Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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2007 - DAS JAHR, IN DEM WIR ALLE JAMES BOND WURDEN

Den Silvesterabend verlümmelten wir im Bett, ich wie Belmondo 1959, nur mit Unterhose und Hut bekleidet.
"Das schlimmste im Leben ist Feigheit", sagt er zu seiner amerikanischen Geliebten.
Er nuckelt an einer Maiscigarette und verlässt das Bett, wechselt den Hut gegen ein kariertes Tweed-Käppi.
Und das war genau die Szene, bei der ich einschlief, an diesem Silvesterabend.

Dabei wollten wir es richtig krachen lassen, wollten das neue Jahr ans Laufen bringen, so wie es sich gehört: auf den zusammenkrachenden Trümmern des alten Jahres.
Ich hatte extra eine dicke Bang Bang-Tüte besorgt und 50 Sekunden Regen, aber dann war die Ballerei längst im Gange, als ich endlich wach wurde.

"Welch lustig Gewitter Silvester doch ist!" spöttelte die Gräfin am Fenster.
Es war offen.
Es pfiff und donnerte.
"GLEICH KOMMT REGEN!" schrie jemand. "RÖMISCHER REGEN!" Ich war noch halb im Schlaf, es war kalt im Zimmer. Ich wickelte mich in die Decke ein und stand auf.
Frau Moll kam schwanzwedelnd auf mich zu.
PAFFF!
SSSSI..
SELLLITZZZZ!!!

"Kein Schwein feiert mehr ne verfickte Party, aber sobald es zwölf Uhr ist, kommen sie alle aus der Ecke und lassen es krachen, als wären sie auf der geilsten Party der Welt", murrte die Gräfin.
"Warum hast du mich nicht geweckt", sagte ich.
Ich ging mit einem Kuss auf sie zu, in meiner Decke und unter dem Hut, doch was tat sie? Sie drehte sich ab..!

Auf dem großen Platz vor unserem Haus wälzte sich Raketennebel über den Asphalt, wie riesige graue Flusen.
"Guck mal..", sagte sie.
"Ja", sagte ich. "Super."
"Nicht da! Hier!"
Ich guckte sie an.
"Hübsch", sagte ich.
"Herpes", sagte sie.
Oh.. ja. Oberlippe. Ein Bläschen.
"Hab ich mir eben gefangen, kurz vor zwölf.. und jetzt find ich die Herpes-Salbe nicht."

Während draussen Drei-Etagen-Knatter-Batterien den Himmel bebauten und pfijuuh! die nächste Heul-Fontäne den Erdboden verliess, suchten wir die verschollene Salbe.
Von wegen Ballern.

"Scheiss Creme.. hab ich wieder irgendwo verbummelt", murmelte die Gräfin schon resignierend, da nahm ich das Badezimmerschränkchen noch auseinander.
Sie stöhnte in den Spiegel.
"Ist das ein Hörnchen. Und wie das brutzelt. Das geht ja gut los, 2007.."

"Lass uns den Herpes doch einfach wegsprengen! Wie in Moonraker!" schlug ich vor. "Wir hängen einen Böller dran, und RAWITZZZ! ist das Böhnchen platt!"
"Moonraker.. Wieso Moonraker? Was warn da?"
"Null Null Sieben!"
"NA, DAS WEISS ICH SCHON! ABER.. ach.. schon gut."
Sie belauerte sich immer noch im Spiegel.
"Würde jedenfalls ne hübsche Kaskade geben, wenn der Herpes explodiert."

Immerhin, jetzt wusste ich Bescheid, warum sie partout keinen Neujahrs-Kuss wollte.
"Sag mal.. Küsse gibts hier wohl nicht mehr!?" maulte sie im gleichen Moment. "Bin ich jetzt verpönt, wegen meiner Kruste, he!?"
Ich kam mit einem Monster rüber, einem zeitlosen Monster von Zungenkuss.

Plötzlich Getrappel im Hausflur. Durch den Spion konnte ich Gus beobachten.
Der Altpunk aus der Wohnung oben drüber war seit Wochen schwer erkältet und schleppte sich nun die Treppe runter, mit 99 Schuss unterm Arm.
"Du Scheisse", sagte ich zur Gräfin, "Gus hat Besuch."
Sein zehnjähriger Sohn hielt ihn auf Trab, wie jedes Jahr Silvester.
"Fett, Papa! Fett! Ich hol schon mal Nachschub!"

Die Gräfin nahm ein flackerndes Teelicht vom Tisch und hielt es aus dem Fenster, zwischen all dem furiosen Gewirbel.
Sie warf mir eine Wäscheklammer zu.
"Hier."
Ich ging zu ihr ans Fenster und liess die Wäscheklammer aufspringen. Das ploppte vielleicht!
So machten wir es schon seit Jahren.
Ich stand in Unterhosen am Fenster, und Hut, und Wäscheklammer.

Gus entdeckte uns.
"Frohes Neues!" rief er heiser. Er hatte bestimmt zehn Kilo abgenommen in den letzten Tagen. Er sah grau aus.
Ich winkte zurück, fröstelnd.
"Halt die Fresse!"
Gus sah aus wie ein Gespenst. Der Lichtschein der Raketen und die umhertanzenden Leuchtregen erhellten sein geschundenes Gesicht, all die Sex Pistols & Madness-Furchen der wilden 70er, diese ganze harte Alt-Akne.

"Du hast doch auch was zu Ballern geholt", sagte die Gräfin. "Warum gehst du nicht raus und knallst auch?"
"Nee.. lass mal. Das bewahren wir schön auf bis nächsten Silvester", sagte ich, einer plötzlichen Eingebung folgend. "Und wenn kein Schwein damit rechnet, fallen plötzlich fette Bomben vom Himmel! Fette Bla Bla Bomben! Wie in Moonraker!"
"Moonraker..? Du kennst den scheiss Film doch nicht mal, wie ich dich kenne!!"
"Bril-li-ant, nicht?" sagte ich stolz. Tja-haa!
Null-Null-Sieben!
3.1.07 20:51


MONOBURSCHE

Ich bin immer wieder gespannt, wer mir im neuen Jahr als erstes über den Weg läuft, draussen in der Wildbahn.
NICHT DRINNEN.
Er ist mein Menetekel für die kommenden Monate.

An Neujahr 2006 beispielsweise war es ein Mann mit einem aufsässigen Lolli im Mund.
Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt ja gar nicht, wie aufsässig das aussehen kann, wenn ein erwachsener Mann einen Lutscher im Mund spazieren führt.

Und wenn ich jetzt zurückschaue, jetzt, wo das Jahr vorüber ist: Genau so war 2006.
Erwachsen, und im Maul dieser Lolli.

Am Neujahrsmorgen 2007 schnapp ich mir den Hund. Die Gräfin schläft noch. Es ist gerade mal halb acht, nicht mal richtig hell.
Es regnet diffus.
Der Mond.
Nein.

Der Kannenhof ist übersät mit toten Böllern, und in den Vorgärten stecken Abschussrampen von abgeschossenen Raketen, wie dünne Silvester-Störche.
Kein Schwein ist unterwegs. Nur ein Hund.
Das ist meiner.

Ich geh in Richtung Wald, und wie aus dem Nichts überholt er mich plötzlich - meine Nummer eins 2007. Wieder ist es ein älterer Mann. Er trägt eine Mütze.
Russenmütze.

Er hetzt an mir vorüber, offensichtlich einsam, verbittert, ohne mich oder Frau Moll eines Blickes zu würdigen.
Ich hinterher.
Hat der Bursche da was unter der Mütze?
Ich halte kaum zwei Meter Abstand. Er scheint komplett versunken. Schaut nicht links, nicht rechts, hastet einfach weiter, immer geradeaus.
Ein verbitterter alter Knabe.
Soll so etwa mein neues Jahr aussehen!?
Grimmig, monostabil?

Sein Schädel flippert beim Gehen. Trotz der Russenmütze kann man hinten reingucken. Da bin ich gut drin. Beim Hintenreingucken in fremde Schädel. Man nennt mich auch den Röntger. Gelegentlich spürt man da super Sätze auf, in fremden Schädeln.
Neulich hatte ich eine Frau, die dachte so: MAN MÜSSTE DAS GLÜCK GEFANGEN NEHMEN UND IN BETON GEGOSSEN LANGSAM ZERHACKEN.
Hat die gedacht, beim abendlichen Einkauf an der Tanke.
IN GANZ KLEINE PORTIÖNCHEN.
Niedlich, nicht.

Meistens findet man gar nichts in fremden Schädeln. Nur Zucker, und besetzte Andockstationen.
Dieser Schädel hier.. Moment mal.. das ist ein Stadion.
Ein kleines Hass-Stadion.

Der Mann sitzt auf seiner eigenen Tribüne und schickt Buh-Rufe in die Tiefe, auf den Rasen, wo die Zuschauer sich drängeln.
Es sind Tausende.
Stundenlang schon müssen sie im Stadioninnern ausharren, bloß, weil die Arena hasserfüllt ist und nur sich selbst duldet auf der Tribüne.

Da rollt die nächste Attacke die steilen Ränge hinunter, sein ganz persönlicher Hass mit Karacho: "HARRRHH!! HARRRHHH!!!" poltert es in alter Kater Karlo-Manier durchs Stadionrund, dass sich die Leute unten auf dem Rasen in die Hose scheissen vor Angst.

