Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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MIT EIN PAAR TAUSEND MANN

..die aktuelle fussball
story
der 500beine
auf fooligan.
1.4.06 15:08


KNOCHEN, KNIESCHEIBEN

Neulich, auf dem Weg zum Autohaus, in Gedanken muss ich wohl schon bei der Probefahrt gewesen sein, laufe ich ohne auf die Rechtsabbieger zu achten über den Zebrastreifen und schon kommt ein Mazda daher und hält voll drauf und erwischt mich am Bein und ich fall um und das Bein ist ab und der Fahrer springt raus und schreit was von ALTE
FÜSSGÄNGERSAU, KEINE AUGEN IM KOPF?
Er rast um den Wagen herum und tätschelt den Lack und als Tränen des Zorns in ihm aufsteigen bekomme ich ein paar knackige Stiefeleinheiten verpasst, Gedärme scheppern.

"Lass gut sein, Chef!" keuche ich und reiche ihm mein Versicherungskärtchen, "Die Allianz ist kulant bei Lackschäden", doch er hat kein Ohr für mich und schiebt heulend ab, während ich mitten auf der Kreuzung liege und Nockenwellen über mich hinweg nocken und wellen, was bin ich auch für ein Esel, dass ich so leichtsinnig den Zebrastreifen überquere, ohrfeigen könnt ich mich und versuche in Richtung Rinnstein zu robben, doch ein Turbo-Artist mit 160 Watt Alice Cooper ist fixer und zeigt die Zähne und trennt mich HEY STOOPID! von meinem anderen Bein,

allmählich wird die Angelegenheit kritisch, ich frage mich ernsthaft wie ich demnächst die Kupplung treten soll, so ganz ohne Füße, das ist doch Scheisse, werde ich mir wohl eine Spezialausführung bestellen müssen, nun,
dann ist ja alles klar
TATÜ TATA, TATÜ TATA,
mit quietschenden Eisen hält die Funkstreife neben mir und der Polizist kurbelt das Fenster herunter und belehrt mich unfreundlich JA WISSEN SIE DENN NICHT DASS ES VERBOTEN IST
AUF DER STRASSE HERUMZULUNGERN AM HELLICHTEN TAG WIE KOMMEN SIE ÜBERHAUPT DAZU?!
"Herr Wachtmeister, ich weiß doch auch nicht", setz ich reumütig an, doch er füllt schon das Strafmandat aus.
NUN SEHEN SIE ZU, DASS SIE VON DER FAHRBAHN RUNTERKOMMEN, UND NEHMEN SIE GEFÄLLIGST IHRE BEINE MIT, DIE STÖREN DEN VERKEHRSFLUSS
"Ist in Ordnung", sage ich und sammle meine Knochen und Kniescheiben ein, welch ein Ärgernis, dass ich schon wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten bin.

Keine fünf Jahre her, da habe ich während einer nächtlichen Spritztour türkisch geknabbert und am nächsten Tag stand es dick und fett in der Lokalpresse:
VIERZEHN PISTAZIENSCHALEN
AUF PARKENDEN BMW
GESCHLEUDERT/
TÄTER ENTKAM
UNERKANNT

Was habe ich mich geschämt damals, wochenlang wurde nach mir gefahndet, ich konnte mich nirgends mehr blicken lassen, schon gar nicht auf der Strasse! woraufhin man mir natürlich auf die Schliche gekommen ist und ich in einem Musterprozess zu vielen tausend Euro Schmerzensgeld verurteilt wurde, immerhin, das Geld kam armen Automobilen zugute, Automobilen, die von ihren Haltern ausgesetzt werden, am Waldesrand, herzlos, wie es nur in Deutschland geschehen kann.

Jetzt aber die Bordsteinkante hoch und ab zu meinem Autohändler, der Termin, der steht nun mal, leider naht ein Brummi und der Fahrer erkennt seine Chance und donnert mir mit dem Anhänger über die Arme, so ein Mist, wie gerne würde ich dem Blödmann jetzt den Mittelfinger zeigen, der Ofen ist aus, diese Spezialausführung fertigen nicht einmal die Japaner an.
Was werden bloß meine Freunde dazu sagen? Und was mache ich von nun an Samstagabends, wenn alle Welt ihr Auto ins Kino ausführt? Werde ich dann ohne Beine und ohne Arme durch die Garage kugeln? Das ist öde, das ist zuviel, ich verliere das Bewusstsein.

Und am nächsten Morgen, ich erwache in der Klinik, beugt sich der diensthabende Oberarzt über mich TJA, DEN FÜHRERSCHEIN, DEN KÖNNEN SIE WOHL ABHEFTEN meint er nicht ohne Mitgefühl und ich schaue an meinem Rumpf hinunter und bin ganz deprimiert.
ABER NUN LASSEN SIE DEN KOPF NICHT HÄNGEN, JUNGER MANN, ICH VERPASSE IHNEN JETZT DIE TODESSPRITZE UND DANN WERDEN WIR SIE EINSTANZEN UND WER WEISS, VIELLEICHT FINDET SICH JA NOCH EINE VERWENDUNG FÜR SIE, ETWA ALS ERSTE-HILFE-KISSEN IN MEINEM MERCEDES, WIR MÜSSEN MAL SEHEN.
Gut, so toll fand ich den Vorschlag erst nicht, aber was sollte ich machen, mir blieb ja gar nichts anderes mehr übrig, und so liege ich schon seit einigen Tagen bei ihm im Heckfenster und gucke mir den Verkehr von hinten an.
2.4.06 14:20


DREI BLONDE BOYS AUS WEST-GERMANY (dicke version)

Da vorn kommt der Karlos! Das trifft sich gut. Den wollte ich sowieso sprechen.
Sein Gesicht, das normalerweise einem kurzen Rock ähnelt, unter dem ein hochroter Slip hervorguckt, ist überraschend frisch und frei von Faltenwurf, obwohl er doch gerade den Klauberg hochgekraxelt ist.
Der ist ja nicht mal ausser Atem!
Wenn ich den Klauberg geschafft hab, muss ich erstmal eine Runde aufs Bänkchen, rauchen.

"Du gehst ja auch nicht, du rennst", meint Karlos. "Wo rennst du eigentlich immer hin?"
"Na", sage ich, "mal hier hin, mal da hin."
Er winkt ab.
"Ich glaub gestern war das.. oder nee, vorgestern. Da hab ich dich auf der Wupperstrasse gesehen. Da bist du auch so durch die Gegend gestiefelt wie ein Irrer. Ich hab gerufen, ich hab gepfiffen, nix. Der Glumm hört nix, der sieht nix, der Glumm stiefelt weiter."
"War ich allein unterwegs?" frage ich zurück. "Oder mit Hund?"
"Allein."
"Hm."
Dass ich neuerdings so rase, ist auch der Gräfin schon aufgefallen.
"Als wäre der Schnittert hinter dir her."
"Ist er doch auch", hab ich geantwortet.
Aber vielleicht ist es nur die Gegenwart.
Die macht mächtig Rückenwind.

Nachdem wir das also geklärt hätten, stehen Karlos und ich ein paar Minuten auf der Ecke Schillerstrasse/Margaretenstrasse herum, und zwar mitten auf der Strasse, so dass die wenigen Autos um uns herum kurven müssen.
"Karlos, ich wollt dich sowieso was fragen. Kannst du dich an unsere Paris-und England-Fahrten erinnern, zu dritt, mit dem Schnaat?"
Karlos guckt mich an, als wollte er sagen, jetzt rennt der Glumm nicht nur wie ein Bekloppter durch die Strassen und grüsst seine alten Kumpel nicht mehr, jetzt hat er auch noch die spannendsten Momente seines Lebens vergessen.
"Ich meine so Details, du Lutscher!"
"Wieso?"
"Na, nur so. Alzheimer."

Mitte der Siebziger sind wir als Trio durch Europas Westen getrampt sobald wir ein paar Mark auf der Tasche hatten und Ferien. Und da wir nach dem chinesischen Horoskop alle geborene Ratten sind, (Baujahr 1960, nicht kaputt zu kriegen bis man kaputt ist), war das Vergnügen rattenscharf auf unserer Seite.
Auf der Paris-Reise im Frühling 1976 sind wir mal fotografiert wurden, und das Foto wurde in einer farbigen Wochenend-Beilage des France Soir abgedruckt. Drei blonde Boys aus West-Germany, die durch den Bois de Bologne spazieren: Karlos im kurz vor der Reise von seiner Mutter gemopsten Persianer und Seemanns-Rucksack, der Schnaat im Schwalbenschwanz und spitzen 20er-Jahre-Lackschuhen, ich in Nadelstreifen-Hose und orangenfarbenem Nylon-Rucksack.

"Und in Brighton haben wir die erste Punkband unseres Lebens gesehen", meint Karlos, und seine Bäckchen beginnen leise zu klimpern.
Das ist die Vorstufe zum Glühen.
"Na, das weiss ich auch noch!" sag ich.
Die Band spielte in einem muffigen Kellergewölbe, es war eng und mörderisch laut, und ich sehe sie noch vor mir, all die frühen Punks in ihren durchgeschwitzten schwarzen Turnhemdchen, die Haare auf eine unmilitärische Art kurz geschoren, wo doch damals alles mit langer Matte herumlief, sogar der Karlos mit seinem Suppenschopf. (Nur der Schnaat nicht. Der war immer Schnaat. Ausser als Neugeborener. Da war er ein bösartiger älterer Herr mit angeklatschten Koteletten.)

"Erinnerst du dich noch an Mamoot?" fragt Karlos.
"Mamut, Mamut.. Nein. Helf mir auf die Sprünge."
"Den hatten wir doch in Düsseldorf kennengelernt, den Mahmoot, auf den Rheinwiesen. Erinnerst du dich nicht?"
Karlos guckt mich entgeistert an. Aber gelassen.
Wieso ist der eigentlich so gelassen heute? Das alte Minirockgesicht.
"Ich hab keinen blassen Schimmer", gebe ich zu.
"Mann, Glumm, damals hat der Mamood uns doch eingeladen. Wir sollten ihn mal besuchen kommen, in sein Eiscafe in Brighton!"
"Eiscafe! Na klar!" ruf ich. "Der.. Mamood! In sein Eiscafe! In Brighton!"
"Och", sagt Karlos. "Was du nicht sagst."
Ich hab keine Ahnung, wovon er redet.

