Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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MEINE NEUE HANDYNUMMER

Ich kann an keinem Gummiring vorübergehen, ohne ihn vom Boden aufzuheben. Ich meine die roten Gummiringe, mit denen Zeitschriften eingerollt werden. Die Dinger liegen überall rum. Sehe ich eins und heb es nicht auf, stehen mir neun Stunden Unglück ins Haus, nicht verhandelbar und ab sofort. Also bück ich mich nach jedem verlausten ausgeleierten Gummi, solang es kein Pariser ist. Nachteil: da die Augen permanent den Boden abtasten, kriege ich von meiner Umgebung nichts mehr mit. Da muss schon was Spektakuläres vorfallen. Wie auf dem Friedhof, als mir morgens um halb Acht zwischen den Gräbern dieses moderne Schulmädchen entgegenkommt. Sie trägt etwas Grünes um den Mund herum. Sieht aus wie ein OP-Mundschutz. Wieso trägt die einen Mundschutz?! Wovor schützt die sich? Vor dem Leichengeruch? Der Vogelpest? Erst als wir auf gleicher Höhe sind, erkenne ich: Es ist das Display ihres Handys, in das sie beim Gehen hineinstiert und das ihre Mundpartie flaschengrün ausleuchtet, wie ein optisches Echo. Junge, hat die ein strahlendes Gesicht! Ich hab nicht mal ein Mobiltelefon! Nur Festnetz! Da muss ich immer zu Hause bleiben, damit mal jemand anruft! Ich will auch mit grüner Fresse modern über den Friedhof latschen morgens um halb acht auf dem Weg in die Stadt. Ich brauche eine Teilnehmernummer. Verdammt.
3.5.06 08:42


665

Schwüle 28 Grad, Füße und Finger fies verschwitzt, selbst das Münzgeld klebt in der Hosentasche fest, aber Schweissausbrüche haben ihren Ursprung in unserer kollektiven Vergangenheit. Mit der glitschigen Haut wollten unsere Urahnen ihren Verfolgern den Zugriff erschweren.
"Dieser verdammte Fisch! Ich krieg ihn nicht zu fassen!"

*
Die Gräfin drückt sich so vorsichtig einen Pickel aus, als puhle sie Pistazien aus der Mortadella. Die mag sie nämlich nicht.
"Wieso das denn?! Die mag ich sehr wohl!"
"Ruhe! Ich muss etwas beschreiben. Ist doch egal, ob das stimmt. Hauptsache, es klingt richtig."
Tja, da beisse ich bei der Gräfin aber auf Granit. Ginge es nach ihr, müsste alles genau so beschrieben werden, wie es ist, und nicht, wie es sein könnte.
"Schreib das nicht! Schreib das anders!"
Und so sitz ich hier und zerbrech mir den Kopf, wie die Gräfin denn nun richtigerweise ihren Pickel ausdrückt. Vielleicht so vorsichtig, als puhle sie aus der Mortadella die Pistazien heraus, die sie so gerne mag, sie möchte sie solo verzehren, ohne störende Fleischwurst drumherum.
"Na, so gern mag ich Pistazien nun auch wieder nicht!"
Ich bin in Schwierigkeiten.

*
"Die hat keine Augen, die hat Suppe!"
(Die Gräfin beim Betrachten einer Nachrichtensprecherin).

*
"Du weisst mal wieder alles besser, du Unterarmfrisör!"
(Die Gräfin zu mir, während auf arte DAS DORF DER VERDAMMTEN läuft, GB 1959/60, Foto)

*
Die Welt ist ganz warm heute.
Sie muss sich ein wenig ausruhen.
Es sieht nach Regen aus.
3.5.06 18:04


666 - DIE HUCKE VOLL

Nach der Mittagsrunde mit dem Hund kommt die Gräfin gereizt heim.
"Der hat mir vielleicht die Ohren vollgesabbelt!"
"Wer?"
"Weiss ich doch nicht, wie der heisst. Der hat so dicke Adern auf der Stirn. Wie Krallen."
"Ach so", sag ich. "Der."
Andere Hundebesitzer können unerbittlich sein. Begleiten einen, ob man will oder nicht.
"Gehen Sie in diese Richtung?"
"Nein. In die andere."
„Sehr schön! Ich komm mit!"
Die Leute sind wie ein Klemmbrett, auf dem ein Dauer-Monolog eingespannt ist. Ob das den anderen interessiert oder nicht, wen interessiert das schon.
"Keiner kann mehr allein sein", mault die Gräfin. Sie ist ganz grau und hat ein Pfund abgenommen, bei einer einzigen Begegnung. "Jeder will in Gesellschaft masturbieren."
"Ich kann sehr gut alleine sein", entgegne ich, "wenn keiner da ist."
Die Schwäche der Gräfin: da sie es unhöflich findet, andere Menschen abzuweisen, wird ihr ohne Ende die Hucke vollgequatscht. Die Textköpfe dieser Welt haben dafür ein feines Gespür.
Eigentlich würde ich gern fragen, was der mit den Krallen alles erzählt hat, vielleicht kann ich was gebrauchen für mein gefrässiges Notizbuch, das futtert ganz schön was weg, Anekdoten, Bonmots, Lakonisches, aber die Gräfin entspannt sich schon vorm Fernseher.
Wenigstens da will sie ihre Ruhe haben.
"Mein ganzes Leben ist ein einziges vergeudetes Serienhighlight", seufzt sie und schaltet um auf einen französischen Spielfilm. Sie liebt französische Spielfilme, aber der hier ist mit akustischer Bildbeschreibung für Sehbehinderte. Jede Szene, in der kein Dialog vorkommt, wird ausführlich aus dem Off kommentiert.
"Jetzt sabbelt mich auch noch der Fernseher voll!"
Ich verzieh mich in die Küche, Küsse kochen. Die werde ich später leise an ihren Leib schieben.
4.5.06 19:11


PUDDING lI - DER COLT

Heut Nachmittag geh ich mit dem Hund die Korkenziehertrasse entlang, wer kommt mir aus der Dunkelheit des Tunnels entgegen?
Der Pudding.
Lang nicht mehr gesehen. Er trägt seinen Deutschlandparka und im Mund die abgekaute Roth Händle.
"Hör mal, das ist doch nicht der Hund, mit dem deine Frau immer rumläuft?!"
"Na sicher ist der das", sag ich.

"Dann ist der aber ganz schön auseinandergegangen. Was gebt ihr dem denn zu fressen? Hefe?"
"Blödsinn. Der ist nur kein Welpe mehr. Das ist alles, Pudding. Ganz normal."

"Normal.. "
Er hat eine Tasche umhängen, in der Leergut klimpert. Er sieht erschöpft aus.
"Was ist los, Pudding?"
"Ach komm, hör auf. Ich bin jetzt in Hartz vier, und was machen die Verbrecher? Nehmen mich aus der Vermittlung raus. Weil ich angeblich zu krank bin. Dabei will ich arbeiten. Sollen sie mich doch abknallen. Wären sie mich los."
Die Kippe, kalt geworden, dreht sich im Mundwinkel mit, wenn er redet.
"Jetzt sammel ich leere Bierpullen und Dosen, damit ich vom Pfand mein Angelzeugs bezahlen kann."

In einem Western wäre Pudding in der Salloon-Szene der unrasierte Cowboy am Ende der langen Messingtheke, bei dessen Anblick jeder Zuschauer denkt, oha, dem sitzt der Colt aber locker.
Der grosse Kindercolt.

"Was hat man denn noch, ausser am Rhein sitzen und ein bisschen angeln."
Er rechnet mir vor, dass er den Fisch eigentlich supergut verkaufen könnte.
"So ein Aal, fast fünfzig Zentimeter, da hol ich am Wochenende vier, fünf Stück raus. Was glaubst du, was so ein Fisch kostet, zu Weihnachten?"
Ich hab keine Ahnung. Ich bin fies vor Weihnachten.
"Zwanzig, dreissig Euro das Stück! Da könnte ich an einem einzigen Wochenende mehr Patte machen als.."
Er führt die Rechnung nicht zu Ende, winkt nur ab.
Das versteh ich nicht.
"Dann mach das doch. Verhöker den Fisch."
"Darf man doch nicht!"
Pudding kaut auf der Kippe.
"Wenn ich dabei erwischt werde, bin ich sofort meinen Angelschein los!"
Na dann. Was soll man einem armen Schlucker sagen, der sich nicht traut, den Fisch zu verkaufen, den er selbst geangelt hat. Der lieber eine leere Fantadose vom Boden aufklaubt, die ich ansonsten platt trete und die Strasse entlang kicke. Muss man ja auch mal so sehen.
Der klaut mir Freude.

"Pudding", sag ich, "Ich muss mal los, in die Stadt."
Kipperingend sucht er nach einer gelungenen Pointe zum Abschied, doch dieses Mal will ihm partout nichts einfallen.
Wir reichen uns die Hand.
"Machs gut, Pudding."
"Jou, du auch. Und fütter den Hund nicht mit Hefe, sonst wird der noch zum Teilchen."
"Puddingteilchen", sag ich.
"Genau."
5.5.06 14:27


NORDFRANZÖSISCHES TAGEBUCH (auszug)

16. Août


Die letzten Nächte schlafe ich tief, wie in einem Ozean. Beim Aufwachen reite ich einen Fisch mit grossem Busen. Ich hab ein Riesenschlaffitchen.
"He..!" murmelt die Gräfin. "Hab ich da keinen rechtlichen Anspruch drauf, auf das Riesenschlaffitchen?"
"Baby", sag ich.

