Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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SONNTAGS IM HURRIKAN

Sonntags, grosse Sommerferien. Die Stadt ist ausgeflogen. Die Strassen sind so leer, die Gr?fin hat das Gef?hl, wir befinden uns im Auge des Ferien-Hurrikans. Da herrscht bekanntlich Stille. Kein Wind weht. Kein Mensch, kein Tier zu sehen. Wir mittendrin. Der ganze Sonntag geh?rt uns. Selbst die V?gel sind in fernen Hotels untergekommen.
Dass ?berhaupt noch irgendjemand in der Stadt ist, merkt man erst, wenn man sich auf einen Gully legt, das Ohr am Deckel, und wartet. Wartet auf eine Klosp?lung. Auf eine Sonntagswurst, die dahergeschwommen kommt.
"Da ist eine! Schnell weg hier!" reisst die Gr?fin uns fort.

Wir schlendern durch die Hofschaft.
Beschwipste Sonnenblumen rekeln sich in einem Vorgarten, best?uben der Gr?fin ihr vorwitziges N?schen, mmh, sagt sie, das riecht wie Eierkuchen.
Das schwarze Taxi schnuppert.
Wenn wir uns bei Leuten ank?ndigen, "Wir bringen das schwarze Taxi mit!", wissen nur die Eingeweihten, dass Frau Moll damit gemeint ist. Das schwarze Taxi. Ein Hund hat viele Namen. Molly. L?ssige Mickymaus.

Zum Abschluss des Sonntags spazieren wir ?ber die weiten Felder heimw?rts. Da steht die Frucht so hoch, da muss Gen im Spiel sein.
"Ihr seid doch alle manipuliert!" fuchtel ich mit dem erhobenen Zeigefinger ins hohe Maisfeld hinein.
"Du doch auch", kommt es dumpf zur?ck.
1.8.05 13:07


1868

Es ist schon eine ganze Weile her, da kam regelm?ssig dieser Russe ins Mumms gerauscht. In seinem schweren Armeemantel, dem langen grauen Vollbart und den wuchtigen, wie zu einer Br?cke zusammengewachsenen Augenbrauen, die Nase ein Betonpfeiler, erinnerte er an Solschenyzin, den Schriftsteller, also nannten wir ihn so, denn niemand kannte seinen wirklichen Namen.

Er war Schachspieler bei 1868 Solingen. Schachspieler reden kaum ein Wort. Daf?r hatte er st?ndig eine Zigarre und ein grosses Glas Altbier in Arbeit, er l?chelte sein Russenl?cheln, unerm?dlich, geheimnisvoll. Sperrte er den Mund doch einmal auf, dann nur f?r einen einzigen Satz:
"Immer gut rauchen", prostete er uns zu, "und Mathematik!"

Da Solingen eine Schachstadt ist, der Club 1868 ist deutscher Abonnementmeister im Vereinsschach, ist man hier merkw?rdige
Figuren gewohnt, die nichts anderes im Kopf zu haben scheinen als spanische Spieler?ffnungen und Springertausch, doch Solschenizyn war ein Unikum.
Keiner kannte ihn, jeder mochte ihn.
Selbst seine faulen Z?hne und die triefenden Nikotinfinger fielen nicht ins Gewicht.

Eines Tages tauchte er nicht mehr auf, war fort. Niemand wusste etwas. Die Wetten im Mumms liefen auf Lungenkrebs oder Schachturnier. Fifty-fifty.
2.8.05 14:22


WENN FALSCHE FREUNDE ZU BESUCH KOMMEN

Als ich wach werde, h?r ich die Gr?fin p?beln, im Badezimmer.
"Nein!! Ich werd bekloppt! Der verdammte Speckmonteur war wieder da!"
Das klingt nicht gut. Hat er der Gr?fin ?bernacht wohl wieder ein Kilo an den Bauch gepappt. Oder an den Po, in das gef?rchtete Orangenhautanbaugebiet.
Ich frag mich, wie der eigentlich immer hier reinkommt, der Speckmonteur.
"Obwohl ich doch gar nichts gegessen hab gestern", jammert die Gr?fin, "nichts besonderes jedenfalls! 59 Kilo! Das muss man sich mal vorstellen!"

Und als w?r das noch nicht schlimm genug, scheint auch der Bettfris?r nicht unt?tig gewesen zu sein. Hat ihr ein paar graue Haare mitgebracht, diesmal. Und so lieblos eingeflochten, dass ihr die Kopfhaut juckt.
"Ich seh aus wie ein wildgewordener Handfeger!"
Zudem ist sie bitterlich entt?uscht ?ber mein Schweigen zu diesen n?chtlichen Vorf?llen.
"Du h?rst ja gar nicht richtig zu, wenn ich vor mich hin babbel! Du Matscho!"

