Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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DIXIESONATE

Auf dem Weg zur Hundewiese spazieren wir an der Baustelle vorbei. Da steht ein hellblaues Dixie-Klo.
Es duftet nach Bratkartoffeln.
"Mann, hat der ne Mark gemacht!" schw?rme ich.
"Wer?" fragt die Gr?fin.
"Der feine Herr Dixie. Erst in New Orleans den Sound erfunden und dann das Chemie-Klo, das nach Bratkartoffeln riecht."

Auf der Wiese angekommen, es ist bereits Mittag, wir haben kaum gefr?hst?ckt, fauchen unsere M?gen derma?en vor Hunger, dass die Wildkaninchen ins Brombeergeb?sch fl?chten.
Wir sehen nur noch ihre weissen Hintern.
"Das heisst Blume", berichtigt die Gr?fin. "Vielleicht leih ich mir von Pa demn?chst das Luftgewehr. Dann schiess ich uns ein Kaninchen. ?bernacht in Buttermilch eingelegt.."
Ich guck sie mitleidig an.
"Glaubste nicht?! Das mach ich! Solang ich dem Karnickel dabei nicht in die Augen gucken muss.."
"Pfff.."
"Schon gut, schon gut. Mach ich uns eben einen Salat."
"Kaninchensalat?"

Ganz sch?n zackige Wolkenformationen heute.
So was sieht man auch nur am Himmel: Moonboots, Gr?sse 50, gefolgt von einem fetten Hecht.
"Und der wird immer gr?sser, der Fisch.. nein! Es.. ist soweit..!"
Die Gr?fin, fest davon ?berzeugt, dass bald die Apokalypse ?ber die Erde kommen wird, in Form eines riesigen Fisches, dem Welt-Aal, zieht den Hund und mich fort!
Heim, hintern Mond, wo wir in drei Wolken leben:
Frauenzimmer.
M?nnerbude.
Hundeh?tte.
1.11.05 21:00


GEZ ABER!

1970 hatten meine Eltern die Nase voll von Klein-Chicago und zogen auf die Schillerstrasse. Die H?user, teilweise noch im Rohbau, standen in zweiter Reihe hinter den Altbauten, die typischen a,-b,-c-Nummern also.
Wir wohnten a.

Ich war neun Jahre alt und Mittelst?rmer.
Jeden Tag nach der Schule wurde der Tornister in die Ecke gefeuert und es ging den Klauberg runter zum Fussballplatz. Auch wenn die Mannschaften wechselten, meine Freunde Wiwi Wiebusch und Pille Hilger waren immer dabei.

Im Winter r?ckte ein Kamerateam an. Auf der Schillerstrasse sollte ein Spielfilm gedreht werden, und daf?r stellten wir sogar das Kicken ein.
Das mussten wir sehen.
Alles war abgesperrt.
"Action!"
Ein Wagen kam vorgefahren. Ein P?rchen stieg aus, rannte die Treppe hoch, ins Haus hinein.

"Wieso ist die T?r denn auf?" emp?rte sich Wiwi Wiebusch. Seine Eltern wohnten nur drei H?user entfernt. "Der muss doch erstmal klingeln!"
"Vielleicht hat er seinen eigenen Schl?ssel. Aber dann muss er doch erst aufschliessen.." meinte auch Pille Hilger.
Ich sagte nichts. T?ren, die offen standen?
War doch okay, eigentlich.

Ein Dialog wurde gefilmt.
Um was mitzukriegen mussten wir n?her ran. So nahe, bis der Kabelschlepper, den ich am besten fand, uns heranwinkte.
"Hier. Holt mir mal Zigaretten."
Am Ende rannte das P?rchen wieder die Treppe hinauf - in die Wohnung rein.
"Mann, was zittern die!" wunderte sich Pille Hilger.
"Aber rennen k?nnen die - super!" fand Wiwi Wiebusch.
"Alles, was zittert, ist schnell", sagte ich.
Man kann ja nicht immer die Fresse halten.

Eine knappe Woche sp?ter war der Film im Kasten.
Einmal hatte es noch ?rger gegeben, weil w?hrend einer Kuss-Szene die dicke Angela, die immer ?rger machte, angerannt kam und Pille Hilger vors Schienbein getreten hatte, worauf Pille losgeschrieen hatte wie hundert M?dchen und die Szene wiederholt werden musste.

Ein Jahr sp?ter lief der Film im Dritten.
Wir waren schwer entt?uscht. Die Schillerstrasse war nur in wenigen Einstellungen zu sehen, und die Innenaufnahmen, so meine Vermutung, mussten ganz woanders gedreht worden sein.
So wohnte doch keiner in unserer Nachbarschaft, so..gewaltig.

W?sste ich den Film-Titel, ich w?rd ja beim WDR mal anfragen, wie es denn mit einer Wiederholung w?r. Und falls der Sender meint, an einem Schwarz-Weiss-Drama von 1970 fehle das Publikums-Interesse, dann w?rd ich sagen, in Ordnung, Br?der, dann ?berspielt mir den Streifen doch direkt in meinen Sch?del rein. Das muss ja wohl drin sein. Bei den Geb?hren.
2.11.05 10:54


DER BIENENKÖNIG

"Weisst du eigentlich, wie man mich fr?her genannt hat?"
"Nee. Woher soll ich das wissen?"
"Den Bienenk?nig."
Wir gehen langsam den Klauberg runter. Ein steiler Berg, gut f?nfzehn Prozent Gef?lle.
"Du erz?hlst mir aber jetzt keinen Problemfilm", sag ich, weil ich den Woller kenne. Manchmal spielt er sich nur auf und verzapft Unsinn.
"Bienenk?nig, Mann! Keine Probleme!!"

Woller ist ein fast zwei Meter grosser und gut hundert Kilo schwerer Ger?stbauer mit einem seltenen Tattoo: im Kokswahn hat er sich von einem befreundeten Schlachter einen Schweinestempel auf den Hintern brennen lassen.
"Ich war so steif, hab ich nix von gemerkt."
Neuerdings tr?gt er eine Glatze, streng poliert. Wer Woller im Hellen begegnet, macht Platz, ist es dunkel, flieht man besser.

Im Moment ist er krankgeschrieben, die Bandscheibe.
Hat er also eine Menge Zeit, um den Klauberg hoch-und runter
zu marschieren, ist ja kein schlechtes Training, ausserdem geht er damit seiner Alten aus dem Weg, die alle Welt nur Schlauchlippe nennt, auch der Woller selbst.
"Den ganzen Tag die Schlauchlippe auf der Pelle, das halt ich nicht aus."

Ich hab ihn mal gefragt, wie das mit seiner Frau gekommen ist, dass sie so aussieht wie sie aussieht. Nicht einmal h?sslich ?brigens, aber gegen ihre umgest?lpte Oberlippe hat Mick Jagger ein Fischm?ulchen.
"Welche Frau?" hat Woller mich ratlos angeguckt.
"Na, die Schlauchlippe.."
"Ach, die Schlauchlippe, tja, die ist beim B?geln ausgerutscht.."
"Beim B?geln?!"
"..ja, da ist sie irgendwie mit dem heissen B?geleisen ?bers B?gelbrett weggeschossen, dann gestolpert und mit der Fresse voll aufs heisse Eisen geknallt."
Aber ich wollte euch ja nicht von der B?gelk?nigin erz?hlen, sondern vom Bienenk?nig.

Anfang der neunziger Jahre hat der Trupp Ger?stbauer in Remscheid zu tun. Ist mit dem grossen Firmen-LKW unterwegs, zu einem Eigenheim.
Der Auftrag: das Haus rundherum einr?sten und das Dach begr?nen. Dazu muss der Giebel entfernt werden. Der ist morsch und droht abzust?rzen.
Als das Ger?st soweit steht, macht sich einer der Gesellen oben am Dachgiebel frisch, mit dem Holzhammer.
"Sieht pechschwarz aus hier!" ruft er hinunter.
Als er zuhaut, trifft er mitten in ein Wespennest, die Insekten schwirren aus und summen aufgeregt um ihn herum.
"Scheisse!" br?llt der Geselle und flieht die Leiter runter.

