An manchen Tagen sind meine Nerven ein Indianerfriedhof und ich opfere eine Erinnerung

Was mich am schreiben reizt ist dieser wunderliche kleine rausch der von einem besitz ergreift wenn sich ein satz besser noch eine satzfolge oder ein ganzer abschnitt aufbaut in einem wenn die silben die buchstaben revue passieren dich fluten unaufhaltsam wie ein heranrollender tsunami ein geordnetes tosen im kopf ein moloch dass man fein aufpassen muss dass man mit dem notieren überhaupt hinterherkommt und nicht unterwegs die hälfte fallen lässt vergisst überwältigt von den eindrücken die auf einen einprasseln & von denen man oft selbst nichts weiß wenn das neue anfängt einzuwirken in dich einzudringen dich zu manipulieren bis zu diesem wunderlichen moment wo du der inneren wortraserei komplett verfällst ohne punkt und komma bis zum aushusten der Follikel

23.12.17 14:57, kommentieren

Eines Tages geht das Telefon und jemand ist tot, den du liebst

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26. Juni 1987

Karlos saß am Küchentisch, als ich reinkam, und starrte aufs Telefon. Er war aschfahl im Gesicht, jegliches Blut war raus.

“Der Pepe ist tot”, sagte er.

“Was..?”

“Der Pepe ist tot. Überdosis.”

Ich hatte schon verstanden, was er gesagt hatte. Ich dachte nur, beim zweiten Hören würde ich etwas empfinden. Eine Todesnachricht kriegt man nicht alle Tage, selbst wenn man in Pepes Fall damit rechnen konnte, irgendwann. Aber wieso jetzt schon!? Und warum sagte Karlos dauernd „DER Pepe ist tot“, so als gäbe es noch einen zweiten Pepe, einen, der nicht tot war, einen, den man sich aus dem Hut zaubern konnte, der sein Leben fortführte..

Ich musste lachen. Das war kein Lachen. Es war eine Art Zerrung, um den Mund rum. Es grenzte an Hysterie. Ich wusste überhaupt nicht, was ich fühlen sollte. Ein Freund war tot, und es war mir egal. Junkies sterben, so ist das.

„Woher weißt du das?“

„Matiny hat eben angerufen“, sagte Karlos. „Vor fünf Minuten.. jetzt eben.“

Vor fünf Minuten..? Dann hatten sie ja höchstens fünf Minuten lang telefoniert..! Es war die Kälte, die sich von Telefon zu Telefon fortsetzte und die mir zu schaffen machte, weil ich der kälteste von allen war, wenn es darauf ankam.

Weil ich nichts fühlte.

Karlos biss sich auf die Lippen, sein ganzes Gesicht arbeitete, war in Bewegung.

„Matiny, ah.. und der weiß das woher..?“ fragte ich.

„.. von Pepes Freundin.. die hat ihn heut Morgen angerufen.“

Ich ließ mich am Küchentisch nieder. Matiny, auch ein Freund von uns, lebte wie Pepe in München, ging auf eine private Schauspielschule, war in der Künstler-Szene angekommen. Er und Pepe wohnten nicht weit voneinander, doch großen Kontakt hatten die beiden nicht gehabt, soviel wir wussten. Aber was wussten wir schon. Pepe hatte sich rargemacht, seit er aus der Kiste raus war und sein Vater ihm in München einen eigenen Jeans-Store spendiert hatte wie ein großes Eis mit doppelt Sahne.
"Street Life" hieß der Laden, ich sehe die silbrige Visitenkarte noch vor mir, "Street Life, München, Leopoldstraße". Da, wo das Geld shoppen ging. Bloß weg von Solingen, bloß weg von den alten Drogengesichtern.

Start me up!

Auch wenn das Ganze nicht Pepes Idee gewesen war. Sein Vater wollte ihm eine letzte Chance geben zu beweisen, dass er dazu taugte, sein Nachfolger zu werden. Chef über ein kleines Imperium an Mode-Shops.

„Wann ist es passiert..?“ fragte ich.

Jetzt, wo ich saß, wurde es weicher in mir.

„Schon am Freitag, vor drei Tagen.“ Karlos klang wirklich niedergeschlagen. „In irgendeinem Café in München. Der Wirt hat Pepe auf dem Klo gefunden, tot. Die Pumpe steckte noch im Arm.“

„Schore?“

Er zuckte mit den Achseln. Karlos tat mir leid. Er hatte keine Schutzmechanismen, wenn etwas Schlimmes passierte. Es blutete in ihm.

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich. Ist wohl noch nicht freigegeben, der Leichnam. Wahrscheinlich.. Schore, logisch.“

Das letzte Mal gesehen hatten wir Pepe zwei Monate zuvor, als er überraschend im Mumms aufgetaucht war, an einem Samstagnachmittag, kurz vor der Sportschau, wie aus dem Nichts und gut gelaunt, in Fruit of the loom-Klamotten und nagelneuen Wildlederboots. Wir hatten uns anderthalb Jahre nicht gesehen.

„He, ihr verdammten Lutscher hängt ja immer noch hier rum..!“ feixte er mit seinem charmanten Jungengrinsen, und wir packten uns kurz gegenseitig an die Eier, wie wir es immer getan hatten, jedenfalls Pepe und ich: Rüden, die sich gegenseitig beschnuppern. Mal eben die Zunge in den Hals graben. Mal gucken, was los ist.

Er war extra aus München eingeflogen, zum 50. Geburtstag seines Vaters. Dem König der Übergrößen. Dem Big Boy aller Big Boys. Erfolgreicher Geschäftsmann und stets so braungebrannt, als wäre er überm Toaster eingepennt, das war Pepes Vater.

Eine halbe Stunde standen Pepe, Karlos und ich noch mal am Tresen wie in alten Zeiten und quatschten und lachten. Brachten den alten Running Gag, „Gute Idee, Boss!“, wenn einer etwas sagte, was absolut keinen Sinn machte. Dass es unsere letzte halbe Stunde sein sollte, konnte niemand ahnen. Doch was hätte das auch geändert. Es wären nicht plötzlich drei Stunden daraus geworden, nur weil man gewusst hätte, dass man sich nie wiedersieht, nicht in diesem Leben. Höchstens um die Ecke, bei Gott, eventuell. Wer weiß das schon.

Drei Stunden.

„Gute Idee, Boss!“

Pepe schmiss eine Runde Tequila, ein letztes Tablett. Ich hatte seit Tagen Rückenschmerzen und Schwierigkeiten, beim Schnapstrinken Schritt zu halten, aber das ließ Pepe nicht gelten.