Um 6.30 Uhr verl?sst sie h?stelnd das Haus. Frau Moll sitzt vorm Fenster und horcht mit aufgestellten Ohren ihren Schritten nach, die ?bers Pflaster steppen.
Als die Gr?fin im Nissan davonbraust, seufzt Frau Moll schwer auf. Wieder einmal bricht ein Tag an, ohne die Chefin, die sie f?ttert, sie k?mmt und ausf?hrt, mit ihr spielt und lacht. Stattdessen muss sie sich wieder mit dem Chef herum?rgern.
Dieser Pfeife.
Das Leben ist ein schwerer Hundeseufzer.
3.8.05 12:48


BASSIST & DER WILLI

Ich bin davon ausgegangen, dass ich drei Autogramme von Prominenten habe. Von Jonathan Richman, von Pat Metheny und von Helge.
Schneider. Als ich eben ein verstaubtes Notizbuch durchgebl?ttert hab, aus dem Jahre 1985, auf der Suche nach ein paar Notizen, die sich aufw?rmen lassen, da finde ich mittendrin:

Dieses Autogramm
ist f?r
Naturlocke,
von Peter Baltes
Accept

Die meisten Leser werden sich jetzt kreischend in den Schritt fassen: SENSATIONELL, und wer ist Peter Baltes, Accept?
Geschichtsbewusste Hardrocker wissen Bescheid.
Accept, eine Band aus Solingen, waren neben den Scorpions zu Beginn der 80er der bekannteste deutsche Heavy-Metal-Export in die USA.

Den Peter Baltes, der Bass spielte, lernte ich bei einem Job kennen, im K?hlhaus, wo wir gemeinsam Joghurtkisten und Fleischsalate kommissionierten.
Schon damals war er von meinen krausen Haaren helllauf begeistert, weil die n?mlich wild in die Gegend wuchsen, w?hrend er seine Lockenwicklerlocken jede Woche aufwendig hochtoupieren musste, wie es sich f?r einen Metaller der 80er Jahre geh?rte.

"Deine Matte ist ja wiederr der Waaahnsinn!" kriegte er sich kaum ein, wenn er mich morgens sah, und ich glaube, eine Zeitlang h?tte er ein vergoldetes Top-Ten-Album f?r meine Locken hergegeben, also die im Vatikan (die Top 10).

Der Frontmann von Accept, ich hab seinen Namen gerade nicht parat, ach doch, Udo, U.D.O., so hiess auch sein Soloprojekt in den 90ern, war da aus ganz anderem Holz: klein, kr?ftig und gedrungen, Metallsp?ne statt M?hne auf dem Kopf sowie eine Fresse wie mit dem Minigolfschl?ger durchzogen.
Gesungen hat er wie ein Henker mit Freude an der defekten Guilliotine: "Das muss SOFORT noch mal runtersausen, das Beil, zum Henker!"

Na toll, gibt nichts her, die Geschichte von Accept und dem Autogramm.
Aber in dem besagten K?hlhaus, im Jahre 1981, als Falco gerade mit dem KOMMISSAR um die Ecke kam, arbeitete auch der schmierige Willi, und von dem gibt es etwas zu berichten.
Der Willi begegnet mir heute noch ab und zu in der Stadt, und ungelogen, er tr?gt immer noch denselben schmierigen Poncho wie damals, als er schweigsam und bek?mmert seine Kommissionierbox durch die G?nge schob und seine Arbeit machte, peinlich genau, mit dem Anflug eines wissenden L?chelns.

Wenn es hiess, ?berstunden, dann bedeutete das, macht der Willi. Der macht das gern. Der macht alles gern. Auf den wartet ja auch niemand. Der ist treu, der ist doof.
Eines Tages, der Hausmeister hatte etwas vergessen und kehrte auf einen Sprung ins K?hlhaus zur?ck, wurde Willi auf frischer Tat ertappt, wie er vierzig Steigen Joghurt, einen Laib Leerdamer und was weiss ich alles in seinen Kofferraum lud, in aller Seelenruhe.
Im Nachhinein stellte sich heraus, dass Willi der Firma einen Schaden in H?he von 45.000 DM beschert hatte, ?ber die Jahre verteilt.
Danach mochte ich ihn fast ein bisschen. Bl?dmann.

4.8.05 14:58


GELD, TAGE

K?hle Tage. Stille Tage. Ne ganze Menge Tage. Ich sitz in der Fr?he auf einem Kinderspielplatz im Hinterhof der Innenstadt und warte, dass der Italiener aufmacht, um 8 Uhr 30. Der Hund macht Platz und zuckt mit sehnsuchtsvoller Schnauze in Richtung Sandkasten, mit diesem Buddelblick.

