Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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BOXER UND WILLI
???????????^^???????????
Fr?her konnte ich Boxer, ich spreche von den Rassehunden, nicht leiden. Das hat sich ge?ndert. Zum einen hat man ihnen das boxertypische Sabbern gr?sstenteils weggez?chtet, zum anderen haben wir Betti kennengelernt. Die Frau mit den zwei Boxern.

Betti ist in etwa so alt wie wir, sieht aber gut zwanzig Jahre ?lter aus. Damit hat sie keine Probleme, in gewissem Sinne kokettiert sie sogar damit.
"Wenn ich in den Bus einsteige, bieten mir sogar die Ein?ugigen und die Lahmen ihren Platz an."

Betti trinkt. Trifft man sie morgens, riecht sie nach dem ersten Schn?pschen.
Abends dann nach dem letzten.
Auch Kleidung ist ihr schnuppe.
"Was soll ich mich grossartig umziehen, wenn die zwei Sprinkleranlagen hier mich sowieso wieder bew?ssern?"
Iwan und Buddy sind n?mlich noch Boxer vom alten Schlag: sie haben t?chtig Speichelfluss.

Heute treffen die Gr?fin und ich Betti am Nachmittag. Sie hat nur einen ihrer zwei Boxer dabei, den Buddy. Der ist ganz verr?ckt nach Molly, und die beiden machen sich sofort ?bereinander her und spielen Ich-bin-hier-der-Chef-ich-steig-auf-dich-drauf-halt-
du-mal-sch?n-die-Schnauze.

Betti ist wie immer gespr?chig.
"Hab eben einen Anruf bekommen. Unser Kassierer hat sich vorgestern erschossen. Im Wohnzimmer."
Wenn man das so h?rt, denkt man ja gleich:
"Unterschlagung?" frag ich.
"Nee, keine Unterschlagung. Ist ja nur unser kleiner Boxer-Club, da lohnt keine Unterschlagung. Ausserdem h?tte der Willi das niemals getan."

"Das denkt man immer", entgegne ich. "Weil die immer harmlos aussehen und still das Geld z?hlen in der Ecke, und dann stellt sich doch raus, es war der Buchhalter."
"Ach, der Willi, nee. Eigentlich war er ein lustiger Kerl, ein richtig gem?tlicher K?lner, bis man vor einem halben Jahr Darmkrebs bei ihm diagnostiziert hat."
"Ach, der arme Kerl", sagt die Gr?fin, die ein paar Tage b?se malad war, richtiggehend ?berempfindlich hat sie darniedergelegen, wie die Prinzessin auf der Erbse, nein, schlimmer, wie die Prinzessin auf der DNS einer Erbse.

"Aber letzte Woche hat Willi erfahren, dass der Krebs gutartig war. Er hatte also gar keinen Grund sich zu erschiessen. Der w?r ja wieder gesund geworden."
Betti tr?gt heute ein fliederfarbenes Blouson, komplett zerknittert.
"Und dann noch im Wohnzimmer. Das musste doch nun wirklich nicht sein."

Betti redet immer in derselben Tonlage. Niemals aufgeregt.
Immer cool.
Sie hat eine knubbelige Nase, wie ein Clown, der keine Maske aufziehen muss, weil er sowieso schon so aussieht. Eine praktische Frau.
Die Gr?fin und ich m?gen sie sehr.
Nur eines ist merkw?rdig heute: ich rieche keine Schnapsfahne.

"Ich mein, da kommt die Rosi von der Arbeit nach Hause und da liegt ihr Mann im Sessel und hat sich erschossen. Muss das sein? H?tte der nicht in den Wald gehn k?nnen? Oder vor ne Mauer fahren? Einen Unfall vort?uschen, dann h?tte die Rosi wenigstens die Lebensversicherung ausbezahlt gekriegt, aber so..bei Selbstmord.. Wird schon schwer genug, einen Pfarrer zu finden, der die Beerdigung macht. War ja Katholik, der Willi."

"Vor ne Mauer fahren, ist nicht ungef?hrlich", werf ich ein. "Wom?glich bleibt er dann querschnittsgel?hmt, dann hat er aber die Kacke am dampfen."
Die Gr?fin pufft mich in die Seite.
"Ach was, mit hundert vor die Mauer, da bleibt nicht viel ?brig", meint Betti. "Der fuhr einen alten Ford. Das h?tte schon
geklappt. Aber gem?tlich im Wohnzimmersessel sitzen, die Zeitung lesen und sich dann erschiessen, nur weil nichts anst?ndiges im Fernsehen kommt, das muss doch wirklich nicht sein. Oder?!"
2.6.05 11:29


MITTAGSRUH!
???????^^??????????
Eben spazier ich am Bolzplatz vorbei.
"Mittagsruhe!" keift eine Stimme (weiblich, f?nfzig, verbl?det) aus einem der umliegenden Mietsh?user. "Von zw?lf bis vierzehn Uhr ist Mittagsruhe! Drecksblagen!"
Die Jungs ziehen sofort Leine.
Versteh ich nicht.
"Wieso lasst ihr euch denn von der bl?den Kuh kommandieren?"
"Die hat einen Mann, der ist Polizist, und wenn wir mittags fussballspielen, sagt er immer, er kommt gleich mit dem grossen Mannschaftswagen und ?berrollt uns."
"Bis wir Ruhe geben!"
Dummerweise wird deutschen Kindern das Spielen ebenfalls verboten, wenn sie tot sind.
"Der Himmel ist kein Spielplatz! Runter da!!"

2.6.05 15:34


ORNITHOLOGEN FASSEN SICH AN DEN KOPF
*****+*********+******************
Im Winter haben die Gr?fin und ich auf einem citynahen Gel?nde, das brachliegt und nur noch gelegentlich von Bogensch?tzen genutzt wird, eine erstaunliche Entdeckung gemacht, von beinahe darwinschem Ausmass: wir konnten ein bislang unbekanntes, komplett deformiertes Vogelverhalten
beobachten!

Zugv?gel, die ?blicherweise gen S?den gefl?chtet sind, ?berwintern nun hierzulande, da sie eine neue Nahrungsquelle aufgetan haben: sie delektieren sich an den ?berall herumliegenden Hundehaufen und trillern: Arschlecken Afrika!

In Hundekot ist n?mlich alles drin, was V?gel so brauchen, Vitamine, Spurenelemente, JodSL, und jeder Hundebesitzer, der Pedigree & Konsorten verf?ttert, kennt das Ph?nomen: der Dosenfra? kommt bei Hunden hinten genauso wieder raus wie er vorne eingespeist wurde, ohne Verlust von Vitaminen etc.
Und das haben die V?gel endlich spitzgekriegt.

