Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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6x gehört (in meinem Kopf)

1
"Wer zuletzt lacht, ist ein Schmetterling",
dachte die kleine dicke Raupe,
und fraß weiter.

2
Wie begrüßt ein Chinese
seinen Morgenschiss?

Hau Fen!

3
Ich hasse Lärm. Ich bin mal über die Felder spaziert, da sausten zwei Düsenjäger im Tiefflug über mich hinweg, dass ich wie ein Taschenmesser zusammenklappte, aus Angst, die skalpieren mich.
Noch Tage später hatte ich einen blauen Fleck im Ohr.

4
"Wetterkapriolen,
die letzten Anarchisten."

(frau E)

5
Da war da noch diese Wiederholung in meinem Kopf:

Weisst du, was wirklich geil ist?
Wenn du ne Dose Bier aufreisst, und ne schöne Frau kuckt dir dabei zu.

6
Seit dem Tode Elvis Presleys wird Populärmusik hergestellt von Laut gebenden Maschinen zu ihren Bedingungen.
3.12.07 11:20


Ali, Müller und ein Pülleken

1
Ich war acht Jahre alt, als im Juli 1969 Amerikaner in wülstigen Raumanzügen über den Mond hopsten, wie angetrunkene Michelin-Männchen.

In Europa war es Nacht.

Wir saßen mit der ganzen Familie vorm Schwarz-Weiss-Fernseher und verfolgten die Übertragung, bis auf meinen 2jährigen Bruder, der schlief selig mit dem Pülleken im Mund, auf seiner eigenen Milchstraße.

Das Pülleken war sein ein und alles. Ein Milchfläschchen mit Schnuller, auf dem er noch stundenlang herumkaute und lutschte, wenn das Fläschchen längst leer war.
Leer war sogar besser.

Was er auch tat, und er tat ne Menge, das Pülleken baumelte ohne Unterlass in seinem Mund, dazu quietschte der Gummischnuller, es war das Endlos-Konzert eines früh Fanatisierten.

Mein Bruder war in sein Pülleken ähnlich vernarrt wie Linus in die Schmusedecke.

Mit einer Einschränkung: ausserhalb der Familie durfte von diesem Fimmel niemand wissen. Darüber zu reden, wäre Hochverrat gleich gekommen.

Sobald es überraschend an der Haustür schellte, bekam mein Bruder Panik und das Pülleken flog im hohen Bogen in irgendeine Ecke. (Es sei denn, Tante Sonja tauchte auf, die wusste Bescheid.)
Und wenn der Besuch fort war, durfte die ganze Familie auf Pülleken-Suche gehen.

Fanden wir das Pülleken nicht auf Anhieb, bewies mein kleiner Bruder, wie viel Luft in so ein Brülläffchen reinpasst. Und raus. Das vor allem.
Mann.

Moment. Eins stimmt nicht. Als Armstrong als erster Mensch seinen dicken albernen amerikanischen Silberfuß in den Mondsand setzte, war unsere ganze Familie längst weggeduselt, beim Jupiter, nicht nur mein kleiner Bruder.

Es war früher Morgen in Europa's Wohnzimmern, wir waren sehr müde, war doch klar.


2
Spannender waren die Live-Übertragungen der Boxkämpfe von Muhammad Ali gegen Joe Frazier und George Foreman, auch mitten in der Nacht.

Boxen an sich juckte mich nicht, doch ein Sieg von Ali war immer auch ein Sieg über die Herrschaft der alten Pillemann-Nazis, die überall herumlungerten mit ihrer schlechten Laune, weil sie zwanzig Jahre zuvor den Krieg verloren hatten.

Sicher, auch Joe Frazier und George Foreman waren junge Männer. Frazier entpuppte sich gar als talentierter Jazz-Sänger, der im Aktuellen Sportstudio weißen Frauen den Gipsarm signierte und schmierig lächelte, aber er und Foreman boxten auf der falschen Seite des Rings, das war ihr Pech.
Sie waren Feinde der pfiffigen Welt von Ali, dem King.

Hoffentlich kriegen die die Fresse voll, dachte ich.


3
Das allergrößte nächtliche TV-Ereignis aber kam live aus Mexiko: das WM-Halbfinale zwischen Italien und Deutschland 1970. Dummerweise hatte ich was ausgefressen und durfte zur Strafe nur die erste Halbzeit sehen, dann musste ich ins Bett.

Es war weit nach Mitternacht.

Da das Kinderzimmer Wand an Wand lag mit dem Wohnzimmer, wo der Fernseher stand, die TV-Buchse aber bei uns installiert war, hatte mein Vater den Kabel durch die Wand geführt, durch ein etwa fünfzehn Zentimeter langes Verbindungsrohr ins Wohnzimmer.

Das Rohr war zu beiden Seiten mit Deckeln abgedichtet, doch wenn man die abnahm, konnte man im Kinderzimmer zumindest den Ton empfangen, mit dem Ohr am Rohr.
Das klang zwar reichlich blechern, wie durchs Waldhorn gemurmelt, doch so konnte ich die zweite Halbzeit verfolgen.
Und die Verlängerung.

Deutschland lag 2:3 zurück, die Pille kam zu Müller, und der machte, ich höre es noch vor mir, mit einem Scherenschlag in der Luft das 3:3..

Ich raste durchs Zimmer, jubelte. Dann sprang ich ins Bett und zog mir die Decke bis zur Eckfahne hoch, und kaum, dass ich mich schlafend stellte, ging die Tür auf.
Ich spürte den Schein des Flurlichts auf meinen Augen, und die prüfenden Blicke meines Vaters. Natürlich wusste er genau, was Ambach war, doch er schloss nur leise die Tür.

Als ich eine halbe Minute später wieder live am Rohr saß, hatte Riva gerade das 4:3 für die Itaker erzielt, das Match war beendet.

Nach der WM kam eine LP auf den Markt, mit den Original-Hörfunkreportagen von Kurt Brumme, lange Zeit meine Lieblingsplatte.
Wie es in der Verlängerung hin und her ging, wie ein Tor nach dem anderen fiel, das "ra ra ra!" des mexikanischen Publikums, ich konnte es nicht oft genug hören.

Selbst dass wir das Spiel verloren hatten, störte nicht. Im
Gegenteil. Seit dieser Nacht bin ich besessen von schwer umkämpften Niederlagen, und wenn dazu noch irgendwo ein Waldhorn murmelt, warum nicht, verdammt.

Wobei, ein schönes 5:0 für mich ist auch nicht übel.
4.12.07 07:04


Das wurde aber auch Zeit

Samstagabend, elf Uhr. Ich lieg vorm Fernseher, zu Füßen einer Ansagerin, die einen französisch-italienischen Spielfilm ankündigt, sinnlos im Plural.
Sinnlos im Plural? Wie sinnlos im Plural?
Erst als ich in die TV Today kucke, wird klar, was sie meint, der Film ist mit Lino Ventura.

"Komm mal", ruft die Gräfin. Sie ist in der Küche. "Schnell! Die Sterne sind vom Himmel gefallen, in unseren Garten!!"
Die Sterne? In unseren Garten?
Das wurde aber auch Zeit.

Als ich meinen Hintern aus dem Bett gehoben hab und endlich in der Küche bin, hat sie die Sterne schon über den Haufen geworfen.
Sie steht am Fenster.
"Das sind Glühwürmchen! Meinst du, das sind Glühwürmchen? Kuck mal! Wieso liegen da Glühwürmchen bei uns im Gras?"

Tatsächlich flackern auf der nassen Wiese, beleuchtet vom Licht aus den umgebenden Häusern, unzählige kleine Spots auf, wie winzige Lagerfeuerchen, veranstaltet von winzigen liebestollen Insekten.
"Aber Glühwürmchen Anfang Dezember? Bei dem Wetter?"
"Die bumsen auch im Regen", meint die Gräfin. "Ist denen schnuppe."

Sie will der Sache auf den Grund gehen und flappert in Flip-Flops die Treppe runter in den Garten.
Dauert keine Minute, da spült sie der Dauerregen, der nicht fällt, sondern fliesst, wie Monsun, zurück in die Küche, argwöhnisch beäugt von Frau Moll, die ihr Revier bedroht fühlt, den Garten hinterm Haus, den sie bewacht wie eine Vanillefabrik in Mexiko, normalerweise.

"Glühwürmchen, dass ich nicht lache.." meint die Gräfin enttäuscht. "Weisst du, was das sind? Das sind Regentropfen, die irgendein Licht reflektieren! Abertausende von Regentropfen! Glühwürmchen, dass ich nicht lache."