"War ne Zw?lfer-Leiter, damals noch aus Holz", erz?hlt Woller, w?hrend wir den Berg runtergehen, "heute ist ja alles nur noch aus Stahl."
Als die Insekten sich oben allm?hlich beruhigt haben, beratschlagen die Ger?stbauer unten, was zu tun ist.
"Wir m?ssen den Kammerj?ger holen, der soll das Nest ausr?uchern!"
"Nee, lass uns erstmal den Dicken anrufen. Wenn wir den einfach ?bergehen, der schmeisst uns alle raus."
Der Dicke, das ist der Chef.

"Spinnt ihr!?" schaltet sich Woller ein. "Wenn wir den Dicken wegen so einem Kleinkram bel?stigen, sind wir erst recht gefeuert!"
Zustimmendes Gemurmel.
"Ist richtig. Der Dicke ist ne Sau."
Einer muss also die Leiter hoch und den Job erledigen. Hilft ja alles nichts.
Keiner sagt was.
Alle gucken zu Boden.
"Okay", seufzt der Woller. "Ich machs."

Die zw?lf Meter lange Leiter hoch.
Oben angekommen legt er sich mit dem R?cken auf das Laufbrett zwischen den Tr?gern. Holt beherzt Schwung mit dem Holzhammer und putzt den Giebel in einem Hieb weg.
"Runter, Woller! Schnell!"
Doch so schnell ist Woller nicht auf den Beinen wie das Wespenvolk sich auf ihn st?rzt.
Er wird in die Arme gestochen, in die braungebrannte Brust, ins Gesicht. Schreiend vor Schmerz taumelt er die Leiter runter, um ihn herum diese schwarz-gelbe, dr?hnende Traube von Wespen.

Unten angekommen, spritzt alles panisch auseinander bis auf den pausb?ckigen Schmitti, den Bierholer. Der ist hilfsbereit und versucht die Viecher zu vertreiben, so ungeschickt allerdings, dass er Woller am Hinterkopf erwischt, per Handkantenschlag.
"Ruf einer den Dicken an, der soll kommen und mich ins Krankenhaus bringen!" st?hnt Woller.

Zehn Minuten wartet er zitternd am Strassenrand, ?ber und ?ber zerstochen. Die Stacheln stehen senkrecht in der Haut und er kann kaum noch aus den Augen gucken, so geschwollen sind seine Lider.
Als der dicke Chef endlich angefahren kommt und den wild gestikulierenden, von Quaddeln ?bers?ten Woller am Strassenrand sieht, winkt er nur freundlich und startet durch.
"Halt an, du Sau!" br?llt Woller hinterher, umsonst.

W?hrend die anderen wieder ihrer Arbeit nachgehen, besorgt Schmitti wenigstens den Verbandskasten aus dem Firmenlaster, doch da sind nur ein paar gebrauchte Watte-Pads drin.
"Schmitti, fahr mich ins Krankenhaus."
Doch Schmitti hat Schiss, dass der Chef zur?ckkommt und ihn dabei erwischt, wie er Woller von der Arbeitsstelle wegschafft, im Firmen-LKW..
"..dann bin ich.."
"..gefeuert, schon klar."

"Der Schmitti war ja nur mit im Ger?st wenn Not am Mann war. Ansonsten war er zust?ndig f?rs Bierholen und Fahren, er war ja der einzige, der den Lappen noch nicht weg hatte. Naja, die Leute, die Bier holen, sind ja meist in Ordnung, hahaa..!" trompetet Woller, als wir am Klauberg das Haus der Fischbach-Br?der passieren.

Die Br?der gr?ssen mich normalerweise ?berschw?nglich, schliesslich kennen wir uns seit Kindheitstagen, doch als ich jetzt mit Woller, diesem grossen Punk, den Berg runtergehe, lauthals am lachen, seh ich aus den Augenwinkeln, wie sie die Arme vor der Brust verschr?nkt im Hauseingang stehen, feindselig.

Mittlerweile ist Woller richtig bet?ubt vom ganzen Insektengift, das er intus hat, und da ihm nichts anderes ?brig bleibt, zieht er zu Fuss los, die Hauptstrasse entlang.
"Ich f?hlte mich richtig breit pl?tzlich. Da tat gar nix mehr weh."
Er macht Autostopp und tats?chlich nimmt ihn eine Frau mit, bis Solingen.
Am Kiosk oben an der Krahenh?he l?sst er sich absetzen.
"Ich kann Sie auch ins Spital fahren", bietet die Frau ihm an, doch Woller winkt ab.
"Vielen Dank, aber ich bin durstig."

Am B?dchen holt er zwei Flaschen Bier und besucht Toni, den nuschelnden Italiener, der gleich hinter dem Kiosk eine Mansarde bewohnt.
"Ehh, ragazzi, wie siehste du aus inne Fress, wie eine scheise Pizza, h?rma!"
W?hrend Toni ihm die Stacheln aus dem Fleisch zieht, sitzen sie im D?steren, h?ren kehligen Italo-Pop und dampfen drei Joints weg von diesem stahlharten Solinger Gras, messerscharf geerntet.

Als Woller sich wenig sp?ter nach Hause aufmacht, ("Guck mal Toni, hab ich hier noch irgendwo ne Scheisswespe..?"), ?hnelt er zwar einem auslaufenden Pocken-Dampfer, schwebt aber wie auf einem Luftkissen.

Der n?chste Morgen. Die Belegschaft wartet vor der
Werkstatt.
"Ach nee, guck mal! Da kommt der Bienenk?nig!"
"Das waren Wespen, ihr Knallk?ppe, keine Bienen!"
Als w?rden solche Feinheiten Ger?stbauer interessieren.
So war der Woller von nun an der Bienenk?nig.
Der Rumsummser.
Und eine Wespentaille, die hat er ja nun wirklich nicht.
Definitiv.
2.11.05 12:17


ÖLRAUSCH

Ein schuppig kalter Sonntag im April 1965.
Auf dem Marktplatz zu Solingen warten mehr als zehntausend B?rger und B?rgerinnen auf Konrad Adenauer. Nach alter Sitte werden Kottenbuttern* gepr?fft und Korn aus Flachm?nnern gesoffen, was die Stimmung bald ?berkochen l?sst: hier schwenkt jemand ein F?hnchen, dort h?stelt einer Beatles, vor der Apotheke.

Als die schwarze Staatslimousine endlich um die Ecke gebogen kommt, mit zweist?ndiger Versp?tung, ist der Mob schon br?sig.
"Verstocktes Volk hier..", nuschelt der Kanzler und bahnt sich den Weg zum Rednerpult, wo seine Leibgarde schon Stellung bezogen hat.
"Aber wat ich euch gesagt hab, Jongens: Solingen, dat is dat Sibirien Deutschlands.."
Der Mob horcht auf, "Wat? Sibirien..?! Will d? denn?", haben doch die Mikrofone, Solinger Pr?zisionsarbeit, die Worte Adenauers so glockenhell ?bertragen, dass selbst Hans-Gerd Knoth, Betbruder im nahen Kloster, den Besen inneh?lt.

"In Sibirien gibt's doch nur Tundra, eisigen Brassel.."*
"Jo. Tundra, und ?l.."
"?l?"
"Ja sicher dat! Schwarzes Gold!"
"Wir sitzen auf schwarzem Gold??!"
"?l." "Goold." "?l???l???l?l??l."
"L?l?ll?."

Der Sturm der Begeisterung fegt die Zwiebelringe aus den Kottenbuttern und legt sie um Adenauer und die H?lse seiner Garde, die sichtlich nerv?s und im letzten Moment eine Palette fliegenden M?nnersenf abgreift.
F?r die Einheimischen aber gibt es kein Halten mehr: nach allen Seiten tun sie sich dadurch! Heim zu Muttern!
"Mutti! Adenauer hat gesagt, Solingen is Sibirien und Sibirien hat soviel ?l wie ich Hoor am Drietlook!"*
"Na! Hans-Gerd!"