Logisch, dass diese ungewohnte Nahrung nicht ohne Folgen bleibt f?r die V?gel.
So nimmt man beim Spaziergang immer ?fter komische Ger?usche wahr, die eindeutig von oben kommen: "gree-pedi-greee-pedi-greee".

Auch wurden schon geradezu monstr?s verfettete Exemplare gesichtet, die nur noch pappsatt "paaal-paaal-paaal" brummen k?nnen und in ihrem Aussehen an dahersausende 850-Gramm-Dosen erinnern.

Alles in allem kein sehr sch?ner Anblick, zumal sich am Horzont schon die n?chste Entwicklungs-Stufe auftut: die Hunde k?nnten den V?geln ja auch direkt in den Hals scheissen, ohne l?stigen Umweg ?ber die Haufenaufnahme.

(Ein ausf?hrlich dokumentierter Bericht an das britische Wissenschafts-Magazin "Nature" ist unterwegs.)

P.S.:
Biologie-Lehrer Siewers, genannt Vogel-Uli, hat mir schon in der 11. Klasse unter einer Klassenarbeit "ausgepr?gte Ahnungslosigkeit" bescheinigt.

Und was sagst du nun, Ulrich, so unter Ornithologen?
H?h??!
2.6.05 18:10


WIE EISENKÖCHE *

Nachts lieg ich wach das Fenster offen, erdgeschossoffen, sollen sie doch alle reinkommen, alle eindringen das Gesindel die Sommerger?usche, dieser ferne Bautrupp, der nachts monstr?se Schubladen aufzieht, der K?sten gusseisern ?bereinander stapelt
als w?rs Luftschokolade.. unter dem Flutlicht sch?tten Malocher in Warnfarben einen Bahndamm auf, unterf?ttern, verlegen, elektrifizieren, r?hren im Schotter wie Eisenk?che in einer weit entfernten Grossk?che IST DAS EIN L?RM als w?rden amalgane F?llungen von riesigen Patienten zu Boden klickern, es ist ein st?ndiges Kegeln Kacheln
Trillern Pfeifen
Zuschlagen
kaum drei Kilometer entfernt schwenkt der Bautrupp die grosse Kelle, backt unter Flutstrahlernn die Gleise zurecht, quietscht der Schwenkkran durch die Dunkelheit und verteilt das Echo auf Anwohner, die auf Nachtnerven kriechen, die nicht tr?umen seit Tagen nein N?chten WEIL MAN NICHT FLIEHEN KANN diesen verz?gert abgefeuerten Maschinensalven: im Widerhall der eisernen Stunden arbeitet die Nacht, produziert Gleise, kassiert die Ruhe w?hrend ich im Bett aufgest?tzt eine Nachtzigarette rauche, die dritte, die leise ihr Papier in meine Lunge brennt.
7.6.05 09:17


JUNGS MIT ROTEN HAAREN
???????????????????^^??????????????
In unserer Siedlung wohnt ein altes Sandm?nnchen. Nicht das aus dem Osten, das aus dem Westen. Es ist dick und vollgefressen und hat ein grobes Sackleinengesicht.
Meist steht es rauchend am Hauseingang und stiert ?ber den Parkplatz.
Viele Jahre lang hat es Abend f?r Abend die Bettschwere in die Kinderzimmer gebracht, bis ihm die neuen Kinder zum Verh?ngnis wurden.
Die waren n?mlich alle Zappelphilipps und brauchten h?rtere Sachen zum Einschlafen als ein bisschen Sand in die Augen.
Unser dickes Westm?nnchen stellte um und zog nun mit Riegeln voll s?ssem Opium zu den Kindern, eine effektive Massnahme zun?chst, doch mit der Zeit wurde der Apothekenzustand der Kleinen doch zu arg, sie schlummerten auch tags?ber ein und knallten im Unterricht br?sig vom Pult.
So kam alles ans Tageslicht und das Sandm?nnchen wurde vorzeitig in den Ruhestand verabschiedet.
Da steht es nun fett und traurig vor dem Hauseingang, schmaucht ein Opiumpfeifchen und schaut den frech dahersausenden rothaarigen Jungs zu, die niemals zu schlafen scheinen und allerhand Tricks drauf haben auf dem Skateboard, etwa Klingelm?nnchen in der ganzen Siedlung ohne ein einziges Mal abzusteigen.
9.6.05 09:51


HEILIGABEND 86 /KOMMA ICH BLUTE 3

Ich wache auf neben einem Hügel Taschentücher, dern die Ofenluft über Nacht getrocknet hat. Als ich mir eins dieser steif gewordenen Origami-Arbeiten nehme und hineinschneuze, quillt der Schnodder zu den Seiten raus und läuft mir über die Finger. Ääh.. Es war wohl zuviel für mich, mit kurzgeschorenem, noch feuchten Haar durch die eiskalte Dezemberluft zu latschen. Ich hab mir eine fette Erkältung geholt.

Im Bad. Vorm Spiegelschrank. Verdammt! Wer ist dieser Mann?! Sind Sie in der Rüstung tätig?

Karlos klopft an die Tür. "Ich muss weg, auffen Friedhof."

Ich mach auf, und Karlos grinst mich an.

"He, Glumm war beim Frisör..! Siehst aus wie ein schwuler Berliner. Also, Süsse, bis später."

Als er schon fast zur Türe raus ist, ganz in schwarz, rufe ich ihn zurück.

"Was machst du heut Abend?"

"Ich geh zu meinen Eltern, du nicht?"

"Doch, klar. Ich mein, danach."

"Weiss noch nicht. Oben am Schaberg soll ne Heiligabendfete sein."

"Von wem?"

"Weiss nich, irgend so ein Heinz. Der ist mal mit der Monschi zusammengewesen.."

Ich hab nicht den blassesten Schimmer, von wem Karlos spricht, ist aber auch egal.

"Wir sehen uns", sagt er und zieht los, einen dicken toten Mann beerdigen.
"Der wiegt bestimmt vier Zentner. Hoffentlich halten die Seile das aus."

Karlos verdient sich nebenher Geld als Sargträger. Was heisst nebenher. Hat der noch einen anderen Job?

Bis in den Nachmittag bleib ich im Bett liegen. Baue einen weiteren Schneuzhügel auf und lese lustlos im Kuss der Spinnenfrau. Würd ja lieber was witziges lesen. Aber mein Regal gibt nichts witziges mehr her, was ich nicht schon mindestens ein dutzend Mal gelesen hab. Lebt Bukowski eigentlich noch?