Am Ende der zweiten Woche haben wir doch noch gefunden, was uns von Anfang an vorschwebte. Ein Zeltplatz direkt am Meer, ein kleiner Lebensmittel-Laden keine dreissig Meter entfernt, und das Restaurant Chez Bernadette, wo es morgens grande cafe gibt und abends wechselnde Menus. Die macht sogar eine unheimlich leckere Coca Cola, die Bernadette. Und die Sonne knallt bereits den dritten Tag hintereinander vom Himmel!
Es ist alles da, was zwei Strandschlampen um die Dreissig brauchen, um auf die Vierzig zugehen zu können.

Ein Haufen Salzwasser und ein Fotoapparat.
"Das Foto zieh ich dir von der Miete ab!" droht die Gräfin wiederholt, weil ihr das Motiv nicht gefällt. Ich fotografiere ihrer Meinung nach viel zu viel.
"Das sieht doch total langweilig aus später auf dem Bild."
Dabei hab ich einen 1a roten Traktor geknipst. Ich muss jeden roten Traktor, an dem ich vorübergehe, auf Silberfilm würdigen. Das ist ein Reflex, der tief in mir wurzelt, seit ich in der dritten Klasse mit Wasserfarben einen roten Traktor gemalt habe, und dafür die einzige Eins bekommen habe. Die einzige Eins, die ich jemals in Zeichnen bekommen habe, meine ich. Ich hatte nämlich einen massiven roten Spielzeugtraktor zu Hause, mit Anhänger, aus Metall. Das hab ich in Gedanken einfach abgemalt.
Meine Kindheit war ein roter kräftiger Traktor.
Ich fotografiere immer und immer wieder meine Kindheit, wenn ich einen roten Traktor sehe. Und wenn der dann noch im rötlichen Abendlicht verlassen am Strand steht..
"Sieht trotzdem langweilig aus."

Plötzlich ist die Flut da. Während die Gräfin arglos auf mich eindrischt und ich traktorisierend dagegen halte, hat die Sau sich klammheimlich angeschlichen. Wir weichen mit dem Handtuch zurück.
Welche Überraschung der liebe Gott wohl sonst noch für uns parat hält?
Ich glaube, er weiss es selber nicht.

Ansonsten benutze ich das Meer nur noch als Klo. Geh bis zur Hüfte rein und pisse eine Runde durch die Badehose, während neben mir eine französische Grossfamilie "Hatchu!" niest.
Die niesen sogar anders, die Nordfranzosen.


19. August

Als der Regen nachlässt gehen wir endlich was essen. Wird auch Zeit. Gleich gegenüber vom Campingplatz liegt dieses exklusive Restaurant, in einem alten Herrensitz. Von Chez Bernadette haben wir jedenfalls die Nase voll.
Ich wähle das erstbeste Touristenmenü mit Entrecôte und die Gräfin ein Huhn.
Dafür, dass es hier so gediegen aussieht, trampelt die Serviererin ganz schön mit dem Geschirr durch die Gänge.
"Madame!" weise ich sie zurecht.
Ihr Blick flackert wie ein defektes Lämpchen, in all dem Glitzer.

"Weisst du was?" sag ich zur Gräfin, "Ich guck mir mal das normannische Klo hier an."
Sieht gut aus. Edel. Orchestermusik kommt von irgendwo hinter den Kacheln her. Nachdem ich die Schüssel vollgeschissen hab, gerate ich in Panik, weil die Wasserspülung nicht funktioniert. Es dauert eine Weile, bis ich herauskriege, dass man erst ein verstecktes Ventil am Wasserkasten öffnen muss, um das Schiffchen versenken zu können. Den Flottenverband.
Von aussen drückt jemand schüchtern die Türklinke.
"Non!" rufe ich.

"Die war verdammt seetüchtig, die Queen Mary", will ich der Gräfin am Tisch mehr von der dampfenden Marine berichten, doch sie blockt ab.
"Hoffentlich kommen die hier bald mal mit dem Huhn um die Ecke!" scharrt sie mit den Füßen.
Als das Geschirrtrampel endlich die Vorspeisen auffährt, sind die Teller ruckzuck abgearbeitet, selbst von den Salatblättern, die zur Garnitur beiliegen, ist nichts mehr zu sehen.
Meins nehme ich volley aus der Luft! Die Gräfin klatscht begeistert Beifall. Erste Blicke von den Nachbartischen, die jedoch spärlich besetzt sind.

Hauptgang. Bei den Mini-Portionen hier, sogar die Erbsen schieben wir einzeln auf die Gabel, bin ich nur am Brot nachbestellen.
"Madame!"
Allmählich wird ihr Gang grantiger. Beinahe österreichisch.
"Haben Sie mein Entrecote gesehen?"
"Das ist in deinem Mund", antwortet die Gräfin.
"Ah. Merci."

Am leckersten ist noch der Rosé. Dazu wird eine Salonmusik vom Band gereicht, als würde Max Greger auf einer in Calvados eingelegten Petersilie blasen.
"So hört sich das doch an! Wollen wir doch mal ehrlich sein!“ rufe ich beschwipst aus. „Pissbude hier!"
Der Urlaub kommt allmählich in Schwung.
Das warme Licht aus den Kronleuchtern weckt nicht nur Sehnsucht nach eleganteren, älteren Zuständen, es setzt auch die Gräfin in Szene, in ihrem schlichten weissen Minikleid. Zudem ist sie so braungebrannt, als hätte sie die halbe Nacht am Lagerfeuer gesessen, ohne zu merken, dass sie mittendrin sitzt.

Zum Dessert gehe ich auf Nummer Sicher mit einer Mousse-au-Chocolat, während die Comtesse („Wie superb du aussiehst, in dem weissen Mini!“ „Mini? Das ist das lange weisse Unterhemd von deinem Grossvater, du Blödmann!“) eine Käseplatte wählt.
Darauf sind aber derart viele verschiedene Käsespezialitäten, dass sie böse wird, kann sie sich doch nicht entscheiden, was sie zuerst probieren soll.
"Sonst genierst du dich doch auch nicht so!" werfe ich ihr beiläufig vor, und plötzlich bricht ein lautstarker Streit vom Zaun.

Noch auf dem Rückweg zum Campingplatz, die Fresserei hat eine Unmenge Kohle gekostet, fetzen wir uns wie schon lange nicht mehr. Als wir schliesslich im Zelt liegen, erschöpft von gegenseitigen Vorhaltungen, zieht am Himmel ein Gewitter auf. Der grosse weise Elektriker lässt Blitze über den Atlantik schiessen, es giesst aus tausend Himmeln und hört erst auf als wir beide endlich rien ne vas murmeln.
Plus Schlaffitchen!
5.5.06 20:30


667, 668, 669

Ein Mann im Unterhemd ist immer auf dem Sprung.

*
Als die Gräfin heute freundlich lächelnd am Spielplatz vorüberging, haben ihr ein paar vorlaute Gören "Hippie!" nachgerufen. Dabei ist sie ein Beatnik.
Die sportive Form von Hippie.

*
Fernsehen ist die grösste Armee seit der Erfindung.

*
Sandalös lässig lehnt die Gräfin am VORSICHT! BAUARBEITEN- Schild, das dermaßen schief auf dem Bürgersteig steht, es scheint, als schaufele der Arbeiter direkt in den Himmel rein. So kriegen wir die schwarzen Löcher natürlich niemals gestopft.

*
Ich werd immer misstrauisch bei Leuten, die Schimpfworte nicht ausschreiben. Die "das find ich sch..." schreiben. Diese pünktchen pünktchen pünktchen Scheisse. Das macht mich krank. Entweder ich lasse es oder ich schreib es aus. Entweder oder. Natürlich gibt es Ausnahmen. Es gibt immer Ausnahmen. Die Welt ist voll davon. Schon unser Planet ist eine einzige beschissene Ausnahme.

*
Der Himmel sieht aus wie ein OP-Saal.
Überall Tupfer.

*
In meinem Schreibzimmer riecht es, als hätte ich es untervermietet an einen kettenrauchenden Zwergstaat. Meint mein Bruder, als er reinkommt. Mit Kippe im Hals und Kehlkopfrauschen.

*
"Susanne guckt lieber aus dem Fenster", schrieb die Grundschullehrerin der kleinen Gräfin ins Zeugnis des 1. Schuljahres.
Die Gräfin kann sich sogar noch an dieses Fenster erinnern, aus dem sie immer geguckt hat. Es war weiß, und aus Holz. Und auch wie empört sie gewesen war, weil die Lehrerin diesen Satz ins Zeugnis geschrieben hatte. Das war doch ein Geheimnis! Wie die Vögel über den Schulhof jagten, wie der Regen gegen die Scheiben plästerte, wie die Schneeflocken fielen.

*
Jede Heimkehr
bringt Fieber.

*
"He-ja! Ich hab ne AIDS-Schleife geschissen!" kräht Mimi Schulz begeistert. Sie hockt auf dem Lokus.
"Aber jetzt tut mir der Darm weh."
Rocketta, ihr Verlobter, sitzt ruiniert am Küchentisch.
"Du hast die Schlange zu schnell aus dem Körbchen gelassen, Mimi."

*
Mein alter Kumpel Karlos, der Schauspieler, ist ja auch Sargträger. Eine gute Mischung. Er spielt das Leben - und bedient den Tod.
"Eigentlich gibt es da keinen Unterschied. Auf dem Friedhof leg ich für die Hinterbliebenen meine Theaterfresse auf, und wenn ich abends auf der Bühne stehe, ist es totenstill im Publikum. Manchmal."