Zwei Damen nee zwei Puten passieren den Spielplatz und ziehen ihre angeleinten K?ter hinter sich her. "Nu komm!" Vielleicht halten sie mich f?r einen Drogens?chtigen mit Hund, dabei bin ich nur ein S?chtiger mit Hund, der Zeitung liest, eine Zigarette raucht und wartet.

Als ich eine Viertelstunde sp?ter aus der Parmesandrogerie schreite, um einen Dreihundertgrammbeutel schwerer, tigert vorm Spielplatz tats?chlich ein Junkie nerv?s auf und ab. Ich kenn ihn vom Sehen. Er tr?gt einen blonden Zopf und wohnt noch immer bei seiner Grossmutter, die ihn vor der Hauptsparkasse gelegentlich abkanzelt:
"Immer nur Geld, Geld, Geld! Hast du noch ein anderes Wort drauf??!"
Nun ja, mit dem Wort kommt man an sich ganz gut durch k?hle Tage.
Stille Tage.
Ne ganze Menge Tage.
5.8.05 14:14


SO METALLISCHE SPRACHE

Was ist sch?ner als am Samstag
ein neues Wort ein neues Bild ein
brachiales W?lzen in chirugischen Instrumenten
ein silbrig gl?nzend Stechen im Nacken so
metallische Sprache eben
w?hrend der Hund
gem?tlich im Gras
frisst.
6.8.05 13:25


WEMPE LUTSCHT!

"Ist dir schon mal aufgefallen, dass alle Armbanduhren in der Werbung 10 nach 10 anzeigen?" frag ich die Gr?fin. "Egal ob Swatch oder so ne billige Uhr als Abonnenten-Anreiz, alle haben die gleiche Zeit: 10 Uhr 10. Immer."
"Immer??"
Das will die Gr?fin nicht glauben, und wir bl?ttern ein paar Illustrierte durch. Tats?chlich ist es auf jeder Uhr exakt zehn Minuten nach zehn. Das ist die wahre Prime-Time in Deutschland. Die religi?sen Momente, morgens und abends um 10 Punkt 10 Uhr.
Eine Stunde sp?ter. Die Gr?fin kommt triumphierend mit einer neuen Zeitung um die Zimmerecke. Fast l?uft sie mich um.
"Guck!"
Drei Uhren, Wempe.
Zwei davon auf 10 nach 10, die dritte auf 5 nach 11.
Ich bin erledigt.
6.8.05 16:32


MY BLOODY VALENTINE

1
Montagvormittags am B?renloch. Das B?renloch ist ein weites offenes Parkgel?nde. Hier hat sich mein Vater schon rumgetrieben als Steppke, und B?ren geschossen mit der Winchester.
Es regnet leicht aber ununterbrochen, wie ein flirrernder
Vorhang.
In den benachbarten Schreberg?rten h?mmert jemand an seinem H?uschen rum, pausenlos, immer im gleichen Takt, bis er eine Verschnaufspause einlegt.
Sodann wechselt der Mann zur S?ge.
Das passt dem Regen gar nicht. Er protestiert, wird vehementer.

Frau Moll, die friedlich zu meinen F?ssen liegt, wir haben uns unter diesen ?berdachten Pilz gerettet, muss sich einem Aggressor erwehren. Aus diesem kl?ffenden Mops k?nnte Molly mit einem gezielten Pfotenhieb ein weisses Breichen machen, so sie denn wollte.
Das Problem: sie will..
"Frau Moll!" muss ich sie zur?ckpfeifen. "Untersteh dich!"
Und das Frauchen vom Mops zu ihrem Mops:
"Frollein!!"
Die Wolkendecke ist geschlossen.
Es sickt sich ein.

Gegen?ber, auf der grossen Wiese, stehen zwei steinerne Marterpf?hle. Der Steinfris?r hat ihnen boshafte Grinsen ins Gesicht geschnitten.
Ob die fr?her auch schon hier gestanden haben, fr?her, als mein Vater auf B?renjagd war?
Das Volleyballfeld versinkt im Regen.
Eine weisse Plastikt?te weht durch die Luft, verheddert sich in einer Baumkrone.

Andere Frau, anderer Hund.
Eingedickter Jagdhund. So jung und schon so futt. Fett. Futterfett.
"Wir sind noch in der ?bungsphase!" erkl?rt das Frauchen weil ich mich ?ber die vielen Kommandos wundere.
"Ach so. Dann."