Monsignore, das wird wieder ein Jahr!
4.1.07 20:21


VERPISST (HALBSCHUHE)

Es ist eine Kunst, einfach in den Tag hinein zu leben und dabei glücklich zu sein. Ohne Job, kaum Knete, ein Rest deutscher Boheme, den ich früher gut beherrschte, und manchmal hab ich auch einfach ins Mumms gepisst. Mittenrein, volle Lotte, nur so.

Die Gräfin, allerhand gewöhnt, ist konsterniert.
"Das hast du doch nicht wirklich gemacht.."
"Natürlich", antworte ich.
Es war in den goldenen Tagen zu Beginn der 80er, als das Mumms das Wohnzimmer war für mehrere Solinger Cliquen, deren Grenzen immer durchlässiger wurden bis zum Schluss ein einziges feierndes Pack übrig blieb, für ein oder zwei legendäre Jahre.

Höhepunkt war der Freitagabend.
Um zehn, elf Uhr war der Laden so brechend voll, viele Leute mussten draussen bleiben, und wer es irgendwie reingeschafft hatte, der stand dicht gedrängt in Dreier-Reihen am Tresen, wie parkende Autos, die rempelnd ihren Platz verteidigten.
(Wer vom Klo kam, musste sich aus der vierten Reihe langsam und Glas für Glas wieder an den Tresen zurücksaufen.)

Mein persönliches Highlight war der Moment, wo ich Pipi machte, wie Gott mich schuf. Nicht heimlich in die Ecke oder unter den Tisch, nö, mitten im Gespräch und von den umstehenden Leuten unbemerkt öffnete ich den Hosenstall, hing den Lümmel raus und liess laufen.

Es dauerte einige Augenblicke, bis das Plätschern wahrgenommen wurde.
Erstens war die Musik laut, und zweitens hielt ich meinen Pimmel ja nicht auffällig in der Hand, sondern hatte ihn locker in den runtergezogenen Reissverschluss eingehangen, wie über einem Geländer, damit ich mir nicht auf die Schuhspitzen pinkelte.

So strullerte ich weiterplaudernd mitten in den Kreis der Leute rein, die ich für diese Aktion extra um mich herum versammelt hatte.
Den armen Karlos erwischte es mehr als einmal.
"Glumm, du Sau! Nicht immer mir in die Halbschuhe!"

Was mir so diebische Freude daran bereitete war nicht der dämliche Pimmel in aller Öffentlichkeit, es war vielmehr diese ganze unmögliche Situation, diese aufflackernde Panik in den Gesichtern, "NEIN! Der Kerl pisst TATSÄCHLICH mitten ins Mumms..!"
Natürlich nicht in allen Gesichtern. Logisch.
Karlos, Schnaat, der dicke Py - die verzogen nach einer Weile kaum noch eine Miene.
Nun ja, bis auf Karlos. Klar.
5.1.07 19:40


DAS GEHEIMNIS DER GROSSEN SCHUHE

Freitagabend.
Das Mumms ist voll wie ein Karnickelschlauch.
Man könnte Wühlgebühren kassieren, so wie die Leute sich schubsen, knutschen und gegenseitig das Bier wegfressen.
Nur ich bin nüchtern. Komischerweise.

"Pffh! Und was soll daran komisch sein?" höhnt Schwarte. Er trägt eine schwarze PVC-Brille mit dicken Gläsern, und sein Kreislauf ist im Keller. "Du bist doch gerade erst reingekommen, du Lutscher!"
"Blödsinn! Ich steh schon ne halbe Stunde neben dir!"
"Halbe Stunde, pah..!"
Schwarte wirbelt ruckartig herum.
"He, Gesichtshure, was willst du?!"

Ein rotwangiger Hippie, der im Gedränge sein Jutesäckchen verloren hat, blickt entgeistert auf.
"Meinst du.. mich..?!"
"Natürlich mein ich dich, wen denn sonst!? Erst schwulst du mich den ganzen Abend an, und jetzt fummelst du mir auch noch an den Füßen rum! Die Finger da weg!"
"Aber ich such doch nur meine..."
"Ach, leck mich! MARINAAA! Noch ein großes Gelbes!"
"Nix da, Schwarte. Du kriegst nix mehr! Du nicht!"
"Wie.. ich krieg nix mehr!?"
"Genau, wie ich das gesagt hab, Schwarte! Du bist voll genug! Und lass die Gäste in Ruhe!"

"Voll genug? Was will die denn..?" mault Schwarte und glubscht vom Tresen weg auf den langen Eli zu, der nahe dem Eingang an der Säule lehnt.
"Eli, du musst mich aus der Scheisse rausholen.. Ich krieg nix mehr zu saufen."
"In Ordnung", meint Eli, in den Semesterferien als Kranführer beschäftigt.

In aller Seelenruhe hievt er zwei Glas Hellbier vom Tablett des Kellners, der sich mit den Schuhen gerade in einem Jute-Beutel verheddert hat.
"Och, da isses ja!" springt die Gesichtshure rosig hinzu, und auch der lange Eli und Schwarte freuen sich über ihren gelungenen Hellbier-Coup.
Sie stoßen miteinander an.

"Die Marina ist ein ganz harter Hund!" lullt Schwarte. "Dabei bin ich kein Hacken voll.. ich hab nur.. niedrigen Blutdruck."
Sie trinken ihre Beute auf ex, und Schwarte fällt um.
"VOLLSAUF!" zetert Marina. "JETZT REICHTS! RAUS HIER!!"

Während das Publikum amüsiert im Weg rumsteht, packen Elias und ich den stockbesoffenen Schwarte unterm Arm und schleppen ihn an die Luft.
Mummstrassenluft.

"Am besten, du haust dich ein Stündchen aufs Ohr", rät Eli. "Hier, mein Autoschlüssel. Aber nich wegfahren!"
Eli hat eine blaue Ente aus den frühen Siebzigern.
"Mann Mann.." Schwarte kriegt kaum noch die Augen auf. "Ist das ne sauerstoffarme Kneipe hier.."
"Schwarte, wir sind an der frischen Luft."
"Scheisse.. bringt mich hier weg.."

Auf dem Weg zum Parkplatz passieren wir das Restaurant Lotus Garden. Einer der netten chinesischen Kellner steht vor der Tür und raucht gemütlich eine Zigarette.
"Eh, du China-Kracher!" grölt Schwarte. "Tu mal Feuer!"
Nach einem kleinen Handgemenge schieben wir Schwarte auf den Rücksitz von Eli's Ente und verschwinden wieder im stickigen Karnickelschlauch.


*
Als Schwarte wach wird, ist es längst hell und der Wind fegt durch die Ritzen der rostigen alten Ente.
"Kacke.."
Er friert.
Da hilft nur eins: so schnell wie möglich nach Hause, unter die warme Aua-Decke.
Die Bushaltestelle ist gleich gegenüber vom Mumms.

Kommt eine Frau daher.
Viel zu große Schuhe.
Ihr Haar flattert.

"Hast du mal ne Kippe?" fragt Schwarte schlotternd.
"Nur Tabak."
"Egal."
Sie reicht ihm den Schwarzen Krauser.
"Woher kommst du denn, um die frühe Stunde?" fragt sie.
"Von dahinten", bibbert Schwarte. "Aus der Ente."
"Aus der Ente?"

Ihre Schuhe sind so verdammt groß, man kann sogar hinten reingucken, denkt Schwarte verblüfft.
"Und wieso wartest du dann hier auffen Bus?"
"Na, die Ente gehört mir nicht. Gehört dem langen Eli. Ich hab nur drin gepennt. Ich fahr kein Auto. Na, selten."
Schwarte kriegt kaum die Kippe gedreht, so kalt ist ihm, und der Tabak krümelt zu Boden wie Pantoffeltierchen.

"Ich penn überhaupt viel. Ich hab niedrigen Blutdruck."
"Und was machst du sonst, wenn du nicht pennst?"
"Dann spiel ich Bass. In ner Boogieband. Phonebone. Kennst du?"
"Phonebone, klar! Kenn ich. Ich mach auch Musik! Aber erst seit zwei Wochen. Da kommt die 81, mein Bus.. Machs gut!"
"Hier", bibbert Schwarte, "dein Tabak."

Gleich hinter der 681 kommt die Linie 684 vorgefahren, die Schwarte nehmen muss.
Er löst bis Widdert. Endstation.
Verdammt große Schuhe, die Puppe, denkt Schwarte. Aber nicht übel.

Kurzentschlossen steigt er aus und läuft rüber, zum anderen Bus. Klopft an die Scheibe, wo die Puppe sitzt.
Sie guckt runter.
"Kommst du mit?" gestikuliert Schwarte, noch breit vom Vorabend. Da traut man sich Dinge, die man sich sonst nicht traut.

Endstation.
Schwarte hat zwei Zimmer unterm Dach, einen sehr neuen Teppichboden und die froschgrüne Beat-Jacke mit den Silberknöpfen, sein ganzer Stolz.
"Nur zur Information - ich hab keine Lust auf Fummeln", meint die Frau, die ihre Schuhe selbst im Bett anbehält, doch Schwarte kriegt das nicht mehr mit.
Er pennt.


