Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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DER NAGEL

"Kleine Männer stinken beim Ficken!!"
Das war der blöde Spruch, mit dem ich den kleinen Rocketta immerzu aufziehen wollte, wenn wir nebeneinander am Tresen standen, aber Rocketta hat nur laut gelacht.
"Hau ab, du Lutscher!" schrie er, wenn ich nach dem zwanzigsten Kölsch rüberkam mit dem Spruch.

Der kleine Rocketta hatte einen Beruf, er war Dachdecker. Einmal hat er Pech gehabt, während der Arbeit. Ist in einen rostigen Nagel getreten, in seinen billigen Dachdeckerschuhen, die nichts aushielten. Der Nagel ging glatt durch, sieben Zentimeter in den Fuss rein, und guckte oben wieder raus, aus dem Spann.
"Zuerst hab ich kaum was gemerkt davon. War ein Gefühl, als hätte ich auf eine tote Katze getreten, die nicht wegläuft."

Im städtischen Krankenhaus haben sie dann ambulanten Murks gemacht. Keine Röntgen-Aufnahmen, dumme Blicke, nach Hause geschickt.
Nach ein paar Tagen wurden die Schmerzen unerträglich, trotz der Pillen für Krebskranke, die Rocketta sich auf der Platte besorgt hatte, beim dicken Methadonhändler.
Er also zurück ins Krankenhaus.
Die Wunde rund um das Loch hatte sich entzündet. Vorschlag des Chefarztes: Amputation des Fußes, damit die Entzündung nicht noch mehr Unheil anrichtet und womöglich das ganze Bein ab muss.
Am selben Abend erreichte Rocketta auf dem Zimmertelefon der Anruf eines Bekannten, der zwei Etagen tiefer als Pfleger jobbte.
"Such dir eine andere Klinik, Mann. Die schneiden hier zu schnell. Die sind total messerbekloppt! Mann, wir sind hier in Solingen!"

Am nächsten Vormittag, Chefvisite. Der kleine Rocketta teilte den versammelten Metzgern mit, dass er verlegt werden möchte, um eine zweite Meinung einzuholen, in eine andere Stadt.
"Eine halbe Stunde später wurde ich rausgeschmissen!"
"Rausgeschmissen?!"
"Na gut, ausgeflogen, mit dem Blaulicht-Hubschrauber nach Bocholt, in eine Spezialklinik."

Der Fuß ist tatsächlich gerettet worden. Doch bevor man das Loch, mittlerweile gross wie eine 50-Cent-Münze, mit chirurgischem Plastik auffüllen konnte, musste die Wunde zwei Tage lang offen bleiben. Dazu wurde das Bein auf einem Spezialkissen höher gelegt. Nach einigen Versuchen fand Rocketta eine bestimmte Liegeposition, in der er durch das Loch genau auf den Bildschirm des Münzfernsehers gucken konnte.
Sehr bequem, fein austariert.
Die Schwestern auf der Station konnten es nicht fassen.
"Was um Himmels Willen machen Sie denn da?!"
"Ich guck Sportschau."
3.6.06 21:00


BUSINESS

Ihr trauriges blaues Blut. Die vielen Antibiotika ruinieren ihre Stimmung. Sogar ihre Spucke riecht nach Chemie.
"Als hätte ich ständig eine Tablette im Mund."
Sie schläft zu viel, sie isst zu viel.
"Ich werde fett!"
Das ist natürlich Blödsinn. Was haben sechzig Kilo mit Fett zu tun? Doch es ist ihr nicht auszureden.
"Hör nur, das ist mein Magen! Wie der knurrt! Als würde eine Harley Davidson anfahren!"
Ich greif nach dem Notizbuch.
"Großartig!"
Später sitzt sie in ihrem Zimmer.
Vor der Staffelei.
"Ich male ein Bild!" ruft sie. "Fett, krank und wild!"
Tatsächlich hat sie sich als Südsee-Matrone inszeniert, im Baströckchen, das Gesicht lustig aufgeschwemmt.
"Großartig! Das häng ich auf!"
"Das lässt du sein!"
"Warum?"
"Nur so.."
"Na gut."
Nichts hebt ihre Laune. Ich bin schon froh, wenn ihre alte Form wenigstens mal aufblitzt. So wie eben, als sie mit einem Glas Apfelsaft aus der Küche kommt.
"Man sollte einen Kühlschrank erfinden, bei dem die Nasenspitze warm bleibt, wenn man sie reinsteckt."
Mein Griff zum Notizbuch. Erst dann lache ich kurz auf. Diese Reihenfolge hat sich bewährt. Sonst komm ich durcheinander.
Am frühen Abend hat sich ihre Schwermut auf ein für alle Seiten erträgliches Niveau eingependelt. Denke ich. Dann sehe ich sie plötzlich weinen. Verdammt. Ich versuche sie zu trösten, doch ich bin da nicht sonderlich gut drin.
"Du bist kalt wie ein Fisch!" trommelt sie auf meiner Brust herum. Das immerhin scheint zu helfen.
Ihr Mund, verschmitzt.
"Was meinst du, sollen wir meine Tränen nicht in ein Glas melken? So wie man das mit Giftschlangen macht, um ein Serum zu gewinnen. Meine Tränen als Appetizer für Leute, die verlernt haben zu heulen."
ORIGINALABFÜLLUNG GRÄFIN!
GARANTIERT TRAURIG!
"5 Golddukaten der Kanister!" schlage ich ein. Was ein Hundebiss alles anrichten kann. Ich bin im Geschäft!
5.6.06 16:23


WIRD SIE WIEDER GESUND?

"Wir sind so weit entfernt vom wirklichen Leben, mit all den Teppichböden und dem Vorgartenscheiss, mit unseren Autos und prickelnden Einkommen, wir wissen doch gar nicht mehr, wie das richtige Leben sich anfühlt!" schimpft die Gräfin, die sich schon als Kind nach einer klaren Härte gesehnt hat.
Nach Steinfußboden statt flauschigen Teppichen, und nach dem Plumpsklo von Oma Bad Sassendorf, mit den fetten Spinnen an der Wand.
"Wir sind alle so weich aufgewachsen! Ich meine, wer braucht schon einen Teppichboden?!" stampft sie wütend auf. "Los, lass uns das Scheissding endlich mal rausreissen!"
"Wenn wir gleich zu Hause sind", füge ich vorsichtig an, "Meinetwegen."
6.6.06 21:26


FLURPUNK

In der Wohnung über uns wohnt Gus, der 40jährige Ex-Punk, mit seiner punkigen Realschultochter Frederike, 15. Die kann nicht nur wunderbar rauchig lachen, die ist auch immer gut für einen knüppellauten Toten Hosen Song, selbst wenn sie des Nachts nur mal eben über die Diele zum Klo huscht, auf Hollandblotschen.
Recht sympathisch das alles, vorallem wenn man als Nachbar Ohren hat ohne jegliche Funktion: herrlich geradezu!

Einmal, die Gräfin und ich waren genervt vom ewigen Rock, Pop, Blotsch, haben wir uns nachhaltig beschwert, und da Gus sich durchaus verständig zeigte, herrschte eine Weile tiefer Friede im Haus.
Bis zum letzten Wochenende.
Da brachte Gus seinen Arbeitskollegen Sprotte mit nach Hause. Der ist zwanzig Jahre jünger und führt eine sehr blonde Fischlocke spazieren, exakt auf Kante gemangelt. Immer wenn Sprotte zu Besuch ist, gibt es Ärger. Schnaps. Lärm.

Den Nachmittag über werden wir nonstop von schwerindustrieller Melodieführung misshandelt, und später jagt Töchterchen Frederike ihre Toten Hosen über die Bretter, die unsere Decke bedeuten.
Ich penn trotzdem ein, tief, wie von der Mafia versenkt.
Ich bin todmüde.

Es ist Mitternacht, als ich wieder auftaue, mit verwuschelten Brauen. Die Gräfin stiert mit einem Auge in den Fernseher, das andere blitzt zornig nach oben, wo ein Riesenradau im Gange ist.
"Sag mal, spinnen die?!" räusper ich mich. "Wieviel Leute sind das denn mittlerweile?!"
"Immer noch drei, glaub ich. Das geht schon seit Stunden so. Die werden immer dreister. Dauert nicht mehr lang, und ich raste aus.."