Es ist elf Uhr und fünf, als ich wieder im Bett liege und mir das alles noch mal durch den Kopf gehen lasse. Glühwürmchen Anfang Dezember, liebestoll glitzernde Regentropfen, sinnlos im Plural..

Ich wär sowieso mehr für die Sterne gewesen.
4.12.07 15:44


Frau Moll sagt Guten Abend

Schlafen, fressen, die Schnauze irgendwo reinrammen und wenn wir bei Regenwetter spazieren gehen, trägt sie vier kleine Gummistiefelchen.
Was ein herrliches Hundeleben, das Frau Moll da bei uns führt,
entspannt und stressfrei.

Mit zwei Ausnahmen:
Wenn wir ohne sie mit dem Wagen davonbrausen (dann steht sie auf den Hinterpfoten am Fenster und kuckt uns mit dümmlichem, leicht entrüsteten Blick hinterher), und wenn sie wie eine ägyptische Wächterkatze auf ihrer Decke liegt und die Haustüre schnappt auf, dann kann sie nicht anders und kläfft sich um den Verstand.

Und da wir in einer Erdgeschoss-Wohnung leben, die, so die Gräfin, ein eher ruhiges, stilles Karma besitzt, "mit ner Handvoll Glück", geht Frau Moll auch niemand durch die Lappen, jedes noch so leise Zuschnappen der Haustüre wird registriert.

Immerhin kommt jedem Hausbewohner eine eigene Begrüßung zuteil.
So werden Gus, der Ex-Punk von oben drüber, und seine 16jährige Tochter, mittlerweile auch schon Ex-Punk, mit einer extra gehärteten Salve eingedeckt, wenn sie nach Hause kommen.

Einmal meinte die Gräfin darin "God save the Queen" herausgehört zu haben, die Hymne der Sex Pistols, was sich allerdings mit meiner Einschätzung nicht deckte.
"Das war doch nur ein feuriges Hallöchen, Hallöchen, Hallöchen."

Lester dagegen, der Einzelgänger, der mit zunehmend grauer werdender Riesen-Matte unterm Dach wohnt, wird meist mit einem einzigen knappen Begrüßungs-Beller abgespeist, "N'abend."

Gestern in der Dämmerung vor der Haustür.
Ich rauche eine Zigarette, da kehrt Lester heim.
Er geht jeden Abend ein paar Käffchen zischen, nach der Arbeit.
Keine Ahnung, wo.
Im Cafe Stadtgeflüster, glaub ich.

"Hallo", sag ich.
"Hallo", sagt Lester, und schon kommt Frau Moll mit einem Affenzahn in den Hausflur gepeest, stoppt einen halben Meter vor Lester ab und bellt ihn an, mit tiefem, rauchigen Timbre, als trüge sie schweres Schuhwerk und paffe den ganzen Tag Gaulloises.

"Die grüsst nur", sag ich.
"Hä?"
Lester ist schon die ersten Stufen hoch, zu seiner Junggesellenbude unterm Dach.
Er kennt die Situation schließlich. Ist ja nichts Neues.

"Frau Moll", erkläre ich trotzdem, "grüßt nur. Die sagt quasi Guten Abend, wenn sie dich ankläfft."
Lester dreht sich kurz um, grient wie ein grauer Steinzeitkönig, der es nicht nötig hat, darauf zu antworten, und stapft weiter die Treppe hoch.

"DIE SAGT NUR GUTEN ABEND!" brülle ich hinterher, dass der Putz von der Wand kracht. "FRAU MOLL IST EIN FREUNDLICHER, GUT ERZOGENER HUND!"
"Ja.. n'Abend", grüßt Lester zurück.
Es riecht nach Kaffee.

Mann, Mann, Mann!
In diesem komischen, von Freaks bewohnten Saustall muss man zunehmend deutlicher werden!
5.12.07 15:47


6.12.07 15:44


Little Zwitscherts

"Ist das denn für ne Gurke?" murmle ich, weil die Serviererin so bullig zwischen den Cafehaus-Tischen herstieselt und grün durch die Zähne zischt.
"Na, ne Gurke eben", meint die Gräfin.
Wir sitzen im Stadtgeflüster, die Jacken und Schals zum Trocknen über die Heizung gehangen.

Der Schokokeks zum Kaffee ist sensationell gebacken.

Die Gräfin blättert im STERN.
Die Jacken dampfen. Die Schals.
"Der Keks war echt", sagt sie. "Echt gut."
Ihre Augen brennen vom langen Regen-Spaziergang. Eine Locke lodert.

"Weisst du, wie die aussieht?" frag ich.
"Wie ne Gurke?"
"Nee. Die sieht aus wie Vitali Klitschko, wenn der nachts aufsteht und mal pissen muss."
"So gut sieht die nicht aus."

Ich schlage vor, noch zwei Kaffee zu bestellen.
"Bloß wegen der Kekse? Nee."
Sie liest weiter.
"Oder doch?"
Ich schnipp dem Vitali ein 2er-Zeichen.

Sie bringt Kaffee, wilden äthiopischen Kaffee, und Kekse. Sind ja ganz andere Kekse! Keine Schoko-Kekse, sondern so Alte-Tanten-Gebäck, mit kandiertem Obst oben drauf.
"Sehen wir so aus?" flüstert die Gräfin. "Wie alte Tanten?"
"Sieht so aus", sag ich.

Die Serviererin sackt die Geldstücke ein. Die Gräfin kuckt sie böse an, keine Reaktion.
"Die kann man nicht ärgern", vermute ich. "Die weiss, wie sie aussieht."
Wie ein Schälchen Gemüse, aus dem Boxring gereicht.

Am Nachbartisch wird romantisch geredet.
Es sitzt: Ein junges Pärchen.
(So richtig jung, nicht die Art jung, wie wir jung sind: wir werden einfach nicht alt.
Nun.)

Nächste Woche fliegt der junge Mann nach Kairo. Verkündet er so laut, dass auch jeder mithören kann, im Cafe Stadtgeflüster.
Von da aus nimmt er ein Taxi.
Er hat einen großen Kopf.
"Gleich fällt er", sag ich.
"Wer?"
"Der große Kopf. Der große Kopf fällt.."
"Vergiss den Regenschirm nicht", sagt die junge Frau.
Sie brechen auf.
(Abtritt.)

"Doch nicht."
Die Jacken dampfen, die Schals.
Die Gräfin fühlt sich vom technischen Lärm belästigt, der aus der Decke rieselt.
"Oder soll das Weltmusik sein?"
"Wir können uns ja dahinten in die Ecke setzen, da ist ruhiger."
"Nee. Schon gut."

Nachdem sie aufgewärmt ist, spielt die Gräfin mit dem Gedanken, eine Dada-Platte aufzunehmen.
Sie ist eine weltberühmte Dada-Sängerin, aber nur für sich selbst weltberühmt. Ist ihr lieber so. Muss ja nicht jeder wissen. Dass sie Little Zwitscherts ist.

Ich hör sie gerne zwitschern. Fällt ihr beim Anmachen des Möhren-Salats aus Versehen ein Dichtungsring vom Gewürzboard in die Salatschüssel, zwitschert sie vergnügt "Dichtung im Salaat", nach der Melodie von Edith Piaf, Je ne regrette rien.
Wie ein Chanson zum Mitnehmen. Auf die Faust.

Zu Hause hören wir oft Knef, deren Chansons mit so wunderbaren Sätzen beginnen wie "Mein Kassenarzt meint, ich werde nicht alt", worauf sie ihn mit einer Gurke erschlägt, so muss das sein.
"Stimmt doch gar nicht", sagt die Gräfin.
"Na und? Merkt doch keiner."

(Ich liebe es, wenn sie am Abend im blauen Nachthemd durch die Wohnung huscht, ohne viel Aufhebens. Einfach so, von links nach rechts. Daran kann ich mich gar nicht sattsehen. Aber sie darf es nicht wissen.

Sie darf hier nicht lesen.)

Zehn Songs über Fußball will sie singen. Auf der neuen weltberühmten Platte,
SEPP'S HERBERGE.
Mit den Stimmen von Fritz Walter, Helmut Rahn und all den anderen Leder-Cracks von 1954.
"Paar Stammzellen aufbacken, hat sich die Kiste! Muss doch drin sein, heutzutage."

Das Cafehaus-Telefon klingelt, genau ein Mal, schon ist Vitali Klitschko mit ihren Griffeln am Apparat, unfreundlich im Ton. Mir wird kalt. Die Musik besser.

