Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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JUCHHU! VOM BERÜHMTWERDEN UND KEIN SCHWEIN KENNT EINEN

Ich kehre mit Frau Moll von der Abendrunde heim. Sie sieht aus wie eine nasse Sängerin in einem grünen Hula-Röckchen.
Dabei hat es gar nicht geregnet.
Sie ist mit Taylor, einem stämmigen Rüden aus der Nachbarschaft, um die Wette gesprungen, in den kleinen Brackwassertümpel.
Die Stimme von Taylor's Herrchen rollt immer noch durch den Park,
"TAYYYYY-LORRRRHH!"
Möchte nicht wissen, wie der aussieht, wenn er wieder auftaucht.
Der alte Schlickminister.


*
Geschlechtsumwandlungen werden heutzutage in Windeseile durchgezogen. Dafür muß man nicht mal mehr seinen Job unterbrechen.
Ist wahr.

Da sind wir heut Vormittag im Getränkemarkt und geben das Leergut beim Herr Kohlhagen ab, wie sein Namensschildchen ihn ausweist, und kaum zehn Minuten später, wir zahlen einen Kasten A-Saft und zwei Kästen M-Wasser an der Kasse, bedient uns laut Kassenbon Frau Kohlhagen - und eins könnt ihr mir glauben: in beiden Fällen war es dieselbe mürrisch-sexuelle personelle Besetzung. Beisetzung. Ach, ich komm langsam nicht mehr mit.

Kann das sich nicht mal entscheiden?


*
Frau Moll und ihr Futter, da lässt sie nicht drauf kommen. Das ist ihr Heiligtum. Da kann man ihr das Fell am Hinterkörper lichterloh in Brand setzen, solange in der vorderen, wichtigen Region um die Schnauze herum ein gut gefüllter Napf steht:
JUCHHU!


*
Wer einmal lügt,
dem glaubt man nicht.
Wer's zehnmal tut,
dem kann man glauben.
(Dass er lügt.)


*
Der Berliner Literaturagent war begeistert. Er schnappte beinahe über am Telefon. Er war bei der zweitgrössten Literaturagentur Deutschlands angestellt, und nur durch einen Kontakt war ich an ihn heran gekommen. Ich hatte ihm also eine Handvoll Texte geschickt, und die gefielen ihm auch soweit, Begeisterung indes löste etwas ganz anderes aus:
"Endlich mal ein Autor", jauchzte er, "der nicht in Berlin wohnt!"
Was soll man darauf antworten. Gar nichts.
Es war ja keine Frage.

Er forderte mehr Textproben an, und hatte auch schon eine Idee, wie man die Geschichten zu einem Roman verdichten könnte.
"Roman..?" entgegnete ich verdutzt.
"Na, eine Art Roman. Wir betten die stories in eine lockere Rahmenhandlung ein, das kriegen wir schon hin. Ein Roman muss heutzutage nicht mehr ein richtiger Roman sein, wie früher mal. Hauptsache, es steht Roman drunter. Sonst verkauft es sich nicht."

Ich hatte Bedenken, sagte aber nichts. Immerhin war er ein Profi, er kannte sich aus im Metier, und ich wohnte nicht in Berlin. Was sollte noch schief gehen? Ausserdem gab es da diese Kusine väterlicherseits. Hatte die nicht in die Berliner Charite eingeheiratet? Einen Herzchirug? Oberarzt? Chefarzt?
"Äh, woher, sagten Sie, kommen Sie?" erkundigte er sich geschäftig. "Aus..?"
"Solingen", sagte ich.
"Richtig! Solingen!! Und wo liegt das?"
"Im Bergischen Land."
Schweigen am Apparat.
"Zwischen Köln und Düsseldorf."
"Ahhh.. jaaah..!"

Eine Woche später kam eine e-mail aus Berlin, und es klang ernüchtert. Komischerweise, schrieb er, würden meine stories aus der Provinz zwar funktionieren, aber ein Roman..? Nein. Sorry.
Das schien ihm unmöglich.
"Setzen Sie sich hin, schreiben Sie einen Roman, und wenn der fertig ist, wäre ich gerne der Erste, der ihn in die Hände bekommt."
Viel Glück und so.
Vielleicht hätte ich das mit der Kusine väterlicherseits doch mal erwähnen sollen.

Der nächste Versuch kam erst gar nicht in die Garage. Ein mir bekannter Blogger hatte mich bei einem kleinen, aber feinen Münchener Verlag angekündigt, er ist nämlich mit dem Verlagsgründer per Du.
"Du, ich kenn da jemanden, den Glumm. Der schickt dir mal was."
"Glumm? Was ist das?"
"Ein Blogger, aber.."
"Was..!? Ein Blogger?? Oh mein Gott - nicht schon wieder so ein Vogel!"
Er hatte keine gute Erfahrung gemacht, mit einem Blogger. Und so hatte sich das mit dem kleinen, aber feinen Verlag schnell erledigt.

Mit einem anderen Verlag, auch klein, nicht ganz so fein, kam es immerhin zu einem Mini-Kontakt. Ich schickte per e-mail einige Texte rüber, und die Antwort liess nicht lange auf sich warten.
"Was Sie schreiben, klingt recht kurzweilig. Und wenn Sie das alles wirklich selber geschrieben haben, würde ich sogar soweit gehen, meinen Hut vor Ihrem Talent zu ziehen."
Diesem Drecksack hab ich keine Zeile mehr gewidmet.
Wenn er das überhaupt selbst geschrieben hatte.
1.3.07 13:49


JETZT IST ALLES AUS!

blöder hund

apportiert

ganzen wald

2.3.07 19:29


MÜTTER

Unsere Mütter haben eines gemeinsam: die Furcht, keine frische Unterwäsche zu tragen, sollten sie in einen Unfall verwickelt werden.
"Pfaaah! Was muss ich da sehen? Einen zwei Tage alten Schlüpfer! Nee, da lass ich mal schön die Finger von! Ich hol mir doch hier keinen Lippenherpes!" ekelt sich der Notarzt und rollt den Gummihandschuh ab, während der Mutter die Flocken aus dem Bauchraum sprudeln.
Auch die umstehenden Passanten sind empört.
"Wie kann man nur!"
"Geschieht ihr recht!"
"Pennerin!"
"Ich würd mich was schämen!"
Gott sei Dank kann das unseren Müttern nicht passieren.
4.3.07 08:12


NIEDLICH SIND SIE AUCH, NATÜRLICH

Nach der Arbeit ging ich auf einen Sprung in die Stadt, um noch was zu erledigen, da lief mir die Gräfin über den Weg. Wieso ist sie in der Stadt, was macht sie hier, dachte ich, und im gleichen Moment fiel es mir ein.