Die Gräfin und Ausrasten, was das bedeutet, hab ich einige Male erleben können. Da wechseln selbst Rammstein die Strassenseite. Besser, ich unternehme etwas. Verpennt wie ich bin, spring ich aus dem Bett, in die Küche. Da steht der Schrubber neben der Gefrierkombination von Quelle. Ich das Holzteil geschnappt und ins Zimmer der Gräfin, wo die Musik am allerlautesten ist: PFOCK! PFOCK! PFOCK! hau ich gegen die Decke, dass mir Tapete entgegen rieselt. Ich leg noch einen nach: PFOCKKKK!
"MACHT MAL LEISER! IHR SPINNT WOHL! ASIS!"

Genau wie früher. Nur umgekehrt. Als Frau Fischer von oben mit dem Besenstiel nach unten gemeckert hat, weil ich es nicht übers Herz bringen konnte, Jonathan Richman und die Modern Lovers leiser als 120 Dezibel abzuspielen.
Das Resultat: Gus dreht die Lautstärke runter. Auf der Stelle. Auf Null..
Gut. Sehr gut.
Ich wieder rüber zur Gräfin, ins Bett.
"Die haben aber fix reagiert", wundert sie sich. Weil es so kühl ist, hat sie sich eine Wärmflasche unters Kinn gezogen und macht einen auf heissen Bart.
"Tja, Baby. Man muss nur wissen, wie man den Schrubber einsetzt. Hab ich von Frau Fischer gelernt. Klopfe wie ein Mann! Nicht so bitte, bitte die Decke streicheln. Das bringt ni.."
In dem Moment setzt oben Metal ein. Speed Metal! Dazu höhnisches Gelächter von Sprotte und Gus.
SO GEWIEHER!!

Ich rase. Und zwar mit den Augen der Gräfin hinterher. Die ist aus dem Bett, rüber in ihr Zimmer. Den Schrubber geschnappt. PFOCK! PFOCK! haut sie eine Delle in die Decke.
"MACHT ENDLICH L-E-I-S-E-R!!"
Und was macht die Bande da oben, voll wie die Treteimer? Klopft zurück! Pfock!
Pfock!
Die Gräfin kommt zurück. Verblüfft. Mit dieser Respektlosigkeit hat sie nicht gerechnet. Ich auch nicht.
"Scheisse, sind die besoffen."
"Und ich bin nüchtern und genervt!" meint die Gräfin. "Oder muss ich jetzt auch betrunken werden, damit die glücklich sind da oben?"
Sie ist in Rage.
"Die sollen gefälligst leiser machen! Es reicht!"
"Wir drehen denen den Strom ab", sag ich.

Die Gräfin läuft barfuß die Treppe runter in den Keller. Ich höre sie hantieren und schimpfen.
"Scheisse!"
Ich meinen Arsch aus dem Bett und hinterher. Sie steht vor dem Sicherungskasten.
"Wo ist denn hier erste Etage?!"
"Der hier."
"Und welchen Schalter leg ich um? Das sind doch mindestens zehn Schalter hier! Einer für den Herd, einer fürs Licht.. "
"Alle. Leg alle um."

Wir hoch in die Wohnung. Stille auf breiter Front. Nicht einmal Stimmen sind zu hören. Dabei hört man hier sonst alles. Als das Haus 1926 erbaut wurde, hat man anstatt Zement dünne Kommunisten zusammengerührt.
"Da haben die nicht mit gerechnet!" freut sich die Gräfin über die plötzliche Ruhe. Nur unser Fernseher gibt noch zwei, drei Geräusche von sich.
Die Gräfin und ich klatschen uns ab.
"Gut gemacht."

Wir gucken in den Fernseher, sind aber nicht bei der Sache. Wir warten auf irgendeine Reaktion. Da muss noch was kommen. Das können die doch nicht auf sich sitzen lassen.
"Meinst du, die sind so besoffen, die merken nicht mal, dass sie im Dunkeln sitzen?"
"Hm. Würd ich nicht drauf wetten."
Wir hören ein Flüstern. Im Hausflur. Dem Vernehmen nach handelt es sich um das fischige Organ von Sprotte. Plötzlich taucht unser Fernsehbild ab. Das Licht der Stehlampe. Die Leuchtziffern vom Radiowecker - alles weg.
"DIE HABEN UNSEREN STROM GEKAPPT! NEE JETZT!"

Die Gräfin und ich wie zwei Furien zur Etagentür raus. Auf der Kellertreppe kommt uns jemand entgegen, ich greife einfach ins Dunkel hinein und erkenne erst im letzten Moment, dass es Gus ist, mit einem spitzbübischen, besoffenen Grinsen im Gesicht: den Spiessern hab ichs gezeigt!
"Seid ihr eigentlich bescheuert?! Den ganzen Tag eure scheisslaute Musik!" brülle ich ihn an und reisse an seiner Schulter. Er steht da. Wie ein Fels. Überraschend warm.
"Finger weg.." droht er.
"Du blödes Arschloch, wie Finger weg?! Wir haben die Schnauze voll! Was glaubt ihr eigentlich, was ihr euch alles erlauben könnt??"
"Fass mich nicht an - da steh ich gar nicht drauf.."
Die Situation steht kurz vorm Umkippen, wir halten uns gegenseitig am Kragen gepackt.
"He, hört auf!" Die Gräfin mischt sich von hinten ein. "Ihr sollt aufhören!"
Ich weiss nicht, wie sie das so schnell gemanagt hat, aber in ihren Händen ist die Wasserschüssel von Frau Moll, die sie in einem Schwall auskippt, zwischen Gus und mir. Wir stehen da wie zwei begossene Flurpudel.

Sprotte kommt die Treppe runtergewatschelt, aus der ersten Etage. Er sieht aus wie ein betrunkener Pinguin.
"Und ich dachte, ihr seid cool!"
Die Gräfin glotzt ihn an wie einen Alien.
"Cool..", spottet sie. "Genau. Du Blödmann."
"Wir wollen doch nur feiern", ruft Sprotte. "Die ganze Woche haben wir hart gearbeitet. Kann man doch mal feiern. Wieso kommt ihr nicht hoch und trinkt ein Bier mit?!"
"Na, warum wohl! Vielleicht haben wir keine Lust dazu!" entgegnet die Gräfin. "Muss ich mich jetzt verteidigen, weil ich keine Lust hab zu saufen?! Du hast sie wohl nicht mehr alle!"

Frau Moll sitzt im Flur, gibt keinen Ton von sich. Fletscht nicht einmal die Zähne. Sitzt einfach da. Als wäre sie gar kein Hund, sondern ein verlorenes Damenhandtäschchen, aus dem Fell herausquillt.
"Ihr könnt ja feiern, aber ohne dass ihr uns die ganze Nacht lang auf den Sack geht! Wir nerven auch niemanden!" tobt die Gräfin.
"Na klar nervt ihr jemanden!"
"Wen denn?!"
"Na, ihr nervt uns!"

Gus und ich lassen wie auf Kommando voneinander ab. Sein Schwenk ist total.
"Komm, Sprotte, ist gut.. Lass gut sein."
Dann, leiser, zu mir: "Tut mir jetzt schon leid.. Ich will das alles nicht.. Ich bin nicht so gut drauf im Moment."
"Dann mach nächstes Mal einfach leiser", schlage ich vor.
"Wir haben euch doch schon vier, fünf Stunden gegeben", kommt die Gräfin dazu, und entfernt sich wieder, Richtung Sprotte, der weiterhin auf dem Treppenabsatz hin-und herwatschelt.
Sie nennt ihn zweimal Hotte.
"Du weisst ja noch nicht einmal, wie ich heisse!" entrüstet der sich.
"Na, wie denn auch! Hast du dich bei mir etwa vorgestellt, he?!"
Aus Bolles Wohnung oben hören wir ein leises, rauchiges Kichern. Wir gucken alle hoch. Die Tochter hält ihr Handy ins Treppenhaus. Am Montag werden wir auf dem Schulhof die Attraktion in der grossen Pause sein. Genau eine halbe Minute lang. Na, dafür reicht auch die kleine Pause.
"Hauen die sich endlich aufs Maul oder wollen die nur rumschwulen?!"