Die Gräfin amüsiert sich über die Witzseite im STERN.
"Kuck mal."
Der Messingtresen blinkt.
Es ist Sonntag. Frau Moll liegt unterm Tisch und fiept leise vor sich hin, wie ein Topf Muscheln.
Alles in Ordnung, soweit. In Butter beinah. Kerry-Gold, immer streichfähig, das Soft-Eis unter den Markenbuttern.

So. Können wir dann mal die Klappe halten, bis Weihnachten?
6.12.07 17:54


Ich bin meine eigene Kultstätte

Ich bin Existentialist. Ist sonst noch einer da draussen? Ihr Existenzängstler?

Existentialisten? War das nicht diese schick geschnittene Jugend, die in 60er Jahre-Filmen in Pariser Bistros herumgammelte, auf dem Schoß von Sartre? Dem alten Hans-Paul!

Und war da nicht was mit der Absurdität des Daseins? Oder waren das Bohemiens? Nein. Die Bohemiens waren Stadtindianer. Die gibt’s auch nicht mehr. Denen ist das Geld ausgegangen. Die sind ausgestorben, wie fahrende Zigeuner.

Ein Existentialist glaubt an Fügung. Glaubt daran, dass man sich noch so sehr ins Zeugs legen kann, letzlich entscheidet ein Anderer darüber, wie es mit dir weitergeht.
Nenne den Anderen, wie du willst. Gott. Schicksal. Falscher Moment, richtiger Moment.
Hans-Paul.

Ein Existentialist rennt dem Schicksal nicht hinterher.
Warum auch. Es ist ja seins.
Es ereilt ihn - so oder so.

Denn so Gott will bist du es, der genau in dem Moment der Strasse entlang geht, in dem auf den Fahrer eines Pick-Ups ein Infarkt eindrischt, worauf er die Kontrolle verliert über sein Herz und über den Wagen, der dich von hinten nimmt und entzwei reisst - oder eben:

nicht,

da du 5 Minuten zuvor dort hergegangen bist und in dem Moment, als der Wagen spektakulär verunglückt, sitzt du schon im kleinen Stadtpark unter einer Buche und eine Windböe holt diese Eckern herunter, die dich jetzt anfliegen von der Seite wie eine stille Hubschrauberstaffel.

Ein Existentialist rennt dem Schicksal nicht hinterher.

“Du bist gottesfürchtig”, meint die Gräfin. Sie teilt meine Furcht, doch nicht in allen Punkten.
Dass ich als Existentialist kosmetische Korrekturen an meinem Körper rundweg ablehne, höre sich zwar gut an, meint sie, doch ich würde es mal wieder übertreiben, wenn ich beispielsweise nach dem Duschen keine Creme auftrage, weil auch das Korrektur sei.
“An meine Haut lasse ich nur Wasser und ne Hand.”
Das bringt sie auf die Palme.
“Willst du später mal aussehen wie ein blatternverseuchter, alter Dattel-Opa!!?”

Sie lässt ihrem Körper jede erdenkliche Pflege zukommen. Mit Essenzen aus Kiwi und Limetten macht sie richtig Bohei darum.
“Ich bin meine eigene Kultstätte”, sagt sie.

Und da begegnen wir uns wieder, schliesslich geht so ein verschorfter Existentialist wie ich von der Freiheit des Menschen aus, sich selbst zu entwerfen. Eine Kultstätte einzurichten, richtig Bohei zu machen, in sich. Um sich.

“An sich aber auch”, mault sie. “Geh duschen.”
7.12.07 14:22


Meschugge Montag

Es geht auf Weihnachten zu.

Ich seh freche Kinder am Bordsteinrand, die Autofahrern ins Auto husten, ich seh Penner mit von ukrainischen Wintern zerschossenen Gesichtern, die am hellichten Tag Deutschland anlächeln, das Land ihrer Vorfahren, unverdrossen, und ich seh neben mir die Gräfin, sie hat seit unserem letzten Besäufnis einen Seitenscheitel.
"Das nervt", sagt sie.

Der Scheitel ist ja nicht alles. Eine lange, lockige Strähne fällt ihr ins Gesicht und bedeckt das linke Auge.
"Ich seh nichts. Das nervt auch. Mach das weg."
"Sieht doch gut aus", pariere ich. "Pariser Chic. Existentialistisch."
"Pah, Pariser Chic.. Das nervt."

Sie wirft die Strähne zurück auf den Kopf, und da bleibt sie nun, da harrt sie aus, wie eine Fliegerstaffel, die ihren nächsten Einsatz erwartet, beim nächsten Windstoß ist es soweit:
sie fliegt S-Kurve.

Was heißt "seit dem letzten Besäufnis"? Wir trinken ja kaum noch. Geschweigedenn saufen. Und wenn hier steht, dass die Gräfin Seitenscheitel trägt seit dem letzten Besäufnis, so bedeutet das lediglich, dass wir letzte Woche Samstag beim Italiener etwas Bier und Wein und zwei Grappa gekippt haben.

Besoffen also nicht mal im Ansatz waren.
Und dennoch war da ein klitzekleiner Kater am nächsten Tag.
Das ist die Rache der zehntausend Tage Pulver, Pillen, Portwein.
"Das nervt! Mach das weg!" sag ich.

Es ist Montag. Wir führen Frau Moll tief in den Wald.
"Meschugge Montag", sagt die Gräfin.
"Wieso?"
"Das spürt man doch. Oder nicht."

Da, wo der Wald selbst im Winter noch schwarz ist, empfängt er uns mit einer Brise Vogelfutter, als betrete man eine warme Tierhandlung.

Ich bück mich und untersuche auf dem verschlammten Boden einen riesigen, labbrigen Pilz.
"Ist das Fleischravioli?"
Die Gräfin kommt hinzu.
"Kannst du essen", meint sie. "Ist aber nur für Herren."

Ich kick die Morchel in den Schlamm, was der Gräfin nicht passt.
"He! Mach den doch nicht kaputt! Du Klotz!"
Sie sucht ein Stöckchen, um den Pilz zu schienen.
"Das arme Ding.. Meinst du das hält?"
"Vielleicht. Wenn du der Morchel noch einen Scheitel ziehst."

Als die Gräfin mal vier Jahre alt war, hat sie einen Pfirsich gegessen, und als sie am Pfirsichkern angekommen war, rief sie: "Vati, kuck mal, das Obst hat Knochen!" und pfefferte ihn im hohen Bogen in die Brennesseln. Er wurde nie mehr gesehen.
Aber ich bin hier der Klotz, he!?

Ist das ein Schlamm überall. Vorallem, wenn man auf rücksichtslos rutschigen Schuhen unterwegs ist. Wie auf total weichen Büttenreden. Da hat man auch nichts zu lachen. Da muss man durch.
Oder bleibt stecken.

"Piuh, piuh!" macht ein Bussard, der aus Köln zu Gast ist, er nutzt den schnittigen Wind, um wie ein Funkenmariechen durch den Wald zu tanzen, von Ast zu Ast.

"Sag mal, das Weibchen vom Erdmännchen, heisst das Erdfrauchen oder Erdmännchenweibchen?" erkundige ich mich, ich meine, wo wir schon mal in der Natur rumrennen.
"Vielleicht Weibchen vom Erdmännchen? Was denkst du?"

Es gibt Tage, da will man nur einen Schluck trinken und setzt alles unter Wasser, und an anderen Tagen hat man plötzlich Hunger auf ne Partymischung mit Fischlis drin.
"Wo sind die eigentlich geblieben? Gibt's die noch? Fischlis?"

"Du redest nur Scheisse heute", stöhnt die Gräfin.

Weg ist sie, irgendwas anderes machen, auf eigene Rechnung, und da sich Frau Moll schon die ganze Zeit auf eigene Rechnung durchs Unterholz gräbt, steh ich plötzlich alleine da.

Ich mach mir ein paar Notizen. Hier im Wald werd ich dabei wenigstens nicht blöd angekuckt.
Wenn ich in der Stadt das Notizbuch hervorhole, komm ich mir schon wie ein Denunziant vor, der Falschparker aufschreibt.
Oder entgegenkommende Wagen fahren plötzlich langsamer, steigen richtig in die Eisen, wenn sie mich am Strassenrand sehen, wo ich doch nur einen Satz notiere, damit er mir nicht durch die Lappen geht.

Oder direkt drei Sätze hintereinander weg. Das kann dauern. Das sind zehn Nummernschilder.

"Das liegt an deiner dunkelblauen kanadischen Platzwart-Jacke", hat die Gräfin mal gemeint, "dass die dich für ne Politesse halten. Für einen vom Ordnungsamt. Einen Zivilbullen."