Wo wir beim Thema sind: Dabei fällt mir letztes Jahr Heiligabend ein.

Mit Lena war mal wieder Schluss, ich war total im Eimer. Ausgelaugt. Dennoch bin ich zur Bescherung rüber zu meiner Schwester. Die ganze Familie war da. Mit meinem Schwager und meinem Bruder hab ich ein Fass Bier leergemacht.

Später haben mich Karlos und sein Bruder abgeholt. Sind wir erstmal auf einen Sprung zu mir rüber, einen rauchen. Ich war so blau und wütend auf Lena, dass ich die Glasscheibe in meiner Badezimmertür eingewichst habe, mit der bloßen Faust, ich musste einfach meinen Frust loswerden und irgendwas kaputtschlagen. Und weil ich anderen Menschen nicht ins Gesicht schlagen kann, wem auch?, schlage ich ins Glas und verletze mich an der Hand.

Auf dem Weg zur Heiligabendparty hab ich den Simca von Karlos' Bruder mit Blut eingesaut, den halben Rücksitz voll. "Mann, Glumm, du
Arsch, pass doch auf, wo du hin blutest, das kriegt doch kein Schwein mehr raus!"

Auf der Fete bin ich sofort ins Bad, weiterbluten. Ich seh mich noch auf dem Wannenrand sitzen, besoffen und zugekifft, und vor mir hockt Schnaat, der mir einen notdürftigen Verband um die Hand wickelt und lachen muss, weil ich mir das Mullzeugs immer wieder abreisse, wie ein störrischer Esel.

Ja, das war schon ein grandioser Heiligabend, anno 1985.

Dieses Jahr geht es ruhiger zu. Da meine Schwester und mein Schwager und der kleine Dennis in Wintersport gefahren sind, findet die Bescherung im kleinen Kreis statt.

Gegen fünf Uhr schlepp ich mich zu meinen Eltern. Wir sitzen im Wohnzimmer. Es gibt Kaffee und Christstollen.

"Den hab ich dieses Jahr mit Haferflocken gemacht", sagt meine Mutter. "Weil Papa doch immer Bauchschmerzen kriegt, wenn ich Butter nehme."

Wohltemperiert läuft im Hintergrund die übliche Weihnachtsmusik. Stille Nacht. In der Weihnachtsbäckerei. Oh Tannenbaum.

"Scheiss Wetter, ne?" sagt Vater.

Das Wetter ist sein Thema geworden. Je älter er wird, desto wichtiger wird das Wetter. Er zieht sich eine Wetterkarte nach der anderen rein. Die Windverhältnisse. Der Strassenzustand. Irgendwo lauert stets eine Schicht Eis unterm Schnee.

So versteht er meine Schwester und meinen Schwager nicht, dass sie in einer Tour zum Wintersport in die Schweiz durchgefahren sind, ohne irgendwo eine Übernachtung einzulegen.

"Ist doch viel zu gefährlich, mit dem kleinen Dennis."

Und wenn ich heut Abend nach Hause gehe, dann nur mit einer seiner Pudelmützen, mit meiner Erkältung, sonst hol ich mir noch den Tod. Den hol ich mir mit ganz anderen Sachen, Papa. Manchmal könnte ich platzen bei all seiner verfluchten Übervorsichtigkeit, doch heute legt mich die Grippe lahm, ich bleibe gelsassen und schichte den nächsten Hügel neben mir auf. Diesmal auf der Marmorplatte über dem Heizkörper, gleich neben dem goldenen Rauscheengel, der sich im Kreise dreht, angedtrieben von der aufsteigenden Heizungsluft.

Papa ist nicht nur übervorsichtig und würde am liebsten alles in Watte packen, was ihm wichtig ist, er ist auch sehr liebevoll. So baut er jeden Weihnachten die Stadt auf.

Die Stadt, sie steht auf einer alten Modelleisenbahnplatte, ist aus dutzenden selbstgefertigten Häusern, Kirchen, Gaslaternen zusammengesetzt, die Winterlandsachaft ist über und über in Kunstschnee getaucht, Mehl. Vor der Dorfpost stehen Handwerker und Gesellschaftsdamen beim Plausch, es gibt saftige Wiesen aus frischem Moos, das mein Vater zuvor im Wald gesammelt hat.

Mein Onkel Peter hat in den 60er Jahren mal einen Trickfilm gedreht in dieser Stadt, und bei der Präsentation hab ich als Knirps mit grossen verzauberten Augen vor der Leinwand gesessen, weil die Kutschen plötzlich losfuhren, wenn auch ruckartig, und in der Waldschänke ging die Bürgerschaft ein und aus, die Damen fein unterm Regenschirm.

Meine Mutter räumt die Kaffeetafel ab und erzählt, dass Andrea gestern hier gewesen sei und ein Geschenk für mich dagelassen habe. Sie zeigt es mir. Ein Plüschtier. Was rosanes.
"Das ist so ein liebes Mädchen", schwärmt Mutter.
Andrea war meine erste Freundin, im vorletzten Jahrhundert. Dennoch ist sie für meine Mutter der Inbegriff einer Schwiegertochter geblieben. Danach kamen nur noch Schlampen, in ihren Augen.
Schlampen wie Lena, die ihre Höschen überall rumliegen liessen in meiner Wohnung, in die Mutter alle paar Wochen rüberkam, zum Putzen.

Ich erkläre ihr, dass ich mit lieben Mädchen nichts anfangen kann, weil ich selber lieb genug sei. Eigentlich.
"Versteh ich nicht", meint Mutter und hinterher versteht sie es dann doch.
Vater kniet vor der Stadt und flötet, irgendetwas mit dem Trafo scheint nicht zu funktionieren. Das Laternenlicht flackert. Er furzt.
Das geht in Ordnung. Ein Mann muss furzen in den eigenen vier Wänden. Mutter hat es im Laufe der Zeit akzeptieren gelernt, nur hin und wieder tadelt sie ihn noch.
Ich find das gut. In Gesellschaft muss man sich das Furzen oft genug verkneifen. Das hilft niemanden weiter. Auch hier: freie Fahrt dem Hintern und seinen Riechliedern!
Ausserdem hab ich Schnupfen und rieche sowieso nichts.
10.6.05 08:52


LOWLANDS
===========
und jeder einsame
denkt,
er f?llt auf
in seiner einsamkeit.