Dennoch ist er kein ausgeglichner Charakter, er ist ein Hitzkopf, der frühmorgens schon zornig im Kaffee rührt. Und wenn er auf den letzten Drücker Richtung Haltestelle stürzt und der Busfahrer hochnäsig grinsend die Türen schliesst und Gas gibt, dann quittiert Karlos dies mit einem festen Tritt vor den Bus, worauf der Fahrer in die Eisen geht, in den Spiegel guckt und schnell wieder Gas gibt, denn was er da sieht im Rückspiegel, das ist kein cholerisches Gesicht mehr, das geht schon in Richtung Cholera.
Da wird Karlos zum Kessel, aus dem der Zorn schubweise züngelt.
So etwas kann einen städtischen Angestellten töten.

*
Mittags Probleme in der türkischen Pommesbude.
Ich kaufe ein Kölsch und erinner den Inhaber daran, dass er mir beim letzten Mal schales Flaschenbier angedreht hat.
Der Türke, den alle nur Hitler nennen, wegen seinem Oberlippenbalkon, protestiert.
"Bier nix schal. Hier, Flasche zu.. Bier gutt!"
"Na klar ist die Flasche zu. Aber wenn die zwei Jahre bei dir im Keller steht, wird das Bier trotzdem schal!"
"Bier nix zwei Jahr inne Kella! Bier gut! Imma gutt."
Ich wink ab. Was soll ich mich aufregen über ein Verderben im letzten Monat.
"Schon gut. Mach mir ne Currywurst fertig, mit Pommes."
Hitler guckt reichlich grau und zeigt in die Auslage mit den frischen Sachen..
"Nix immer Pommes. Kein Wunder, du kotzen Bier. Guck hier.. Gefüllte Auberginen. Ganze frisch."
"Ach, scheisse. Nee."
6.5.06 10:10


ZEDERN, ZEISIGE, ZIEGE

Die Gräfin spaziert über die Felder. Die Felder liegen auf einer windigen Anhöhe. Wohin man sich auch wendet, die Augen profitieren von den Hügeln in der Ferne während der Hund über die Äcker prescht und geleitet von aus Hasenhintern gekullerten Kötteln eine harte Spur verfolgt. Lässt sich die Gräfin am Wegesrand nieder, in einer letzten Schneeverwehung. Sie raucht eine Zigarette.
Der Wind reißt wie Styropor. Ein Gluckern, überall.
Ein Bussard kräht italienisch.

Zurück über den Zedernweg begegnet ihr ein Mann mit dickem Schäferhund. Er passt so gar nicht zu dem Hund. Wirkt eher wie ein Vogel, hager und zart. Selbst der Gang ist vogelig. Nicht keck genug für einen Spatz.
Der Mann ist eine Meise.
Die Hunde beschnuppern sich.

"Ist das ein Rüde?" fragt die Gräfin.
"Ja, das ist der Sam. Aber das ist nicht meiner. Der gehört meiner Nachbarin."
Na, denkt die Gräfin, war klar.
"Ich züchte Vögel", fährt er fort. "Kapuzen-Zeisige, hauptsächlich. Die kommen aus Südamerika."

Ein, zwei Minuten lauscht die Gräfin dem Gluckern und Seihern des auftauenden Schnees, während irgendwo in der Nähe eine Stimme mit männlichen Anteilen die schwierige Kreuzung eines südamerikanischen mit einem osteuropäischen Zeisig schildert.
"Aber alle Zeisige der Welt haben etwas gemeinsam. Sie singen immer: Ziegenfleisch ist zäh."
"Hübsch. Ich muss dann mal weiter", meint die Gräfin versunken.
"Ist klar."
8.5.06 10:18


OKTOBER STERNE

"Scheisse, lass sein. Sie ist nicht da", sag ich endlich zu mir und geh nach Hause in der Oktobernacht die Sterne dreidutzendfach am Himmel wie gläserne Aschenbecher ineinander gestürzt und gepurzelt in alle Richtungen himmeln sie auf mich nieder nach dem Abend in der Kneipe auf der Mummstrasse am Tresen an dem der Mitsubishi Boy angetrunken von der Isolation im Knast schwafelte von vierundzwanzig Monaten ohne Bewährung für ein dämliches Kilogramm an der holländischen Grenze von der Isolation die ihn glücklich gemacht hat nur noch gegrinst habe er und zuletzt ein ganzes Quartal lang sei er Jesus auf Krankenschein gewesen "SO GLÜCKLICH WAR ICH HIER DRAUSSEN NIE WIEDER!" singt er und Karlos ist da und Karlos ist verliebt und morgen ist Sonntag. Da sieht er seine neue Liebe. Sandy. Das höre ich mir jetzt nicht an. Nee. Ohne mich. Stratze ich von der Mummstrasse zum Neumarkt, wo sie wohnt im ersten Stock. Im Altbau. Kein Licht brennt in ihrem Zimmer und doch bleibe ich gegenüber in der Einfahrt der Sparkasse. Eine Stunde lang stehen und hinauf gucken zu ihrem Fenster. Vielleicht schläft sie schon. Ich werfe Steinchen.
Nein.
Sie ist nicht da.
Dann der Heimweg unter den Sternen und wie sie himmeln etc.

Zu Hause halt ich es kaum zehn Minuten aus. Und wähle ihre Nummer. Obwohl, da war doch gar kein Licht eben! SIE IST NICHT DA, GLUMM! NICHT DA FÜR DICH!
Andererseits, ist nicht der richtige Moment immer der unmögliche Moment? Und tatsächlich. Hab ja gar nicht damit gerechnet. Nimmt sie den Hörer ab. Ist überrascht. Dass ich anrufe.
"Bist du's?"
Sie glaubt es nicht.
"Ja. Hier bin ich."
"Jetzt bin ich aber baff."
"Ich auch."
Dann schweigen wir. Ich.
Sie.
Ihr geht es besser. Sie denkt nicht an mich.
"Warum?"
"Weil ich nicht an dich denken will."
Ich sag dass ich dauernd an sie denken muss.
"Kalt geworden, ne?" sagt sie.
"Ja", sag ich. "Ist ja auch das mindeste."
"Aber geil", sagt sie. "Ich bin jeden Tag im Wald, mit dem Hund, richtig stramm am Laufen, vier, fünf Stunden."
Und dann erzähle ich irgendwas von mir.

"Du bist so klar", wundert sie sich.
"Das machen die Sterne" sag ich und dass ich kaum kiffe, wenig saufe.
"Gräfin", sag ich, "Gräfin.."
"Ja", sagt sie. "Gibts denn gar nichts zu berichten?"
"Na doch", sag ich "Ich schreibe.."
"Schön", sagt sie.
"Erinnerst du dich an die vierzig Seiten, die du gelesen hast? Da arbeite ich dran."
"Ah. Und? Ist gut?"
"Karlos sagt ja, und die Agentin auch."
"Ist doch toll."
"Hm, ja. Aber.. dann gehts nicht weiter. Nach den vierzig Seiten. Es muss was passieren, in der Geschichte. Hörst du? Hörst du mich?!"
"Ja. Ich höre dich."
Ich höre Klimpern auf dem Klavier.
"Es muss was passieren.." wiederholt sie.
"Genau. Du weisst, was?"
"Was?"
"Was passieren muss.. in dem Text.."
"Na, ich glaub, ja."
Sie zögert, aber nicht lange.
"Du lernst mich kennen.. Ist das der Punkt, wo es hakt? Wo es nicht weitergeht?"
"Klar, ja.. Genau."
"Hab ja gar nicht gedacht, dass ich so wichtig für dich war.."
"War? Wieso war? Sag nicht war.."
"Gewesen bin", verbessert sie sich und schlägt wieder ein paar Klaviertasten an.
"Bist!" sag ich. "Wie wichtig du bist!"
Sie klimpert jetzt die ganze Zeit auf dem Klavier, das sie heute hochgeschleppt haben durch den Hausflur und danach war der Klavierstimmer da, fünf Stunden lang.
"Jetzt kann ich loslegen", klimpert sie.

"Langsam wird mir heiss", wird ihr heiss.
"Mir ist schon die ganze Zeit warm", sag ich.
"Ach du", sagt sie. "Du schnaufst immer so."
"Wann?"
"Na, jetzt hier. Beim Telefonieren."
"Merk ich nichts von."
"Ist schon okay. Ist schön, wenn du schnaufst."

"Was machst du denn sonst so?" frag ich.
"Tagsüber mag ich mich", sagt sie. "Und abends.. abends mach ich irgendwas. Bloss an nichts denken. Einfach was machen."
Endlich. Sie klimpert nicht mehr.
"Übers Wochenende fahre ich weg. Nach Darmstadt. Mal ne andere Stadt sehn. Solingen geht mir auf die Nüsse."
"Fährst du allein?"
"Nein. Nicht allein. Mit der Susanne."
"Ah", sag ich.
Wer ist Susanne?
"Und was hast du gerade an?" frag ich.
Sie gluckst.
"Jeans. Die geflickte. Und.. das Hemd."
"Das Hemd..? Welches Hemd?"
"Welches Hemd?? Na dein Hemd! Also, das weiss der das schon nicht mehr! Und dann willst du über uns schreiben?!"
Sie lacht und spielt wieder Klavier.
Ich hatte ihr ein Hemd geliehen.
Dann wird sie ernst.
"Ich hatte geglaubt, dass du den Schluss brauchst."
Ich bin nah am Hörer. Er schmerzt am Ohr.
"Es ist schön, dass du angerufen hast. Ich hab.. komischerweise keine Angst mehr vor dir, jetzt."
"Gräfin", sag ich.
"Ja."
Wir flüstern. Viel.
Leicht.
8.5.06 19:20


NACHMITTAG, 1983

In den achtziger Jahren wohnte ich auf der Schillerstrasse in einer Bude im Erdgeschoss. Das Fenster stand im Sommer meist offen und die Kumpel kamen nach Lust und Laune reingeklettert. Die Nachbarn murrten, waren empört, doch was sollten sie machen - schliesslich ist es nicht verboten, die Wohnung seines Freundes durchs Fenster zu betreten.
An einem Nachmittag im September war die Bude mal wieder rappelvoll, oder um mit Karlos zu sprechen, da war Schlagabtausch im Ballungsraum.
In Ordnung.
Wer war alles da?