Na schöne Scheisse, aber hier im Wald, ich meine, so ein Reh, wenn mich das sieht mit dem Notizbuch in der Hand, was soll das schon gross denken?
Oh, der hübsche Herr Hirsch schreibt falsche Förster auf.

Als ich die Gräfin finde, steht sie in ihrem roten Kapuzenannorak auf einer Lichtung und dirigiert.
Sieht gut aus.
"Das sieht gut aus!" ruf ich.
"PSST!"

Ach so.
Sie dirigiert die Stille.
Die Stille in der vor ihr liegenden Tannenschonung.
Mit dem Stöckchen, mit dem sie eben die Morchel geschient hat.

Als die Stille den Höhepunkt erreicht, bin ich still.
8.12.07 19:35


Vom Teller zum Wäscher in 100 hastigen Schritten

"Sag mal, ist deine Brille enger geworden, oder wird dein Kopf gerade dick?"
"Was? Wieso?"
"Na, der Bügel deiner Brille.."
"Was ist mit dem?"
".. gräbt sich in dein Schläfenfett."
"Fett!? Wo bin ich fett?"
"AN DER SCHLÄFE!"

Schläfenfett, grummel, grummel.. Also, manchmal nervt sie mich, mit ihrem Satzbau.

Andererseits ist so ein Sonntags-Frühstück immer gut für ein paar theoretische Anmerkungen, und für ne kleine Abrechnung.

So trag ich mich theoretisch mit dem Gedanken, einen Ratgeber zu schreiben, damit endlich mal der Rubel in unsere Küche rollt und erst dann aufhört zu rollen, wenn ich STOPP sage.
Das kann dauern.

So ein Ratgeber muss natürlich von langer Hand geplant sein. Und das Thema lebensnah.
"Wie wär's mit: In hundert Schritten vom Teller zum Wäscher", schlag ich der Gräfin vor, sie ist meine erste Hürde. Ist die überwunden, kann man weitersehen. "Kommt das gut?"
"Hm. Bisschen lahm."
"Und in hundert hastigen Schritten?"
"Hm."
Na schön. War ja auch nur ne Idee.

Die Gräfin geht das Thema großflächiger an, nämlich, was drauf ist auf so einem Teller.
"Das Leben ist ein einziger Fress-Marathon. Man kommt zur Welt, reisst das Maul auf und kriegt ne Titte reingestopft, damit Ruhe ist. Und so geht das weiter und weiter, das ganze Leben lang stopft man sich was in den Mund, und warum? Nur damit man das eigene Geschrei unterbindet, bis zur letzten Praline, da seufzt man dann ein Mal auf und Schluss ist."

Über Guantanamo haben wir auch kurz gesprochen, oder Guantanamera, ich weiss nicht mehr, zum Schluss dann die Abrechnung.
Heute: der deutsche Fernsehklüngel.

Man macht den Fernseher an und sieht überall die gleichen Fressen, ganz egal, welches Programm gerade drin ist.
Vor ein paar Tagen rutsch ich zufällig in die Harald Schmidt Show, und da sitzen sie zu dritt auf dem Sofa, unsere Mainstream-Muftis, und klüngeln.

Der Schmidt, der Pocher und dieser Typ, dessen Name ich mir nicht merken kann.
"Wen meinst du?"
"Na, den Typ, der den Typ spielt, der immer im Bademantel in die Pommesbude kommt und unheimlich lustiges Zeugs erzählt, über das ich nicht lachen kann."
Sie weiss, wen ich meine, kommt aber auch nicht drauf, wie der Knabe heisst.
Irgendwas mit D.

"Da sitzen die also zu dritt und duzen sich und schlagen ihre Beine übereinander und das Studiopublikum versucht verzweifelt, eine Großaufnahme zu ergattern, also, eigentlich fehlt nur der Kerner, der von hinten kommt und abschmeckt."
"Jo, mit dem kleinen Löffel."
"Aber dem ganz kleinen."

Sie sagen, "Du, Harald", und "Du, Sowieso" und mehr und mehr fange ich an, diese ganzen Figuren zu hassen.
"Schaff doch den Fernseher ab", sagt die Gräfin.

Schön, kann man machen, aber das würde auch nichts ändern an der Überpräsenz der Brei-Gesichter. Die sind so überpräsent geworden im Land, ich vegesse sogar meinen Sonntagmorgenschiss, nur weil mir der Name nicht einfällt von dem Typen im Bademantel, der immer in der Pommesbude steht und lustiges Zeug erzählt, und als die Gräfin endlich darauf kommt, ist es zu spät:
mein Morgenschiss hat sich beleidigt verzogen.

Soweit sind wir schon.
9.12.07 15:34


Sweet Trans

Ill.: frau E (die Gräfin)
20 neue Bilder der Gräfin auf
11.12.07 16:54


Es ist ein Schütteln in der Welt

Ein Kopfschütteln, richtig.
Und ich sitz mit Hundescheiße am Schuh beim Frisör.
Auch nicht so toll.

Erst mach ich Ruth's Frisierstübchen noch dafür verantwortlich, dass mir diese kleine fäkale Fahne in die Nase steigt: ist das denn für ne Dixie-Bude hier?!

Doch oben auf der Wupperstrasse gibt es zwei Frisörsalons und ich nehm immer Ruth's Frisierstübchen anstatt der Hair Society und bislang stand hier noch nie ne Fahne unterm Waschbecken.

Andererseits, es ändern sich die Dinge über Nacht.
Man kennt das aus dem Leben.

Und die neue Mitarbeiterin, die mir in den Kittel geholfen hat, eine korpulent kaugummikauende Frisörin vom Balkan, tja, wie gesagt, die kenn ich nicht. Die ist neu.
Ist die das?

Ihre Chefin Ruth ist schon dabei, den Laden besenrein zu übergeben, ans Wochenende.
Dass sie es nicht ist, die mich bedient, geht in Ordnung. Schliesslich hat sie mir beim letzten Mal eine Frisur verpasst wie Blässe, in den Kopf geschnitten.

Dass ich sie trotzdem wieder aufsuche, liegt nur am schönen, altmodischen Namen. Ich mag kein Hair Society, kein Style Studio, ich mag diese ganze englische Kacke nicht. Nicht mal ein China-Lokal heisst noch China-Lokal mit China-Lokal-Kellnern, sondern Eastern Food and Drinks.

Näh, da park ich meinen Blonden Hans lieber bei Ruth, auch wenn da nasenscheinlich jemand unters Waschbecken häufelt.

Ich sitz da, schnüffelnd.
"Schnupfen?" fragt die Chefin.
Ich schüttle den Kopf.

(Es ist ein Schütteln in der Welt. Ein Kopfschütteln.)

"Schon am Aufräumen?" sag ich.
"Sieht so aus", sagt die Chefin. "Aber egal. Geht noch."
Wie, geht noch? Was redet die denn?
Sie murmelt ein, zwei Anweisungen in Richtung Balkan, und macht sich dann aus dem Staub.

Auch die Neue hat ihren Kittel schon im Sozialraum aufgehängt. (Die Beiden hatten nicht mehr mit Kundschaft gerechnet, um die Mittagszeit.)
Sie schleicht auf mich zu, von hinten, wie im Kosovo.
Ohne Kittel.
"Wie solls sein?"
"Kurz."
"Wie kurz?"
"Ja.. kurz."

Für präzisere Angaben muss ich erst überlegen, wie dieser Satz noch mal geht, den ich sonst immer sage, damit der Schnitt gelingt, doch er will mir partout nicht einfallen.
Bis er mir einfällt.
Gerade noch früh genug: "Stufenschnitt."

"Gut."
Sie kaut auf ihrem Kaugummi, ohne Unterlass, und wenn sie den Mund doch mal aufmacht für ein paar dürre Worte, sitzt das Wrigleys Spearmint wie ein korpulentes weisses Komma vorn auf der Zunge.

"Wie kurz? Mehr als die Hälfte runter?"
"Ja. Sicher. Mehr als die Hälfte."
"Maschinenschnitt?"
Maschinenschnitt?
Ich bin baff. Die will mich im Hauruckverfahren abspeisen. Die will Wochenende.
Das stinkt zum Himmel hier.

Schon das Wort Maschinenschnitt erinnert mich daran, wie ich als Knirps mit meinem Vater zum Wölk gefahren bin, dem Herren-Salon am Stöckerberg.

Der alte Wölk war ein passionierter Zigarrenraucher, der auch während der Arbeit den Stummel im Mund hin und her schob. Er war dafür berühmt, mit havannagelben, steifen Fingern ein Maschinchen zu bedienen, mit dessen Hilfe er nordamerikanische Soldatenfrisuren hinterliess auf den Männerköpfen der Nachbarschaft.
Wir sahen alle aus wie frühe Schwarzeneggers.
(Mein Vater inhalierte immer erst einen Klaren, bevor er sich auf den Stuhl traute.)