*
Samstagmittag.
Der lange Elias pocht an die Dachluke.
"Vollsauf!! Aufstehen! Ich brauch meinen Autoschlüssel!"
Schwarte ist noch tief im Tran.
"Määäh..?..?"
"Hier oben, hu hu!!"
"..Wah?"
"VERDAMMT! HIER IST DER ELI!"
"Ach, der Eli.. Moment.."

Schwarte müht sich auf die Bettkante.
"Mann, Mann.. Was war denn gestern? War gut?"
"Gut?! Ha! Ist das dein Ernst? Du warst so breit, du hast im Mumms in der Ecke gelegen und geweint."
Schwarte stürzt zusammen, wie falscher Pudding.
"Verdammt! nein..! Nicht schon wieder!!"
"Schon gut, schon gut.. Du bist umgekippt, wie immer, sonst nix. Kein Weinen."

Schwarte greift nach einem Becher, auf dem das Wort "Betthupferl" aufgeklebt ist.
Er ist randvoll gefüllt mit Traubenzucker-Dragees.
"Du auch?"
"Hau ab", meint Eli. "Sag mal.. was zum Teufel sind das für Mauken unter deiner Decke?"
"Mauken..? Was meinst du für Mauken?"
"Na.. die hier! Die schmutzigen Viertelpfünder!"

Schwarte reibt sich die Augen, wobei etwas Mehl zu Boden sinkt.
Nicht zu fassen! Da lugt tatsächlich ein Paar Schuhe unter der Bettdecke hervor.
Große Schuhe, Quadratlatschen!
"Du Scheisse..!! Die gehören der Ische, die ich heut morgen aufgegabelt hab!"
"Bestimmt ne Orthopädiestudentin", vermutet Eli. "Was ist jetzt, Schwarte. Kommst du mit ins Mumms, ne Runde nachlegen?"
Mit der Linie 684 in die Stadtmitte.


*
"Aah, the King of Absturz!" wird Schwarte im Mumms aufs Wärmste empfangen, inmitten von Rauchschwaden mittags um zwölf, und Pferde-Frikadellen werden grundsätzlich auf dem Damenklo verzehrt.

Keine zwei Stunden später.
Schwarte steckt einmal mehr im absoluten Alkoholverbot, und auch der lange Elias hat derart zugeschlagen, dass ihm das gefürchtete Hellbier-Rheuma den Rücken hoch kriecht und er in der Hocke gegen den Tresen strullert.

"IHR GOTTVERDAMMTEN PRIMATEN! EUCH GEHTS WOHL ZU GUT!" faucht Marina und droht mit dem feuchten Aufnehmer, doch da sind die beiden Saufasseln schon über alle Berge an der Bus-Haltestelle gegenüber.
"Zweimal Endstation! Schnell!"
Der Fahrer guckt misstrauisch, sagt aber nichts.
Was soll er auch sagen?!
"Busfahrer haben Bus zu fahren!" stänkert Eli.

Unterm Dach in Widdert legt er sich gleich lang, und zwar weit nach hinten, in das grosse, ungemachte Bett.
"HE!! Ich glaub, es hackt.. Was soll das?!" ruft die Frau mit den großen Schuhen und schlägt die Decke zurück.
"Hups..", meint Eli bloß, und Schwarte versteht die Welt nicht mehr.

"Ich hab niedrigen Blutdruck. Deswegen verpenn ich auch alles. Wahrscheinlich verpenn ich noch meinen Tod. Dann sitze ich hier auf der Bettkante rum und frag, wie spät isses, dabei schmor ich längst in der Hölle, mit nem dicken Dreizack im Hintern und Hosianna am singen.."

Die Frau gähnt.
"Der Lange hier, ist das dein Kumpel?"
Schwarte nickt und schaut ungeniert zu, wie sie sich ankleidet.
"Ich muss jetzt nach Hause. Gleich ist Versammlung."
"Versammlung!?" zwitschert Schwarte. "Da komm ich mit!"
"Meinetwegen."

Sie nehmen die Linie 684 zurück in die Stadt, wo sie umsteigen in die Linie 681 Richtung Merscheid.
In Höhe der neuen Stadtwerke pennt Schwarte ein.
Die Frau mit den großen Schuhen packt ihn kurzerhand auf die Schulter und schleift ihn heim.

Als Schwarte erwacht, ist es stockfinster. Er hat keine Ahnung, wo er sich befindet. Da sind Stimmen. Aus dem Ziimmer nebenan.
Schwarte steht auf. Er fröstelt.
Er macht die Tür auf.

Zwei Frauen, die vor einem Fußbänkchen hocken, auf dem ein Stammtischwimpel steht.
Aufschrift: SSS - SCHMUTZIGE SOHLEN SOLINGEN.
"Ahh, da ist ja unsere Penntüte ..!" begrüßt ihn die mit den grossen Schuhen.
"Ausgeschlafen?"
"Geht so."
Schwarte knibbelt an seiner Beatjacke.
Ein Silberknopf fehlt.
Mist.
"Tja, ich fahr dann mal nach Hause."

"Moment.."
Die Frauen tuscheln.
"Sag mal, bei dir pennt doch so ein Langer..?"
"Der Eli? Kann sein. Weiß nich, ob der noch da ist."
"Wir kommen mit!"
Mit dem Bus die Stadt, wo sie umsteigen und so weiter.


*
Unterm Dach in Widdert.
"Macht’s euch gemütlich", meint Schwarte.
Er mixt mehrere Lagen Bier mit Traubenzucker.
Das bringt ihn auf Trab.
"Einmal war ich so blau im Mumms, ich konnte einen Apfel nicht mehr von einer Kohlrabi unterscheiden: ICH KENNE SIE NICHT! HAHAHA!"
Großer Lacherfolg, vor allem bei Schwarte selbst.
"So, Mädel! Dann lüfte mal deine Schuhe! Zeig uns dein Geheimnis..!"
"Schuhe? Welche Schuhe?"
"Welche Schu..? Na die, die du die..", Schwarte gerät ins Stottern, "..ganze Zeit anhast, natürlich! Die Schuhe!"
"Junge, ich trage nie Schuhe! Wir sind vom Barfuß-Club SCHMUTZIGE SOHLEN. Wir gehen barfuss durchs Leben. Und das hier, was du für Schuhe hälst, sind meine Füße!"

Sie schraubt zwei Prachtexemplare in die Höhe.
Schwarte, eben noch große Klappe, nun zutiefst verunsichert.
"Ja aber.. wieso sind die Füße so groß...dass man sogar äh hinten.. reingucken kann..?!"
"Reingucken? Hinten?! Wovon sprichst du?! Vielleicht solltest du dir ne Brille zulegen, hör mal!"
Brille? Zulegen? Du Scheisse!
Schwarte fährt sich erschrocken durchs Gesicht.
"Meine Ray Ban!!"

Er fällt auf die Knie und krabbelt über den weinroten Teppichboden, auf der Suche nach dem guten Stück schwarzen PVC, aber das liegt mit einiger Wahrscheinlichkeit im Mumms herum, in irgendeiner verdammten zugestrullerten Ecke.

Die beiden Mädels schütten sich aus vor Lachen, worauf der lange Elias aus dem Schlaf erwacht und sich krachend erhebt.
"Was ist.. los..?!"
Schwarte weiß auch nicht.
"Was soll schon los sein, Eli..? Nix is!"
Dabei stimmt das gar nicht.
So gesehen.
8.1.07 06:33


500BEINE ERKLÄRT DIE WELT (2): DER REGEN

Als Maik, der kleine Regentropfen, vom Himmel fiel, war er nicht allein. Um ihn herum war ein ganzer Schauer auf dem Weg zur Erde. Da waren abgebrühte, alte Tropfen in dicken Mäntelchen, die dieses Abregnen schon etliche Male absolviert hatten, da waren aufsässige Teenies, die sich untereinander neckten und befummelten, und es gab die ganz Kleinen wie Maik, das allererste Mal überhaupt in einem Regenguss unterwegs.

Er hörte so manches.
Wo man überall landen kann, auf der Erde.
"In einem Swimming Pool!" rief dieser weibliche Tropfen mit der schrillen Stimme. "Das ist ja soo erfrischendl! Hach jaah!"
Das war Frau Opitz. Sie war verheiratet mit Herrn Opitz, aber der war gerade auf Montage, in einem Feriencamp auf Ibiza.
"Da arbeitet er in einer Regenauffangtonne!" sagte Frau Opitz stolz.

Was niemand sagte, aber jeder wusste: hier, wo es kein Meer gab, landeten die allermeisten Tropfen auf dem Erdboden, wo sie rasch versickerten.
Natürlich war man dann als Tropfen nicht tot. Man sickerte durchs Erdreich bis man ganz unten im Grundwasser ankam. Von da aus arbeitete man sich langsam wieder an die Oberfläche, wo man dann verdunstete und wieder in den Himmel aufstieg.
Aber das dauerte..
Dann doch lieber sofort verdunsten, und sofort wieder hoch in eine Wolke rein und sofort wieder abspringen!
Wie ein Fallschirmspringer!
Das wäre besser, dachte Maik. Jedenfalls.. sofortiger.