„Jesus hatte es auch im Kreuz, du Jammerlappen.“

Pepe war ein lieber Kerl, ein Träumer, der es meist locker angehen ließ, auf der anderen Seite war er schnell auf Hundert. Wenn ich noch zögerte, hatte er schon durchgeladen, abgedrückt und begann die Leiche zu verscharren. Er war nicht nur der erste aus unserer Clique, der Heroin nahm, er war auch der erste, der sich den ganzen Kram in die Venen jagte anstatt es teuer durch die Nase zu sniefen. Und dass er auch der erste sein sollte, den eine Überdosis dahinraffte, auf einem stinkenden Pisspott in München, mit gerade mal 25, es rundete das Bild nur ab.

Pepe liebte Reggae und Sixties-Soul a la Diana Ross und den Samba-Pop von Blue Rondo a la Turk, Hauptsache gute Laune und immer was zu kiffen im Haus. Eine typische Scheibe, die er anschleppte, war "In the southern part of France where the ladies wear no pants", eine putzige Mittelmeer-Schnurre von Zwol, von der er nicht genug kriegen konnte. Die Platte drehte sich einen ganzen Sommer lang in der Wipperaue, einem Tal, durch das die Wupper fließt und wo Pepe gemeinsam mit seinem durchgedrehten älteren Bruder ein großes Fachwerkhaus angemietet hatte.

Wie in alten Fachwerkhäusern üblich, war es auch in der Wipperaue feucht und muffig, und wenn man zu viel gekifft hatte, knallte man im Dunkeln gegen freistehende Balken, dass es nur so schepperte. Es war saugemütlich in der Wipperaue, es gab eine Scheune im Hof, wo das Haschisch versteckt war, die Wupper plätscherte gemächlich hinterm Haus, wie sie es all die Jahrhunderte zuvor auch schon getan hatte.

Wie oft erwachte ich morgens auf dem Sofa und musste verkatert zusehen, wie ich aus der Wipperaue wegkam, vom Arsch der Welt, ohne vernünftige Busanbindung. Pepe war längst zur Arbeit, ebenso sein bekloppter Bruder Heinz. Also half nur den Daumen raus oder die fünf Kilometer zu Fuß gehen bis zum Busbahnhof.

Mit Heinz war kein Staat zu machen. Nicht, dass er verkehrt gewesen wäre, nein, er war einfach durch den Wind, verkorkst, plemplem. Oder, wie Heinz selbst von sich sagte: „Jungs, ich bin mal wieder total fix und foxi!“
Beide Söhne waren bei ihrem Vater angestellt, Inhaber einer Reihe florierender Bekleidungsgeschäfte. Während Pepe seinen eigenen kleinen Jeans-Shop führte, wo wir ihn oft besuchten und in den Umkleidekabinen ein Näschen Koks zogen, buckelte der ältere Bruder auf dem Zentrallager und lieferte Ware aus. Das entsprach exakt dem Bild, das der Vater sich von seinen Söhnen gemacht hatte.

Pepe, gutaussehend, jovial und schon ganz der Juniorchef, sollte als Nachfolger aufgebaut werden. Er hatte von seinem alten Herrn das Draufgänger-und Eitler Fatzke-Gen geerbt, das Heinz gänzlich abging. Heinz gab sich schnell zufrieden, mit allem. Ein Wesenszug, für den ihn sein braungebrannter zuckerärschiger Superdaddy zutiefst verachtete.

Wenige Jahre nach Pepe erwischte es den vier Jahre älteren Heinz ebenfalls: eine Überdosis Heroin in Hagen.
Glaubhaft überliefert ist die Schlussbemerkung des Vaters, als er in Hagen am Grab seiner beiden Söhne stand und angewidert zu den wenigen Umstehenden sprach: „Ich habe niemals Söhne gehabt.“ Er eliminierte sie aus seinem Leben, als hätte es sie nie gegeben, diese Kretins. Dass er als Vater irgendwie mit der Drogensucht seiner Söhne zu tun haben könnte, kam ihm offenbar nicht in den Sinn.
Dass sie nie einen Vater gehabt hatten, bloß einen braungebrannten Lackaffen mit viel Geld, darauf kam er nicht.

Es gibt nur eine Erinnerung an diesen hochgewachsenen sonnengebräunten Blödmann, die es wert ist festgehalten zu werden: Wie er uns 1976 als Teenager im dicken Benz zum Zappa-Konzert in der Kölner Sporthalle chauffierte. Während des Konzerts ging er mit seiner neuen Freundin schön essen, nach dem Konzert holte er uns auf dem Parkplatz vor der Sporthalle ab und fuhr uns gut gelaunt heim. Vielleicht hätte er lieber Chauffeur werden sollen. Ein schmissiger Businessman durch und durch, für den Geld und sonnengebräunte Haut alles war. Ein Mann, der ohne Wärme durchs Leben stolzierte, weshalb er auch ständig auf die Sonnenbank musste, um innerlich nicht zu erfrieren.

Wenn ich so zurückblicke: die Dinge sind ganz schön schiefgelaufen.

1 Kommentar 16.12.17 03:57, kommentieren

Vater & Sohn

Greta, die vierzehnjährige kleine Punkerin, die mit ihrem Vater, Alt-Punk Gus, über uns wohnte, war irgendwann keine Punkerin mehr. Wenn Greta nun das Haus verließ, sah sie aus wie eine kleine Frau, die Einkaufen geht. Sie drehte ihre Anlage kaum noch auf, und wenn sie es doch mal tat, sozusagen aus alter Verbundenheit, dann nicht für Punk, sondern für irgendein Singer/Songwriterzeugs, das wieder Konjunktur hatte und die Kids im Glauben ließ, ihre Helden hätten was Neues erfunden. Eines aber hatte Greta nicht abgelegt: Sie rotzte immer noch auf die Straße. Schicke kleine Rotzer, beiläufig auf die Erde geflappt, Kringel aus Gelatine.

Es kam zu einer Art Kindertausch. Greta zog zu ihrer Mutter, dafür war nun Erik, der elfjährige Sohn häufiger zu Besuch bei Gus. Erik, der ebenfalls bei seiner Mutter lebte, kam meist an Feiertagen und an den Wochenenden. Vater und Sohn verstanden sich gut, sie spielten von Samstagmorgen bis zum späten Sonntagabend Playstation. Es war, als hätten sie allerlei nachzuholen, hauptsächlich Playstationspielen.

Wenn ich mit Frau Moll von der Abendrunde heimkehrte, blieb ich eine Zeitlang im Vorgarten stehen und hörte den Beiden zu, wie sie beim Spielen Spaß hatten, wie sie sich bei geöffnetem Fenster unterhielten und lachten. Die beiden hatten mächtig Spaß miteinander, es bildete sich eine verschworene Gemeinschaft. Es war nicht der Wortlaut, der mich faszinierte, der mich stehen bleiben und horchen ließ, den Wortlaut bekam ich kaum mit, es war der Klang ihrer Stimmen. Wenn Vater und Sohn sich mögen, das hat schon einen ganz besonderen Klang.

