Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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DROGENTOTE

IN DEUTSCHER

WURST

 

 

 

 

1.8.06 11:12


Autobahn-Brücke Utrecht, NL:

8 HEMDSÄRMELIGE HASCHISCH-MOLUKKER WINKTEN FRAU D. AUS DETMOLD!


Ehemann alarmierte Zoll, WDR 2, paar Kumpel & die ADAC-Volksarmee

2.8.06 13:47


DER ZUNGENKUSS GOTTES

Es ist Sonntag. Zum Frühstück gibt es Bohnenkaffee und flatterhafte schwarze Tänzerinnen, Schoko-Croissants. Das Küchenfenster steht weit offen. Im Hinterhof hat sich ein Specht in einer Blechbüchse verirrt und hämmert ungerührt weiter. So klingt das jedenfalls.
"Vielleicht ist der an ein Echogerät angeschlossen", vermutet die Gräfin gutgelaunt. Sie ist ausgeschlafen, ein forsches Ideen-Bureau.
Gerade plant sie einen Kunst-Notfall-Service:
SOFORTIGE WIEDERBELEBUNG DURCH KUNST!
"Gefällt dir nicht?"
"Mmha sicher", murmle ich.
Natürlich gefällt mir das. Aber ich bin noch nicht wach. Das ist Sache meiner inneren Biologie-Uhr. Da mische ich mich doch nicht ein.

„Wenn wir gleich mit dem Hund rausgehen, nehmen wir besser den Schirm mit, es fängt an zu nieseln“, sagt sie und nimmt einen Schluck Kaffee. „Allerdings sind Schirme was für Naturversager.“
Ich guck aus dem Küchenfenster. Die neue Katze von nebenan wird allmählich mutig und erforscht die Gärten. Sie hat ein weisses Fell und ist ein ziemlicher Brocken, der irgendwie nicht in die Natur passt. Eher auf die Fensterbank. Zwischen Nippesfiguren und Heideröschen.
Kommt das Frauchen am Abend nach Hause, verfängt sie sich beim Pfötchengeben in der Gardine und fliegt aufs Maul. Also die Katze.

„Vertu dich da nicht", meint die Gräfin. "Wenn die sich erst mal eingewöhnt hat, wird die noch Platzhirsch hier. Ausserdem, Katzen landen auf den Pfoten. Nicht auf dem Maul."
"Das hat meine Mutter auch immer gesagt. Ich wär wie eine Katze, die auf die Beine fällt."
Der Regen nimmt an Fahrt zu. Als wolle er Ärger machen.
"Und wie ein Fisch, den man nicht packen kann. Der einem immer entgleitet."
Die Gräfin beisst locker in eine Tänzerin, mit Konfitüre, und singt den alten Elvis-Hit, mit vollem Mund.
"Jumpin' like a cat-fish on the pole.."
"On the pole..? On the phone.."
"Hab ich auch immer gedacht. Aber Elvis singt On the pole."
Dann hätten wir das auch geklärt. Ich wurde vor meiner Geburt in einen Elvis-Hit einmontiert.
"King Cre-ooole! Jumpin' like a catfish on the pole, yeah.."

"Dann ist die neue Katze also ein Kater?"
"Nee, ne Katze."
"Dann wird sie Platzreh, kein Platzhirsch."
Während die Gräfin mich mitleidig anguckt, "Du Korinthenkacker warst auch schon mal witziger", beobachte ich das stämmige weisse Tier im Hof. Es streunt um den alten Sandkasten herum, der mit einer Holzplatte abgedeckt ist. Gleich daneben, vorm Gartenhäuschen, schläft Nachbarshündin Bailey ihren Narkoserausch aus. Sie hat Gesäugekrebs. Frühzeitig erkannt hat der Tierarzt die Knoten entfernt.
Die Rottweilerhündin ist alt. Sie schläft.
Die Katze beachtet den alten Hund nicht.

"Warum sollte ausgerechnet die hier Platzhirsch werden? Gibt doch ne Menge anderer Katzen hier."
"Na, das sieht man doch, wie die sich bewegt. Aggressiv. Fordernd. Die ist sogar auf grosse Schäferhunde losgegangen, wo die vorher gewohnt haben. Hat mir das Frauchen erzählt."
"Ach die", winke ich ab. "Wie heisst die noch mal?"
"Tipsie."
"Tipsie?! Frau Tipsie?"
"Die Frau? Nicht die Frau.Die Katze."
"Und die Frau? Wie heisst die?"
"Weiss ich doch nicht. Opitz. Frau Opitz. So was. Keine Ahnung."

Als der Specht seine Trommel wieder anschmeisst, beenden wir das Frühstück und drehen die grosse Sonntagsrunde zur Papiermühle runter. Den roten Industrie-Schirm lassen wir daheim. Hat ja aufgehört zu regnen.
Unterwegs kommt ein Platzregen runter.
Der hübsche Kunstnotfall an meiner Seite tanzt und flattert.
"Guck mal! Der Himmel spuckt mir auf den Mundl!" ruft sie. "Wie ein Zungenkuss mit dem lieben Gott!"
Man sollte ihrem Service eine Chance geben.
2.8.06 21:21


KUHAUGE SCHERZT

Ich hab doch schon mal von der Bäckerei-Verkäuferin erzählt, die mit den rosigen Bäckchen. Von der ich zuerst annahm, sie aus einem alten Pornoheft zu kennen - was sich zum Glück als Irrtum herausstellte. Aber darum ging es ja gar nicht. Es ging um ihre dümmlich-dreiste Art zu scherzen.