(glumm)
10.6.05 19:10


DOCTOR SAID: SHIT MAN, NOT YOU AGAIN
?????????????????????????????????????????????????????
Was tun? Einem Bekannten ist gestern Orangensaft ins Handy gelaufen. Jetzt hat er keinen Durst mehr und ist dar?ber so unlocker, er sieht schon aus wie ein Beach Boy in grau.
"Kennst du einen Doc, der mich krankschreibt wegen O-Saft im Handy? Ab Montag?"
"K?ser und Schlick", sag ich. "Zwei fahrende Kaufleute. Die haben mich schon mal vierzehn Tage krankgeschrieben, wegen ner Wimper im Auge."
Sein Handy klingelt. Ganz ged?mpft. Wie ein ruhiger Salat, in den Mund geschoben.
Sch?n, wenn die Dinge von alleine ins Lot kommen.
Auch Durst hat er wieder. O-Saft. Mhh.
12.6.05 13:49


NASE NO. 1
====??======
Und es begab sich zu der Zeit, als Rainer Werner Fassbinder
in D?sseldorf "Kamikaze 1989" drehte, und ich zuf?llig in die Dreharbeiten geriet. Oder besser gesagt, vor die
Dreharbeiten.

Die Kameras filmten eine Szene vor dem Schauspielhaus. Ein grosser amerikanischer Wagen kam vorgefahren. Fassbinder stieg z?gig aus, im Leopardenfell-Anzug.
"Machen Sie mein Natron fertig", pflaumte er in der Rolle als schmieriger Polizei-Leutnant Jansen seinen Assistenten an.
Jansen war ein Alkoholiker dritten Grades, der im Dienst niemals lachte.

Ich stand neben J?ller und beobachtete die Szene. J?ller hatte ich in einem angesagten Billard-Cafe in Kaiserswerth kennengelernt, an einem Abend, als Karlos mich besuchen kam und wir im besoffenen Kopf eine wilde Theken-Schlacht mit Orangen inszenierten und (nat?rlich) Lokalverbot kassierten.
J?ller hatte an sich gar nichts damit zu tun, war aber irgendwie da reingeraten, und so lernten wir uns kennen, freundeten uns an.
Er war ein angenehm l?ssiger Genosse, der D?sseldorfs Popper der fr?hen 80er mit Kokain aus Panama versorgte.
An diesem Tag hatte er morgens einen geheimnisvollen Anruf bekommen. Er sollte Fassbinder beliefern. Die Nase No. 1.

"Pause!" rief die zweite Regie.
Entspannung am Set.
Alle liefen durcheinander, rauchten.
"Und wie weiter?" fragte ich J?ller.
Der war wie immer cool.
"Komm", sagte er. Ich blieb stehen.

Fassbinder l?mmelte schlechtgelaunt inmitten seiner Leute, wie
ein dicker Kater. J?ller dr?ngelte sich zu ihm vor, Stirnrunzeln erntend, und fl?sterte Fassbinder was zu.
Auf der Stelle verschwanden die beiden in einem der Crew-Wohnwagen, abseits des Schauspielhauses.

Eine Viertelstunde sp?ter war J?ller wieder da, um 700 Mark
schwerer.
"Der schwitzt wie eine Schwein", sagte er nur. Sonst nichts. Nie wieder auch nur einen weiteren Satz dazu.
Wir fuhren zur?ck nach Kaiserswerth, schn?ffelten ein paar Linien von dem gleichen Kokain, das auch Rainer Werner Fassbinder zu sich nahm, im Herbst 1981.
So wurde ich ber?hmt.
14.6.05 08:48


DER SCHMERZHAFTE VERLUST VON AUTOKORSO
^^**********************************************
Verdammtnochmal! Was n?tzt es, wenn man ber?hmt ist, aber kein Schwein kennt einen!
Heute morgen zum Beispiel.
Da steh ich so in der B?ckerei und denk, pass auf, gleich bricht hier wieder die L?lle hos! Autogrammw?nsche, M?dels am Quieken, Slips fliegen, das ganze l?stige Programm halt, aber dann kommt die B?ckerei-Fachverk?uferin an, mollig, gutm?tig, die ?bliche "Sch?nen-Tag-noch!"-Fresse eben, und was passiert?
R?ckt die Sau lediglich "ein Br?tchen mehr" heraus, "weil die so klein sind heute".

Auch auf dem Heimweg ist es nur der Hund, der erregt an mir hochspringt, es geht um das kleine Extra-Br?tchen, das er abstauben will, ja selbst ein l?rmender Pulk Schuljungs, an sich doch idolbesessen in diesem Alter, steckt bei meinem N?herkommen NICHT die K?pfe zusammen und tuschelt was von dem "ber?hmten Crack da vorn!"

Ja verdammt, existiere ich ?berhaupt nicht f?r diese kleinen G?ren, hab ich Durchfall im Gesicht, einen nassen Darm raush?ngen oder warum tun die so, als w?rden sie mich nicht kennen? Am liebsten t?t ich ja geradewegs hinmarschieren:
"SO, IHR BASTARDE! IHR WISST ALSO IN DER TAT NICHT BESCHEID, WIE??!"
Lassen wir das.
14.6.05 16:40


KONTROLLRAUM
=======*========
St?dtische Krankenanstalten. Ich steh vor dem Herzschrittmacherkontrollraum und dreh mir eine f?r sp?ter.
Kommt ein alter Mann im Bademantel angeschlappt.
"Aber nich rauchen, Meister!"
"Hm..? Nee, ich dreh nur."

Einen Kopf kleiner, mit einem N?sschengesicht, baut er er sich vor mir auf.
"Sach mal, is da eben ein alter Knacker reingerollt worden? Son Knubbeliger?"
"Ja.. da ist einer drin, im Rollstuhl, richtig. Wieso?"
"Wieso?! Der liegt doch bei mir auffem Zweibettzimmer, privat, weisste, aber soo eine Wampe, Mannomann."
Er tippt sich an die Stirn.
"Und heut morgen benutzt der meine Zahnb?rste.. Meine Zahnb?rste!! Ich hab gedacht, ich spuck gleich! Bah!"
Er schaut an mir vorbei, zur T?r vom Kontrollraum.

"Ich also mein Kissen nach dem geworfen. Ganz harmlos. Und wat macht der Knubbel?! Wirft dat Kissen zur?ck. Aber viel fester! Na gut, M?nneken. Ich dat Kissen genommen und meine Nackenrolle und beide Dinger voll rein in den ollen Gockel! Mannomann.."
Dummerweise ist dabei der letzte Woche eingesetzte Herzschrittmacher aus dem Takt geraten, und nun steckt er im Kontrollraum.