Carl und Mimi Schulz hatten am Abend zuvor ein spätes S.O.S.-Telefonat gezündet.
"Hilfe! Wir brauchen die Gräfin morgen Vormittag zum Babysitten. Nur eine Stunde!"
Na ja, Sitten okay, aber Babys? Nur eine Stunde?

Der einjährige Jonathan befand sich gerade in der Phase, wo er sich vom freundlichen Pfannkuchengesicht zur Schwerverbrechervisage verwandelte und für seinen linksradikalen Bruder Jake (3) schienen Finger nur dann Sinn zu haben, wenn man damit Augen aus einer schlafenden Katze herauslöffeln konnte.
Die Schulzens hatte fünf Katzen.

"Hallo", sagte ich zur Gräfin. Sie war ungewöhnlich bleich.
Ich gab ihr einen Kuss, doch da hätte ich auch gleich in eine verschlossene Dose greifen können.
Sie stand unter Schock.
"D-d-d-..", setzte sie an. "Diii-diie..."
"Die..?"
"Diese Mo-mo-moo-m--"
"Diese Mom..?"
"DIESE MOMMSTER!!"

Eine geschlagene Woche verbrachte sie im Bett. Immer, wenn ich in ihr Zimmer schaute, lag sie einfach da und starrte fassungslos zur Decke.
Sie musste die Hölle gesehen haben.

Endlich war sie wieder auf den Beinen.
"Wenn man so lange im Bett gelegen hat und geht dann zum ersten Mal wieder vor die Tür, fühlt man sich schneeweiss von innen."
Sie atmete tief durch.
"Und die Vögel sind laut wie Mopeds, und die Luft ist klar wie ein Kinderlachen. Äh."
5.3.07 20:01


Die lange, echte Version VOM BERÜHMT WERDEN UND KEIN SCHWEIN KENNT EINEN ist im Wortreich erschienen. Man darf auch ruhig mal woanders nicht berühmt werden. Das geht in Ordnung. Hauptsache, man ist weltbekannt.
Denn: "Große Sprünge", sagt die Gräfin, "sind kleines Fliegen."
6.3.07 17:41


MITTAGS IM DAILY COFFEE

Vor der ausgeleuchteten Theke im Bahnhofscafe erregt sich ein grosser alter Mann darüber, dass er das Käsebrötchen erst umständlich mit der Greifzange auf's Tellerchen packen und das Tellerchen anschliessend auf ein Tablett stellen und das Tablett auf der Roll-Leiste unterhalb der Theke bis zur Kasse durchschieben muss:

"ICH WILL DOCH NUR EIN KÄSEBRÖTCHEN ESSEN, DAHINTEN AM TISCH! WO IST DENN DA DAS PROBLEM, JUNGE FRAU??!"

Die asiatische Mitarbeiterin macht ihn wiederholt darauf aufmerksam, dass er sich nun mal in einem SB-Restaurant befindet.

"ES-BE?! IS DAT DENN?"
"Selbstbedienung."
"SELBST..? ICH WILL EIN KÄSEBRÖTCHEN, UND ZWAR AN DEN TISCH DAHINTEN! WARUM MACHEN SIE EIN PROBLEM DARAUS??!"

Erst als die Chefin, alarmiert vom Lärm, aus ihrem Euroscheinchen-Zählbüro hinzustößt, kommt Bewegung in die Geschichte.
"Dann bring dem alten Knallkopp in Gottes Namen sein Gnadenbrötchen", meint sie lässig am Zigarillo ziehend zu ihrer Untergebenen.

Es wird am Tisch serviert, ausnahmsweise.
7.3.07 15:35


FLEISCHDENKERIN

Als ich von der Arbeit komme, lümmelt die Gräfin in der Stutenmilchwanne.
Es riecht lecker.
"Hast du keine Lust mit Frau Moll rauszugehen? Die kackt uns sonst die Bude voll."
Was soll man darauf sagen? Etwa nein?

Ich schlender mit Frau Moll bis in die Malteser Gründe, wo ich sie beim Abseilen eines dicken Haufens beobachte, und da ich schon mal in der Nähe bin, mach ich einen Schlenker bei Lotta vorbei, die sich mit einer Kombination aus Sushi-und Suppen-Bar selbständig gemacht hat.
Eine Solinger Erfindung.

Es ist drei Uhr am Nachmittag, tote Hose in der Fischklitsche. Suppe will auch niemand.
Lotta ist verblüfft, mich zu sehen, und mies drauf. Sie war ein energischer kleiner Punk, bis vor ein, zwei Jahren, doch dann ist ein unzufriedenes, allein erziehendes Mütterchen aus ihr geworden, zehn Kilo zuviel drauf. Sagen wir, fuffzehn.

"Sieht der hässlich aus", meint Lotta.
"Wer?"
"Na, hier. Dein Hund."
Frau Moll und hässlich?
Ist das ihr Ernst?
"Mit der Meinung stehst du aber ziemlich allein da."
"Hässlich.. und struppig."
Missgünstig blickt Lotta auf Frau Moll nieder, die sich am Fuße des blitzblanken Tresens hingehauen hat.
"Und viel zu schlapp für ihr Alter."

Viertelstunde später bin ich mit dem Hund auf dem Heimweg und grüble, was Lotta damit bezweckt haben mag, von wegen Frau Moll sei hässlich.
"Das ist Blödsinn. Du bist nicht hässlich. Du bist nicht schlapp."
Gut.
Vielleicht wird man später einmal sagen, Frau Moll war ein Hund mit einem kleinen Köpfchen, in das passgenau ihr Appetit reinpasste.
Das kann schon sein.
Die kleine Fleischdenkerin.
Unser emsiges Bodenpersonal.

Zu Hause steigt die Gräfin mit Hochfrisur aus dem Dampfbad.
Sie sieht aus wie Nofretete.
"Ich fühle mich leicht und schwer zugleich", seufzt sie entspannt, "als hätten sich alle meine Muskeln auf den Boden gelegt."