Selbst die an den T?ren lauschenden Kinder h?pfen schleunigst in ihre Zimmer zur?ck und modifizieren den Wunschzettel zu Ostern: statt Modelleisenbahn- wird nun Bohrzubeh?r favorisiert, F?rmchen-Format A, w?hrend die Eltern schon im Vorgarten buckeln und mit allen Ger?tschaften Probebohrungen durchf?hren, die gerade so zur Hand sind: Teppichstangen, elektrische Quirls sowie Erektionen (bei Anrainern von Mannesmann: verchromt).

SOLINGEN:
GIGANTISCHE ?LRESERVEN
VERMUTET!

Weltweit sorgen die Nachtausgaben daf?r, dass schon bei Sonnenaufgang Gl?cksritter aus aller Herren L?nder einfallen. Darunter die Norweger mit ihren selbstgestrickten Pipelines, eine Kolonne Eukalyptus-Vertreter sowie zwei alles madig machende Araber, die mit Schadenfreude registrieren, dass die einzigen Font?nen, die zum Himmel hinaufschiessen, von angestochenen Erdm?nnchen stammen:
"Hach Hachallah."

"Verdammt noch mal! Schwatt muss die Suppe sein! Pikke pakke schwatt!"*
Ein emsiges Dr?hnen liegt ?berm gesamten Stadtgebiet, nur auf dem Marktplatz spaziert der kleine Andreas still ?bers Kopfsteinpflaster und bohrwinselt "Ich h?tte gerne etwas ?l", worauf ihm der gefesselte Onkel, den alle Adenauer nennen, ein F?sschen gelbes Fr?hk?lsch ("Geht runter wie ?l..") verspricht, wenn er ihn doch nur endlich von den Zwiebelringen befreie.
"F?r Bier bin ich doch noch zu klein", mault unser kleiner Andreas, das aber l?sst Adenauer nicht gelten.
"Daf?r s?ufst du bestimmt wie ein Loch, wenn du mal gross bist!"
Das leuchtet ein, ohne Frage.

Am Abend ruft der Kanzler eine Pressekonferenz ein.
Er stellt richtig: von K?ln aus gesehen sei Solingen wie Sibirien, mithin, na, etwas hinterw?ldlerisch, so sei das gemeint gewesen, und diese Klarstellung schl?gt ein wie eine Bombe, was aber weiter nicht schlimm ist, gleicht die Stadt sowieso einem geplatzten Maulwurf mittlerweile.
"Hans-Gerd, komm, wir gehn heim.."
"Jo, Mutti. Dat war alles nix."
"Nie is nix, Hans-Gerd."
"Auch wieder wahr."

So gelassen die Eingeborenen ihren Traum vom schwarzen Gold zu Grabe tragen, so verzweifelt reagieren viele der aus aller Welt eingefallenen Gl?cksritter. So wird noch am gleichen Abend im Ohligser Unterland beobachtet, wie einem defekten Pritschenwagen, der Motor?l verliert, die schimmernde Pf?tze unterm Bock weggeschleckt wird.
Und hier, genau hier, endet der ?lrausch zu Solingen anno 1965, zu Recht vergessen und in keiner Chronik festgehalten. Nur der kleine Andreas, gr?sser geworden, klappert jedes Wochenende die Solinger Kneipenmeile ab und h?lt sein Glas hin:
"Mach voll, Onkel."
____________________________________________________

*Solinger Platt

Kottenbutter =Schwarzbrot mit Bratwurst, Zwiebeln & Senf
pikke pakke schwatt=tiefschwarz
Brassel =Zeugs
Hoor am Drietlook =Haare am Scheissloch
2.11.05 19:24


EINTRAG 494

"Du, 500?"
"Ja, mein Kind?"
"Sag, wieviel Schritte kann man mit 500 Beinen machen, ohne sich zu verheddern?"
"Einen, mein Kind. Dann ist Schicht."
3.11.05 07:21


495: DAS SCHIFF

1
Im Januar 05 startete ich einen Autobiografie-Service f?r Menschen mit Brieftasche und Vergangenheit und brauchte daf?r einen Internetzugang.
Rechner und Monitor standen schon lange auf meinem Schreibtisch rum, und w?hrend mein Bruder nun r?berkam und das Modem installierte, las ich im SPIEGEL einen Artikel ?bers Bloggen.
"Schon mal geh?rt, bloggen?"
"Glaub schon", meinte mein Bruder. "So. M?sste fluppen jetzt."
Und wie das fluppte.
Dauerte keine halbe Stunde, da war ich Mitglied in myblog.de und meldete nacheinander zehn Weblogs an:

*Blockwart
*Komma ich blute
*Opium Rauchklub
*Nordfrankreich humpelt
*Mein Hund furzt
*Angeschossen
*500 Beine
*Graf Uruguay
*Ich bin die Beatles
*Sprechvater

In den n?chsten Wochen bloggte ich wie ein Berserker und hatte dennoch nicht genug Material f?r alle blogs, also schloss ich einen nach dem anderen wieder bis letzlich nur die 500beine ?brigblieben.
Und als die im Februar erstmals in der TOP 50 auftauchten, machte ich vor Freude einen Hopser auf meinem Drehstuhl wie im Jahre 1983, da war n?mlich im Solinger Tageblatt eine kleine Notiz erschienen:

Andreas Glumm liest Gedichte
in Kerry's Antiquit?tenladen.

Was freilich nur die halbe Wahrheit war. Die Gedichte stammten zwar von mir, aber vorgelesen wurden sie von meinem alten Kumpel Karlos. Der war Schauspieler und hatte nicht so feuchte H?nde wie ich fr?her.
(Ein Gedicht hiess DIE FISCHANGST MEINER H?NDE).
Eine Handvoll Freunde war gekommen und meine Schwester hatte nach dem letzten Gedicht eine Pulle Sekt aufgemacht.
Man jubelt ja immer nur ganz am Ende oder ganz am Anfang.

Warum ich das ?berhaupt erz?hle?
Weil es auf den 500. Eintrag zugeht und ich folgende Rechnung aufgemacht hatte:
Glumm, sagte ich zu mir, fauler Hund, pass auf.
Hier ist die Tastatur, da ist ein Publikum, also setz dich hin und schreib jeden Tag eine Geschichte bis du 500 Geschichten beisammmen hast.
Und dann?
Dann wird schon was kommen.
Ja, was denn? Ein Schiff?
M?glicherweise.

2
Nun bin ich seit zwei Wochen Mitglied der Berliner Spreeblick-Familie, und als ich k?rzlich mit Johnny Spreeblick telefoniert hab, rutschte mir dieser Satz raus, ?ber den ich noch am n?chsten Tag nachdenken musste:
"Eigentlich bin ich ja gar kein richtiger Blogger."
Das ist nat?rlich Bl?dsinn.
Nat?rlich bin ich ein echter Blogger geworden.

Morgens dreh ich erstmal eine Runde ?ber die Blogs, was ein bisschen so ist wie in einer grossen Wohngemeinschaft, wo man die T?ren aufst?sst und einen ungenierten Blick in die einzelnen Zimmer wirft.
Hat I. sein Diplom nun vergeigt oder nicht?
R?ttelt das wilde Tier in Miss M. wieder an den Gitterst?ben?
Was macht c.? Und Madame a.?
Und gelingt es McW. auch heute wieder, seine kleinen Schw?chen so aufzupumpen, dass man grinsen muss?
Und..

..so bin ich zum Blogger geworden, ja. Und nein, bei mir gibt es keine sch?ne schlanken Beine f?r 500 Euro.

3

Die zwei goldenen Regeln
des Bloggens:

1) Du sollst nicht langweilen.