Ein paar Monate später standen Karlos, Schnaat und ich bei Mamood dann tatsächlich auf der Schwelle, mit drei stattlichen Rucksäcken und den Kopf voller Unsinn. In London hatten uns zwei aufmerksame Bobbies nach Drogen durchsucht, waren sie doch der Meinung gewesen, dass man ohne Drogen niemals solche Mätzchen machen könnte, mit denen wir den Westflügel der Victoria Station unterhalten hatten.
Natürlich haben wir damals nicht die Bohne gekifft.
Aber woher sollte das Königreich das wissen.

Nachdem Mamoot den ersten Schock weggesteckt hatte, begannen wir unsere Show abzuziehen. Abwechselnd rollte sich einer von uns dreien vorm Eingang des Eiscafes zusammen, und die beiden anderen kamen von draussen mit Karacho in den Laden gestürzt, stolperten über den am Boden Liegenden und feuerten nach einer Rolle vorwärts mit dem Schlafsack als Maschinengewehr eine Salve nach der anderen in die Gästeschar.
Ein ohrenbetäubender Blödsinn.
Mamood, der zunächst schwere Bedenken gehabt hatte, kriegte sich kaum noch ein vor lauter Spass, vorallem als wir endlich wieder weg waren.

"Und ausserdem, die Gräfin backt Hochgeschwindigkeitsgemüse!" fällt mir plötzlich die Begründung für meine Raserei ein, die ich neuerdings an den Tag lege.
"Komm ich nachmittags nach Hause, werd ich von der Gräfin an den Tisch gedrückt und kriege einen Ladung Speedböhnchen in den Hals geschoben. Die rutschen die Beine runter und eh ich mich verseh, bin ich mit fünfhundert Beinen unterwegs, die Wupperstrasse hoch und runter. Zu schnell für einen Gruss, Karlos. Viel zu schnell."
"Speedböhnchen, was..!?"
"Jawohl, Speedböhnchen."
"Arrrriba-Böhnchen?!"
"Prinzessböhnchen."

Karlos und ich, wir haben uns das Tschösagen abgewöhnt,
wenn wir uns verabschieden. Wir gehen jeder seines Weges.
Wie die Hunde. Die sagen auch nicht tschö.
5.4.06 20:57


DIE GRÄFIN SPRICHT

1
"Weisst du, was Deutschland ist? Ein Raum voller Menschen, die mit einem Glas Sekt anstossen und die Atmosphäre brutzelt vor lauter nicht gelebten Gefühlen."

2
"Es gibt Frauen wie die Heidi Klum, da wünscht man sich, ihre Mutter hätte lieber die Anti-Baby-Pille genommen. Und zwar die für danach! Heute noch!!"

3
"Ich will nicht hoffen, dass ich irgendwann sterbe und das grosse Ganze nicht kapiert habe", meint die Gräfin, während sie einen Obstquark zubereitet.
Nach einer Weile fügt sie an:
"Mein grosses Ganzes natürlich."

4
"Heute war gut", bilanziert sie am Abend. "Ich hatte eigentlich ne zimlich leere Birne."

5
"Du hast immer Wortsorgen!" (Zu mir, am 23.01., ca. 18.00)

6
Sie: "Prophezeiung!"
Ich: "Och, macht nichts."

7
Die Gräfin, am Abend vorm Fernseher:
"Weisst du, was du auf meinen Grabstein schreiben kannst? Sie war auf diesem Planeten, um italo-amerikanische Schmonzetten aufzusaugen."
Halbe Minute später:
"Manchmal glaub ich, Hollywood produziert nur für mich."


**
Nachtrag:
Die Gräfin macht sich ja gerne darüber lustig, dass ich auf der Stelle wegpenne sobald ich abends vorm Fernseher liege. Dabei blinzel ich nur mit den Augenlidern wie jeder andere Mensch auch, nur mit dem Unterschied, dass zwischen zwei Blinzelbewegungen meine Augen acht Stunden geschlossen bleiben.
7.4.06 13:00


DER ÜBERFALL

Nachtdienst im Hotel. Die fünfte Nacht hintereinander. Ich bin ziemlich groggy.
Die Zimmer sind alle belegt, bis auf ein Einzel, das kann ich noch verkaufen. Gegen drei Uhr, ich will mich im Büro gerade eine Runde aufs Ohr hauen, schellt es. Na super.
Auf dem Bildschirm des Monitors erkenne ich verschwommen eine Person.
Ohne Gepäck.
"Hm?" frage ich über die Gegensprechanlage.
"Haben Sie noch ein Zimmer für heut nacht?"
"Eins hab ich noch, ja", brumme ich mürrisch und drück die Türe auf.
Während der Gast mit dem Lift hochgefahren kommt, in den elften Stock, zieh ich mir die Klamotten an. Und die Schlappen vom Chef.

Den Typ kenne ich irgendwo her, aber ich weiss nicht, wo ich ihn hinstecken soll. Vielleicht hat er hier schon mal ein Zimmer gemietet..?
Keine Ahnung.
Sein Blick flackert.
"Kann man bei euch nur gegen Vorkasse übernachten?"
Sofort liegt Ärger in der Luft. Mit diesen Augen stimmt was nicht. Solche Augen kenne ich mittlerweile.
Die sind kalt, und sie schnüffeln.
"Genau", sag ich, "nur gegen Vorkasse. Sonst geht gar nichts."
Er wirkt gereizt.
"Was ist mit einem Scheck?"
"Nein", sage ich, geht nicht.
"Wenn ich meinen Personalausweis hinterlege?"
"Haben wir alles schon gehabt. Da hat auch jemand seinen Ausweis hinterlegt und ist nie wieder aufgetaucht. Der liegt heute noch hier, der Ausweis."
"Und warum keinen Scheck?"
Ich zuck mit den Schultern.
"Order vom Chef."

Er nestelt an seiner Wildleder-Jacke, und greift mit der Hand in die Innentasche.
"Und wenn ich hier drunter eine Waffe trage? Was würdest du dann sagen..?"
"Was ich dann sagen würde...? Das würd ich dir nicht glauben."
Er setzt einen entschlossenen Schritt auf die Rezeption zu und zielt auf mich, durch die Jacke. Mit dem Finger, nehme ich mal an.
Keine Ahnung.
"Dann pass mal auf", sagt der Kerl. "Ich habe hier eine Waffe! Und du rückst jetzt schön die Kohle raus!"
Alles geht so flott, ich kann es kaum ernst nehmen. Da steck ich hier plötzlich in einem Raubüberfall.
"Du machst jetzt schön die Kasse auf, nimmst die Kohle raus und schiebst sie mir rüber!"
Er ist ein richtiger Gangster plötzlich. Nüchtern und mit raspelkurzen Haaren, Herr Kommissar!
Und auch wenn ich kaum glaube, dass unter seiner Jacke wirklich eine Waffe steckt – wer weiss das schon. Könnte ja auch ein Messer sein.
Es sind genug Bekloppte unterwegs.

"Jetzt mach keinen Scheiss", sag ich, "Lohnt sich doch nicht."
"Mann, jetzt rück die scheiss Kohle raus! Und nur Scheine! Kein Wechselgeld!"
Na gut. Ich lasse die Kasse aufspringen, trete zurück und höre mich sagen: "Dann komm hier um den Tresen rum und hol dir das Geld selber ab."
"Was? Nein..! Du gibst mir die Kohle!"
Eigentlich hab ich selber keinen Plan, was ich mit der Aktion bezwecken könnte. Vielleicht Zeit gewinnen. Aber Zeit gewinnen wofür?
Dass er plötzlich Kniepäugelchen macht und Ätsch sagt!?
"Jetzt mach schon!“ wird er ungeduldig. "Und nur die Scheine!"
Ich packe alles, was an Zehnern, Zwanzigern und Fünzigern da ist, auf den Tresen.
Es sind vielleicht fünf-, sechshundert Mark.
"Die Hunnies auch!“
"Hunnies? Hier sind keine Hunnies. Kannst dich ja selber überzeugen."
Während eine Hand weiterhin in der Jacke steckt und auf mich zielt, grabscht er mit der anderen nach dem Geld und stopft es in seine Hosentasche.
"Ist dir klar, dass du für die paar Mark in den Bau gehst? Das ist doch bescheuert!"
Er hält inne und scheint einen Moment lang zu realisieren, was er hier abzieht.
Dass das keine Show mehr ist.
"Pass mal auf", versuche ich die Situation zu nutzen. "Du gibst mir jetzt einfach die Knete wieder, steigst in den Aufzug und verschwindest in die Nacht, und Schwamm drüber."
"Ich brauch das Geld aber!"
Sein Blick läuft Hürden.
"Das ist das erste Mal, das ich so was mache.."
"Dann lass den Quatsch doch und gib mir die Kohle wieder!"
Tatsächlich greift er in die Hosentasche, zieht ein paar Scheine heraus und wirft sie mir hin, auf den Tresen der Rezeption.
Zweihundert Mark vielleicht.
"Dann tu den Rest einfach auch noch raus."
"Nee.. das geht nicht. Den Rest brauch ich."
"Wofür?"
"Für das Taxi.. Ich fahr noch nach Düsseldorf, da brauch ich das Geld.. Für ein Zimmer."
"Mach dich doch nicht unglücklich, Junge. Für die scheiss paar Mark", wiederhole ich mich, doch die Situation ist festgefahren.
Er droht mir, in der nächsten Nacht wieder zu kommen und mich abzustechen, falls ich die Bullen rufen sollte, wenn er gleich weg ist.
"Ich bin ein scharfer Hund, pass auf..!"
Scharfe Hunde im Hotel, die kenn ich. Da ist einer schärfer als der andere.
".. und wehe, du drückst den Alarm!"
"Hier gibt’s überhaupt keinen Alarm", sag ich, und verschwinde kurz ins Büro, um meinen Tabak zu holen.
Er ist sprachlos.
Ich dreh mir eine Zigarette.
Das ist ein Raubüberfall, denke ich.
"Kann ich mir auch eine drehen?" fragt er.
"Klar“, sag ich und lege den Tabaksbeutel auf die Rezeption, aber er dreht sich keine. Wahrscheinlich fällt ihm ein, dass er dazu beide Hände braucht und dann nicht mehr auf mich zielen kann.
"Also, ich hau jetzt ab. Denk daran, nicht die Polizei rufen!"
Ich zünde mir die Kippe an.
"Nicht die Polizei rufen, du bist gut. Was soll ich denn meinem Chef erzählen, wo das Geld hin ist, bitteschön?"
"Das ist deine Sache."
Wir einigen uns darauf, dass ich die Polizei erst dann rufe, wenn er das Hotel verlassen hat, durch den Haupteingang im Erdgeschoss.
Ich versuche ein letztes Mal, ihn zu bewegen, mir auch das restliche Geld zurückzugeben, umsonst.
"Wenn du die Bullen rufst, bevor ich weg bin, komm ich wieder und stech dich ab!"