2 Kommentare 13.12.17 14:56, kommentieren

Ballroom Blitz

Ich war zehn, als es losging, und zwanzig, als es endete: die Siebziger. Was alles dazwischen lag und im Nachhinein schrill und farbig klingt, nach plappernden Plateausohlen und Teenage Rampage, war in Wirklichkeit ein graues und fremdes, ein langweiliges Jahrzehnt. Das spannendste waren noch der große Nuss-Joghurt von Bauer und die Revierkämpfe nach Schulschluss. In den Bussen traf man noch auf schlecht gelaunte Altnazis, die dreißig Jahre zuvor den Krieg verloren hatten und nun mitansehen mussten, wie ihnen Langhaarige und andere Haschgetüme den Sitzplatz streitig machten. Da konnte auch der Gehstock der Waffen-SS wenig ausrichten.

Nachts zogen wir durch die Stadt und hatten nichts besseres zu tun, als Laternen auszutreten, eine nach der anderen, bis es stockdunkel war in den Gassen. An jeder Laterne gab es diesen exakt definierten Punkt, den man treffen musste, damit das Natriumlicht erlosch. Der Punkt befand sich in gut einem Meter Höhe, da, wo die Elektronik saß. Natürlich gab es auch widerborstige Exemplare, die das Leuchten nicht lassen konnten, trotz all der Tritte, die trafen. Da waren wir dann als Gang gefragt, als Gesamtveranstaltung. Wie eine Herde Bullen tanzten und sprangen wir nacheinander den Mast an, ein Trommelfeuer an Sohlen und Absätzen ging auf den Punkt nieder, eine grimmige Kung Fu Choreografie, RATAKK! RATAKK! RATAKK! RATAKK!, bis es geschafft war. Endlich Finsternis. Endlich Nacht.

Für Slade brauchte es dicke Wände im Kinderzimmer, sonst gab’s Ärger mit der Nachbarschaft. Vor allem, wenn eine neue Single rauskam, die zehnmal hintereinander gespielt werden musste, bis sie saß. Slade waren roh und rotzig, Slade waren laut, Slade kamen aus Nottingham. Ich hatte sechs oder sieben Singles von Slade. Von ihren größten Kontrahenten, Sweet, schaffte es nur "Ballroom Blitz" auf meinen Plattenteller.

Sweet oder Slade – man hatte sich zu entscheiden Mitte der Siebzigerjahre. Im Pop gab es sie immer, die Zweikämpfe, das Ringen um den Lorbeerkranz, das definitive Armdrücken.

Beatles oder Stones.
Michael Jackson oder Prince.
Mods oder Rocker.
Punks oder Popper.
Oasis oder Blur.
Geha oder Pelikan.
American Dad oder Family Guy.
Ernie oder Bert.
Van Halen oder AC/DC.
Pearl Jam oder Nirvana.
Little Richard oder James Brown.
Sean Combs oder Puff Daddy.
Eminem oder Slim Shady.
Hooligan oder Ultra.
Rechts oder links.
Radierung oder Kupferstich.
Jetzt oder nie.
East Coast oder West Coast.
Tribüne oder Stehplatz. 
Wrangler oder Levis.

Oder Lois.

Ständig hatte man Farbe zu bekennen. Es gab keinen Mittelweg, keinen goldenen Standard, keine Einigung, auf die man sich zurückziehen konnte. Es ließ sich nicht zwischen zwei Stühlen sitzen, ohne voll auf dem Hintern zu landen. Entweder du warst heiß oder du warst kalt.

Entscheide dich, Gringo!

1973/74, auf dem Gipfel des Glam-Rock, als meine Generation, die zu Beginn der Sechzigerjahre Geborenen, im Teenageralter war, fand der Feuerwechsel hauptsächlich zwischen Slade- und Sweet-Anhängern statt. Beide Bands kamen von der Insel und versammelten Kids hinter sich, die mit dem anderen Lager auf dem Kriegsfuß standen.

Natürlich konnte es passieren, dass einem die neue Single des erklärten Feindes ausnahmsweise gefiel, aber dann hatte man mit seiner Meinung gefälligst hinterm Berg zu halten. Ich erinnere mich, das schwuchtelige "Co Co" von Sweet im Strandbad gehört zu haben, aus einem Kofferradio, eine Nummer, die ich toll fand, aber ich durfte es nicht zeigen. Ich war erklärter Slade-Fan, ein Noddy Holder-Anbeter, ein Working Class Kid.

Slade bedienten die arbeitenden Massen. Slade machten Musik für Lastwagenfahrer, die sich beim Fahren auf der Überholspur der Autobahn einen runterholten und gleichzeitig eine Pall Mall rauchten, ohne Filter, während Sweet-Kids beim Masturbieren streng darauf achteten, nur ja nichts einzukleckern in Papas Hobbykeller.

Nein, ich mochte Sweet nicht, und ich mochte die Jungs nicht, die Sweet mochten. Die waren genauso ölig wie die Knilche von der 1. Sportvereinigung, die in schneeweißen Trikots aufliefen und nach Spielschluß immer noch keinen Schmutzfleck auf der Hose hatten, obwohl ihr Platz aus roter Asche bestand. Das musste man erstmal hinkriegen. Ich meine, ich war ja schon eingesaut, wenn ich morgens die Augen aufschlug und nicht schnell genug die Finger über die Decke kriegte.

Slade waren anders. Slade waren dreckige Prolls, Viehzeugs fast, Slade kamen aus Nordengland. Der Frontmann Noddy Holder war ein Shouter vor dem Herren. Sein UFO-Haarschnitt kam vom beklopptesten Planeten, der 1974 durchs Weltall trieb – und das zu einer Zeit, als das Universum im Minutentakt durchzudrehen pflegte, in hohen Bühnenstiefeln und Prinz Eisenherz-Anzügen.

Ich weiß nicht, ob ich es verraten soll, aber ich kann es nicht länger bei mir behalten: In Wahrheit war Noddy Holder unser Kommandant, und nicht Major Tom!

Slade hatten eine Reihe großartiger Hits, die heute noch durch die Jeans-Werbung geistern. Das unschlagbare COZ I LOVE YOU, das Mississippi-Lagerfeuer-Epos FAR FAR AWAY usw.. Die Nummer aber, die mich in ihre Arme trieb, war das programmatisch harte CUM ON FEEL THE NOIZE. Seither bin ich gezeichnet, genoddyholdert, in alle Ewigkeit.

Amen.

Und dennoch. Wenn ich ehrlich bin, und wofür sollte ein kleiner Rückblick wie dieser sonst gut sein, überstrahlte der Song "Ballroom Blitz" von Sweet alles andere, was damals auf den Markt kam. Schon die Eröffnung ist eine Klasse für sich. Ich erinnere mich, wie wir Jungs die Reihen geschlossen durch die Straßen zogen, den Anfang von "Ballroom Blitz" nachahmend. Und jeder wollte der Leadsänger sein, der surfbrettblonde Brian Connolly, und dieses eine Mal hängte er Slade und Noddy Holder tatsächlich ab.