Die Frisörin vom Balkan hat ein ganz anderes Gemüt. Sie verfällt während des Schneidens zunehmend in einer Art Scheren-Starre, sie wird immer langsamer, bis zum Stillstand beinah.
Ich höre nur noch das leise Knatschen ihres Kaugummis.
Gleich schläft sie ein, fürchte ich. Und fällt frontal in die Schere, eye, eye, eye.

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es meine Schuhe sind, die den Gestank machen. Die die Fahne gehisst haben. Ich hab in Hundescheisse getreten. Frag mich bloß, wieso die Frisörin das nicht riecht.
Die ist doch wohl nicht zu höflich?

Was ist zu tun?
Wenn ich die Kacke am Fußbänkchen abstreife, ist nichts gewonnen. Damit mach ich alles nur noch schlimmer.
Am besten, ich halt die Füße still.
Das muss reichen.

Kaum gedacht, legt sie plötzlich einen Zahn zu. Ihr Näschen kräuselt sich, als hätte sie den Braten gerochen. Sie schnippelt wie der Teufel, und schnell kleben krause Teile meiner Haare an ihrem Mohair-Pullover fest, den sie clevererweise trägt, der Rest verteilt sich am Fußboden, als hätte sich im Restaurant der Kellner aufs Maul gelegt und Reibekuchen verloren.

Punkt ein Uhr.
Mit dem Handspiegel präsentiert sie ihr Werk. Ich beobache ihren kaugummikauenden Mund.
"Gut so?" fragt sie.
"Gut", sag ich.
Raspelkurz. Kaum eine Locke übrig.
Sie rasiert den Nacken aus, fügt hier und da leichte Korrekturen an. Ihr Mohair-Pullover ist voll von meinem Unterhaar. Das saugt sich besonders gut an.
Als ich die Rechnung mit einem Euro überzahle, taucht das Komma kurz auf und schnappt nach Luft.

Draussen am Bordstein versuch ich die Kacke loszuwerden. Als das nicht reicht, zieh ich den Schuh wie einen Schlitten über die Wiese, vor und zurück.
Hm.

Vor der Haustür steht die Gräfin mit einer Nachbarin und meint, als sie mich sieht, "schön klar, die Frisur. Man möchte schwimmen gehen, wenn man dich sieht", während ich im Gebüsch ein Stöckchen suche, ein Zweiglein fast noch, mit dem ich den letzten Rest Scheisse aus der Sohle herauskratze.

Es ist ein Kratzen in der Welt. Ein Kackekratzen.
11.12.07 19:40


Bumsen in der Badewanne

Weihnachten 1976 schenkte mir der Freund meiner Schwester, der gerne ein Zugvogel geworden wäre, weil man sich da so schön im gleichen Rhythmus bewegt, eine Doppel-LP der Doors, Weird scenes inside the gold mine, eine Art Best of-Album plus zwei unveröffentlichter Bonus-Tracks. Von da an war ich verrückt nach den Doors.

Zwar war Jim Morrison bereits seit 1971 tot, doch das förderte den Kult nur. Ab sofort zierten ein mächtiges I.N.R.I.-Kreuz, das Anarcho-Zeichen und THE DOORS in ihrem typischen Schriftzug meine Tonne, wie wie die Ledertornister damals nannten.

Außerdem begann ich, besondere Textzeilen von Jim Morrison in die Schulbank zu ritzen. "Break on through to the other side!" stand da, und "There will never be another one like you!"
In der großen Pause blieb ich im Klassenzimmer: "This is the end, beautiful friend."

Die Doors waren einzigartig. Wenn die Beatles Petting waren und die Stones Sex und Led Zeppelin Ficken, dann waren die Doors Bumsen in der Badewanne mit anschließendem Selbstmordversuch zu viert. Das muß man erst mal hinkriegen!

Ich ließ mir die Locken über die Schulter wachsen, mopste den schwarzen Persianer meiner Mutter und begann, düstere Gedichte zu schreiben. Und weil die mir auch gefielen, ritzte ich die in die Tische und Bänke gleich neben Jim Morrison.

Eins meiner Gedichte endete "..und die Utopie erlag ihrer inneren Blutung." Bisschen steif, bisschen verschwurbelt, bisschen sechzehn Jahre alt. Aber einprägsam. In Klammern ritzte ich: (Glumm). Damit auch jeder wusste, mit wem er es zu tun hatte.

Ein anderes Gedicht ging:
"Du bist mein Schatz, du bist mein Stern,
auch wenn du stinkst und wichst und säufst,
ich hab dich gern."

Das war natürlich ein bearbeitetes Traditional, und nicht mal von mir selbst bearbeitet, sondern von Lena, meiner damaligen Freundin, aber egal. Sie meinte mich mit diesen Worten, also durfte ich sie ritzen.

Prompt wurde ich von Rasemann als der Schmierer identifiziert. Rasemann, unserem Deutschlehrer, den alle nur Sausi nannten.
Sausi war ein gerechter, aber strenger älterer Herr, der es nicht gerne sah, wenn Schüler Eigentum der Schule beschädigten.

"Wieso hat die Utopie Blutungen? Was soll der Blödsinn!?" fragte er mich vor versammelter Klasse. Als mir darauf keine plausible Antwort einfiel, brach ihm der Schweiß aus und er schrie: "Glumm! Nimmst du Kokain?"

Und das nur, weil ich irgendein unverständliches Zeugs mit Utopie und Blut geschrieben hatte. Philosophie halt! Denn das "Schatz, auch wenn du stinkst und wichst und säufst, ich hab dich gern" schien Sausi wenig bis gar nicht zu beeindrucken. Er verlor nicht ein Wort darüber. Auch mein hymnisches Feiern von Jim Morrison und den Doors übersah er. Doch dieses kurze, philosophische und schwer 16jährige Fazit über die Unmöglichkeit von Utopie, das war zuviel für ihn.
"Anarchie, Glumm! Du nimmst Kokain!"

Zur Strafe brummte er mir auf, mein Schreibpult in seinen sauberen Ur-Zustand versetzen.
"Wie du das hinkriegst, ist deine Sache. Aber besser, du kriegst es gut hin."

Nun betrieb der Vater eines Klassenkameraden eine kleine Hinterhof-Schreinerei, wo ich mir an zwei Nachmittagen einen Wolf hobelte und schmirgelte, bis die Holzoberfläche endlich blank war "wie ein Kinderpopo", wie der Vater meines Klassenkameraden immer wieder gefordert hatte, wenn er mir in der Werkstatt über die Schulter sah, "blank wie ein Kinderpopo!"

Insgesamt war es eine Art Ur-Erfahrung: Gedichte bringen Scherereien, und eigene ganz besonders. Jedenfalls wenn man sie in den Tisch ritzt.
13.12.07 19:13


Mit Harri im Pausenraum

Der neue Pächter des Turm-Hotels konnte nichts mit mir anfangen und weil ich die Nase vom Nachtdienst schon lange voll hatte, schlossen wir einen Aufhebungsvertrag und ich war endlich raus aus der Geschichte.

Danach bezog ich anderthalb Jahre Geld vom Arbeitsamt bis der zuständige Sachbearbeiter, ein ganz gewitztes Bürschchen, mich auf dem falschen Fuß erwischte: eine Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme in einer kommunalen Bau-Schreinerei.

Super Idee, ich in einer Schreinerei. Da konnte man auch einen Hamster vom Himalaya werfen, in der Hoffnung, dass er schon irgendwie zu Tal flattert. Die Gräfin begreift bis heute nicht, wie es möglich war, dass ich als erstgeborener Sohn einer bergischen Installateurlegende beidhändig links zur Welt kommen konnte.
"Deine Mutter war garantiert mit einem anderen Kerl im Bett."
sagte sie und mustert mich. "Einem Kerl, der deinem Vater verflucht ähnlich gewesen sein muss."

Dabei hab ich gar keine zwei linken Hände. Ich hab überhaupt keine Hände, das sind Haken. Da kann man sein Mäntelchen abhängen, oder einen Schal. Guten Tag sagen und eine andere Hand schütteln, auch gerne. Aber sägen? Sachen frickeln? ETWAS BAUEN?!

Glücklicherweise war der Träger der ABM nicht nur für den Bau von Spielgeräten, sondern auch für die Pflege der örtlichen Spielplätze verantwortlich. Und so ein bißchen Laubfegen war allemal besser als den ganzen Tag in der Schreinerei fräsen und hobeln, die Fresse voller Sägespäne.