Ich erzähl von meiner spannenden Stunde in Park und Stadt.
Was ich alles gesehen hab. Man müsste mit Photoshop durch die Strassen laufen und all das Unglück und die Langeweile und die Borniertheit aus den Gesichtern wegretuschieren, denk ich manchmal.
Andererseits: Wenn man einmal mit dem Retuschieren anfängt, was bleibt dann noch übrig?
Entleerte Trottoirs.
Viel Hals, kaum Kopf.

"Zum Schluss war ich auf einen Sprung bei Lotta im Laden. Sie macht nächsten Monat dicht. Hat sich nicht mehr rentiert."
"Nicht mehr rentiert, pff. Das war von Anfang an eine Totgeburt", meint die Gräfin. "Eine Sushi-Bar in Solingen, wie soll das funktionieren."
Sie steht vor dem Spiegelschrank und flämt ihre Lippen.
"Und wie gehts ihr sonst?"
"Mh. Nicht gut. Dick ist sie geworden."

Und da geht mir auf, wen Lotta eben gemeint hat, mit hässlichem Hund: Sich selber natürlich! Sie sieht ja mittlerweile so grotesk aus wie ihre Mutter.
"Die wiegt hundertfünfzig Kilo und kann kaum noch gehen", hatte Lotta mit schiefem Mund erzählt. "Die humpelt nur noch. Und wenn sie morgens wach wird, gehts direkt vor den Fernseher. Gerichtsshows, du weisst schon.."

Möglicherweise hab ich Lotta auch noch einen winzigen Moment zu lange auf den Schmerbauch gestiert.
Frauen sind hochempfindlich.
"Du hast aber einen hässlichen Hund!"
"Frau Moll ist doch nicht hässlich", sag ich zur Gräfin. "Das ist normale internationale Härte. Oder?!"
"Sicher. Hat sie geschissen?"
8.3.07 10:39


DER FROSCH

Die Gräfin hat die Verfolgung aufgenommen. In langen Sätzen springt sie über die Strasse, dann erst stürzt der Hund aus dem Gebüsch, wie ein verwirrter, struppiger Schutzmann.
Er blickt hastig nach links und rechts.
Ich dagegen steh einfach rum.
"Was ist das? Ist das eine Kröte?"
"Neee!! Ein Frosch!"
Beim dritten Versuch bekommt sie ihn endlich zu fassen.

Die Amphibie stellt sich tot, in den Händen der Gräfin.
"Ist der drollig! Guck mal!"
Der Hund setzt sich daneben und stupst mit der Schnauze nach dem Nest aus Fingern.
"Besser, ich bring ihn wieder in sein Gebüsch. Als ich noch klein war, wollte ich den Tieren auch immer helfen, und hab sie doch nur getötet."

Sie lässt den Frosch am Wegesrand ab. Er macht einen Satz ins Gebüsch, weg ist er.
Frau Moll schaut grimmig hinterher.

"Einmal hab ich fünf kleine Mäuse mit nach Hause gebracht, direkt aus einem Bau gezogen. Weil die Mausmama nirgends zu sehen war, hab ich gedacht, die brauchen Hilfe. Das waren so kleine Dinger, mit nackigen rosa Füßchen. Am nächsten Morgen waren alle tot. Ich hab zwei Tage lang nur geheult."

"Als Zivi im Krankenhaus ist mir mal eine alte Dame abgenippelt", sag ich, die Hände in den Hosentaschen.
"Wie, abgenippelt..? Hast du ja noch nie erzählt."
"Hm, gibt ja auch kein Grund, stolz darauf zu sein. Sie lag im Bett, ich hab sie gefüttert mit Suppe, sie hat sich verschluckt, sie ist gestorben."
"Was..? Und du hast sie EINFACH SO STERBEN LASSEN??"
"Nicht einfach so. Ich hab nach der Schwester gerufen. Die kam an, sah die Bescherung und hat mich angebrüllt, ich soll schnell den Notkoffer holen. Aber den hab ich nicht gefunden.."
"Du hast ihn nicht gefunden?"
"Genau. Hatte mir ja keiner gezeigt, wo der Koffer ist. Als ich ihn endlich entdeckt hab, war die Frau tot. Erstickt."

Wir gehen schweigend weiter.
"Na, der Frosch lebt noch", sagt sie. "Immerhin."
Wir haben schon fast den Sportplatz erreicht, als uns auffällt, dass Frau Moll nirgends zu sehen ist. Gleichzeitig hören wir hinter uns Buddelgeräusche, ein wildes Schnauben.
Das Froschgebüsch dampft vor Erregung.
10.3.07 11:20


POTTSCHNITT

Samstagmittag. Frühling liegt in der Luft, es riecht nach Gas und ich hab Lust auf kurzes Haar.
Oben auf der Wupperstrasse gibt es zwei Frisörsalons.
Ich nehme die Hair Society.
Ich nehme immer die Hair Society.
Es ist zehn vor eins.

Als ich die Türe aufstosse, schauen die Chefin und ihre kaugummikauende Mitarbeiterin vom Balkan überrascht auf. Sie sind gerade dabei, den Laden besenrein zu übergeben, ans Wochenende.
Und jetzt steh ich da auf meinen Lucky-Luke-Beinen.
"Oh.. schon am Aufräumen?" sag ich.
"Natürlich", sagt die Chefin. "Aber egal. Geht noch."
Sie murmelt ein, zwei Anweisungen und macht sich dann dünne, auf die sonnige Terrasse.

Ich nehm Platz.
Der Boden ist tipptopp gefegt, das Radio ruhig und der Kittel der Mitarbeiterin hängt schon im Sozialraum.
Sie schlappt auf mich zu, von hinten.
"Wie solls denn sein?"
"Kurz."
"Kürzer als sonst?"
"Ja."

Dann muss ich überlegen, wie der Satz geht, den ich sonst immer sage, damit sie es richtig macht, aber er will mir partout nicht einfallen, der Satz, bis er mir einfällt.
"Stufenschnitt", heißt er.
Sie kaut.
"Soll denn mehr als die Hälfte runter?"
"Hm. Ja. Sicher."
"Maschinenschnitt?"
"Maschinenschnitt?!"
Ich bin baff.
Den hat sie ja noch nie zur Sprache gebracht.
Die will mich im Hauruckverfahren abspeisen.
"Nee", sag ich. "Handarbeit."