Dann macht er kehrt und stapft zu den Aufzügen. In dem Moment, als die Aufzugstüre sich schliesst und der Lift losfährt, nehme ich den Telefonhörer in die Hand und wähle die Eins-Eins-Null.
Dauert drei Sekunden.
"Notruf.."
"Ja hier ist der Nachtportier vom Turmhotel! Ich bin grade überfallen worden!"
"Wie ist Ihr Name bitte?"
Plötzlich spüre ich, wie meine Stimme zittert, ich bin richtig aufgebracht.
"Mein Name? Der Kerl verschwindet gerade in Richtung Graf-Wilhelm-Platz und Sie fragen mich nach meinem Namen! Ich kann ihn sehen auf meinem Monitor, der flieht zum Taxistand!"
Nachdem ich den Kerl beschrieben hab, höre ich im Hintegrund, wie die Personenbeschreibung über Funk weitergegeben wird.

Ich leg auf und lauf in den Frühstücksraum. Von dort aus hab ich den perfekten Überblick über den nächtlichen Graf-Wilhelm-Platz.
Am Taxistand stehen ein paar Wagen, aber von dem Täter ist nichts zu sehen.
Zwei Streifenwagen kommen angerast, mit Blaulicht und Sirene, direkt auf die Taxen zu.
Dann klingelt es Sturm.
Während die Bullen aus ihren Wagen steigen, eile ich zur Rezeption.
Vier Leute sehe ich auf dem Monitorbildschirm.
"Ja?"
"Kripo Wuppertal. Machen Sie uns auf?"
Junge, sind die flott. Ich drück auf und lauf zurück in den Frühstücksraum, zu meiner Live-Übertragung aus dem in fünfzig Meter Höhe stehenden Betonhelikopter. Und tatsächlich, da ist der Räuber: vier Polizisten kreisen ihn ein, und ein Bulle hat die Hände um seinen Hals gelegt.
Wollen die den abmurksen? Für die paar Mark?
Die machen sich doch unglücklich!

Eine Stunde später. Auf dem Revier hab ich nicht nur eine ausführliche Zeugenaussage gemacht, sondern auch erfahren, wie sie den Blödmann kassiert haben.
Da ein Taxifahrer ausgesagt hatte, er habe ein Bündel Geldscheine in den Händen des Verdächtigen gesehen, bei der ersten Durchsuchung aber kein Fitzel Geld zu finden war, haben die Bullen wie Drogenfahnder auf der Jagd nach Bubbles ihn so rabiat an die Kehle gepackt, dass sich der Mund reflexhaft aufsperrte.

Da ist das gestohlene Geld aufgetaucht, in seinen Backentaschen. Wobei das von aussen angeblich nicht zu sehen war - wie ein Profi hatte er die Scheinchen gebunkert.
Respekt!
"Schliesslich war das ne ganze Menge Zehner und Zwanziger und sogar ein paar Fuffies", hab ich zu dem Bullen gesagt, bei der Vernehmung. "Das muss man erstmal alles in die Fresse gestopft kriegen", aber der Wachtmeister hat mich nur blöd angeguckt:
"Stimmt."
8.4.06 12:47


DER PUNKER HAZI

Der lange Hazi ist solide geworden. Grundsolide. Wo andere eine Leber haben, pflegt er neuerdings einen englischen Rasen. Das war nicht immer so. Da trug er einen Irokesen, hat schwer gekifft und gesoffen.
"Zum Schluss hab ich mich allein mit einer Pulle Gin und zwei Tüten O-Saft in den Sessel geknallt und alles weggesoffen. Bis ich einen epileptischen Anfall gekriegt hab und mich mit letzter Kraft ins Krankenhaus schleppen konnte. Da war Schicht. Da hab ich die Schnauze voll gehabt. Ich konnte einfach nicht mehr, verstehst du?"

Nun, mit Borstenhaarschnitt, kippt er zehn Tassen Caro-Kaffee am Tag und erscheint pünktlich am Arbeitsplatz.
Mit neun Fingern.
Einer ist im Häcksler geblieben.
"Eigene Blödheit", sagt der gelernte Gärtner und versteckt die versehrte Hand zur Begrüßung.
"Hazi!" rufe ich, "du lange Ruine! Wie ist die Luft da oben?!"
Vor einem Jahr noch hätte er breit gegrinst, jetzt zucken die Lippen nur nervös, als hätte er Mundbrand.
Er ist wie verwandelt seit der Sache mit dem Häcksler.
"So eine Scheisse passiert nur, wenn man clean ist. Als ich dauernd breit und bimbo war im Schädel hab ich immer Glück gehabt."

Auch ohne Alkohol ist Hazi weiter um die Häuser gezogen und hat sämtliche Punk-Konzerte in der Umgebung abgegrast, mit den alten Kumpeln: Didi, Schlotti, Würmchen, Otti, Fauser.
Bis zu dem Tag, an dem Schlotti gestorben ist. An einer Überdosis Heroin.
An den alten Bahngleisen.
"Die haben sich da zu dritt einen Druck gemacht, und die Schore war gut gewesen, ich meine, die waren gewarnt, dass die Schore besser ist als üblich, aber das war natürlich egal. Jeder hat sich den Löffel vollgemacht wie immer.. nur der Schlotti, der war zu besoffen und ist blau angelaufen. Atemstillstand. DER VERRECKT UNS! hat der Müller gebrüllt. Kennst du den Müller, den asigen Müller, dieses stinkende Stück Scheisse? Anstatt Hilfe zu holen, hat er dem Schlotti noch die Pumpe aus dem Arm gezogen und sich den Rest selber weggedrückt, und dann sind die beiden stiften gegangen sind und haben den Schlotti einfach verrecken lassen. Dabei hatten die Schweine ihr Handy dabei. Die hätten nur mal eben den Notruf wählen müssen.. "
Fixergeschichten. Ich muss aufpassen, dass ich nicht laut lache.
Ich habe so was schon zu oft gehört. Ich kann es kaum mehr ernst nehmen.
Als Süchtiger.

"Nach der Beerdigung sind wir alle auf einen Umtrunk ins besetzte Haus am Schlagbaum. Da war wirklich alles versammelt, die ganze Punkprominenz aus dem Bergischen Land."
Hazi schüttelt sich angeekelt.
"Da standen sie dann alle rum und haben sich ein Video reingezogen, von dieser Fete, auf der Schlotti auch gewesen war, in diesem alten Schloss in Wuppertal. GUCKT MAL, DER SCHLOTTI haben alle gegrölt, DER LEBT JA NOCH IMMER, DER BLÖDE SACK!"

Aber die Härte, meint Hazi, war das Ende der Veranstaltung. Als die meisten Leute längst hinüber waren, kam ein Punk reingeplatzt: "He! Hat einer ne Säge dabei? Oben bei mir liegt die Daisy tot im Bett!"
Hazi macht eine Pause beim Erzählen.
"Daisy?" frage ich. "Welche Daisy? Kenne ich die?"
"Daisy, das war doch die frühere Freundin vom Schlotti..! Und die wollte sich da oben den Goldenen setzen, oben im Zimmer von diesem Wichser, der eine Säge gesucht hat, um sie klein zu kriegen. Zu portionieren, damit er sie aus der Wohnung schaffen kann, unbemerkt von den Nachbarn."
Hazi reibt sich die müden Augen.
"Das Arschloch hat sogar noch rumgefragt, auf wie vielen Müllkippen er die Daisy am besten verteilen soll, damit die Leichenteile nicht so auffallen. Der hat das absolut ernst gemeint. Und ich stand da und hab den Mund nicht mehr zugekriegt. Ich hab mich nur noch gefragt, in welchem Film bin ich hier eigentlich gelandet?!"
Oh ja.
Die wohl fatalste Einschätzung einer Situation heutzutage.

"Am Tag der Beerdigung will die Daisy genauso elendig verrecken wie der Schlotti, begreifst du das? Ich nicht!"
Hazi ist plötzlich ganz weit weg.
Wie in Trance. Kehrt er zu seinem alten Kumpel Schlotti zurück.
"Und was ist mit der Daisy passiert?" will ich das Finale aber auch noch wissen. "Ist sie zersägt worden?"
Hazi wird unwirsch, will weitergehen.
"Nee. Die Daisy haben wir noch wachgekriegt. Wir sind ne Stunde mit ihr rumgelaufen, immer hin und her und haben ihr Wasser ins Gesicht gekippt und Mund-zu-Mund-Beatmung, immer wieder, das ganze Programm. Und als sie dann endlich zu sich gekommen ist, war sie erst mal stocksauer. He, ihr Arschlöcher, ich war so schön tot."
Zum Abschied hebt Hazi die Hand. Die kaputte.
"Machs gut", sagt er. Und da sehe ich: es ist gar kein Finger, der ihm fehlt. Es ist der Daumen, der dem Gärtner fehlt. Der grüne.
10.4.06 15:00


DER KASSIERER

Früher konnte ich Boxer auf den Tod nicht leiden. Ich meine die Hunde. Das hat sich geändert. Zum einen wurde ihnen das typische Sabbern weitgehend weggezüchtet, zum anderen haben wir Betti kennen gelernt. Die traurige Frau mit der Knubbelsnase und den zwei Boxern.
Betti ist in etwa so alt wie wir, sieht aber gut zwanzig Jahre älter aus.
"Wenn ich in den Bus einsteige, bieten mir sogar die Einäugigen und die Lahmen ihren Platz an", kokettiert sie.