Du kaufst zwei Brötchen, für 50 Cent?
"Fünfzig Euro!" ruft sie aufgekratzt, wirft ihr Haar nach hinten in die Backstube.
Du kaufst zwei Brötchen & zwei Croissants, für 2 Euro 30?
"Zweihundertdreissigtausend Euro!!" ruft sie aufg..

Heut Morgen ist sie mal wieder in Höchstform. Weil gerade Leerlauf ist, steht sie am Ladenfenster und guckt mir selig lächelnd dabei zu, wie ich den Hund draussen anleine.
"Mach schön Platz", kraule ich Frau Moll. Die Verkäuferin winkt, aus einem Meter Entfernung, zwischen uns das Schaufenster.
Ich geh rein.

"Guten Mooorgen! Ihr Hund war aber schon im Gebüsch!"
"Hm? Wieso..?"
"Weil der da was Grünes hat, am Mund."
"Ach so. Klar war der im Gebüsch. Das sind so Kletten. Die bleiben immer im Fell hängen. Oder an der Schnauze."
Sie kichert.
"Meine Freundin hat auch zwei Hunde, und der eine besabbert den Anderen immer. Dann läuft dem so ein langer Sabberfaden am Mund runter. Ist dem aber egal. Dem kann man zehn Mal sagen, mach dir mal den Schnodder da weg. Das interessiert den nicht. Das hört der gar nicht. Da sind die Hunde ja ganz anders wie wir."

Aus der Backstube weht ein erster früher Duft von Pflaumenkuchen herüber. Der Herbst naht, auf einem Blech. Es zieht im Bauch.
"Vier Brötchen", sag ich.
Während sie sich umdreht und in die Brötchenkiste greift, sprudelt es munter weiter.
"Die Menschen haben viel zu wenig Bakterien heutzutage. Neugeborene werden schon in Watte gepackt, damit bloss nichts drankommt. Als ich so klein war, da sind wir noch über die Wiese gerobbt. Was Kühen schmeckt, kann für Babies doch nicht falsch sein, hat meine Mutter immer gesagt. Und, hat mir das etwa geschadet? Na?!"

Sie geht zur Computerkasse und drückt die Brötchentaste mit einem Swing im Finger, als wärs ein Boogie-Klavier.
"Hundert Euro!" muht sie.
Ich hab das Ein-Euro-Stück schon auf den Wechselgeldteller gelegt. Weil sie das nicht mitgekriegt hat, nicke ich mit dem Kopf.
"Da."
Sie glotzt mich an, aus ihren ranzigen Kuh-Augen. Obwohl, Kuh-Augen haben lange Wimpern. Diese Augen hier sind roh. Nackig.
"Wenn ich daran denke, was wir als Baby immer durch die Wiesen gekrochen sind", hör ich sie begeistert Schwung aufnehmen, und bevor sie gleich völlig abdreht, wie eine Kettenraucherin, die immer weiterraucht, trotz Krebszentnern, bin ich draussen und leine hektisch den Hund ab.
"Weg hier, Frau Moll!"
"..mir etwa geschadet?"
3.8.06 12:41


GLUMM GOES GRILLAGE

Grillage, auch Grillasch, ist eine gefrorene Baiser-Torte mit gemahlenen Nüsschen, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erfunden vom Krefelder Konditormeister Hermann Wilms dem Älteren. Ein Stück Grillage hat mehr Kalorien pro Kuchengabel als ne Tonne Russisch Brot und ist zum Weghängen lecker. Jedenfalls ist das 1973 so gewesen, bei Cafe Kramer. Da stand Grillage-Torte als Spezialität auf der Karte.

Wir waren dreizehn Jahre alt und vernarrt in Grillage, mein damaliger Fußballkumpel Pille Seilheimer und ich.
Einmal im Monat schmissen wir die blau-weißen RSV-Stutzen und die Schienbeinschoner in die Ecke und putzten uns fein raus, für ein ruhiges Plätzchen im Cafe Kramer, diesem mit wilden Plätzen nicht gerade zugestellten Oma-Cafe.

Dann saßen wir da, zwei dreizehnjährige Jungs mit Säbelbeinen und geputzten Tretern, die sich hingebungsvoll Eiscremetorte einführten, immer schön langsam, Gabel für Gabel, damit es auch lange anhielt, auf dem Tellerchen, für uns zwei Tanten. Dazu ein Glas Afri Cola, Fräulein, dankesehr, jawohl, noch eins.
Dann schwiegen wir.

Ich meine, wären wir Mädels gewesen, wir hätten uns was von Riemchensandalen erzählen können oder vom ersten Scheidenpilz, aber Scheiße, wir waren Jungs! Wir rochen nach billigem Bubblegum und hatten uns nichts zu erzählen, vor allem Pille und ich nicht.

Gut, wir spielten zufällig im gleichen Fußballverein, wir wohnten zufällig auf derselben Strasse und teilten zufällig die gleiche perverse Leidenschaft für gefrorene Sahnetorte, aber das war's auch schon.