Maschinenschnitt erinnert mich an früher, wenn ich als Knirps mit meinem Vater zum Wölk gefahren bin, dem Alte-Herren-Salon am Stöckerberg.
Wölk war Zigarrenraucher, der auch während der Arbeit paffte und mit havannagelben Fingern Pottschnitts verteilte, während er mit den Männern Solinger Platt totterte.
Mein Vater trank immer einen Klaren, bevor er sich auf den Stuhl traute.

Die Schlampe vom Balkan schnippelt wie der Teufel. Sie braucht nicht mal gefühlte sechs Minuten. Und da es ihr zu lästig gewesen ist, den Kittel noch mal anzuziehen, extra für mich, klebt ihr meine abgeschnittene Wolle am Mohair-Pullover.
Ist die dämlich. Aber schnell. Und das ist die Hauptsache. Da hat sie sich einen schönen Gulden Trinkgeld verdient.

Im Spiegel beobachte ich ihren Mund. Wenn er redet, bewegt er sich wie ein aufmüpfiger kleiner Delfin, der aus dem Wasser springt.
Man darf ihn nur nicht anfüttern.
Dann will er immerzu weiter springen. Ich geb ihm keine Gelegenheit.
Ich lass ihn verhungern, im Bassin.

Punkt ein Uhr tritt sie mit dem Handspiegel hinter mir auf.
"Gut so?"
"Gut", sag ich.
Raspelkurz. Kaum eine Locke übrig.
Sie rasiert den Nacken aus, fügt hier und da leichte Korrekturen an. Ihr Pullover ist voll von meinem dunklen, leicht fettigen Unterhaar.
Das saugt sich besonders gut an.
Als ich die Rechnung mit einem Euro überzahle, taucht der Delfin kurz auf und schnappt nach Luft.

Zu Hause ist die Gräfin durchaus angetan.
"Du siehst aus wie ein Gebirgsbach", sagt sie. "Man möchte schwimmen gehen, wenn man dich sieht."
Wir gehen dann aber doch mit dem Hund spazieren.
12.3.07 06:58


RASSIGE MAUERBLÜMCHEN

Über die Jahre ist mir das Leben ans Herz gewachsen und so gross geworden, ich krieg kaum noch den Pullover drübergezogen!


*
Wenn das Licht den Samstag verläßt und sich niederlegt, wir schlendern durch die Siedlung.
"Wo schläft das Licht?" fragt die die Gräfin,
"weiss nicht", sag ich,
"im Dunkeln."


*
Endlich.
Wir haben die selbst anziehenden Schuhe gesehen,
die sich ganz bequem um die Füße legen ohne
dass man sich noch bücken muss.


*
Da kann man noch so vorsichtig durchs Leben tippeln,
man tritt immer irgendeinem auf die Füße,
also: Die schweren Zimtstiefelchen an,
und drübber!


*
"Ich finde, du bist genau zehn Jahre alt", meint die Gräfin.


*
Wir sind rassige Blümchen an der Mauer.
Ja.


*
Die Gräfin dreht ein Blatt Löschpapier zur Flöte und trötet auf den Hund ein, die Edel-Irre.
Das kann Frau Moll gar nicht leiden.
Vehement und ausser sich kläfft sie zurück: Sie lässt sich nicht gerne durch den Kakao ziehen.


*
Ich vermute, kurz bevor man stirbt,
lebt man ein paar Sekunden
in der Zukunft.


*
Flugzeugunglück in den Fernsehnachrichten. Die Maschine schiesst mit brennenden Reifen über die Startbahn hinaus und geht in Flammen auf.
"Der war ja noch nicht mal in der Luft!" erregt sich die Gräfin. "Neee, in so einen Flieger kriegen mich keine zehn Pferde mehr rein!"
Ein Satz, der in mir ein Bild auslöst: Wie elf Pferde die Gräfin in eine Boeing ziehen.
"VERDAMMT! HÄTT ICH DOCH ELF GESAGT!!"


*
Heutzutage versteht ja jeder alles,
und gleichzeitig zu wenig.
Da kann man auch gleich gar nichts kapieren.


*
Spät am Abend. Ich hab Besuch im Schritt. Es handelt sich dabei um Frau Moll. Sie schraubt ihr Köpfchen in meinen Schoß,
seufzend.


*
Niemals dem Schicksal nachrennen.
Es wird dich schon finden.
Es ist ja
deins.
13.3.07 19:30


FÜNF KILO

Der Sommer war so heiss, meine Füße steckten unterm Schreibtisch in einem Eimer Wasser. Das machte es halbwegs erträglich.
Drüüt! ging die Türschelle, drüüüt!

Ich guckte aus dem Fenster. Da stand ein grosser roter Taunus, direkt vorm Haus. Ich kannte niemand, der einen grossen roten Taunus fuhr. Aber die Leute wechselten ja dauernd ihren Wagen, schon allein um mich zu irritieren.

Ich pitschte mit meinen nassen Füßen zur Haustüre und öffnete. Ein hagerer Mann im Kittel stand auf der Matte. Er hatte eine grosse Nase im Gesicht, wie ein nachlässig aufgerollter Damenstrumpf.
Er trug einen Bastkorb.
"Morgen. Könnt ihr Äpfel gebrauchen?"
"Äpfel? Nee."
"Dankeschön."

Er blieb stehen und klingelte eine Etage über uns.
"Da oben ist keiner", sagte ich.
Dann klingelte er unterm Dach.
"Und hier?"
"Da wohnt Lester. Der Hase."
"Ein Hase?"
"Hase, ja. Das ist sein Spitzname. Eigentlich heisst er Lester", sagte ich. "Der hat Urlaub, glaub ich. Weiss nicht."

Lester ähnelte mit seiner wilden Naturkrause einem weissen Jimi Hendrix. Seit zwanzig Jahren hatte er sich nicht verändert. Vielleicht lag das ja daran, dass er wilde Äpfel in sich hineinkaute. Wer wusste das schon genau. Lester war ein Einzelgänger. Der machte nicht viel Worte.