Betti trinkt. Um welche Uhrzeit man ihr auch begegnet, sie riecht nach dem letzten Schnaps, bewahrt aber immer Haltung. Niemals habe ich sie Schwanken gesehen.
Auf Kleidung legt sie wenig Wert, solange sie mit den Hunden unterwegs ist.
"Was soll ich mich großartig anziehen, wenn die beiden Sprinkleranlagen mich sowieso dauernd bewässern?"
Der Iwan und der Buddy sind nämlich noch Boxer vom alten Schlag, mit Speichelfluss und schaumigen Flocken die Fresse runter.

Als wir Betti heut Nachmittag treffen hat sie nur einen Boxer dabei, den Buddy. Der ist ganz verrückt nach unserer Frau Moll, und so machen sich die beiden Hunde sofort übereinander her, spielen Nachlaufen und toben über die vom Orkan gefällten Bäume, die im Wald herumliegen wie aufgeschnittene Möhren.
Betti trägt ein fliederfarbenes Blouson, komplett eingespeichelt, und ist merkwürdig bedrückt.
"Was ist mit dir?" fragt die Gräfin.
"Ich hab eben einen Anruf bekommen. Unser Kassierer hat sich erschossen. Gestern. Im Wohnzimmer."
Wenn man das so hört, denkt man ja gleich:
"Unterschlagung?" frage ich.
"Ach was, ist doch nur unser kleiner Boxer-Club, da lohnt keine Unterschlagung. Außerdem hätte der Willi das niemals getan."
"Na, das denkt man immer", sag ich. "Weil die immer harmlos aussehen und still das Geld zählen in der Ecke. Aber irgendwann stellt sich heraus: es war doch der Kassierer, der alte Muffkopp."
Die Gräfin zwickt mich in die Seite, aber Betti gibt sich unbeeindruckt.

"Ach, der Willi, nee. Eigentlich war er ein lustiger Kerl, ein richtig gemütlicher Kölner. Bis vor einem halben Jahr. Da hat man Darmkrebs bei ihm festgestellt."
"Der arme Kerl", meint die Gräfin. Seit ein paar Tagen reagiert sie sehr empfindlich auf alles mögliche. Wie die Prinzessin auf der Erbse.
Sagen wir, auf der DNS der Erbse.
"Vor einer Woche hat der Willi aber erfahren, dass der Krebs gutartig ist. Der hatte also gar keinen Grund sich umzubringen. Der wäre ja wieder gesund geworden. Ich versteh das nicht. Und dann erschießt der sich auch noch zu Hause im Wohnzimmer. Das musste doch wirklich nicht sein. Die arme Rosi.."

Betti redet zwar in ihrer typisch unaufgeregten Tonlage, aber irgendetwas ist anders heute. Hat sie keine Fahne? Doch, sie hat eine Fahne. Ist es vielleicht ihre knubbelige Nase, wirkt die heute besonders knubbelig? Geradezu knubbelesk?
Hm.
"Stell dir vor, du kommt von der Arbeit nach Hause und da hängt dein Mann im Sessel und hat sich erschossen", fährt sie fort, in Richtung der Gräfin. "Hätte der denn nicht in den Wald gehen können? Oder vor eine Mauer fahren? Einen Unfall vortäuschen? Dann hätte die Rosi wenigstens die Lebensversicherung ausgezahlt gekriegt, aber so.. Bei einem Selbstmord wird es schon schwer genug, überhaupt einen Pfarrer zu finden, der die Beerdigung macht. Der war ja Katholik, der Willi. Ging jeden Sonntag in die Kirche."
"Vor eine Mauer fahren? Das ist zu gefährlich", werfe ich ein. "Hinterher bleibt man querschnittsgelähmt, dann ist die Kacke erst recht am dampfen."

"Ach was, mit Hundert vor die Mauer, da bleibt nicht viel übrig. Der Willi fuhr einen klapprigen alten Ford. Das hätte schon hingehauen. Der wäre sofort mausetot gewesen. Aber gemütlich im Wohnzimmer die Zeitung lesen und sich dann erschießen, nur weil man plötzlich doch keinen Krebs hat und weiterleben muss.. Das finde ich nicht fair, der Rosi gegenüber."
Es wird Frühling. Es riecht nach frischem Humus und Hundespucke. Wir gehen noch ein Stück zusammen.
Wir mögen Betti sehr.
11.4.06 19:49


KARF

reitagvormittag. Während Frau Moll, unsere kleine, fünf Pfund Übergewicht mit sich herumschleppende Nachschlag-Lady auf spitzen Pfötchen durch den vom nächtlichen Dauerregen aufgeweichten Garten pirscht, sitzen wir gemütlich in der Wohnküche und feuern sie an.
"Hoffentlich kackt die bald mal."

Es gibt Tage, da guckt man an sich herunter und denkt: wieso zum Teufel sind denn meine Brüste so klein? Das behauptet jedenfalls die Gräfin, die heute einmal mehr im Mittelpunkt meiner Öffentlichkeit steht.
Sie liest einen Artikel über silikonbehandelte Brüste.
"Wenn schon dicke Titten in der Zeitung, dann richtige Euter wie in Russ Meyer Filmen. Und nicht so behandelte Ballerkissen wie die hier!"

Die Gräfin hat ja zu allerlei Themen ihre eigene Meinung.
"Gründonnerstag heisst so, weil an diesem Tag Jesus seinen Jüngern die modrigen Füße waschen musste. Kein Wunder, dass er am nächsten Tag frei haben wollte", ist eine ihrer Theorien, hier zum Karfreitag.
Ich geh durch die Küche, zur Kaffeemaschine.
Dabei gibt es ein Geräusch.
"Hast du gehört? Da hat grad jemand aus deinem Hintern gefurzt."
"Die Sau", sag ich.
Im Radio läuft Rosenstolz.
Ich mag das Duo nicht. Aber der Name gefällt mir.
"Naja", meint die Gräfin. "Rosenstolz geht in Ordnung. Aber Tulpendemut fänd ich besser. Irgendwie jetzt."

Es geht heute querbeet.
"Weisst du, woher man weiss, dass man sich in Deutschland aufhält? Wenn der Raum voller Menschen ist, die mit einem Glas Sekt anstossen und die Atmosphäre brutzelt vor nicht gelebten Gefühlen."
Oder hier, der:
"Deutsche Männer tragen soviel Feuer in sich wie eine Urne."
Zum Glück hab ich 25 % italienisches Blut in mir.
Sie sogar 50 %.
Zusammen sind wir ein dreiviertel Ölauge.
Ciao bella.
14.4.06 12:31


GEBRÜLL IN DER FLUGBAHN

Der Gedanke ist unerträglich: wenn man abends das Fenster schliesst und den Tag verabschiedet, DER KOMMT NIE WIEDER!
Der war nur dieses eine Mal da.
So hungrig.
Rötet der Abend den Himmel, als würden riesige Wolkenmenschen in ein Feuer starren.
Während sich direkt über unseren Köpfen drei schwarze Stare in der Luft balgen, dass die Federn fliegen und nach unten trudeln. Erst im letzten Moment erkennt das Trio, dass es auf uns zustürzt, und biegt zeternd ab.
Das war knapp.
Um ein Haar, und wir wären zerstart worden.
15.4.06 08:02


DER PUDEL MIT DEM MANN

Ostersonntag. Welch ein wunderbares Wetter für Hunde, die gern Regentropfen nachjagen. So wie Frau Moll. Die hat zudem Durchfall. Einen nassen Darm quasi.
Nass.
Alles nass heute.
Selbst der Wald riecht, als würden Rehböcke in Strümpfen den nassen Hang runterrutschen. Und der Klauberger Bach, sonst eher ein Rinnsal, zeigt seine weiße spritzige Zunge, mit der er durch die Wiese zischt.

Nachdem Molly geschissen hat, zum vierten Mal, nass, kommt uns ein Collie entgegen.
Ein richtiger Collie ist das nicht. Ein Mischling. Bisschen Collie, bisschen Münsterländer Camping Mobil.
"Ist ein Fundhund aus Bottrop", sagt die Besitzerin, eine junge Frau mit hartem Party-Mund.
"War ne Zeitlang bettlägerig", fährt sie fort. "Herzklappenfehler und Probleme beim Autofahren. Aber versteht sich prima mit Schweinen."
Ach so. Die spricht von ihrem Hund.
"Wir müssen mal weiter", sag ich.

Vorbei am Schrebergarten-Verein, wo Karlos ein Häuschen gepachtet hat, damit seine 6jährigen Zwillinge mal an die frische Luft kommen.
Das Grundstück ist schon von weitem zu erkennen: überwuchert von wilder Staudensellerie, ein Bobby Car hängt im Baum.
Als ich das letzte Mal hier hergegangen bin, da war noch Winter und ich habe einen Zettel hinterlassen:
DER MANN
MIT DEM PUDEL
WAR HIER!
Die Zwillinge von Karlos haben mich mal gefragt, welcher Rasse unser Hund angehören würde, und da hab ich gesagt: "Das ist ein Pudel", was sie natürlich nicht geglaubt haben: "So sieht doch kein Pudel aus", aber ich habe darauf bestanden und so rufen die beiden Mädchen jedes Mal, wenn sie mich und Molly sehen: "Da kommt der Mann mit dem Pudel!"
Als wäre Frau Moll ein Pudel.
Sind die doof.
Der Zettel hängt unberührt im Johannisbeer-Strauch gleich am Eingang, wo ich ihn gut sichtbar platziert hatte. Karlos und ein Schrebergarten-Verein, das war von Anfang an keine gute Idee.
Nicht kompatibel.

Der Pudel läuft voran in den Wald, wo die Baumstämme in der Gegend herumliegen, grau und amputiert, wie Elefantenbeine.
Wir treffen die Bosnierin.
Sie hat einen übergewichtigen kleinen Beagle, der unter Leptospirose leidet.
Zuckungen, Krämpfe.
Durchfall!
"Der scheisst mich ganze Bude voll und Pipi!"

Der Dauerregen ist wie eine grosse graue Braut, die eine nasse Schleppe hinter sich herzieht und damit durchs Bergische Land wischt, unermüdlich, auf und ab.