Are you ready, Steve ? Uh-huh !
Andy ? Yeah !
Mick ? OK !
All right, fellas …
LET’S GOO !!!

Der Song war primitiv, er war verrückt, er war completely nuts. Er war genauso verdammt einfach wie die Zeit, damals, als wir vierzehn waren und die Frage aller Fragen lautete: Warst du Tina schon unter der Bluse? Was mich im Nachhinein erstaunt: Woodstock war zwar erst fünf Jahre her, erschien uns aber wie ein Ereignis von einem fremden Stern. Nein, die Hippiezeit war tot und vorbei, Maggie und nicht Tina ging mir in die Hose und ich verärgerte die Nachbarschaft mit britischem Blitzkriegpop.

6.11.17 17:54, kommentieren

Frau und Mann nebeneinander

„Du machst echt keine Kompromisse“, meint sie, als wir gemeinsam im Garten stehen und Wäsche aufhängen.

„Wieso?“

„Na hier, sieh selbst. Du hast kein kleines Loch im Strumpf wie normale Männer, du legst gleich die komplette Ferse frei. Das ist das totale Loch, was du hier siehst. Nicht zu fassen, der Kerl. Das sieht richtig brutal aus. Ein Desaster ist das. Das ist doch kein normales Loch im Strumpf!“

*

“Also, ich finde das sexy”, sagt sie, als wir im  Badezimmer nebeneinander vorm Spiegel stehen. “Das sieht so verletzlich aus..”

“Moment mal.. sexy?! Du findest Geheimratsecken.. sexy?”

“Na.. ja, sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Verletzlichkeit finde ich sexy. Besonders bei Männern. So herum ist richtig..”

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung sexy, also ich weiß nicht. Früher lagen die Dinge einfacher. Da hatte ich eine schöne Matte und die Mädels liefen mir hinterher. Das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk. Da war ich..

“Ach Blödsinn, das sind doch noch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..”, tröstet sie mich.

Na, toller Versuch, Dankeschön auch.

„Weißt du noch früher? Das war besser, da war ich mein..”

“..eigenes Naturvolk, ja, ja, ja, ich weiß.”

*

„Ich will diesen ganzen Scheiß nicht. So’n Großbildschirm zu Hause würde mich verrückt machen, da wäre ich innerhalb einer Woche tot. Wie ne Stubenfliege, die am Fliegengitter klebt, weil sie dem Ding zu nah gekommen ist.. Nee, lass mal. Mir imponiert jeder, der heutzutage noch mit ner kleinen Schwarz-Weiß-Kiste zurechtkommt.“

„Schwarz-Weiß? Gibt’s doch gar nicht mehr. Hat doch kein Mensch mehr.“

„Nicht? Na, dann imponiert mir auch keiner mehr.“

5.11.17 23:46, kommentieren

Die wahren Helden wohnen um die Ecke

Wenn Eileen, die Frau mit dem dicken Bauch, lachte, sah es aus,
als lachten viele Frauen
und ein Buddha.



Ill.: Sanne Eggert

*

Die wahren Helden wohnen um die Ecke. Aber was tun, wenn sie plötzlich fortziehen? Nehmen sie ihr Heldentum dann mit? Bleibt eine Leerstelle, wo zuvor der Held lebte?

Der kleine dicke Mann, der so lange in der Nachbarschaft gewohnt hat, dass ein Leben ohne ihn kaum vorstellbar war, ist fortgezogen. Die Wohnung war ihm zu teuer geworden. Außerdem hat er es in den Beinen, er kann nicht mehr gut gehen, er und seine Frau haben eine Erdgeschoßwohnung gesucht, in einer anderen Siedlung.

Wie oft habe ich mit dem kleinen dicken Mann vorm Haus zusammengestanden und seinen Geschichten gelauscht, in diesem warmen Solinger Singsang, der mich an meine Eltern erinnerte. An meine Onkel und Tanten, an Opa, meine Oma, an die ganze Sippe, die Solinger Platt sprach, den Slang meiner Kindheit.

Manchmal ertappte ich mich dabei, dass ich einfach die Augen schloss und mich in den Worten des kleinen dicken Mannes hin- und herwog, ohne groß auf den Sinn zu achten. Es war, als badete ich, und der kleine dicke Mann war mein Badesee.

Der kleine dicke Mann erzählte gern von Fußball. Sein Enkel spielt bei der Fortuna, er ist sein ganzer Stolz, ehrlich gesagt, mir war lieber, er erzählte aus den alten Zeiten. So erfuhr ich, dass diese hybridartigen Fußballplätze wie in Kohlfurth, wo ich beim RSV alle Jugendmannschaften durchgespielt habe, von der E- bis zur A-Jugend, früher gang und gäbe waren im Stadtgebiet, Zwitterplätze zwischen Asche und Rasen. Das Gras säte sich sozusagen von selbst aus und wuchs mit der Zeit von den Rändern zur Mitte hin, es geschah von ganz allein, ohne Zutun der Vereine.

Als der Ascheplatz in Kohlfurth mehr und mehr von Rasen überwuchert wurde, stellte RASSPE einen Mähtraktor zur Verfügung und mähte die Wiese ab und zu. Das bot sich an. RASSPE war nicht nur Namensgeber des 1909 gegründeten Arbeitervereins Rasspe Sport Verein (RSV) Kohlfurth, RASSPE war einer der führenden Landwirtschaftsmaschinen-Hersteller seiner Zeit, die Fabrikhallen lagen um die Ecke. RASSPE zahlte schlecht, das war in der ganzen stolzen Stadt bekannt: "Willst du schlechte Löhne, geh zu Rasspe und Söhne!"

Der kleine dicke Mann erzählte, dass es 1950, zum 40jährigen Bestehen des RSV ein einwöchiges Fest-Turnier in Kohlfurth gab. Im Endspiel standen sich der SV Sudberg und der SSC 95/98 gegenüber. Es war Sonntagnachmittag, Bratwurststände und Trinkbuden waren aufgebaut, Hunderte von Zuschauern säumten den mit Blumengirlanden geschmückten Platz. Und dann gab es eine mordsmäßige Klopperei unter den Spielern, in deren Verlauf eine betagte Sudberger Anhängerin ("Minimum um die sechzig!") den Platz stürmte und mit ihrer Handtasche zuschlug, wobei einem Spieler des SSC das halbe Ohr abrasiert wurde. Sofort wurde das Endspiel abgebrochen, Polizei fuhr vor (im Peterwagen), es wurden Platzverweise ausgesprochen. Nicht vom Schiedsrichter, der hätte weiterspielen lassen, aber von der Polizei.

"Das waren noch richtige Kerle früher auffem Platz, die hatten noch Schitte inne Füße!"

Wieso ist der kleine dicke Mann bloß weggezogen. Wer erzählt mir jetzt noch solche Schoten, die bei Licht betrachtet vielleicht nichts besonderes darstellen, aber wenn man das Licht ein wenig dimmt und zur Seite schaut...