"WAS?!" brüllte er durch den Flur.
"Der hat tatsächlich Urlaub", sagte ich.
"Guten Morgen, junger Mann!" rief der Obstverkäufer durch das Spalier der Treppengeländer nach oben. "Könnt ihr Äpfel gebrauchen?"
"WER IST DA?!"
"ÄPFEL! ICH VERKAUFE ÄPFEL! KÖNNT IHR..!?"
Die Tür fiel krachend ins Schloss.

"Tja", sagte ich.
Der Mann guckte mich kurz an. Verlegen.
Eigentlich könnte ich jetzt Feierabend machen, sagte dieses Gesicht.
Oder mich weghängen.
"Trotzdem vielen Dank, junger Mann."

Ich ging wieder an den Schreibtisch, zu meinem Eimer. Versuchte eine Geschichte zu Ende zu bringen, in der eine ganze Stadt nur so wiehert vor heisser Liebe, da schoss mir "warum nicht?" durch den Kopf.
Warum nicht mal ein paar Äpfel kaufen, an der Haustüre?

Ich drehte mich zum Fenster hin. Der hagere Mann kam gerade mit seinem Körbchen aus dem Haus gegenüber, fröhlich pfeifend.
Hatte wohl einen guten Deal hingelegt, der Boskoplümmel.
Ich ging nach draussen. Der Hund kam mit.
Der Hund kam immer mit.

Barfuß zu zweit dem Obstverkäufer hinterher.
"Hallo..!" rief ich.
Er blieb stehen.
"Ich nehme doch ein paar Äpfel. Sind die auch lecker?"

Die Sonne brannte kleine Pusteln in den Asphalt, ich tänzelte von einer Fußsohle auf die andere.
Sogar der Hund dampfte, von unten.
"Wieviel, junger Mann?"
"Hm.. so drei, vier Stück vielleicht.."
"Drei oder vier Stück?? Das geht nicht. Äpfel hab ich nur abgepackt. Ist ganz frische Ware!"

Er schwitzte auf der Stirn. Ein Ypsilon.
Ich hatte noch nie ein geschwitztes Ypsilon auf der Stirn eines reisenden Obstverkäufers gesehen, dem eine Nase gewachsen war wie ein Damenstrumpf.
Leute gibt es.
Keine schöne Sache.

"Einzelne Äpfel verkaufen Sie nicht?"
"Tut mir leid. Hier ist alles abgepackt." Er zeigte in den Korb. Knallrote Äpfel leuchteten mich an, in Folie eingezogen.
"Wie soll ich das denn machen? Da müsste ich ja alles auseinander reissen. Das geht nicht."

Ich hüpfte barfuß in den Vorgarten. Da war es nicht so heiss, auf der Wiese.
"Und was ist die kleinste.. na, Einheit?"
"Fünf Kilo. Acht Euro."
Fünf Kilogramm! Mannomann!
"Das sind ja mindestens.. fünfzig Äpfel!" rief ich. "Soviele will ich doch gar nicht."
"Nein, dreissig", entgegnete er ölig. "Maximal dreissig. Normale Grösse, süss, saftig. Berlepsch. Eine seltene Sorte, fast ausgestorben."

Aber ich hörte nicht mehr richtig hin. Das Ding war gelaufen. Dabei hätte es romantisch werden können. Ein paar verwunschene Äpfel an der Haustüre erwerben, vielleicht noch einen Kamm dabei.. aber fünf Kilo?! Was sollte ich mit so viel Obst?
Ich war froh, als ich wieder in meiner schattigen Bude hockte, die Füße baumelten im Wasser, der Hund schnorchelte.
16.3.07 17:50


KARPATEN, SCHRIE KARLOS

Mein erstes Auto war 1979 ein blauer Datsun Cherry. Er war nagelneu und gehörte dem dicken Bonsen, und der war tief und fest eingenickt, in dieser Samstagnacht am Wupperhof.

Vorsichtig angelte ich den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche.
"Scheisse, lass das lieber", meinte Pille, der jüngere Bruder vom dicken Bonsen, bevor auch er nicht mehr anders konnte und in das ansteckende Gackern von TB einfiel.

Wir waren stockbesoffen.
Wir waren andauernd stockbesoffen damals, und ohne Kiffen ging gar nichts.
Eine schöne Zeit.
Draussen kam die Sonne raus.

Karlos war auch mit von der Partie.
"Ich will fahren!" rief er.
"Ich hab den Schlüssel gezogen", meinte ich.
"Ich bin Erster!" gackerte TB.
Es ging hin und her.
Nur Pille hielt sich raus. Der hatte sein eigenes Auto und war heilfroh, dass ihm das nicht passiert war.
Das mit dem Einnicken.

Der Wupperhof war ein Fachwerkhaus, das den Schwamm in den Wänden trug. Wenn ich dort übernachtete und am nächsten Morgen wach wurde, fühlte sich alles klamm an, klamm bis auf die Knochen, und die Haut roch nach Moos.

TB hatte das Haus mit seinem Bruder und dessen Flittchen gemietet, und da gab es noch Boopy, die Kampfsau, ein Mini-Terrier.
Dumm wie ein Union-Brikett, aber immer wie aus dem Ei gepellt, egal, was für ein schmutziger Schneeregen gerade runterkam, um ihn herum.

"Wie krieg ich die scheiss Karre denn an?" brüllte ich gegen die Gitarrenriffs an.
Wir hatten eine Cassette eingelegt, ich hab die Reihenfolge heute noch im Ohr.

MC 5: KICK OUT THE JAMS - live
Bowie: YOUNG AMERICANS
Jonathan Richman: EGYPTIAN REGGAE
Danach kam CHILDREN OF THE REVOLUTION und WE LOVE TO BOOGIE von T.Rex. (Dabei ist es dann passiert, aber soweit sind wir noch nicht.)

"Wie man die Karre anmacht?! Ich denk, du hast schon Fahrstunden gehabt", brüllte TB zurück.
"Ist doch dem Glumm egal", antwortete Karlos für mich, worauf
es ruhiger wurde, eine Weile.
Trotz Bier, Gin und rotem Libanesen: Dass ich nicht einmal wusste, wie man einen Wagen ans Laufen kriegt, das streute erste Bedenken in den blauen Datsun Cherry.

Zum Wupperhof gab es übrigens ein Pendant, die berüchtigte alte Backstein-Villa an der Bienenhalle, wo wechselnde Freaks mit langen Zähnen und schlechten Haaren lebten, alles Freunde und Bekannte vom Wupperhof.