"Wenn mein Mann wiederkommt", freute sich Frau Opitz mit schriller Stimme, dass es auch bloß jeder hören konnte, "bringt er mir spanische Ahoi-Brause mit, mmmh, die prickelt ja so feurig."
Als Maik sich der Erde näherte, wurde er immer schneller. Um ihn herum platzten andere Tropfen auf und teilten sich, andere ballten sich zu noch dickeren Tandem-Tropfen zusammen, es war allerhand los in der Luft.
Dann landete Maik: auf einer Wäscheleine! Auf einem Pullover, der zum Trocknen draussen hing, genauer gesagt.
Und eine Frau stand dabei und pflückte die Wäsche gerade ab.
"Dass es ausgerechnet jetzt sicken muss!" schimpfte sie.

So wurde Maik auf dem roten Pullover in die Wohnung getragen, wo es zunächst schön warm war, doch schon nach wenigen Minuten wurde es ihm heiss, sehr heiss sogar, und er wurde immer kleiner und bevor er sich ganz auflöste, beugte sich ein Gesicht ihm entgegen und saugte ihn auf.

Auf dem Weg durch die Speiseröhre zog Frau Opitz an Maik vorüber. Sie hatte sich bereits mit Damen der feinen Gesellschaft angefreundet und hielt ein Gläschen Eierlikör in der Hand.
Man rauschte gemeinsam durch die menschliche Blase ins Klo.
"HOFFENTLICH FINDET MEIN MANN MICH ÜBERHAUPT!" schrie Frau Opitz. "MIT DER FEURIGEN AHOI-BRAUSE!"
Maik sagte gar nichts.
Ihm war nicht ganz wohl in der Haut
9.1.07 06:30


DIE PFERDE SIND NASS

Man gewöhnt sich ja an eine Menge.

Dass wir mit Fernsehaugen herumirren und die Welt in Grund und Boden gaffen, dass wir von nichts mehr wirklich eine Ahnung haben - geschenkt.

Auch dass El Kaida mit schwerem Gerät Suren über deutsche Autobahnen transportiert, an Sonntagen! tja, das ist eben so, Sondergenehmigung.

Selbst dass die Eigenheimzulage und James Brown den Bach runter sind, man gewöhnt sich dran.

Aber dass die Schweine uns jetzt den Winter wegnehmen wollen, da hört der Spass auf!

Dafür ham se Geld!


Oder soll man DAS etwa Winter nennen, wenn Mücken fröhlich im Waschlappen der Gräfin überwintern und Raindrops keep fallin on my head singen -

IST DAS VIELLEICHT WINTER!!?


"Hey, du Lump!" rotz ich die Mücke an.
"Lass das Insekt in Frieden." Die Gräfin kommt an. "Ausserdem ist das immer noch mein Waschlappen." Sie schaut misstrauisch an mir herunter. "Was willst du überhaupt mit dem Waschlappen? Waschen?"
Ich bin gereizt.
"Mit Eiswürfeln befüllen und in den Wintermantel einnähen, was denn sonst! Das hält doch kein Schwein aus, die Temperaturen. Das soll WINTER sein!?"


Das Schlimmste an diesem Winter: Es regnet in einem fort, die Pferde sind nass.
"Seit wann juckt es dich, ob Pferde nass werden?"
Wir sind auf dem Sonntag-Spaziergang.
Das ist ein Ritual. Und ein Ritual darf nicht von der Witterung abhängig sein. Sonst wäre es ein sehr dürftiges Ritual. Wir haben genug dürftige Rituale.
Die braucht kein Mensch.


"Weiss nicht", sag ich, im Hinblick auf die nassen Pferde.
Ich weiss es tatsächlich nicht.
Nasse Pferde dampfen.
Na und.


Wald.
Man kann 30 Mal an der gleichen Stelle in den Wald einbiegen, geht man nur einmal 3 Meter weiter rechts, tut sich ein neuer Pfad auf.
Dem muss man nur folgen.

Das ist Spazieren. Na ja, eigentlich ist es ja eher ein Streunen. Dem neuen Pfad folgen. Den Göttern.
Den Bahngleisen entlang stochern wir im Schotter nach Gegenständen, die Leute aus fahrenden Zügen werfen:
dort, 3 vergammelte Rosen.

"Eine ist noch ein bisschen schön", sagt die Gräfin.
Sie legt sie zurück.
"Vielleicht ist hier auch mal jemand verunglückt. Vielleicht ist das eine Kultstätte."

"Kann sein."
Es kann vieles sein.
Und es ist auch viel.


In einer kahlen Tannensiedlung, "Mann ham die hier ne Bresche reingezogen!", ortet der Hund einen alten Lederball, rundherum eingemoost.
"He! Von Fritz Walter die Pille!"

Der älteste Ball, den wir je, und wir haben schon.. ach, keine Ahnung, dieser hier:
WALDMOSER'S BALL.


Warmer Sprühregen.
"Der liebe Gott gurgelt", sagt die Gräfin.
Sie trägt ihren Napoleonmantel.
"Das riecht sogar nach Odol."
Sie riecht an ihrem Ärmel.
"Hier. Riech mal."
"Gülle?" sag ich.
"Odol! Blödmann!"


Pferdegetrappel in der Ferne, verirrte Plastiktüten, vom Wind aufgewirbelt, fegen über den Hang, und ein Streifen Sonne fährt wie ein plötzliches Bügeleisen über meinen Kopf.

"Wo kommt die Sonne denn her..?"
Ist schon wieder verschwunden.
"War nur ne Bügelvisite."


"Wusstest du, dass wir uns mit Kopfschmerztabletten die Haare waschen?" fragt mich die Gräfin.
Wir gehen nebeneinander her.
"Wie, mit Kopfschmerztabletten..?"
"Das hat mir die Maggie erzählt."
Maggie ist die Schwester der Gräfin. Sie arbeitet als weltberühmte Laborantin bei einem lesbischen Pharmaunternehmen.
Äh.. Moment.
Na, ihr wisst schon.

"Die Haarwaschmittel sind so scharf, da mischen die Kopfschmerztabletten drunter, sonst würde man Migräne kriegen beim Haarewaschen."
"Ach du Scheisse."


Wir hängen uns an Frau Moll dran, mal gucken, wo der Hund uns hinführt.
Er bewegt sich geschmeidig durchs neue Revier.
Es ist menschenleer.
Hier geht kein Schwein her, kaum zwei Kilometer entfernt von der Waldschnittstelle, wo die Leute sich gegenseitig die Beine in den Sonntag treten.


"Das soll Winter sein?" juxt die Gräfin, als uns Marienkäferchen entgegenschwärmen, im Sinkflug, IM JANUAR!
"Ich fasse es nicht.."
Vielleicht kommt das Meer ja bald ins Bergische Land. War ja schon mal hier.
Früher.
"In Holland ham se schon Probleme."


Eine Atmosphäre im Wald, als stiesse man hinter jeder Biegung auf eine Leiche.
"Da liegt was."

Die Gräfin stochert in einem grauen Abfallsack.
"Ein Leichensack."
"Ach so. Lass liegen."

Aber merkwürdig, links und rechts der Leiche liegen zwei Kanister mit undefinierbarer, schmutziger Flüssigkeit.
"Meinst du da ist Sprit drin?" fragt die Gräfin. "Die wollten den Sack mit der Leiche bestimmt anzünden."
"Bestimmt", sag ich. "Haben die nur im letzten Moment vergessen."
"Kann doch sein.."
"Kann alles sein."


Zum Beispiel Bach.
Seinem Bett entstiegen, rast er vom vielen Regen überfüllt zu Tal, mit mäandernder Wucht, das ist laut!
Überhaupt! Wie in Österreich sieht das hier aus, würde jeder sagen, der mittenrein platzt.
Oder wie in den Alpen in Bayern oder wie in Las Vegas hinterm Hotel.

Wir befinden uns aber im Bergischen Land.
Im kleinen England. Fällt mein Kuli in die Pfütze.
"Der will duschen."
"Soll er doch."
"Tut er auch."


Ein Wasserfall flutscht aus dem Schiefergestein.
3 Figuren kraxeln durch den Wald, erreichen ein Plateau.
Wir 3.


Als uns dann doch zwei Menschen begegnen, sind es Reiter auf nassen Pferden.
Das eine Pferd ist eine Frau.
Es hat sich so süsslich einparfümiert, als wär es in ein Fass Erdbeersicherheit gefallen.


Ein Baumstumpf ragt aus dem ausgeweichten Waldboden, sieht aus wie ein zum ewigen Lachen verdammter Schnabel.
"Da lacht was!" ruft Frau Blau.
Sie begehrt diese Farbe, die Gräfin.


Wieder zu Hause.
Sonntagabend.
Wir machen es uns gemütlich. Der Hund vorm Fernseher, die Beine in die Luft gestreckt, wie vor einem knisternden Kamin.


Müsste ich die Gräfin in einem Satz charakterisieren: sie ist eine Frau, die auch noch mit 43 Jahren in der Badewanne die Luft anhält unter Wasser und die Sekunden zählt, weil Baden sonst langweilig ist.
"20 Sekunden!" ruft sie. "Rekord!"