3
Als wir im Bett liegen und Ruhe eingekehrt ist, hat die Gräfin einen interessanten Gedanken.
"Vielleicht haben wir was nicht mitgekriegt.."
"Was haben wir nicht mitgekriegt?"
"Na, vielleicht hat sich der Wind auf der Welt gedreht und jetzt müssen die, die leise sind, Rücksicht nehmen auf die, die laut sind. Kann doch sein."
Wir liegen noch eine Weile wach.
7.6.06 20:00


DAS HAPPENING (DES 10. JUNI)

An der alten Papiermühle. Die Stunden liegen heiss in der Mittagssonne.
"Ich gehöre nicht in diese Welt", keucht die Gräfin, "ich bin nur ein Happening."

Entlang der Wupper kommen uns zwei Menschen entgegen, mit verquollenen Hitzeschühchen. Sie warnen uns vor dem Reitweg, der angeblich mit Pferdeäpfeln übersät ist. Dennoch führt Frau Moll uns dorther. Die Hündin ist Chef heute. Erste Dame. Sie läuft voraus, hechelnd wie ein Popsong, der lacht und lacht, und lacht.
"Die haben aber wirklich üppig geäppelt, die Pferdchen", tänzle ich hinterher.
"Das liegt an der Hitze", meint die Gräfin. "Da äppeln die immer wie irre."

Wir besuchen die alte Lehrerin. Die hat auch einen Hund. Der ist zwar pummelig und alt, doch seitdem er die neuen Herztabletten verschrieben bekommt, flitzt er aufgeregt wie ein Tischtennisball durch den Garten.
"Ich will auch neue Herztabletten!" meint die Lehrerin. Sie bewohnt ein Häuschen am Zedernweg, der Gewölbekeller ist kühl. Wir atmen durch, bei einem Gläschen. Es duftet nach Erdbeeren und Dill.
"Erdbeeren sind ein Aphrodisiakum", lächelt sie.
"Und Dill ist ein Räuber!" fahre ich fort.
Ein Gauner.
"Ja, hör mal!"

Aufgebracht berichtet die Lehrerin von der diesjährigen Schneckenplage. Die Bauchbiester kommen von hinten aus dem Wald gekrochen und wüten in ihrem Gemüsegarten.
"Die müssen doch Räuberleiter machen, anders kann ich mir das nicht erklären, wie die über den Zaun gelangen! Von unten her kommen die nicht rein, der Zaun geht einen halben Meter tief in die Erde."

Ihr Hund liegt mittlerweile im Körbchen und röchelt wie ein Kastrat. Die Wirkung der Tabletten lässt nach. Frau Moll schreitet hochmütig hin und her.
Sie ist erste Dame.
Ziehen wir also weiter, auf ihren Befehl hin, der Wupper entlang.

"Guck mal, Goldfische!" rufe ich.
"Von wegen", entgegnet die Gräfin. Diese Goldfische sind weggeworfene Baby-Möhrchen, bei näherer Betrachtung. Die dazugehörige leere Blechdose plätschert am Ufer.
Eine Pferdebremse, angezogen vom Schweiss, fliegt von der nahen Koppel herüber und krallt sich im Unterschenkel der Gräfin fest.
Sie schlägt zurück.
Rasch bildet sich ein roter Flatschen. Als sie sich bückt, um die Stelle mit warmer Spucke einzureiben, packt sich eine Brennessel ihre nackige Wade.
"Jetzt reichts aber mit dem ganzen Viehzeugs!"

Die erste Dame glaubt, sie habe Schuld und schleicht geduckt davon, da kommt ein Schmetterling angeflattert, dreht eine Runde um die Gräfin herum und plötzlich! Pfffitzz!
Lässt er ein Häufchen.
"Das gibt es doch gar nicht!" blickt die Gräfin fassungslos nach oben.
"Hast du das gesehen?! Ich werd nicht mehr!"
Auf ihrem Handrücken befinden sich drei bräunlich-rote Pünktchen. Als habe der Falter zuvor ein Tröpfchen Bolognesesauce weggerüsselt.
So also sieht Schmetterlingsscheisse aus?
Ich wusste ja gar nicht, dass die überhaupt mal müssen.
"Sag ich doch, ich bin ein Happening", prustet die Gräfin.
Ja wirklich. Wer kann schon von sich behaupten, Bekanntschaft mit einem Schmetterling gemacht zu haben, der mal dringend musste, mitten im Flug.

Spätabends sitzen wir im Garten. Die Mücken brüllen, wie nach einem langen Nickerchen. Und dann beginnt der Spuk:
Glühwürmchen!
Zu Dutzenden sausen die kleinen Ufos durch die Dunkelheit! Eine grüne Halluzination von zuviel Glutamat! Die waren jahrelang nicht mehr hier! Wo waren die eigentlich all die Zeit?! Beim Chinesen?
Wir sind glücklich.
12.6.06 18:59


DIE NEGER IM PARK

Am großen Ententeich liegen schwarze Männer mit bloßem Oberkörper auf der Wiese, und die stupszahnigen weissen Tanten, die in der Nähe vorüberschreiten, höre ich wispern, "Guck mal, dahinten, die Neger."
Selbst die Enten marschieren in Rangfolge zum anderen, kleineren Teich, in dem die dicke Wasserratte lebt.
"Sind eigentlich alle Afrikaner Neger?"
Der schönste Mann Afrikas bestimmt.
12.6.06 19:01


10 UHR

Heute Vormittag rufe ich den Woller auf Handy an. Er hebt ab, sagt aber keinen Ton. Ich vernehme nur ein komisches Geräusch, so als würde sich jemand auf einem halligen Bahnhofsklo räuspern.Ich hör ich mir das eine Weile an, aber als der Woller sich immer noch nicht zu Wort meldet, frag ich doch mal:
"Woller?"
"Moment", kommt es gequält zurück, "ich bin grad am Kotzen.."
Nachdem er sich Erleichterung verschafft hat, will ich wissen, was los ist. Obwohl ich das mir ja denken kann.
"Mann.. Ich habs gestern übertrieben", stöhnt er.
"Gesoffen?"
"Na sicher gesoffen.. und dann im breiten Schädel noch einen Knaller gemacht."
Nachdem wir unser Treffen auf den späten Nachmittag verschoben haben, geh ich zu meinem Bruder rüber, die Katzen versorgen, er ist in Dänemark. Und was passiert? Ich laufe geradewegs in ein mächtiges, über Nacht konstruiertes Spinnennetz hinein!
Mittwochs, zehn Uhr in Deutschland.
Der Woller am Kotzen, und ich voll verhuscht in der Fresse.
14.6.06 08:58


688

Es gibt Dinge, die sollten Freundinnen unter sich bekakeln: Riemchensandalen, Scheidenpilze.
"Ob ich mir da mal Joghurt draufknalle?"
°

Die wichtigen Sachen im Leben werden einem erst klar, wenn man sie beiläufig erwähnt.
°

Mit verhaltenem Atem lachen. (Spezialität Gräfin)
°

Ich weiss nicht warum. Aber immer, wenn ich Maulwurfhügel sehe, bekomme ich Appetit auf Marmorkuchen.
°

Mein neues Portmanee riecht lecker nach Leder. Fehlt nur noch lecker Geld drin. Dann würde es nach lecker Leder und lecker Geld riechen.
LECKER LEDER UND GELD!
YES!
Womit wir bei der WM wären. Wohin man auch blickt, Fähnchen. Sogar die Junkies tragen deutsche WM-Käppchen.
Ich stell mir vor, die 65.000 Zuschauer in Dortmund würden sich alle zur selben Zeit die Fußnägel schneiden. Was ein Sound! Klpp! Knupp! Spptt.
°

Wir nehmen die Abkürzung über den Friedhof. Vor einem frisch aufgeworfenen Grab bleiben wir stehen.
"Wie kann man da künstliche Blumen beisteuern!?" erregt sie sich. "Naja, das Leben ist Kunst."
°

HIDDEN TRACK:
Die Eintagsfliege landet auf ihrem Ein-Tages-Ausflug beim Bauer Ewald. Sie stirbt mit dem Fühler in einem Päckchen guter Butter, um Mitternacht herum.
°
15.6.06 13:41


689

Was auch immer dir im Leben gelingen mag,
denke daran:
der liebe Gott klatscht keinen Beifall.