Ich hab ihn später aus den Augen verloren. Hab mal gehört, er wäre ein mittleres Tier bei der Post geworden, so eines mit Vollbart, das die Eilpost unter sich hat. Pffft! Pille Seilheimer und die Eilpost! Dieses lahme Baiser-Püppchen! Ich lach mich halbtot!

Aber eins muss man ihm lassen: Geschmack hatte der Bursche.
4.8.06 14:14


738

°
Wenn ich im Unterhemd eine Quarkspeise zubereite, eine grosse Schüssel voll, werde ich jedes Mal zum Quark-Unterhemdler, soviel Quark hängt mir am Hemd, verflucht!!

°
Ein Mann im Unterhemd ist immer auf dem Sprung.

°
Es ist soweit. Brombeerzeit. Wie Knabenhoden prall hängen die Früchte am Strauch, so herzzereissend leise, dass wir uns fragen, ob es das schon als Klingelton gibt, Brombeerpflücken.

°
Frauen denken ja immer, Eier wären lästig. Würden beim Radfahren am Sattel scheuern, würden beim Hürdenlaufen für Panik sorgen, würden überhaupt permanent schlockern durchs Höschen. Natürlich Blödsinn. Klötze sind wie Möpse, man hat sie und fertig. Keine grosse Sache. Mit einer Ausnahme: wenn der Lederball kommt. Dann gibt es Pizza untenrum. Als würde einem der Formschinken auslaufen und der Mafiosi-Stammtisch, der in der Pizzeria gerade tagt, rührt zornig im Teig mit dem Schraubenschlüssel bis alles nur noch Matsche ist. Dann sind Eier lästig.

°
Erst war die Gräfin glücklich, wie das manchmal so ist, wenn einem ein Glas kaltes Wasser die Kehle hinunterrinnt, das macht glücklich. Nachdem das Glas aber fast leer war, wurde sie plötzlich unglücklich, von einer Sekunde zur anderen. Keine Ahnung, warum. Vielleicht hatte dieser letzte Schluck Wasser schlechtes Karma enthalten, vielleicht war zuvor ein Fisch darin verendet, in der Talsperre. Vielleicht lag es auch daran, dass ihr das Waschen momentan eher lästig ist. Lieber alles in die Bettdecke reiben, riecht besser. Aber vielleicht ist die Gräfin beim Wassertrinken auch einfach traurig geworden. Kann auch sein.

6.8.06 15:44


Coiffeur-Katastrophe in der Kreidezeit

UR-FRISÖR

ERBRACH

FRISUR!


7.8.06 17:21


MEIN FREUND BACKSTEIN

Backstein ist reisender Kaufmann. Er fährt einen verbeulten Lexus. Der Kofferraum ist voll mit Musterkoffern, in denen Scheren stecken, Spezial-Scheren für Frisöre. Da er aus Solingen kommt, hat er gute Karten im europäischen Ausland, besonders in Großbritannien, wo Solinger Klingen noch für Qualität stehen.

Einmal im Monat heizt Backstein im Lexus durch den Euro-Tunnel nach London. Da ist Big Business für Kaufleute wie ihn. Farbigen In-Frisören in Brixton und Chelsea können die Solinger Frisörscheren gar nicht groß und edel genug sein, wie Möpse in Russ-Meyer-Filmen, im tiefen Tal der Superscheren. Obwohl die Dinger reichlich unpraktisch sind, bei der täglichen Handhabe im Salon. Die überwiegend schwarze Kundschaft hat krauses drahtiges Haar, da sind kleine handliche Scheren sehr viel besser geeignet, machen aber nicht so viel her.

"Das müssen mindestens solche Apparillos sein", zeigt Backstein an, "sonst kann man denen nichts verticken." Acht-Zoll-Apparillos, im Fachjargon als Gartenscheren bekannt, Bimbo-Macheten. Gerne goldbedampft.

"Aah great, man! But you got no bigger ones? No Twelve-Inch-Scissors, man?!" schnarrt der Boss in der Cut Lounge "Harlem" den Arschbacken der hippen schwarzen Praktikantin hinterher. (Nächste Woche hat Julia Roberts einen Termin: Runter mit den friedlichen Rehlocken!)

"Twelve inch? No problem. It's in my car. One minute.. I'll be back."

Mein Freund Backstein ist gut im Geschäft, in London.
8.8.06 12:28


ENERGIE

Die Sache ist doch die. Es gibt nur ein begrenztes Reservoir an Energie auf der Welt, und je mehr Menschen daran partizipieren, desto weniger Energie bleibt für den Einzelnen übrig.
Das ist die wahre Crux an der Überbevölkerung.
Je mehr neugeborene Chinesen das Licht der Welt aufsaugen, desto öfter kann man deutsche Hobbygärtner dabei beobachten, wie sie vor lauter Kraftlosigkeit ihren Gartenschlauch nicht mehr halten können. Er entgleitet ihren Händen und macht sich selbständig, eine zickige Schlange, die ihr Wasser sinnlos verspritzt, bis auch sie k.o. geht und sich platt ins Unterholz rettet.
Das allgemeine Ermatten ist augenfällig.
Schau nur, mein Blutzuckerspiegel. Unter aller Sau. Als wär ich dreissig Tage falsch einkaufen gewesen.
Und auch für die Tiere der Welt bleibt immer weniger Energie übrig. Mir ist in Sendungen schon aufgefallen, dass Löwen und Elefanten langsamer gehen in Afrika als früher.