Wenn die Bullen mal wieder zur Hausdurchsuchung anrückten, wurde die Telefonkette aktiviert, denn im Anschluss würde das Rauschgiftdezernat direkt zum Wupperhof durchfahren und weiter suchen, das war so klar wie das Amen in der Kirche.

Als es in der Bienen-Villa wieder mal so weit war und die Grünen in Mannschaftsstärke einliefen, klingelte das Telefon am Wupperhof.
"Vorsicht! Die Bullen rücken an!"
"Bei uns sind die auch schon..!!" schrie TB.
Das RD hatte die Kette durchschaut und war zeitgleich mit zwei Teams ausgeströmt.
Pfiffig.
So war das.

1979, ich brauste mit den Kumpels auf dem Rücksitz (neben mir wollte niemand sitzen, nicht mal Karlos) durchs Bergische Land, es ging hoch her im Wageninneren, WE LOVE TO BOOGIE, bis zu dieser Kurve am Klingenring, wo ich mit dem starken rechten Schussbein das Pedal verwechselte und statt der Bremse das Gas durchdrückte und wir aus der Kurve flogen.

"KARPATEN!" hörte ich Karlos noch schreien, hinter mir, bevor wir in einen Riesenhaufen Splitter und Schotter zum Stehen kamen.
Wäre die hohe Pyramide Winterstreu nicht gewesen, es hätte uns frontal vor den nächsten Baumstamm gehauen:
BAUM HATTE EINEN UMFALL!
Vielleicht.
Stattdessen Totalschaden.

Die Schnauze des vier Monate alten Datsun Cherry war komplett im schwarzen Schotter verschwunden und die Karosserie so verzogen, ich bekam vorne die Türe nicht auf und musste hinten bei den Kumpels aussteigen.
"Scheisse", murmelte Karlos.
"Idiot!" fluchte Pille, der schon seinen dicken Bruder im Ohr hatte, wie der ihm bittere Vorhaltungen machte, zu Recht, wie ich fand:
"Wie konntest du den besoffenen Glumm ans Steuer lassen!"

Ich bin danach nie wieder Auto gefahren. Ab und zu, wenn wir im Urlaub eine schnurgerade französische Landstrasse vor uns sehen, übergibt mir die Gräfin mit großzügiger Geste das Lenkrad, das ich dann vom Beifahrersitz aus mal halten darf, aber ans Gas lässt sie mich nicht ran. Oder an das Bremspedal. Ist doch sowieso alles dasselbe.
18.3.07 20:13


OH MEIN GOTT..

..oh mein Gott! Jetzt ist es soweit. Jetzt lauf ich schon nüchtern gegen Glastüren!
Heute im Comuterlabor!
Ich dachte, die Tür wäre offen, und das war sie ja auch den ganzen verfluchten Vormittag lang, aber dann bin ich runter in die Bibliothek und hab ein halbes Stündchen in der Nase gebohrt, und in dieser Zwischenzeit muss irgendjemand die Tür geschlossen haben!

Hier schliesst ja immerzu irgendjemand irgendeine Tür ab, wie im Knast ist das hier, und als ich wieder oben im Institut zum Rechner marschieren will, wie immer in Gedanken, ich bin ja immer in Gedanken, immerzu verstrickt, ICH BIN NIEMALS DA, WO ICH BIN, ICH SCHEISS HANS-GUCK-IN-DIE-LUFT, da:
RAMMTZZ!

prall ich mit der Fresse frontal ins !GONGG! ins Glas! Als hätte mir jemand ein Überraschungs-Schaufenster auf die Nase geschmissen, HIER, NIMM! Und aufs Kinn:
Auf die Stirn auch!
Das gibt Höcker.

Kollege U. saß gerade am Telefon und muss die Szene von drinnen mitgekriegt haben. Sah bestimmt schön dämlich aus: Der Glumm will ins Computerlabor und rennt volle Lotte gegen die zue Tür!
Hähä.
Scheisse.
Zum Glück hab ich einen Schädel wie Hartkrom. Da muss schon ein Tresor draufknallen, bevor ich Piep mache.

(pip.)

Mir tut die Fresse weh.

"Eigentlich bist du doch hier die Edel-Irre", sag ich abends zur Gräfin, als ich ihr von meinem schönen Tag im Institut erzähle.
Die lächelt entrückt.
"Du weißt, was Frauen hören wollen."

Meine Fresse, das hat aber auch gegongt.
Wie Ring frei.
Am nächsten Morgen läuft mir Kollege U. über den Weg.
"Ein Wunder, dass du dir nicht das Nasenbein gebrochen hast", meint er. Und dass er mir den Glasreiniger schon rausgestellt habe.
"Glasreiniger?! Wieso? Ist mir doch was rausgerotzt?"
"Nee. Aber da ist ein Riesenfettfleck an der Tür."
20.3.07 18:45


HUGO S. HAT KEINE WORTSORGEN

Es gibt Sätze, die erreichen das Ohr erst mal ganz unscheinbar und schlicht,
bis plötzlich Peng es geht im inneren Zimmer:
"ICH BIN NOCH SATT VOM ESSEN"
ist so ein Satz, der etwas dauert.

Oder wenn die Gräfin von einem Hustenreiz überfallen wird, und als Grund ausmacht:
"Verdammt!
Ich bin zu salzig für mich selbst!!"

Wer sich mit Freunden im Urlaub verabredet,
der sollte "TREFFPUNKT MITTEL
MEER 13 UHR"
ausmachen.

Einzelne Worte gibt es viele, die hat noch nie jemand gesprochen, weil es sie nicht gibt. Vielleicht. Vielleicht aber doch. Vielleicht hat in den Jahrhunderten deutscher Sprache schon mal jemand die HUBBA-BUBBA-NUTTE,
den "Gnadenbrotbäcker",
Antennenwelpen oder eine
GEWÜRZCOUCH
erwähnt.

Weiss
nicht.

Und da gibt es noch unangenehme Worte, beinah gefährliche Worte:
DARMJAHRE:
Darmjahre sind keine Herrenjahre.

TRIEBEITER, ja, auch.
MEINE BETTLEBER.
Bah.

Und ein bisschen arg schief auf der Postkarte
klingt "Brie und Nudel gut".

"Ihr habt immer Wortsorgen!" beschwert sich Gustav Kalbfleisch aus Wuppertal. Gustav hat ein anderes Problem.
Er heißt wirklich so.