Auf dem aufgeweichten Sportplatz tollt Frau Moll eine Runde mit Peggy, der kleinen schlotternden Spitzdame, die aussieht wie eine debile Diana Ross, in ihrem gelben Plastikmäntelchen.
Hinzu stößt Attila, ein weißer kanadischer Schäferhund.
Ein aparter Meister.
Aber wie apart auch immer er sein mag, ein Rüde bleibt ein Rüde. Wie ein Paparazzi schnuppert er jedem Weiberarsch hinterher, der für einen satten Schnappschuss herhalten könnte, aber da findet Frau Moll heute keinerlei Vergnügen dran. Sie verbellt den Meister, der sich prompt umdreht und Peggy anbaggert. Die schlottert und flüchtet wie irr im Kreis.

Zum Abschluss dreh ich eine Runde durch den Park am Hippergrund, wo auch dieser etwas tüdelige Herr mit seinem Dackel herspaziert. Ein sturer Hund, der ein schlammiges Riesenstöckchen in der Schnauze trägt, groß wie ein ganzer Wald.
"Der ist aber wirklich groß, der Stock!" sag ich bewundernd.
"Ja, schön apportieren kann der Rocki", meint das Herrchen verzweifelt, "aber wie kriege ich den verdammten Wald bloß wieder zurückgeworfen?"
Das weiß ich auch nicht.

Regenböen klatschen gegen die Glaswände der Treibhäuser, als würde der Riesenhund droben im Himmel großspurig Ohrlaschen verteilen.
"Hier, nimm dies!“
PIFF!
"Und du auch! Das hier!"
PAFF!

Als ich gerade gut durchnäßt dem Parkausgang entgegenstrebe, kommt Shiva angeschlichen.
Shiva ist eine duldsame, ja, eine devote Hündin.
Wenn sie mit ihren grossen traurigen Teddybäraugen ankommt, kann man gar nicht anders, als sie zu streicheln und mit liebevollen Buchstaben einzudecken. Nur das Frauchen von Shiva kann das nicht.
Das Frauchen von Shiva ist einsam. Einsam und beseelt von einem heiligen, hageren Zorn, den sie nicht kontrollieren kann und der Shiva trifft.
Manchmal hört man sie schon von Weitem schäumen.
"Ich tret dich in den Arsch! Du Mistvieh! Du sollst stehen bleiben!!"

Es ist ihr auch egal, ob Leute vorübergehen und den Kopf schütteln. Im Gegenteil: je unterwürfiger der Hund, desto zorniger das Frauchen.
"Wenn ich dich schon seh, wird mir kotzschlecht!"
Wobei nicht klar wird, was dieses Mal vorgefallen ist. Was der Grund sein könnte für die heutige Misstimmung.
"Der Grund? Die Sau hat mir die Tagesdecke zerbissen, in hundert kleine Schnipsel. Nur weil sie mal eine Stunde allein zu Hause war. Die Fotze!"
"Schon wieder?" frag ich, während Shiva mit eingeklemmten Schwanz daneben steht.
"Wie, schon wieder?!"
"Na, das mit der Tagesdecke, das hast du mir doch letzte Woche schon erzählt."
Sie antwortet nicht. Ihre Nasenflügel pumpen.
Was sie aber nicht sieht, in ihrem Zorn: Shiva, zu ihren Füssen, pinkelt ihr auf die Schuhe. Ganz lässig.
Ich hab nur zufällig hingeguckt.
16.4.06 14:20


DER TARIF

Kein Wochentag ist schlimmer als der Montag. Entweder es beginnt meine Nachtschichtwoche und ich muss die nächsten sieben Nächte im Hotel verbringen oder aber die sieben Nächte sind vorüber und der erste freie Abend wartet auf mich. Mein Absturz-Montag.
Auch keine schöne Sache.

Ich steh früh auf an diesem Montag, gegen halb zwei, weil wir Karten für die Kindertheater-Premiere haben. Das Ensemble SG spielt ein selbstverfasstes Stück, in dem zwei Hallodris eine Würstchenbude mitten im Wald eröffnen wollen. Eine spritzige Geschichte, in der Karlos sehr entspannt einen Riesendummkopf gibt, der Klavier heisst.
Es macht Spaß, ihm dabei zuzusehen.
Nachdem ich kurz in der Maske gratuliert habe, verschwinde ich mit der Gräfin ins Mumms.
Es ist ja Montag.

"Sauf nicht soviel."
Die Gräfin geht früh nach Hause, sie kennt meine Montage zur Genüge, das muss sie nicht mehr haben, ausserdem gebe ich heute besonders Gas, mit einer besonders großen Klappe.
"Jetzt müsste es einen Riesenknall geben, und ich bin breit!"
Haha!
Alles halb so haha.

Irgendwann am Abend kommt jemand zur Türe rein, den ich lange nicht mehr gesehen hab. Ich weiss nicht mal mehr, wie der heisst.
Blödmann wahrscheinlich.
Er steuert gleich auf mich zu.
"Hörmal", flüstert er zur Begrüssung, "ich hab hier ein Stöffchen, das musst du probieren."
Was soll ich da sagen? Besoffen und immer auf der Suche nach dem Kick, der noch breiter macht? Ich versuche es mit:
"Dann lass uns mal verschwinden."

In seinem Honda Civic drehen wir eine Runde um den Block. Ich hab noch einen Fuffie auf der Tasche. Weil er keine Aluminiumfolie dabei hat, von der ich die Schore rauchen könnte, zieh ich mir das Pulver durch die Nase rein.
"Und sonst so?" fragt der Typ.
"Was sonst so? Ob ich drauf bin?"
"Nee. Ob du einen Job hast."
"Ich mach Nachtdienst. Im Hotel."
"Was denn? Derselbe Job? Immer noch?!"
Als Zugabe streut er mir eine kleine Strasse auf die aktuelle PENTHOUSE-Ausgabe, die ich gierig vom Hochglanzpapier sniefe.
"Das ist bestimmt psychisch bedingt", meint er noch, und ich hab zwar keine Ahnung, was genau er damit meint, finde aber, dass er Recht hat und lass den Satz so stehen. Unkommentiert. Im Autoraum.

Wieder in der Kneipe setzt meine Erinnerung sofort aus. Zwei Nasen Heroin auf zwanzig Bier, das tut Wirkung. Ich weiß nur noch, dass der Karlos plötzlich da ist und ich ihm mindestens drei Mal hoch erfreut versichere: "Wir können uns gleich noch einen blowen!"

Am nächsten Morgen werd ich bei Karlos wach. Seine Freundin ist ein paar Tage auf einer Messe in Nürnberg im Einsatz, deshalb ist genug Platz in seinem Bett.
Mir ist speiübel. Mein ganzes Gesicht ist knallrot. Überall geplatzte Adern, bis zum Haaransatz. Als hätte ich Unmengen von Essig-Rouge aufgelegt.

Karlos berichtet, dass wir uns nach der Sperrstunde in seinen Wagen gesetzt haben und ich mir noch eine dicke Nase aufgelegt habe.
"Mann, tu dir nicht soviel drauf!" hat er mich noch gewarnt, aber ich hab nur abgewunken. Und dann muss ich für mindestens zwanzig Minuten das Bewusstsein verloren haben.
"Dein Atem ging ganz flach, und ich hab deine Augenlider hoch geschoben, aber da war nur noch das Weisse zu sehen. Ich hab auf dich eingeprügelt, ich hab dir in die Nase gepustet, ich hab Panik gekriegt. Ich wusste nicht, was ich machen sollte."

Karlos wollte mich zunächst in die Notfallambulanz vom Krankenhaus fahren, doch in der letzten Sekunde ist er Richtung Gräfin abgebogen.
"Ich dachte, vielleicht kriegt die dich wach."
Just in den Moment, als wir vor unserer Tür parkten, hab ich dann wieder die Augen auf gekriegt.
"Lass mich in Ruh, Karlos."
Wie das so ist, wenn man eine Weile durchgerüttelt wurde, wenn man Ohrfeigen kassiert und Reanimation genossen hat.
Dann ist man nämlich erstmal sauer.
"Aber blau angelaufen bin ich nicht?"
"Nee", meint Karlos.
Eines hab ich ganz vergessen ihn zu fragen. Nämlich was das für ein Gefühl ist, wenn der beste Kumpel auf dem Beifahrersitz den Löffel abzugeben droht.

Nachdem Karlos mir von dem Absturz berichtet hat, lauf ich zum Klo und kotze Blut. Erst denke ich, das wäre vielleicht Kaffee, was da in die Kloschüssel platscht, aber ich hab noch gar keinen Kaffee getrunken.
Als ich mir die sämige Brühe näher angucke, muss ich gleich noch mal kotzen, tief aus dem Inneren meines Körpers heraus.
Das Blut dieser Nacht.

Vierzehn Tage lang war ich clean gewesen, hab die Finger vom Pulver gelassen. Hab keine Heroinbriefchen vor der Gräfin versteckt wie winzige Hardcore-Magazine. Hab keine der bösen Telefonnummern gewählt.
Aber mit welchem Ergebnis?
Kaum bietet sich die erstbeste Gelegenheit, schmiere ich dermaßen ab, dass mir der Tod die Klinke in die Hand drückt.
Zum Probieren.
"Fass mal hier an."

Weil ich niemals satt werde.
Weil ich immer mehr will. Weil dieses Immer mehr aber irgendwann nicht mehr serviert wird in dieser Welt.

Dabei hätten es zwanzig Bier auch getan. Aber erzähle das mal der Seele, wenn die abends den Tresen nach Euphorie absucht, und dann kommt einer ohne Namen rein und flüstert was von Bombenstöffchen und fünfzig Mark hast du noch genau auf der Tasche: DEN TARIF.
Welch ein Zufall.

Zwei fette Brandblasen hab ich mir auch geholt. Sie heilen schlecht. Am Mittel-und am Zeigefinger der rechten Hand. Dazwischen hat die Zigarette gelegen, die bis auf die Haut niedergebrannt ist als ich bewusstlos in Karlos Wagen gesessen hab.
Bewusstlos.
Das scheint ja überhaupt mein Wort zu sein. Meine Zustandsmeldung.
Gestern nämlich, ich hab der Gräfin von dem Vorfall nichts erzählt, ausser natürlich, dass ich in der Nacht bei Karlos gelandet bin, brüllt sie mich während eines Streits an, ich wäre in letzter Zeit richtig bewusstlos geworden, meiner Umwelt gegenüber.
"Pass auf, dass du nicht eines Tages ins Koma fällst!"