°
Da läuft eine Armbanduhr-Werbung.
"Meine Uhren sind mir immer kaputt gegangen. Man könnte sagen, die Zeit ist an mir zerbrochen", meint die Gräfin. "Ich kann die Zeit gut verstehen. Ich bin so dickschädelig. Ich hab meine eigene Zeitrechnung."
Sie guckt mich verzweifelt an.
"Aber die Rechnung geht nicht auf."

°
Dann erscheint Günter Beckstein, CSU, im Bild.
"Der frisst auch Energie", meint die Gräfin.
"Nee", sag ich, "der nicht. Der ist schon tot."

°
Die Nachrichtensprecherin verkündet, dass deutschen Kindern 6 Milliarden Euro Taschengeld zur Verfügung stehen. Verschwiegen wird dabei, dass es sich um sechs Kids handelt, die je eine Milliarde erben.

°
"Ich wusste ja gar nicht, dass Methadon aus dem Knie von Rentnern gewonnen wird. Hab ich gerade zufällig im Fernsehen gesehen. Da wurde einem älteren Herren Blut abgenommen, komischerweise aus dem Kniegelenk. Und es war gelb! Genauso gelb und zuckrig wie Methadon! Ist wahr!"

°
"Mann! Kannst du nicht mal die Klappe halten?" meint die Gräfin genervt.
Hm. Männer mit 45 sollten nicht dazwischenquatschen, wenn abends der Krimi anfängt.
9.8.06 09:51


HINRICHTUNG NO. II

Zweimal schon hatte ich den Termin platzen lassen. Einmal wegen Erkältung, was nicht gelogen war, das andere Mal rief ich an und sagte, ich hätte verschlafen, das war gelogen.
Schliesslich wurde die Hinrichtung auf Dienstag verschoben, acht Uhr.

Zwölf Stunden noch. Im Fernsehen lief mal wieder Schrecklich nette Familie. Kabel 1 wiederholte die alten Folgen ohne Ende. Eigentlich kam es nur noch darauf an, wie oft man eine bestimmte Folge gesehen hatte und ob man sich ein neuntes Mal amüsieren konnte über Kelly Bundy:
"Dieses Stück Fleisch ist nicht geschaffen für Arbeit."
Worauf sie auf dem Absatz kehrtmacht und mit dem Kopf gegen die Wand läuft.
Ich lachte aus vollem Hals. Immerhin.

Dienstagmorgen. Halb acht. Vom Bahnhof Ohligs aus schlenderte ich mit einer Lässigkeit zur Lukasklinik, die mich selbst überraschte. Nicht einmal Schmerzen hatte ich noch, nun, wo es soweit war.
Im Wartezimmer überflog ich die übliche Einverständniserklärung, mit der handschriftlichen Ergänzung:

EXTRAKTION Z. 14
KOMPLIKATIONEN:
NACHBLUTUNG
KIEFERHÖHLENÖFFNUNG.

Komplikationen? Kieferhöhlenöffnung? Das wissen die schon vorher?! Was spielt sich hier ab? Vielleicht sollte ich lieber doch noch mal verschlafen?
"Kommen Sie bitte mit?"
Verdammt.
Z. 14, das war der ruinierte Backenzahn, der tief im Fleisch wurzelte, wie ein Widerhaken. Ein Monster von einem Widerhaken. So ein Tiefseemonster, das man im normalen Leben nie zu Gesicht bekommt. Aber ein Zahnarztbesuch hat mit normalen Leben soviel zu tun wie Guido Westerwelle mit einer saftigen Möse.

"Theo, ruhig bleiben", redete die Schwester ihrem Chef gut zu, doch der wurde zunehmend nervös. Ich auch. Wieso duzen die sich? Haben die ein Verhältnis? Und wenn die gerade Stress haben? Wenn die ihm eben keinen blasen wollte, weil er so schlimm nach Äther roch? Und er ihr jetzt mal zeigen will, wo der Hammer hängt, der Z.14-Hammer?!
"Was hab ich mit eurem Stress zu tun?" hämmerte es durch meinen Kopf.
"Herr äh..", setzte der Zahnarzt an.
"Ummumm..."
"Na, also, ich versuche den Zahn ganz konventionell zu ziehen", sagte er, aber das hatte er bereits zweimal gesagt, was mich noch nervöser machte.
Das Monster knackte und brach stückweise ab, aber die Wurzel kriegte Theo nicht zu fassen.

Er schnoberte wie ein belgisches Brauereipferd. Kein schöner Anblick. Auch keine schönen Geräusche. Ich schwenkte zur Schwester rüber. Die trug einen gestärkten Kittel. Da waren ein paar Blutspritzer drauf. Die kamen von mir. Der Doktor bemerkte meinen scheelen Blick.
"Einmal wischen!" wies er die Schwester barsch an. Sie tupfte seine Stirn ab.
"Bleib ruhig, Theo. Du machst das schon.."
"Nein", winselte er, "das ist mein letzter Versuch."