Dann doch lieber Hugo,
jawohl:

HUGO SAPIENS*.

*:
it's me! it's me!
23.3.07 07:11


BEIM NUSCHELPOLEN

Wenn die Leute was zu erzählen haben und ich am liebsten jedes Komma behalten möchte, und zwar an der richtigen Stelle, dann behalte ich im Nachhinein immer nur seltsame Sachen wie "mein Unterleib steht im Raum mit hundert Pimmeln" oder "Backfisch", obwohl roher Fisch gesünder sein soll.

Aber das nur am Rande. Lasst euch nicht verwirren. Es geht um ein Gesicht. Um mein Gesicht. Um die Partie zwischen Mund und Nase, wo ich neuerdings eine kleine Warze züchte, ohne dass man mich gefragt hätte.

Das Teil wäre an sich nicht weiter erwähnenswert, würde es mit der Zeit nicht auseinandergehen, wie ein gekochtes  Blumenkohlröschen.
Die Leute gucken schon komisch.
"Mach dir mal die Fasern da weg!" sagt der Blick, ohne dass Worte fallen.
"Sind keine Fasern", entgegne ich. "Ist eine Warze."
"Ich habe doch gar nichts gesagt.."
"Dann guck gefälligst nicht so!"

Ein ähnliches Teil hab ich vor Jahren schon mal gehabt, allerdings war das am Hals, in Höhe des Kehlkopfes.
"Das kommt von dem ganzen spinnerten Zeugs, das du quasselst", hat der dicke Bonsen damals gemeint.
"Na, du musst es ja wissen", antwortete ich. "Fettsack!"

Wie auch immer, die Warze hatte Ähnlichkeit mit einem Propeller, und eines Tages, es war Sommer, fiel der Propeller einfach ab, ganz von selbst, runter, auf den Boden.
Zur Sicherheit hab ich noch feste draufgetreten.

Das ist natürlich meine liebste Methode. Warten bis die Dinge sich von selbst regeln. Klappt nur nicht immer.
Die neue Hautirritation unterhalb meiner Nase beispielsweise scheint mir den Gefallen nicht tun zu wollen. Im Gegenteil.
"Mach dir mal die Schnötte weg!"
Als würden mir Popel aus der Nase kriechen, versteinerte Mini-Lava.

Mein Onkel Fitting, für jeden spirituellen Schnickschnack aufgeschlossen, kriegt es sogar mit der Angst zu tun, als wir uns zufällig begegnen: "DIE WARZE LIEGT JA MITTEN IM MAGISCHEN DREIECK!" ruft er erschrocken und geht auf Abstand. "Das ist eine ganz gefährliche Angelegenheit, glaub mir das!"

Vielleicht hat er ja recht. Vielleicht haben ja alle recht. Die Gräfin meint ja schon lange: Geh zum Polen!
Der Pole ist ein Hautatzt. Er ist uralt, er nuschelt, und er weiss, was er tut.

Meistens. Im Proppe-Zimmer ist es wartevoll. Lauter Türkinnen. Eine Frau ist Deutsche, das ist die resolute Arzthelferin. Sie stolpert fast über meine Beine, als sie hereinkommt.
"Herr Glumm, nehmen Sie schon mal in der Kabine Platz..?"

Die ist eng, die Kabine. Ausser dem Höckerchen und einem stehenden Hautarzt passt nichts rein.
Ich warte.
Öde Stellwände.

Der Doktor kommt. In die Kabine nebenan. Man kann schön mithören.
"Ich will ganz ehrlich mit Ihnen reden, Herr Doktor. Können die Pilze auch in die Scheide gelangen? Mein Frauenarzt weiss nicht mehr weiter."
Die Antwort von Doktor Scholonsky kann ich nicht verstehen. Er schlürft die Silben in sich rein. Vielleicht schmecken sie so lecker, da will er nicht teilen.

Nächste Kabine. Patientin klagt über Haarausfall.
Doktor nuschelt.
Es raschelt.
Dann: "Verlier mehr als hunnert Haar an Tag, Frau?"
Hüsteln. "Ja, Doktor. Dicke Büschel."
Dann höre ich Worte wie "Störung" und "ei, ei, ei" und "Nervensilvester".

Endlich bin ich an der Reihe. Ich hab den Doktor lang nicht mehr gesehen. Er erinnert mich an den toten Papst. Genauso klein, das Gesichtchen zäh.

Bevor ich auf meine Problem-Zone deuten kann, kommt der Nuschelkopp schon mit der riesigen Lupe angeschlichen.
"Aaah, sehscho.." , murmelt er begeistert und wippt mit der Lupe vor und zurück, wie ein Jojo.

"Iseifadwazz."
"Bitte? Ist was? Ist schlimm?!"
"Nitschlimm, is eifadwarzz."
Er ruft seine Helferin herbei, auf polnisch. "Fadenwarze", übersetzt sie, "Kein Problem. Kriegen wir mit Stickstoff weg."

Die Prozedur geht erfreulich schnell. Die Schwester rollt einen grossen silbernen Kessel heran, aus dem es ordentlich dampft, als sie ihn aufmacht. In den Kessel tunkt sie ein Wattestäbchen, mit dem sie die Warze einpinselt.
Es zischt und kokelt unter meiner Nase, wie ein Zündholz, das nicht richtig zündet.

Dann packt sie den Deckel wieder auf den Silberbottich.
Ich soll noch mal reinschauen, nächste Woche um die gleiche Zeit.

"Ich hatte früher schon mal so was ähnliches", sag ich noch beim Rausgehen. "Einen Propeller, hier am Hals. Wo man redet."
Sie guckt verständnislos.
"In Ordnung. Nächste Woche also."

 

 

********* 

 

DIE GRÄFIN SPRICHT

 

"Pass mal auf, in 50 Jahren werden genmanipulierte Neonbabies als Quizgewinn ausgelobt. Die X12-Drillinge gewinnt Frau Marianne Huber aus Frankfurt an der Oder! Herzlichen Glückwunsch!"

 

*
"Heutzutage muß man ja nur laut genug schreien, schon kaufen einem die Leute alles ab."
Es ist früh am Morgen, sie hat einen Geschmack im Hals wie ne vollgefixte Wolldecke von Jimi Hendrix. (O-Ton).
"Die verkauf ich!"