2) Ein Weblog muss ein Geheimnis haben.
4.11.05 15:13


SAMSTAGS, 17.30, IM HAUSE ROCKETTA

Halbe Stunde bis zur Bundesliga. Rocketta hat es sich auf der Couch gem?tlich gemacht, die Hand in der Hose.
Seine neue Frau kommt aus der K?che.
"Tu ma die Fernbedienung", meint Rocketta und streckt den Arm aus.
"Geh weg mit deinen Sackfingern!! Ich hab noch nie einen Kerl gehabt, der so oft die Finger am Sack hat wie du!"
"Dann mach doch Salat", murmelt Rocketta.
"Was?!"
"Na, musst ja nicht immer kochen."

5.11.05 17:32


DIE STERNE (ERSTER OKTOBER 87)

"Scheisse, lass sein, sie ist weg", sag ich endlich zu mir und geh nach Hause in der Nacht. Stehen die Sterne dreidutzendfach am Himmel wie gl?serne Aschenbecher ineinander gestapelt und gest?rzt und gepurzelt in alle Richtungen: himmeln die auf mich nieder. Los

ging der Abend in der Kneipe. Die brauch ich nicht lange zu suchen die kenn ich. Auf der Mummstrasse der Tresen an dem der Mitsubishi Boy hockt und angetrunken von der Isolation im Knast berichtet. 24 Monate ohne Bew?hrung f?r ein Kilogramm Haschisch an der holl?ndischen Grenze und die Isolation

die ihn gl?cklich gemacht hat. Er hat nur noch gegrinst zuletzt ein ganzes Quartal lang war er Jesus auf Krankenschein.
"SO GL?CKLICH WAR ICH HIER DRAUSSEN NIE WIEDER!" singt er seinen Blues und der Matze kommt und Bruder Karlos ist da und Karlos ist verliebt und morgen ist Sonntag. Da sieht er seine Liebe. Das h?r ich mir jetzt nicht an. Nee. Ohne mich.

Stratz ich von der Mummstrasse zum Neumarkt wo sie wohnt im ersten Stock. Im Altbau. Kein Licht brennt in ihrem Zimmer und doch steh ich gegen?ber in der Einfahrt der Sparkasse eine Stunde und guck hinauf zu ihrem Fenster. Vielleicht schl?ft sie schon. Ich werf ein paar Steinchen. Nein. Sie ist nicht da. Und dann kommt der Heimweg unter den Sternen und wie die niederhimmeln.

Und schnell die Glotze angemacht. Kaum zehn Minuten halt ich das aus. Schon w?hl ich ihre Nummer. Bl?dsinn. Weiss ich. Da war doch kein Licht eben. SIE IST NICHT DA, GLUMM! NICHT DA F?R DICH! Andererseits ist nicht der richtige Moment immer der unm?gliche Moment und tats?chlich. Hab ja gar nicht damit gerechnet.

Nimmt sie den H?rer ab. Ist ?berrascht. Dass ich anrufe
"Bist du's?" sie glaubt es nicht.
"Gr?fin?" frag ich. "Ja. Hier ist der Glumm."
"Jetzt bin ich aber baff."
"Ich auch."
Dann schweigen wir. Ich.
Sie.
Ihr gehts besser. Sie denkt nicht an mich.
"Warum?"
"Weil ich nicht an dich denken will."
Ich sag dass ich dauernd an sie denke.
"Kalt geworden, ne?" sagt sie.
"Ja", sag ich. "Ist ja auch das mindeste."
"Aber geil", sagt sie. "Ich bin jeden Tag im Wald, mit dem Hund, richtig stramm am laufen, vier, f?nf Stunden."
Und dann erz?hl ich irgendwas von mir.

"Du bist so klar", wundert sie sich.
"Das machen die Sterne" sag ich und dass ich kaum kiffe, wenig saufe.
"Gr?fin", sag ich, "Gr?fin.."
"Ja", sagt sie, "Andreas.."
"Gr?fin.."
"Gibts denn gar nichts zu berichten?" fragt sie.
"Na doch", sag ich "Ich schreibe.."
"Sch?n", sagt sie.

"Erinnerst du dich an die vierzig Seiten, die du gelesen hast? Da arbeite ich dran."
"Ah. Und? Ist gut?"
"Karlos sagt ja, und die Agentin auch. Wie aus einem Guss."
"Ist doch toll."
"Hm, ja. Aber ..dann gehts nicht weiter. Es muss was passieren, in der Geschichte. H?rst du? H?rst du mich?!"
"Ja. Ich h?re dich."
Ich h?re Klimpern auf dem Klavier.
"Es muss was passieren.." wiederholt sie.
"Genau. Du weisst, was?"
"Was?"
"Was passieren muss..in dem Text.."
"Na, ich glaub, ja."
Sie z?gert, aber nicht lange.
"Du lernst mich kennen.. Ist das der Punkt, wo es hakt? Wo es nicht weitergeht?"
"Klar, ja.. Genau."
"Hab ja gar nicht gedacht, dass ich so wichtig f?r dich war.."
"War? Wieso war? Sag nicht war.."
"Gewesen bin", verbessert sie sich und schl?gt wieder ein paar Klaviertasten an.
"Bist!" sag ich. "Wie wichtig du bist!"

Sie klimpert jetzt die ganze Zeit auf dem Klavier, das sie heute hochgeschleppt haben aus dem Hausflur und danach war der Klavierstimmer da f?nf Stunden lang.
"Jetzt kann ich loslegen", klimpert sie und raucht eine doppelte Purpfeife. Weil ich nichts da hab.
"Langsam wird mir heiss", wird ihr heiss.
"Mir ist schon die ganze Zeit warm", sag ich.
"Ach du", sagt sie. "Du schnaufst immer so."
"Wann?"
"Na, jetzt hier. Beim Telefonieren."
"Merk ich nichts von."
"Ist schon okay. Ist sch?n wenn du schnaufst."

"Was machst du denn sonst so?" frag ich.
"Tags?ber mag ich mich", sagt sie. "Und abends..abends mach ich irgendwas. Bloss an nichts denken. Einfach machen."
Endlich. Sie klimpert nicht mehr.
"?bers Wochenende fahr ich weg. Nach Darmstadt. Mal ne andere Stadt sehn. Solingen geht mir auf die N?sse."
"F?hrste allein?"
"Mit der Susanne."
"Ah", sag ich.
Wer ist Susanne?

"Was hast du denn an?" frag ich.
Sie gluckst.
"Jeans. Die geflickte. Und..das Hemd."
"Das Hemd..? Welches Hemd?"
"Welches Hemd?? Na dein Hemd! Also, das weiss der das schon nicht mehr..! Und dann willst du ?ber uns schreiben?!"
Sie lacht und spielt wieder Klavier.
Ich hatte ihr ein Hemd geliehen.
Dann wird sie ernst.
"Ich hab geglaubt, dass du den Schluss brauchst."
Ich bin nah am H?rer. Er schmerzt am Ohr.
"Es ist sch?n, dass du angerufen hast. Ich hab..komischerweise keine Angst mehr vor dir, jetzt."
"Gr?fin", sag ich.
"Ja."
Wir fl?stern. Viel.
Leicht.
6.11.05 18:20


UNSER NEUER FREUND ROLAND

Sonntagmittag, bei Mustafa in Solingen. Sein B?dchen ist so winzig, dass der bullige kleine T?rke meist draussen auf dem Trottoir steht und auf Kundschaft wartet, die er dann hineinbittet.
Das ist ein bisschen so wie in Paris oder St. Pauli, wo die Passanten animiert werden, sich eine Sex-Show anzugucken. Nur dass Mustafa Limo verkauft, und Tabakwaren.
"Einmal Van Nelle", sag ich.

Die Gr?fin wartet derweil draussen. Kommt ein schm?chtiges Kerlchen daher. Mitte f?nfzig, verschossene Jeansjacke, Trinkernase.
"Mensch", sagt er, "dahinten kommt meine Ex. Und das am Sonntagmorgen..!"
"Ach, du Scheisse", pflichtet die Gr?fin ihm bei.
"Obwohl, Moment! Das war ja gar nicht meine erste. Das war meine zweite Ex-Frau!"
"Na, dann gehts ja."