Der ging natürlich auch schief. Verflucht! Die hätte ihn doch nur mal kurz in den Mund nehmen müssen! Kann man denn als Kassenpatient heutzutage gar nichts mehr verlangen?! Das bisschen Äther, mein Gott!
"So. Jetzt mal gaanz ruhig, der Herr.."
"Mmmhumm...!"
Mit einem herzhaften Schnitt öffnete er meine Kiefernhöhle.
Da war sie nun. Die Komplikation.
Die Hinrichtung.

Zwei Tage wurde ich krankgeschrieben. Lag komplett flach, mit tiefgekühlten Kompressen auf der Backe. Jegliche Nahrungsaufnahme war ein Greuel, alles tat weh. Die Gräfin kochte mir Reisbrei, und der Hund bekam knuspriges Hähnchenfleisch. Die Dinge liefen aus dem Ruder. Und der Schmerz liess nicht nach. Im Gegenteil.

"Die Scheisse eitert", sagte ich zu meinem Bruder am Samstagmorgen.
Er fuhr mich in die Lukasklinik.
Theo war nicht da, dafür der diensthabende Oberarzt. Der machte einen überaus luschigen Eindruck. Reichte mir sein Patsche-Händchen, wie ein grosses blutarmes Kind.

Ohne mir gross in den Mund zu gucken, drückte er mir fürs Wochenende ein paar Schmerztabletten in die Hand, und auch das nur widerwillig.
"Damit müssen sie schon hinkommen, mehr gibt es nicht."
Wie bitte? Was glaubte der Drecksack eigentlich? Dass ich hier im Notdienst auftauchte, nur um ein paar beschissene Dolomo für die Nacht abzugreifen?!
Hm. Nun ja.

Auf dem Rückweg liess mich mein Bruder in der Stadt raus, weil ich noch was besorgen musste. Vorm Kaufhof kam mir der Pietschi entgegen. Der lachte erst mal, als er mich so kleinlaut ankommen sah, und erzählte mir dann haarklein, wie man ihm als Teenager auch mal den Kiefer geöffnet hatte.
Danach wurde die Backe so dick, dass er sich nicht mal mehr den Mofahelm über seinen Schädel ziehen konnte. Armer Junge.

Am Sonntag ging die Schwellung zurück, der Schmerz aber nicht. Alle vier bis fünf Stunden nahm ich zwei Schmerztabletten, und obwohl ich noch nie so viel Pillen eingeschmissen hatte ohne breit zu werden, tat mir die Fresse auch am Montag noch weh.
Dienstagmorgen hielt ich es nicht mehr aus.

Ich besuchte meine reguläre Zahnärztin. Frau Doktor Bonn war eine kleine resolute Person, die zumeist nicht gut auf mich zu sprechen war, weil ich nicht nur selten kam, sondern auch grundsätzlich zu spät.
Originalton, als sie mir in den Mund guckte:
"Meister, das sieht scheisse aus."
Störung in der Wundheilung. Sie legte eine Drainage mit anästhesierender Wirkung, und wo sie schon mal dabei war, zog sie auch gleich die Fäden, mit denen der Schnitt im Kiefer zugenäht worden war.
Eine Stunde später war ich das erste Mal seit einer Woche schmerzfrei.

Abends fuhr ich dann mit der Gräfin und Karlos und Sandy nach Köln. Jonathan Richman gab eines seiner raren Konzerte. Obwohl nirgends plakatiert, war das Tingel-Tangel, ein dunkelroter Plüsch-Klub, mit Cafehaus-Tischchen und samtenem Licht, rappelvoll.
Wie die Hardcore-Fans standen wir in der Südkurve, mit Pappbechern Kölsch, und gröhlten die Hits von Jonathan mit:
"I was dancing in a lesbian bar".
"Make a mistake for me today".
"Now is better than before".

Die meisten Zuschauer schienen jedoch ein anderes Konzert zu besuchen. Karlos meinte später, es könnte sich um den bunten Abend von Scientologen gehandelt haben, so sittsam und gleichzeitig eingefleischt wie sie da vor ihrem Wässerchen saßen und ihrem Guru lauschten.
Meinem Guru.
Egal. War ein klasse Abend. Die ersten paar Bier und Purpfeifen nach über einer Woche, und hinterher saßen wir noch in der Südstadt auf dem Bürgersteig und teilten uns zwei monströse Grill-Hähnchen, von denen das Fett nur so auf den Asphalt triefte; das Leben war wieder im Lot, es ging weiter, mit einem Zahn weniger.
11.8.06 13:07


ERNTEZEIT

Grosse Sommerferien. Ein Sonntag. Die ganze Stadt ist ausgeflogen. Niemand unterwegs. Die Strassen sind so leer, die Gräfin beschleicht das Gefühl, wir befinden uns im Auge des Ferien-Hurrikans.
Wo bekanntlich Stille herrscht.

Dass überhaupt jemand in der Stadt ist, merkt man erst, wenn man sich flach auf einen Gully legt, das Ohr am Deckel, und wartet.
Wartet auf die Klospülung.
Auf eine Sonntagswurst, die dahergeschwommen kommt.
"Da ist eine! Schnell weg hier!" reisst die Gräfin uns fort, uns drei. Die menage a trois.
Die drollige Manege.

