Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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06

00 Uhr. Die Gr?fin l?sst eine W?scheklammer ploppen - in der K?che. Jippie. Dann geht die Post ab.
Draussen.
"Boh, was hat der denn f?rn rasantes Bengalen gekauft."
"Die so knistern, die find ich echt geil."
Deutschland ist schon eine Musik-Font?ne. Wir stehen wie Opa und Oma hinter der Gardine. F?r eine Sekunde ist "sch???n!" die ganze Siedlung in ein Neongr?n getaucht.
Die Chemiew?lfe heulen.
2005, war sch?n mit dir.
Vergiss uns nicht.
Um 0 Uhr 06 ist unsere Aufmerksamkeit ersch?pft.
"Immer der gleiche Glanz. Die solln lieber mal Ska-Farben da hochjagen. Schwarzweisse Karos."

Unser Hund, Frau Moll, versteckt sich in der Diele und pfeift Rosenkohl aus. Wir m?ssen lachen, worauf sie sich emp?rt umdreht und ihren eigenen Hintern mit b?sem Blick straft, f?r das ungewohnte Ger?usch.
Demn?chst kriegt sie besser kein Rosenkohl mehr.
So Silvester-Schleicher, wer will das h?ren?! "Die Sachen m?ssen f?r sich knallen", schreib ich meinen ersten Satz 2006 ins Notizbuch.

Die Gr?fin bleibt im Himmel mit nachdenklichem Blick.
"Vielleicht bin ich n?chstes Jahr um diese Zeit schon nicht mehr da. Kann doch sein. Ich stolper d?sig ?ber den Hund, schlag aufs Kinn und bin tot."
Ich b?ndige die b?sen Geister.
Spreche eine Bulle aus gegen 2006. Gegen Hunde, die im Weg liegen. Nein, besser: F?r 2006. F?r Hunde, die woanders liegen.
"Was genau ist nochmal eine Bulle?" frag ich die Gr?fin.
"Keine Ahnung. Ist auch egal. Hauptsache, Uniform."
Sie hat dieses urweibliche Uniform-Gen.
Ein Mann in Uniform muss schon sehr h?sslich sein, um bei der Gr?fin keine Gef?hle auszul?sen.
"Sogar die deutschen Bullen in ihren kackgr?nen Dingern machen mich kribbelig."
Aber so richtig heiss machen sie Zweireiher, blaue Marinekost?me, hier: die Admiralit?t.
"Gestatten, Admiral Benbow!" stell ich mich vor.
Man knallt blau.
1.1.06 10:25


ZIEGEN, ZEDERN, ZEISIGE

Die Felder liegen auf einer Anh?he.
Wohin man sich auch wendet, die Augen profitieren von verschneiten H?geln in der Ferne.
Wenn der Hund dann ?ber die ?cker prescht und gef?hrt von drei Dutzend wie aus dem Kaugummi-Apparat gekullerten Hasenk?tteln eine harte Hasen-Spur verfolgt, l?sst sich die Gr?fin am Wegesrand nieder, in einer Schneeverwehung, wo die Abdr?cke von Kr?henf?ssen an schmutzige Ypsilons erinnern. Sie raucht eine Zigarette.
Der Wind reisst wie Styropor.
Ein Gluckern, ?berall.

Meditation.

Zur?ck ?ber den Zedernweg begegnet ihr ein Mann mit dickem Sch?ferhund. Er passt gar nicht zu dem Hund. Wirkt eher wie ein Vogel, hager und zart. Selbst der Gang ist vogelig. Nicht keck genug f?r einen Spatz.
Der Mann ist eine Meise.
Die Hunde beschnuppern sich.
"Ist das ein R?de?" fragt die Gr?fin.
"Ja, das ist der Sam. Der geh?rt meiner Nachbarin."
Na, denkt die Gr?fin, war klar.
"Ich z?chte V?gel", f?hrt er fort. "Kapuzen-Zeisige, haupts?chlich. Die kommen aus S?damerika."

Ein, zwei Minuten lauscht die Gr?fin dem Gluckern des auftauenden Schnees w?hrend irgendwo in der N?he eine Stimme mit m?nnlichen Anteilen die schwierige Kreuzung eines s?damerikanischen mit einem osteurop?ischen Zeisig schildert.
"Aber alle Zeisige der Welt haben eins gemeinsam: sie singen immer Ziegenfleisch ist z?h."
"H?bsch. Ich muss dann mal weiter", meint die Gr?fin versunken.
"Ist klar."
2.1.06 19:39


TRAUMA TA TA

Schlecht gelaunt marschiert Deutschlehrer Sackmann vor dem Pult auf und ab. Dann bleibt er stehen.
"Schreiben ist was f?r gutaussehende Jungs, die kein Geld verdienen", diktiert er mit fisteliger Stimme, als w?rde er den Satz in die Tafel injizieren.
"Aaaaaahhh.. Nicht schon wieder!" kreischen die Sch?ler, schwer genervt, und stecken sich gegenseitig die Finger in die Ohren rein.
"Baah!"
Dann werd ich wach.

"Wird Zeit, dass du mal ne Mark machst mit deinen Geschichten", meint die Gr?fin, als ich ihr den Traum offenlege. "Sonst landest du noch beim Psychofritzen."
Psycho?! Fritzen? Bei den beiden bin ich schon l?ngst, dreimal die Woche, und seitdem die mir f?r jeden wilden Traum einen Fuffie zustecken, wie einer Go-Go-T?nzerin, ist das kein ?bles Arrangement.
Wobei, Geld macht ja gar nicht gl?cklich, wie die Gr?fin bemerkt hat:
"Wir machen das Geld gl?cklich."
Schlaf ich eben weiter.
3.1.06 18:19


WIE 500 DIE WELT SIEHT (553)

*
In einer globalisierten Welt macht auch die Tristesse zunehmend mobil:
"Denselben scheiss Regen hab ich doch gestern noch in China gesehen!"

*
Neu in 06/07:
Der Tages
abschieds
gef?hrte.

*
"Ich bin doch keine Prinzessin auf der Erbse!" entgegnet die Gr?fin beleidigt als sie ihre Tage hat.
"Ich bin die Prinzessin auf der DNS einer Erbse."

*
Heutzutage findet sich ja f?r jeden Fleck ein geeignetes Mittel, das alles wieder auf neu dreht, alles wieder feini feini macht, nur eines, das kriegen unsere Herren Chemiekonzerne einfach nicht aus der Rille gekratzt:
Kalter Bauer auf Vinyl.
5.1.06 09:58


PUNX NOT DEAD

Ich kenne ein b?ses M?dchen. Sie heisst Greta, ist vierzehn Jahre alt und laut. Mit ihrem alleinerziehenden Vater wohnt sie ein Stockwerk ?ber uns.
"Wir h?tten sofort Veto einlegen sollen, als wir das gesehen haben!"
"Was gesehen haben..?"
"Das da oben ein Kerl einzieht mit seiner halbw?chsigen Tochter, die wie ein Punk ruml?uft!"
Wir leben mittlerweile in einem Phonmuseum, in dem die Punk-Historie von 1976 bis heute aufgerollt wird, durchg?ngig mit 120 Dezibel von mittags bis abends, als w?re entlang der Zimmerdecke ein Doppelrohr mit Sound verlegt worden.

Gut.
Irgendwie hab ich das verdient.
Ich muss an die arme Frau Sieloff denken, die das Pech hatte unter meinem Kinderzimmer zu leben, wo ich 1974 Glitter-Rock und Slade (CUM ON FEEL THE NOIZE) entdeckte.
"Das kann man nur laut h?ren!" versuchte ich meiner Mutter klarzumachen.
"Extrem scheisse laut, Mutti!"

Wenn ich mittags von der Schule kam und erstmal ein St?ndchen entspannte, zwischen den wummernden Sonobull-Boxen, sah ich Frau Sieloff nicht selten gramgebeugt aus dem Haus st?rzen. Ihr Ziel: Dr. M?ring, ein Milit?rarzt alter Schule, der auf der Schillerstrasse eine private Nerven-Klinik f?hrte.
"JETZT STELLEN SIE SICH MAL NICHT SO AN, GUTE FRAU SIELOFF! MARSCHMUSIK HAT NOCH NIEMANDEN GESCHADET!"
"marsch..? der lauser h?rt rockmu.."
"SCHNAUZE, SIE SAU! GEHEN SIE LIEBER PUTZEN! DANN SIND SIE AUSSER HAUS UND GEHEN DEM ARMEN BUB NICHT AUF DEN GEIST MIT IHRER MAULEREI!"
"putzten, herr doktor, mit meiner k?nstliche h?f.."
"RAUS HIER JETZT! UND FANGEN SIE HINTEN IM KLO AN!"

Im Nachhinein kann ich die Leiden der armen Frau gut nachvollziehen. Wie soll man auch bei dem L?rm seine Hausarbeit verrichten?
"Ja schau an, guten Abend, die Frau Sieloff!" gr?sst mich die heimkehrende Gr?fin, als ich hysterisch mit dem Besen unter die Zimmerdecke kloppe.
"Die soll gef?lligst Zimmerlautst?rke einhalten da oben!"
Zimmerlautst?rke! Das Reizwort der 70er Jahre, aus meinem Mund 2006! Ich geh ein.