1.11.17 17:04, kommentieren

Käptn Red, King of Lagos

Im Frühsommer 1982 reisten Karlos und ich per Bahn nach Portugal, Ziel war Lagos an der Algarve. Mit Anfang zwanzig hatten wir die Nase voll vom Trampen, wir fühlten uns zu alt, um weiterhin mit vollbepackten Rucksäcken an staubigen Landstraßen zu stehen und uns von total witzigen Cabrio-Fahrern verkohlen zu lassen, die zwanzig Meter weiter den Wagen anhielten und warteten, bis man zu ihnen aufgeschlossen hatte und dann johlend Stoff gaben, mit durchdrehenden Reifen, den Mittelfinger durchs offene Wagendach gestreckt. Darauf hatten wir keinen Nerv mehr, es war zu anstrengend geworden, damit lässig umzugehen. Nicht mit 21, Baby, da wollten wir es ein bisschen gemütlicher haben, ein bisschen mehr kommod, wenn wir schon in Ferien mussten.

Denn ehrlich gesagt, ein kleines bisschen war die Luft schon raus. In den Jahren zuvor waren wir meist zu dritt und stattlichen Backpacker-Rucksäcken unterwegs gewesen, Karlos, Schnaat und ich. Es gab auch Ausnahmen, so fuhr ich im Sommer 78 mit dem dicken Hansen in seiner blauen Ente nach Spanien. Doch Usus war die Trio-Variante mit Schnaat und Karlos, wir verbrachten aufregende Ferien in Frankreich, im Umfeld belgischer Autobahnen und in England.

Als Trio auflaufen ist bei Autostopp nicht gerade von Vorteil, wer hält schon an, wenn drei Siebzehnjährige auf dicken Rucksäcken am Straßenrand hocken und statt den Daumen rauszuhalten lieber selbst den Mittelfinger zeigen, aus Gründen der Coolness. Es war nicht einfach gewesen, zu dritt voranzukommen als Tramper. Intern passte es dafür umso besser, zu dritt unterwegs zu sein. In der internationalen Zahlensymbolik steht die 3 für START. Wo die Dinge ins Rollen kommen. Und wir drei waren gleichaltrig, waren Baujahr 1960. Nach dem chinesischen Horoskop sind 1960 geborene Ratten nicht kaputt zu kriegen.

Bis sie kaputt sind.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, warum Schnaat 1982 ausfiel, der dritte Mann. Warum Karlos und ich zu zweit unterwegs waren. Egal.

Nach vierzig Stunden fielen wir in Lissabon aus dem Intercity, die Klamotten verklebt, Schweißfüße und gerädert von den harten Bänken portugiesischer Eisenbahnen. Schlimmer noch: Das Gras war uns ausgegangen.

Kaum ausgestiegen, sprach ich am Hauptbahnhof Lissabon einen schlaksigen Bimbo an, er stand an der Ecke eines internationalen Presseladens. Nicht, dass er irgendwie einen aufrichtigen Eindruck gemacht hätte, das war es nicht, nein, aber sein Anblick erfüllte gleich mehrere Kriterien, auf die man sich weltweit verständigt hat, um in der Fremde einen Dealer auszumachen:

An der Ecke stehen. Bimbo sein. Cool.

Für umgerechnet fünfzig Mark erwarb ich ein Säckchen Marihuana. Es roch stark und würzig. Man bekam regelrecht Appetit, wenn man sich das Kraut unter die Nase hielt. In einem Hinterhof öffnete Karlos das Zellophansäckchen, um den ersten kleinen Stick zu drehen. Er verzog das Gesicht.

“Was hast du dir da denn andrehen lassen.. Das sind Küchenkräuter, du Penner. Das ist Kapuzinerkresse mit ein bisschen Vogelfutter drin.”

Karlos kannte sich aus in der Küche.

„Der hat dich schön abgekocht.“

So begann der Portugal-Urlaub 1982 also mit einem Abzug in der Lissaboner Drogenszene. Und es war noch nicht Abend. Weil wir erst am nächsten Tag weiterfahren konnten Richtung Lagos, bezogen wir im Nuttenviertel ein billiges Hotel, eine Art Stundenhotel. Die zwei Mädels, die wir in der Nacht sturzbetrunken anbaggerten, hatten nur unsere Brustbeutel im Sinn, während sie uns einen runterholten, aber nicht mal das klappte richtig, so voll wie wir waren, aber dafür blieben die Brustbeutel auch schön bei uns unterm Hemd.

Am nächsten Mittag ging es mit dem Bummelzug nach Lagos. Unser kleines Zwei-Mann-Mann-Zelt, gestählt von unzähligen Tramptouren zu dritt, schlugen wir auf dem staubigen Stadt-Camping von Lagos auf, wo wegen Armut und Wohnungsknappheit auch viele Einheimische hausten, in ausrangierten britischen Double Dutch-Autobussen und Hauszelten.

Eher nebenbei erfuhren wir, dass Romy Schneider zwei Tage zuvor in Paris an gebrochenem Herzen gestorben war. “Poor Sissy’s dead and gone”, sangen Karlos und ich und klopften Heringe in den harten Zeltplatz-Boden.

Noch am selben Abend lud uns unser langhaariger portugiesischer Nachbar namens Eusebio (sic!) in sein Hauszelt ein. Karlos war zu müde, ausgenockt von der langen Zugfahrt schlief er früh ein, während ich bei Eusebio Gras rauchte und John Mayall & The Bluesbreakers lauschte, The Blues Giant, ein rares 3-fach-Album im stabilen Schuber, das ich ebenfalls in meiner Plattensammlung hatte. Da saß ich nun im fernen Portugal und hörte den gleichen rätselhaften weißen Blues wie daheim.

Was verblüffte: Eusebios Hauszelt war viel wohnlicher als es von außen den Anschein hatte. Es gab sogar Kronleuchter, am Zeltdach befestigt, und an den Wänden gerahmte Bilder, darunter ein großes Porträtfoto, das ein wenig an die junge Romy Schneider erinnerte.

“She’s gone”, sagte ich.

“Gone..? Who’s gone?”

“Sissy. Dead in Paris. Her heart.”

Nachbar Eusebio nickte freundlich.

Die ersten Tage gingen Karlos und ich nach dem Frühstück zum Strand runter. Wir lernten einen Rastafari kennen, der hinter einem Felsvorsprung hervorlugte und „Ganja? Ganja?“ wisperte. Das war unser Mann. Schon am nächsten Tag war das lockere Strandleben passè, wir entschieden uns die heißen Tage auf dem Stadt-Camping zu verbringen. Der Rastamann drehte täglich seine Dealer-Runde über den Platz, mit seinen wippenden Dreadlocks, man durfte ihn nicht verpassen. Die meiste Zeit verharrten wir in unserem von der prallen Sonne aufgeheizten winzigen Zelt, lasen mitgebrachte Clever & Smart-Hefte und dämmerten bekifft vor uns hin.