Flüchtet in die Hofschaft. Wo gelber Bauschutt sich rekelt und ihre Nase bestäubt, mmh, schnuppert die Gräfin, riecht gut. Wie Eierkuchen.
In den Sommerferien. Die Stadt ist ausgeflogen. Selbst die Vögel scheinen in fernen Hotels untergekommen zu sein. Kein Wind geht ins Hemd.
Der Hund, eine müde Flocke.

In den Weizenfeldern staut sich die Hitze. Wir spazieren durchs hohe, warme Brot.
Auch im benachbarten Maisfeld steht die Frucht so üppig, so supergolden, da muss ein Gen mit im Spiel ist.
Normal ist das nicht.
"Ihr seid doch alle manipuliert!" fuchtel ich mit erhobenen Zeigefinger ins Feld hinein.
"Du doch auch", kommt es dumpf zurück.
13.8.06 13:26


LINIE 681

Fahr hungrig im Bus hab kaum was gefrühstückt (und wohin mit den Beinen? dem Nachbarn in den Tag treten?) da sitzt in der Bank vor mir ein Inder der unentwegt in seine Snacktüte greift voll dampfender Leckerbissen mit fünfzehn Gewürzen und Fleischbällchen sammeln sich in meinem Kopfraum Überfallpläne wie ich hinterrücks eine Selbstgedrehte in ihn hineinsteche denn IM BUS WIRD NICHT GEGESSEN! gibt der Busfahrer knarzend die deutsche Busordnung durch ENDE! zuckt der Inder zusammen und packt die Snacktüte verstohlen weg als ich aussteige vorn beim Fahrer den Mundraum ganz vertrocknet pflaumt der mich BITTE HINTEN AUSSTEIGEN! an Herr Fahrer dankesehr dass ich mitfahren durfte in Ihrer sauberen 681 bis hierher aber jetzt! rutscht mein Buschmesser! in dich rein du Herrenfahrer! und nu' raus hier aus dem Blutbus v'dammt! immer wenn ich den kleinen Bushunger krieg.. krieg.. Krieg!.. Krieg
13.8.06 19:06


FROSCH

In langen Sätzen sprang die Gräfin über die Strasse, dem Frosch hinterher, dann erst kam der Hund aus dem Gebüsch gestürzt, wie ein verwirrter, struppiger Schutzmann.
Hastig blickte er nach links und nach rechts.
Ich stand einfach da.
"Ist das eine Kröte?"
"Neee!! Ein Frosch!"
Beim dritten Versuch bekam sie ihn endlich zu fassen. Die Amphibie stellte sich tot, in den Händen der Gräfin.
"Ist der drollig! Guck mal!"

Der Hund setzte sich hin und stupste mit der Schnauze nach dem Nest aus Fingern.
"Besser, den bring ich wieder in sein Gebüsch. Als ich klein war, wollte ich den Tieren auch immer helfen und hab sie doch nur getötet."
Sie liess den Frosch am Wegesrand ab. Er machte einen Satz ins Gebüsch, weg war er.
Frau Moll guckte grimmig hinterher.

"Einmal hab ich fünf kleine Mäuse mit nach Hause gebracht, direkt aus einem Bau. Weil die Mausmama nirgends zu sehen war, hab ich gedacht, die brauchen Hilfe. Waren so kleine Dinger mit nackigen rosa Füßchen. Am nächsten Morgen waren alle tot. Ich hab zwei Tage nur geheult."
"Ich hab früher alles plattgemacht", sag ich, die Hände in den Hosentaschen. "Bärenvögel im Hotel, Ameisenkolonnen am Gardasee. Und beim Füttern, als Zivi im Krankenhaus, ist mir sogar die alte Dame abgenippelt."
"Wie, abgenippelt..? Hast du ja noch nie erzählt."
"Hm, gibt ja auch kein Grund, stolz darauf zu sein. Sie lag im Bett, ich hab sie gefüttert mit Suppe, sie hat sich verschluckt, sie ist gestorben."
"Und du hast sie EINFACH SO STERBENLASSEN??"
"Nicht einfach so. Ich hab nach der Schwester gebrüllt, die kam an, sah die Bescherung und hat mich angemacht, ich soll schnell den Notkoffer holen. Aber den hab ich nicht gefunden.."
"Du hast ihn nicht gefunden?"
"Nee. Genau. Hatte mir ja keiner gezeigt. Als ich ihn schliesslich entdeckt hatte, war die alte Frau längst erstickt."
Wir gingen schweigend weiter.
"Na, der Frosch lebt noch", sagte sie. "Immerhin."
Wir hatten schon fast den Sportplatz erreicht, als uns auffiel, dass Frau Moll nicht zu sehen war. Gleichzeitig hörten wir hinter uns Buddelgeräusche, ein wildes Schnauben.
Das Froschgebüsch dampfte vor Erregung.
18.8.06 07:35


D'AMPEZZO

Acht Uhr abends, im Eiscafe Cortina. Ausser mir sind lediglich ein paar Gäste da, die gemeinsam am Tisch sitzen, irgendwo hinter mir.
Der Wortführer erzählt laufend Witze, Autobahnwitze und schweinische mit Minipimmeln.
Die Serviererin mit den ange-xten Beinen hat jedenfalls ihren Spass.
"Erzähl doch mal den, hihi, du weißt schon, du altes Schwein, wo der nur einmal im Jahr, haha..!"
Ich krieg immer nur den lauten Witzanfang mit, weil zum Ende hin getuschelt wird.
Aber gut, ich geh ja nicht ins Cortina der Pointen wegen, sondern wegen dem italienischen Kaffee. Ich zoppe den Rest eines Spekulatius in die Tasse und lehne mich zufrieden zurück.
Freundlichkeit überall in meinem Gehirn.