Paar Tage sp?ter.
Ich treff den Vater von Greta im Hausflur und bitte ihn zu uns herein.
"Nur eine Minute."
Er ist ein netter Mensch. Schleicht ein bisschen oft durchs Treppenhaus, aber okay - seine Sache.
Er setzt sich zu uns.
Oben rockt seine Tochter. Ich sage nichts.
Er guckt sich im Zimmer um.
"Boh, hast du ne alte Anlage!"

Dann erz?hlt er von den Problemen, die ein Vater hat, der selber lange Jahre Punk war, mit seiner Teenager-Tochter, die gerade zu den Punks ?berl?uft.
"Was soll ich der Greta gross erz?hlen, wenn die Fotos von 1982 in die Finger kriegt und sieht, wie ich rumgerannt bin..?"
Das sehen wir ein, die Gr?fin und ich.
Ist klar.
"Was ist mit leiser machen?" frag ich.

Dabei f?llt mir ein: Ich war vorgestern zur Ladenschlusszeit auf dem Fronhof, einem Platz mitten in der Stadt, und pl?tzlich str?mten von allen Seiten punkig gekleidete Jungs und M?dels hinzu.
Und es wurden immer mehr.
Einzeln, in Cliquen.
"Och. Wo kommen die denn alle her?" hab ich noch gedacht.

Ein paar von ihnen traf ich sp?ter bei uns im Hausflur wieder.
Darunter ein baumlanger Kerl, Irokesenfrisur, Ohrring in der Backe, und ein kleines M?del, Schottenrock, grotesk geschminkt. Der Bursche war am flennen, den Kopf auf ihre Schulter gest?tzt.
"Jetzt schmier doch hier emotional nicht so ab!" meinte sie genervt zu ihm als ich unsere Wohnungst?r aufschloss.
Drinnen war Ruhe.
Ausnahmsweise.
"Die Frau Sieloff ist da!" rief ich, und der Hund kam an, mit wedelndem Schwanz. Eine Weile blieb ich noch stehen, vor dem T?rspion, dann ging ich das Klo putzen.
6.1.06 09:08


DUMMER JUNGE

Bin nachmittags schon im Mumms und kipp warme Osborne in mich rein, doch so warm kann der Osborne gar nicht sein, dass mir davon w?rmer wird.
Sogar meine Beine sind kalte Stumpen aus Hass.
Was red ich.
Ich muss weg hier. Ins Nordpol, der Beerenweinschenke an der Autobahnzufahrt.
Da kellnert Lena.
Muss ich sie wirklich sehen? Muss ich?
"Ich glaub, jetzt zerst?r ich den Rest auch noch", sag ich zu Karlos, der neben mir am Tresen steht und mein Gefasel allm?hlich nicht mehr mitanh?ren kann.
"Na denn viel Spass", zuckt er nur die Achseln. Ich bezahl meinen Deckel und geh ?ber die Strasse zum Taxistand.

Die zwanzig Minuten Fahrt sind wie ein innerst?dtischer Flug. Ich weiss ?berhaupt nicht, was ich von ihr will. Einfach nur Stunk machen? Ist es das?
Lena ist nicht da.
Nur Britta, ihre Freundin. Sie kellnert.
"He, was suchst du denn hier??!"
"Na, was wohl. Wo ist sie?"
"Die Lena ist mit dem Uwe weg, Plakate kleben. Aber eigentlich m?ssten die jeden Moment wiederkommen."

Ich konnte Britta nie besonders leiden. Eines Tages war sie aus dem Nichts aufgetaucht: blond, bl?d, aufdringlich, wie aus dem Bilderbuch. Und da ist sie immer noch, pr?senter denn je.
Und Uwe, das ist der Neue. Lenas Chef. Lenas Stecher.
Mitte Dreissig, ein paar Rippen wegoperiert, aber immer auf Zack. Hab ihn anfangs gar nicht wahrgenommen, als Konkurrenten. Erschien mir zu farblos, zu muffig, genau wie seine Kneipe. Zu
alt.
Nicht mal Lena mochte ihn sonderlich.
Vor lauter Aufruhr kipp ich ein Bierglas um, ?ber die Sch?rze von Britta.
Sie lacht unsicher.
"Bist aber nerv?s.. was..?"

Uwe hat nicht locker gelassen. Hat um Lena gek?mpft. Hat ihr ein weisses T?llkleid oder was weiss ich geschenkt und sie auf eine Woche nach Berlin eingeladen. Hat sie im Nordpol fest angestellt und Britta gleich mit.
Er hat alles unter Kontrolle.
Ich hab keine Schnitte.
Ich muss sie sehen.
"Willst du noch ein Bier?" fragt Britta.

Dann kommen sie zur T?r rein. Nebeneinander. Wie ein Engel und ein langer Lakai. Sie guckt an ihm hoch. Sch?kert.
Sie lachen.
Ich rauche.
"Andi..!" Lena macht grosse Augen. "Was tust du denn hier?!"
"Weiss ich auch nicht."
Ich bin gut in knappen Antworten, und in Dickauftragen.
Sie stellt mich ihrem Uwe vor.
"Das isser", sagt sie.
"Hallo", sagt er.
"Hallo."

Eigentlich kennen wir uns kaum. Haben uns ein, zweimal fl?chtig gesehen.
Er bietet mir an, mit hochzukommen, in seine Wohnung.
"Ist gem?tlicher, und ein Bierchen hab ich auch da."
Ein Bierchen..wenn ich das schon h?re.
"Nee, lass mal", sag ich.
Und dann diese Brille.
"Ich m?cht lieber mit Lena alleine reden."
Er ?berlegt, ob er noch etwas sagen k?nnte, doch ihm scheint nichts einzufallen. Missmutig zieht er sich zur?ck, hinter den Tresen.

"Komm, wir setzen uns", sagt Lena. Sie ist braun gebrannt, mitten im Dezember. Sie riecht gut.
"Ich musste dich einfach sehen", leg ich gleich los, ohne langes Gepl?nkel. Und dass mich in diesem Kaff hier nichts mehr h?lt. Dass ich weggehe. In die Grossstadt.
Irgendwohin.
F?r ein paar Sekunden schl?gt sie die H?nde vors Gesicht.
"Du h?ngst doch so an allem hier.."
"Woran ich hier h?nge, das bist du. Aber du willst ja nicht mehr.."

Uwe kommt an den Tisch geschossen und bittet uns, die Unterredung, wie er es nennt, woanders fortzusetzen, n?mlich draussen, weil er das nicht ertragen k?nne.
"Bl?dsinn", sag ich, "setz dich."
Ausserdem ist es zu kalt draussen.
Er setzt sich, Lena und mir gegen?ber.

"Ich kann ja verstehen, dass es dir schlecht geht", versteht er. "Ich hab auch mal zwei Jahre gebraucht, um ?ber ne Frau wegzukommen, aber ich find das zum Kotzen, wie du Lena ein schlechtes Gewissen machst, wenn du ihr androhst dich umzubringen, wenn sie nicht zu dir zur?ckkehrt!"
Er hat recht. Ich hab ihr das angedroht.
"Ich..mach das nicht extra, es ist nur..manchmal seh ich keinen Grund mehr weiterzuleben, ohne Lena", versuch ich eine Rechtfertigung.
Ausserdem gebe es einen bestimmten Grund, warum ich jetzt hier sei.
"Du weisst doch, was ich meine."
"Nein.."
"Dann erz?hl es ihm", forder ich Lena auf, die mit gesenktem Kopf dabeisitzt.

Sie z?gert.
"Ich wollt..zum Andi zur?ck."
"Wann?!"
"Als du.. mich immer gefragt hast, warum ich..so still bin."
"Ist ja korrekt, dass sie sich entschieden hat", werd ich lauter, "Aber nicht die Art, wie sie das gemacht hat!"
Ziemlicher Stuss. Sie hat sich entschieden, gegen mich, das ist
alles.
"Wie du siehst, will Lena mit mir zusammen sein, und ich liebe
sie abg?ttisch!" ereifert sich Uwe. "Ich will sie heiraten."
Lena weicht meinem ungl?ubigen Blick aus.
Dann entschuldigt sich Uwe, weil der Laden sich gef?llt hat und er hinterm Tresen aushelfen muss.

"Der sieht aus wie ne Frikadelle", sag ich zu Lena.
Sie muss lachen.
"Gut sieht er nicht aus. Aber nett ist er, sehr nett."
"Nett, pah! Ein Penner, der f?r alles Verst?ndnis hat. Dieser Idiot!"
"Du bist der Idiot! Ausserdem, ich werde ihn nat?rlich nicht heiraten."
"Das h?tte auch noch gefehlt."
Sie bietet mir eine Zigarette an, aber ich lehne ab.
"Hast du meine Kippen nicht mehr n?tig, oder was?! W?r aber das erste Mal."

Dann verr?t sie, dass sie gerade lerne ohne mich zu leben.
"Ich auch", sag ich und sauf Bier und Gin-Tonic w?hrend Britta eine alte Cassette von mir aufgelegt hat, wo auch "She's strange" drauf ist, eine Nummer, die uns in Fleisch und Blut ?bergegangen ist.
Das bringt mich wieder in Rage und ich rede ("Ich will mit dir schlafen!") und ich rede immer mehr ("Du bist doch meine Frau!") und h?re gar nicht mehr auf zu reden ("Wieso l?sst du mich im Stich?") bis ich erneut mit meinem Tod drohe, weil ich nicht wisse f?r wen oder was..
"F?r mich alleine hab ich eh keinen Ehrgeiz!"