Er winkt ab.
"Siehste den Kerl daneben, den Schrank?"
Die Gr?fin nickt.
"Ist ja nicht zu ?bersehn."
"Genau. Der wollt mich letztens verm?beln, glaubste mir das?!"
"Na, warum nicht? Wenn du das sagst."
Er zeigt beil?ufig nach unten.
"Wie soll ich mich gegen so einen Schrank wehren? Ich hab doch die Beine kaputt."

Ich tret mit meinem frischen Tabak an die Sonne.
"..und da wollt der Schrank gerade zuschlagen, einfach so, wir hatten ja kein Streit, weisste, da kommt pl?tzlich der Mike um die Ecke.."
Pause.
"Kennt ihr den Mike?"
Die Gr?fin blinzelt mich an.
"Den kleinen Polizisten?" frag ich.
"Ja, genau! Der Mike! Der immer Streife l?uft..!"
"Kenn ich", sag ich, "vom Sehen. Und?"

"Und pass auf! Der Schrank wollt gerad zuschlagen, die Faust stand praktisch in der Luft und wollt runtersausen und mich verm?beln, da guckt der Mike um die Ecke und ruft: Mensch, Roland! Was machst du denn hier?"
"Och!" sag ich.
"Und dann?" fragt die Gr?fin.
"Dann..na, nix mehr. Dann hat meine Ex den Schrank weitergezogen und weg waren sie."
"Also die zweite Ex", meint die Gr?fin.
"H??"
"Ich mein, das war doch die zweite Ex.."
"Klar. Die zweite. H?r mal, ich trink seit f?nfzehn, zwanzig Jahren nur noch Bier, keine Kurzen mehr. Komm ich prima mit klar."

"Mama, wieso gibt es das Kiosk denn wieder?" fragt ein vorbeikommendes M?dchen die Mutter und Mustafa streckt seinen bulligen Kopf aus dem B?dchen wie aus einem Vogelh?uschen.
Roland klopft ihm freundlich auf die Schulter.
"Morgen, Meister! Eine H?rriyet!"
7.11.05 12:02


UNTERWEGS MIT DEM MITSUBISHI BOY

UNTERKANDIDELTE LEUTE steht auf seinem T-Shirt, oder so ?hnlich, zerknautscht h?ngt es ?ber seinen G?rtel.
"Eh Glumm! Hast du fr?her im Sand gebuddelt?"
Er kommt immer mit so komischen Sachen r?ber.
Man weiss nie, worauf er hinaus will.
Gelegentlich verpufft sein Motiv auch unterwegs.
Dann weiss er selber nicht mehr, was er eigentlich wollte.
"Als Knirps.. hast du da im Sand gebuddelt?"
"Na klar. Mach ich heute noch, wenn wir im Urlaub sind. Am Strand."
"Dacht ich mir! Aber.. buddelst du nach unten? Oder versuchst du dich wieder rauszubuddeln, in Richtung Licht?"
Spott hat sich im Laufe der Jahre in seine Mundwinkel gefr?st. Ein h?bscher Knabe, eigentlich. Kein Wunder, dass die f?nf Minuten, die ich in meinem Leben schwul war, ihm geh?rten.
"Du meinst, ob ich einen Tunnel grabe", sag ich und ?berleg einen Moment. "Na klar, du Arsch. Nach unten kommste einfach nicht raus."
Er klatscht mich ab. "Das wollt ich h?ren."
8.11.05 08:22


MEHLSCHWITZE IN CINCINNATI

Endlich. Mit einem materialm?den Fauchen signalisiert die Kaffeemaschine, dass der Mocca durchgelaufen ist. Wird auch Zeit. Ich steige aus dem Bett, in Richtung K?che, wo Karlos an der Sp?le lehnt, in Unterhose und gr?nem OP-Hemd.
Ratlos.
"Jedenfalls mit einem t", r?uspert er sich.
"Was is..?"
"Mit einem t. Cincinnati. Das schreibt man mit einem t. Nicht mit zwei."

Er unternimmt einen tattrigen Versuch, Tassen aus dem Geschirrberg zu ziehen. Ich seh das Porzellan schon den Bach runterscheppern, aber es geht gut.
Zwei Tassen, halbwegs unverkrustet.
Nachteil: durch die Aktion f?hlen sich die kleinen roten Fliegen bel?stigt, die sich im Geschirr eine warme Stube eingerichtet haben.
Mit Wasseranschluss und Kochgelegenheit.
Aufgeschreckt taumeln sie durch unsere Wohnk?che.
"Drecksviecher!" fuchtelt Karlos in der Luft rum. "Wegda!"

Ich duck mich besser.
"Was is denn mit deiner Stimme, Karlos? Die Nacht durchgekokst?"
"Quatsch! Ich hab ne Erk?ltung.."
Er sp?lt die Tassen mit Kranwasser aus und rotzt ins Sp?lbecken.
"Mann, diese Fliegen.. Glumm, wir m?ssen sp?len."
Jo! Das ist gut. Wir m?ssen sp?len.
WIR!!
Karlos' Wesen definiert sich ja zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Scheu vor Hausarbeit, ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, seine Theaterh?ndchen jemals in Lauge gesehen zu haben.
Aber gut. Ist ja nicht so, als h?tt ich das nicht vorher gewusst. Bevor wir zusammengezogen sind.
Unsere stille, niemals ausgesprochene Abmachung: Karlos kocht, ich sp?le.
Vielleicht h?tte man doch mal dr?ber reden sollen.

Pjjsch..pschjjsch..pjj..
Diese kleinen Mistfliegen!
"Die gehen mir auf den Nerv!" kr?chzt Karlos und schl?gt mit dem Geschirrtuch um sich.
Die nerven wirklich.
Kommen in Zeitlupe an, setzen sich frech auf die Schulter, hocken da wie Raben.
Surren, putzen sich.
Kacken Mini-H?ufchen in eine Nervenlandschaft, die eh schon gespickt ist mit Anemonen.
Ich meine Animosit?ten.
Bleibt aber das gleiche, wie ich mit Blick in den Duden feststelle.
Anemonen sind 'etwas giftige Kr?uter'.

"Wo ich den Duden schon in der Hand hab..was war mit Cincinnati?"
"Na, hast du doch gestern Abend gefragt, wie man das schreibt.. Cincinnati."
"Bl?dsinn", sag ich. "Du hast doch gekokst, du Sau."
Karlos sch?ttet uns Kaffee ein und niest. Dreimal. Feste. Mit Br?ckchen.
"Dann muss ich das eben getr?umt haben. W?rd mich nicht wundern. Ich bin nur noch am Tr?umen. Kommt bestimmt von der scheiss Erk?ltung, meinste nich auch? Nachts krieg ich sogar Fieber und schwitz mir die Beine weg."
Wenn Karlos in Fahrt kommt, ?hnelt sein Sch?del einer gl?henden Eierkohle.

"Heut nacht war ich in Griechenland. Also, hab ich getr?umt. Ich hatte da nen Bungalow gemietet, richtig edles Teil, sch?n weiss in die Klippen gehauen und billig wars auch, irgendwie kannte ich den Vermieter, weiss nich mehr so genau, jedenfalls musste ich noch was renovieren und was find ich unter der Bohle im Fussboden? Eine dicke fette Schatztruhe..!"
Ich guck den aufgescheuchten Fliegen hinterher, die wieder im Geschirr landen.
In der Mehlschwitze.

"Ich hab noch nie Mehlschwitze gemacht!" gl?ht Karlos.
"Und dann?" frag ich.
"Dann..? Ach so. Dann bin ich gleich ins n?chste Dorf und hab dich angerufen, ob du kommen kannst, mir helfen."
"Und? Was hab ich gesagt?"
"Sicher, haste gesagt und am n?chsten Tag warste da und wir haben erstmal einen gesoffen."
"Super. Und was war drin?"
"Drin? Wo?"
"Na, in der Schatzkiste."
Die Nachfrage verdutzt ihn.
"Keine Ahnung. Ich glaub nich, dass wir das Ding ?berhaupt aufgemacht haben. Wir sind direkt an den Tresen."
14.11.05 19:31


1, 2, 3, ZUGABE

1
Ich kenne eine Chansons?ngerin, die ist nur deswegen nicht ber?hmt, weil sie lieber f?r sich alleine ber?hmt bleiben will.
Das gef?llt ihr gut. Durch die Strassen zu gehen, weltber?hmt zu sein und kein Passant ahnt etwas davon.