In der Mittagszeit wurden die Temperaturen unerträglich, die Hitze stand wie ein riesiges Insekt über Lagos. Es gab kaum schattige Ecken auf dem Stadt-Camping, nur auf der Terrasse der Rezeption war es halbwegs erträglich. Wir schleppten uns mit letzten Kräften unter den Sonnenschirm, tranken Bier und glotzten tranig umher. Wenn wir hungrig wurden, bestellten wir beim Pächter des Platzes, der gleichzeitig auch Chefkoch der Kantine war, Hähnchen mit Pommes.

Kaum hatten wir die Bestellung aufgegeben, hörte man das Geflügel im Hof panisch um sich schlagen: wildes Kikeriki, Angst und Aufruhr. Ich habe niemals wieder so frisches Hähnchenfleisch auf dem Teller gehabt wie in Lagos 1982. Das Fleisch flatterte einem sozusagen noch unterm Gaumen.

Zwei kleine portugiesische Jungs, die auf dem Campingplatz lebten, hatten einen Narren an uns gefressen, nachdem wir eines Abends mit ihnen über den Zaun des benachbarten Stadions des FC Lagos geklettert waren und zu viert gekickt hatten, bis es dunkel wurde und man die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte. Fortan kamen sie jeden Abend ans Zelt gelaufen und zupften uns am Ärmel.

„Eh, du Futbol..!!?“

Da sahen wir ihn. Käptn Red, der abgemagerte verlauste Rüde, wie er über den Stadt-Camping schlich. Er zog ein Hinterbein nach und sabberte unentwegt. Wir nannten ihn Käptn Red wegen der ständig geröteten Augen. Sein Anblick war eine Zumutung, ein Affront, eine Beleidigung für den bekifften mitteleuropäischen Geschmack, und weil die Töle das mittlerweile wusste, machte sie sich so rar und so klein wie möglich, duckte sich an der niedrigen Außenmauer des Platzes entlang.

Eigentlich hatte er uns ja nichts getan. Er war nur eine arme Socke, er konnte nichts für sein Aussehen, er war genau das, was ein christliches Herz höherschlagen ließ. Tja. Manchmal warfen wir mit flachen Steinen nach ihm und ließen ihn tanzen, wir spielten Wettflitschen mit dem Humpelhund, während die Sonne erbarmungslos auf uns niederbrannte.

Käptn Reds war ein einsames, ein devotes Tier, doch wir hassten es von Tag zu Tag mehr, zumal auch die Stimmung unter uns rapide abwärts ging, je länger der Urlaub dauerte. Ich vermisste Lena, ich hatte richtig Liebeskummer, Karlos nicht, auf ihn wartete keine Lena zuhause. Er langweilte mich mit seiner Nicht-Sehnsucht, ich ihn mit meiner Sehnsucht, so gingen wir uns gegenseitig auf den Geist und übertrugen diesen Unmut auf den Hund, dem das Bein immerzu wegknickte, als hätte er mit jedem Schritt in eine Scherbe getreten.

Wir waren Schweine damals, was Hunde betraf. Karlos und ich führten einen privaten Kleinkrieg gegen südeuropäische Straßenköter, dem natürlichen Feind jedes anständigen Globetrotters. Wir wollten den Käptn nicht in unserer Nähe haben. Er versprühte diese oberkranke Aura. Er sollte sich davonmachen, der alte Hinkefuß.

Eusebio, der langhaarige arbeitslose Nachbar, fuhr ab und zu auf einem klapprigen Kahn zum Fischen raus, er angelte Chocos. Einmal lud er uns zum Essen ein. Die kleinen Fische wurden frittiert und mit Zwiebeln serviert. Karlos konnte nicht genug davon kriegen, ich hingegen schon. Weil wir kein Portugiesisch sprachen und Eusebio kaum Englisch, blieb die Verständigung allerdings schwierig. Karlos leckte seine fischigen zehn Finger ab, um Eusebio zu verdeutlichen, wie gut es ihm schmeckte. Dazu rief er dauernd „GUSTO! GUSTO! LECKER!“ Eusebio nickte freundlich, während ich hinterm Zelt hockte und kotzte.

In der dritten Urlaubswoche hatten wir die Nase voll von der endlosen Grasraucherei und gingen wieder ab und zu zum Strand runter.

Einmal wählten wir eine Abkürzung und landeten aus marihuanabedingter Unachtsamkeit auf einem Privatgelände, einer weitläufigen sonnenverbrannten Prärielandschaft.

Grosse Steppe, Mittagshitze.

Karlos war knallrot im Gesicht, wie immer. Direkt neben ihm stand ein schwarzes Rieseninsekt in der Luft, dann sah er es als Erster.

“Was ist das da, was da angewatzt kommt?” murmelte er. “Ein Hund?” Er zeigte in die Ferne.

Am Horizont das blaue Meer, davor ein wetzendes Vieh. Es trampelte über den sandigen Boden, schwer wie ein Büffel, wütend kläffend. Es hielt schnurstracks auf uns zu. Ich sah mich um, es waren keine hundert Meter bis zum Zaun, ich machte mich auf die Socken. Ich rannte und rannte und drehte mich nicht einmal um, ehe ich den Zaun erreichte. Ich sprang hoch, schwang das linke Bein auf den Pfosten und setzte über. Auf der anderen Seite angekommen, sah ich Karlos, der die letzten Meter gehend zurücklegte. Gemächlich. Fast blasiert. Dabei konnte er einfach nicht mehr. Er schaffte es im letzten Moment, im wirklich allerletzten, sich hochzuziehen, bevor das Monster nach ihm schnappte.

Nach diesem Erlebnis blieben wir wieder auf dem Stadt-Camping und klebten bekifft in unserem stickigen Zwei-Mann-Zelt die Papierchen für einen Joint aneinander, konnten uns kaum noch rühren. Der Rastafari verkaufte ein Bombengras, aber immer nur in kleinen Mengen, falls die Polizei ihn schnappen sollte. Dummerweise war der Rasta sehr unzuverlässig. Man wusste nie, um welche Uhrzeit er auftauchte, aber wir verließen ja eh kaum noch den Platz.

Am Morgen unseres Aufbruchs, es wurde gerade hell, bauten wir unser Zweimann-Zelt ab und wunderten uns plötzlich über diesen Pisse-Gestank, scharf wie Ammoniak, der ganze Zeltstoff schien verseucht.

Mit Hundepisse.

"Guck mal", stieß Karlos mich an, "Käptn Red."

Er lief in einiger Entfernung auf und ab und schien sich zu amüsieren, irgendwie. Karlos lief zornig auf ihn zu, aber er humpelte davon, überraschend behende, schlüpfte durch ein Mauerloch und jaulte in die Morgendämmerung hinein.