Das Cortina ist ein Museum. In den frühen Siebzigern war es modern, ein Eiscafe wie die zweite Klasse einer Regionalbahn auszustatten, mit knautschledernen Bänken.
Ein Abteil vor mir nimmt ein älteres Paar Platz.
Die Frau beginnt sofort mit ihrem leisen Mann zu schimpfen. Sie hat ihn zu lebenslänglich Klappehalten ohne Bewährung verdonnert.
Vielleicht ist es auch ihr ältester Sohn.

Dann, aus den Ohrenwinkeln, italienisches Palaver. Als ich mich umdrehe, sehe ich fünf ragazzi am Tisch sitzen, keine sechzehn Jahre alt. Schmierige Vespa-Finger, deutsche Pimmel-Witze.
Ich hab den Kaffee sowieso auf.

Drausse ist dichter Nebel aufgezogen. Ein schidderig Kerlchen, mit Buckel und prallgefüllter Plastiktüte, kommt die Treppe hoch, aus der unterirdischen Ladenpassage.
Mit seinem Spazierstock stösst er in die Luft.
"Is dat Nebel hier, oder is dat Gas?!"
Als ich nach oben gucke, aber untenrum weitergehe: Koordinationsprobleme.
Komische Stadt. Lachgas. Alles halb
so ha
ha.

*
19.8.06 08:12


EIN KOMISCHER SHERIFF

Als der Dauerregen vormittags eine Pause einlegt, setz ich mich auf eine Kippe und ein paar Notizen in die Malteser Gründe, dem Park hinterm Haus der Jugend.
Hier haben wir früher getobt, gesoffen, im Gebüsch gebumst mit Geräuschen: Als Lena und ich zwischen den Sträuchern wieder hervortraten, ihr tat der Rücken weh von den spitzen Steinchen, hat man uns mit freundlichem Applaus empfangen.

Viele Jahre später, ein Typ nähert sich vorsichtig. Etwa mein Alter. Dünnes rötliches Haar unterm Käppi. Rötlicher Schnauzbart. Armeeklamotten.
"Morgen", sagt er.
"Morgen", sag ich.
"Ist trocken?" fragt er.
"Hier ja", sag ich.
Unsicher wischt er mit der Hand über die Sitzfläche, bevor er sich auf der Bank niederlässt.

"Nix los heute, wa?"
"Keine Ahnung", sag ich. "Ich bin nicht oft hier. Nicht mehr. Früher haben wir hier viel rumgehangen. Ist aber schon lange her."
Ich zeige auf die andere Park-Seite.
"Da war dahinten noch das grosse orangene Zeltdach."
Er nickt matt.
"Und du?" fragt er, mir Blick auf das Landré-Notizbuch in meinen Händen. "Studium?"
"Nee, ich äh.. nein, nur so."
"Hast du vielleicht siebzig Cent übrig, fürn Bierchen?"
Normalerweise rücke ich immer einen Euro raus, warum nicht, aber irgendwas wehrt sich in mir. Keine Ahnung. Dabei ist der Typ nicht mal unsympathisch. Könnte auch im Wilden Westen auf einer Bank sitzen, als ausgestorbener Dorf-Sheriff.
Sheriff Schmitz.
"Nee, hab ich nicht. Die Kohle brauch ich selber."
Er zieht ein verknülltes Päckchen Tabak aus der Army-Jacke.
"Ist schon okay. Ich dachte ja nur. Ein Bierchen."

Er hat nikotingelbe Reval-Finger, auch wenn er gar keine Reval raucht. Kein Mensch raucht mehr Reval.
Nur die Finger existieren noch.
"Ich hab auch mal ein Buch geschrieben. Vor zehn Jahren", sagt er. "Als die Zeiten noch gut waren. War ein Bestseller."
Ich leg das Notizbuch ab.
"Du hast ein Buch geschrieben..?"
Die Leute entsorgen immer dreister ihren Sondermüll.
"Was denn für eins?"
Er stiert auf seine Hände.
"Was Frauen an Männern lieben. Das war der Titel. 420 Seiten. Mit Kreuzworträtseln und so. War alles drin. Aber ich schreib nicht mehr."
Mit Rätsel. So so.
"Und wo hast du das Buch veröffentlicht?"
"Bei Bertelsmann. Das Manuskript hab ich zuhause noch irgendwo rumfliegen. Ist damals sofort angenommen worden. 420 Seiten. War ein Bestseller."
Seine prompten Antworten überraschen.
"Und jetzt schreibst du nicht mehr?"
"Nee. Jetzt schreib ich nicht mehr."
"Und warum?"
"Na, ich weiss nicht. Ich hab.. den Faden verloren. Zuviel Tod überall. Erst ist meine jüngste Tochter gestorben. Blutkrebs. Mit sieben. Da machst du nichts. Dann meine Schwester. Mein jüngster Bruder. Meine Frau. Und demnächst stirbt wahrscheinlich wieder jemand. Ich hab einen schwarzen Anzug zuhause. Den kann ich eigentlich anlassen."
Bei Trinkern ist oft nicht auszumachen, ob das Tränen sind, die sich in ihren Augen sammeln, oder der noch nicht befriedigte Suff am Morgen.
Der Sehnsuff.

