hingen.

Aber sie mag ja nicht mal den Anfang hören.
"NICHT DIE ROCKETTAS!"

Ich hab noch ein As im Ärmel. Ein kleines As. Ist zwar keine Geschichte, aber heut morgen passiert, am Küchentisch, bevor wir losgefahren sind. Kommt ja immer gut, so was Authentisches.

Vor allem bei Frauen am Steuer.

"Drei.."
"NEIN!! NICHT DIE DREI ROCKETTAS..!!"
"..hör doch erst mal zu. Also. Drei Löffel Zucker hab ich heut morgen in meinen Kaffee geschüttet und mich gewundert, warum der nicht süß wird, also hab ich noch einen reingetan. Und? War immer noch nicht süss."
Pause.
"Wahnsinn", sagt sie spitz.
"..bis ich plötzlich feststelle, Moment! Ich hab das Umrühren vergessen."

"Och?" sagt die Gräfin. "Und?"
"Wie, und? Reicht das nicht? Auch noch Ansprüche stellen, he..!? HE!"

Ein heftiger Regenschauer geht plötzlich nieder, von einer Sekunde zur anderen, und die Gräfin wird gezwungen ein Abbremsmanöver einzuleiten, weil der Wagen vor uns auch in die Eisen steigt, und dabei fängt unser Toyota an zu stottern und zu schlingern, als mache er Männchen, eins nach dem anderen.
"Das hat der von dir", sagt die Gräfin. "Das Männchen."
"Von mir?!"
"Von wem denn sonst! Vom Hund etwa?"

Zum Glück lässt der Schauer so schnell nach, wie er gekommen ist. Wir sind quasi durch ihn durch gerast. Manchmal ist Rasen nicht übel, klar.

Wo sie schon mal dabei ist, drückt die Gräfin das Gaspedal feste durch, bis auf 130 Kilometer pro Stunde. Klingt nicht viel, aber alle 130 aufeinmal unterm Hintern, das ist ganz schön happig. Ich halt mich am Handschuhfach fest. Der Hund, ein Topf Muscheln auf dem Rücksitz, mit Rücksitz-Krebs.

Es ist eine Kausalkette, das Leben. Alles hängt mit allem zusammen.
Es gibt keine isolierte Betrachtung.
Nirgends.

"Weisst du, was das ist, Leben?" starte ich einen philosophischen Versuch, der mich wie aus dem Nichts bedrängt, als wir wieder in ruhigem Fahrwasser dahingleiten.
"Man lebt, man stirbt, und zwischendurch lernt man ein paar Leute kennen."
"Stimmt", sagt sie. "Wenn man Glück hat, sogar nette."

6
"Ist ja nicht mehr weit."
Ja, Gott sei Dank. Ich danke Gott sehr oft, fällt mir so auf, in letzter Zeit. Aber wenn man älter wird, macht man alles öfters. Ganz automatisch. Man hat ja mehr Zeit. Also hinter sich gebracht. Vor einem ist weniger. Klar.
Zeit jetzt.

Bergen op Zoom, 14 Kilometer.

"Dann sind wir ja schon fast in Zeeland!" ruft die Gräfin wie eine Großstadtfranzösin, die endlich die Cote d'Azur erblickt, und gibt Gas.
150.
Sie kann nicht anders.
Sie will ankommen.

Es regnet wieder, der Wind kommt in Böen.
"Nicht so schnell", stöhne ich.
Als sie leicht vom Gas geht, stöckelt der Motor wieder, wie eine Transe über Kopfsteinplaster.
"Hat Holland einen ADAC?" frag ich.
"Hm. Wird wohl. Oder?"

Die Hinfahrt, egal wann, egal wohin, egal für wie lange, war schon immer schwierig.
Einmal, wir waren in Richtung Nord-Frankreich unterwegs, in die wilde Picardie, haben wir uns auf einem Rastplatz so heftig gestritten, dass jeder alleine weiter wollte.
Sie mit dem Wagen, und ich per Zug. Vom Autobahn-Rastplatz aus. Mit dickem Koffer in der Hand.
Ja sicher.

(Die Rückfahrt dagegen war immer easy. Stößchen auf jedem fünften Rastplatz, und im Rückspiegel..
"Kuck mal im Rückspiegel."
"Wasn da?"
"Da geht die Sonne unter."
"Wow.")

7
"Du hast mir immer noch keine Geschichte erzählt", sagt sie vorwurfsvoll, "du Schriftgestell."
Sie wühlt in der Tasche mit dem Proviant, während sie weiterfährt.
"Soll ich das Lenkrad halten..?"
"Nee, bloß nicht.. also, ich meine, geht schon. Kuck einfach auf die Bahn und sag Bescheid, wenn.. ein Jesus geflogen kommt. Hm, hast du deine beiden Brötchen schon gegessen? Sollen wir uns mein zweites noch teilen? Wo ist das überhaupt?"
"Autobahnfahren macht hungrig", sag ich, "auch als Beifahrer.."
"Was denn!? Du hast mein zweites Brötchen auch gefuttert?"
"Quatsch, das ist im Handschuhfach."

Ich hol es raus.
Der Hund kriegt auch ein Stück ab.
"He! Lass mir was übrig! Das ist meins!" schimpft sie.
"Nur wenn du vom Gas gehst."

Eine Minute später rülpsen wir alle drei zur gleichen Zeit, unter einer fetten grauen Autobahnwolke.