*17. Mai 1994
17.4.06 14:51


WIR WERDEN ALLE MASSIV BESCHISSEN

Da hat mein Bruder in der Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag ein Osterfeuer gesehen am Nachthimmel, um drei in der Früh durch die Luke in der Dachkammer: Funken am Süd-Himmel, als wäre ein Stern gefräst worden, eine neue Sonne! Ein Satellit vielleicht? Nein, ein Satellit ist das nicht gewesen, sagt mein Bruder, das hat so gewuselt! Aber kein Wort davon in der Zeitung am nächsten Tag. Kein Bild im Fernsehen. Nur im Radio hat es geknistert.
17.4.06 21:55


ZWANGSRÄUMUNG IM HAUSE ROCKETTA

Zwölf Monate Mietrückstand und ein gewaltiger Hexenschuss, das ist Jürgen Rocketta, als er mittags nach Hause gehumpelt kommt, unterm Arm zwei Pullen Zuckerrohrschnaps.
Er wird bereits erwartet.
"Die Damen..! Hereinspaziert!"

Die Damen, das sind der Gerichtsvollzieher, ein paar Handwerker und Polizeischutz.
In der Wohnung, "Ganz schön muffig hier, wa?", wird erstmal durchgezählt.
"So. Wer will alles ein Schnäpschen?"

Die Zwangsräumung verläuft in gelöster Stimmung.
Immer wieder müssen die Handwerker das Zerlegen des Mobiliars unterbrechen, weil Rocketta, der älteste von drei stadtbekannten Brüdern, Schoten aus seiner Jugendzeit zum besten gibt, etwa wie das erste Mal nach ihm gefahndet wurde, mit acht Jahren, wegen fiesem Pinkeln ins Weihwasser.

Schliesslich ist die Bude komplett verstaut auf dem städtischen Schwertransporter, nur im Wohnzimmer steht noch die tropische Gewürzcouch, auf der Jürgen Rocketta aufrecht sitzt, wie eine Salzsäule, wegen dem verdammten Hexenschuss, und in der neuen GEO blättert, Samba-Ausgabe Südamerika.

"Also dann, Herr Rocketta", macht ihn der Wachtmeister höflich darauf aufmerksam, dass es langsam Zeit wird..
"Sicher, Herrschaften, ihr macht doch auch nur euren Job!"
Zuletzt ("Habt ihr meinen alten Chemiekasten auch dabei?" "Haben wir." "Ganz sicher?" "Ganz sicher.") schüttelt er jedem die Hand und bedankt sich.
"Wie siehts denn aus, noch einen kleinen Umtrunk?!"

Mit sechs Mann stützen sie ihn in die Kneipe am Zentral, wo eine Anekdote die nächste ablöst, und nach Mitternacht sind alle drietebesoffen.
"Jürgen, wenn du willst, kannst du heut Nacht hinten im Laster pennen", zeigt der Gerichtsvollzieher sein Herz, "mit deinem schlimmen Rücken."
"In Ordnung, Robert. Danke."
Im Morgengrauen bricht Rocketta durch.
Allerdings mit dem Bunsenbrenner aus dem Chemiekasten in die Fahrerkabine. Er schliesst den Motor kurz und brettert drauflos, Richtung Rio de Janeiro.
Die Favela ist schon gepachtet. (Unter falschem Namen.)
19.4.06 09:44


TASCHENDIEBE UND UNTERTITEL

Mittags im Park. Ich sitz auf der Bank , Frau Moll liegt darunter.
Wir verschnaufen. Kommen zwei Jungs auf mich zu, denen der Ball weggerollt ist, in meine Richtung.
"Beisst der Hund?"
"Nee", sag ich. "Nur kleine Jungs."
Die beiden sind 56 Jahre alt.
Moment mal. Die beiden sind so 5, 6 Jahre alt.
Einer heisst Francesco und trägt Brille, der andere ist blond. Der Blonde meint, er würde aus Francesco am liebsten eine Menschenpizza machen, mit kaputter Brille.
"Schmeckt doch nicht", sag ich. "Da muss Thunfisch drauf, und Knoblauch."
"Knoblauch, ääh. Frisst dein Hund auch Knoblauch?"
"Nur Knüppelbrot."
Die Jungs staunen.
"Wirklich? So hartes?"
Ich schüttel den Kopf.
"Blödsinn. Der frisst nur Brötchen. Ab und zu ein Mädchen."
"Ich mag nur Fisch!" ruft Francesco. "Reis auch! Alles mag ich! Nur Spinat nicht. Spinat kommt hinten raus, wenn man Durchfall hat!"
"Mahaaa!" lacht sein Freund.
Womit wir beim Thema wären.
"Habt ihr beiden Hübschen schon mal aus dem Hals geschissen?"
Die beiden Hübschen kriegen sich kaum ein vor Lachen.
"Aus dem Hals.. haaa.. ! Kann man doch gar nicht.."
Schön wär’s aber. Ich war nämlich seit einer Woche nicht mehr auf dem Klo. Nachts träume ich schon, ich würde meine eigenen Kniestrümpfe fressen.

Als wir nach Hause gehen, seh ich Karlos in seinem weissen Kastenwagen den Kannenhof runterrollen.
Er bremst ab, neben mir.
"Is los, Glumm? Kommst du mit ins Mumms, ich geb einen aus."
Blöde Frage. Ich bring den Hund rein, und wir fahren los.
"Heut schon gehustet?" frage ich.
"Wieso?"
"Die strammen Dinger hier an der Scheibe."

Mumms. Mittagszeit. Lauter Oldtimer am Tresen.
Klaus ist so mager geworden, ihm tut schon das Sitzen weh.
"Ich steh unter Müller im Telefonbuch", erzählt er mit brüchiger Stimme.
"Wieso Müller?" fragt Karlos.
„Na, warum nicht! Ich unterschreib auch mit fetten Kringeln, wenn ich Lust dazu hab! Sollen die Leute doch blöd gucken. Nur wenn ich mit Willi unterschreibe, dann gucken die Leute noch blöder: Wie, Willi?!“
Er scheint noch breit zu sein vom Vorabend, denn vor ihm steht ein volles Glas Mineralwasser.
"Marina, Schätzchen! Komm doch mal hinter deinem Tresen her und setz dich zu mir. Hm? Können wir beiden Hübschen ein bisschen schmusen. Ein bisschen ferkeln."
Marina winkt genervt hat. Sie hat Sade aufgelegt, Your Love is King. Tadellose Fummel-Scheibe, aber Frauen sind keine da. Nur so Typen wie Karlos und Klaus und ich.
Und der Eli. Natürlich.
"Ein bisschen Sex wär jetzt nicht schlecht. Ich hab mir zwar heut morgen schon einen gewichst, im Stehen, aber das war Scheisse.“
"Musst du dir ne andere Kneipe suchen“, meint Klaus. „So eine, wo man unten angebohrt wird."
Er hat eine rosa Kruste auf der Nase. Mitten drauf.
"Einen draufgekriegt?" frag ich ihn.
"Nee, ich bin die Treppe runtergefallen, vor ein paar Tagen. Aber ich erzähl jedem, ich hätte was auf die Mappe gekriegt – hört sich gefährlicher an."

Nachdem der erste Schwung vorüber ist, stehen Karlos und ich schweigend am Tresen.
Zwei Bier, zwei Calvados.
Noch zwei Bier, zwei Calvados.
Was soll man sich auch gross ezählen?
"Deutschland hat das tiefste Tief seit 1857", sage ich.
Karlos nickt. Die Meldung ist eben im Autoradio gelaufen.
"Und sonst? Was machen die Beerdigungen?"
"Läuft wie am Schnürchen", antwortet Karlos, der immer noch
als Sargträger jobbt.
Der Mickes kommt rein, guckt mich an, sagt „Mensch, hast du kurze Haare gekriegt“, und geht weiter zum Spielautomaten.
„ANDAUERND! MUSS SEIN! ICH BRAUCH DAS!“ hör ich den Eli brüllen.
Er telefoniert gerade.

"Wusstest du, dass der Körper selbst Opiate produziert? Beim Marathonlauf?" fragt Karlos.
"Kann sein, aber mein Körper hat das nicht nötig", sag ich. "Ich nehme meine Drogen selbst."
Karlos fängt an, im Gesicht zu glühen und meint, in hundert Jahren würden grosse Firmen wie Mercedes Benz Haschisch und Heroin im Angebot haben, ganz legal.
Ganz bestimmt.
"Würdest du Kokain von Mercedes kaufen?"
"Aber sicher doch!" sind wir uns einig.

Zwei Bier weiter ist Karlos plötzlich elf, zwölf Jahre alt.
"Da hab ich die genialsten Gummistiefel der Welt gehabt. Die waren rutschiger als jede Gleitschuhe! Auf denen konntest du nicht stillstehen ohne direkt loszurutschen. So ganz einfache Dinge waren das, wie Nikolausstiefel."
Karlos kann sich wunderbar begeistern für die einfachen Dinge im Leben.
Zwischendurch muss er immer mal wieder auf den Pott. Er hat seit Tagen Darmgrippe. Das arme Schwein hat heute schon sechsmal die Schüssel vollgemacht.
Und ich hab Verstopfung!
"Nun kennt man sich schon so lange", meint er daraufhin, "und weiß immer noch Bescheid."
Solange Karlos rätselhaftes Zeugs redet, ist die Welt halbwegs rund.
Wenig später ist seine Kohle versoffen.
"Ich glaub, ich ruf mal die Sandy an - paar Bier retten."

Genau in dem Moment kommt Sandy zur Türe rein. Die Beiden (Hübschen) sind seit drei, vier Monaten ein Paar.
"Das ging aber schnell", sag ich.
Sie grinst.
Wir setzen uns an einen Tisch.
"Du siehst melancholisch aus", meint Sandy.
Wenn man pleite ist.
Der Tamile mit der Höckernase schenkt ihr eine Rose in Zellophan und ich erzähl Mickes, der gerade vom Flipperautomat kommt, von den Fertignudeln, die mich seit ein paar Tagen ernähren.
Daraufhin stellt er mir ein Bier hin.