500beine
16.6.06 09:01


SINGAPUR WAR BOMBIG

Nach dem Nachtdienst, im örtlichen McDonalds. Seit fünf Minuten habe ich Feierabend und schon sitz ich wieder irgendwo rum und saufe becherleise Kaffee, als hätte ich das nicht schon die ganze Nacht hindurch getan. Aber was soll man machen - ich bin nun mal ein Gewohnheitstier. Selbst schlechten Dingen trauere ich hinterher, sobald sie von der Bildfläche verschwinden.

Die Putzkolonne macht sich an die Arbeit, und ein junger Mann grüsst mich im Vorübergehen.
"Hallo! Schon Feierabend?"
Hat der nicht eben noch an der Hotel-Rezeption seine Übernachtung bezahlt? Mit Platinkarte? Superlässig?
Mit dem Frühstückstablett in der Hand steuert er den Tisch neben mir an.
"Um zehn geht mein Flieger", sagt er und reisst Zuckertütchen auf.
"Lohhausen?" frage ich.
"Genau."
Er lächelt schwul und erzählt von seinem Job beim Weltkonzern M-A-N, wo er beschäftigt ist als technischer Kundenberater. Als einer von weltweit sieben Spezialisten, die sich mit digitalen Druckmaschinen en detail auskennen. Schon zählt er zwanzig verschiedene Länder auf, von Südafrika bis Südkorea, in die er jederzeit abberufen werden kann.
"Das geht so schnell, so schnell kann ich mich manchmal gar nicht anziehen. Aber in die Karibik geht es nur alle fünf Jahre. Das wird gerecht verteilt auf die sieben Köpfe in unserem Team."

"Aber am liebsten bin ich hier in der Ecke", versichert er.
"Solingen?" frag ich verblüfft.
"Nein, im zivilen Europa mein ich. Im Tschad beispielsweise ist mir mal passiert, dass die Eingeborenen vor Einbruch der Nacht kanisterweise Diesel um ihre Hütten auskippen und anzünden, um die bösen Geister zu vertreiben. Da ist mir schon mulmig geworden, in meiner Schlafhütte. Das muss ich nicht haben."

"Und da auf dem Dorf gibt es so eine digitale Druckmaschine?" wundere ich mich.
Er beisst in seinen Burger und murmelt was von Fundamentlegung. Und so. Keine Ahnung. Überhaupt wird sein Mund plötzlich schwierig und er redet so leise, ich muss mich schon enorm Anstrengen beim Zuhören.
Wäre ich nicht so ein fanatischer Zuhörer, ich würde spätestens jetzt Leine ziehen.
"Und Singapur war bombig!"
Sein Mund spricht wieder deutlich.
"Saubere Nutten, kein Zigarettenqualm. Und das nur, weil ich den Anschlussflieger nach Seoul verpasst hatte, zum nächsten Auftrag."

Als ich vom Herrenklo zurückkomme, ist er mit dem Frühstück fertig und merkt, dass er allmählich langweilt. Nicht nur mich, sondern auch die Putzkolonne, die mitgehört hat.
"So. Machs gut", sagt er, plötzlich zum Du wechselnd, und verrät noch, dass er im Taunus lebt.
"Aber da kennt mich ja keiner."
Guter Joke, so zum Abschluss.
"Schüssi."
"Ja, schüss."
Mein Kaffee ist kalt geworden.
17.6.06 10:38


UNSER NEUER FREUND ROLAND

Samstagmittag, bei Mustafa in Solingen. Sein Büdchen ist so winzig, der bullige kleine Türke steht meist draußen auf dem Trottoir und wartet auf Kundschaft, die er dann schnäuzelnd hineinbittet. Das ist ein bisschen so wie in Paris oder St. Pauli, wo die Passanten animiert werden, sich eine Sex-Show anzugucken. Nur dass Mustafa Limonade feilbietet, und Tabakwaren.
"Einmal Van Nelle", sag ich.

Die Gräfin wartet draussen. Kommt ein schmächtiges Kerlchen daher. Mitte Fünfzig, verschossene Jeansjacke, Trinkernase.
"Mensch", sagt er, "dahinten kommt meine Ex. Und das am Samstagmorgen..!"
"Ach, du Scheisse", pflichtet die Gräfin ihm bei.
"Obwohl, Moment! Das ist ja gar nicht meine erste..! Das ist meine zweite Ex-Frau!"
"Na, dann gehts ja."

Er winkt ab.
"Siehste den Kerl daneben, den Schrank?"
Die Gräfin nickt.
"Ist ja nicht zu übersehn."
"Genau. Der wollt mich letztens vermöbeln, glaubste mir das?!"
"Na, warum nicht? Wenn du das sagst."
Er zeigt beiläufig nach unten.
"Aber wie soll ich mich gegen so einen Schrank wehren? Ich hab doch die Beine kaputt."

Ich trete mit meinem frischen Tabak an die Sonne.
"..und da wollt der Schrank gerade zuhauen, einfach so, wir hatten ja gar keinen Streit, da kommt plötzlich der Mike um die Ecke.."
Pause.
"Kennt ihr den Mike?"
Die Gräfin blinzelt mich an.
"Den kleinen Polizisten?" frag ich.
"Ja, genau! Der Mike! Der immer Streife läuft..!"
"Kenn ich", sag ich, "vom Sehen. Und?"

"Na, und pass auf! Der Schrank will also gerade zuschlagen, die Faust steht praktisch schon in der Luft, fertig zum runtersausen, da guckt der Mike um die Ecke und ruft: Mensch, Roland! Was machst du denn hier?"
"Och!" sag ich.
"Und dann?" fragt die Gräfin.
"Dann.. na.. nix mehr. Dann hat meine Ex den Schrank weitergezogen, und weg waren sie."
"Also die zweite Ex", meint die Gräfin.
"Hä?"
"Ich mein, das war doch die zweite Ex."
"Klar. Nummer zwei. Hör mal, ich trink seit fünfzehn, zwanzig Jahren nur noch Bier, keine Kurzen mehr. Komm ich prima mit klar."

"Mama, seit wann gibt es den Kiosk denn wieder?" fragt ein vorbeikommendes Mädchen die Mutter, während Mustafa seinen bulligen Kopf aus dem Büdchen streckt, wie aus einem Vogelhäuschen.
Roland klopft ihm freundlich auf die Schulter.
"Morgen, Meister! Eine Hürriyet!"
17.6.06 10:42


693 + supersexy Neu-Erfindung

1
Die supersexy Erfindung für den Mode-Sommer 2006 kommt (naturellement) von der Gräfin:

EINE UNTERHOSE,
DIE SICH SELBST
AUSZIEHT BEIM
GEHEN!!

1.1
Und dann kenne ich noch Charly und Schuh, zwei herzensgute Süchtige mit einem Batzen Geld. Sie haben eine Marktlücke aufgetan. Sie verkaufen Erdbeergras. Das ist Marihuana mit Erdbeeraroma. Sie sind durch Zufall darauf gestossen, als sie ihr selbst gezogenes Gras in alten Erdbeermarmeladengläsern fermentiert haben.

1.2
Was macht eigentlich der gute alte Adolf, der "Mein Sumpf" geschrieben hat, und alle Deutschen haben ihm zugejubelt: "Jaa! Bitte, zieh mich mit runter in Deinen Sumpf!"?

1.3
Weil Frau Moll im Sommer so furchtbar leidet und aus dem Hecheln nicht mehr rauskommt, hat die Gräfin ihr eben im Garten das Fell geschoren, mit der roten Haushaltsschere. Seitdem hat der Hund riesige Koks-Pupillen vor lauter Vitalität!
Die Gräfin sieht meinen sehnsuchtsvollen Blick.
"Soll ich dir jetzt auch die Haare schneiden oder wie!?"

1.4
"Du hast Schuld!" sagt sie.
"Stimmt", sag ich, "aber ich kann nichts dafür!"

1.5
Wenn Hunde sich gegenseitig am Hintern schnüffeln und Informationen austauschen, als hielten sich ein Schwätzchen.

1.6
Das waren noch Zeiten, als wir Bröckchen gehustet haben, vor lauter Lachen.

1.7
Als Brautpreis verlangte König Saul 100 Vorhäute von den Philistern.
Ne hübsche Schnittmenge.
18.6.06 21:02


EINEN NOCKEN

Wir waren vierzehn, fünfzehn Jahre alt und hingen jeden Tag im Haus der Jugend rum. Der lange Bronko gehörte nicht zur Clique. Er war ein Außenseiter. Ein baumlanger Außenseiter, mit Muskeln an den wichtigen Stellen. Im Gehirn war weniger los. Eigentlich stand dort nur eine Knarre in der Ecke.