2
In unserer Stadt gab es mal einen Mann mit grossem Mund und grosser Nase. Er ?hnelte einer ?berdimensionierten Figur aus der Augsburger Puppenkiste, so kantig und h?lzern.
Lange Jahre hat er bei der M?llabfuhr gearbeitet und war eine lokale Ber?hmtheit.
Jedes Kind kannte ihn.
Abends in seiner Stammkneipe trank er stoisch sein Bier bis der riesige Mund genug hatte und mit jedem Schluck kleiner wurde bis er schliesslich ganz dicht machte.
Da war der Mann nur noch Nase.

3
Der famose Hacki, seit langer Zeit davon ?berzeugt das Rauchen erfunden zu haben, meldet nun auch Anspr?che auf Krebs an.
Als Beweis bietet er die Offenlegung seiner Lunge an.
"Da muss doch wenigstens eine Schutzgeb?hr drin sein!"
Er hustet ordentlich ab.
"Hier. Guck doch mal."

ZUGABE
Warum ich neulich in einem italienischen Restaurant, das in der ganzen Gegend ber?hmt ist f?r die exzellente Lasagne, eine halbe Lasagne hab stehen lassen? Weil mein Magen wie eine Aktentasche war, voller Pflaumenkuchen, und der Reissverschluss klemmte.
"Na, wer schw?chelt denn da?" hatte die Inhaberin zun?chst noch ?berrascht nachgefragt, als sie meinen Teller abr?umen wollte und darauf das corpus delicti fand.
"Puuh..", machte ich.
"Den hab ich heute Nachmttag schon mit Pflaumenkuchen abgef?llt", versuchte die Gr?fin mir beizuspringen.
Eine fatale Entscheidung.
"MIT PFLAUMENKUCHEN??!"
Der ganze Laden, eben noch so pr?chtig in Stimmung wie eine Nordkurve, war augenblicklich still.
Alle Augen auf unseren Tisch.
Wir waren in Schwierigkeiten.
Ich sage es euch.
15.11.05 17:05


HINTERM KARSTADT

Katinka war auf die skandinavische Weise h?bsch. Sie hatte langes blondes Haar, das sie stets offen trug, sie lachte viel und ihr Nachname begann mit Zy.. und war der letzte im Telefonbuch.
Sie war es auch, die mir den ersten Zungenkuss meines Lebens verpasst hat, im unterirdischen Metropol-Kino 1974.
An den Film selbst hab ich keine Erinnerung mehr, aber dies st?rmische dr?ngende St?ck Fleisch in meinem Mund hab ich nicht vergessen.
Ich wurde gnadenlos ?berrannt.

Wir trafen uns hinterm Karstadt.
Sie war f?nfzehn. Ich war vierzehn.
Es war Herbst.
Es war windig.
Es war ja ?berhaupt eine zugige Ecke, damals hinterm Karstadt.

Nach Feierabend kam der schwule kleine Chef der Lebensmittel-Abteilung aus dem Seitenausgang und versorgte die Jungs mit Zigaretten.
Die M?dchen existierten f?r ihn nicht.
Er ?bersah sie einfach.
Selbst ein scharfes "Jetzt lass die Kippen da und zieh endlich Leine!" hielt ihn nicht davon ab, jeden Tag aufs Neue rauszukommen.
Einmal hat er sogar ein wildes T?nzchen aufgef?hrt, nur f?r Karlos und mich. Wie ein Gockel war er ?bers zugige Parkett gefegt, einfach so, ohne Musik, nur er und seine Verr?cktheit.
Wir haben geklatscht und gelacht und sogar die M?dchen mochten ihn an diesem Tag.

Meist standen wir p?rchenweise hinterm Karstadt und schraubten und fummelten und machten kisskiss, wie meine italienische Oma das immer genannt hat.
Da war der Karlos mit der Biene zugange, der Kitty mit der rothaarigen Gundi undsoweiter..
Katinka und ich k?ssten gerade eine heisse Zunge, was mittlerweile Spass machte, da nahm sie meine Hand und f?hrte sie in ihre Hose. Mir brach der Schweiss aus. Zentimeter um Zentimeter fingerte ich die enge Jeans runter, bis zum Haaransatz.
Zum ersten Mal fasste ich den Busch an.
Weiter unten wurde das Haar dichter und ich musste an den Hund meines Opas denken, Deutsch Drahthaar.

"Besser wir machen das mal bei mir zuhause, in Ruhe", meinte Katinka. Sie hatte schon mit anderen Jungs gefummelt w?hrend es f?r mich die Premiere gewesen war.
Die Pettingpremiere.
Aus der Nummer war ich vorerst raus.
16.11.05 10:03


505 UND EIN, ZWEI KOMMAS

Beim Gehen zwanghaft die eigenen Schritte z?hlen aber nur bis zw?lf dann hab ich keine Lust mehr daf?r h?r ich ein Knattern das die Strasse hochkriecht ist das nun ein verletztes Moped oder ein Wanderarbeiter mit Hilfsmotor ich dreh mich nicht um nein nein ich geh weiter bis das Ger?usch auf gleicher H?he ist jawohl es ist ein Mofa rot darauf ein feister Mann mit Helm und Gurt Moment den kenn ich doch ja klar von fr?her das ist der alte "HE, DUDEK" haben wir fr?her gerufen "FRISIER MIR MAL MEIN MOFA DU SAU!" schon immer ?lverschmierte Flossen der Dudek und nie ne Frau gehabt nur gewichst und Mofas frisiert gr?sst er zur?ck mit hastigem Kopfnicken f?hrt der immer noch Z?ndapp allerdings mit Monobank und schwer gedrosselt aber so ist das, fr?her war alles leicht fr?her hab ich auch alles verstanden heute wenn ich beim Gehen die Schritte z?hle stutz ich schon bei 13 was soll das denn?
16.11.05 21:42


HEART OF SILVIA

Wenn der Gast auf seinem Zimmertelefon die 0 w?hlt, hat er die Rezeption an der Strippe. Vorallem die Amerikaner auf ihrer Heart Of Europe-Tour nutzen diese Ziffer gern.
"Ja?"
"Sir, this is room forty-eight. I'm sorry, but we have no towers in out bathroom."
"What..?"
"No towers, Sir, in our bathroom."
Keine T?rme im Badezimmer? Nur weil wir hier im Turmhotel sind will der in jeder Ecke einen Turm stehen haben, oder wie?!
"Pardon me, Sir. You have no..towers?"
"Yes, in our bathroom. I want to take a shower."
"Ah! I see, you have no shower, right?!"
"No, Sir. We have shower, sure. But no towers in the bathroom.."
"One moment, please."

Ich leg den H?rer neben die Telefonanlage und stoss die T?r zum B?ro auf, wo Silvia noch ausharrrt und einen Film zu Ende guckt, obwohl sie schon seit zwanzig Minuten Dienstschluss hat.
Ach was, seit ner halben Stunde!
Ihr Wagen ist in Reparatur und der n?chste Bus f?hrt angeblich erst um viertel vor elf, also hockt sie da in MEINEM geliebten Chefsessel, glotzt in den Kabelfernseher und frisst einen Salat mit Dressing w?hrend sie mich vollquatscht.