"Wo ist denn die Gräfin?" fragt er.
"Im Urlaub", sag ich. "Dänemark. Und sonst so?"
"Ich komm gerade von Frau Kötting", strahlt Mickes.
Die gute alte Frau Kötting. Seit zig Jahren führt sie ein kleines schmieriges Büdchen am Klauberg. Ihre Spezialität: dich totlabern, wenn man auf die Schnelle nur eine Angelzeitschrift kaufen will, die sie eh nicht im Programm hat.
"Ich saß längst wieder im Auto, die Scheibe war runter, der Motor an, aber die Kötting war immer noch am Quasseln. Genial."
"Was denn?"
"Wie was denn?!"
"Na, was die Kötting gequasselt hat!"
"Weiss ich doch nicht. Der Motor war ja schon an. Ich hab immer nur genickt und irgendwann Gas gegeben."
"He, mein Feuerzeug ist alle!" schimpft Karlos. "Alles verabschiedet sich von mir. Geld! Gas! Alles!"
"Musst du reinfurzen, dann brennt das Zippo wieder", schlägt Klaus aus dem Hintergrund vor. "Darfst du aber keiner Dame Feuer geben."

Als Karlos aufs Klo verschwindet, wende ich mich Sandy zu.
"Warst du beim Zahnarzt?" frag ich.
"Nee. Wieso?"
"Weil du beim Reden den Mund nicht richtig aufmachst. Das ist mir eben schon aufgefallen."
Sie lacht.
"Ich war nicht beim Zahnarzt, nee. Aber ich muss grinsen, wenn ich euch beobachte. Und wenn ich grinse, kann ich nur breit reden."
Sie schiebt mir einen Zehner rüber.
Ich denke: PIZZA!
Der Schnaat kommt rein.
"Schnaat!“ sag ich.

Er hat seinen obligatorischen E-Gitarren-Kurs gegeben, im Haus der Jugend.
"Den Kids gezeigt, wie ein Kinks-Riff geht. All day and all of the night. Kennen die doch gar nicht mehr. Trinkst du ein Bier mit?"
Ich trinke drei.
Schnaat begeistert sich für einen französischen Spielfilm aus den Vierzigern. Mit Taschendieben und Untertiteln.
"Lief gestern Abend im Dritten. Auch gesehen?"
"Nee", sag ich. "Ich hab Hunger."
"Ich auch", sagt Schnaat.
Er nimmt mich mit. Wir fahren zum Wassili. The Best Of Pizzas.
Ich nehme die Grosse.
"Mit Knoblauch."
Schnaat mit Spinat.
An der Ecke runter zum Kannenhof lässt er mich raus.
"Gruß an die Gräfin."
"Die ist in Dänemark."
"Wenn sie anruft."
"Gut."
Ich im Laufschritt die Strasse runter.
Der Belag verrutscht.

Als ich in der Nacht wach werde, junkert der Hund im Traum wie eine amerikanische Streifenwagensirene und strampelt mit den Beinen. Auch ich hab geträumt. Mir klebte ein Stück Socken überm Auge, und die Gräfin wunderte sich, wie das geschehen konnte.
Ich guck mir die Knoblauchkleckse auf dem Kopfkissen an und schlafe wieder ein.
Hoffentlich ist die Gräfin bald wieder da.
20.4.06 12:56


BEIM AMERIKANER

Spät am Abend kehre ich im roten Schnellgeschäft ein, auf ein, zwei Cheeseburger und diverse Apfeltaschen, die so knallheiss aus dem Sieb kommen, dass es einem die Sprache verbrüht. So soll es sein. Ich nehm am Fenster Platz.
Und wer sitzt da ein Tisch vor mir?
Mein Cousin. Der Michael. Ich seh ihn zwar nur von hinten, aber ohne Zweifel, er ist es. Sein herzkranker Haarkranz macht ihn unverwechselbar.
Ihm gegenüber sitzt eine Frau. Seine Frau? Ist Michael überhaupt verheiratet? Wie war das noch mal..? Ich kenne die Verhältnisse nur noch vom Hörensagen, meine Mutter hält mich in der Regel auf dem Laufenden.
Michael ist Architekt, mit Anfang dreissig hatte er die erste Million beisammen. Seine Frau soll ein Drachen sein, der unerbittliche Schrittmacher auf dem Weg zur zweiten Million, die nun, mit Mitte Dreissig, unerwartet lange auf sich warten lässt.
Wir sitzen gerade mal ein, zwei Meter entfernt, und da Michael mich nicht gesehen hat und seine Frau, wenn sie es denn ist, mich nicht kennt, liegt es also an mir, meine Aufwartung zu machen, "Hallo Michael!" zu sagen.
Na, und dann?
Vielleicht: "Sag mal, Micha, schmeckt dein Big Mac genauso wie meiner?"
Als ich wieder aufgucke, von meinem mit Pappschachteln übersäten Tablett, sind die beiden Leute, die vor mir saßen, weg.
21.4.06 13:05


399 JAHRE

An einem Samstag landete ich in der Kichererbse, dieser neuen Kebab-Bude in der Innenstadt. Ich war der einzige Gast, bestellte einen Gyrosteller mit gemischtem Salat und Reis anstatt Pommes.
"Wie schmecken eigentlich Kichererbsen?" wollte ich von dem Türken hinter der Theke wissen. Er war etwa so alt wie ich, Anfang Dreissig.
"Tja, wie soll ich sagen..?"
"Süßer als normale Erbsen?"
"Süßer, nein.. Kann ich nicht erklären, musst du probieren."

Er schaufelte ein paar Kichererbsen auf eine Untertasse, und wir kamen ins Gespräch. Er war kein Türke, er war Araber und seit knapp drei Jahren in Deutschland.
Ein Flüchtling.
"Woher?"
"Aus Gaza."

Im Gaza-Streifen hatte erst wenige Tage zuvor ein Israeli mit einer Maschinenpistole in eine betende Palästinenser-Menge geschossen, es hatte 75 Tote gegeben.
"Schmeckt ausgezeichnet", sagte ich.
Ich meinte das Gyros. Nicht die Erbsen. Die waren mehlig.
"Das Fleisch ist ganz frisch und die Gewürzbeilage nach einem Rezept meiner Mutter."

Er erregte sich über die Israelis, die alle Palästinenser angeblich wie Tiere behandeln.
"Wir dürfen Steuern zahlen, aber wir haben keine Rechte. Wir dürfen nicht ausreisen, wir bekommen kein Arbeitslosengeld, wir dürfen nur arbeiten. Und wehe, du guckst einen israelischen Soldaten schief an, dann wirst du sofort erschissen."
"Erschossen", verbesserte ich, war aber ansonsten überrascht, wie gut er deutsch sprach.
Zwischendurch kam Kundschaft zur Türe rein, die ohne Ausnahme Pommes mit Currywurst verlangte, zum Mitnehmen.

Als wir wieder unter uns waren, sagte er: "Ich bin Politiker." Hatte ich diesen Satz jemals aus dem Munde eines gleichaltrigen Deutschen gehört? Natürlich nicht, aber wir leben ja auch nicht in einem Ghetto, das eigentlich unser eigenes Land ist.
Als ich ihn fragte, warum er geflüchtet sei und ob er jemals zurückkehren wolle in seine Heimat, schaute er zunächst weg, bevor er zögernd mit der Wahrheit herausrückte:
"Zuhause muss ich ins Gefängnis. Für 399 Jahre."
Meine Gabel stand in der Luft.
"399?! Das ist ja.."
Ich suchte nach Worten, aber ich fand keine.

Die ganze Geschichte wollte er partout nicht erzählen, nur soviel: bei einem Schusswechsel waren vier israelische Soldaten ums Leben gekommen.
"Das war Notwehr!"
Er selbst war auch mehrfach getroffen worden.
"Eine Kugel habe ich heute noch im linken Bein", sagte er, denn nach dem Tod der Soldaten wurden alle Krankenhäuser streng überwacht und er konnte sich nirgends behandeln lassen.
Eine Woche später übergab ihm ein ranghöheres PLO-Mitglied ein gefälschtes Visum, mit dem er über Norwegen nach Deutschland flüchten konnte, wo er nun mit einer Deutschen verheiratet war.
Zum Nachtisch nahm ich ein Yes-Törtchen.
22.4.06 14:23


UM DIE EHRE

Im Sommer war Sektfrühstück beim Linus, auf dem riesigen gefliesten Balkon. Es gab Hellbier vom Faß und eine Suppe voller serbisch Gedöns, ausserdem stand ein Grill in der Ecke mit Rippchen drauf und Bauchspeck.
"Ich ruf gleich die Polizei!" hetzte die dünne Nachbarin alle halbe Stunde durch den Hausflur, wegen dem Lärm und dem Schnitzelqualm.
"Hier gibt's keine Schnitzels!" gab Linus zurück.
Ansonsten kümmerte sich niemand um die arme Frau, erst recht nicht die Bullen.

Der Kraudi, der Hennes und der Stöck waren auch eingeladen. Die Drei sind alte Saufkumpane. Der Stöck wollte jedoch keinen Alkohol trinken, weil er mit dem Moped unterwegs war. Das konnten der Kraudi und der Hennes nicht einsehen. Schon nicht mehr nüchtern, begannen sie die gesamten Mineralwasser-Vorräte aufzusaufen, damit der Stöck gezwungen war, auch Bier zu trinken, ob der nun wollte oder nicht.
Geniale Idee.
Ich meine, die hätten das Wasser ja auch einfach in den Ausguss kippen können, aber nein, das galt nicht.
Es ging schließlich um die Ehre.

Hat natürlich nicht lange gedauert und der Hennes hat gejammert und gekotzt von dem vielen Sprudel, doch der Kraudi, von Natur aus unerbittlich, hat durchgehalten bis wirklich kein Fitzel Mineralwasser mehr zu finden war. Dann ging er in den Keller und drehte zur Vorsicht auch noch den Hauptwasserhahn ab.
"Super Sache!" klatschten er und Hennes sich ab.
Was die Beiden nicht wissen konnten: Stöck, nicht dumm, hatte vorgesorgt und eine Pulle Gerolsteiner gebunkert. Die holte er nun aus seinem Versteck hervor und lief triumphierend auf dem Balkon auf und ab.
"Damit habt ihr nicht gerechnet!"