Beim Abendessen schliesslich fragt sie sich, was Hitler wohl von New Wave wusste.
"Hitler hatte doch einen Schäferhund", sagt sie.
"Ja. Und?"
"Na, der hiess Blondi. Und Blondie hat in den frühen 80ern einen New Wave Hit gehabt, wie hiess der noch?"
"The tide is high", glaub ich.
"Also.. sag schon. Was wusste Hitler von New Wave?"
9.1.07 07:15


MORDSACHE MÄNNLEIN

Günter Rartzki ist 31 und Nachtportier. Sein Arbeitsplatz liegt im 11. Stock des Turmhotels.
Er schneidet gerade Jagdwurst in der Brotschneidemaschine, als die Schelle geht.
Er geht hinter die Rezeption.
Es ist halb vier in der Früh.

"Jaa?" fragt er durch die Sprechanlage und erkennt auf dem Monitor ein Männlein.
"Hätten Sie noch ein Zimmer frei?"
"Tut mir leid. Wir sind voll."
"Och!"
Der kleine Mann, elf Stockwerke tiefer, hat einen grossen Koffer neben sich stehen.
"Ich bin nämlich aus Hannover."
"Tja, wie gesagt, wir sind voll. Ist Messe in Köln."
"Ja, weiss ich, Herrenwoche. Könnt ich vielleicht auf einen Sprung hochkommen, dass Sie mir ein Hotel in Wuppertal oder so anrufen, ich bin sehr müde, aus Hannover.."

Warum nicht.
Günter Ratzki drückt ihm per Summer die Eingangstüre auf, stellt in der Küche die Brotmaschine ab und wäscht sich die Hände.
Dann macht es "Blongg".
Der Aufzug ist da. Es gibt vier Aufzüge.
Ratzki hört Schritte.

Er guckt hoch - in die Mündung einer Smith & Wesson. Er ist so perplex, dass er ruhig Blut spuckt.
"Schnauze!!"
"Sie müssen entschuldigen, mein Zahnfleisch.."
"Schnauze hab ich gesagt! Und jetzt hübsch die Kohle an die Sonne! Alles was da ist!"

Neben der Kasse hängen die Zeitschriften für die Gäste.
Günter Ratzki greift nach dem Gulaschmagazin FOCUS und blättert kurz durch, bis er auf die Statistik stösst, die er eben gelesen hat.
"Wenn Sie mal einsehen möchten.."
Die Knarre fuchtelt ein Zick-Zack in die Luft, aber Ratzki lässt sich nicht beirren.
"..hier, bittesehr: SOLINGEN: DIE SICHERSTE STADT IN DEUTSCHLAND! Noch vor Remscheid. Was Sie hier abziehen, das läuft so nicht, das ist verboten. V-e-r-b-o-t-e-n!"

Der Mini-Räuber schielt zu der Zeitschrift hoch, die aufgeblättert auf der Rezeption liegt.
"..kaum Messerstechereien im Mekka der Messer..Solingen..die Fackwerk-Idylle..", zitiert Günter Ratzki und läuft zu Höchstform auf.
"Hier kann man sogar die Haustür offenlassen, ohne dass gleich
zweihundert Heroin-Hooligans einfallen und den Opa aufkochen wollen, nur weil der gerade ein Mohnbröt.."

"Schnauze hab ich gesagt!"
Der Räuber aus Hannover hat die Nase voll.
Er schwitzt nämlich.
"Keine Faxen mehr jetzt!!"
Er wuchtet den grossen Koffer auf den Tresen.
"Die ganze verdammte Hotel-Kohle hier rein!"

"Jetzt passen Sie mal auf."
Günter Ratzki verfolgt seine eigene Linie.
"Ich wohn im Bauverein. Das ist eine Genossenschaft. Morgen ist Versammlung. Ich hab vierzig Quadratmeter. An Miete zahl ich 106 Euro plus Garage 25 Euro. Würden Sie da ausziehen?"
"Nein! In Gottes Namen, da würd ich auch nicht ausziehen!"
"Na, sehen Sie. Die geb ich mein Lebtag nicht mehr her. Kann mich keiner raussetzen. Punkt. Aus. Muss ich nur was renovieren,
die alte Sitzbadewanne raus. Neu kacheln, und, und, und. Vielleicht neu fliesen, muss man sehen. Der nächste, der einzieht, der kommt in ne Villa, ist doch wahr!"

Der kleine Mann sinkt zurück in die Sitzgruppe, und Günter Ratzki holt Kaffee und Gebäck aus der Hotelküche.
"Zucker und Milch?"
"Nur Milch!"

"Ich selbst bin auch am Renovieren", erzählt das Männlein, "seit ein, zwei Monaten. Nun will ich Ihnen sagen, ich hab noch keinen Kumpel bei mir gesehen!"
Die Knarre boppert auf den Tisch.
"Der Alex ist einen Monat vorher nach New York geflogen und hat nur gefragt, wann ist denn Einweihung, wann kann man denn deinen neuen Parkettboden zertreten?!"

Ratzki ist gerührt. Er nimmt den Niedersachsen in den Arm.
"Das ist ja schlimm bei Ihnen in Hannover. Am besten, Sie ziehen hierhin und suchen sich eine liebe Frau."
"Da sagen Sie was. Aber die meisten Frauen, die man kennenlernt, sind doch sexausgehungert! Oder was anderes stimmt nicht."
Er senkt seine Stimme.
"Bei einer war ich mal, da kommt der Sohn mit 31 Jahren noch zum Essen und bringt die Wäsche mit, drei dicke Tüten voll, müssen Sie sich mal vorstellen!"

Günter Ratzki greift ruhig nach der Smith & Wesson, "Ach, Sie besuchen meine Mutti?!" und schiesst.
Dann wischt er sich sich die Kaffeeschnüss. Alles voll Blut.
Bis zum 31.12. muss er beim Zahnarzt gewesen sein, sonst geht das nächstes Jahr richtig ins Geld.
10.1.07 08:58



DIE NETTE SEKRETÄRIN UND DER 2TE GEBURTSTAG DER 500BEINE
Der neue Job ist soweit okay.
Wenn der nur nicht so viel Zeit fressen würde. Ich mein, wie ungeniert der sich meine Stunden auf den Tagesteller haut, (Brot auf Beruf)..
Na, scheiss drauf.
Der Geschäftsführer lässt mich weitgehend in Ruhe, unten in der Instituts-Bibliothek.
Hauptsache, ich mach ihm keinen Ärger.
Seine Sekretärin hab ich schon in der Tasche.
"Herr Glumm", steht sie plötzlich im Türrahmen, "Herr Glumm, hast du Stress?"
Sie drückt mir einen 20-Euro-Schein in die Hand.
"Wir haben keinen Kaffee mehr. Kannst du welchen holen? Aber nur, wenn du kein Stress hast, Herr Glumm."
Die gleichzeitige Verwendung von Herr und du ist ihre Spezialität.
Anfangs musste ich jedes Mal lachen.
Und ihr gefällt, wenn ich lache.
Selbst wenn ich gar nicht den echten Lachmuskel aktiviere, sondern den daneben, den Dobermann Muskel. Der tut nur so, als würde er lachen.
In Wirklichkeit steht er kurz vorm Reissen.
"Was liest du da, Herr Glumm?"
Sie guckt auf meinen Computer-Bildschirm. Da ist eine Seite aufgeschlagen, wo ein lustiger älterer Steinzeitherr mit Hut runterguckt.
"500beine", sag ich.
"Was denn? Ne Orthopädiekladde?"
"Richtig. Was für Kaffee soll ich holen?"
"Ist egal. Zwei Packungen. Am besten irgendeinen Harmoniescheiss, der nicht gleich zu Altöl wird, wenn der mal ne Viertelstunde in der Kanne steht. Aber keinen Jacobs Kaffe."
"Nee?"
"Nee."
"Gut."
Ich geh Kaffee holen.
Kein Problem.
Nö.
*
Heute genau vor zwei Jahren, am Vormittag des 11. Januar 2005, gab es einen mächtigen Knall im Bezirks-Spital von myblog.de.
Beine kamen zur Welt.

  • Nasenbein
  • Jochbein
  • Darmbein
  • Kreuzbein
  • Sitzbein
  • Stirnbein
  • Schlüsselbein
  • Schambein
  • Wadenbein
  • Schienbein
  • Scheitelbein
  • Gantenbein
  • Steissbein
  • Hüftbein
  • Schenkelbein
  • Hinkebein
  • Schläfenbein
  • Hinterhauptbein
  • Keil-oder Wespenbein
  • Siebbein
  • Tränenbein
  • Oberkieferbein
  • Obein
  • Gaumenbein
  • Pflugscharbein
  • Felsenbein
  • Brustbein
  • Erbsenbein
  • Uwebein
  • Sesambein
  • Kahnbein
  • Mondbein
  • Dreickbein
  • Großes Vieleckbein
  • Kleines Vieleckbein
  • Kopfbein
  • Hakenbein
  • Sprungbein
  • Würfelbein
  • Zungenbein
  • Zahnbein
Unaufhörlich schlabberte, stieselte und bockte es aus dem Bauch von Mama Internet, ganz schwindelig wurde einem beim Zugucken, bis plötzlich, bei 500 Beinen, jemand Stopp rief.
"Schluß für heute! Aufwischen!"
Dabei ist es geblieben.
Und ja, danke sehr.
(Fürs Mitlatschen.)
11.1.07 07:00


DOPPELKINN

 

"Wenn ich Ministerin wär", meint die Gräfin, "würde ich zwei Leute engagieren, die nur dafür da sind um mein Doppelkinn zu stützen."

"Doppelkinn? Du hast doch gar kein Doppelkinn.."