Der Karlos natürlich, mit seinem Gesicht wie eine Spanplatte sechzehn Millimeter versank er in der dunkelroten Couchgarnitur und war verantwortlich für die Joints. Zwischendurch schnatterte er irgendein belangloses Zeugs in die Runde, Hauptsache laut und aufbrausend.
Sachen wie: "Scheiss auf das ganze Geld! Spass will ich auch nicht haben! Aber irgendwas schon! Verdammt!!"

Neben ihm füllte der dicke Bonsen den Sessel.
"Wie fändet ihr das, wenn ich mir eine Tellerlippe stehen lasse?"
Mit Daumen und Zeigefinger zog er die Unterlippe runter, bis aufs Grübchen.
"Zu spät", meinte Karlos, "da musst du schon als Kind mit anfangen."
Bonsen liess nicht locker.
"Und wenn ich mir da so einen Mercedes-Stern einklöppeln lasse? Das müsste doch funktionieren, mit so nem stabilen Stern, hör mal!"
Ein Schneiderwipphop tänzelte über den Teppichboden wie der Rauch einer Gauloises.
"Bonsen, du bist schon ein toller Benz", lallte der Mitsubishi Boy. Der hatte sich zuvor beim Portugiesen von hinten am mich herangepirscht, mit fettigen Gambafingerchen, "Wer bin ich?!"
So ein Lausbub.
Jetzt sass er sturzbetrunken zwischen Karlos und Bonsen, hatte nur noch einen Schuh an und den anderen zum Fenster hinaus geschmissen.
Da lag er nun im Vorgarten rum, der grüne Halbschuh.
"Irgendjemand wird den gleich schon mitbringen. Irgendein.. blödes Schuhschwein, ha, hahahahaa!"

Mein späterer Hausarzt saß still in der Ecke und beobachtete alles. Ein Jahr seiner Jugend hatte er im Rollstuhl verbracht, obwohl er gar nicht behindert war. Sich von Mitschülern durch die Innenstadt schieben zu lassen, Woche für Woche, muss man erst mal hinkriegen.
Einmal war ich ihm auf einem Frank Zappa Konzert begegnet, wo er als Pan Tau verkleidet durch die Reihen spazierte. Zudem war seine Eintrittskarte gefälscht, nur mit Buntstiften hatte er das Originalticket nachgemalt, es war unglaublich, es war perfekt gewesen.
An diesem Nachmittag 1983 wirkte er wie ein russischer Filmarzt, mit seinen grossen widerspenstigen Ohren und dem exakt gestutzten Kinnbart. Nicht ein Wort sagte er an diesem Tag. Saß nur da in der Ecke am Fenster und guckte sich alles an.

"Tu mal die schwermütige Pampe da runter, hör mal! Das ist doch Musik für lange Unterhosen!" maulte der dicke Bonsen. Der war wirklich dick, nicht so wie der dicke Py, der gar nicht dick war. Nicht besonders dick jedenfalls. Eher so halbdick.
Bonsen hatte sich für zehn Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet, und nun wusste er nicht mehr, wie er aus der Nummer herauskommen sollte.
Es war jedes Wochenende das Gleiche.
Nachdem er sich unter Schwierigkeiten durchs Fenster hereingewälzt hatte, (keine Frage, Hansi wäre lieber durch die Haustür gekommen, wollte sich aber keine Blöße geben), saß er Stunde um Stunde im Sessel und jammerte.
"Was soll ich denn machen?"
Der Sessel ächzte bedrohlich.
"Mir tun die Füsse weh von den Nachtmärschen! Ausserdem bin ich zu fett für die Hose hier, hör mal!"

"In diesem Kaff hier müsste mittendrin ein Riesentelefon stehen, das alle fünf Minuten läutet, damit ich nicht einpenne!" gab der Mitsubishi Boy ein energisches Lebenszeichen von sich, bevor ihm die Augen zuklappten, während Karlos eine Grundsatzdiskussion anzettelte, mit Denis Hahn.
"Ich finde Sucht sehr positiv!" krähte Karlos. "Wie soll ich sagen..? Die Neigung zur Sucht ist ja sehr normal. Nee. Nee! Ja, klar. Ich wollte das nur mal als Gedanke so reinbringen."
Denis Hahn, der Tatort-Schauspieler, hatte drei sehr blonde deutsche Lufthansa-Stewardessen mitgebracht, die mit offenem Mund dabei saßen. Nicht, weil es hier so furchtbar irre zuging, sondern weil es sich mit geschlossenem Mund schlecht saufen, kiffen und lachen liess.

"Meine Freundin ist eine Schlagersängerin, die nur deswegen nicht berühmt ist, weil sie lieber für sich alleine berühmt bleiben will, hör mal", legte Bonsen einen seiner Klassiker nach. Das kam bei den Mädels definitiv besser an als Karlos Gedanken zur Suchtproblematik.
"Ich will keine zufriedenen Gesichter, ich will Plirre!"
Die Mädels, auf den ersten Blick Tussen, hochnäsiges Pack, entpuppten sie sich als nette Drillinge aus der Luft, wenn man sich mit ihnen unterhielt, was aber ausser Denis Hahn niemand für nötig hielt.
Er kannte sie vom Set in Bochum, wo sie am Morgen einige Takes für den Duisburger Tatort gedreht hatten. Denis Hahn war gut im Geschäft. Er hatte dieses ebenmäßige, mild erloschene Gesicht, für das jede Schwiegermutter ihr Häuschen hergegeben hätte.
"Ihr scheiss Gartenhäuschen", grunzte Karlos.
"Was?!" fragte Denis Hahn, ein eitler Fatzke, aber ich mochte ihn, irgendwie.
"Herr Glumm?!"
Im ersten Moment wunderte ich mich, wer so nach mir rief in meiner eigenen Bude, so dienstlich, trotzdem antwortete ich automatisch mit "Hier!" Man ist ja Deutscher. Man macht Meldung.
Alle guckten mich an.
Die Stimme kam vom Fenster her. Hinter der Gardine bewegte sich etwas. Eine Mütze.
Bonsen war sofort auf den Beinen, trotz der Wampe.
"Du Scheisse..", flüsterte er, "die Bullen.."
Geistesgegenwärtig warf er seine Jacke über die türkische Mischung, die auf dem kleinen Cocktailtisch auf ihren Einsatz wartete.
"He, aufgemerkt!" motzte Karlos, "Fliegt doch alles weg hier!"
"HERR GLUMM!"
"Jaa! Einen Moment", sagte ich und ging zum Fenster.

Ein Polizist stand im Vorgarten und guckte zu mir hoch, während ein anderer vor der Haustür nach meiner Klingel suchte.
"Moment", sagte ich, und ging zur Stereoanlage und machte leise.
Der dicke Bonsen sah aus, als hätte er innerhalb von einer Minute zehn Kilo zugenommen.
"Das sind alles nur Sorgen, Herr Wachtmeister, das Fett hier!"
"Man hat uns informiert, hier wäre eingebrochen worden!" rief der Polizist im Vorgarten, damit die Nachbarschaft auch gut mithören konnte.
"Was, hier? Bei mir?!"
"Ja, es sind mehrere Männer beobachtet worden, wie sie durch Ihr Fenster eingestiegen sind."
Hinter mir machte sich Erleichterung breit, im Ballungsraum.
"Nee, Herr Wachtmeister", sagte ich, "Das hat schon alles seine Ordnung", und klärte den Sachverhalt auf.
Die Schmiere, zunächst misstrauisch, liess sich überzeugen.
"Und was ist hiermit? Gehört der Ihnen?"
Der Polizist reichte den Schuh hoch.
"Äh.. ja. Danke."
Sie zogen feixend ab.
"Wer hat die Polizei denn gerufen?" wollte ich noch wissen.
"Ein Nachbar."
"Ja klar! Welcher?"
"Das wissen wir nicht."

Der Mitsubishi Boy schlug nicht mal die Augen auf, als ich ihm seinen Halbschuh zuwarf.
Er landete punktgenau in seinem Schoß.
"Na also", schnarchte er nur.
8.5.06 20:38


DAS BEIN

Anfang der 80er leistete ich Zivildienst im Krankenhaus. Ich hatte mich für den Job im Operationssaal entschieden, das wollte kaum jemand machen, trotz geregelter Fünf-Tage-Woche und Zulage.
"Trauen Sie sich das auch zu?"
"Pfah, sicher!"

"Muttih!"
Am ersten Arbeitstag wollte ich nur eines: so schnell wie möglich heim.
Überall Knochen und Fleisch, selbst unterm Kittel der Anästhesistin, und dann dieses Blut, ganze Pötte voll, die ich zum Ausguss rollen und auskippen musste, und wer so etwas zehnmal am Tag erledigen muss, der ertappt sich beim Sekundenschlaf schon mal dabei, wie er einen roten Teppich auslöffelt, mit massig Speck drauf.