Lena wird w?tend.
"Wenn du das wirklich machst, hau ich dir im Grab noch auf die Fresse! Was glaubst du wohl, wie ich mich f?hle f?r den Rest meines Lebens, wenn ich Schuld bin an deinem Tod!"
Ich sitz in der Falle.
"Ich will das alles nicht, aber ich bin so ungl?cklich."
"Na, wer ist das nicht, irgendwie", sagt sie.
"Du!" sag ich.
"Gl?cklich, pff! Das Gl?ck, das du meinst, das ist wie eine sch?ne Kindheit. Die kriegt man geschenkt, da kann man nichts f?r. Das ist Gl?ck f?r dich. Bloss nichts daf?r tun. Du wartest immer nur
auf dein Gl?ck. Und wenn es dann nicht kommt oder dich verl?sst, schreist du rum wie ein kleiner dummer Junge."

Ich beobachte Uwe, der Gl?ser sp?lt und Bier zapft und uns dabei keine Sekunde aus den Augen l?sst.
"Du h?ttest das nicht tun sollen, so auf halbem Weg zu mir zur?ck, und dann doch nicht!"
Sie st?hnt.
"Ja, du hast recht. Aber ich hatte doch selbst keine Ahnung."

Vierzehn Tage hatte sie sich Bedenkzeit genommen, vierzehn Tage auf Fuerteventura, dann kam sie zur?ck..
"..und als der Uwe mich vom Flughafen abgeholt hat, da war alles klar, ganz pl?tzlich wusste ich, dass ich jetzt zu ihm geh?re.."
"Scheisse!!"
Ich ruf lauthals nach einem Taxi, und Uwe nickt nur kurz, aber triumphierend.
Ich f?hl mich randvoll Alkohol.
"Das ist jetzt mein letzter Versuch, Lena, bitte..!"

Sie ist so genervt, dass die halbe Kneipe zuh?rt.
"Okay, Andi. Jetzt kommt mein letzter Vorschlag. Wenn du das wirklich willst, dann geh ich jetzt auf der Stelle zum Uwe und sag ihm, dass alles nur eine L?ge war zwischen mir und ihm, und dann fahren wir beide, du und ich, gemeindsam hier weg..", sie verdreht die Augen, "..meinetwegen mit dem Taxi.. Lieber bin ich jetzt ungl?cklich, als das ich mir mein Leben lang Vorw?rfe mache..!"
"Nein!" wehr ich erschrocken ab, "Nein, so nicht.. Das geht schief, nein..!"
Die T?r schwingt auf.
"Taxi!?"

Ich, der verlassene Herr Oberlehrer, steh auf und deck sie nochmals mit Vorw?rfen ein, dabei mit der Faust auf den Tisch pochend, sie, den Kopf gesenkt, schweigt, und ich h?re selbst nicht mehr hin, was ich ihr alles reintue, irgendeinen Schmus, Wiederholungen.
"Eigentlich kannst du gar nichts daf?r", sagt sie leise, als meine Tirade vor?ber ist ("Ich hasse dich!"), "Du bist nun mal so extrem."
"Na klasse!"
Und das ich Geduld haben solle mit ihr.
"Ich hab aber keinen Bock auf Geduld!"

Im Taxi sag ich kein Wort mehr. Was ein Schwachsinn alles.
Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, mit ihr zusammen zu sein. Wir w?rden da wieder anfangen, wo wir aufgeh?rt haben, und da war nicht mehr viel.
Der n?chste Winter und es hat mich immer noch an den Eiern.
Nichts hab ich dazugelernt, gar nichts. Alles ist nur eine Ecke endg?ltiger, fertiger.
"Wohin denn jetzt?" fragt der Fahrer, der schon eine Weile unterwegs ist.
"Geradeaus."
"Und dann?"
"Dann..oben zur M?ngstener Br?cke."
Als er mich skeptisch mustert, aus den Augenwinkeln, f?ge ich "Merlin" hinzu, das Lokal ganz in der N?he der Br?cke.
Er l?sst mich auf dem Parkplatz raus.

Ich marschiere am Kneipeneingang vorbei, in das Waldst?ck hinein. Es ist dunkel, nur etwas Licht aus dem Merlin beleuchtet den Pfad.
Durch ein Loch im Stacheldrahtzaun krieche ich auf die Bahnschienen, und schreite Bole f?r Bole bis zur Mitte der
Br?cke.
?ber hundert Meter hoch, ein Dorado f?r Selbstm?rder.
Ich lehn mich ?ber das Gel?nder und guck runter.
Laternen brennen, ich h?re einen Hund bellen.
Das ferne Pl?tschern der Wupper.
Es ist kalt. Es zieht. Es ist dunkel.
Und tief.
Wenn ich da unten aufschlage, bin ich solch ein Matschklumpen, dass Lena nicht mehr weiss, wo sie draufhauen soll, am offenen Sarg.
"Wo bittesch?n soll denn hier dem seine Fresse sein, Herr Pfarrer?!"

Ich steck die H?nde in die Taschen und stapf den Weg zur?ck.
Am Schaberg finde ich eine Telefonzelle.
Ich ruf Karlos an.
"Ich wollt mich gerade umbringen. Ich hol ein paar Flaschen Bier. Ich komm vorbei."
"Okay", murmelt Karlos, alles andere als begeistert.
Aber da muss er jetzt durch.
6.1.06 14:41


PARTY! GIRL GROUPS! SEX MIT NAGETIER!

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind das Niemandsland. Da ist immer was los. Alle haben frei und wissen nicht wohin mit sich.

Am Samstagabend spielt im Keller eine Salsa-Band aus Costa Rica. Ziemlich m?de Geschichte. Ich bin mit dem Ralle da. Der ist selber ein Musiker, ein Trommler. Er hat die rauheste Zunge, die ich je gesehen hab. Richtig dicke Katschen sind da drin. Als h?tte er mal falschrum mit einer N?hmaschine geschmust und so schnell nicht damit aufgeh?rt.
Ralle wartet immer noch auf sein Visum f?r Kuba. Sobald es da ist, fliegt er nach Havanna und absolviert auf dem Musik-Konservatorium die Aufnahmepr?fung.

"Hab geh?rt, beim Lorenz ist immer noch Party", sagt er.
Nichts wie weg hier. Wir sammeln die zwei blonden Schwestern ein, die auch im Keller rumlungern, und fahren in Ralles rotem Peugeot runter ins Schellbergtal, wo die Eltern von Lorenz eine Villa stehen haben.
"Sagen die Eltern denn nichts, wenn da seit Mittwoch durchgefeiert wird?" fragt eine der Schwestern.
"Ach was. Die sind in Sankt Moritz. Skilaufen."

Den ersten, den wir sehen, als wir in das Haus reinkommen, ist der Carlos. Steht im marmorgefliesten Flur ?ber einen Schirmst?nder geb?ckt und ..tja, kotzen kann man das nicht nennen. Sieht eher aus, als w?rde aus einem Duschkopf braune Br?he gespr?ht kommen.
Die Farbe deutet auf Carlos bew?hrte Mischung hin: Bier, Schnaps, angedaute Minipizza.
"Schon l?nger hier?" klopf ich ihm auf die Schulter.
Carlos wischt sich den Mund ab.
"Boah."

Im Durchgang zum Wohnzimmer strahlt Martina.
"Mensch, haben wir uns lang nicht mehr gesehen!"
Martina ist die s?sse Zahnarzthelferin, die mir letzten Sommer eine Zuckerstange geschenkt hat, f?r meine Z?hne, da war ich
in sie verknallt, ein bisschen.
Wir tauschen ein Bussi.

"Hab geh?rt, du bist jetzt mit einem Typ aus Wuppertal zusammen?"
"Mh..ja, der zieht sogar demn?chst zu mir.."
"Echt?!"
"Naja, erstmal f?rn halbes Jahr, so zur Probe."
"Und, wie sieht er aus? Was macht er?"
"Ah, immer die gleichen Fragen, also was macht er, er studiert Architektur und.."
"Puh, sieht der h?sslich aus", unterbrech ich sie und sie knufft mich in die Seite.

Wie eine Kamera am Bundesligasamstag lass ich meinen Blick durchs riesige Wohnzimmer fahren. Durchs Stadion. Vierzig, f?nfzig Leute w?rd ich sagen. Die meisten Gesichter sind mir bekannt. Eigentlich alle.
Ich hol mir ein Bier, gr?sse mal hier, mal dort.
"Ah, die Intellektuellen sind da!" gr?hlt der Lange mit dem Cowboyhut, einer von Lorenz reichen Freunden.
Bl?dmann.