2
"Ich bin so was von m?de", g?hnt die Gr?fin und zeigt mit dem eingerollten Schirm zum Himmel hinauf, wo sich eine hellblaue L?cke auftut.
"Von da oben k?nnt ich jetzt so aufgesaugt werden..und dann auf der Sonne rumliegen.."
Wir sind am Nachmittag unterwegs, diesmal zu dritt.
Zum alten Bogensch?tzengel?nde. Da erlebt Frau Moll ihre Karnickelabenteuer. Sie will ein Buch dar?ber verfassen.

"Ich f?hl mich wie Sheriff Schmitz", sag ich zur Gr?fin.
"Wieso?"
"Nur so."
"Ach so."
Sie sagt, ich soll was in mein Notizbuch notieren.
Sie diktiert.

"Erste Augustwoche.
Die Gr?fin st?ckelt auf seelischen High Heels durch die Gegend.
Zweite Augustwoche.
Die High Heels liegen in der Ecke, die Gr?fin auch."

Schwerer Regenguss pl?tzlich, wir fl?chten.
Ein Nachtfalter, verwirrt von der pl?tzlichen Dunkelheit, erwacht und saust mir mitten am Tag mitten ins Gesicht rein, als wir uns unterstellen im Hochhaus-Eingang, wo eine lange Liste aush?ngt mit frei werdenden Wohnungen.

Als es aufh?rt zu regnen, gehts ?ber Pf?tzen gross wie Plantagen zur alten Bogensch?tzenwiese, die nicht mehr gem?ht wird.
Schiesst ja keiner mehr.
H?fthoch stehen die wilden Gr?ser mittlerweile.
"Hier hat mich letztens die Zecke erwischt", sag ich und beobachte Frau Moll, die in den Brombeerhecken verschwindet, zu den Karnickeln.
Die Gr?fin winkt ab.
"Heute ist keine Zecke unterwegs, daf?r isses zu nass. Die haben es sich zu Hause gem?tlich gemacht."

Die Zecken auf ihrer warmen Stube, ein Pott Opferblut blubbert auf dem Ofen, was singen Zecken an Regentagen, My bloody Valentine?
Auf dem R?ckweg holen wir am B?dchen noch eine T?te s?sser Schn?re und die Gr?fin dr?ckt einem kleinen dreckigen Jungen aus der Hochhaussiedlung ein paar Cent in die Hand, damit er sich auch was s?sses holen kann.
So schnell hab ich selten jemand von seinem Kettcar aufspringen sehen, und rein ins B?dchen.
9.8.05 12:27


SCHWESTER ANNEGRET

Auf dem Weg zum Nachtdienst geh ich im Mumms vorbei, auf ein, zwei Bier und den Deckel bezahlen von letzter Woche. Da bin ich an zwei Abenden hintereinander einfach abgehauen. Nicht weil ich kein Geld mehr hatte, sondern weil ich so blau war, dass ich den Mund nicht mehr aufkriegte f?r die Rechnung.

Als ich ins Mumms reinkomme, sitzt der Lorenz am Tresen.
"Och, die Nachtschwester Annegret!" t?nt er und l?sst die Arme fliegen. "Komm her, du!"
M?sst ich nicht arbeiten, ich w?rd mich wohl dazuhocken und mir zum x-ten Mal die Story vom Black Sabbath Konzert in der Dortmunder Westfalenhalle anh?ren, als ihm die Hornbrille unters Gitter vom Mischpult gerutscht ist.
"Da lief gerade PARANOID und ich war ausser Rand und Band, wuhahaaa!"
Seither sitzt das Gestell verbogen auf seiner Nase.

Wenn man n?chtern ist, macht Kneipe keinen Spass. Bin ich froh, dass ich gleich wieder weg bin.
Die kleine Bellavera gr?sst mit einem kurzen Nicken. Sie ist eine Art blondes dralles Zimmer, ziemlich aufgeputscht, mit einem wachen Auge.
Vor ein paar Jahren ist sie bei mir mal aufgewacht, an einem Sonntag.
"Du hast ein sch?nes Glied", hat sie gemeint, immer noch angeschickert, "aber du bist ein Schwein."
10.8.05 15:22


ZUFÄLLIG HINGEGUCKT

Shiva ist eine duldsame, ein devote H?ndin. Wenn sie mit ihren grossen traurigen Teddyb?raugen angeschlichen kommt, kann man gar nicht anders, als sie unabl?ssig zu streicheln und mit lieben Buchstaben einzudecken.
Nur das Frauchen von Shiva kann das nicht. Das Frauchen von Shiva ist einsam. Einsam und beseelt von einem heiligen, von einem hageren Zorn.
Sie kann ihn nicht kontrollieren.
Ihr Zorn trifft Shiva.