Also stand ich jeden Morgen, wenn es um die Einteilung für die Spielplätze ging, in vorderster Front.
"HIER, MEISTER! ICH! ICH!!"
"Beim Melden hast du aber fixe Händchen, Glumm."
"Haken, Meister! Fixe Haken!"

In der Regel wurde ich gemeinsam mit Harri, dem Punker, zur Spielplatzpflege eingeteilt. Der arbeitete auch lieber an der frischen Luft. Der brauchte die frische Luft geradezu, sonst drohte er einzugehen.
"Ich hab voll die Luftsucht, Alter."

Einmal waren wir an dieser Kindertagesstätte. Die hatten einen Garten mit tausend Bäumen, darunter eine Tonne Laub. Es war kurz vor Weihnachten und kalt. Die meiste Zeit saßen wir im Aufenthaltsraum, wo wir den Kindern den Kakao wegsoffen. Die waren nämlich im Wald, Moos suchen, für die Krippe.

In einer Ecke des Pausenraums stand schon der Christbaum, darunter jede Menge Geschenk-Päckchen, die alle seltsam platt wirkten.
"Wie vom Rentier abgeworfen und drübergelatscht", fand ich.
Harri verzog keine Miene. Mit Mitte Dreißig hatte er nicht nur seinen Irokesenschnitt, sondern auch gleich seinen Humor und das Saufen drangegeben. Er trug einen blondgefärbten Mecki und war stolz auf seine Leberwerte.
"Meine Leber ist gepflegt wie ein englischer Vorgarten."

Als er das zum ersten Mal sagte, musste ich lachen, beim zweiten Mal auch noch. Danach dann nicht mehr. Harri war der sehnige Typ Punk und steckte schon das zweite Jahr in der ABM. Ich weiss nicht, ob es an der regelmäßigen Arbeit lag, aber Harry war so spießig und solide geworden, dass er schon beinah ein trauriges Bild abgab. Ich meine, nichts gegen einen Punk, der Drogen und Saufen Scheisse findet, aber man muss ja nicht gleich alle Leute scheisse finden, die anderer Ansicht sind. Da konnte ich mich ja auch gleich mit Hannelore Kohl unterhalten.

Wie die meisten Malocher lebte Harri nur noch fürs Wochenende. Da zog er mit seinen alten Kumpels Didi, Würmchen, Schlotti und Fauser los und graste die Punkrockkonzerte in der Umgebung ab, von denen er montagmorgens begeistert berichtete, bevor er dienstags wieder durch seinen gepflegten englischen Vorgarten schlurfte und die Klappe hielt, weil alles erzählt war vom Wochenende, was es zu erzählen gab.

Richtig depressiv wurde er mittwochs.
"Punks wie mich gibt es doch hunderttausendmal in Europa", klagte er, "und dann kommen noch die aus Amerika dazu und aus Kanada und Australien und.. aus Hongkong, die sind auch nicht viel anders."

An diesem Montag aber war Harry richtig aufgebracht, und er stank nach Schnaps. Er erinnerte mich beinah an die Anfangszeit, als er in der Schreinerei seinen rechten Daumen verloren hatte, an der Bandsäge, mit 2,2 Promille und guter Laune.

"Harry, is los?"
"Schlotti", sagte er nur.
Schlotti war verreckt. An einer Überdosis Heroin. An den alten Bahngleisen.
Sein alter Kumpel Schlotti.
Das war zwar schon ein paar Tage her und hatte sich bereits herumgesprochen, doch Harri selbst hatte bislang den Mund gehalten.
Nun war er nicht mehr zu halten.

"Die waren zu dritt, der Schlotti, der Müller und.. noch einer, komm jetzt nicht drauf. Jedenfalls haben die sich einen Druck gemacht an den Gleisen, und die Schore war gut, kaum gestreckt, die sind sogar gewarnt worden, dass das Material besser wär als sonst, aber die haben das natürlich nicht geglaubt. Wie oft erzählt einem der Dealer irgendwas von Bombenschore und dann ist es doch derselbe Dreck wie immer. Die packen sich also den Löffel voll und machen sich einen Knaller, bis der Schlotti plötzlich blau anläuft und umkippt. Der war ja besoffen, klar, wie immer. Atemstillstand. DER VERRECKT UNS! hat der Müller gebrüllt. Kennst du den Müller, den asigen Müller, dieses asoziale Stück Scheisse!?"

"Müller..? Nee. Oder? Muss ich?"
"Ist auch egal. Anstatt Hilfe zu holen, hat er dem Schlotti noch schnell die Pumpe aus dem Arm gezogen und sich den Rest weggedrückt. Dann sind er und der.. Dingens einfach stiften gegangen sind und haben ihn da verrecken lassen. Der Zug ist noch drübergebrettert, weil sie den Schlotti nicht mal von den Gleisen runtergeschafft haben.. Also über die Beine. Die waren voll Matsche. Nur wegen dem Müller, dem Schwein! Die hatten sogar ein Handy dabei. Die hätten nur mal eben den Notruf wählen müssen.. "

(Ein bißchen konnte ich Müller und den dritten Unbekannten schon verstehen. Ich mein, das ist der Albtraum jedes Junkies: jemand kackt ab, und man ist dabei.)

Im Falle seines Abgangs hatte Schlotti noch einen letzten Wunsch: Seine Kumpel sollten sich auf der Beerdigung besaufen und die leeren Gläser auf den Sarg schmeissen, wenn der unten in der Grube lag. Mit voller Wucht, wie beim Polterabend, damit die Würmer sich blutige Füße holen und ihn nicht anfressen falls er nur scheintot wäre.
Das war seine größte Angst.
Scheintot, und dann die Würmer.

"Und? Habt ihr das gemacht? Habt ihr die Gläser ins Grab geschmettert?"
"Bist du verrückt? Wir hatten schon genug Trouble mit der Friedhofsverwaltung, weil wir Ramones am offenen Sarg gespielt haben. Nee, lass mal.. Danach sind wir alle ins besetzte Haus am Schlagbaum. Da war alles versammelt, die ganze Punkprominenz aus dem Bergischen."

Harri steckte sich eine Kippe an.
"Da standen sie alle rum und haben sich ein Video reingezogen, von so ner Fete, auf der Schlotti auch gewesen war, auf dem alten Schloss in Wuppertal. GUCKT MAL, DER SCHLOTTI! haben alle gegrölt, DER LEBT JA NOCH IMMER, DER BLÖDE SACK! Und so ging das weiter, was ne Scheisse.."

Und dann, als spät am Abend die meisten Leute längst hinüber waren, kam Müller die Treppe runter gerannt, voll die Panik in der Stimme:
"HAT EINER NE SÄGE? OBEN LIEGT DIE DAISY TOT IM BETT! DIE IST TOT! ICH BRAUCH NE SÄGE!!"

Harri drehte sich eine Zigarette. Er drehte dicke kurze Dinger, wie Ofenrohre.
"Wie, ne Säge?" fragte ich und nahm einen letzten Schluck Kakao. "Und welche Daisy? Kenne ich die?"
"Daisy ist doch die frühere Freundin vom Schlotti. Und weil sie so mies drauf war nach der Beerdigung, wollte sie sich auch den Goldenen setzen, oben im Zimmer von diesem Schwein.."
"Welchem Schwein? Müller?"
"Müller, logisch! Das Schwein dachte, Daisy würde tot in seinem Bett liegen und wollte sie klein machen. Zersägen. Der wollte die portionieren, damit er sie aus dem Haus schaffen konnte, unbemerkt von neugierigen Nachbarn."

Harri steckte die Kippe an, rieb sich die müden Augen, und stand auf.
"Das Schwein von Müller hat sogar noch rumgefragt, auf wie vielen verschiedenen Müllkippen er den Körper von Daisy am besten verteilen soll, damit das nicht so auffällt, mit den Leichenteilen. Der hat das absolut ernst gemeint. Und ich stand da und hab den Mund nicht mehr zugekriegt. Ich hab mich nur noch gefragt, in welchem Film bin ich hier?! Ich mein, begreifst du das? Am Tag der Beerdigung vom Schlotti will Daisy genauso elendig verrecken, begreifst du das? Wie scheisse doof sind Punks eigentlich?"

Er schien plötzlich weit weg. Wie in Trance. Als kehrte er noch mal zu seinem alten Kumpel Schlotti zurück.
Zu den alten Zeiten.
"VERFICKTE SCHEISSE!" schrie er und haute mit der Faust auf dem Pausenraum-Tisch.
Die Kinder waren ja im Wald.
Im Moos.