Ich geh zu Martina zur?ck, die gerade ihren smarten Hals dreht, in Richtung Flur.
"Sag mal, dein Freund, der..."
"Carlos.."
"..ja, genau, Carlos, der ist ja schon ziemlich am Ende.."
"Vielleicht f?ngt er aber auch gerade erst an", wende ich ein, doch das findet sie nicht ulkig.
"Immer das gleiche mit euch Saufbr?dern", meint sie, und danach dauert es auch nicht lange, und wir stehen wieder genauso verlegen nebeneinander wie im vergangenen Sommer.
Sie ist h?bsch, sie hat einen smarten K?rper, aber wir haben uns nichts zu sagen.

"Hm..also..es wird mich immer interessieren, was du so treibst", sag ich nach einer l?ngeren Pause.
Sie mustert mich skeptisch.
Dann nicken wir wieder zur Musik.
Schliesslich haben wir uns alles verschwiegen, was es in der K?rze so zu verschweigen gibt.
"Ich muss sowieso morgen fr?h raus", entschuldigt sie sich.
Ich verabschiede sie mit Handkuss, Martina hat einfach Stil, ich kann nicht anders, und danach lauf ich durch die Bude.
Einfach mal kommen lassen, die Party.

Das Fassbier steht im Flur. Ich f?ll meinen Becher auf und guck mal nach Carlos, finde ihn aber nirgendwo. Entweder hat er sich eine Runde hingelegt, in der oberen Etage der Villa, oder wieder unter die Leute gemischt.
Mit der dritten Luft. Die zweite wird er schon verbraucht haben.

Im Wohnzimmer, unter dem lichtstrotzenden Kandelaber, h?r ich den Pietschi aus dem Stimmengewirr heraus: "Ich will k?ssen und lecken und machen!", worauf irgendjemand mit "Primat!" antwortet.
Hier bin ich zu Haus. Das ist meine Stadt. Nur eins ist
merkw?rdig. Es ist definitiv zu hell f?r die Party. Und die Musik zu leise.

Lorenz winkt aus der Ecke hinten. Ich winke zur?ck. Er hat ein paar Ergebene um sich geschart, denen er aus seinem Romanmanuskript vorliest.
"Der Patientenplanet."
Er hat immer wissen wollen, was ich dazu sage, aber ich hab gesagt, erst wenn das Ding fertig ist, les ich es mir durch, wohl wissend, dass Lorenz niemals ein Buch zuende bringen wird.

Daf?r sitzt er zu gerne in der Kneipe, daf?r lacht er zu gerne. Wobei ich niemanden kenne, der sein Lachen so mitreissend und verschwenderisch einsetzt wie Lorenz. Es prasselt aus seinem Hals wie eine karibische Marschmusik.
Es sei denn, er wird verkatert wach. Dann mieft er wie Molke.
Er ist ein schwerer Trinker.

Als ich mir das n?chste Bier hole, l?uft mir diese Sylvia ?bern Weg. Sie ist die j?ngere der beiden Schwestern, die wir aus dem Keller mitgenommen haben. Ich hab sie heute erst kennengelernt.
Sie ist Kinderkrankenschwester.
Mit ihrem langen blonden Zopf und ihrer Batik-Weste erinnert sie mich irgendwie an ein Burgfr?ulein. Sie trinkt Kirschsaft.
"Das ist Rum-Cola!" sagt sie emp?rt.
Na gottseidank. Wir kommen ins Gespr?ch w?hrend die Musik endlich lauter wird: jemand hat Sixties Beat aufgelegt. Eine Girl Group. Ich liebe Girl Groups. Die Shangrilas, Little Eva.

Das Burgfr?ulein plaudert von ihrem Job auf der Kinderstation.
"Wusstest du, dass schwarze Babies weiss zur Welt kommen?"
Will die mich ver?ppeln?
"Also, ich mein, Babies von Schwarzen.."
"Negerbabies", sag ich das verbotene Wort.
"Ja. Sag ich doch. Aber die kommen weiss zur Welt, und erst nach ein paar Wochen werden sie dunkel, so peu a peu."

Wir sitzen nahe dem Plattendeck.
Ich mach mittlerweile die Musik, wobei mir mit jedem Bier schlimmer die Plattennadel ?ber die Scheiben ratscht, zum Gl?ck ist Lorenz schon hin?ber und kriegt nichts mehr mit.
Sein Romanmanuskript liegt verstreut in der Ecke, unter einem Gem?lde mit Pferdekopf.
Patientenplanet.

Ich fang an zu baggern, was das Zeugs h?lt. M?chte echt mal wissen, was ich da so alles von mir gebe. Aber ich hab keinen Schimmer. Ich hab nur ein Ziel im Kopf: das Burgfr?ulein ins Bett zu kriegen.
Es l?uft ab wie ein Spielfilm.
Gedreht wird spontan und eine Etage h?her.

Die meisten Zimmer sind verschlossen. Eines steht offen, und als wir reingehen, sehen wir das Testbild rauschen, auf dem TV-Apparat. Im Halbdunkel erkenn ich Carlos.
Er schl?ft im Sitzen, die Kinnlade auf der Brust.
"Komisch", sag ich zum Burgfr?ulein, "Der kann so dicht sein wie er will, die Glotze kriegt er immer noch angeknipst."
"Kennst du den?" kichert sie.
"Sicher. Das ist der Carlos. Das Kripogesicht."
Sie kriegt sich nicht mehr ein.
"Kripogesicht?! Ich hab mal einen Freund gehabt, der war auch bei der Polizei."

Aha. Das Carlos bei der Polizei arbeitet, das wusste ich auch noch nicht. Vermutlich als Pizza-Kommissar.
Dann finden das Burgfr?ulein und ich doch noch ein unverschlossenes Zimmer. Es ist das Schlafzimmer der Eltern. Zum Gl?ck steckt der Schl?ssel von innen.
Ich schliess ab.
Wir reissen die Tagesdecke vom Bett und fangen auf der Stelle an zu fummeln. Es ist stockdunkel. Wir kommen gut ineinander.
Sie k?sst s?ss. So klein. Wie ein Nagetier.
Da bollert es gegen die T?r.
"Eh, ihr scheiss Ficker, aufmachen!"

"Das ist der Lorenz", fl?stere ich. "Sei still. Dann hauen die wieder ab."
Lorenz ist nicht allein. Ich h?r weitere Stimmen.
Wir liegen in der Dunkelheit, ein paar Minuten, bis sich die Schritte auf dem Korridor entfernen.

"Sie sind weg", atmet das Burgfr?ulein auf.
Um ganz sicher zu gehen, dass sie wirklich aufgegeben haben und weg sind, warten wir noch ein Weilchen bevor wir weitermachen. Obwohl sie einen schweren K?rperbau hat ohne dick zu sein, geht alles so leicht, als w?ren wir schon hundertmal im Bett gewesen.
"Eigentlich kenn ich dich ja gar nicht", meint sie, da wird pl?tzlich die Balkont?re aufgestossen, unter lautem Triumphgeheul, die Vorh?nge bauschen schwer im Nachtwind. Das Deckenlicht wird angeschaltet und das Burgfr?ulein fl?chtet splitternackt ins Badezimmer.

"Damit habt ihr nicht gerechnet, wa??!"
Lorenz wackelt, aber f?llt nicht.
Sein Kumpel mit dem Dallas-Hut steht daneben wie sein stolzer grosser Freund aus Amerika.
Ich versuch zu verhandeln.
"Lorenz, geb uns noch ne halbe Stunde, dann sind wir weg."
Aber es gibt nichts zu verhandeln.
Die beiden haben sich in ihrer sturen Besoffenheit in den Kopf gesetzt, das heilige Schlafzimmer zu st?rmen, die verreisten Eltern zu r?chen, und nun stehen sie hier und wissen nicht weiter.

"Fuffzig Dollar!" lallt der lange Cowboyverschnitt und findet das wahrscheinlich witzig. Ich geh ?berhaupt nicht darauf ein, aber Lorenz hat sich zu mir ins Bett gelegt und scheint jeden Moment wegzupennen.
"He, Lorenz!!" muss ich ihn quasi zur?ckholen.
"Passt auf. Ihr macht euch zehn Minuten aus dem Staub, damit die Kleine sich anziehen kann, und dann verpissen wir uns."
Die Gentlemen akzeptieren freudig und ziehen ab.
"Kannst rauskommen", ruf ich.
Wir ziehen uns an, steigen die Treppe runter und im Flur ruf ich uns ein Taxi.

Als wir bei mir zuhause ankommen und ich das Licht anmache, f?llt mir der Ventilator auf, der im Regal steht.
Steht der immer bier??!
Es ist ein kleiner Ventilator, der Stecker baumelt herunter. Ich steck ihn kurzerhand in die Steckdose, und das Ding summt los.
"He, wieso machst du denn den Ventilator an, mitten im Winter?" staunt das Burgfr?ulein, das sich gleich ins Bett gekuschelt hat.
"Keine Ahnung", murmel ich, voll wie ein Eimer pl?tzlich.
"Versteh ich nicht", meint sie.
Ich doch auch nicht.
6.1.06 14:42


TEIL 2: PARTY! GIRL GROUPS! SEX...

Als ich die Augen aufmache, wird es gerade hell.
Mein Sch?del f?hlt sich an wie ein leckgeschlagenes Kraftwerk. Irgendwo pfeift und flappert es, aber ich kann nicht lokalisieren, wo der Ton herkommt.