Manchmal h?rt man sie schon sch?umen, bevor man in den Park reinkommt.
"Ich tret dich in den Arsch! Du Mistvieh, bleib stehn! Du Drecksk?ter!"
Es ist ihr auch egal, ob Leute vor?bergehen und den Kopf sch?tteln.
Shiva steht mit eingeklemmten Schwanz daneben.

Je unterw?rfiger der Hund, desto zorniger das Frauchen.
"Wenn ich dich schon seh, wird mir schlecht!"
Wobei nicht klar wird, was dieses Mal vorgefallen ist. Was der Gund ist f?r die Misstimmung.
"Der Grund? Die Sau hat mir die Tagesdecke zerbissen, in hundert kleine Schnipsel. Nur weil sie mal ne Stunde allein zu Hause war. Die Fotze!"

"Schon wieder?" frag ich.
"Was, schon wieder?!"
"Das mit der Decke, das hast du letzte Woche schon erz?hlt."
Sie antwortet nicht. Ihre Nasenfl?gel pumpen.
Was sie nicht sieht, in ihrem Zorn: Shiva, zu ihren F?ssen, pinkelt ihr auf die Schuhe. Ganz l?ssig.
Ich hab zuf?llig hingeguckt.
11.8.05 12:07


RITZE RATZE VOLLER TÜCKE..

..in die Arme eine L?cke!
Wo alle Welt den Ritzerinnen vom Ritzen abr?t, h?lt die
Gr?fin einen Alternative bereit: "Mal sch?n am Backofen verbrennen!"
Sie selbst hat zwei frische Schnitte am Unterarm.
"Der hier ist vom Auberginen-Auflauf vorgestern", zeigt sie stolz. Da ist sie an die gl?hend heisse Seitenwand geraten.
"Und der Cut hier?" frag ich, weiss ich doch, dass alle Ritzerinnen zeigefreudig sind. Auch die K?chinnen unter ihnen.
"Ist auch vom Auflauf. War quasi ein Double Feature. Tat sauweh und hat sch?n lange gebrannt! Ausserdem gibts am Backofen nicht so eine Sauerei mit Blut!"
Hach, meine Triggerqueen...!
"Und daf?r man muss nicht mal richtig kochen k?nnen!" bin ich begeistert.
"Was soll das denn jetzt heissen?!"
Verdammt, ??h..! So war das gar nicht gemeint..
"Ich kann also nicht kochen??!"
Jetzt bin ich schon seit ?ber vierzig Jahren auf dieser Welt und weiss immer noch nicht, wann ich besser die Fresse zu halten habe! Wie alt soll ich eigentlich noch werden!
14.8.05 18:30


DIE SPÄTE IDEE

Mit wem man alles ins Gespr?ch kommt, wenn man mit dem Hund unterwegs ist.
So ein Hund ist sozusagen ein sozialer Dienst.
Eine Art Streetworker.

Da ist also dieser Typ, ungef?hr in meinem Alter. Um die vierzig.
Ich kenn ihn vom Sehen, er hat eines dieser Gesichter, die ich nicht wirklich einordnen kann. Eine Randfigur aus meinem fr?heren Leben.
Wir sind nie wirklich in Kontakt gewesen.

Er hat auch einen Hund. Einen Sch?ferhundmischling. Er geht ein bisschen steif. Als habe er Rheuma. Der Hund. Aber vielleicht h?ngt der Rocky nur ein bisschen durch. Kein Wunder, bei diesem Wetter. Diesem Dauerregen.
Permanent umgibt einen dieses Ger?usch, als w?rde eine grosse graue Braut ihre nasse Schleppe durch die Strassen ziehen, auf und ab.

Wir kommen ins Gespr?ch, auf dieser ?berdachten Bank.
"Du hast doch fr?her im K?hlhaus gearbeitet, unten in
Wuppertal", erstaunt er mich. Dass er sich daran erinnert..
"Mh. Stimmt. Ist aber schon ewig her."
"Ich weiss. War in den 80ern. Da habt ihr doch geschmuggelt."
"Geschmuggelt? Wir? Was?"
"Na, Haschisch."
"H?h?"
"Ihr habt doch mit dem Holl?nder Gesch?fte gemacht, der immer Frisch-Gefl?gel angeliefert hat."
Ich muss lachen.
"Ach, Bl?dsinn. Obwohl, ne Idee w?rs gewesen. Aber da kommst du ein bisschen sp?t mit r?ber."

Jeden Abend fuhr der Holl?nder mit seinem Transporter an die Rampe heran, bis unters Dach vollgestopft mit 20-Kilo-Kartons H?hnerklein und H?hnchenschenkel. Da h?tte man tats?chlich was drunterpacken k?nnen. Theoretisch.
"Ich h?tt damals gewettet, dass ihr schmuggelt", sagt er.
Er hat diesen trockenen Schmand im Mundwinkel, wie Leute ihn haben, die zu viel denken und zu wenig trinken.