"Guck mal dahinten, die kenn ich", sagt er. Zwei Mitarbeiter vom Ordnungsamt schreiten den Park ab, als schwarzgekleidete Majestäten.
Eine trägt Zopf.
"Hab ich auch mal gearbeitet, beim Ordnungsamt, aber die Stadt hat mir gekündigt, aus..", er lässt den Anflug eines Lächelns erkennen, "..disziplinarischen Gründen. Ich hab einfach nicht genug Leute angeschwärzt, weisst du. Ich hab ne soziale Ader. Wenn ich die Penner gesehen hab, hier im Park, dann hab ich die nicht vertrieben, wegen dem ganzen Dreck oder so, nee, da hab ich mich dazu gesetzt, ein Bierchen mitgetrunken, weisst du.."
Ja, weiss ich.

"Die Penner waren okay. Aber die ganzen Ausländer.."
Jetzt kommts. Kommt ja immer. Die Ausländer.
"..gibt zu viele Ausländer hier. Guck mal, Solingen hat 165.000 Einwohner, weisst du wieviel davon Ausländer sind?"
"So 20.000", sag ich.
"Ja, früher mal. Heute sinds..", er verfolgt seine ehemaligen Kollegen vom Ordnungsamt mit wässrigem Blick, "..bestimmt 40.000. Das Doppelte. Und dazu noch die Illegalen. Wenn du das alles zusammenrechnest, kommt du auf 195.000 Einwohner. In Solingen! Nur wegen den vielen Ausländern!"
All der Schrott, der aus ihm sprudelt, addiert sich zu einer Art metallenem Parfüm. Er schwitzt wie ein Altmetallhändler.
Altmetall Schmitz.

Eher nebenbei bemerkt er, dass er bis vor kurzem vier Jahre abgesessen habe.
"Im Simonshöfchen."
"Kenn ich", sag ich. "In Wuppertal, ne?"
Er nickt.
"Genau. War ne harte Schiene."
Als ich ihn nach dem Grund frage, "Ich mein, vier Jahre sind ja kein Pappenstiel", wird er einsilbig. Ich muss schon zweimal nachfassen.
"Warum denn jetzt, los.."
"Wegen versuchten Totschlag."
"Totschlag. Ah. Und wen wolltest du tot schlagen?"
Er guckt zum Himmel hoch, wo sich in der dichten Wolkendecke eine hellblaue Schneise auftut.
"Da möcht ich jetzt so von aufgesaugt werden, von da oben.."

Ich nehm mein Notizbuch zur Hand. Wird Zeit.
"Ich war in der Hooligan-Szene.."
Pause.
"Welche Hools?" frag ich. "Welcher Club?"
"Na, die Union!" antwortet er, beinah empört.
Ich muss grinsen.
"Jo. Eisern Union. Klar."
Aber stimmt schon. Union Solingen hat schon immer einen harten Hooligan-Kern gehabt, meist in Kooperation mit den zahlenmäßig überlegenen Fortuna-Hools aus Düsseldorf.
"Wir waren in St .Pauli, beim Auswärtskampf."
Pause.
"Und?"
"Was und?"
"Na, und dann? Was ist passiert?"
"Na, was soll schon passiert sein! Der Pauli lag auf dem Boden und ich hab ihn weiter plattgeboxt. Ich hab die Sau fast totgemacht. Scheisse."
Gut. Ich hab, was ich wollte. So halbwegs. Neues Futter fürs Notizbuch, und viel mehr kommt sowieso nicht. Ich verabschiede mich vom Sheriff.
"Wie heisst du überhaupt?"
"Mike."
Wir geben uns die Hand.

Zehn Minuten später, ich hab in der Stadt noch was zu erledigen gehabt, wähle ich die Abkürzung nach Hause, über den Friedhof, und seh Mike da stehen, vor einem Grab.
Ganz still.
Er sieht mich dennoch vorübergehen.
"Tja, ist so..", sagt er.
"Ein Kumpel?" grinse ich blöd.
"Nee. Meine Frau."
Als ich mich unten am Ausgang noch mal umdrehe, streichelt er liebevoll die akkurat gestutzte Hecke, die das Grab einfasst.
23.8.06 16:20


"Ich glaub langsam, dass ich zu nichts anderem auf der Welt bin als herauszufinden, warum ich eigentlich auf der Welt bin.." (Credo der Gräfin)

"Wenn man sich überlegt, dass ich auch querschnittsgelähmt sein könnte, war es heute ein schöner Tag." (Credo des Glumm)

 

Treffpunkt Zeeland 13.00 - Nazareth, 29 Kilometer. Asjeblieft!

25.8.06 10:17


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