Er hatte ein paar Schleimer um sich geschart, die er bei schlechter Laune losschickte, ein Opfer besorgen, ein möglichst kleines. War ein armes Schwein gefunden, blökte Bronco:
"Wat is los? Einen Nocken, eh?!"
Dann verpasste er seinem Gegenüber eine Kopfnuss, frag mich nicht nach Sonnenschein.

Einmal jedoch geriet Bronko an den Falschen, an Scheti. Der Scheti, ein Türke, hat sich Jahre später aufgehängt, während seiner Militärzeit in Ankara. 1975 aber war er noch ein kleines Kraftpaket, und voll in Ordnung.
"Du Türkensau, wat is los, einen nocken, eh?!"
Bronko hatte es kaum ausgesprochen, da war Scheti, gut vierzig Zentimeter kleiner, schon wie ein junger Bock an ihm hoch gesprungen und hatte seinerseits eine Kopfnuss ausgeteilt, die hatte nicht einmal entfernt mit Sonnenschein zu tun. Bronkos Nasenbein brach, und das Blut schoss diagonal über den Flur an die Wand des Jugendzentrums. Das war wie Porno gucken damals. Ein gerechter Porno.
20.6.06 09:01


694

0.9
Was ein schwüler Abend. Der Hund liegt in der Ecke und hechelt wie ein durchtriebener Blasebalg, als pumpe er sich selber auf.

1.0
Ich war geliefert, wie ein Stoß Zeitschriften nachts vorm Kiosk.

1.1
Da ein Fältchen, hier ein Vorhof, unten guckt ein rosa Näschen raus.

1.2
Junge, ich seh sogar vollgeschissen von hinten gut aus!

1.3
Das schmutzigste Wort, das einem Mann in seinem Leben überhaupt begegnen kann, heisst Impotenz. Schmutziger noch als Krieg, da es beim Krieg gegen einen externen Feind geht, bei Impotenz hingegen steckt der Feind im eigenen Körper und besudelt die Ehre.

(Wohl dem, der einen passionierten Handwerker zum Freund hat. Der kann ihm dann untenrum einen hoch bauen. Aus Messing, zum Beispiel.)

1.5
Ich habe eine leicht frustrierte Aufbruchstimmung. Ja, das hätte ich nicht schöner sagen können. Eine leicht..
"Das hast du doch schon gesagt!"
Klappe.

1.6
Die Gräfin zieht sich morgens an. Es ist halb fünf und stockdunkel. Zu dunkel zum Anziehen. Hoffentlich zieht sie das Richtige an. Sie sieht doch gar nichts.

1.7
Sind die wahren Schläfer nicht diejenigen, die niemals in ihrem Leben zum Einsatz kommen? Wir sind alle Schläfer.

1.8
"Habt ihr wieder dieselbe Farbe genommen?"
"Nein, mein Mann wollte diesmal Automatik."

1.9
Die Badelotion verbreitet einen kitschigen Geruch im Bad, als habe sie ein Bubblegum aus dem Kaugummiapparat aufgeblasen mit der Fahrradpumpe.

2.0
Es ist Sommer, der Wind weht winzige Silbersplitter herüber aus afrikanischen Minen. Könnten Euröpäer nicht im Gegenzug Gehacktes und Eier regnen lassen über Mauretanien?

2.1
So ein Hund hat es gut. Während die Gräfin und ich samstagvormittags genervt ausknobeln, wer was wo erledigen muss, leuchtet in seinem kleinen puscheligen Köpfchen nur ein einziges Wort auf: Karnickelgebüsch. Da wo er hin müsch.

2.2
"Du bist ein übler Fall von Gewohnheit."
(Sie, zu mir.)
20.6.06 20:26


SEXWIMMERN

Wir haben neuerdings ein Pärchen in der Nachbarschaft wohnen, das nervt. Er ist ein dicker Deutschnationaler, der sonntagsfrüh mit der Nationalhymne duschen geht, sie ist klein und läuft in einer Art kupferrotem Western Style durch die Gegend.
Das allein macht es natürlich nicht nervend.
Nervend sind die Fickgeräusche. Die sind so aufgesetzt. So extra laut. Als würde ER beim Geschlechtsverkehr Göbbels spielen ("Wollt ihr das totale Glied?!") und SIE unbedingt mit der Vagina durch die Wand wollen.
Das nervt.


-wh.-
25.6.06 11:24


DER TAG, AN DEM ICH 28 WURDE

15. September 1988.
Zwei Nächte hab ich mal wieder durchgesoffen, bis ich am Donnerstagmorgen völlig im Eimer wach werde. Bin so groggy, dass ich eine halbe Stunde einfach auf dem Bettrand sitze und dumpf ins Nichts stiere. Der Schädel dröhnt wie ein Moped in einem langen Tunnel. Das Telefon klingelt, ich lass es klingeln. Da fällt mir ein, ich hab ja Geburtstag. Da will jemand gratulieren. Scheiss drauf. Erst mal einen Kaffee.

Ich hocke am Küchentisch und guck in mein Notizbuch: 'Wenn man mit zehn Minuten Gutraufsein am Tag auskommen muss', steht da. Wann hab ich das denn geschrieben? Mh, egal. Für die paar Minuten muss ich jedenfalls nicht zuhause bleiben. Da kann ich meinen Geburtstag auch woanders feiern. Wo ich schon immer mal hin wollte. In Schalke. In der Heimat der Idole meiner Jugend: Stan Libuda (An Gott kommt keiner vorbei, ausser Libuda) und Norbert Nigbur, dem Torhüter mit den Nasenlöchern wie eine Steckdose und Fäusten unter Strom. Das Telefon klingelt wieder. Ich muss raus hier.

Mit der S-Bahn Richtung Düsseldorf. Von da aus gehts dann um 12 Uhr 24 weiter nach Gelsenkirchen. Mit achtundzwanzig Jahren das erste Mal nach Schalke. Da soll es Kneipen geben, wo das Bier noch ne Mark kostet, und Stan Libuda, der legendäre Rechtsaussen, verkauft Zigarren in seiner Lotto-Annahmestelle. Hoffentlich erwische ich meine zehn Minuten Gutraufsein, wenn ich in seinen Laden reinmarschiere.
"Eine Cohiba, Herr Stan!"

"Ich bin ein genauso versoffener Hund wie du", meint ein pfeifeziehender, wackeliger Penner, die Nase jodverschmiert, in der Schalterhalle des Düsseldorfer Hauptbahnhofs zum anderen Penner, der eine Fahne kalter Scheisse hinter sich herzieht.
Ich glaube, ich trinke heute lieber mal kein Bier.
Wo ist denn hier ein Telefon?
Damit im kommenden Winter ein Paar feste Schuhe an meinen Füßen sind, war mit meiner Mutter eigentlich ein kleiner Einkaufsbummel abgesprochen. Ich rufe sie vom Bahnsteig aus an.
"Mutti, ich bin unterwegs nach Schalke."
"Wieso? Ist da heute ein Spiel? "
"Nee. Ich fahr nur so dahin. "
"Dann fall nicht unter die Räuber, Junge. Und kauf dir nicht wieder Fussballschuhe!"

Im Nahverkehrszug nach Gelsenkirchen über Duisburg-Meiderich, zweite Klasse, Raucherabteil, klappe ich den Aschenbecher auf, und ein Wölkchen Qualm bringt mir ein Geburtstagständchen. Bei jedem Halt rollt eine leere Bierdose durch das Abteil. Kein Schaffner hält es für nötig, mich zu kontrollieren, dabei bin ich heute doch ausnahmsweise mal zu gültig.
"ZUGESTIEGEN JEMAND!?"
Da ist er schon.

In Oberhausen steigt ein Kerl zu, gegerbte Haut, leichtes Reisegepäck. Er erzählt gleich, dass er das erste Mal seit vielen Jahren wieder in Oberhausen gewesen sei, auf einer Geburtstagsparty.
"Was ist bloß aus dem Ruhrgebiet geworden?" meint er bedauernd, er lebt mittlerweile in Saarbrücken. "Total tote Hose."
Als er aussteigt, rollt die Bierdose in die andere Ecke.