"Kannst du das nicht mal abstellen?" fragt eine weibliche Stimme neben mir.
Das Burgfr?ulein..!
Verflucht. Wieso h?rt auch sie dieses Ger?usch? Ist das nicht in meinem Kopf?!
Hab ich mich gestern endg?ltig bekloppt gesoffen?
Als ein Windzug mein Gesicht streift, kapiere ich endlich, dass es nur der Ventilator ist, der seine Runde dreht.
Nachdem ich das Ding ausgest?pselt hab, leg ich mich gleich wieder hin, den Biersch?del wegpennen.

Als ich das n?chste Mal wach werde, ist es schon Mittag.
Der Platz neben mir ist leer. Ihre Klamotten liegen verstreut im Zimmer. Ich h?r entfernt das Prasseln der Dusche, und das Telefon l?uten.
Erst will ich nicht abheben, aber es l?utet und l?utet und h?rt nicht auf.
Wieso geht der verfluchte Carlos eigentlich nie ans Telefon?!
Ich st?hne in die K?che.

"Mh..?"
"Andi.."
"Lena..!"
Damit hab ich nicht gerechnet.
"Ich hab dich gestern kurz in der Stadt gesehen, vom Auto aus..
Du hast ja die Haare ab."
"Schon seit ein paar Tagen", r?usper ich mich.
"Du siehst aus wie ein entflohener Str?fling."
"Findest du? Mir gef?llts."
"Mir nicht. Gehts dir so schlecht?"
"Wieso schlecht? Nur weil ich die Haare ab hab?!"
"Naja, du weisst schon..wegen uns meine ich. Willst du dich
damit selber strafen?"
"Ach, jetzt h?r auf. Ich hab mich beschissen benommen, im Nordpol letzte Woche, tut mir auch leid, aber ich komm schon klar. Mir gehts..nicht schlecht..!"
"Na, wenn du meinst.."

Ich komm schon klar... Ha! Aber sicher doch!
Das Leben h?rt nicht auf, das ist alles. Ich setz einen Riesenpott Kaffee auf und h?ng mich an den K?chentisch, verkatert.
Verscheuch die Fliegen. Diese verdammten kleinen Fliegen, die rot und h?sslich vom Geschirrh?gel aus der Sp?le starten und auf einen zusurren, sich auf die Nase setzen, wo sie hocken bleiben und sich putzen.

Das Burgfr?ulein kommt aus dem Bad, ein Handtuch um die H?fte gewickelt. Frisches weisses T-Shirt. Wo hat sie das denn her?! Von mir ist das nicht.
"Hallo", sag ich.
"Hallo." Sie dampft noch ein wenig.
"Sag mal, wer von euch beiden trinkt denn beim Baden Kaffee?" fragt sie sch?chtern, weil auf der Ablage neben der Toilette ein paar verkrustete Kaffeetassen herumstehen.
"Der Carlos", sag ich. "Allerdings beim Scheissen."

Das Burgfr?ulein geht durch in mein Zimmer und zieht sich an. Ihr dicker Hintern gef?llt mir nicht.
"Du bist komisch", sagt sie, als sie sich zu mir an den Tisch setzt und einen Kaffee trinkt. "Genau wie eure Brause. Mal ist sie ganz heiss, dann wieder kalt, und der Strahl ist so hart."
Dann muss sie zum Wochenenddienst auf die Kinderstation.
Ich bleib sitzen.
"Sehen wir uns nochmal?"
"Ich ruf an", sag ich.
"Hast du denn meine Nummer?"
Jetzt w?re ein guter Moment f?r Auftritt Carlos, aus seinem Zimmer. Aber der Penner r?hrt sich nicht. Kein Ton.
Sie zieht die Wohnungst?re zu.
6.1.06 14:43


AN EINEM DEZEMBERMORGEN

An einem Dezembermorgen weckt mich das Scheppern
der Schneeschaufeln. Schnüffelnden Herzens rutsche ich den Bahnschienen entlang zur Wiese von Bauer Pott. Klettere den Hang hinauf, vergrabe die Nase im Rollkragen, die Hände tief im Mantel. Und tauche ein in Deja-Vu. In den frohen Lärm der Kindheit. In das Sausen der Schlitten die Piste hinab. Rasant reihen sich die Bilder aneinander. In der Ferne dampft die Stadt und versunken in Erinnerung bemerke ich erst gar nicht, wie die Kinder mir zurufen, ich solle doch endlich aus dem Bild verschwinden.
7.1.06 16:04


WORDS (DON'T COME EASY)

Nach der Mittagsrunde mit dem Hund kommt die Gräfin gereizt heim.
"Mann, da hat mir wieder mal einer die Ohren vollgesabbelt..!"
"Wer denn diesmal?"
"Weiss nicht, wie der heisst. Der hat so Adern auf der Stirn, wie Krallen."
Andere Hundebesitzer können unerbittlich sein. Sie begleiten einen in den Wald hinein, ob man will oder nicht.
"Gehen Sie in diese Richtung?"
"Nein. In die andere."
"Auch gut. Ich komm mit!"

Sie sind wie ein Klemmbrett, auf dem ein Dauer-Monolog eingespannt ist. Das eigene Dasein wird abgeklopft, ob das den anderen nun interessiert oder nicht, wen interessiert das schon.
"Keiner will mehr allein sein", mault die Gräfin. Sie ist ganz grau. Sie hat vier Kilo abgenommen, bei einem einzigen Spaziergang! "Jeder quasselt um sein Leben."
"Ich kann sehr gut alleine sein", entgegne ich, "wenn keiner da ist."

Das Problem der Gräfin: Sie findet es unhöflich, andere Menschen abzuweisen. Das kann sie schlecht.
Sie ist erschöpft.
Eigentlich würde ich sie ja gern fragen, was der Mann mit den Krallen auf der Stirn so alles erzählt hat, vielleicht kann ich ja was gebrauchen für mein gefrässiges Notizbuch, aber ich glaub, das lass ich jetzt mal lieber sein.
Zur Entspannung hat sie sich vor den Fernseher gehauen.

Da läuft ein französischer Spielfilm. Sie mag französische Spielfilme gern, sehr gern sogar, aber der hier ist - mit akustischer Bildbeschreibung für Sehbehinderte!
Jede Szene, in der kein Dialog vorkommt, wird ausführlich aus dem Off kommentiert!
"Jetzt sabbelt mich auch noch der Fernseher voll!" schreit sie.
Ich verzieh mich in die Küche, paar Küsse kochen. Später werde ich sie leise an ihren Leib schieben.
9.1.06 16:57


KLEINE REPARATUR, KEIN PROBLEM

Samstag. Spätschicht im Hotel. Ich stopf mir noch eine Purpfeife. Was solls, bei den paar Gästen. Zudem schein ich auf andere Leute gar nicht so komisch zu wirken, wie mir nach dem Kiffen zumute ist. Wahrscheinlich ist es den Leuten aber auch nur egal. Sind selbst alle komisch.

Dann läuft eine Mitteilung ein, im hotelinternen Telefonverkehr.
Die amerikanische Grandma im dreizehnten Stock, Zimmer 34, habe Angst überfallen zu werden, ihr Türschloss sei nämlich defekt. Schliesse nicht richtig.
Das teilt mir ihr Sohn mit, der das Zimmer nebenan bewohnt.
"Okay. I come up", sag ich.
Ich nehm das Treppenhaus. Zwei Etagen.
"Well", sag ich, "let's have a look."

Seine Ma sei vor einer halben Stunde zurückgekommen vom Shoppen in der City, da habe die Tür eine Handbreit aufgestanden, und jetzt, wo ich so tue, als würde ich den Schaden begutachten, wühlt die Alte verstohlen in ihrem Koffer. Zieht ein Nachthemd hervor, glättet es, legt es zurück.
Der Sohn blinzelt zu ihr herüber.
Das Schloss ist okay. Dem fehlt nichts. Vielleicht etwas Luft? Ich puste einmal durch.

Ich glaube, ihre Grandma hat die Tür einfach offen gelassen, als sie gegangen ist, erkläre ich dem Sohn.
"Das ist meine Ma", sagt er. "Nicht Grandma."
"Alright!" sag ich kräftig und fahr mit dem Lift runter in den elften Stock. Komm gerade noch rechtzeitig, um den Jingle der Sportschau mitpfeifen zu können. Ich bin ein grosser Freund von Fussballgucken während der Arbeitszeit.
10.1.06 07:30


MEINE NEUE HANDY-NUMMER

Ausnahmsweise gefrühstückt. Sogar ein Ei vom Biologiebauern. Erinnert an Hühner-Cola. Nicht vom Geschmack her. Auch nicht vom Geruch. Vom Klang vielleicht? Woher soll ich das denn wissen?! Es erinnert mich - basta!
Danach zieh ich mich an und stratze über den Friedhof in die Stadt.
Super Abkürzung!
Hier Tod, da Verderben.
Es ist sieben Uhr dreissig. Der Morgen hämmert. Ich bin Brite in gewisser Hinsicht. Ich hab einen Koffer voller Spleens. So kann ich nicht an einem Gummiring vorübergehen, ohne ihn vom Boden aufzuheben. Ich meine die Gummiringe, mit denen Zeitschriften eingerollt werden. Die Dinger liegen überall herum. Sieht man eines und hebt es nicht auf, stehen einem sieben Stunden Unglück ins Haus, nicht verhandelbar und ab sofort.
Ich bück mich nach jedem verlausten Gummi.
Nachteil: von meiner Umgebung krieg ich kaum was mit, da die Augen permanent den Boden abtasten.