Am Rosenmontag wurde ein stattlicher alter Mann in den OP-Saal geschoben.
Trotz Vollnarkose stammelte er leise vor sich hin.
Böse Sache, Raucherbein.
Die beiden Chirurgen, denen ich immer wieder den Schweiss von der Stirn wischen musste, sägten unermüdlich. Ich konnte kaum hingucken, ohne dass mir übel wurde, dazu das verzweifelte "Lot stonn.." des alten Solingers und dieser Gestank, den ich heute noch in der Nase habe, wie ein kokelndes Wurstbrot.

Als zwei Pötte randvoll waren mit Blut und das Bein endlich ab, wurde es in Zellpapier eingewickelt und mir übergeben.
"Bring das mal ins Krematorium."
Da marschierte ich nun an Rosenmontag durch die Katakomben der städtischen Krankenanstalten, mit einem warmen Bein im Arm, das niemanden mehr gehörte, und traf Schnaat, der ebenfalls Zivildienst machte, allerdings im Hals,- Nasen,- Ohren-Bereich.
"Eh, Glumm, wohin?"
"Büttenmarsch!" grüsste ich. "Hier, nimm mal."

Ich drehte ich mir eine Zigarette, während Schnaat das Bein hielt. Dann begleitete er mich zur Verbrennungsanlage, wo wir uns aufs Mäuerchen setzten und die Kippe teilten.
Wir plauderten über Pappnasen, einbeinige Polonäse und all das Holz, aus dem die Menschen geschnitzt sind. Holz, in dem pötteweise Blut steckt, wenn man es aufschneidet.
Oder ab.
10.5.06 10:26


BLUESHUNDE

Morgens um halb acht, gleich nach dem Nachtdienst, nehme ich den Bus bis zum Pfaffenberg. Von da aus schlag ich mich durch den Busch ins Schellbergtal. Hab ein grosses Hotel-Handtuch unterm Arm und die Badehose drunter. Und dann hat das Freibad geschlossen!
Öffnungszeiten in der Woche 11-20 Uhr.
Das Wasser schimmert blau und ruhig. Libellen, die zackig die Oberfläche vermessen.
In vierzig, fünfzig Meter Entfernung erkenn ich einen Mann im Trainingsanzug. Er marschiert auf der Liegewiese auf und ab, mit einer überdimensionierten Frittengabel.

Ich rüttel am Gitter.
"Halloo!"
Keine Reaktion.
"HALLOOO!!"
"JA?"
"KÖNNEN SIE MICH REINLASSEN?"
"Ist geschlossen!"
"WAS?!"
"IST GESCHLOSSEN! WIR MACHEN ERST UM ELF AUF!"
"ICH BIN EXTRA ZUFUSS RUNTERGEKOMMEN!"
Er stiert herüber.
"NA GUT, NA GUT. ICH KOMM GLEICH."

Ich warte vor dem heruntergelassenen Gitter.
Der Knabe lässt sich Zeit. Er trottet an den Umkleidekabinen vorbei. Noch zwanzig Meter.
Ich soll zu einem anderen Tor kommen.
Plötzlich hat er eine Töle dabei, die er stramm und kurz an der Leine hält. Wo kommt die denn plötzlich her?
Ein Mordsvieh. Hektor. Garantiert.
"Was gibts denn?"
"Ich will rein."
"Wir machen aber erst um elf auf."
"Meister, ich hab Nachtschicht gehabt und bin oben vom Pfaffenberg zu Fuss hier runter gekommen.. Können wir nicht eine Ausnahme machen?"
Die Töle gibt keinen Mucks von sich. Der Mann mustert mich. Wuppertaler SV steht auf seinem Trainingsanzug. Ganz schön abgewetzt das Teil, aus der Nähe.
"Aber ins Wasser erst ab elf. Vorher ist das Schwimmen untersagt."
"Klar! Kein Problem. Ich leg mich nur was hin..!"

Er macht das Tor auf, ich drück ihm das Eintrittsgeld in die Hand.
Ist das still hier. Nur das Plätschern des Brunnens im Kinderbecken und das Knistern der Stromleitungen, die von Mast zu Mast durchhängen.
Das Gras ist noch feucht von der Nacht.
Völlig übermüdet schlafe ich auf der Stelle ein.
Ein windiger Schlaf.
Der Himmel bedeckt sich.
Unterm Strommast sammeln sich lautstark die Stechmücken und machen sich ausflugfertig, für elf Uhr.
Einmal glaube ich den Bademeister schimpfen zu hören "Ja, gottverdammich! Wieso springt der denn nicht an?!"
Kurz darauf startet ein Auto und entfernt sich.
Vielleicht ist er Würstchen kaufen. Für um elf.
Es dauert keine Minute und ein paar prüfende Blicke, bin ich im Wasser, mit einem sportlichen Sexualköpper.
Erst als ich durchs Schwimmerbecken pflüge, fällt mir Hektor wieder ein.
Dauert keine Minute, lieg ich wieder auf meinem Handtuch.

"Eh, woher kenn ich dich denn?!"
Die Frage kommt von weit her, und ich schlag die Augen auf.
Ein Kerl mit schmuddeligem T-Shirt über der Bierplauze steht direkt über mir.
"Ich kenn dich doch", wiederholt er.
An der Schläfe wächst eine riesige Warze.
"Vielleicht aus dem Mumms", murmel ich. "Die meisten kennen mich aus dem Mumms."

Er setzt sich hin. Trotz des immensen Bauches ist er agil wie eine Wespe auf einem Koffer Fruchtzucker.
"Kennst du Rolf der Wolf und die Blueshunde? Das ist meine Band!"
Den Namen kenn ich. Von Plakaten. Gefällt mir. Nicht so ein blöder englischer Bandname.
"Dann bist du der Rolf..?"
"Rolf der Wolf. Willst du auch nen Schluck?"
Er hält mir eine Flasche Malzbier hin.
"Nee, lass mal."
Dann erzählt er.

Lymphdrüsenkrebs. Chemotherapie. Psychose.
"Manchmal höre ich meine Stimme im Radio. Dann denk ich, wieso bin ich denn jetzt im Radio, scheisse?! Ausserdem kann ich das Fernsehprogramm manipulieren."
"Das hat mir schon mal einer erzählt", sag ich. Beeindruckt ihn aber nicht.
"Und manchmal denk ich, ich bin Jesus. Dann springen alle Ampeln auf grün, wenn ich mit dem Moped unterwegs bin."
Je mehr Rolf erzählt, desto kurzatmiger wird er.
Seine Nikotinfinger zittern.

Als er splitternackt über die Autobahn gesprungen ist, haben sie ihn das erste Mal ins Irrenhaus gesteckt.
"Da war ich genau fünfzehnmal, bis jetzt."
Er zeigt mir seinen Handrücken.
Drei Buchstaben sind eintätowiert. LKH.
Landeskrankenhaus.
"Was willst du machen."
Alle vierzehn Tage bekommt er eine Depotspritze.
"Gegen die Jesuseuphorie", sagt Rolf. "Die ist am schlimmsten."

Da er so kurzatmig ist, frag ich, wie er das mit dem Gesang geregelt kriegt.
"Mit Singen habe ich kein Problem. Ich bin auf der Bühne grundsätzlich voll. Der Bassist auch, der Organist sowieso, nur unser Schlagzeuger, der ist link. Der trinkt nicht und will nach jedem Konzert ausbezahlt werden."
Da muss ich ihm zustimmen.
"Linke Sau."
Die Psychose liegt in der Familie, sagt er.
"Alle ausser meiner mittleren Schwester haben einen an der Klatsche."
Dann ist sein Malzbier alle.
Der Schweiss fliesst.
"Mit dem Krebs ist gut. Stillstand."

Allmählich kommen immer mehr Besucher und füllen die Wiesen.
Strandbadatmosphäre: die Stromleitungen surren, Stechmücken reiben sich den Rüssel, der Wolf seinen Bauch.
"Gleich geh ich ins Wasser, was gegen die Wampe tun."
Er bleibt hocken, in seiner speckigen Jeans und dem Shirt.
"Ich sauf zuviel. Bis letzte Woche war ich in Kur. Die hat mich ruiniert. Direkt gegenüber vom Kurhaus war ein SPAR-Markt. Kennst du die Halbe-Liter-Dosen?"
"Die, wo nur Bier draufsteht und sonst nichts?"
"Genau die. 35 Cent. Von morgens bis abends. Die haben mich ruiniert."
Er raucht Schwarzer Krauser. Sobald eine Kippe aus ist, dreht er die nächste.

"Seit ich wieder ne Frau gefunden hab, geh ich kaum noch weg. Wir trinken unser Bier zuhause. Maria hab ich im Psychosozialen Verein kennen gelernt, sie hat da gearbeitet. Dann hat man sie rausgeschmissen, aber sie geht immer noch jeden Tag hin und arbeitet zwei Stunden, damit sie im Herbst vielleicht wieder eingestellt wird."
"Aber Geld kriegt sie dafür?"
Er lacht höhnisch auf.
"Keinen Cent. Sogar das Fahrgeld muss sie selbst zahlen."
"Und so was nennt sich sozialer Verein", sag ich.
"Psychosozialer Verein", verbessert mich Rolf. "Sind alle Schweine heute. Die krallen sich auch die letzte Kohle."
Er rotzt ins Gras.
"Ist denen doch egal."