"Nur zur Kontrolle is der da drin, nur gucken wat los is", meint das N?sschen abwiegelnd. "Mannomann, mein linkes Bein tut weh vom Rumstehen hier. Nich, dat die mir dat aush?ngen m?ssen, wa?! Haha. Naja.. Sach ma, der Knubbel, der is doch noch nich lang da drin? Doch nich.. oder?"
14.6.05 20:41


DER STENZ
*****^^*****
Was Gott angeht, ist die Gr?fin knallhart. Da versteht sie keinen Spass. Schliesslich k?nne er ja nichts daf?r, dass wir Menschen alles kaputtkriegen. Und ausserdem:
"Der hat Haare auf der Brust!"
Das hat sie getr?umt.
"Gott war richtig attraktiv. Hatte sogar ein Gesicht, zum ersten Mal in meinen Tr?umen."
"Wie sah er denn aus?"
Da es Abend ist und wir uns gerade einer Linsensuppe widmen, das ist wie St?bern in einem kleinen See, muss die Antwort warten bis die Gr?fin ges?ttigt ist, nicht mal mehr ein Lungenzug reinpasst.
Das kann dauern, eine halbe Stunde.
Dreiviertel Stunde. Ich harre aus.
Dann:
"Gut."
17.6.05 15:43


UNTER DEM KIRSCHBAUM
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Wir lassen uns unter dem Baum nieder. Winnie verstreut ihre Schminkutensilien im Gras. Sie hat sich eben einen Druck gesetzt auf der Kneipentoilette. Ging ruckzuck.
"Wenn ich Gl?ck hab und treff eine Vene, die noch intakt ist, bin ich so schnell wie ein Franzose, der seinen Pastis runterst?rzt, glaub mir das, und ausserdem..."
Die Augen klappen ihr zu, mitten im Satz.
"Und ausserdem?" frag ich, doch sie h?rt mich nicht in ihrer Apotheke.

Oben im Baum feixen zwei Jungs herum.
Haben Spass. "Ich bin der Pathologe!"
"He, werft mal ein paar Kirschen runter", ruf ich.
"Wieviele?"
"Na, ein paar St?ck. Sechs. Ja, sechs Kirschen f?r zwei Leute."
Ein Junge tr?gt ein gr?n-weisses Fussballtrikot.
"Spielst du bei Britannia?"
Er nickt.
"D-Jugend?"
Er nickt.
"D1?"
"Klar, was soll ich denn in der D2?! Bist du Hellseher?"

Winnie zieht die Lidschatten nach vor ihrem Handspiegel. Der hat einen langen Riss in der Mitte. W?ren Menschen M?bel, dann w?ren Heroins?chtige die verschossenen Sofas, die in den Partykeller abgeschoben werden.
"Charlie, sach ma, wat riecht dat hier nach Pisse, habter nen alten Kater hier rumstreunen?!"
"Nee, kein Kater, dat is dat alte Sofa da inner Ecke."

Ich frage Winnie, ob die Schore eigentlich noch was bringt, nach all den Jahren.
"Shore macht mich rundum zufrieden." Sie bem?ht sich deutlich zu reden, doch die Worte h?ngen herunter wie nasse W?sche. "K?nnte Adonis in der T?r stehen.."
Sie pudert ihre Wangen.
"Ich hab einfach zu viel Gef?hle...die passen nicht alle in einen Menschen rein."

Winnie ist klein und drahtig und h?bsch, und wenn sie gerade mal nicht breit ist, entwickelt sie eine ungeahnte Energie.
Eigentlich ist sie immer breit.
Am Montag geht sie in Therapie.
Jetzt sind ihre Arme dran. Sie reibt sie mit einer Lotion ein, die riecht, als w?rde man einen riesigen rosanen Bubblegum aufblasen mit der Luftpumpe.

"Alkohol ist noch beschissener als Schore, glaub mir das. Wenn ich voll bin, verlier ich v?llig den Plan. Letzte Woche bin ich in Wermelskirchen in irgendeiner Pinte versackt, weiss gar nicht, wie ich da gelandet bin. Jedenfalls labern mich da drei Typen an. Ob ich nicht Lust zu kiffen h?tte. Klar. Klar doch. Ich also mit nach draussen zum Auto. Auf dem Parkplatz f?llt der erste ?ber mich her. Die beiden anderen stehen drumherum und glotzen nur. Haben sich wohl gedacht, die Alte ist so voll, k?nnen wir mal eben dr?berrutschen. Aber nicht mit mir."
Sie gluckst.

"Ich hatte meine St?ckelschuhe an und tret einfach um mich, wie eine Furie. Erwisch den voll im Gesicht. Blut spritzt aus seiner Nase, frag mich nicht nach Sonnenschein. Ne richtige Font?ne kam da rausgeschossen. Da haben die sich ganz schnell dadurch getan, alle drei. Und der eine da, der Nasenb?r, der wird das so schnell nicht mehr versuchen, glaub mir das."

"He! Was ist mit den Kirschen? Wollt ihr die nicht?" ruft einer der beiden Jungs. Ich frage mich, ob sie die ganze Zeit zuh?ren.
"Nur meine Klamotten sind noch voll dem sein Blut, Mist.."
Ich spring aus dem Schatten und fang eine Handvoll Kirschen auf.
"Hier, nimm", sag ich zu Winnie und halt ihr die H?lfte hin, doch sie will nicht.
"Von sowas muss ich kotzen."
Sie legt Lippenstift auf, der in einem langen Strich nach unten hin verrutscht.
"Wie lange brauchst du denn noch?"
"Bin gleich fertig."
20.6.05 10:40


KRIPOGESICHT
=============?
Gestern waren wir eingeladen in Haan, beim Kripogesicht. Der arbeitet nicht bei der Kripo, aber irgendwann vor Urzeiten hat mal einer gesagt, "Eh, dein Kumpel, der hat ein Kripogesicht", so ist das.
Der Kripogesicht und seine Puppe wohnen ?ber einer Kneipe, die heisst "Zur Erholung".

Das Treppenhaus ist eng. Ich will die Stufen hoch, an der Kneipe vorbei, mit einem Sixpack Ganser, und im Beisein von Matze und Petra und der Gr?fin gleitet eine Flasche aus der Verpackung und zerdeppert mit einem Riesenradau auf dem Steinboden.
Ich schaue einfach nur zu, gel?hmt irgendwie, und dabei rutschen zwei weitere Flaschen aus dem Karton, direkt hinterher!