8
"Der liebe Gott hat Bügeltag", sagt sie.
"Ja?"
"Ja, das ist optimales Bügelwetter. Für die Bettwäsche von Josef und Maria. Mit dem Dampfbügeleisen."
Na, sie muss es ja wissen.

Noch 66 Kilometer bis Vlissingen. Ein zerfetzter Reifen auf der Kriechspur, am Himmel tuffig die Putten.

Wir sind unterwegs im Schutzengelland.

Wir überlegen, wem wir alles eine Postkarte schicken sollen, vom Kurzurlaub in Zeeland.
Mit kleinem Fortsetzungsroman.

Welkom op Zeeland!

"Irgendwie segeln hier alle im Wind!" freut sich die Gräfin über den lässigen Verkehr auf Zeeland.
"Regatta de Beton."
"Ville Beton nix gut", sag ich leichthin.
"Was..?"
"Ville Beton nix gut", wiederhole ich.
"Ja, aber woher kenn ich das noch mal? Kommt mir bekannt vor."
"Das war ein Graffiti", sag ich, "Auf der Cronenberger Strasse. Wo heute Radio Schultes ist. Da stand der Spruch an der Wand, bestimmt zehn Jahre lang. Dann war er plötzlich weg. Ville Beton nix gut."
"Richtig! Ville Beton nix gut. Stimmt.."

Frau Moll spürt, dass die Hinfahrt dem Ende zugeht und behechelt noch mal ordentlich ihr Revier auf dem Rücksitz, den wir mit diversen Handtüchern drapiert haben, falls sie kotzen muss.

Viel Platz hat sie ohnehin nicht. Alles ist hinten verstaut. Hund, Koffer, Kocher, Gasflasche, Klamotten, Tisch, Stühle, Zelt: Wir können nicht für ein paar Tage wegfahren, ohne nicht das halbe Haus mitzunehmen.

"Ich riech schon das Meer!" freut sich die Gräfin. "Yippieh ya yeah, Schweinebacke! Küss mich!"
"Erst wenn ne Ampel kommt."
"Ach, Feigling! Los!"

("Du riechst schon nach Nordsee", hat sie gestern Abend gemeint. "Du bist durchdrungen von deinen Kindestagen..")
So gerochen, riecht Holland wie ich. Ich, in junger Technicolor-Version.

9
Vlissingen, 6 Kilometer.
"Nee, riecht doch noch nicht nach Meer", schnuppert sie aus dem Seitenfenster. "Riecht noch nach Land."
"Was ist mit dem Kuss?"
"Hol ich mir gleich ab."
"Wenn ne Ampel kommt?"
"Richtig."

Dabei ist das Meer schon hinter den Dünen. Zum Reinspringen nah.
"Mit Köpper in die Wellen!"

"Komm, wir bedanken uns beim lieben Gott, dass der Wagen gehalten hat, bis hierhin", sag ich.
Während sie nach oben betet, werfe ich ein Küßchen zum Boden.

Wer sagt denn, dass Gott oben ist.
27.3.08 17:46


Freundlichkeit

Acht Uhr abends, im ehrwürdigen Eiscafe Cortina. Ausser mir sind lediglich ein paar Gäste da, die gemeinsam an einem Tisch sitzen, irgendwo hinter mir. Der Wortführer erzählt schweinische Witze mit Minipimmeln. Die Serviererin mit den X-Beinen hat ihren Spaß. "Erzähl doch mal den, hihi, du weißt schon, du altes Schwein, haha, wo der nur einmal im Jahr, hoho!" Ich krieg immer nur den lauten Witzanfang mit, weil zum Ende hin so gelacht und geklopft und geschenkelt wird, dass ich kein Wort mehr verstehe. Oder man tuschelt. Damit ich auch ja nichts mitkriege. Aber ich geh ja nicht ins Cortina der Schlußakkorde wegen, sondern wegen dem Kaffee. Dazu ein traditioneller italienischer Rollekuchen. Mit drei Eiern, wie von der Oma überliefert, und wenig Rosinen. Neben dem Eingang hat sich der erkältete, alte Hund von Luigi, dem Besitzer, eingerollt. Er schnarcht so gleichmäßig, als habe er Papierstau, alle vier Sekunden. Als ich vom Kaffee nippe und der schwarz über die Zunge läuft, denk ich so für mich, eine Zunge ist zum Labern und zum Lecken da und zum Kaffeesüffeln. Geschirr, noch warm, klappert, und ich zoppe den stückeligen Rest des Kuchens in den Kaffee und lehne mich zufrieden zurück. Freundlichkeit überall in meinem Gehirn.
29.3.08 17:15


Die Wahrheit

Da hat doch mein Bruder in der Nacht von ersten auf zweiten Ostern ein Osterfeuer gesehen am Nachthimmel durch die Luke in seiner Dachkammer gelbe Funken am Süd-Himmel! als wäre ein Stern gefräst worden! eine neue Sonne! "Ein Satellit vielleicht?" Nein, kein Satellit, meint mein Bruder, das hat so gewuselt! Da war Funkenschlag! Geburt! Safran und Strudel! Und dann - kein Wort davon in der Zeitung. Nichts im TV. Nichts, gar nichts. Ich sage dir, sagt mein Buder, wir alle werden massiv beschissen! Nur die Radios haben geknistert.
31.3.08 16:36


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