Er setzte die Flasche an den Hals und machte sie auf ex leer. Dann tat er einen gewaltigen Bölk, stieg auf sein Moped und brauste winkend davon, während Kraudi und Hennes, die Blase proppenvoll, ihm zornig hinterher pinkelten, in zwei hohen Bögen vom Balkon runter.
So kam die Polizei doch noch zu ihrem Einsatz, spät am Abend.
24.4.06 07:09


NÄCHTE OHNE

Auf seine unentschlossene Art hatte er es schliesslich doch noch geschafft süchtig zu werden und so verbrachte er seine Nächte damit an Heroin zu denken wenn er clean war und nicht einschlafen konnte und von einer Ecke des Bettes in die andere Ecke floh unterbrochen nur von Zigarettenpausen die kurz ausfielen weil die Zigaretten wie loderndes Stroh im Hals brannten und er sie nach zwei Zügen wieder ausdrücken musste bis der Schlaf dann endlich kam ihn regelrecht bezwang in den frühen Morgenstunden war es ein dünner überfrachteter Bilderschlaf der nur seine Unruhe fortführte und in hastige Träume übersetzte von kleinen akzentuierten Heroinschmuggeleien über die holländische Grenze Schmuggeleien zu denen er in Wahrheit nicht in der Lage war weil schon die Vorstellung ein mit dreissig Gramm Pulver gefülltes Kondom in den After zu schieben ihm solche Schmerzen bereitete dass er es vorzog die schlauere Variante zu träumen von billigen Hotelzimmern in Rotterdam wo er sich eindeckte mit veredeltem Opium veredelt?! versifften Heroin eindeckte für drei vier Tage bis alles weggeraucht war und dann noch drei vier Tage drangehangen um sich zu erholen na wie zum Teufel soll man Schlaf finden bei so einem Schädelgewäsch;

-Angeklagter! Sie werden verurteilt wegen vorsätzlich herbeigeführter Verhinderung der eigenen Nachtruhe!
Nehmen Sie das Urteil an?-
-Sicher. Welches?-
25.4.06 07:21


DER VOLLIDIOT

Samstagnacht, halb drei. Das Mumms macht gleich zu.
Inge Fitting, die Wunderbare, streckt mir die Zunge raus.
"Wird Zeit, dass du mir mal über die Hüften rutscht, hörmal!"
Sie lässt ein Lachen dröhnen, als würde eine schmutzige kleine Lokomotive in ihre Kehle einbiegen, und baut sich vor mir auf.
"Ich trag heute Kontaktlinsen, hörmal!"
Karlos kommt von hinten und fischt ihr die Schachtel Camel aus der Jackentasche.
Er steckt sich eine an.
"Kippe jemand?"
"Her damit!" grinse ich.
"He, Camel..!?" Inge dreht sich um und tippt Karlos, der sich auch umdreht, auf die Schulter.
"Sag mal, hast du in meiner Tasche gewühlt?"
"Klar. Du merkst doch sowieso nix mehr. Ich hab dich schon mal gefickt, ohne dass du was davon gemerkt hast.."
"Jetzt übertreibst du aber, hör mal!" lacht sie, und die Lok dröhnt im Tunnel.
Dann ist Feierabend.

Karlos und ich torkeln rüber zum Taxistand, die ganze Breite der Kölner Strasse nutzend.
Ein Streifenwagen hält an.
Ein Polizist steigt aus, der andere bleibt sitzen.
"Augenblick mal, die Herren!"
Wegen Überquerens der Strasse und Behinderung eines Streifenwagens sollen wir jeder zehn Mark berappen.
"Hier ist doch überhaupt kein beschissenes Auto unterwegs!" ereifert sich Karlos. "Und wo haben wir euch behindert?! Ihr seid behindert!"
"Keine Diskussion, meine Herren! Jeder zehn Mark, und die Sache ist erledigt!"

Kohle haben wir keine mehr, alles versoffen, auch keinen Ausweis dabei, also müssen wir mit zur Wache.
Unterwegs, wir sitzen auf der Rückbank, stimmen wir "Fahr mit im grün-weissen Bullenbus!" an, nach der Melodie von Kli-Kla-Klawitter. "Wir nehmen jeden mit, wir haben sehr viel Platz!"
"Da haben wir aber zwei Witzbolde aufgegabelt!" meint der lange Polizist auf dem Beifahrersitz. "Passt auf, dass es keine Backpfeifen hagelt!"
"Was willst du grüner Wicht?!" geb ich zurück, und der Bulle wird böse und droht mit einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung.

Auf der Wache werden unsere Personalien aufgenommen. Da Karlos vor einem Jahr umgezogen ist, sich aber nicht umgemeldet hat, gibt es Ärger. Er weigert sich Mietparteien zu nennen, die ebenfalls in dem Haus wohnen, das er als neue Anschrift angegeben hat.
"Drosselstrasse 9! Mehr sag ich nicht! Müsst ihr schon aus mir rausprügeln!"
Er schraubt seinen cholerischen Schädel ins Neonlicht.
"Na, kommt schon her! Hier schön auf die Nuss! Das könnt ihr doch so gut!"
Natürlich spielt Karlos seine Wut nur. Als wäre das eine Theaterprobe hier. Aber er macht es so gekonnt, sogar ich bin froh, als er endlich die Klappe hält, aber der lange Bulle steht kurz vorm Überkochen.

Zunächst kündigt er an, uns bis morgen früh in Gewahrsam zu nehmen, dann will er mir den Hintern versohlen, weil ich erneut mit dem grünen Wicht rüberkomme.
"Jetzt macht doch nicht so einen Öschekk", beschwichtigt uns sein Kollege, worüber ich lachen muss, weil ich das lange nicht mehr gehört habe, Öschekk machen. Die Situation entspannt sich etwas, doch als wir uns weigern das Präsidium zu verlassen, wir wollen es uns lieber auf den harten Bänken im Vorraum bequem machen, wie früher, als wir jedes zweite Wochenende Ärger mit der Schmiere hatten, platzt dem Langen der Kragen.
"Ihr kriegt gleich wirklich was auf die Fresse!"
"Dann komm doch mit nach draussen!" bietet Karlos an, schon in der Tür stehend. Tatsächlich hätte der Bulle grosse Lust dazu, doch sein Kollege hält ihn zurück.
"Jetzt macht endlich, dass ihr wegkommt!"
"Ich hab mal die härteste Knallplättchenpistole der Welt gehabt!" brüllt Karlos noch, als wir schon unten auf der Strasse sind. "Und ihr?! Was habt ihr? Ne Schlampe zuhause, sonst gar nix!"

Von der ganzen bescheuerten Aktion ernüchtert, gehen wir um die Ecke in die feuchten Malteser Gründe und setzen uns auf die Bank.
Zum Glück haben die Bullen versäumt, Karlos zu durchsuchen, er hat einen Beutel voll Marihuana dabei. Wir dampfen ein mächtiges Dreiblatt. Der ganze Park stinkt nach Gras und frisch gemähter Wiese.
"Wer ausser einem Rasenmäher braucht schon einen Rasen?!" grunzt Karlos.
Wir schalten einen Gang zurück.
"Sag mal, was wollte Lena eigentlich?"
Sie hatte um Mitternacht herum im Mumms angerufen und sich erkundigt, wie ich die letzte Nacht überstanden habe.
"Du hast mir das Herz gebrochen", hab ich nur gesagt.
"Ich weiss", hat sie kleinlaut geantwortet.

Halbe Stunde später verschwindet Karlos in Richtung Drosselstrasse, ich zum Kannenhof. Aufgeladen wie ich bin, hebe ich einen Pflasterstein vom Wegesrand auf und schmettere ihn in die rückwärtige Fensterfront des Gesundheitsamtes. Das Klirren der Scheibe potenziert sich in der Stille der Nacht, aber ich latsche weiter den Park runter, als sei nichts geschehen.
Es kommt, wie es kommen muss. Auf der gegenüber liegenden Seite biegt ein Streifenwagen in den Malteser Grund ein. Geistesgegenwärtig ducke ich mich sofort und versteck mich in dem dichten Gebüsch am Hochhaus. Der Wagen rollt ohne Licht im Schritttempo vorüber. Hinter dem Gesundheitsamt bleibt er stehen, mit ausgeschaltetem Motor.
Ich warte zwanzig Minuten ab, bis ich mich aus der Deckung wage und in der Dunkelheit nach Hause gehe.

Am nächsten Mittag klingelt es. Es ist Karlos. Er ist ganz schön aufgebracht.
"Die Schmiere hat mich auf dem Nachhauseweg klargemacht, weil so ein Idiot im Malle ein Fenster eingeschmissen hat!!"
Dummerweise ist er wieder an dieselbe Streifenwagenbesatzung geraten, mit dem Unterschied, dass er dieses Mal die Taschen leeren musste.
"Da waren achtzehn Gramm im Beutel!" schimpft Karlos.
Der lange Bulle muss vor Freude nur so geglüht haben.
"Wie ein scheiss Lampion. Und das nur wegen irgend so einem Vollidioten!"
"Aber echt!" stimme ich zu.
25.4.06 14:01


DAS SCHNÄPPCHEN

Als ich Samstag früh in die Küche komme, sitzt die Gräfin am Tisch und liest Zeitung. Die dicke Wochenendausgabe. Ich guck ihr über die Schulter.
"Was suchst du denn unter Vermietungen?" wundere ich mich.
"Was ich da suche..? Na, ein Schnäppchen, möglichst mit Riesenbalkon."
"Schnäppchen, pah! Wenn wir heute Abend sechs Richtige haben und Lottomillionäre sind, bau ich uns eine Kirche! Nur zum Reinfurzen!"
Während die Gräfin weitersucht, halt ich erschrocken inne.
"Nein! Hoffentlich hat der liebe Gott das nicht gehört."
"Keine Sorge, da steht der liebe Gott drüber. Vor allem bei Typen wie dir."
Ich atme auf, für alle hörbar.
"Ne verdammte Riesenkirche!!"
26.4.06 20:22


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