Quatscht von kleinen Fr?schen, die irgendwelche afrikanischen Gesch?ftsleute eingeschleppt h?tten und die jetzt tags?ber ?ber die Flure springen.
"Zwei von den Viechern hab ich heut gesehen. Wie winzige gr?ne Ziegen h?pfen die hier rum."
Mir doch schnnuppe, viel schlimmer ist ihre Fresse, die ertrage ich nicht, wie sie da im Sessel hockt und beim Futtern mit der Hotelgabel gegen ihre riesigen Schneidez?hne st?sst.
H?RT DIE DAS DENN NICHT?
DIESE DONGG?! DANGG! KLINGG!
UND WIESO HAUT DIE NICHT ENDLICH AB?
SOLL SIE SICH DOCH UNTEN AN DIE HALTESTELLE SETZEN UND AUF DEN BUS WARTEN UND DA IHREN SCHEISS SAL..
"Sir..?"
Ich h?r ein Knarzen. Von hinten, aus dem Telefonh?rer.
Ach so, ja ?hh..
"Silvia", sag ich, "Da ist Zimmer 48, der meint, er habe no towers in seinem Badezimmer.."
"No towers?"
Sie frisst weiter.
Der Salat knirscht. Und DANGG!
"Der meint towels!" lacht sie auf, "Handt?cher!"
Ich kotz gleich.
18.11.05 08:57


DRESSMAN

1
Das letzte Fass Bier ist gesoffen. Sogar die rote Platikwanne unterm Zapfhahn ist leer, was eigentlich nur der dicke Hansi gewesen sein kann.
Der lässt nichts umkommen.
"In der Küche ist noch Wein", meint jemand.
Ich fülle meinen Becher auf. Okay, das riecht ein bisschen nach Bier, in dem Becher. Als ich einen Schluck nehme, merke ich, DAS IST BIER! Irgendein Witzbold hat die offen herumstehenden Weinpullen mit Bier aufgefüllt.
Ich lache und lache.
"Und wie gehts dir?"
Ich dreh mich um.
"He.. hallo! Hab dich ja gar nicht gesehen. Schon lange hier?"
Ich kenne sie von früher. Mir fällt ihr Name nicht ein.
"Nee, bin gerade erst gekommen", grinst sie forsch unter ihrer kurzen blonden Meckifrisur hervor. So forsch wie in der Oberstufe, als wir gemeinsam einige Nachmittagskurse belegt hatten.
"Ich bin nur auf einen Sprung hier, hab nicht soviel Zeit. Morgen muss ich wieder nach Hause.."
"Nach Hause?"
"Ja. Nach München."

Sie ist diese Art Frau, die weiss was sie will und darüber auch gerne redet. Ich erfahre, dass sie als Pharma-Referentin eines Konzerns in München arbeitet.
Schon ein paar Jährchen.
"Ich lebe nur aus dem Koffer. Gestern London, morgen Zürich, und heute.. hier. Solingen!"
Während sie sabbelt muss ich daran denken, wie wir uns ein einziges Mal geküsst haben, in der Raucherecke vom Pausenhof, und wie ich versucht hatte, ihre Hose aufzuknöpfen, worauf der Kuss schnell beendet war.
"Und du? Was machst du?"
Ich steh noch auf dem Schulhof und schweige.
"Ich hab von deinem Literaturpreis gehört. Ist denn was draus geworden? Ist ein Verlag auf dich zugekommen oder so?"
"Normalerweise trink ich ja echtes Bier", sag ich entschuldigend und schaukel das Gesöff in meinem Becher hin und her, wobei ein Schlückchen über den Rand schwappt.

"Eh du Sau!" schimpft Regina, eine der beiden Remscheider Schwestern, die auf dem Fussboden sitzen. Wenn Regina gut drauf ist, kann sie das R rollen wie Jerry Lee Lewis: "korrrrrrrekt, eh!"
"Verschüttet der den guten Wein..!"
Eigentlich will ich sie darüber aufklären, dass es sich keineswegs um Wein handelt, aber das scheint wenig Sinn zu machen. Die Beiden sind mal wieder hackedicht..
Eine Tüte nach der anderen rrrrollend haben sie sich seit Stunden nicht mehr vom Fleck bewegt. Sie hocken im Schneidersitz auf dem Teppichboden und kommen nicht mehr hoch mit dem Arsch. Nicht mal auf der Mädchen-Toilette hat man sie gesehen.
Wahrscheinlich lassen sie einfach alles unter sich.

"Literaturpreis", wiederholt die Pharma-Referentin, deren Name mir entfallen ist.
"Ach so", sag ich.
Eine zielstrebige junge Dame, blond, klein, viereckige Designerbrille, die Stimme eine Spur zu schrill, lässt sich nicht so einfach abspeisen mit Schweigen, und so kläre ich sie widerstrebend darüber auf, dass ich dringend auf der Suche nach einem Job sei.
"Probier es doch mal als Dressman!" ruft sie begeistert.
Die Remscheider Schwestern gucken sich an und gackern los wie zwei 14jährige Tussen auf der Kirmes. So hatten sie auch schon losgelegt, als ich auf der Party erschienen war, mit raspelkurz geschorenem Haar, kürzer als die Armee verlangt.
"Siehst aus wie ein schwuler Berliner!" hatte Beate gemeckert.

"Was sind denn das für Schlampen!" zischelt meine ehemalige Mitschülerin und fährt fort: "Nein, das meine ich ernst. Dressman ist kein schlechter Job. Ist doch gut bezahlt."
Sie mustert mich.
"Prima Figur hast du, siehst ganz passabel aus, ich würd sagen, probier das doch einfach mal."
Ganz passabel.. Was will die denn?! Ist hier jemand auf der Party, der bessr aussieht?
Passabel, pfah!
Sie fordert mich auf, ein paar Schritte zu machen, um zu sehen wie ich mich bewege. Da ich ja auch schon einiges intus, tänzele ich schräg durch den Flur, an den Remscheider Schwestern vorbei.
"Gut", ruft die Ehemalige, "und jetzt dreh dich mal."
Ich fall fast auf die Fresse.

"Mit den Beinen kann der Glumm prima Werbung fürn Reitstall machen!" giggelt Beate, und ihre Schwester kriegt sich kaum wieder ein.
"Korrrrrrekt, eh!"
Ich schwanke grinsend den Flur zurück, wobei ich Beate, der Schwester mit den üblen Hängetitten, einen Schluck Wein vermache, auf den weissen Bodystock.
"He! Pottsau!"
"Gestüt Schlendrian", verbessere ich.
"Na, das sieht doch gut aus", sagt die Pharma-Referentin.
"Naja.. O-Beine sind bestimmt ein Handicap. Da muss ich den Kühen aus Remscheid schon Recht geben."
"So ein Blödsinn! John Wayne hat auch Karriere gemacht, und der hatte noch krummere Beine als du. Ich würd das an deiner Stelle einfach mal probieren."

2
Freitag, früher Nachmittag in Köln. Schildergasse. Die Einkaufszone. Ich muss mal pissen und geh ins erstbeste Schnellrestaurant, das Wendy's.
Ich guck in den Spiegel.
"Junge, wie siehst du denn aus?"
Quer übers ganze Gesicht liegt ein breiter Rußfilm!
Kommt davon, wenn man morgens noch Eierkohlen und Briketts aus dem Keller holt, das ist der letzte Winter mit Ofenheizung. Dabei hab ich mir wohl mit den dreckigen Arbeitshandschuhen durchs Gesicht gewischt. Passiert ja öfters und ist mir auch schnuppe, aber an dem Tag, an dem ich einen Termin für Probeaufnahmen im Fotostudio hab, ist das jetzt nicht so angesagt, verdammt!
18.11.05 19:14


1, 2, 3, ZUGABE (II)

1
Die Gr?fin findet B?ume hocherotisch.
"Wie sexy du bist!" schmeichelt sie einem besonders stattlichen Exemplar, und der Galan verneigt sich leicht im Herbstwind.

2
Wenn sie nach dem Duschen wie eine Madonna durch die Wohnung spaziert, das Handtuch um den Kopf gewickelt, duftend, vergisst man schon mal, dass die Gr?fin es faustdick hinterm Bademantel hat.
"Du, 500, fass mal hier an..", hat sie sich eine kleine Gemeinheit ausgedacht, doch ich bin gerade mit der rituellen Zubereitung unserer heissen Bananenmilch fertig geworden und rufe mit einem einpeitschenden "LOS, KARL-HEINZ SAUFUSS!" zu Tisch, eine Aufforderung, die vorallem unseren Hund rasend schnell unter den Milchtisch treibt, gibt es dazu doch immer Schokopl?tzchen, die ihm wie nebenbei in die Schnauze rieseln.