"Und was ist mit Daisy passiert? Hat Müller die zersägt?"
"Ach was, nee.. Der Müller hat erst mal auf die Fresse gekriegt", meinte Harri unwirsch. "Dann sind wir hoch zu Daisy. Die war nicht tot. Blau schon, aber nicht tot. Wir sind ne Stunde mit ihr rumgelaufen, immer hin und her. Wir haben kaltes Wasser in ihr Gesicht geschüttet und Mund-zu-Mund-Beatmung gemacht, das ganze Programm, du weisst schon. Und als sie endlich zu sich kommt, ist sie stocksauer. He, ihr Arschlöcher! Ich war so schön breit!"

Wir nahmen die zwei Besen, die an der Wand lehnten, und gingen raus auf den Spielplatz, bißchen Laub fegen.
Ein scharfer Wind fegte um die Ecken, wie geschnitten Brot.
Unterwegs zog Harri einen Flachmann aus seiner Weste.
"Auch'n Schluck?"
"Tu her", sagte ich.
Wir stapften durch den Vorgarten zum Spielplatz.


*
Die Gräfin spricht (6).
16.12.07 18:21


Nach unten kommst du einfach nicht raus

Der Mitsubishi Boy wohnt seit 1993 in Hamburg, oder 94. Ich hab lange nichts von ihm gehört.
Als ich voriges Jahr in Hamburg auf eine Lesung eingeladen war, rief ich ihn von der Telefonzelle aus an.
Die Nummer hatte ich mir über die Auskunft besorgt. Es gab nur einen Mitsubishi Boy in Hamburg und Umgebung.

Es war noch Zeit bis zur Lesung. Er hätte es schaffen können. Ich wollte ihn sehen. Den alten Mitsubishi Boy, der ein bißchen so aussieht wie der Hausfrauen-Stuntman Ranga Yogeshwar. Nur besser. Ohne Hausfrau.

Das Telefon klingelte und klingelte, aber es hob niemand ab.
Er war nicht da.
Ich hab ihn seit Jahren nicht gesehen.

Anfang der 90er bin ich mal nach einer durchzechten Nacht bei ihm aufgewacht. Wir waren beide noch blau, und sind mittags zu Fuß in die Stadt.

Unterwegs, an der Hof-Einfahrt einer grossen Firma, blieb der Mitsubishi Boy stehen und drückte die Klingel.
"Ja bitte?" meldete sich eine freundliche weibliche Stimme über die Gegensprechanlage.
"Firma Wackastein hier. Ich steh hier mit dem Zwanzig Tonner. Wo muss ich denn hin?"
Ganz trocken, sehr überzeugend.

"Wer..? Bitte!?"
"Firma Wackastein! Ich blockier hier die Strasse! Verdammt. Wo soll ich hier abladen?"
Sein Blick fiel auf das Firmenschild: HARTCHROM DÜSTER.
"Ich hab vierzig Paletten vernickelte Chrom.. knoten drauf. Die müssen runter. Zack zack."
"Was..? Moment bitte.."
Getuschel.
Der Mitsubishi Boy war die Ruhe selbst.
"Ich muss wieder auf meinen Bock, schöne Frau. Ich komm jetzt rein.."
"Was..? Ja, dann.. fahren Sie zur Rampe C.. Dann kommt.."
"Ach, halt’s Maul", meinte der Mitsubishi Boy und wir marschierten weiter.

Wir gingen ins Mumms.
Frühschoppen.
Paar Kölschbier, schon waren wir wieder hinüber.

UNTERKANDIDELTE LEUTE stand auf seinem selbst entworfenen T-Shirt, zerknautscht hing es über seinen Gürtel.
"Eh Glumm! Hast du früher im Sand gebuddelt?"

Er kam immer mit so komischen Sachen rüber. Man wusste eigentlich nie, worauf er hinaus wollte.
Gelegentlich verpuffte sein Motiv auch unterwegs. Dann war ihm selbst nicht mehr klar, was er eigentlich wollte.

"Als Knirps mein ich.. hast du da im Sand gebuddelt?"
"Na klar", sagte ich. "Das mach ich heute noch, wenn ich im Urlaub bin, am Strand."
"Dachte ich mir! Aber.. buddelst du nur nach unten? Oder versuchst du dich wieder rauszubuddeln, in Richtung Sonne? Nach oben raus?"

Spott hatte sich im Laufe der Jahre in seine Mundwinkel gefräst. Ein hübscher Knabe, eigentlich, der Mitsubishi Boy. Kein Wunder, dass die fünf Minuten, die ich in meinem Leben stockschwul war, ihm gehörten.
1977, auf der Klassenfahrt nach Nürnberg. Ich wollte ihm einen blasen, aber er zierte sich.
Chance vertan.

"Du meinst, ob ich einen Tunnel grabe", sagte ich und überlegte einen Moment. "Na klar, du Arsch. Wenn du nur nach unten buddelst, kommst du einfach nicht raus."
Er klatschte mich ab.
"Das wollt ich hören."


*
Die 10.000 Euro Story.
18.12.07 14:11


Sandy kommt

Frau Moll, ein rechtschaffen erzogener Hund, ist innerhalb sich zusammenrottender Rudel eine Respektsperson, ihr Wort hat Gewicht.

Kommen sich Nachbarschaftshunde in die Quere, dass Fetzen und Haarbüschel fliegen, bremst sie die anderen aus, indem sie ein einziges Mal dazwischen bellt, schon herrscht Eintracht unter den Tölen am Kannenhof.

Der Name Am Kannenhof hat übrigens nichts mit Milchkannen zu tun, sondern mit Käpt'n Canne, der im 17. Jahrhundert nach langen, erfolgreichen Raubzügen auf den 7 Weltmeeren hier seinen Lebensabend verbrachte, in einem prächtigen Fachwerkhaus, das heute noch existiert und nach Hechtsuppe riecht, wenn man klingelt und der siebte Nachfahr öffnet die knarzende Haustüre.

Nur eines kann Frau Moll auf den Tod nicht ausstehen: Unangemeldet angefasst zu werden.
"Jaa, das ist aber ein puscheliger Hund!" ruft ein tierlieber Passant und startet eine unüberlegte Tätschelattacke, worauf Frau Moll sich wegduckt, im günstigen Fall.

Ungünstiger ist es, wenn sie dem Tierfreund ihre vibrierenden Lefzen zeigt, als letzte Warnung: beim nächsten Tätscheln wird zurückgetätschelt, zunächst noch mit den Zähnen in die Luft.

Nur ganz Unbelehrbare werden wirklich abgewatscht und finden im gut sortierten Handhandel den einen oder anderen passenden chirurgischen Ersatz.

Ansonsten ist Frau Moll so emsig in ihrer Folgsamkeit, dass sie von der Gräfin bisweilen schon "Emm-sig!" gerufen wird, mit leicht ironischem Unterton, was für ein Hündchen aber keine Rolle spielt.
Hündchen haben einfach kein Näschen für Ironie.

(Mir ist nur eine Ausnahme bekannt: Willi, ein gemächlicher, leicht fettleibiger Chow-Chow mit tintenblauer Zunge. Gezüchtet für China's Kochtöpfe sitzt Willi auch beim Gassigehen die meiste Zeit faul auf seinem Hintern, bis die Pferde vom Ponyhof vorbeireiten, im leichtem Trab. Dann spricht sein Blick Bände: wenn ihr denkt, ihr könnt mich kochen, nur zu. Ich schmeck wie Scheisse, dafür garantiere ich mit meiner Nahrungsaufnahme.
Dann rafft er sich auf und frisst Pferdeäppel wie Semmelknödel, mit diesem unverwechselbaren, ironischen Seitenblick, "pack mich ruhig in deinen Kochtopf. Komm nur her..")

Frau Moll haben wir von Beginn an konsequent erzogen, weil wir keine Lust hatten, uns von der No. 3 der Familien-Rangordnung auf dem Kopf herumtanzen zu lassen, kein Kung Fu, kein Letkiss, nichts da.

Vorgestern aber, an ihrem vierten Geburtstag, bekommt Lieutnant Moll für zwei, drei Tage Konkurrenz ins Haus: Sandy, eine 2jährige kleine Mischlingshündin.
Sie gehört einer Nachbarin, die ins Städtische muss, wo sie auf der Gynäkologischen ausgeräumt wird.
(Muß auch mal sein.)

Das Frauchen von Sandy macht auf mich einen schizophrenen Eindruck. Manchmal wirkt sie so krank und aufgebläht, als habe sie seit Jahren nicht mehr groß gemacht, an anderen Tagen ist sie die netteste, gesundeste Nachbarin der Welt, festgehalten in einer Warteschleife aus Freundlichkeit.