Dann, auf dem Friedhof, dieses Schulmädchen. So 15 Jahre alt. Kommt mir zwischen den Gräbern entgegen. Sie trägt etwas grünes um den Mund rum, wie eine Art Mundschutz.
(Ah! Die Vogelgrippe! Es ist soweit!)
Erst als wir auf gleicher Höhe sind, erkenne ich: das ist das Display ihres Handys, in das sie beim Gehen hineinstiert und das ihre Mundpartie flaschengrün ausleuchtet.
Was ein farbiges Leben. Ihr Leben, nicht meines. Ich hab ja nicht mal ein Handy. Bis jetzt.
Ich will auch mit grüner Fresse modern übern Friedhof latschen morgens um halb acht! Mich nicht immer nur nach Gummiringen bücken!
Ich denk mir schon mal die Teilnehmernummer aus. Wie wärs mit 666? Genau. Die nehm ich.
Ich heb sowieso nicht ab.
10.1.06 15:12


DER CHESTER QUOLL

Ich sitz im Wald, auf einer Treppe, ?briggeblieben vom Krieg. Ich mein, was soll so eine Scheiss-Treppe sonst mitten im Wald, abgetreten und glitschig? Um mich herum nur Wind und der Hund. Frau Moll.
Sie sp?ht regungslos die B?schung runter.
Es regnet.
Als ich aufstehe, humpeln wir beide.
Frau Moll humpelt, weil sie gestern dummerweise in eine Scherbe getreten ist, ich humpel, weil ich tagelang im Bett gelegen hab, meinen Affen kurieren und lesen. Dabei hat es mich im Kreuz erwischt. Ist ja logisch. Wer mit vierzig noch tagelang im Bett rumd?mpelt, dem pausen die Nerven bis aufs Lattenrost durch.
Mir ist ?bel.
Hab eben ein Baguette mit Schinken und Ananas gegessen. Der Chester-K?se quoll so zu den Seiten raus, ich wusste ?berhaupt nicht, wie ich das Scheissteil anfassen sollte, ohne dass ich mich einsaue von oben bis unten.
Wir humpeln los.
Der Regen tut gut.
Alles war andersrum gewesen, gestern. Alles.
SIE war ausgegangen und hatte getrunken w?hrend ICH zu Hause geblieben bin, im Bett, Walter Serner lesen, den Pfiff Um Die Ecke.
SIE hatte die knappe blaue Admiralsjacke angezogen, bevor sie wegging, ICH mein Stubenj?ckchen.
"Du kannst ja mitkommen", hatte sie noch gesagt.
"Genau", hatte ich gemurmelt.
So fertig wie ich gestern gewesen bin, h?tte ich in Gesellschaft genau ein einziges Wort rausgekriegt:
"Wegda."
Wir humpeln durch den Wald. Ich rutsch fast weg auf dem nassen Laub, kann mich gerade noch abfangen. Frau Moll guckt komisch.
Vermutlich spekuliert sie darauf, ein Reh anzufallen, wenn das Herrchen schon mal so neben der Kappe ist.
Eins, das humpelt vielleicht.
11.1.06 20:31


ORNITHOLOGEN FASSEN SICH AN DEN KOPF!

Auf dem weitl?ufigen Bogensch?tzen-Gel?nde, das brach liegt und als Hundewiese genutzt wird, haben wir ein bislang unbekanntes, komplett deformiertes Vogelverhalten aufgedeckt.
Ein Desaster f?r die Evolution!
Schon vor Wochen war uns aufgefallen, dass immer mehr Zugv?gel gar nicht fortziehen, sondern hier zu ?berwintern scheinen. Einen Reim konnten wir uns nicht darauf machen.
Bis gestern.
Da haben wir die Br?der ertappt, wie sie ihre Schn?bel gewetzt haben und tief in die Hundescheisse langten! Jawohl, Hundescheisse! Das Futter, das ihnen ferne beschwerliche Reisen erspart!
Arschlecken Afrika!

Eigentlich muss man sich wundern, dass die Schwalben und M?cken so lange gebraucht haben, bis sie darauf gekommen sind. Schliesslich sind V?gel ja nicht doof. Haben sich zeitig von den Raub-Dinosauriern verabschiedet und weiterentwickelt, im Gegensatz zu den Affen, die es nicht einmal auf die Reihe gekriegt haben, Mensch zu werden.
In Hundekot ist alles drin, was V?gel zum Leben brauchen: Vitamine, Spurenlemente, Gehacktes, alles. Hundebesitzer, die Pedigree & Co. verf?ttern, wissen es schon lange: der Dosenfrass kommt beim Hund hinten so wieder heraus wie er vorne reingegangen ist.
Ohne nennenswerten Verlust von Vitaminen etc.

Nat?rlich bleibt die ungewohnte Nahrung nicht ohne Folgen. So sind wir nicht zuletzt durch diese Ger?usche im Luftraum ("gree-greee-pedi-greeee") auf das seltsame Vogelverhalten aufmerksam geworden, und auch dass sie M?nnchen machen und beim Pinkeln die Fl?gel anheben ist neu.
Und dann kommt noch eine M?we angeflattert, spack im Gefieder und mit einem Kuheuter-Gesicht wie Mariah Carey!
Auch Kuhscheisse scheint einen Teller wert zu sein.

(Eine ausf?hrliche Dokumentation an das britische Wissenschaftsmagazin "Nature" ist unterwegs.)
12.1.06 13:09


WENN MAN NEUJAHR SCHEISSE AUSSIEHT

Silvester haben die Gräfin und ich ganz gemütlich bei Matze und Petra gefeiert. Um Mitternacht sind wir auf die Strasse runter, mit einer Pulle Sekt und dem obligatorischen Knallfrosch, der wie jedes Jahr in der Luft krepiert ist.
Danach hockten wir wieder gemütlich im Raucherzimmer unterm Dach, bei tschechischem Bier, Fleisch-Fondue und rotem Libanesen.

Die Nacht verbrachten die Gräfin und ich auf dem ausklappbaren Gäste-Sofa, das heisst, die Gräfin hat geschlafen und ich hab wachgelegen bei offenem Fenster und einer angefressenen Schachtel Toffifee.
"Mach zu, mir wird kalt.." murmelte die Gräfin irgendwann.
"Okay", hab ich gesagt und die Schachtel zugeklappt.

Am nächsten Mittag bin ich runter in die Küche, auf einen Kaffee, den ich bis oben unters Dach gerochen hatte.
Es gab ein grosses Hallo!
"Na du Arsch", gähnte Matze, der verkatert am
Küchentisch sass."Wie siehst du denn aus? Auf nem Stahlkissen gepennt?!"
Tatsächlich hatte ich Furchen im Gesicht, als hätten die traditionellen Neujahrs-Skispringer darin mehrere Trainingseinheiten absolviert, immer fröhlich die Nasenschanze runter.
Ziemlich ramponiert, das Teil.

"Soll ich dir ne Wärmflasche machen", bot Matze an, "für das Näschen?"
Da die Damen noch schliefen, haben wir die nächsten zwei Stunden damit verbracht, unseren Alkoholpegel aufzufüllen sowie eine kleine Nasenwärmflasche zu schnitzen, aus dem abgeschnittenen Fingerteil eines rosa Spülhandschuhs.
Davon gibt es ein Farbfoto! Leider gehört es Matze.
Sonst würde ich es euch doch zeigen!
13.1.06 07:31


RESPEKT FÜR DAS MONSTER

Meine erste Coca Cola war 1967 eine Afri Cola und schmeckte wie nie wieder irgendeine Cola danach: keinen Hacken nach Afrika, sondern breit und amerikanisch wie das Kettcar, mit dem ich den Bürgersteig vor unserem Haus runtersauste und dabei den englischen Hit schmetterte, der sich in meinem siebenjährigen Kopf wie DEAR MRS. APPLEBEE anhörte, für unmittelbar Betroffene aber eher wie DIES MÜSSTE EBBE SEIN geklungen haben muss.
Ich war aber auch schnell unterwegs gewesen!

Wir waren verrückt nach Afri Cola. Es gab sie in rauhen Mengen in der Hasseldelle zu kaufen, einer Siedlung im Grünen mit einer Menge Kornfeldern, Wiesen zum Fussballspielen und dem Getränkehandel. Hier legten wir Steppkes unser Taschengeld zusammen, für die Ein-Liter-Terrinen voll dunklem amerikanischen Glitter.

Schöne Kindheit, bis 1969. Da wurden in der Hasseldelle die Fundamente für eine grosse Hochhaussiedlung gelegt. Einer der ersten Opfer war der Getränkehandel, er musste weichen. Da meine Eltern kein "Klein-Chicago" um sich herum haben wollten, zogen wir auch um.