"Wenn ich Ministerin wär, hätte ich sehr wohl ein Doppelkinn!!"

12.1.07 13:12


12. JANUAR, EINFACH SO, HALB ACHT IN DER FRÜH

Die meisten High Ranking Blogs (hähä) in Deutschland erinnern mich an Bodybuilder. Die sind auch ein kurioser Anblick. Mächtige Stränge und Muskelgebirge unter Öl, richtige Specktakel sind das, doch guckt man weiter unten, ist da eine Ausbuchtung so winzig klein, als stünde ein Böhnchen quer im Slip.


*
Mich nervt diese grosse Geste. Ich bin kein Freund von klassischer Musik. Schon gar nicht von klassischer Klaviermusik.
Bis auf eine Ausnahme: Erik Satie.

Die Stücke des kleinen Belgiers, der gemeinsam mit 100 Regenschirmen in einer Pariser Dachwohnung hauste, klingen so, als feiere jemand anderes MEIN Leben.

Oder als habe Erik Satie Lust gehabt, seine Lieder nur im Liegen zu schreiben.
Im Tonstudio, und draussen regnete es.


*
Ich hab heut Nacht übrigens geträumt, Frau Moll haut ihre Fangzähne in mein Bauchfleisch, wie in ein hartes Kleid.
"ICH FRESS DEN CHEF!"
Mann, war die gut drauf.


*
Halb acht, ich geh zur Arbeit, halb acht. Es regnet, es ist stürmisch, im Aussenstudio.
Manchmal denk ich, der liebe Gott trägt Monokel und ist Immobilienmakler. Wie er plötzlich in all dem grauen Mistwetter ein Spotlight rausrückt und die oberste Etage eines 3-Etagen-Hauses anzwinkert.
Das ist schon clever.


*
Auf der Korkenzieherbahn kommt mir eine ältere Dame entgegen, die ihen Chow Chow schützend unterm Mantel trägt.
Das Hündchen guckt wie ein Pimmel, der immer freundlich ist.

Und dahinter kommt Mao. Ein kleiner Chinese, der wie Mao aussieht. Ich liebe ja diese knatschgrünen Propagandaplakate der 50er Jahre. Wo Mao mit roten Chinabäckchen eine Schar Bauern anführt, terrorlächelnd.

Na, ich kann nichts dafür, wenn das alles so aussieht, wie es aussieht, morgens um halb acht.

Ich komm zu spät.
12.1.07 13:19


PFERDE

13. Januar 2007


Das Bergische Land ist einer der wenigen Landstriche in dieser Republik, wo es noch ganz natürlich ist, seinen Gaul aufzuessen, nachdem man ihn zu Tode geritten hat.

Es gibt auf Solinger Platt einen Spruch, der viel über die Seeele des gemeinen Einheimischen verrät.

"Ich han vielleicht nen Douscht
ich könnt en Peerd freten
so möd bin ich!"

"Ich hab vielleicht 'nen Durst,
ich könnt ein Pferd fressen,
so müd bin ich!"

Hier hat jedes Viertel seinen speziellen Pferdemetzger, der Pferdegulasch anbietet. Oder Fohlengulasch, was noch zarter ist, Pferdesauerbraten, Pferdewürstchen, Pferdegehacktes, eben alles, was es von anderen Tieren auch so gibt.

Die Geschäfte laufen nicht schlecht.

Großer lokaler Beliebtheit erfreut sich ein You Tube-Beitrag über einen Triebtäter, der keinen Hehl daraus macht, was ihn am meisten erregt: Er träumt davon, in ein frisch geschlachtetes Pferd zu steigen und sich darin zu wälzen, wie in einer blutwarm ausgekleideten Speisekammer.

Das ist aber niemand hier aus der Gegend.

Das schreib ich am Freitagmittag nieder, bevor mich die Gräfin überraschend von der Arbeit abholt. Ich bin sofort misstrauisch. Es ist die Art, wie den Nissan parkt, unser altes graues Pferdchen, mit der Schnauze direkt vorm Eingang. Wie sie mir jegliche Fluchtmöglichkeit nimmt.

"WIR FAHREN IN DIE STADT", ruft sie, die Scheibe runtergelassen, "UND DU HOLST DIR EINE NEUE JACKE! ICH KANN DIE OLLEN JOPPEN NICHT MEHR SEHEN!"

Ich hasse es, einkaufen zu gehen. Ich hasse Einkaufszonen, Einkaufscenter, Shopping Malls, Karstadt, die ganze Bagage. Kleine Läden sind noch schlimmer. Dann lieber Karstadt.

Ich probiere bestimmt zwanzig verschiedene Jacken und Blousons an, drei robuste Allrounder, sogar ein Sakko. Alle Schrott. Wenn mir doch mal was gefällt, ist es zu klein und in meiner Größe nicht vorrätig.

Fast hab ich die Gräfin schon soweit, dass sie entnervt die Brocken hinschmeissen will und wir endlich nach Hause können, ohne irgendwelches neues Zeugs, da trabt dieser lange Knecht um die Ecke. Ein Karstadtknecht, mit einem Front-Igel.

"Ich hab da noch was auf Lager", schnalzt er mit langer Zunge, "eine brandneue Lieferung, da ist bestimmt was für Sie dabei."

Erst denk ich, woher will der Lulatsch wissen, was mir steht, und dann hat er tatsächlich recht, der Knecht. Eine schwarze North-West Territories, mit Pelzbesatz am Kragen, Kunstpelz natürlich, kanadisch wild auf Taille geschnitten. Was soll ich sagen. Das Ding geht in Ordnung. Seither nennt mich die Gräfin "mein kanadischer Platzwart" und friemelt den ganzen Tag an mir rum. An meiner Jacke. Das funktioniert, weil ich sie selbst beim Abendessen nicht ablege. Ich sehe aber auch klasse darin aus. Fast wie früher. Denn ich weiß nicht, ob ich es schon mehrfach erwähnt habe, aber ich war eins a früher. Von edlem Gestüt.

"Du redest nur Scheiße, weißt du das, da hilft auch die schönste neue Jacke nichts."
14.1.07 16:20


DER SCHWARZE FÖRSTER

Die Gräfin, an sich eine entschiedene Verfechterin von Amüsements wie Lustiggehen und Komischsprechen, plädiert für die Einführung eines "Sich-selbst-leid-tu-"Tages, wo jeder Bürger mal so richtig abtränen darf.

"Hach, was tut mir diese Frau leid.."
"..diese arme Frau.."
"..diese arme, arme Frau.."

Ich bin auf der Stelle überzeugt, und lauf mich schon mal warm.


*
Jeden Tag versucht man
sich neu zu justieren
in einen Zustand,
den man mag.


*
Die Mütter von idiotischen Söhnen wissen in der Regel, dass sie idiotische Söhne in die Welt gesetzt haben.
Meine Mutter schüttelt verständnislos den Kopf.
"Was du manchmal denkst."
Gesagt hab ich schliesslich nichts.


*
Die Gräfin hat ein Hundehaar im Mund.
"Bin ich selber schuld, ich muss ja nicht mit dem Hund knutschen."
Ausserdem findet sie dieses Gefühl unmöglich, ja, unerträglich, Was für ein Gefühl, frag ich, Ja, sagt sie, dieses Gefühl, Freiwild zu sein, in jeder Sekunde unseres Daseins.
Ein Freiwild des Todes.

"Wir sind Freiwild des Todes, in jeder Sekunde."

Auch in dieser Sekunde kann es zu Ende gehen, jetzt, wo ich hier sitze und das schreibe, jetzt, wo du woanders sitzt und das liest, mein Freund.

"Unerträglich ist das."

Freiwild, bis der schwarze Förster kommt und mit der Flinte knallt.
Dann ist es gut.
Dann waren wir Wild, und so frei.
15.1.07 19:31


DIETER BOHLEN

Womit man sich so alles beschäftigen muß, bevor man in den Himmel kommt.
Mit Hundehaufen zum Beispiel.

Den hier hab ich nicht gesehen, es ist noch dunkel am frühen Morgen, ich trete in ein seitlich wegcremendes Etwas, aber als alter Wetten, daß..-Kandidat, der Nachbarshunde daran erkennt, was für Haufen sie scheissen, tippe ich sofort auf Paule, Rauhaar-Dackel, Haus-Nummer 58.

Paule ist in der ganzen Siedlung dafür berüchtigt, sein Herrchen schlecht zu behandeln, wie einen Lakai: Eh, Blödmann, hol mein Bällchen unterm Schrank her, zack zack! (Angezeigt durch Anstupsen mit der Nase).
Paule, dieses frolicfressende, kleine Drecksvieh, dessen Kackhaufen hochgepumpte weiche Wackersteine sind, in einem fröhlichen Braun.

Als ich nun da reintrete, um kurz nach sieben, rauscht es vor Zorn in meinem Schädel, als würden hundert Kohlekumpel unter Tage ihre Kündigung erhalten, alle zur selben Zeit aus der Hand von Dieter Bohlen.

Ich bin Hundescheisse ziemlich leid.
16.1.07 08:13


PFUI! DAS GLÄNZT

Die Gräfin hat geträumt, wir würden umziehen in ein anderes, bunteres Viertel.
Es sind jede Menge alter Bekannte am Start.