Sofort steht die halbe Kneipe vor der T?r:
"Mmh, riecht das lecker hier!"
Wo man auch hinkommt, ?berall die gleichen Scheisskneipen in den Gesichtern.
W?hrend ich und die Gr?fin (und Petra hilft auch w?hrend Matze nur grinsend dabeisteht) die Scherben auflesen, kommt die Wirtin an mit dem Schrubbtuch.
"Wir erwarten gleich noch Besuch", sagt sie und schrubbt los, ohne dass wir gross protestieren.
Bloss weg hier.

Die Treppe hoch zum Kripogesicht und seiner Puppe, das Sixpack schon zur H?lfte erledigt.
Ich pr?sentiere mich in m?der Verfassung mit einem strengen Blick.
Die S?tze, die ich zur Untermalung des mehrg?ngigen Men?s beisteuere, lassen sich einzeln abz?hlen wie die Spargelk?pfchen in der Vorsuppe, die ich allerdings zweimal nachfasse.

Vieleicht zwanzig S?tze, ?ber den Abend verteilt, k?nnte gut hinkommen.
Eine Bemerkung behandelt die immense Sprengkraft von Spargeltrieben, hab ich n?mlich gelesen, dass die Asphaltdecke einer Autobahn, die man dummerweise ?ber einen alten Spargelacker gebaut hatte, noch Jahre sp?ter aufgeplatzt ist, da man mit den nachwachsenden Trieben nicht gerechnet hat.

"Neiin, wie s??ss!" haben die Gr?fin, die Petra und die Puppe vom Kripogesicht gerufen und sich ausgemalt, wie so ein Spargel-K?pfchen neugierig aus der Strassendecke rausglotzt, wie ein Erdm?nnchen: "Is hier denn los?"
Matze hat, glaub ich, m?de gegrinst.

Der M?deste aber war ich, w?hrend das Kripogesicht sich anst?ndig besoffen hat mit Pernod und Bier, das wir tablettweise aus der Kneipe hochholten, ich war auch mal dran und nichts ist kaputt gegangen, trotz Balancierens die steile Treppe rauf, randvoll das Tablett mit K?lschgl?sern.

"Je mehr K?lsch ich saufe, desto ?fters seh ich Apfelsaft. Aber es stimmt nicht", meinte der Kripogesicht irgendwann sichtlich gut gelaunt.
Er hat eine alte Ibiza-Segeltuchhose rausgekramt.
"Richtig klasse, die Eier sch?n frei."
Dann holt er den Lammbraten aus dem Ofen.
Auf Bratkartoffeln serviert, nebst einer provencialischen Sauce sowie einem 1a senfigen Gurkensalat.
"Auf der Weide riecht Lamm nicht so lecker."
"Kommt drauf an, wie der Grill steht."

Worauf mein letzter Beitrag folgte f?r diesen Abend.
Die Frage n?mlich, ob ein Lamm in so einer knusprigen Verfassung noch lebenst?chtig w?re, w?rde man es in freier Wildbahn aussetzen.
Der war so lahm, der Versuch, hat keiner richtig hingeh?rt.
Alle waren mit ihrem Kauvorgang besch?ftigt.
Das Kripogesicht mit Nachschenken von Pernod.
"Ich hab schon soviel gesoffen, warum sollten wir jetzt damit aufh?ren!?"

Zwischen den G?ngen eine rauchen.
Ich rauche eindeutig zu viel. Ich glaube wenn man mit den Beinen rauchen k?nnte, w?rde ich mir da auch noch eine anstecken.
Nikotinbein in Reinkultur.
"Sehr witzig", meinte die Gr?fin d?ster.

Zum Dessert haben wir uns ins Separee zur?ckgezogen.
Sechs gr?ne gem?tliche Ledersessel und ein Dope, das vermutlich mit Opium versetzt war, aus Versehen freilich.
"Als h?tt ich drei L?ffel Kartoffelp?rree zuviel gegessen, so zieht das nach unten", war der letzte Satz vom Kripogesicht w?hrend die Gr?fin sich eher ?ber den Geruch gefreut hat.
"Wie bei meinem Opa fr?her im Garten, auf dem Komposthaufen."

Als wir gefahren sind, nach Mitternacht, haben wir einen Haufen Geschirr zur?ckgelassen und das Kripogesicht hing kopf?ber im Sessel.
"R?um ich schon weg, ist okay", meinte seine Puppe sehr grossz?gig.


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21.6.05 09:15


DIE STEPPE
****??*********
Am Sonntag warten die Gr?fin und ich auf die Schnellbahn nach D?sseldorf.
Neben uns zwei M?nner.
Schon was ?lter.

"Wenne jung bist", sagt der eine, er tr?gt eine l?ngst verblasste Schirmm?tze mit Obi-Schriftzug, "denkste, ??h, der spinnt, wenn dir einer was von Rollmops und solchem Fischzeugs erz?hlt. Aber zwanzig Jahre sp?ter, nach ner durchzechten Nacht, da leckste dir die Finger nach nem Rollmops. Oder nach ner Gurke."

"Da ist was dran", sag ich zur Gr?fin.
Sie verzieht das Gesicht.
"Ne Gurke.."
Der andere Mann, er hat ein Gesicht wie eine Steppe, durch die gerade ein B?schel Texasgras weht, ist still. Sagt kein Wort.
Guckt nur in die Ferne.

Am Fahrausweisautomat steht eine kleine Familie und hat ein Problem.
Hartz IV w?rd ich sagen, so rein vom Vorurteil her.
Der Vater, dick und fett vom Nichtstun, weil ihn mit 51 keiner mehr nimmt, nicht mal mehr die letzte Zeitarbeits-Klitsche, die Mutter eine Halbtagsstelle als kaufm?nnische Angestellte, BAT-Tarif. Zwei Kinder.
Alles scheisse.

Und der Sonntagsausflug droht auszufallen, weil der Automat den Zehn-Euro-Schein partout nicht annehmen will.
"H?tte Mutti zuhause mal b?geln sollen, den Lappen", versucht der Vater einen Scherz.
Er lacht ansteckend. Die Familie kichert mit.
Ich nehm alles zur?ck.
Er, Architekt, gutaussehend, sie Hausfrau. Zwei Kinder.
Alles klasse.
Bis auf den Geldschein, der ein ums andere Mal aus dem Schlitz zur?ckgeschossen kommt. Wie eine b?sartige Zunge, die nicht genug bekommt von diesem Ulk.

Vater kann der Tochter die alles entscheidende Frage aus dem Erdkunde-Quartett nicht beantworten, n?mlich wieviel Indianerst?mme heute noch in Mexiko leben:
16?
31?
Gar 45?