Meine letzten Erinnerungen an die Hasseldelle: ich und ein paar andere Afri-Cola-Jungs lungerten in einem der vielen Rohbauten herum.
Ich weiss nicht mehr, wie es dazu gekommen war, jedenfalls lag plötzlich der Dieter Rupp nackig in einem engen Kellerschacht und lachte uns an.
Mit einem grossen erigierten Glied.
Wenn man normalerweise über das männliche Genital schreibt, kommt unweigerlich die Frage: Wie nenn ich es? Nenn ich es Pimmel oder Penis oder Latte oder Rohr oder Schwanz oder Lümmel oder Onkel Heinz, eine schwierige Entscheidug meistens, aber im Fall von Dieter Rupp 1969, nackig im Neubauschacht, war die Sache sonnenklar: Was mich da anblitzte im Frühlingslicht, das war ein Glied, ein 1a weisses Glied, durchzogen von blauen Adern und erstaunlich stramm für sein Alter.
Keine Haare am Sack.

Der Dieter wohnt neuerdings bei uns in der Nähe. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder. Letzens haben wir uns kurz unterhalten, der übliche Mist, wie teuer und doof alles geworden ist, aber innerlich hab ich den Hut gelupft, aus Respekt, ja, aus Ehrerbietung für den ersten weissen Hai, den ich je live gesehen hab.
14.1.06 15:43


SO NE ART BUREAU

Mein Zimmer ist so ne Art B?ro. Ich hab einen grossen Schreibtisch, der problemlos bei einem Steuerberater stehen k?nnte (wenn ich Buchf?hrung k?nnte), eine grosse Matratze mit einem selbstgebauten Kasten drumherum (selbstgebaut von meinem Bruder freilich) und im Regal s?mtliche Geheimnis-B?cher von Enid Blyton und daneben meine geliebten Fussballb?cher "Elf Freunde m?sst ihr sein" (das Gelbe) und "Uwe findet zum Fussball" (das Blaue).

"Andi Glumm sein Zimmer: wenn man reinkommt und denkt, da steht ne Lampe, stattdessen h?ngt da ein beleuchteter Zettel mit Notizen drauf."
(Die Gr?fin zum Thema).

Gestern haben wir uns gestritten in diesem Zimmer wie schon lange nicht mehr die Dachdecker. Das Kerzenwachs spritzte nur so herum, und der Hund verkroch sich verst?rt.
Es hatte seit Tagen in der Luft gelegen.
Der Anlass war letzlich so was von d?mlich: anstatt Ungarischer Chips hatte ich f?lschlicherweise irgendwelche Salzpringel mitgebracht, weil ich nicht richtig bei der Sache gewesen war, vor dem Supermarktregal mit den salzigen Sachen.
"Du bist nie richtig bei der Sache, das ist es ja!!"
Als ich dann aus dem Zimmer gest?rmt bin, damit wir uns nicht gegenseitig an den Kragen gehen, schnippte ich die Zigarette im hohen Bogen in den Vorgarten, wo sie im feuchten Gras weiterbrannte, wie ein Punktbrand.
Ich h?rte ein Krachen in meinem Zimmer, und ging nach Hause.
15.1.06 10:59


UNSERE KLEINE FLEISCHDENKERIN

"Sieht der h?sslich aus", meint Lotta.
"Wer?"
"Na, hier. Dein Hund."
Frau Moll und h?sslich? Meint sie das Ernst?
"Mit der Meinung stehst du aber ziemlich allein da."
"H?sslich.. und so struppig."
Missg?nstig blickt Lotta auf Frau Moll nieder, die sich am Fu?e des blitzblanken Messingtresens hingehauen hat.
"Und viel zu schlapp f?r ihr Alter."
"Daf?r kann sie nichts", sag ich. "Sie hat ihr Duracell noch nicht gekriegt."
"Ihr was..? Duracell?"
"Richtig. Unser Hund kriegt Anfang des Jahres immer Duracell gespritzt."
"Aber das ist doch.. Duracell sind Batterien..!"
Ich nicke.
"Genau. Batteries?ure h?t Mischlinge fit. Geschmeidig."
Lotta guckt mich an, als h?tte ich sie nicht mehr alle, dann boxt sie mir in den Bauch.
"Mann! Du redest den gleichen Stuss wie fr?her."

Paar Minuten sp?ter bin ich mit Frau Moll auf dem Heimweg und gr?bel, was Lotta damit bezweckt haben mag, von wegen Frau Moll sei h?sslich.
"Das ist doch Bl?dsinn. Du bist nicht h?sslich."
Vielleicht wird man sp?ter einmal sagen, Frau Moll war ein Hund mit einem kleinen K?pfchen, in das passgenau ihr Appetit reinpasste. Und sonst nichts.
Das kann schon sein.
"Du kleine Fleischdenkerin."

Zu Hause kommt die Gr?fin mit Hochfrisur aus dem dampfenden Bad.
Sie sieht aus wie Nofretete.
W?hrend sie Stutenmilch auftr?gt, erz?hl ich von meinem spannenden Vormittag in der Stadt.
Was ich alles gesehen hab. Man m?sste mit Photoshop durch die Strassen laufen und all die deutschen Gesichtskloaken wegretuschieren, denk ich manchmal. Andererseits, wenn man einmal mit dem Retuschieren anf?ngt, was bleibt dann noch ?brig.
Entleerte Trottoirs.

"Zum Schluss war ich auf einen Sprung bei Lotta im Laden. Sie macht n?chsten Monat dicht. Hat sich nicht mehr rentiert."
"Nicht mehr rentiert, du bist gut. Das war von Anfang an eine Totgeburt", meint die Gr?fin. "Eine Suppen-Bar hier in Solingen, wie soll das funktionieren."
Vor dem Spiegelschrank fl?mt sie ihre Lippen.
"Und wie gehts Lotta sonst?"
"Mh. Nicht gut. Dick ist sie geworden."

Da geht mir auf, wen Lotta eben gemeint hat, mit h?sslich: sich selber nat?rlich! Sie sieht mittlerweile so grotesk aus wie ihre Frau Mutter.
"Die wiegt hundertfuffzig Kilo und kann kaum noch gehen", hatte Lotta mit schiefem Mund erz?hlt. "Sie humpelt nur noch. Und wenn sie morgens wach wird, gehts direkt vor den Fernseher. Gerichtsshows, du weisst schon.."

M?glicherweise hab ich Lotta dann noch einen winzigen Moment zu lange auf den Schmerbauch gestiert.
Frauen sind da ja hochempfindlich.
"Du hast aber einen h?sslichen Hund!"
"Die Mollie ist doch nicht h?sslich", sag ich zur Gr?fin. "Das ist normale internationale H?rte. Oder?!"
"Sicher."

*
Vor zwei Jahren im Januar wedelten neun Mischlings-Welpen durch ein Wohnzimmer in Ohligs.
"S???ss!"
Die Gr?fin wusste kaum, nach welchem Kn?uel Fell sie zuerst greifen sollte. Eines niedlicher als der andere.
"Wie ein kleiner Dattelhain ist das hier!"

Zwei Welpen starteten ausserhalb der Konkurrenz. Einer hiess K?ptn Nemo, bei dem es sich aber eher um ein flockiges schwarzes Schaf zu handeln schien, das gem?tlich den Teppichboden nach Kr?meln abgraste und kaum den Blick hob.
Ein weiterer Aussenseiter hatte sich ?ngstlich im Regal verkrochen.
Er war h?sslich wie eine Kr?cke.
"Ein Weibchen. Hat noch keinen Namen."
Wir standen sprachlos vor diesem zitternden H?ufchen.
"Bisschen mollig die Dame", sagte ich.
Die Gr?fin hob es vorsichtig hervor. Sie quiekte vor Sympathie.
Jemand machte Pipi.

Nachdem wir den Kauf perfekt gemacht hatten, ?berreichte uns der Z?chter verschw?rerisch eine Pumpe und zwei schmale Walkman-Batterien.
"Altes Familienrezept."
Die hab ich dann erstmal gegen dicke Duracell eingetauscht. Wenn schon, denn schon.
17.1.06 07:26


TRIcKS

Tropisches Hoch ?ber Zeeland.
Lenkdrachen flattern hart im Wind, wie Sommerhits, denen man nicht entfliehen kann. Sie sind ?berall.
An der Nuss?lk?ste.
Verdammt heiss heute. Heiss und monoton.
Ich geh mir was zu trinken holen.

Schlender barfuss ?ber den Strandpfad, der mit Holzlatten ausgelegt ist, damit man sich die Flossen nicht verbr?ht, als mir pl?tzlich eine F?nf-Euro-Note ins Auge f?llt.
Liegt da im Sand. Herrenlos.
Dem ersten Impuls folgend will ich gerade den Fuss auf den Schein stellen, da schalte ich zur?ck: ist doch uralt der Trick..! Kaum will man hinlangen, ziehen Kinder an einem Faden und der Schein ist futsch und es wird gelacht, so was von herzhaft: HA-HA-HA!
Nee, Kinder, nicht mit mir.
Alles halb so ha-ha.

Dennoch geh ich langsam in die Hocke und schau mich im Strand-Get?mmel um, ob ich das Versteck der Blagen entdecke, und tats?chlich, hinter einer Holzkabine liegen zwei Burschen. Grosse Augen, ratlos.
Ich tu so, als w?rde ich meine F?sse untersuchen, vielleicht hab ich mir einen Holzsplitter reingelaufen, die 5-Euro-Note immer in Griffn?he.
Wenn ich jetzt schnell wie der Blitz hinlange, d?rften die Kids eigentlich keine Chance haben. Aus den Augenwinkeln seh ich die Hochspannung in ihren Gesichtern. Die Situation ist auf des Messers Schneide. Pl?tzlich bewegt sich das Geld, ganz leicht nur, oder ist es der Wind...?