Sie jonglieren den vollgekrümelten Backofen durchs Haus als wär's eine Knäckebrotbox, die Stimmung ist ausgelassen, aber wer glänzt mal wieder durch Abwesenheit?
"Du."
"Mh. Wo war ich denn?"
"Wo wohl. Hast die Nase im Text gehabt, wie immer", sagt sie.
"Pfui!" sag ich. "Wie das glänzt."

Doch Obacht.
Träume sind ihr heilig, sie nimmt sie für bare Münze.
Brenzlig wird es, wenn sie träumt, ich wäre mit einer anderen Frau zugange. Dann kann es passieren, dass sie gleich nach dem Aufwachen handgreiflich wird.
"Aber das hast DU doch nur GETRÄUMT", baue ich an einer strapazierfähigen Verteidigung.
"Klappe zu. Verräter."

In einer ähnlichen Situation kam mir vor Jahren mal eine Schreibmaschine entgegen geflogen.
Eine pechschwarze Continental aus den 30ern.
Ein Erbstück.
Seither steht das Teil auf dem Dachboden. Reste der Mechanik. Die Spule.
Drei Sonderzeichen.

Umzugstraum also.
Frau Höttges, unsere lustige kleine Nachbarin, die es irgendwie fertig bringt, der deutschen Fernsehlandschaft Abend für Abend eine Volksmusiksendung abzutrotzen, deren eingestreute Sketche sie vor Vergnügen klopfend und quiekend im Sessel abfeiert, bezieht auch im neuen Heim die Wohnung nebenan.

"Die werden wir nicht mehr los", sag ich anerkennend. "Und was ist mit Hase?"
Hase wohnt seit 1990 unter Dach.
Er sieht aus wie ein Jimi Hendrix, der es im Galvanobetrieb als Vorarbeiter zu was gebracht hat.
Er ist Teil unseres Hauses, wie wir auch.
"Weiss nicht", sagt die Gräfin. "Der Hase war im Traum nicht dabei.. "

Sie überlegt.
Es ist früh am Morgen, der Traum noch frisch. Sie kommt noch heran.
Es kann auch vorkommen, dass man den ganzen Tag mit dem Geschmack eines Traumes durch die Gegend läuft, sich aber konkret an nichts erinnert.
Man einfach nicht rankommt an die Bilder.
Verheerende Tage sind das.

".. aber so ein langer Tunesier hat geholfen", fährt die Gräfin den Traum fort.
"Was für ein Tunesier..?"
"Der war so lang, der kam locker über den Balkon rein."
"Tz, kann ich auch."
"In den zweiten Stock? Jedenfalls.. ich sag zu ihm: Du siehst aus wie ein Tunesier. Kommst du aus Tunesien? Und der freut sich. Ja! Klar. Tunis! Und dann hat er mir selbstgemachtes Geld gezeigt. Einen großen tunesischen Taler, wie eine Medaille sah der aus. Eine knusprige Medaille, hätte auch aus Ton sein können. So was haben wir in Deutschland nicht, hab ich gesagt. So was kann man hier nicht selber machen."

"Mh. Noch was?"
"An den Rest erinnere ich mich nicht mehr."
"Schade."
"Ja. Ist weg."
"Habt ihr gefummelt?"
"Wer?"
"Du und dein Juffe natürlich!"
"Weiss nicht. Hab ich vergessen.. Ist weg."

Die soll sich nur hübsch vorsehen, die Gräfin. Nord-Afrika auch. Drei, vier spezielle Spreizschritte übers Meer, schon bin ich in Tunis, mein lieber langer Herr. Und hinterher ist das Geschrei wieder groß: "Der tut nix!"
Dieser Gag (Tunis! Der tut nix!) in der Supervolkshitparade, und unsere Frau Höttges scheisst in den Sessel vor Begeisterung.
18.1.07 07:55


GEHEIMNIS UM EINE TASSE TEE

Meine Schulzeit kommt mir im Nachhinein vor wie ein schwarz-weisser Paukerfilm, mit ein paar farbigen Tupfern. Ein solcher Tupfer stammt aus dem elften Schuljahr, als ich sitzen geblieben bin, wegen einer 6 in Philosophie.
Okay, da waren auch noch zwei Fünfen mit im Spiel, eine 5 in Geschichte, eine 5 in Biologie.

"Ausgeprägte Ahnungslosigkeit" hatte mir Vogel-Uli attestiert, unser Bio-Lehrer, aber das spielt hier keine Rolle.
Es war dieses dämliche, absolut überflüssige Ungenügend in Philosophie, das mich ein Jahr gekostet hat.
Und letztlich die ganze Schullaufbahn.

Philosophie war der einzige Nachmittagskurs, den ich belegt hatte, eine Doppelstunde am Freitag.
Er fand im Sprachlabor statt, weil alle anderen Räume besetzt waren.
Oder was weiss ich warum.

Natürlich ging ich so gut wie niemals hin, zum Philosophiekurs im Sprachlabor, mit Siebzehn hat man freitagnachmittags andere Dinge zu erledigen.
Saufen, poppen, haschen.
Als ich dann doch mal anwesend war, hatte ich mir clevererweise eine Stunde zuvor einen Tee zubereitet, mit einem Gramm roten Libanesen drin.
Sehr clever.

Als der Unterricht losging und ich zufällig aus dem Fenster blickte, sah ich Gespenster über den Schulhof tanzen, tanzende Gespenster mit UFO-Hut.
Sie stiegen in den wartenden UFO-Hubschrauber und winkten mit den Hüten.

"Guck mal, da fliegen.. was!" stupste ich verstört meinen Tischnachbarn an, den duldsamen Jörg Hütter, der mich ganz gut leiden konnte, während Stadtrock, unser Philiosophie-Lehrer, Descartes dozierte, auf lateinisch, und mich nicht leiden konnte.

Nicht die Bohne.
Er hasste mich.
Er hielt mich für einen Klassenatmosphärenverpester, allein durch meine passive Anwesenheit.
Er konnte natürlich nicht ahnen, was für eine Tasse Tee da in mir tobte.
Was für eine Tasse das war.

Aber Stadtrock! Ist das ein Name für einen Philosophie-Lehrer!? Und wie rund und gönnerhaft er mir später das Ungenügend ins Zeugnis malte!
Und wie sein Gesicht aussah an diesem Nachmittag, wie ein milchiges Unterhöschen sah es aus während ich platzte vor lauter Tee.

UFO-Hubschrauber kreisten über den Schulhof und warfen Hüte ab, dass ich mich wegducken musste im Sitzen, und da! Die behaarten Arme vom langen und duldsamen Jörg Hütter purzelten plopp! unter die Schulbank, lagen da!
Einfach so!

"Deine Arme..!"
"Ich werd bestusst!"
"Wir müssen zum Armarzt!!" versuchte ich zu schreien, doch mein Mund streikte, die Worte sickerten in mich zurück, in diesem stickigen Sprachlabor, an diesem geburtenstarken September-Nachmittag.
Ich ging nie wieder hin.
Weder auf Tee.
Noch.
19.1.07 11:32


ICH WEISS BIS HEUTE NICHT, WARUM ES GEBLUTET HAT

Frollein, tut mir leid, aber der folgende Beitrag ist strikt für Männer. Frauen müssen hier aussteigen. DÜRFEN NICHT WEITER LESEN. Und lasst Euch nicht einlullen vom Understatement der 500beine-Grafik.
Dahinter steckt ausgeklügelte, allerraffinierteste Technik: 500beine verfügt über visuelle Geschlechtererkennung.

Darum hier die letzte Warnung - auch um mich rechtlich abzusichern: Weiber, die ab dem nächsten Absatz noch mitlesen, werden erkannt und über eine digitale Monitorleitung von einem ätzenden Kompost besudelt, der zu einem dicken Haufen führt hinten am Gartenzaun.

So, Jungs. Endlich sind wir mal unter uns. Das wurde auch Zeit. Ich hab nämlich ein Problem. Ich schlepp es seit 33 Jahren mit mir herum, aber weil es so intim ist, möchte ich es unten im Kommentarkeller mit euch besprechen. Zur Sicherheit. Wir treffen uns unten. Bringt ein Bier mit.
19.1.07 18:13


Die forensische Psychatrie
über Glam und Glumm

und Buch.

20.1.07 17:03


DIESES SCHÄTZCHEN VON EINEM EINZELNEN SCHUH

Da möchte man sich auf die Lauer legen und gucken, ob die Dame vielleicht zurückkommt.
Die Dame, die diesen schwarz-weissen Pfennigabsatzschuh verloren hat. Auf der Schwanenstraße dieses Schätzchen von einem einzelnen Schuh.

Wie zum Teufel kann man so was verlieren, live vom Fuß?
War die Dame trunken? Hatte sie den Stöckelschuh gar nicht am Fuß, sondern ragte aus der Manteltasche heraus, bevor er zu Boden ging? War sie auf dem Weg zur Fußpflege? Schuhgröße 42 übrigens.

Eine große besoffene Frau.


*
Ich kenne eine Malerin, die hat so oft Unfälle und Verletzungen, sie malt mit ihrem Blut.
Als ich wach werde, ist ihr Gesicht direkt über mir.
"Was.. ist?" frage ich, halb dusselig vom Schlaf.
"Ich guck dir beim Schlafen zu."
"Mh.. spannend?"
"Ja. All die Striche in deinem Gesicht."