"Keine Ahnung!" verliert Vater bald die Geduld.
"Auch nicht grade schlau", bemerkt das M?dchen.
Der Sohn, er ist im Kindergartenalter, dr?ckt derweil frohgemut alle Tasten durch und singt dazu:
"ICH BIN EIN FREMDER MANN AUS D?SSELDORF!"
Pl?tzlich rattert der Automat, ganz tief innen drin.
"Der Schein ist drin!" jubelt Mutter.

"Dann erz?hl doch mal deinem 17j?hrigen Sohn, ne Gurke w?r was leckeres!"
Der Mann mit der Obi-M?tze ist wieder dran.
"Der h?lt dich doch f?r komplett plem-plem."

Der Zug kommt.
Der stille, andere Mann, der kein Wort sagt und eigentlich in einem US-Western zu Hause ist, steigt zuerst ein.
Die Gr?fin verzieht die Miene.
"Ne Gurke..!"


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21.6.05 16:08


HITZE, SPONTANE TROMPETE

Schwer gezeichnet von der Hitze des Tages lieg ich auf dem Bett und guck mir eine Dokumentation an. Der Kuhversteher. Es geht um einen Tierarzt in der norddeutschen Tiefebene.
Schon kommt die Szene, wo eine Kuh besamt wird. Wo der Kollege mit dem ganzen Arm von hinten in die Kuh reinlangt, diabolisch grinsend, dazu die Stimme aus dem Off:
"Wenn ein gesunder Bulle ein einziges Mal abspritzt, ergibt das 800 Besamungs-Portionen."
Das ist ja wie bei mir! Muss ich br?hwarm der Gr?fin servieren, die vom Duschen kommt, ein Handtuch um den Kopf gewickelt.
Sie sieht aus wie eine Sphinx. Wie Frauen das hinkriegen. Wenn ich mir ein Handtuch um den Kopf wickel, seh ich aus wie eine Sondernummer der Zeitschrift ELTERN: BEKLOPPTE ELTERN.
"800 Portionen!" wiederhole ich, worauf die Gr?fin spontan anf?ngt zu singen und zu summen, einen alten s?damerikanischen Schlager mit Trompete, "Besame mucho."
Ich habe lang nicht mehr so mitgetr?llert, die halbe Nacht,
"Besame, besame muchoo."
22.6.05 08:36


48 CRASH
???????????^^
Drei Uhr nachts, das Mumms macht zu. Karlos und ich torkeln r?ber zum Taxistand.
Ein Streifenwagen h?lt an.
Wegen ?berqueren der Strasse und Behinderung eines Polizeiwagen sollen wir jeder zehn Mark berappen.
Kohle haben wir nat?rlich keine mehr, alles versoffen, auch keinen Ausweis dabei, also nehmen sie uns mit auf die
Wache.

Kein schlechtes Gef?hl, noch mal hinten im Bullenauto zu sitzen, wie fr?her.
"Ihr gr?nen Wichte!" fahr ich zwei, drei Mal die Bullen an, die ein, zwei Mal mit einer Anzeige wegen Beamtenbeleidigung drohen.
Auf der Wache nehmen sie unsere Personalien auf.

Da Karlos vor einem Jahr umgezogen ist, sich aber nicht umgemeldet hat, gibt es ?rger. Er weigert sich, Namen von Mietern zu nennen, die in dem Haus wohnen, das als er neue Adresse angibt.
"Drosselstrasse! Mehr sag ich nicht! M?sst ihr schon aus mir rauspr?geln!"
Er h?lt seinen Puppenspielersch?del ins Neonlicht.
"Na, kommt schon! Hier auf die Nase! K?nnt ihr doch so
gut!"
Irgendwie spielt Karlos seinen ?rger nur. Als w?r das seine Theaterprobe hier. Aber gekonnt. Muss ich sagen. Sogar ich bin froh, als er endlich die Klappe h?lt.

Der lange Bulle ist kurz vorm ?berkochen. Zun?chst k?ndigt er an, uns bis morgen Mittag in Gewahrsam zu nehmen, (Karlos: "Dann m?sst ihr uns f?r den Hofgang euren Polizeihund leihen, sonst nicht!"), dann will er mir den Hintern versohlen, weil ich erneut mit dem gr?nen Wicht r?berkomme.

"Jetzt macht doch nicht so einen ?schekk", beschwichtigt uns sein Kollege, wor?ber ich lachen muss, weil ich das lange nicht mehr geh?rt hab, keinen ?schekk machen, die Situation entspannt sich etwas, doch als wir uns zuletzt weigern das Pr?sidium zu verlassen, wir wollen es uns lieber wie fr?her auf den harten B?nken im Vorraum bequem machen, platzt dem Langen der Kragen.
"Ich polier euch gleich wirklich die Fresse!!"
"Dann komm doch mit nach draussen!" bietet Karlos an, in der T?r stehend, "Ohne deine Knarre werden wir schon sehen, wer hier Chef ist!"
Tats?chlich h?tte der Bulle grosse Lust dazu, doch sein Kollege h?lt ihn zur?ck.
"Macht endlich, dass ihr wegkommt!"

"Ich hab mal die h?rteste Knallpl?ttchenpistole der Welt gehabt!" br?llt Karlos noch, als wir schon auf der Strasse sind. "Und ihr?! Nix habt ihr! Ne Schlampe zuhause, sonst nix!"
Von der ganzen bescheuerten Aktion ern?chtert, gehen wir um die Ecke in die Malteser Gr?nde, einen rundmachen.
Die Schmiere hat zum Gl?ck vers?umt, Karlos zu durchsuchen. Wahrscheinlich weil wir so eine grosse Klappe gehabt haben und die sich nicht vorstellen konnten, dass man das riskiert mit einem dicken Beutel Marihuana auf der Tasche.

Wir dampfen einen dicken Joint.
Der ganze Park stinkt nach Gras.
"Was wollt Lena eigentlich?" fragt Karlos.
Lena hatte um Mitternacht herum im Mumms angerufen und sich erkundigt, wie ich die letzte Nacht ?berstanden habe.
"Du hast mir das Herz gebrochen".
"Ich weiss", hat sie kleinlaut geantwortet.

Halbe Stunde sp?ter verschwindet Karlos in die eine Richtung, ich in die andere. So aufgeladen wie ich bin, mach ich das ?bliche in diesen Tagen: ich schnapp mir einen dicken Stein (gross wie ein Pflasterstein) und schmeiss ihn in die r?ckw?rtige Fensterfront des Gesundheitsamtes.
Es klirrt pr?chtig in der Stille der Nacht.