 

*
"Wie, ich weiss nicht, was ich rede?? Du denn?!"

 

*
"Am liebsten wär ich ja kaputtgeschrieben und alle würden mich in Ruhe lassen. Hihi.."

 

*
"Dass man wie ein gesunder Mensch behandelt wird, nur weil man gesund aussieht, das find ich auch nicht richtig. Die sollten mal ein bisschen die Hautfalte anheben."

 

*
"Wenn ich JAMMIN' höre von Bob Marley, ist immer Sommer und ich seh uns auf irgendeinem Dach rumsitzen, die Füße baumeln im Wind und eine Tüte geht rum, irgendeiner lacht auf. Wenn ich heute was kiffe, bin ich direkt im Eimer."

 

*
"Wie die Dinge sich ändern, wenn man älter wird.. Früher zum Beispiel fand ich Ernie viel besser als Bert. Bert war so passiv, und Ernie ein Quatschkopf. Mittlerweile find ich Bert viel besser. Na ja, sagen wir mal, genau so gut. Fast so gut.. Ach, Quatsch! ERNIE IST IMMER NOCH BESSER!"

 

+ die Blaublütige im Gelände..

25.3.07 08:58


ZÜGEL

"Da sag mal einer, unser Hund wär nicht clever", sag ich.
"Sagt doch auch keiner", sagt die Gräfin.
"Sag bloss", sagt mein Bruder, der im Vorgarten steht und zum offenen Fenster reinguckt, mit seinen ein Meter Neunzig.
Sonst noch einer, der hier was zu sagen hat?!
Frau Moll vielleicht?

Seitdem sie mitbekommen hat, dass es einen engen kausalen Zusammenhang gibt zwischen Wassersaufen, Pipimachen und Spazierengehen, nämlich viel Wassersaufen = oft Pipimüssen = oft Spazierengehen, seitdem säuft das Aas wie ein Loch.
Es wird Zeit, dass ich die Zügel in die Hand nehme hier.

"Nachts bleibt der Wassernapf ab sofort unter Verschluss. Und die Tür zur Toilette wird abgesperrt, sonst bedient sich das raffinierte Hundezimmer aus der Kloschüssel."
"Aber wenn sie doch nachts Durst kriegt..", meint die Gräfin.
"Nein! Du bist zu nachgiebig. Die führt uns doch an der Nase herum, die feine Frau Moll! Aber wer bitteschön muss denn mitten in der Nacht aufstehen, wenn der Hund mal wieder wimmernd vor der Tür sitzt und raus will zum Pipimachen!? Na?!"
"Na, ich", sagt die Gräfin, "Wer denn sonst.. Du etwa?"
Hm. Dann ist ja alles gut.

"Hast du ein Bier da?" fragt mein Bruder. Ich wunder mich schon die ganze Zeit, was der hier rumlümmelt, vor meinem Fenster.
"Aber Pipi gemacht wird zuhause!" sag ich.
Die werde ich jetzt mal anziehen, die Zügel. Der wird sich noch umgucken, der feine Herr Bruder!
27.3.07 07:32


ZEICHEN

Äusserlich mag ich ja eher nüchtern wirken, innen drin bin ich ein Spinner.
Das hat schon der meist unrasiert und leicht verletzt auftretende Kneipengangster Harry R. erkannt, wenn ich früher um die kapitale Eingangs-Säule ins Mumms einbog.
"Glummmann!" rief Harry mit breitem Grinsen aus, eine Stange Kölschbier in Arbeit. "Du Spinner!"

Einmal Spinner, immer Spinner. Das lässt sich nicht einfach ausknipsen wie das Licht im Backofen, zumal unser schummriges Backofenlicht defekt ist und noch in der Nacht diesem vergessenen Hähnchenbollen leuchtet, heimwärts ins Reich des weissen Superfleisches.

"Du spinnst", sagt die Gräfin.
Es ist Montag, als sie mich zum Bahnhof bringt. Frau Moll tappert hinter uns her, die Nase am Boden. Für Hunde ist Boden knusprig.
Ich bin nervös.
Ich hab einen wichtigen Termin, und ich bin dafür bekannt, wichtige Termine zu vermasseln.
"Wenn alles schief geht, dann springt immer noch eine Geschichte dabei heraus. Sieh es doch einfach so."

Da hat sie natürlich Recht. Dennoch bin ich in Aufruhr, ich kann nicht anders. Die Augen fahnden nervös nach Omen in den entgegeneilenden Gesichtern, auf besprayt einlaufenden Zügen, auf Wänden, überall.

"Prophezeiung!" meint die Gräfin.
"Schon gut", sag ich. "Macht ja nichts."

Meist sind die Zeichen konventioneller Natur. Das erste Marienkäferchen des Frühlings setzt zur Landung auf der Jacke an, oder man weicht im letzten Augenblick einem cremigen Hundehaufen aus. Oder man weicht ihm eben nicht aus, rutscht böse weg und erleidet einen Milzdurchbruch und muss den wichtigen Termin kurzfristig in die Intensivstation umleiten, was meinem Anliegen ungeahnten Aufschwung verleiht:
"Der arme Mann!" denkt der Termin. "Und so durchgebrochen.. Hier, hunderttausend!"

Als Frau Moll uns knurrend überholt, werd ich aufmerksam. In einiger Entfernung kommen zwei schwarze Männer auf uns zu, mit zügigem Schritt.
Es sind.. sind das..?
"Guck mal, zwei Schornsteinfeger", sagt die Gräfin leichthin.
Nicht einer, nein, natürlich nicht: Gleich zwei! Die doppelte Dosis!
"Das ist noch nie gut gegangen!" errege ich mich. "Das ist wie mehrere verkrachte Existenzen in einer einzigen Person!"
"Wa?" stutzt die Gräfin. "Spinner."
Spinner??! Das Schicksal macht den Molli mit mir! Das foppt mich auf ganzer Linie! Ich kack ab! Ich lass den Zug sausen! Ich..

Die beiden verrußten Geselllen kommen näher, und als sie auf gleicher Höhe sind, höre ich, wie die Beiden sich untereinander SIEZEN!
"Wenn Sie meinen, dann machen wir das so, Herr Schrader."
So ein..! Das ist..
Unglaublich!
Glück!!
29.3.07 08:23


s



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