Als ich am Nachmittag aufbreche, hör ich die Lautsprecherdurchsage vom Bademeister.
"Die Kinder, die sich einen Euro verdienen wollen, bitte am Kassenhäuschen melden."
Es bildet sich eine ziemliche Schlange am Ausgang.
Der Mann im Trainingsanzug verteilt grosse Müllpieker an die Kinder.
Ich winke Rolf dem Wolf zu. Er schwitzt mit einer Dose Bier am Beckenrand, als wäre er bereits im Fegefeuer. In der Endlosschleife.
Er sieht mich nicht.
11.5.06 06:55


HEILIGER CLEMENS!

In der drallen Mittagssonne sind wir auf dem Weg zum Chirurgen. Die Gräfin ist vor vierzehn Tagen von einem Hund gebissen worden, in die Hand.
Jetzt hat sich die Hand entzündet.
"Sieht nicht gut aus", meinte unser Hausarzt eben, während er die Überweisung anordnete.
"Nächstes Mal kommst du früher."

Wir gehen der Goerdeler Strasse entlang. Die wird zweispurig befahren.
Es ist heiss und laut.
"Was macht der denn da..!? Ist der gestürzt?"
Mitten auf dem Bürgersteig liegt ein Mann, gleich unterhalb der Clemens-Kirche.
"Weiss nicht. Komm, wir gucken mal."
"Vielleicht ist der kollabiert, in der Hitze."

Der Mann, ganz in schwarzen Klamotten, liegt auf der Seite, die Beine angewinkelt. Je näher wir ihm kommen, von hinten, desto sicherer bin ich, ihn zu kennen. Mit seinem strähnigen grauen Haar und dem langen grauen Bart stromert er durch die Stadt und schnorrt Zigaretten, wie viele dieser mühsam von Chemie zusammengehaltenen Figuren.
Die immerzu rauchen müssen.
Immer gut rauchen, und Mathematik.

Als wir ihn erreichen, bemerkt es die Gräfin zuerst.
"Der liest ja!"
Den Kopf auf den Arm gestützt hat er es sich auf den Gehwegplatten gemütlich gemacht und schmökert in einer Reise-Bibel, die in einem verschliessbaren Plastik-Etui ruht. Damit nichts drankommt, wenn es regnet.

"Alles klar, Meister?" beuge ich mich über ihn.
"Zieharette, Zieharette", gestikuliert er.
Weil ich mir gerade eine gedreht hab, im Gehen, reich ich ihm die Zigarette runter. Feuer hat er selbst.
Die Bibel, zu hell für das Mittagslicht.
Das siebte Buch Mose.
Die Nacht am Tag.

Wie ein Feuerspucker stößt er den Rauch zum Himmel, als wir uns über den Zebrastreifen entfernen, zum Chirurgen, weil die Hand nicht gut aussieht, in die ein Hund gebissen hat, der vergiftet war, und als die Gräfin sich noch einmal umschaut, winkt der Mann, der mitten auf dem Gehweg liegt.
13.5.06 10:51


DIE 15, DIE 19, DIE 23

Samstagvormittag in der City. Es ist rappelvoll, es nieselt, wir teilen uns auf. Die Gräfin in den Karstadt, nach Biofleisch gucken, ich in die Lottobude, drei Richtige klarmachen und Tabak kaufen.
Auf dem Weg zu den Clemens-Galerien fällt mir dieser knurrige alte Mann auf. Er steht mit seiner Krücke über einer Pfütze und rührt darin wie in einer Untertasse. Will der die Krücke putzen, in dem flachen Wasser?

"Is los, Meister?"
"Scheisse is los!"
Er fährt mit dem Stock so schwungvoll herum, dass er beinahe das Gleichgewicht verliert.
"Da hinten bin ich in einen Haufen gestöckelt! Wie können die ihre Mistviecher mitten in die Stadt scheissen lassen! Denen müsste man einen drüberbraten, den Schmierlappen!"

Er hebt die Krücke kurz an, und Wasser spritzt von dem Gummifuß.
"Find ich auch nicht richtig", murmle ich entschieden. "Mein Hund tut so etwas nicht."
Der scheisst nur in den Linienbus.

"Ich hab vor sechzig Jahren auch mal einen Hund gehabt. Einen Schäferhund. Den Siegmund. Das war ein treuer Kamerad, kannst du mir glauben. Der hat zwar jeden reingelassen, aber keinen raus. Ha! Der wog fünfundsechzig Kilo. Wenn der gekackt hat, das waren aber solche Kabänsmänner. Hier, so..!"
Die Krücke wandert durch die Luft und riecht wie ein Stinkkäse, dem man die Hose auf gemacht hat.
Ich geh dann mal drei Richtige ankreuzen.
16.5.06 07:11


500beine treten in pause

Es geht nicht anders, mit zwei Jobs. Einer ist überflüssig, muss aber gemacht werden, der andere nicht flüssig, mach ich aber besser mal.
Und dann hat die Gräfin die Hand in Gips und kann kaum den Haushalt moderieren. Gut, tut sie sonst auch nicht. Aber wir vermüllen allmählich. Ich finde nur noch mit Zimmermachete Zugang zum Rechner.

Überhaupt meine Muse. Seit dem Hundebiss hält die Gräfin mich an der kurzen Leine. Spendiert morgens eine Idee, am Abend einen Satz, dazwischen muss ich alleine zurecht kommen.
Das ist sehr, sehr schwer.

Immerhin, ich schlafe tief.
Wie von der Mafia versenkt.
Gruss.
17.5.06 09:07


ROSEN, KOHL, KLING

Nikolaustag 1987. Ein Sonntag. Der Telefonweckdienst ist pünktlich. Sieben Uhr. Bin bis drei im Mumms gewesen, gesoffen. Ich warte eine Stunde, ob die Gräfin anruft, vielleicht will sie ja mitkommen, aber Modell Hamburg bleibt stumm.
Dann eben nicht.
Alleine bin ich sowieso besser.

Karlos pennt noch. Aus seiner Kammer links vom Klo dringt ein scharfer Geruch, als wäre er in der Nacht durch Rosenkohl gewatet. Keine Ahnung, wo er gestern abgeblieben ist. Im Mumms jedenfalls nicht.
Als ich die Wohnung verlasse, fallen mir seine schwarzen Sargträger-Schuhe auf, die im Flur stehen, voller Lehm.

Ich stiefle zum Bahnhof, viel zu dünn angezogen, und nehme den Zug nach Hagen, da muss ich umsteigen Richtung Bochum.
Am Bahnhofskiosk in Hagen hole ich zwei Dosen Bier, die ich dem guten alten TB widme, der seit dem letzten Sommer in diesem Kaff begraben ist, neben seinen Großeltern.

TB hatte sich in München eine Überdosis geschossen, auf einem Wirtshausklo. Dem Wirt war aufgefallen, dass die Tasse Kaffee schon eine Viertelstunde unangerührt auf dem Tresen stand, da ist er nachgucken gegangen.
"Hallo?!"
Schweres Atmen hinter einer verschlossenen Kabinentür. Ein Röcheln. Der Wirt rief sofort den Notarzt, doch als der kam, konnte er nur noch den Tod feststellen.

Die letzten Minuten gehen mir nicht aus dem Kopf. Was TB wohl gefühlt hat, mit der Nase auf den Fliesen.
"Was war das denn jetzt?!"
Sind Szenen seines Lebens an ihm vorübergeflogen? War ich in einem Bild dabei, oder ein anderer aus der alten Clique?
Ein halbes Jahr zuvor hatte ihm sein vermögender Herr Vater mit der dauergebräunten Ibizafresse einen Jeans-Laden auf der Leopoldstrasse spendiert. Natürlich hat sich TB immer öfter aus der Ladenkasse bedient, und seine neue Münchner Freundin hat zu Hause Pumpen gefunden unter der frischen Wäsche.
"Ich mach mir doch nur alle paar Wochen einen Druck", hat TB sich rausgeredet.
Ja genau.
Die erste Dose kipp ich auf ex.

Nahverkehrszug nach Bochum.
Irgendwie geht mir alles am Arsch vorbei. Ist TB eben tot. Scheiss drauf. Als ich von seinem Tod erfahren hab, durch einen Telefonanruf aus München, hab ich sogar gelacht. Nicht laut allerdings.
Es war nicht einmal ein Lachen.
Das Ruhrgebiet.
Reif auf den Feldern.
Bin ich im Eimer.

Bochum. Halb elf.
Irgendein Heinz vom Kulturamt soll mich hier abholen. Auf dem Bahnsteig stehen zwei Gesichter. Das eine sagt meinen Namen, ich nicke. Das andere gehört Thomas Kling.
Wir kennen uns vom Düsseldorf, von der Preisverleihung. Daher die Einladung vom Kulturamt Bochum für eine gemeinsame Lesung, sonntags zum Matinee.

Kling und ich reichen uns die Hand, wir steigen beim Kulturheinz ins Auto ein, beide hinten.
Ich hab eine Fahne, ist aber egal, weil Kling redet.
Er sieht aus wie ein Lausbub, scharf aufs kommende Duell, mit dem Degen. Fehlt nur der Schmiss im Gesicht, dann ist er seine eigene Bruderschaft.
An einem gefrorenen Teich steht die Ampel auf rot. Kinder rutschen, schliddern. Andere spielen Eishockey mit geschnitzten Stöcken und einer dicken Scheibe Hartsalami.
"Guckt mal!" sag ich, aber Kling redet und der Kulturheinz irgendwie auch.
Von da an halt ich die Klappe.
Oder um mit Karlos zu reden: Ich könnte tausend mal am Tag den Mund aufmachen, aber ich könnte es auch genauso oft lassen.