*
Sie hat keine Lust eine Waschmaschine anzuwerfen.
"Alles dreckig, tra-la-la-la", singt die Gräfin aufgekratzt, "lala."
Mir egal. Schon zur Einschulung nannte man mich Siff Onkel Sieben.


*
Wenn es regnete, sah ich den alten Mann oft am Fenster sitzen. Als zählte er die Tropfen, die von der Scheibe perlten, wie boomende, nasse Diamanten.

Er starb so einsam, wie er gelebt hatte.
Er lag über zwölf Monate unentdeckt in der Erdgeschosswohnung.
Es hiess, er habe keinen Leichengeruch verströmt, aus lauter Einsamkeit.
Weil er Niemandem zur Last fallen wollte.

Ich hatte ihn lange nicht am Fenster gesehen.


*
Der Zweifel,
meint die Gräfin klug,
ist ein fettes Narbenorgan.

"Nebenorgan", berichtigt sie, "hab ich gesagt. Nebenorgan."
Ich sag's ja.
Kluges Mädchen.


*
Die andere Frau in meinem unmittelbaren Einzugsgebiet, Moll, fasst daneben, als ich ihr im Wald ein Stöckchen werfe.
"Du musst deine Schnapp-Koordinaten neu justieren", schlag ich vor. "Es ist Januar, ein neues Jahr. Neue Koordinaten."
"Oder du musst schief werfen", sagt der Hund.
Geht auch.
22.1.07 06:18


AUF DEM PÜPPCHEN STAND KEIN NAME

"Nanu..! Frau Moll hat ein Stück Mandarine unterm Auge kleben", wundert sich die Gräfin.
"Wie hat sie das denn wieder angestellt?"
Wir spielen einen Haufen Varianten durch, bis in den Abend rein, ohne überzeugendes Ergebnis.
Großes Rätsel Hund.


*
Harry war in Warschau.
"Ich schwör auf polnische Frauen. Die sind super durchblutet, nicht so wie die deutschen Weiber. Die kann ich nicht mehr sehen, mit ihren Spatzenköpfchen und dicken Verkäuferinnenbeinen. Ich mein, auch wenn die überhaupt nicht Verkäuferin sind haben die Beine, als würden die den ganzen Tag rumstehen und sich ins Höschen pupen. Darf aber keiner merken. Hahaa! Nee, ne schöne faule Polackin, wunderbar. Die sind nicht so gestresst. Mit Maria war ich am Samstag noch schön essen, zum Abschied, weisst du, so ein Laden, wo polnische Schweinelendchen das Hausgedicht sind für 7 Euro. Ungelogen, 7 Euro, und dann hat die mir unterm Tisch einen gekloppt, einfach so, weil die Spass daran hatte. Die war oben am Kauen und unten am Kloppen, hör mal, ich hab gedacht, ich bin sechzehn. Wie die heisst? Maria. Aber die wohnt vor Warschau, da. Ne Polackin. Lass ich nichts draufkommen. Ne richtige Sau. Aber lecker."


*
Der kleine emsige Pole, der seit 1970 in Deutschland lebt, ist wiederum stolz auf seine Hunde.
"Polnische Schlittenhunde sind wild und schlau. Die haben einen Jagdinstinkt, das glaubst du nicht! Die gurgeln mit Feldmäuschen! Ist wahr."


*
Bei uns schreibt die Gräfin die Hausgedichte.

1. "Auf dem Püppchen stand kein Name."

2. "Stell dir vor, du erwischst einen miesen Moment, wenn der schwarze Förster kommt, das wär aber ne bittere Kiste. Nee, man muss immer zusehen, dass man entspannt ist, wenn einen dann der Schlag trifft, ist man entspannt gestorben."


*
Als ich noch richtig gesoffen hab und auf der Schillerstrasse wohnte, Anfang der 80er, bin ich mittags oft zu meinen Eltern rüber, was essen.
Mein Vater nannte mich schon Kostgänger, wenn auch augenzwinkernd.

Einmal, ich war besonders schwer verkatert, erzählte er von einem Kollegen, dem man bei einer harmlosen Knieoperation versehentlich die Hauptschlagader durchschnitten hatte, worauf der Mann um ein Haar auf dem OP-Tisch verblutet wäre.

Ich saß da mit meinem Kater und verschlang seine Beschreibung, die mein vegetierendes Nervensystem in Nullkommanichts zum Einsturz brachte: offen wie der Vorhof zur Hölle guckte ich zu meiner Mutter rüber und biss ihr den kleinen Finger ab, mit einem trockenen Fauchen.

Ich musste mich schütteln, um das Bild loszuwerden, wie ein räudiger Hund saß ich amn Mittagstisch und schüttelte die Bilder aus meinem Kopf.
Scheiss Sauferei.

*
Je tiefer die 90er Jahre in Richtung Jahr 2000 sackten, desto weniger hab ich geschrieben, und zum Schluss hab ich nicht mal mehr mein Notizbuch eingesteckt.
Mal abgesehen davon, dass bei all den Bubbles und Packs und Telefonnummern kaum noch Platz war in der Jackentasche, das Notizbuch stellte nur noch Ballast dar. Wozu dann vor jedem noch so kurzen Verlassen der Wohnung daran denken, es einzustecken!?

Nein, ich hatte keine Angst mehr, einen Satz zu verpassen, einen Gedanken zu vergessen, ein Bild nicht festzuhalten. Keine Angst mehr.

Seither weiss ich übrigens, dass keine Angst mehr zu haben nicht zwangsläufig mehr Mut bedeutet.
Die Angst war noch da.
Angst überwintert.
23.1.07 06:44


HOT LOVE

Ich war elf, und es war Sommer. Ich lag neben meiner grossen Schwester auf dem Balkon.

Sie döste in der Sonne, ich hörte die Top Twenty von Radio Luxemburg.

Ich wartete auf einen bestimmten Song. Weil der Song immer noch nicht gelaufen war, konnte er nur ganz oben sein. Eigentlich. Oder Deutschland war so was von Unterammergau, das konnte natürlich auch sein. Soviel war mir schon damals klar.

Dann kündigte der Discjockey den Spitzenreiter an, die ersten Takte setzten ein.

HOT LOVE!

Tatsächlich! Oberammergau!

Ich drehte den Lautstärkeregler des BAJAZZO Koffer-Radios bis zum Anschlag hoch, und meine Mutter kam aus ihrer Küche angelaufen.

"Nicht so laut, es ist Sonntag!"

Selbst meine Schwester zeigte mir den Vogel.

"Ich glaub, es hackt!"

Dabei wollte ich ihr nur imponieren. "Hot love", strahlte ich zum Radio hin. "T.Rex!"

Noch immer dröhnte das Intro über den aufgehitzten Balkon bis Marc Bolans Stimme endlich einsetzte.

"WELL SHE'S MY WOMAN IN GOLD" heulte er durch die Nase, "BUT SHE'S NOT VERY OLD, AHAHA."

Wow! Ich war elf Jahre alt und kapierte nicht die Bohne, was Marc Bolan and T.Rex damit meinten, aber egal!

SEINE FRAU WAR AUS GOLD, NICHT SEHR ALT!

Perfekt!

Ich hatte den Song bislang einmal gehört, es war purer Sex gewesen, aber dieses zweite Mal fegte mich nun vom Balkon.

HOT LOVE war Himmel, Volldampf und ein Hammer! Alles zugleich!

Keine Frage, am nächsten Tag würde ich bei Radio Palenschadt die Single kaufen, vom Taschengeld für übernächste Woche. Beschlossene Sache!

"Jetzt mach endlich die Musik leiser, was sollen die Nachbarn denken?!" fauchte meine Mutter.

"Ja, ja, schon gut.." Ich schraubte die Lautstärke minimal runter, es war aber auch zu lächerlich! Das alles nur wegen Frau Sieloff, die ein Stockwerk unter uns wohnte, Frau Sieloff mit dem ungeheuren Atombusen, wie Vater mir immer zuzwinkerte.

Nachdem Mutter wieder in die Küche abgetaucht war, stellte ich mit pochendem Herzen meiner Schwester die Frage aller Fragen, die ein Elfjähriger Sonntagmittags zur Chartszeit stellen kann, seiner sieben Jahre älteren Schwester, die unnatürlich ruhig, ja teilnahmslos auf ihrer Campingliege döste.

"Wie findest du Hot Love?" fragte ich.

"Blöd."

Ich war ruckzuck am Boden. Ich war zerstört, ich war im Eimer. Ich war frühpensioniert, ich war am Arsch. Das allersexiste Lied, das mir jemals untergekommen war, sexier als Sugar Sugar von den Archies, und was fiel meiner großen Schwester dazu ein?!

"Blöd".

Nach diesem Sommersonntag 1971 war sie für mich erledigt. Eine verknöcherte alte Frau, für die der Zug abgefahren war. Sollte sie doch ihrem Ricky Shayne nachtrauern. Ich blieb ein glühender Vererehrer von T.Rex, bis ich im Herbst 1977 aus der Zeitung erfuhr, dass Marc Bolan tödlich verunglückt war. Mit dem Austin Mini hatte er sich auf einer Landstrasse um den Baum gewickelt.

Ich war ja bereits vom Balkon gestürzt, nur für ihn.

24.1.07 07:00


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