Und das war überhaupt das einzige Mal in den drei Wochen, dass wir den Hund jaulen gehört haben, und es klang überglücklich irgendwie.

19.10.17 19:01, kommentieren

Mit ein paar tausend Mann *

Dienstag, früher Abend. Ich stehe im Bad und rasiere mich bei offenem Fenster. Im Hof jätet der knorrige alte Sizilianer sein kleines Gemüsebeet. Er ist so versunken in die Arbeit, dass er nicht mitkriegt, was um ihn herum geschieht, während Frau Fischer, die über uns wohnt, sich lautstark beschwert, sie habe sich beim Husten eine Rippe angebrochen. Frau Fischer hat schweres Asthma, und sie trinkt zu viel. Die Mülltonne ist nach dem Wochenende grundsätzlich ein Hort leerer Apfelkornflaschen.

"Nicht mal husten darf man noch..! Was ist das denn für ein Leben.."

Mit wem sie wohl redet, frage ich mich, da ihr niemand antwortet, und den knorrigen alten Sizilianer wird sie ja kaum meinen. Und was mich betrifft: Um sechs ist Fußball. Ich schaue mir ein Zweitliga-Spiel an. Ich liebe Flutlichtspiele, besonders jetzt im Spätsommer, wenn es noch nicht kalt ist auf den Rängen. Und das Geräusch, das der Ball macht, wenn er über den Rasen läuft, klingt nur am Abend nach 20 Uhr so tief und satt, so tiefensatt, so aristokratisch grün.

So grünblütig.

Union spielt gegen Blau Weiß Berlin.

Das letzte Mal am Hermann-Löns-Weg war ich letzten Sommer, als Schalke zu Gast und das Stadion ausverkauft war. Bei der Taschenkontrolle am Eingang wollte mir ein übereifriger Ordner die Purpfeife abnehmen, die wie immer im Kleingeldtäschchen der Jeans auf ihren Einsatz wartete. Der Ordner wusste zwar nichts anzufangen mit dem Pfeifchen, aber die Tatsache, dass es aus Metall war, machte ihn nervös. Es dauerte bis ich ihn überzeugen konnte, dass sich mit dem kleinen, keine fünf Zentimeter kurzen Ding nicht viel Unheil anrichten ließ im gegnerischen Fanblock, außer vielleicht einer diffusen kleinen Haschisch-Psychose.

Frisch rasiert steige ich in die Linie 82 nach Ohligs. Es riecht lecker nach Rasierschaum und Frühherbst. Ein paar Union-Anhänger in den letzten Reihen, in voller Kutte, mit meterlangem Schal. Anstoß ist zwanzig Uhr. Da ist noch genug Zeit für die erstbeste Frittenbude in der Ohligser Fußgängerzone.

"Frikadelle mit Pommes. Und ne Dose Bier."

"Bier aber nich hier trinke", klärt mich der Inhaber auf, "is verbote, Gastestättegesetz."

"Dann nehm ich das hier."

Ich wähle eine Capri-Sonne mit Kirschgeschmack. Es gibt eine markierte Stelle an dem prallen Aluminiumsäckchen, an der man den Strohhalm einstechen muss, doch der Halm bohrt sich einfach auf der anderen Seite der Capri-Sonne wieder heraus, Kirschsaft kleckert auf den Boden.

"Klappte nich?" ruft der Türke hilfsbereit und kommt gleich mit dem Lappen rüber.

"Nee", sag ich. "Klappt nicht."

Er rammt den Halm weiter unten ins Alu-Säckchen als vorgegeben, drin ist der Zapfhahn, es funktioniert, die Suppe kriecht den Strohhalm hinauf, als ich dran ziehe, ich bedanke mich.

Nach einer Verdauungszigarette an frischer Luft gehe ich rüber in den Bierbrunnen und trinke drei Kölsch. Ein älterer Mann kommt rein, bestellt ein Bier und fängt sofort an zu lamentieren. Er spricht so undeutlich, ich verstehe seine Worte nicht, bis auf den letzten Satz: "Wir haben uns zu neunzig Prozent gedreht!" Interessiert aber ohnehin niemanden. Eine Frau, die in seiner Nähe steht, verdreht nur genervt die Augen, als der Mann ihr ungefragt seine Hände zeigt.

„Hier, guck mal, mein Engel, ich hab keine Fingernägel mehr, siehst du? Alles abgebissen, hier, sind nur noch Finger.“

Ich mache mich auf in Richtung Hermann Löns-Weg. Weil noch Zeit ist, schlage ich den Fußweg ein, der an einem Nebenplatz des Union-Stadions entlangführt. Gerade ist Training. C-Jugend, schätze ich. Fünfzehn Jungs, fünfzehn Jahre alt. In der Mitte ein schreiender Trainer, der einen Spieler abkanzelt, dessen Schuss aufs Tor auf der schweren roten Asche liegen geblieben ist.

"Die verhungert ja, die Pille!"

Sofort spüre ich Bewegung im Darm. Da ist was unterwegs. Ein verdammt dicker Junge. Das ist nicht immer so. Es gibt Phasen, da wünsche ich mir eine Umwälzpumpe im Darm, damit Bewegung reinkommt. Schnell durch die Siedlung zurück und rein in die nächstbeste Kneipe mit dem nächstbesten Männerklo. Ich bestelle ein Not-Kölsch und verziehe mich aufs Klo, aber der dicke Junge hat sich seinerseits auch verzogen.

Dann eben noch ein Kölsch. Ein Motorradfahrer, quadratisch gebaut, Nierengurt noch am Leib, schildert wiederholt, wie er am Wochenende die Autobahnzufahrt Detmold genommen habe.

„Mit Hundertzehn! Wahnsinn! Ist der Gaul mit mir durchgegangen!“

Neben mir hockt ein Rentner, Mantelkragen hochgestellt, Hornbrille, weißer Stock. Jedem Gast, der sich verabschiedet, ruft er ein kehliges "Wiedersehn!" hinterher, ohne aufzuschauen. Als er sein Bier hebt und zum Mund führt, erkenne ich einen Kranz an Strichen auf seinem Bierdeckel, immer in Fünfer-Päckchen, es sind mindestens dreißig Striche. Junge, wenn ich dreißig Bier intus habe, rufe ich auch jedem Gast Auf Wiedersehn hinterher ohne aufzuschauen.

Ich verschwinde aufs Klo. Es gibt Tage, da will der Herrgott einen zweiten Anlauf. Die Kneipe hat ein seltenes Spezialklosett. Für die besondere Hygiene. Am Spülkasten ist seitlich ein rotes Knöpfchen angebracht, wenn man das drückt, zieht sich automatisch ein desinfizierender Film über die Klobrille. Ich teste die Neuheit aus, aber erst nachdem ich geschissen habe.