Museums-Cafe Bochum.
"Mahlzeit", sag ich und hol mir einen Osborne.
Ein geschwätziger Moderator stellt uns beide vor, uns Literaturpreisträger, ich fang an zu lesen, die ersten zehn Seiten aus Komma ich blute. Es sind eh nur eine Handvoll Leute anwesend, und die schreiben wahrscheinlich alle selber irgendeinen Mist.

Nach meinem Vortrag bittet der Moderator um Reaktion.
Eine Frau sagt: "Das könnte ich stundenlang weiterhören."
"Ich könnte auch minutenlang weiterlesen", sag ich und der Saal tobt.
Kling meint, ich solle mich nicht verheizen lassen und dann ist der Meister persönlich dran.
Deutschlands Lyrik-Granate liefert seine Performance mit einem befreundeten Musiker, der ihn am Keyboard begleitet.
Der Keyboarder ist eine merkwürdige Figur. Jansen heisst er, hat kurze krumme Säbelbeinchen und weite Stoffhosen, würde er noch Pantoffeln tragen, er wäre der kleine Muck persönlich, Verzweiflung in die Stirn gezogen.
Ich zieh mir einen Osborne nach dem anderen rein.

Nach der Lesung landen wir in einem Bochumer Mietshaus. Es gibt ein Klavier und Stachelbeertorte mit Sahne. Die Dame, die uns eingeladen hat, wird von Jansen angegraben. Der wackelt so komisch dabei. Kann der nicht mal die Fresse halten und auf dem Sofa einpennen?!
Er pennt auf dem Klavierhocker ein.
Kling unterhält die Runde mit klugen Bemerkungen zur Situation der deutschsprachigen Literatur. Kling ist der Star. Ich bin froh, dass ich das Wort Situation kenne. Sit com. Sessel Kommerz. Was weiss ich denn. Ich zähle nicht wirklich.
Ich bin besoffen.

Abends gehen wir essen bei einem stadtbekannten Griechen, das gehört zur Einladung vom Kulturamt. Meine Marihuanasticks glühen am Tisch wie elektrische Kaminfeuer.
Aus Spass bestelle ich ein Schnitzel in Klarsichtfolie.
Klingt lacht, aber nicht wirklich. Irgendwas stimmt mit dem Kerl nicht. Naja, mit welchem Kerl stimmt schon alles.
Irgendwann ist Feierabend, und der Jansen und der Kling bestehen darauf, mich nach Hause zu bringen. Jansen fährt nämlich Auto. Einen Transit. Kommt der mit seinen kurzen Beinen überhaupt an die Bremse? Ans Gas kommt er jedenfalls ran. Kling kuppelt.

Wir sitzen alle drei vorne, ich in der Mitte.
Kling erzählt in einem fort. Wie er eine Weile in Finnland gelebt hat. Dass er auf der Rückfahrt mit irgendeinem Dampfer-Kapitän dicke war.
Und dass er sieben Pfennig an jedem Gedichtband verdient.
Er ist richtig erschöpft, als wir in Solingen ankommen.

Sie lassen mich auf der Mummstrasse raus. Karlos steht am Tresen, glühend.
"Och guck mal, die alte Tante Glumm! Die kannst du lesen schicken und alles - die geht nicht kaputt!"
"War aber knapp", sag ich.
Zur Sperrstunde sind wir uns einig: Rosenkohl untereinander mit Speck und Kartoffeln ist eine Delikatesse, mit Sahne angemacht. Aber als Kind haben wir uns davor gefürchtet.
Vor allem Karlos.
"Da habe ich beim Rosenkohlessen immer das Gefühl gehabt, ich würde ein stinkendes Pony reiten."
Seine Schuhe sind dreckig.


*
In Erinnerung an Thomas Kling (1957-2005)
19.5.06 10:49


BEKLOPPTE SALZSTANGEN (MODERN WALKING)

Was ist das für ein komisches Geräusch in meinem Zimmer? Hab ich irgendwo eine mächtige Spinne sitzen, die sich die Füsse reibt? Gucken über mir sechzehn lungenkranke Leute zweite Bundesliga in vier Fernsehern?! Einem Radio?
Nichts da!
Es ist nur unsere Frau Moll!
Sie liegt auf ihrer Schmusedecke und hechelt! Sie ist erledigt!
Kaputtspaziert!
Über Wiesen und Felder, die frisch gedüngt nach grosser Party-Pizza rochen, habe ich ihr Stöckchen geworfen, die durch die Luft schnurrten und den Raum teilten.
Und wie Frau Moll mit Karacho in diesen Laubhügel gesprungen und vollends versunken ist, bis auf das hervorblitzende schwarze Näschen, das hättet ihr sehen sollen - an diesem Oktobertag, kühl wie ein Vorort.

Haben wir viele andere Hundebesitzer getroffen, Jogger, Radfahrer, zugeknallte Teenager sind uns begegnet, der Klatschmohnmörder war darunter und ein redseliger Regionalbauer ("Die Chinesen überschwemmen uns mit ihrer Kakerlakenpolitik! Pass auf!") - alles, was Rang und Namen hat auf Deutschlands Waldwegen war recht freundlich und nickte uns zu, hob den Hut.
"Guten Tag, der Herr!"
"Ein feines Hündchen haben Sie da!"
"Immer noch Weltmeister, Herr Glummi?!"

Nette Menschen, allesamt, bis auf: die Modern Walker! Die Stöckler! Die sich mit ihrer verfluchten Stöckelei ohne nach links oder rechts zu gucken um den Verstand stöckeln. Die keinen Blick haben für den Herbst und seine fliegenden Dachpfannen, die stur geradeaus marschieren wie quicke Plastikpuppen mit Elektronik drin, Roboter! Ja, genau! Marionetten!
Danke sehr!
Die könnte man auf ein Fliessband stellen unter einer bunten Fototapete, die würden das gar nicht merken, dass sie nicht mehr draussen im Forst sind, die würden weiterstöckeln im toten Trab, mit ihren bekloppten Salzstangen, finster entschlossen, keinen Spass zu haben diesen Herbsttag..!

Dabei ist mir folgendes aufgefallen: Meist sind es ja verstockte harte Tanten, die Nordic Walken, seltener richtige Weiber mit ordentlich Möpsen dran, bis auf einige wenige Herren, so nuttige alte Doktoren, mit schweren Hormontitten. Hach! Stöckelte mir ein einziges Mal nur eine Westerntänzerin entgegen, die wild und drall ihre Beine in den Wald wirft, als wärs ein Saloon hier, ich tät ihr auf der Stelle einen Bonanza flöten! Glaub mir dat.
22.5.06 14:05


Nachmittag 1983

In den 80er Jahren wohnte ich in einer Bude im Erdgeschoss.
Das Fenster stand den Sommer über offen und die Kumpel kamen nach Lust und Laune reingeklettert. Die Nachbarn murrten, sie waren empört, doch was sollten sie machen - schließlich war es nicht verboten, die Wohnung eines Freundes durchs Fenster zu betreten.

An einem Nachmittag im September 83 war die Bude mal wieder rappelvoll. Oder, um mit meinem Notizbuch zu sprechen, da war Schlagabtausch im Ballungsraum.
Gut.
Wer war alles da?

Karlos natürlich, mit seinem Gesicht wie eine unbehandelte Spanplatte sechzehn Millimeter versank er in der Couchgarnitur und zeichnete verantwortlich für die Joints.
Wenn er zwischendurch Zeit fand, schnatterte er belangloses Zeugs in die Runde, Hauptsache, laut und aufbrausend.
"Scheiss doch auf das ganze Geld! Spaß will ich auch nicht haben! Aber irgendwas schon! Verdammt!!"
Oder: "Nein, man kann mich nicht ärgern! Ich weiß, wie ich ausseh!"

Neben ihm füllte der dicke Bonsen den wackligen, nur notdürftig mit Schnürsenkeln verarzteten Sessel, der kurz vorm Zusammenbruch stand.
Gerade war Bonsen damit beschäftigt, mit Daumen und Zeigefinger die Unterlippe runterzuziehen, bis aufs Grübchen.
"Wie findet ihr das? Wenn ich mir eine Tellerlippe stehen lasse?"
"Scheisse", meinte Karlos, "musst du schon als Kind mit anfangen."
Bonsen ließ nicht locker.
"Wenn ich mir einen Mercedes-Stern in die Lippe einkloppen lasse? Das müsste funktionieren, mit so nem stabilen Stern, oder nich?"

Ein Schneiderwipphop tänzelte über den blauen Teppichboden, wie der Rauch einer Gauloises.
"Halt die Fresse, Bonsen", lallte der Mitsubishi Boy.
Er trug sein Lieblings-T-Shirt, auf dem UNTERKANDIDELTE LEUTE stand, und hatte sich zuvor beim Portugiesen von hinten am mich rangepirscht, mit fettigen fiesen Gambafingen, "huhu, wer bin ich?!"
So ein Lausbub.

Jetzt saß er sturzbetrunken zwischen Karlos und Bonsen, hatte nur noch einen Schuh an und den anderen zum Fenster raus geschmissen.
Da lag er nun im Vorgarten rum, der Halbschuh.
"Irgendjemand wird den schon mitbringen. Irgendein.. blödes Schuhschwein, ha, haa!"

Mein späterer Hausarzt saß still in der Ecke und beobachtete alles. Er war ein sehr spezieller Vogel, der ein halbes Jahr seiner Jugend im Rollstuhl verbracht hatte, obwohl er gar nicht behindert war. Sich von Mitschülern durch die Innenstadt schieben zu lassen, Woche für Woche, das war das Größte für ihn gewesen.