Ich geh weiter den Park runter, als sei nichts gewesen. Es kommt, wie es kommen muss. Ein Streifenwagen biegt auf der anderen Seite in den Malle ein. Geistesgegenw?rtig duck ich mich sofort und versteck mich in einem dichten Geb?sch, direkt am Hochhaus.
Der Wagen f?hrt im Schritttempo vor?ber.
Ich warte noch zwanzig Minuten, bis ich mich aus der Deckung wage und nach Hause gehe.

Am n?chsten Mittag geht das Telefon.
"Ich komm grad von der Wache!" meint Karlos.
Er ist ganz sch?n aufgebracht.
"Die Schmiere hat mich auf dem Nachhauseweg klargemacht, weil irgend so ein Idiot im Malle ein Fenster eingeschmissen hat! Den haben die gesucht, verdammt, nicht mich!"
Dummerweise ist er diesmal an eine andere Streifenwagenbesatzung geraten, musste die Taschen leeren.
48 Gramm waren ?brig im Beutel.
Auf der Wache muss der lange Bulle vor Freude gegl?ht haben, wie ein Lampion.
"Und das nur wegen irgend so einem Vollidioten", schimpft Karlos.
"Aber echt", sag ich.
22.6.05 09:43


ROSES ARE RED, MY LOVE
**************************?
Piet?tlos? Ach was! Angenommen, ein naher Verwandter wird beerdigt und als letzten Gruss hinterlasse ich auf dem noch lehmigen Grab einen Strauss Rosen, aus dem ein Friedhofspassant ein St?ndchen sp?ter eine einzelne Blume vorsichtig herausl?st, um sie seiner Puppe mitzubringen, die zu besuchen er im Begriff ist, w?hrend zw?lf Grabstellen weiter ein Friedhofsg?rtner g?hnend seine Eier schaukelt, w?rde mich das st?ren, w?rde ich piet?tlos schreiend, also: "Piet?tlos!" schreiend dem Dieb nachlaufen, um ihn zu stellen? Nein. Ich glaube nicht, dass ich das tun w?rde. Ich bring der Gr?fin einen Strauss Rosen mit.
22.6.05 12:57


DAS HAPPENING DES 25.06. 2005
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Samstags, an der alten Papierm?hle.
Die Stunden liegen heiss in der Junisonne.
Eine Hummel steht in der Luft, guckt finster.
"Ich geh?re nicht in diese Welt", keucht die Gr?fin, "ich bin nur
ein Happening."

Auf dem schmalen Pfad kommen uns zwei Menschen entgegen, weiss, mit dicken verquollenen Hitzeh?nden.
Sie warnen uns vor dem Reitweg - angeblich ist er mit Pferde?pfeln ?bers?t. Frau Moll, die H?ndin, f?hrt uns dennoch dorther. Sie ist Chef heute. Sie l?uft voraus, hechelnd wie ein Popsong, der lacht und lacht und lacht..
"Haben echt ?ppig ge?ppelt, die Pferdchen", t?nzel ich am Wegesrand entlang.
"Liegt an der Hitze", meint die Gr?fin. "Dann ?ppeln die immer
wie irre."

Wir besuchen die Lehrerin. Die hat auch einen Hund. Streckenweise fett, momentan kr?nkelnd.
Sodbrennen.
Die Lehrerin hat ein H?uschen am Zederenweg und einen Gew?lbekeller, sehr k?hl.
Wir atmen durch, bei einem Gl?schen.
Es riecht nach Erdbeeren und Dill.
"Erdbeeren sind ein Aphrodisiakum", l?chelt die Lehrerin.
"Und Dill ist ein R?uber!" f?hr ich fort.

Ein Gauner. "Ja, h?r mal!"
Aufgebracht berichtet sie von der Schneckenplage.
Die Schnecken kommen von hinten aus dem Wald gekrochen und futtern ihren Gem?segarten kahl.
"Die m?ssen R?uberleiter machen, anders kann ich es mir nicht erkl?ren, wie die ?ber den Zaun kommen. Untenrum kommen die nicht rein, der Zaun geht einen halben Meter tief in die Erde."

Ihr Hund liegt im K?rbchen und r?chelt wie ein Kastrat, da kann Frau Moll nichts mit anfangen. Sie hat die Hitze, bei dieser Hitze, sie ist der Chef.
Wir ziehen weiter, durch den Wald.
Das trockene Pl?tschern der Wupper.

"Guck mal, Goldfische!" ruf ich.
Die Goldfische sind weggeworfene M?hren, bei n?herer Betrachtung.
M?cken br?llen wie nach einem langen Nickerchen.
Eine Pferdebremse, angezogen von Haut und Schweiss, kommt von der Koppel her?bergeflogen, sticht der Gr?fin ins Bein.
Rasch bildet sich ein roter Flatschen.
Kurz darauf, im Pflanzendickicht, brennen Nesseln in ihre nackige Wade.
"Jetzt reichts hier mit dem Viehzeugs!" ist die Gr?fin b?se.

Frau Moll denkt, sie w?re Schuld und schleicht in Zeitlupe davon, wie auf Eiern rollend, da kurvt ein Schmetterling um die Gr?fin herum, ungew?hnlich nah und wild flattert er und pl?tzlich! Pfffitzz!
Er l?sst ein H?ufchen.
"Das gibts doch nicht!" ruf ich, und die Gr?fin blickt fassungslos nach oben.
"Hast du das gesehen?! Guck mal!"

Auf ihrem Handr?cken befinden sich drei br?unlich-rote P?nktchen. Eine Farbe, als h?tte der Falter zuvor einen Topf Gehacktessauce weggesaugt.
"So also sieht Schmetterlingskacke aus."
Ich wusste ja gar nicht, dass die ?berhaupt mal m?ssen.
"Ich sag doch, ich bin ein Happening", prustet die Gr?fin.
Ja wirklich, wer kann schon von sich behaupten, Bekanntschaft mit einem Schmetterling gemacht zu haben, der mal gross
musste, mitten im Flug.

Sp?tabends sitzen wir im Garten, und es beginnt wie ein Spuk. Gl?hw?rmchen! Zu dutzenden sausen die kleinen Ufos durch die Dunkelheit, blinken gr?n wie eine Halluzination von zuviel Glutamat.
Die waren jahrelang nicht mehr hier!
Wir sind gl?cklich, mit Flatschen an der Wade.
26.6.05 16:48


die beine rasten ein paar tage.

aus.
28.6.05 07:49


s



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