In Gelsenkirchen finde ich Schalke nicht. Bin wohl mit dem Linienbus einfach durchgefahren, ohne es mitzubekommen. Also wieder zurück. Diesmal frage ich beim Fahrer nach, wo ich raus muss.
"Wo willste denn hin, Jung?"
"Na, zum Stadion."
"Zum Parkstadion?"
"Nein, zum altem Stadion. Glückaufkampfbahn."
"Wat willste denn da? Ist doch total tote Hose da!"

Erst mal auf zwei Pils ins Schalker Vereinsheim. Frau Wirtin ist nicht gut zu sprechen auf einen der beiden Gäste. Der hat einen im Kahn und will immerzu singen und sucht sein Pils. Dann gibt er eine Lokalrunde.
"Mutter..", meint er zur Wirtin, aber die hört das nicht gern.
"Da vorn ist die Tür, da schubs ich dich gleich raus."
"Wenn Schalke verliert, geh ich sowieso nach Hause", lallt er.
Frau Wirtin bringt mir ein Pils.
"Is dat Steno?" meint sie mit einem kurzen Blick auf mein Notizbuch. "Kann doch kein Schwein lesen."

Das einzig Blau-Weisse, das noch durch Gelsenkirchen-Schalke fährt, ist ein Tanklastwagen von ARAL, wie ich mit einem Blick aus dem Fenster feststelle.
"Mein Gott, nee! Ich brauch doch nich zu betteln für ein klein Bierchen, hab ich nich nötig!" (Kriegt kein Bier mehr, verlässt Vereinsheim.)
Ich auch.

Ich guck mir Schalke an. Das Stadtviertel. Kleine Häuschen. Ein türkischer Junge im königsblauen Trainingsanzug humpelt an mir vorüber. Sonst ist niemand auf der Strasse zu sehen.
Ein paar Graffitis.
TÜRKEN UND SCHWULE AN DIE WAND
SATANSPENIS
BLOCK II - WIR FERWESEN

Hinter der Arbeitersiedlung dann das alte, verrottende Fussballstadion. Die legendäre Glückauf-Kampfbahn. Ein einziges Schild weist darauf hin. Die Tore sind verschlossen. Ich klettere über einen Zaun und finde mich auf der Gegengerade wieder. Zwischen den Stufen wuchert Unkraut. Ich latsche über den gut erhaltenen Rasen rüber zur Tribüne. Höre dreissigtausend Knappen "SCHALLL-KEE" brüllen. Rolf Rüssmann nimmt Anlauf zum Freistoss - Pfostenschuss!

Ich sitze auf der Ehrentribüne. Links die Stadtautobahn nach Bochum. Die dunkelrot lackierten Sitzplätze unter mir sind mit dickem Staub überzogen, die Gitter zwischen Spielfeld und Rängen ausnahmslos niedergerissen. Eine Reklametafel ist übriggeblieben: AFRI-COLA.
200 METER ZUM BLOCK II - ASIS UNERWÜNSCHT
Ein paar Minuten bleibe ich sitzen, einfach mal sitzen und denken, verdammt - aber es will sich keine Ehrfurcht einstellen. Als ich aufstehe, um das Stadion zu verlassen, steht in der Kurve dieser Mann. Erregter Mann, so eine Art Platzwart vielleicht.
"JA, WAT IS DAT DANN?!" brüllt er, die unvermeidliche Töle an der Leine. "GANZ SCHNELL RUNTER DA! DAT WOLLN WIR HIER ERST GAR NICH ANFANGEN, WOLL!?"

In aller Ruhe latsche ich zurück über den Rasen, steige die Stufen der Gegengerade hoch und verschwinde wie ich reingekommen bin, über den Zaun.
Vorm Stadion kniet ein Junge auf dem Radweg. Er öffnet vorsichtig eine Portionspackung Kaffeesahne, neben ihm wartet ein Kätzchen.

Unter der Autobahnbrücke ist ein Getrommel in Gange, ich vermute schon einen einsamen Stadtschlagzeuger in den zementierten Zwischenräumen, doch als ich genauer hinhöre, ordne ich das monotone Geräusch eher den Lastwagen zu, die über die Brückennähte rollen.
Ein wütend hingerotztes Graffiti:
KÖLSCH UND ATEMNOT!

Auf dem Weg aus Schalke hinaus dribble ich durch eine abgewetzte Reihenhaussiedlung. Kissen auf der Fensterbank, jeder hat seinen eigenen kleinen Garten. Ein Junge steht auf der Haustreppe, fragt seinen laubfegenden Vater:
"Heute ist Donnerstag, ne?"
Er steckt sich eine Camel an.

Ich lande in Gelsenkirchen-Hessler, in einer anderen Vereinskneipe. FC Olympia Hessler 63.
Frohe Botschaft Hessler!
"Wann ist Schalke eigentlich zum letzten Mal Meister geworden?" frage ich die Männer am Tresen.
"58, glaub ich."
Genervt vom Rumstiefeln und angeschlagen vom Suff der letzten Tage fühle ich mich fiebrig, ohne dass Fieber wirklich austritt, fühl mich seitlich in den Tunnel gepfiffen. Auf dem Boden der Kneipe entdecke ich einen kleinen gelben Plastikwassernapf für Miniaturhunde, ich bin gerührt, siebenundzwanzig Jahre sind um. Ich habe Geburtstag und bin in Gelsenkirchen. Ich sehne mich zwanzig Jahre zurück, die Ohren am Kofferradio Bajazzo von Telefunken, samstags, den Bundesliga-Reportagen lauschend, wenn Stan Libuda zum Tanz aufspielte.
Wo ist eigentlich dem Libuda seine Zigarrenbude?
Und wieso ist der FC Olympia Hessler nicht berühmt geworden? Wieso der FC Schalke?

Die Männer am Tresen haben sich zum Skat niedergelassen.
"Hat der die Zehn! Leck mich am Arsch!"
Die Schnäpse werden als "Schweinchen" geordert.
"Manni, bring noch fünf Pils!"
"Schweinchen dabei?"
"Sicher!"
"Fünf?"
"Fünf! Und wat is mit dem Käffchen fürn Heinz? Schon durchgeträllert?"

Am Tresen ist ausser mir nur ein Jeansheld übriggeblieben, mit klobigen Beinen, die nach Ketchup riechen. Seine Gesichtshaut ist rein. Männer mit reiner Gesichtshaut sind verdächtig. Mehrmals und ungefragt tut er kund, wie sehr ihm "Mercedes Benz" von Janis Joplin in CD-Qualität gefalle.
"Einfach a-capella is dat! Dat is super!"
"My friends all drive Porsche", singt sogar der Wirt mit, und mir schlafen die Füße ein.

Rückfahrt über Düsseldorf. Überall müde Donnerstagsmenschen beim Nickerchen. Mir gegenüber ein Schulmädchen. Sie schnübbelt Süssigkeiten aus ihrer Bonbontüte, die sie nach jeder Entnahme wieder verschliesst, sehr ordentlich und selbstvergessen untersucht sie auch den Mückenstich an ihrem Ellbogen, speichelreibend, ein einziges Mal verzieht sie ihren Mundwinkel, als sie einen sauren Drop erwischt.

In drei Tagen hat die Gräfin Geburtstag. Eigentlich wollte ich ihr ein blaues Nachthemd bauen, als Geschenk. Ich liebe es, wenn sie abends im Nachthemdchen durch die Wohnung huscht. Ich werde später noch bei ihr reinschneien. Das werde ich tun.
Um zehn Uhr abends komm ich in Solingen an. Vorm alten Hauptbahnhof warten die Taxis.
Ein Taxi.
"Zum Mumms", sag ich.
"Mumms? Da ist doch tote Hose, donnerstags", meint der Fahrer.
Der soll die Klappe halten und Taxifahren.