In Köln sind wir uns mal auf einem Frank Zappa Konzert begegnet, wo er als Pan Tau verkleidet durch die Reihen stolzierte, den Schirm aufgespannt. Zudem war seine Eintrittskarte gefälscht. Nur mit einem Satz Buntstifte hatte er das Ticket perfekt nachgemalt.

An diesem Nachmittag 83 wirkte er wie ein russischer Filmarzt, wie er mit seinen großen widerspenstigen Ohren und dem exakt gestutzten Kinnbart in der Ecke am Fenster saß und sich alles genau ankuckte.
Nicht ein Wort sagte er an diesem Tag.
Saß nur da und machte sich Notizen für den nächsten russischen Arztfilm, mit ein paar bekloppten Deutschen in den Sprechrollen.

"Tu mal die Pampe da runter, hör mal", maulte der dicke Bonsen, der gar nicht dick war. Nicht besonders dick jedenfalls. Eher so halbdick. Ach Quatsch, der war fett! Und die Pampe, die er meinte, kam von einer Schallplatte, die hatte Jonathan Richman angerührt.
Mein Held.

Bonsen war mies drauf. Er hatte sich für zehn Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet und wusste nicht mehr, wie er aus der Nummer rauskommen sollte.
Es war jedes Wochenende das Gleiche.
Nachdem er sich unter Mühen durchs Fenster reingewälzt hatte, keine Frage, er wär lieber durch die Haustür gekommen, doch er wollte sich keine Blöße geben, saß er Stunde um Stunde im Sessel und jammerte.
"Was soll ich denn machen, hör mal?"
Der Sessel ächzte bedrohlich, und der Schneiderwipphopp sah zu, dass er Land gewann.
"Mir tun die Füße vielleicht weh von den scheiss Nachtmärschen."

"In diesem Kaff müsste alle fünf Minuten ein Riesentelefon läuten, damit ich nicht wegpenne", gab der Mitsubishi Boy ein letztes Lebenszeichen von sich, bevor ihm die Augen zuklappten, während Karlos eine Grundsatzdiskussion anzettelte, mit Denis Hahn.
"Ich finde Sucht sehr positiv!" krähte Karlos. "Wie soll ich sagen..? Die Neigung zur Sucht ist ja sehr normal. Nee. Nee! Ja, klar. Ich wollte das nur mal als Gedanke so reinbringen."

Denis Hahn, der Tatort-Schauspieler, hatte drei sehr blonde Lufthansa-Stewardessen mitgebracht, die mit offenem Mund dabei saßen. Nicht, weil es hier so furchtbar irre zuging, sondern weil es sich mit geschlossenem Mund schlecht saufen, kiffen und lachen ließ.

Bonsen hatte sich unterdessen gefangen.
"Kuck mal, meine Freundin ist eine Schlagersängerin, die nur deswegen nicht berühmt ist, weil sie lieber für sich alleine berühmt bleiben will", legte er einen Klassiker nach.
Das kam bei den Mädels definitiv besser an als Karlos Gedanken zur Suchtproblematik.
"Jetzt müßte es einen Knall geben und ich bin granatenvoll!"

Die Mädels, auf den ersten Blick hochnäsiges Pack, entpuppten sich als nette Drillinge aus der Luft, zwei davon mit Canneloni-Löckchen.
Ausser Denis Hahn hielt es allerdings niemand für nötig, sich groß mit ihnen zu unterhalten.

Hahn hatte sie direkt vom Set in Bochum mitgebracht, wo sie am Morgen einige Takes für den Duisburger Tatort gedreht hatten, mit Schimanski. Was die Mädels da zu suchen hatten, blieb unklar. War auch egal. Sie waren da, sie hatten den Mund auf, fertig.

Denis Hahn war gut im Geschäft. Er hatte dieses ebenmäßige, mild erloschene Gesicht, für das jede Schwiegermutter ihr Häuschen hergegeben hätte.
"Ihr scheiss Gartenhäuschen", ergänzte Karlos grunzend.
"Was?!" fragte Denis Hahn, ein eitler Fatzke, aber ich mochte ihn, irgendwie.

"Herr Glumm?!"
Im ersten Moment wunderte ich mich, wer so nach mir rief in meiner eigenen Bude, so dienstlich, trotzdem antwortete ich automatisch mit "Hier!"
Man ist ja Deutscher. Man macht Meldung, wenn man angesprochen wird. Alle guckten mich an.

Die Stimme kam vom Fenster her. Hinter der Gardine bewegte sich was. Eine Mütze.
Eine GRÜNE Mütze.
Der dicke Bonsen war sofort auf den Beinen, trotz Wampe, egal.
"Scheisse.. die Bullen.."

Geistesgegenwärtig warf er seine Bundeswehrjacke über die türkische Mischung, die auf dem kleinen Cocktailtisch auf ihren nächsten Einsatz wartete.
"He, aufgemerkt!" motzte Karlos. "Fliegt doch alles weg hier!"
"HERR GLUMM!"
"Jawoll!" sagte ich und ging zum Fenster.

Ein Polizist stand im Vorgarten und guckte zu mir hoch, während sich sein Kollege an der Haustür zu schaffen machte. Er suchte nach meiner Klingel. Es gab keine Klingel. Es gab nur ein offenes Fenster.
"Einen Moment", sagte ich und verschwand wieder im Zimmer, wo ich die Stereoanlage leiser machte.

Der dicke Bonsen, tief in den Sessel abgetaucht, sah aus, als hätte er innerhalb von einer Minute zehn Kilo zugenommen.
"Das sind alles nur Sorgen, Herr Wachtmeister, das Fett hier!"
"Man hat uns informiert, hier wäre eingebrochen worden!" rief der Polizist im Vorgarten, damit die Nachbarschaft auch gut mithören konnte.
"Was, hier? Bei mir?!"
"Ja, es sind Männer beobachtet worden, wie sie durch Ihr Fenster eingestiegen sind."

Hinter mir machte sich Erleichterung breit, im Ballungsraum.
"Nee, Herr Wachtmeister", sagte ich, "das hat schon alles seine Richtigkeit."
Ich klärte den Sachverhalt auf.
Die Schmiere, zunächst misstrauisch, ließ sich überzeugen.
"Und was ist hiermit? Gehört der Ihnen?"
Der Polizist reichte den Schuh hoch.
"Äh.. ja. Sicher."
Sie zogen feixend ab.
"Wer hat die Polizei denn gerufen?" wollte ich noch wissen.
"Ein Nachbar."
"Klar! Aber welcher?"
"Das wissen wir nicht."

Der Mitsubishi Boy schlug nicht mal die Augen auf, als ich ihm seinen Halbschuh zuwarf.
Er landete punktgenau in seinem Schoß.
"Wurde auch Zeit", schnarchte er nur.









0
Anders kann sie sich das nicht erklären, dass ich als Spross einer bergischen Handwerker-Dynastie so viele linke Hände habe.
"Deine Mutter muss es mit einem anderen Kerl getrieben haben, 1960!"
Sie schaut mich an, lange und nachdenklich.
"Einem Kerl, der so ähnlich aussah wie dein Vater."

1
Am Abend bringe ich die Gräfin zum Lachen, als ich zur hymnischen Hintergrundmusik eines Spielfilms aus Hongkong rhythmisch korrekt mit dem Kugelschreiber quietsche.

2
"Die Chinesen sehen aus wie ihre eigenen Reisfelder", meint sie porzellan, "so zart, und so biegsam."

3
Sie zaubert einen Espresso zum Nachtisch, der ist so schwarz, den muss man rauchen.

4
Weil die Wunde nicht verheilen wollte und immer mehr anschwoll, bekam sie zwei verschiedene Antibiotika verschrieben, richtige Breitbandhämmer.
Nebenwirkung: in ihrem gesamten Körper war nicht eine Bakterie mehr aktiv. Selbst auf dem Klo duftete es nach Flieder, wenn sie groß musste.
Riesengroß!
"Die nehm ich jetzt immer!"

5
Sie durchpflügt mit kesser Nase meine Welt.

6
Am liebsten sind ihr spannende Geschichten, die das Leben lieber nicht geschrieben hätte, doch dafür ist es zu spät.

7
Die Gräfin ist ungehalten.
"Ich weiss nicht, was das immer soll, mit dem Älterwerden!"

7a
"Hab ich einen Yieper auf Kuchen! Man sollte einmal die Woche Kuchen fressen, sonst ist das kein Leben. Vielleicht sollten wir noch mal so einen Fertigscheiss zusammenrühren, was meinst du, Graf Uruguay?"

8
Während ich am Schreibtisch gross wie eine Garage Buchstaben in den Rechner schiebe, sitzt sie in ihrem wilden Malzimmer und zeichnet Bilder, die nur ihr Zimmer kennt,
und ich,
und der Goldregen vor ihrem Fenster.
Der steht in vollem Wichs im Vorgarten und lockt Honigbienen an, mit seinem maisgelben Blut.
Ich würde auch lieber motodrohnen.
Immer nur.

8a
Es ist wieder so weit. Frau Moll ist heiss, die Rüden kleben ihr am Arsch wie lästiges Bonbonpapier.
Die ganz Hartnäckigen zücken gar den Dienstausweis.
"Schnüffler vom BND. Ich darf das."
Was soll man machen.

9
Ich guck aus dem Fenster, und was muss ich da sehen? Übernacht ist der Goldregen in seine Endphase getreten, nach nicht einmal drei Wochen Blüte und zehn Tagen Dauerregen. Er steht da wie ein begossener Sonnenpudel. Machs gut, Chef.
Bis nächstes Jahr.
25.5.06 12:27


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