Die Hunde stehen doof im Regen rum. Die Wiese ist aufgeweicht. Ab und zu laufen sie eine uninspirierte Runde durch den Schlamm und man h?rt die Steuermarken an ihren Halsb?ndern
klimpern.
"Was machst du so?" frag ich. "Womit verdienst du dein Geld?"
"Ich hab die Rente durch."
Bei den meisten Leuten in unserem Alter w?sste ich nicht, ob ich den Spruch ernstnehmen soll oder nicht.
Er meint es ernst.

"Ich hab eine Psychose", sagt er, und der Schmand bewegt sich beim Sprechen mit. "Ich hab zuviel gekifft. Ich hab praktisch drei Jahre durchgekifft. Da hab ich mit dem Theo zusammengewohnt. Der hat studiert und ich hab gekifft. Tag und Nacht. Und als ich nach drei Jahren aufgeh?rt hab, von einem Tag auf den anderen, bin ich abgedreht. Da ist die Psychose ausgebrochen. Ich hab geglaubt, ich k?nnte das Fernsehprogramm manipulieren und so Sachen. Zuletzt dachte ich, ich w?r Jesus."
"Merkt man dir aber nicht an. Ich mein, du machst einen normalen Eindruck auf mich."
"Naja, ich nehm Medikamente. Bin zwar schon runterdosiert, aber ohne die Pillen gehts nicht."

Er deutet auf das rote Notizbuch, das neben mir auf der Bank liegt.
"Schreibst du noch?"
"Mh. Ja, sicher."
"Ich hab auch mal ein Expose geschrieben, f?r einen Film mit G?tz George. Ein Kifferdrama. Ist aber nichts draus geworden."

Molly hat sich mittlerweile zu meinen F?ssen niedergelegt, mit
einem Stock zum Knabbern. Als Rocky dazukommt, wird er achtkantig verbellt.
"Eigentlich wollte ich ja einen echten belgischen Sch?ferhund haben", sagt er, "und keinen Mischling. Aber eines Tages stand der Rocky vor der T?r, hat Pf?tchen gegeben und schon war's um mich geschehen."
Ich lache auf.
"Klingt wie ein erfolgreiches Vorstellungsgespr?ch."
"Tja, wars ja auch."
Ein, zwei Minuten h?ren wir dem Regen zu. Der grossen grauen Braut.
Sie ist ordentlich am durchwischen.
Keiner sagt etwas.
"Wieviel Kilos habt ihr denn geschmuggelt?"
15.8.05 18:52


SPÄTER. VIEL SPÄTER.

Was man im Nachhinein, oft viele Jahre sp?ter, alles noch erf?hrt. Die unwichtigsten Sachen, die einen dennoch ?berraschen.
Da erz?hlt mir die Gr?fin, dass sie sich richtig verwegen gef?hlt hat, wenn sie mit mir von einer Party verschwunden ist ohne sich zu verabschieden.
"Ich allein h?tte das ja nie gemacht."
F?r mich war das selbstverst?ndlich. Wenn ich keine Lust mehr hatte, egal wo ich war, drehte ich mich um und war weg. Das war einfach so. Und hat sich auch nicht gross ge?ndert.
Ich finde hallo sagen klasse, tsch? scheisse.
16.8.05 02:14


ER WAR IMMER HUNGRIG

"Er war immer hungrig,
doch er war sehr d?nn."

Am 13. Mai 1988 starb Chet Baker in Amsterdam.
Er war aus dem Hotelfenster gefallen.
An diesem Abend verstummten alle Jazz-Clubs von Paris bis
New York.

Es gibt einen ?bersch?umenden Dokumentarfilm: LET'S GET LOST. Gedreht von dem amerikanischen Werbefotografen Bruce Weber ist der Film eine Art schwarz-weisser Roadmovie durch das Leben von Chet Baker, im Hintergrund irrlichtert seine Trompete, ein wehm?tig stimmender, zarter Sound, als w?re ein Engel auf die Erde hinabgestiegen, in zerknitterten Gew?ndern, eine Camel Ohne zwischen den Lippen.

"Findest du das Leben langweilig, Chet?"
"Nein, nicht langweilig. Es ist manchmal..l?stig. Ja, f?r viele Menschen ist das Leben l?stig."