Endlich steh ich am Tresen. Das Mumms ist mein Wohnzimmer, und es sind Bekannte da. Weil mein Kugelschreiber leer ist, leih ich mir von Marina, der Zapferin mit dem netten Schürzchen, einen Stift mit roter Mine.
"Ich hätte auch gern einen Kuli mit roter Mine", sag ich zu Karlos, der schon ziemlich hinüber ist.
"Ich kann dir meine rote Fresse leihen", erwidert der.
Ich bin daheim.
25.6.06 12:32


BREMSE

Endlich, ich werde gebraucht als Kettenraucher! Weil es an diesem drückend heißen Sonntagabend nur so wimmelt von Schnaken und Bremsen, die der Gräfin beim Waldspaziergang allesamt unter den Rock wollen, stapfe ich im Windschatten hinter ihr her, eine Zigarette nach der anderen paffend.
"Die Biester mögen keinen Rauch!"
"Ja, schon gut, schon gut, rauch du schön."

Das Gelichter wird ja nicht nur von unserem Schweiß magisch angezogen, sondern auch vom Gülle-Geruch, der unter unseren Schuhsohlen klebt, seit wir dieses frisch eingekübelte Feld passiert haben, auf dem sich Frau Moll ihr Fell eingerieben hat, es war ihr eine Freude.
Eine Suhle!
"Den Bremsen aber auch!" merkt die Gräfin an.
"Das sagte ich bereits", sage ich.
"Wem? Mir?"
"Nee, dem Saalpublikum."
"Welchem Saalpublikum?"
"Na, den Leuten hier, die mitlesen."
"Verräter", murrt sie.

Damit muss man leben, mit diesem Vorwurf, wenn man ständig seine Freundin zitiert. Seine Frau. Seine Muse.
"Sag mal, gibt es die Gräfin wirklich?" hat neulich jemand gefragt - oh ja, die gibt es. In ihren schrägsten Zeiten ist sie Sesamstraße: Hat sie keine Zitrone zur Hand, mixt sie sich ihre Cola eben mit einem frisch & sauber Citro-Tuch.
"Wenn man ganz still ist", sagt sie jetzt, "hört man sogar die Bäume, wie sie unter der Hitze leiden."
Wir bleiben stehen. Das will ich hören. Auch Frau Moll lässt sich sachte nieder, in dieser Parkbucht am Wegesrand, wo sonnabends die Discohirsche vorrollen, zähnebleckend, den flatternden Schal im Cabriowind.

"Immer nur Blödsinn in diesem Gehirn", zischelt die Gräfin. Sie hat plötzlich die Schnauze voll vom Sommer und schon den Herbst im Bauch.
"Tut richtig weh."
Dabei geht es nur um diese dämlichen Bremsen. Wollen wir doch mal ehrlich sein.
"Bei so einem Insektenwetter geht man eben nicht in den Wald", doziere ich." Das zerrüttet nur deine Nerven."
Ihre Hände, ständig zuschlagbereit, wie zwei Fliegenklatschen, es könnte sich ja die nächste Bremse nähern. Aber die Gräfin ist nicht unschuldig an dieser Situation, vor allem die Arme und Beine sind zwei Reißer, sind Kassenmagnet.
"Kannst noch froh sein, dass die Bremsen nicht fleischfarben sind."

Ich notiere meinen eigenen Satz in mein Notizbuch, da krabbelt ein Insekt meinen Arm hinauf. Zielstrebig, aber nicht hektisch.
"Zecke!" prescht die Gräfin vor und flitscht das Tier mit dem Zeigefinger weg.
"Eine Zecke? Das war doch keine Zecke", sag ich überrascht, "das war ein Käfer."
"Quatsch, das war eine Zecke! Die war noch klein!"
Du Scheisse! Die sah aus wie ein süßer Käfer, die Sau!!

Paar Minuten später, inmitten der Wupperberge, dreißig Grad in ihrem Schatten, schlägt mir die Gräfin mit der flachen Hand ins Gesicht! Ansatzlos! Voll auf die Wange!
"He!" ruf ich. "Was machst du denn da!?"
"Eine Bremse! Da war eine Bremse!!"
Tatsächlich habe ich aus den Augenwinkeln noch etwas Dunkles wegtaumeln gesehen, aber..
"..kannst du mich demnächst nicht vorher warnen, bevor du zuschlägst?!"
"Dafür war keine Zeit, mein Lieber."

Ich bin beleidigt. Zur Erfrischung waten die Gräfin und Frau Moll durch den Klauberger Bach.
"Guck mal meine Sandalen! Die können schwimmen!"
"Toll", grummel ich.
Ich steh oben auf dem Steg und beobachte, wie sie eine Bremse nach der anderen killt - oder alles, was sie dafür hält. Frau Moll stinkt weiterhin selig nach Gülle, das dolle Luder. Wie ein schwarzes Eselchen mit leichtem Hüftschaden bewegt sie sich durchs flache Wasser.

Als der Abend allmählich ausatmet und die Nacht Luft holt, verlassen wir den Wald. Ein Pärchen kommt uns entgegen. Die rothaarige Frau quasselt dermaßen auf ihren Begleiter ein, dem hängt schon die Hose in den Kniekehlen.
"Da hat jemand meine Unterschrift gefälscht und dann mit meiner Karte fünfzig Euro abgehoben! Das musst du dir mal vorstellen, Rolfi!"
"Zss", meint Rolfi niedergeschlagen.
"Pass auf, das dauert keine zehn Minuten und dem armen Rolfi ist die Hose bis auf die Knöchel runter und er macht Pipi", mutmaßt die Gräfin.

Obwohl wir nur noch um die Ecke müssen, setzen wir uns am Sommerberg eine Runde auf die Bank. Ich fächre der Gräfin mit dem Notizbuch Luft zu, und einen winzigen Moment lang spiele ich mit dem Gedanken, mich zu rächen, für die Ohrlasche eben. Den Bremsvorgang. Aber sie sieht so entspannt aus plötzlich, die Augen genussvoll geschlossen, vor lauter Entspannung entfährt ihr ein tiefer Seufzer, ein geradezu kardiologischer Bass-Sound, wie auf der Säuglingsstation.
Selbst Frau Moll hält neugierig das Köpfchen schief.
27.6.06 10:36


698

1
Abends im Park. Hundebesitzer und Hunde sammeln sich auf der abschüssigen grossen Wiese. Zuletzt kommt auch Biene angeschossen, das weisse Terrier-Weibchen, das es faustdick hinter den Ohren hat und wie die personifizierte Park-Polizei auftritt. Eigentlich fehlt nur eine schicke Bullenmütze mit kreiselndem Blaulicht obendrauf.
"Hab ich schon erzählt, dass ich hier einen verletzten Sittich gefunden hab?" erzählt Bienes Frauchen, "bin ich direkt zum Tierarzt, Doktor Frank, kennen Sie den, ein Fass ohne Boden wenn's um Geld geht sag ich Ihnen, der hat das Vögelchen erst mal geröntgt, und was war? War das Knie angebrochen."
"Ich wusste gar nicht, dass Vögel Knie haben", sag ich überrascht.
"Na ja, vielleicht nicht das Knie direkt, irgendwas am Beinchen war gebrochen. Musste drei Tage beim Tierarzt bleiben und einmal Röntgen, siebzig Euro!!"
"Wahnsinn!" erregen sich die Umstehenden.
"Ist doch ein Fundtier! Und dann trotzdem 70 Euro!"
"Das ist unanständig!"
"Der bumst Kühe, der Doktor."
Schlagartig Stille. Alle Blicke auf den Typ, der das gesagt hat.
Sein junger Hund heisst Benni. Angeblich zugelaufen. Brauner Magnolienmischling, riecht wie ein schlechtes Stück Seife. Frau Moll möchte daraufhin s-o-f-o-r-t rein.


2
Und dann war da dieser Mann, dem die Frauen immerzu laufen gingen, also dachte er sich eines Tages, ich nehme mir eine im Rollstuhl, die kann gar nicht abhauen, die ist wie ein Lamm am Pflock, doch als er eine gefunden hatte, dauerte es keinen halben Monat und die Frau nahm so was von den Rolli in die Hand.


3
"Du brichst Brezel, wenn du redest", beobachtet die Gräfin mein Spiel mit den Händen.


4
Da wir in einer Zeit leben, in der alle zivilisierten Menschen unter 40 radikal enthaart sind, fragt sich einer über 40:
Sind es Blattschneideameisen, die eure intimen Tafeln abräumen?