3
Abends im Bett.
Wir liegen nebeneinander.
Sie reibt meinen Puls.
"Kann der auch schnurren?"

ZUGABE
Die Gr?fin verbringt den gr?ssten Teil ihrer Zeit in ihrem Malzimmer. Ich krieg sie kaum noch zu Gesicht. Wenn sie mal Pause macht, geht sie mit dem Hund raus.
Gerade sitzt sie bei mir.
"Wenn ich hundert Bilder hab, hundert gute Bilder, h?r ich auf."
Pause.
Meine 500 Beine-Seite flackert auf dem Monitor.
Der machts nicht mehr lange.
"Es sei denn..ich h?tte ein Bed?rfnis", f?hrt sie fort.
Ich hau mit der flachen Hand gegen den Bildschirm.
"Oder meinst du, f?nfzig tun es auch? Ich bin so faul."
Mein Bild ruht.
"Was gibts denn da zu l?cheln?!"
19.11.05 09:23


NOCH ZWEI AUF DEN WEG

1
Ein Grossonkel der Gr?fin, ein Herr mit einer knorrigen und potenten Nase, hat uns gestern zum Essen eingeladen. Dabei hat er zu seinem 80. Geburtstag n?chstes Jahr schon mal zwei W?nsche angemeldet: den ersten Fallschirmsprung seines Lebens sowie eine Nase Kokain.
"F?r das Koksen musst du dir aber ein Hotelzimmer mieten!" war seine 36j?hrige Lebensgef?hrtin ruckzuck auf 180. "Das machst du nicht bei uns zuhause, sonst hab ich noch die Polizei auf der Matte!"
"Quatsch Hotelzimmer! Im Flieger!" entgegnete der Grossonkel und schenkte noch einen Wodka ein. "Direkt vor dem Sprung! Und dann...juuuschsch!"
"Ach, du Spinner!"
Nat?rlich hatte der Grossonkel mich dabei angeguckt, als er den Kokainwunsch ?usserte, mit einem Zwinkern.
Mal sehen, was sich machen l?sst, kniepte ich zur?ck.
Ich mein, das ist ja auch keine Art, gestandenen Pension?ren das Kokainschnupfen zu verbieten bevor sie das erste Mal aus einem Flugzeug fallen.
2
Nach ein paar Bier und Wodka hatte ich das Gef?hl, mein Gehirn w?rde hinterherschwimmen und ging vorsichtshalber aufs Klo, mich k?mmen.
Dabei kam ich an der Kegelbahn vorbei.
Eines war merkw?rdig. Zwar h?rte man das Poltern der auf Holz laufenden Kugeln, doch ansonsten drang kein Ton aus dem Raum. Selbst als die Kellnerin mit dem n?chsten Tablett Schnaps antanzte, war kein ausgelassenes AHH und OHH zu vernehmen, DIE MARIA MACHT UNS FROH oder so ein M?ll.
Nichts. Null.

Eine Stunde sp?ter liess die Kegelgesellschaft sich zum Essen nieder, an diesem grossen reservierten Tisch neben uns.
Eine wirklich gespenstische Runde.
Lauter unauff?llige stille Menschen.
Ich k?nnte keinen einzigen beschreiben, obwohl ich abgestossen und fasziniert zugleich das Geschehen beobachtete, das keines war. Immerhin weiss ich jetzt wie das aussieht, wenn Aliens in den Totensonntag reinfeiern.
20.11.05 15:38


LUFTSCHNEE

F?nf ?ltere Damen kommen mir aus dem Nebel entgegen, wie klebrige Bonbons aneinandergepappt tippeln sie vorsichtig in den Wald rein.
Das Herbstlaub macht die Wege rutschig, und Raureif liegt ?berm Land.
Es wird Winter. Die Damen giffeln.
"Ist das ein Nebel."
"Ja, wie Luftschnee!"
"Is auch keiner weggekommen? Alle mal durchz?hlen!"
"Ach du wieder, Erika!"
"Na, Sie haben aber einen puscheligen Hund."

Ein paar Handschuhe greifen nach Molli, die sich wegduckt.
"Der hats gut, der Hund. Der braucht keinen Mantel im Winter."
"Und mit vier Pfoten hat er auch besseren Halt."
"Sagen Sie, ist das ein Bergischer Klippen-Wolf?"
"Oh, guckt mal hoch! Schnell!"
Am Himmel t?rmt eine Formation Kraniche Richtung Afrika.
"Oder ob die erstmal gucken was auf Mallorca los ist, was meinst du, Erika?!"
Der Hund guckt verwirrt nach oben.
Unten Handschuhe und Gekicher.

"Na, das wird ein strenger Winter."
Die dritte Dame links hat einen langen Straussenhals und fiept beim Reden, als w?rde sie mit Feldm?uschen gurgeln.
"Wir sind hier fr?her schlittengefahren, auf der Wiese vom Bauer Schellscheidt. Mit steifgefrorenem Anorak."
"Ziehen Sie sich also warm an, junger Mann."
"Vielleicht braucht der junge Mann das gar nicht", meint Erika. Sie ist die einzige ohne Handschuhe. Ich seh sogar eine Zigarette gl?hen, wie ein M?nnerw?rmchen, Hohle Hand. "Vor ein paar Jahren hatten wir auch einen Winter, der war so warm, da bin ich mit dem Arm so tief in die Erde reingekommen.."
Sie zeigt auf ihre Armbeuge.
"Bis hierhin!"
"Da war doch gar kein Winter, Erika!"
"Nat?rlich war das Winter! Dezember. Da haben der Heinz und ich das neue Gartenh?uschen gekriegt, und wir mussten die ollen B?sche rausholen. Da war ich soo tief im Boden drin!"
Die f?nf Damen murmeln und tippeln weiter, mit dem W?rmchen.
"Sch?nen Tag noch, junger Mann. Und nicht vergessen: warm anziehen."
"Lange Unterhose!"
"Du wieder, Erika..!"
24.11.05 09:14


FÜNF VERSUCHE

1
"Nach dem Krieg mussten sich die Deutschen so klein machen wie m?glich. Da duckt sich auch die Sprache."
(Die Gr?fin zur aktuellen Langeweile).

2
"Mann, bin ich heute wieder gr?finisch!"
Sie hat sich gerade die Haare gewaschen und steht zufrieden vor dem Spiegel.
"Siehst gut aus", sag ich. "So nach Helsinki Gardinen Girls."
Ich bin schnell auf den Beinen.

3
M?sste ich die Gr?fin mit einem Satz beschreiben, mit einem Satz aus ihrem eigenen h?bschen Mund:
"Es gibt Tage, da krieg ich keine einzige Kartoffel runter!"
(Vor einem dampfenden Teller Nudeln, mit Gulasch).

4
"Es gibt Tage, da m?cht ich einfach nur unten bleiben.."
(An einem Morgen, an dem sie nicht hochkommt).

4a
"ICH SCHLAF GLEICH UM MICH HIER!"

5
"Im Winter muss man sich tags?ber soviel Helligkeit schnappen wie m?glich", meint die Gr?fin und ist den ganzen Tag mit dem Hund draussen.
Abends sitzt sie dann vorm Fernseher und ihr brennen die Lippen. Da muss sie gleich was freches sagen, und dran glauben muss Jeff Goldblum, der gerade in einer Szene bl?de an der Kamera vorbeiglotzt, ins Nichts.
"Wo guckt der Goldblum denn hin? Zu seinem Tiertrainer?!"

5b
"Stirb, Drecksack!"
(Nachdem sie mich eingeholt hat, siehe Pkt.2)
25.11.05 08:38


 [eine Seite weiter] s



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