In die Dokumentation sind Ausschnitte aus Spielfilmen der 50er Jahre eingebaut, als Baker von Hollywood entdeckt wurde.
In jenen Tagen war sein Gesicht von sch?ner Ebenheit, die Stimme hauchte mehr als dass sie sang, er war der Elvis der Jazzmusik.
So sieht man ihn neben Natalie Wood in THE FINE YOUNG CANNIBALS, da war er 21, 22 Jahre alt und, wie ein Freund von damals sich erinnert, "..ein Mann wie aus einem Guss."

Wenig sp?ter verfiel er dem Heroin, wie viele Jazzer seiner ?ra. Bei einer Hinterhofschl?gerei wurden Chet Baker so viele Z?hne ausgeschlagen, dass er das Trompetespielen erst m?hsam wieder erlernen musste.

Die holl?ndische Polizei, die seinen Leichnam 1988 auf der Strasse fand, wusste zun?chst nichts mit ihm anzufangen.
Da er keinen Pass bei sich trug, identifizierte man ihn lediglich als "..verwahrloste Gestalt, 70 Jahre alt."
Da war Chet gerade mal Mitte F?nfzig.

"Welcher Tag war der sch?nste in deinem Leben, Chet?"
Er ?berlegte nicht lange.
"Das war der Tag, an dem ich meinen Alfa Romeo bekam.."

Jeder andere ber?hmte Jazz-Bl?ser h?tte gesagt, das war der Tag, an dem ich meine erste Trompete geschenkt bekam, oder das war der Tag, an dem ich meine Frau kennengelernt hab, ohne dich ich niemals das geworden w?re was ich heute
bin.
Nicht so Chet Baker. Der erste Sportwagen, den er sich leisten konnte, hatte ihn mehr beeindruckt

Er blieb ein kleiner Junge,
mit einem grossen Flitzer im Herzen,
bis zu seinem Tode.
16.8.05 18:45


DURSTIGE SITUATION # 45

Wir standen am Tresen, jeder ein Glas Bier in der Hand.
Ich nahm einen Schluck.
"Das Leben wird immer h?rter, Karlos..."
Er guckte mich an, als h?tt ich sie nicht mehr alle.
"Was hast du denn geglaubt? Dass es immer weicher wird.. oder
wie?!"
16.8.05 20:08


1995! IN RÜGENWALD!

Das roch nur noch sauer, in der ganzen H?tte! Und irgendwer sass immer auf dem Pott und war am reihern und am scheissen!
Und all dies Gest?hne! All die Mobilfunkgebete zum Herrgott: Wir tun es niemals, niemals wieder!! Und tats?chlich. Das war das letzte Mal, dass wir Teewurst gegessen haben.
16.8.05 20:17


EIN MÄDCHEN

Die hat aber gute Laune bei ihrem Job!
Ein M?dchen tr?gt Reklamebl?ttchen aus und tr?llert dabei
so ausgelassen vor sich hin, die ganze Siedlung spitzt die
Ohren.
LA-LE-LU
singt sie
NUR DER MANN IM MOND..
und ein paar Briefk?sten weiter
STEHT AUF, WENN IHR SCHALKER SEID..
Hat die gute Laune.
17.8.05 11:25


SEE THE POPE?

Als ich heute morgen in die Linie 683 steige, wundere ich mich, wieviel strahlende junge Flittchen morgens den Bus nach Ohligs nehmen.
Wollen die alle ins Freibad? Oder in die Heide, fummeln?
Der Onkel h?tte sicherlich noch ein viertel St?ndchen Zeit, bis zu seinem Termin.

Erst da f?llt mir auf, dass alle einen Rucksack tragen, mit dem aufgedruckten Emblem des XX. Weltjugendtags. Ach! So sehen also die Pilger aus, ?ber die unsere Zeitungen seit Tagen berichten! Angeblich sollen schon ?ber zehntausend in der Stadt sein, K?ln liegt ja quasi um die Ecke.

Neben mir sitzt eine Frau in beigen Shorts, nicht mehr ganz taufrisch. Kuchenbeine, weiss und st?mmig.
Um ihren Hals baumelt der Backstage-Pass f?rs Diesseits.
U.S.A. lese ich ganz unten.
"Where do you come from?" frag ich.
"US.."
"Yes, I know. But where..?"
"Michigan."
"Detroit! We're all from Detroit!" meldet sich aus den hinteren B?nken eine m?nnliche Stimme.
"Motor City Detroit", f?gt ein junger Mann an, der direkt vor mir
im Gang steht und sich an einer Handschlaufe festh?lt.
Er tr?gt auch Shorts. Steaks.