5
Das ist ja mal wieder typisch! Die Pfleger in den zoologischen Gärten scheißen die Gehege voll und schieben es den armen Tieren in die Schuhe!


6
Stinklangweiliges WM-Spiel, als wären zuviele Spieler auf dem Spielfeld.
"Am besten, die ziehen sich unterm Trikot einen Rasenanzug an", schlägt die Gräfin vor, als wir gerade die Möglichkeiten ausloten, sich auf dem Platz unsichtbar zu machen, sollte die Spielsituation es erfordern.
"Da bist du doch Experte drin", sagt sie, "Verpissen, Leine ziehen, unsichtbar machen."
Ich strahle vor Stolz.
"Yepp!"


7
Ich hab schon immer so getan, als würde das Leben ewig weitergehen, auch wenn ewig auf der Stelle vorbei sein
kann.


8
"Verdammt, ich muss noch irgendwas essen, aber ich weiss nicht was, ich hab überhaupt keinen Hunger!!"
(Die Gräfin, absolutely live)
27.6.06 20:20


VALENTINADE

"Dass Sie sich für so was interessieren, hätt ich ja nich gedacht", wundert sich mein Chef, den es aus dem tiefen Sauerland ins Bergische verschlagen hat.
"Wieso nicht?"
"Na ja, ich persönlich kann mit Theater nix anfangen. Meine Frau sagt immer, Dieter, was Kultur angeht bist du ein Blödmanns Gehilfe, hä-hä."
Er sucht seine Streichhölzer.
"Und was gibt es da heut Abend?"
"Valentinaden", sag ich.
"Valentinaden? Och! Was zu essen?"
"Nee, Sketche. Von Karl Valentin."
"Ach, der Valentin! Kenn ich! Das ist doch so ein schmaler Hering oder?"
"Hm. Ja. War."
"War?"
"Der war ein Hering. Der ist tot. Ein toter Hering."
"Ach soo! Nee, ist klar!"

Eigentlich ist mein Chef ganz okay. Klotzt seine sechzig HB's am Tag, alle in einen Aschenbecher, doch dass ich gleich ins Theater gehe, das passt nicht recht in sein Weltbild.
"Ich mein, Sie haben mal gesagt, dass Sie ab und zu in eine Kneipe gehen, wo Kabarett gespielt wird oder so was, aber richtig ins Theater.."
Ich starte einen weiteren Versuch.
"Stimmt ja auch. Das ist eine Kneipe mit kleiner Bühne, da kann man als Zuschauer mal ein Bier trinken zwischendurch oder ne Kippe rauchen, oder ein bisschen fummeln."
"Also doch ne Kneipe!"
Beruhigt steckt er sich eine HB an.

"Ist mir übrigens aufgefallen, hier in der Gegend trinken fast alle Küppers, ne?"
Ich nicke. "Oder Kölsch."
"Hä-hä", sagt er und dann machen wir die Übergabe.
"Irgendwas besonderes?" fragt mein Chef, der jetzt die Nachtschicht übernimmt, weil ich ins Theater geh.
"Eigentlich nicht. Bis auf diesen komischen Franzmann vom zwölften Stock. Der hat mir eben auf französisch die Hucke vollgequakt. Ich glaub, der wollte eine Vorwahl wissen von Guayana. Wie soll ich die denn rauskriegen?!"

Der Chef ist mindestens zwei Meter gross, hat gelbe Augen und spricht mich auch nach drei Jahren immer noch als Herr Klump an statt Glumm.
"Wenn der Franzmann noch mal runterkommt, verpass ich ihm gleich eine, was, Herr Klump?! Hä-hä."
"Die sind aber zu sechst", sag ich.
"Zu sechst? Wieso sechs?"
"Firma Moulinex, sechs Einzel."
"Ach sooo."
Womit das Thema durch ist.

Ich zieh mir die Jacke an.
"Aber dann ist das doch kein richtiges Theater was die machen", lässt er nicht locker. "In ner Kneipe."
"Wieso nicht? Da kommen bestimmt zweihundert Leute pro Vorstellung."
"Zweihundert?" Seine Kippe glüht wie ein Goldfisch. "Können die denn davon leben? Ich mein, die Schauspieler, die machen das doch nur nebenberuflich, oder?!"

Da hat er wohl recht. Karlos jedenfalls jobbt nebenher als Sargträger. Kann passieren, dass er vor einer Vorstellung noch ein, zwei Tote über den Friedhof tragen muss. Und wenn besonders schwere Menschen beerdigt werden, "meine Wildecker Herzbuben", wie Karlos sie nennt, dann kann es schon mal passieren, dass sich beim Einlassen der Kiste die Seile lösen und die vierhundert Pfund fahren mit Radau in die Grube.
Dann singt die Gemeinde.

"Was machen die denn für Theater?" kommt die Frau des Chefs hinzu, aus der Küche, wo sie mir einen schönen Beutel mit Wurstresten für den Hund gepackt hat. Der rührt die Wurst zwar kaum an, aber wenn ich das der Chefin beichte, lässt sie mich morgens nicht mehr früher gehen. "Machen die auch Kabarett? Kabarett find ich gut."
"Also, die machen ne Menge verschiedene Sachen. Auch.. wie soll ich sagen? Modernes Theater. Auch mal ne kurze Oper. Ist verschieden. Irgendwie Pop."
"Was, Oper?! So richtig mit Dingens? Ähh Orchester?"
Verdammt! Der Chef ist in seinem Element. Ich altes Plaudertäschchen.
"Nee, Orchester haben die nicht. Obwohl manchmal sind Musiker dabei. Nicht immer. Manchmal."
"Also, dass Sie sich für so was interessieren, das hätte ich nie gedacht!" geht es wieder von vorn los, als ich endlich den Dreh kriege.
"Ehrlich gesagt, so wahnsinnig interessiert mich Theater gar nicht. Aber bei denen spielt der Karlos mit, ein Freund von mir, schon seit Ewigkeiten, deswegen."
"Ach soo!" blökt der Chef und knüllt die HB-Packung zusammen. "Nee, das ist klar! Also, bis morgen dann, Herr Klump! Schüss!"
28.6.06 13:43


ES BLEIBT EIN LÄSSIGER AUFRUHR (700)

1
wenn skamusik das rassige mauerblümchen der popmusik ist, dann ist 70er-jahre-reggae meine private laute ecke am vormittag. eine einzige nummer dreh ich voll auf. ich hab da diesen wunderbaren sampler "greatest reggae hits (4)", zusammengestellt in eindhoven/nl, wo der einzigartige dillinger drauf ist:"GIMME LITTLE LUV FROM ABOVE" grunzt er im härtesten kingstonenglisch, die e-gitarre malocht in einer weithin leeren halle, befeuert dillingers wut, aber es bleibt ein lässiger aufruhr, und nach 3einhalb minuten hab ich auch keine lust mehr.

2
In den ersten beiden Schuljahren stand es im Zeugnis der Gräfin:
DIE KLEINE G. GUCKT LIEBER AUS DEM FENSTER
ALS DEM UNTERRICHT ZU FOLGEN.
Noch heute muss ich mich in den Vorgarten stellen und mit Photos vom Pausenhof wedeln, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

3
Mutter Rocketta, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, ist so sparsam, sie fährt sogar den Strom für den Kühlschrank runter. Im Sommer hat das fatale Folgen. Da sitzen die Bakterien, gross wie Gurken, vorne im Butterfach und wippen freudig mit den Beinchen, wenn die Kühlschranktür wieder zuschnappt.

4
Nachdem ihr vor Müdigkeit das Gesicht in tausend Stücke zerfallen war, ist sie nun froh, als sie es wieder in den richtigen Proportionen zusammengesetzt bekommt.

5
Ihre Haut, über die ich gleite wie über eine warme Eisbahn.

6


7
Die Gräfin kommt aus dem Garten hoch, vom Sonnenbaden. Jetzt steht sie vorm Spiegel.
"Wie seh ich denn aus?! Wie Hänsel und Gretel! Und zwar wie beide zusammen!"

8
Noch eine kleine Marktlücke:
Sich selbst anziehende Schuhe, die sich um die Füße legen, ohne dass man sich noch bücken muss.

9
Manchmal begegnen einem Leute, von denen man dachte, sie seien längst ausgestorben. Dann ist der Jubel aber gross oder der Jammer.

10
29.6.06 16:00


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