Ach, was solls. Ich dreh den Blagen eine lange Nase und geh weiter in den Strandpavillon. Eine alte Verspieltheit kommt mir in den Sinn. F?r 50 Cent zieh ich aus dem Kaugummiapparat einen Freundschaftsring. Der l?sst sich so sch?n zurechtbiegen und h?lt eine Kindheit lang bis zum Ende der grossen Ferien.
18.1.06 07:59


MILCH FÜR DIE CHINESEN

1
Mitte der Neunziger hatte ich das Schreiben so ziemlich an den Nagel gehangen. Ab und an beteiligte ich mich an irgendwelchen Literatur-Wettbewerben, aber auch nur weil es da einen festen Einsendeschluss gab und ein Thema, also musste man etwas zustandebringen - oder auch nicht.
Einmal hiess das Thema DER TERMIN.
Ich hatte noch genau vier Tage Zeit. Dann war Sense.

"Termin ist ein scheiss Thema. Ich hab doch kaum Termine", sagte ich zu Twing, der mich w?hrend des Nachtdienstes im Hotel besuchte.
"Du musst doch nicht immer ?ber dich schreiben.".
"Nee, nat?rlich nicht", sagte ich. "Aber wor?ber dann?"
"?ber mich."
Twing hing im Drehstuhl und rauchte eine Kippe nach der anderen. Er hatte gutes Pulver auf der Tasche.
Braunes Pulver.
"Ich hab st?ndig Termine. Ich bin eine wichtige Person. Ich hab Proben-Termine, Rendevouz-Termine, Arzt-Termine."
"Noch was?"
"Nee. Sonst nichts. Am meisten Spass machen die Rendevouz-Termine. Ein Termin hat sch?ne dicke blonde Haare. Sieht nicht so supergut aus, aber gut. Eine Sch?lerin von mir. Sie hat letztens gesagt, sie will mal koksen. Okay, hab ich gesagt, mal gucken was sich machen l?sst."

Er steckte sich eine Kippe an.
"Und.. weiter?"
"Weiter? Erz?hl ich nur, wenn ich auf deinen Chefsessel darf."
"Auf den Chefsessel..?"
"Ja.. hier krieg ich R?ckenschmerzen auf dem Stuhl, das ist scheisse. Also was ist - Termin gegen Chefsessel."
Ich stand auf und ?berliess ihm das braune Kunstleder-Exemplar, das so h?bsch furzte, wenn man aufstand und die Luft aus dem Polster entwich.

"Gut, die junge Dame also. Ein lustiges Wesen. Letztens hab ich sie angerufen. Sie war aber nicht da und da hab ich ihr auf den Anrufbeantworter gesprochen. Ob wir nicht endlich mal die Nase Koks nehmen sollen.."
"Und? Hat sie sich gemeldet?"
"Ja, ich weiss nicht. Bei mir ruft andauernd einer an und legt wieder auf."
"Das ist sie!"
"Sicher. "
Twing hing so tief im Sessel, ich wusste gar nicht, dass man so tief in einem Sessel h?ngen kann ohne zu verschwinden.
"Hast du schon mal ne Frau gefesselt und dann gefickt?" murmelte er, w?hrend ihm die Augen zufielen. Er sah aus wie ein alter Hund.
Heroin und Gesichtsz?ge, eine tragische Liaison.
"Ich glaub, zwischen dreissig und vierzig hat man nur Sex im Kopf. Und Geld."
Aus dem Radio in der K?che wehte leise Nachtarbeitermusik zu uns her?ber.
"Und Schore.."
"He, Twing, aufwachen! War das alles? Das war doch gar nichts. Was soll denn das f?r eine Story sein.. ?!"
"Ach so. Nee. Das war was anderes. Das war so."

2
Twing suchte einen Nebenjob, f?r vormittags. Er las ein Inserat.
'Fahrer f?r tgl. 5 Std. gesucht.'
Er rief an.
"Veroonika, halloo..?" meldete sich eine Stimme, tr?stlich wie warmer Vanillepudding.
"Ja. Hallo. Mein Name ist Kai Sch?neburg. Genannt Twing. Ich hab Ihre Anzeige in der Zeitung gelesen."
"Jaa? Sch?n.."
"?h ja. Da wollt ich mal fragen, worum es sich dabei handelt."
"Ja, Kai, darf ich Sie so nennen?"
"Sicher. Aber Twing ist besser."
"Gut, Twing. Dann werde ich Ihnen die Aufgabe mal beschreiben. Sie w?rden mich morgens gegen 8 Uhr 30 abholen und dann fahren Sie mich ?hm.. wohin."
"Wohin?"
"Das ist abwechselnd, aber innerhalb des Stadtgebiets, in aller Regel. Die Fahrt dauert vielleicht zehn Minuten, dann haben Sie ungef?hr eine Stunde frei. Anschliessend holen Sie mich wieder ab und wir fahren zum n?chsten ??h Punkt, wieder ungef?hr zehn Minuten Wegstrecke und wieder haben Sie eine Stunde frei.. ungef?hr. Das geht.. na, lassen Sie mich nicht l?gen, bis etwa 13 Uhr."

"Hmm. Gut. Und mit welchem Wagen?"
"Jaa, Kai.."
"Twing!"
"..Twing, das ist so ein Problem. Ich hab n?mlich einen Pekawe, der hat einen Neuwert von vierzigtausend Deemark, und wenn Sie dann Leerlauf haben zwischen den ??h Eins?tzen, also das w?re mir nicht recht, wenn Sie dann in meinem Wagen ??h ruml?mmeln w?rden, sag ich mal. Sie m?ssten schon Ihren eigenen Pekawe benutzen."

"Na, meinetwegen. Und was ist mit Bezahlung?"
"Ja Twing, das ist einfach. Sie m?ssten t?glich von 8 Uhr 30 bis 13 Uhr f?r mich erreichbar sein. Ihre eigentliche Arbeitszeit aber w?re maximal eine Stunde. Ich w?rde Ihnen daher w?chentlich ein Entgelt von ??h hundert Mark zahlen."
"Hundert..? F?r eine Woche?! Ist das Ihr Ernst?"
"?hm ja."
H?tte Twing keinen Steifen in der Hose gehabt, das Gespr?ch w?re genau da beendet gewesen, mit einem matten Lacher.

"Und wenn Sie mich in Naturalien auszahlen?" schlug er vor.
"Nanu.. Wie das denn?"
"Mit N?mmerchen."
"N?mmerchen?"
"N?mmerchen, genau."
"Ist das Ihr Ernst?"
"Klar."
"Das w?re ja.. nicht mal ein ganzes N?mmerchen pro Woche, das Ihnen zusteht, als Lohn."
"Na, dann legen Sie noch was drauf."
"Was drauf..legen.. das w?re mir aber nicht so recht."
"Wir k?nnten sofort einen Vorstellungs-Termin ausmachen.. auf der Stelle. H?tte ich keine Probleme mit."
"Ich brauche aber erst f?r Anfang Januar jemanden!"
"Und was ist mit N?mmerchen? Als Vorschuss? Ich fang schon mal an!"
"Bitte..? Hallo..? Twing..!!"

3
"Und dann hast du dir einen gewichst..oder wie?"
"Mh. Ja."
"Das ist alles?"
"Das ist alles."
"Da war das ja mit der Sch?lerin noch spannender."
"Mit der gab es aber ?rger."
"Wieso, ich denk, die ruft immer an und legt auf?"
"Na, das tut sie sie ja auch, wahrscheinlich. Aber ?rger haben ihre Eltern gemacht. Die haben n?mlich den AB abgeh?rt. Mit meiner Nachricht."
"Ooh.. das mit dem Koksen, ja?"
"Genau. Wusst ich ja nicht, dass die Kleine noch zu Hause wohnt. Jetzt hat sie nat?rlich Stubenarrest."
"Stubenarrst? Wie alt ist die denn??"
Twing wirkte pl?tzlich gereizt.
"Siebzehn, Mann. Nichts schlimmes. Aber eben ein Nesth?kchen. Wie die jungen Dinger heute eben so sind.."

Draussen ging die Sonne auf. Verdammt! Ich musste doch Milch kochen, Milch f?r die Chinesen! Die standen jeden Morgen Punkt f?nf Uhr auf der Matte und liessen sich Milch in ihre Thermoskannen f?llen.
Gestern war mir der Milchtopf ?bergekocht, just in dem Moment, als sie die K?che enterten.
"Ohh, keine Plobleme. Milch kocht ?bel blingt Glick. Blingt viel Glick!"

Der Nachtdienst ging mir allm?hlich auf den Nerv.
"Ist der Job eigentlich noch frei?" fragte ich Twing.
"Welcher Job?"
"Bei der Nutte."
"Nee."
"Und woher weisst du das?"
"Weil ich Veronika um halb neun abhole. Sind noch dreieinhalb Stunden. Was ist? Noch ein N?schen?"
19.1.06 07:11


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