Die Frau neben mir l?chelt und reicht eine Brosche r?ber. Die hat die Form ihres Bundesstaates Michigan, wie sie mir erkl?rt.
"It looks like a..?h..", such ich nach dem englischen Wort f?r W?rmflasche, da k?ndigt die automatische Bus-Durchsage die n?chste Haltestelle an:
"Jammertal".
Im Bus scheint sich ein Simultan-Dolmetscher aufzuhalten, denn prompt wird Jammertal ins Englische ?bersetzt, und als der Bus anh?lt, bebt er unter dem amerikanischen Gel?chter.
Ein Solinger Ehepaar, das einsteigt, schaut sich unsicher um.
Seit wann wird in einem deutschen Bus gelacht? Aus vollem Herzen?

"In Detroit we build cars", sagt der Mann im Gang, als wir weiterfahren. "I mean we're trying to build cars... but German cars are better."
"In twenty years we alle drive chinese cars!" dr?hnt die Stimme von der R?ckbank.
Die Frau neben mir guckt mich fast entschuldigend an.
"You know, in our families are a lot of car workers. Unemployed car workers."
Der Gelenkbus rumpelt Richtung Ohligs, durch Schlagl?cher gross wie Zuckerpfannkuchen.

"You go to Cologne today?" frag ich. "See the pope?"
"No, today we go to Ban, tomorrow to Cologne."
"Ban..?"
"Yes. Ban."
Hm..
"You mean Bonn!"
"Yes, Ban.."

Auf die Frage, womit ich mein Geld mache, kann ich gerade noch "I'm a writer" antworten, allerdings no money, da steuert die 683 den n?chsten Halt an.
"Grosser Geilenberg."
"I have to go out here", sag ich, und da der Dolmetscher pennt, h?ng ich noch "This means Big Horny Mountain" dran.
Ratloses Schweigen, als ich die Stufen runtertrete.
Ich mein, ich h?tt auch einfach einen nice religious day w?nschen k?nnen.
19.8.05 09:37


HIER SITZT HARALD

Der Park vor unserer Haust?r war fr?her der Botanische Garten der Stadt, wurde aber wegen widriger klimatischer Verh?ltnisse (zu nass) 1930 geschlossen.
Einige seltene Gew?chse aus dieser ?ra sind erhalten geblieben, so die h?ngenden Azyleen und ein ausladender nordamerikanischer Trompetenbaum, durch den auch heute
noch in lauen Sommern?chten alte Leonard Bernstein Nummern wabern.

Im oberen Teil des Parks macht sich neuerdings eine schlichtere Pflanze breit. Sie hat sich auf die N?sse optimal eingestellt. Schon in der Fr?h sitzt sie auf der Bank, ern?hrt sich von Flaschenbier und J?germeister, und wenn ein Hund ?ber die Wiese gesprungen kommt, meldet sie sich mit klarer und Nachdruck fordernder Stimme:
"LEINENZWANG!!"

Nun ist es ja nicht so, dass die Hundebesitzer sich gross darum scheren w?rden, was diese Pflanze (sie ist m?nnlich) von sich gibt, doch da dieser "Leinenzwang!" das einzige ist, was sie artikuliert aussprechen kann, guckt man schon mal hin und l?chelt nachsichtig.

Wenn es aber Abend wird im Park und die Hunde und ihre Besitzer zur finalen Pipi-Runde aufbrechen, h?ngt das K?pfchen der Pflanze ganz matt herab, und auch das omin?se Wort tr?pfelt ihr nur noch klein und sp?rlich aus dem Hals:
"lei..nen..zwang.."
(Es kommt so kleinlaut und besoffen heraus, so klein und besoffen l?sst sich das Wort kaum schreiben.)

In der Nacht wiederum, so berichten Anwohner, schnarcht die Pflanze wie eine olle Pottsau.
Wir nennen sie Harald.
Harald schluckt ganz sch?n was weg.
19.8.05 14:29


LIEBE MUSS WIE PANSEN SEIN

"Wenn du ihr soviel bedeutest wie Futter, bist du aber hoch angesiedelt..!" sag ich zur Gr?fin, worauf sie zustimmend
gluckst.
Ist n?mlich keine zehn Minuten her, da hat sie mit Frau Moll auf der Sonnendecke im Garten gerauft. Zum Abschluss gab es dann von der Gr?fin einen Kuss auf die feuchte Schnauze, ganz sachte, wodurch ein Reflex ausgel?st wurde, der sonst dem anderen grossen Hunde-Erlebnis vorbehalten bleibt: Wenn Frau Moll einen vollen Napf Pansen vorfindet, sabbert sie. Und wie sie sabbert.
Ein dicker langer glasklarer Speichelfaden zog sich aus der Hundeschnauze hinunter auf das Bein der Gr?fin, wo er im Abendlicht auftippte.
"Das muss wahre Liebe sein."
"Du meinst Pansen."
"Ich mein den Kuss."
Der Hund hat Hunger.
19.8.05 21:45


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