Eine unterschiedliche Person.
Man weiss immer, woran man ist mit ihr.

Ihre Sandy ist wie ein Strassenhund: Leicht geschädigt, aufdringlich, hört nicht.
Man kann rufen, was man will, man erntet maximal den Blick eines Emus, der sein Leben lang überrascht in die Gegend glotzt: "Was'n los? Wer ruft hier einen Namen, der so ähnlich klingt wie meiner?"

Weil Sandy für keinen Cent gehorcht, führen wir sie zunächst an der Leine, eng wie eine Aktentasche. Schnell haben wir die Nase voll und lassen sie frei laufen, wird schon schiefgehen.

Tatsächlich entpuppen sich die Spaziergänge als geringstes Problem. Bei uns zu Hause dagegen hängt Frau Moll den Chef raus, und Sandy hat nichts zu lachen.

Kaum betritt sie die Diele, wird sie zur Sau gemacht:
"DU SOLLST DICH LANGSAM BEWEGEN IN MEINEM REVIER!
LANGSAM!"

Tiefes bedrohliches Knurren.
"LAAANGSAAM!"

Frau Moll, Schutzstaffel Wuppertal, begleitet die eingeschüchterte Gasthündin durch die Wohnung und zeigt ihr die Zimmer.

LAANGSAAAAM, HAB ICH GESAGT!!

Eigentlich ist Sandy ein quirliger, lebhafter Hund, doch im Reich von Frau Moll spürt sie die nahende, unschöne Bisswunde, sollte sie nicht parieren, also bewegt sie sich in Zeitlupe.
Jetzt bloß keine falsche Bewegung.
So haben wir draussen und drinnen unsere Ruhe mit den beiden zoologischen Ungeheuern.

Spaziergang am übernächsten Tag.

Ein sonniger Wintertag, null Grad, Raureif auf den Feldern, Windstille.

In der Ferne ragt aus den Wupperbergen ein hoher Fabrikschornstein hervor, darüber steht der Qualm als unbewegliche Säule. In eisblauer Luft. Wie nicht abgeholt. Und Frau Moll macht ihrer Emsigkeit alle Ehre.

Als wir uns nämlich ihrer Meinung nach zu sehr um Sandy kümmern, sogar über sie lachen, weil sie über den gefrorenen Lehmboden kriecht als habe sie kalte Beine, da versucht Frau Moll die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und vollführt kleine Kunststückchen mit einem auf dem Acker gefundenen Tennisball, wobei sie sich vor lauter Eifer in die Zunge beisst und blutet.

"Richtig warm in der Sonne", meint die Gräfin und wir bleiben stehen und schauen in die Wupperberge.

Vier Tage vor Heiligabend kommt Wind auf über dem fernen Schornstein, und der Qualm verzerrt sich, als würde Jesus gerade in den Himmel gezogen, langsam.



*

Literatur, Schreiben, Größenwahn: das Gewicht der Welt.
20.12.07 19:50


Marihuana finden (Och. Da isses.)

1
Seit einiger Zeit trägt sie das Haar kurz, und dennoch erwacht sie jeden Morgen mit einem Gefühl, als wäre auf ihrem Kopf ein Riesendurcheinander.
"Andere Leute fahren Achterbahn, ich muss bloß wach werden."

Gab sie früher dem Bettfrisör die Schuld, dass er über Nacht Schnittmuster an ihr ausprobierte, die an 100 Kostbarkeiten aus der Zukunft erinnerten, mit Huhnanteilen, so ist sie nun davon überzeugt, dass lauter kleine Schlangenbeschwörer unter ihrer Schädeldecke hausen und ihre Haarwurzeln stimulieren.

Mein Einwand, ihr Haar sei nun mal von Wirbeln bestimmt, egal, ob kurz oder lang, wird pro forma ins Protokoll aufgenommen, aber nicht weiter verfolgt.

Schön, das klingt ein bißchen nach Bollywood, zumal sie alle 2 Tage ein Maharadja-Vollbad nimmt und unser Haus mit Jasmin flutet, doch in Wirklichkeit leben wir weiterhin unser zurückgezogenes kleines kubanisches Leben, mitten in Deutschland.

Zurückgezogen und kubanisch, das geht nicht?
Ach ja?
Und was ist dann hiermit?

2
"Ist aber in der Zigarette mild", meint die Gräfin, nachdem sie einen Klecks Marihuana in ihre Abendzigarette gedreht hat.
"So. Das wars schon."
"Und?" frag ich.
"Na, da muss ich schon noch ein Augenblickchen warten."

Ich bin ja der Meinung, man schmeckt schon beim Rauchen, ob es sich um ein halluzinogenes Baller-Gras oder um eine selbstgezüchtete milde Sorte handelt.
"Ich glaub, da war zu wenig drin. Hab ich mich mal wieder nicht getraut", sagt sie. "Aber meine Schultern entspannen sich schon."

Man könnte eine Uhr danach stellen, eine große Uhr an einem gottverlassenen Bahnhof, der nur 2mal im Jahr angefahren wird. Denn genau dann ist es soweit, dass der Herr unsere Schritte dahin lenkt, wo jemand ein Tütchen Gras verloren hat.
Und die Gräfin entdeckt es.

Das letzte Mal war es im Sommer gewesen.

"Da hab ich auch drei Wochen lang gejammert, ich krieg nix zu kiffen, und dann hab ich aufgehört zu jammern und gar nicht mehr dran gedacht.."

..und plötzlich lag im Park am Hippergrund ein halbvolles Tütchen Marihuana auf dem Weg, oben an den Kifferbänken.
Davon hat sie ein paar Wochen lang jeden Abend einen Klecks in ihre letzte Zigarette eingedreht. Und das Beste: es war genau die richtige Qualität. Eine milde Fensterbankzüchtung.

"Die lockert das Gehirn."

Als das Tütchen schliesslich leer war, war sie erst mal gesättigt, doch vor zwei Monaten ging es wieder von vorn los.
"Ich könnt was zu kiffen gebrauchen, verdammt."

Nun ist es ja nicht so, dass man nirgendwo was auftreiben könnte, das Problem ist, dass nur noch dieses in holländischen Treibhäusern hochgezüchtete Power-Marihuana auf dem Markt ist, das einen 6fach höheren THC-Gehalt hat und keine Entspannung bringt, sondern Nerven zum Abschuss freigibt.

Also hiess es erneut: ein paar Wochen jammern, dann nicht mehr jammern, und schliesslich das Thema vergessen.

Bis es gestern wieder soweit ist.

In der Parkanlage am Bärenloch fällt ihr Blick auf dem vom Nieselregen aufgeweichten Weg auf dieses rechteckige Tütchen mit dem verräterischen grünen Emblem.
"Och. Da isses."

Erst sind wir noch skeptisch, weil der Inhalt eher an gemörserte Kapuzinerkresse erinnert mit Senf, doch als wir das Tütchen öffnen und der typisch harzige Marihuanageruch entweicht, ist es klar:
Wer nicht suchet, der findet, und zwar exakt 2mal pro Jahr.

3
Nicht ganz das Richtige vielleicht.

Als sie vorm Zubettgehen übermütig wird und eine weitere Zigarette dreht, erlebt sie eine Nacht tosender Blütenstaubträume, von denen sie wie angeknabbert erwacht.

"Zuletzt hab ich geträumt, meine Finger wären glänzende Speck-Würstchen, die ich alle selbst gefuttert hab, einen Finger nach dem anderen. Das ist zu knallig für mich, das Zeugs. Das pack ich nicht mehr an. Das sah schon so unsympathisch aus."

Ausserdem wären die Schlangenbeschwörer wieder am Werk gewesen, mit ihren Tröten.
"Kuck dir bloß dieses Riesenrathaus auf dem Kopf an! Im Kopf Schlangenbeschwörer, überall Achterbahn! Ich werd wahnsinnig!"

Zur Beruhigung lässt sie ein 42 Grad heisses Vollbad ein, mit vier Kappen Maharadja-Sud.
"Ich kuck nie mehr auf den Boden, nur noch in den Himmel, das kannst du mir glauben."
"Ob das eine Option ist, bezweifle ich."
"Wieso?"
"Nach spätestens sechs Monaten wird dir ein Sack Gras auf den Deetz plumpsen, von friesischen Schmuggelfliegern durch die Bordtoilette gespült, weil ihnen das BKA auf den Fersen ist."
"Oh ja..?"
Sie lehnt sich in der Wanne zurück und schnalzt.
"Das gibt Abendzigaretten, dick wie Ofenrohre, nicht wahr..?"
30.12.07 08:36


s



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