Halb acht vorm Stadion. Als ich am Kassenhäuschen anstehe und Schlagermusik aus den Lautsprechern schallt, entscheide ich mich spontan, noch ein Bier trinken zu gehen. Ist ja noch Zeit, eine halbe Stunde. Außerdem, was soll ich hier rumstehen mit ein paar tausend Mann. Bringt doch nichts.

Zurück in die Kneipe, direkt durch aufs Klo. Der Wirt guckt schon misstrauisch. Dabei will ich diesmal nur eine Purpfeife ziehen. Die kleine Freundin. Die erste heute. Als ich vom Klo komme, steht da plötzlich Onkel Fitting, mein Patenonkel. Das graue Haar an den Schädel geklatscht, mit Unmengen Birkenwasser. Das ist Tradition in der Familie, wenn man älter wird und den Sektor der Attraktivität hinter sich lässt.

"Och, was machst du denn hier? Gehst du zur Union? Bist du allein hier? Wenn du willst, kann ich dich später mitnehmen, nach dem Spiel, kein Thema. Kannst du dir den Bus sparen."

Er hat in einem Satz alles klargemacht, wofür andere Leute den halben Abend brauchen. Er ist mit zwei Bekannten unterwegs, von denen mir einer bekannt vorkommt, allerdings dachte ich, der wäre längst tot. Na, ist wohl ein anderer gewesen. Irgendjemand ist ja immer tot.

Mit einem Mal ist alles zu viel für mich. Ich spüre es nicht komme. Es grätscht einem in die offene Flanke, und du musst zusehen, wie du damit zurechtkommst. Wenn du drinsteckst, tut es weh. Es liegt an der Purpfeife. Es liegt an den paar Bier, die ich getrunken habe, ich hab noch ein großes Kölsch geordert. Es liegt an mir.

Es sind die Drogen.

Wenn ich mich jetzt hier sehen würde, wie ich am Tresen stehe, ich würde denken, ist der Kerl verstockt. Warum geht der nicht besser nach Hause. Was will der in der Kneipe. Was will der beim Fußball.

Was will der überhaupt.

Gestern hat Lena angerufen und mir nachträglich zum Geburtstag gratuliert.

"Nichts hat sich bei dir geändert seit unserer Trennung, du bist ein blödes Arschloch! Mach doch ENDLICH was aus deinem Leben. Wenn du krank wärst, könnt ich deine Desillusion ja noch verstehen, aber du bist gesund, du kannst gut deutsch schreiben, krieg doch endlich deinen dämlichen Arsch hoch!"

Nichts Neues eigentlich, eine ihrer turnusmäßigen Standpauken, mit dem Unterschied, dass ich diesmal nicht den Hauch einer Ausrede gesucht hab, auch gar nicht mehr suchen wollte.

"Du bist ein Feigling", hat sie gesagt, "Du denkst die Sachen nicht zu Ende, warum? Weil es dann zu bitter wird für dich."

"Jim Morrison ist auch mit 27 gestorben", hab ich zwischendurch eingeworfen, es war ironisch gemeint, aber das hat sie endgültig auf die Palme getrieben.

"Du mit deinem blöden Jim Morrison, das ist doch wohl nicht dein Ernst!? Außerdem bist du 28 geworden, deine Ausreden funktionieren nicht mehr!"

Darauf ist mir nichts mehr eingefallen. Dabei meine ich das mit Jim Morrison schon lange nicht mehr ernst. Aber wenn man den Leuten etwas zu lange aufgetischt hat, wird einem den Schwenk hin zur Ironie nicht mehr abgenommen. Dann muss man plötzlich ganz allein über sich lachen.

Onkel Fitting hat es plötzlich eilig, zum Stadion zu kommen.

„Das Spiel fängt gleich an! Ist schon acht!“

Weg ist er mit seinen beiden Spannmännern.

Onkel Fitting war immer mein Lieblingsonkel. In der Familie kursiert die Geschichte seiner Liaison mit Janine, einer belgischen Schönheitskönigin, die er in den Sechzigerjahren als junger Mann kennenlernte. Was Onkel Fitting zunächst nicht wusste, was ihm aber klar wurde, als er Janine in ihrer Heimatstadt Gent besuchte: sie war aus reichem Hause, der Vater Präsident des FC Gent. Schon am ersten Abend des Besuchs packte der Vater Fitting ins Auto und fuhr mit ihm raus zum Stadion. Er schloss das große Eingangstor auf, und präsentierte die Arena. Erst wusste Onkel Fitting kaum, wie ihm geschah, er glaubte fast, einem Hochstapler aufzusitzen – bloß, warum sollte der so einen Wirbel veranstalten? Für ihn, einen armen Schlucker aus dem Bergischen Land?

Nach einigen Tagen in Gent und diversen Einladungen zu gesellschaftlichen Ereignissen kühlte die Stimmung insgesamt merklich ab. Man hatte Informationen eingeholt bezüglich Onkel Fitting und seinem Status in der Heimat. "Ich war ja nur ein armer Gardinen-Dekorateur." Mein Onkel war schwer gekränkt. Eine letzte Chance sah er darin, Janine ihrerseits nach Solingen einzuladen und einen großen Schwindel vorzuspielen. Sie kam tatsächlich, gegen den Willen ihres Vaters. Und Onkel Fitting zeigte, was er draufhatte.

Als gelernter freischaffender Dekorateur und Schaufenstergestalter war es für ihn ein leichtes, das windschiefe kleine Häuschen meines Großvaters in einen funkelnden Ballsaal zu verwandeln. Die schlichten Möbel wurden so lange mit Deko-Fix präpariert, bis sie nach echtem Tropenholz aussahen. Stoffbahnen wurden ausgelegt und mit samtroten Licht angestrahlt, Raffgardinen angebracht, Blumengirlanden schmückten Küche und Baumhof. Fitting und seine Freunde schufen eine so wunderliche Varieté-Stimmung in Opas Häuschen am Stöckerberg, dass man sich noch dreißig Jahre später davon erzählte.

Janine war das alles herzlich egal, sie liebte Onkel Fitting aufrichtig, sie wollte ihn um jeden Preis, auch gegen den Willen ihrer Familie, doch in letzter Sekunde winkte Onkel Fitting ab. „Das hätte nie geklappt mit uns.“ Die Standesunterschiede erschienen ihm zu gewaltig auf Dauer. „Irgendwann hätte sie ihren alten Lebensstil vermisst und dann wäre sie neben einem kleinen Dekorateur in Solingen erwacht. Nee – lass mal.“

Neben mir am Tresen erregt sich ein Männlein darüber, dass beim diesjährigen Flugplatzfest in Wiescheid das Bier in Pappbechern ausgeschenkt wurde: "In Pappbechern!! Trinke ich nicht, hab ich nie getrunken, werde ich nie trinken!"

"Jawoll, Sir!", sage ich.

Manchmal stehe ich in einer Altherrenkneipe und beobachte die Männer, die nicht wissen, wohin mit ihren Händen, weil der letzte Griff zum Bierglas noch nicht lange genug her ist, um den nächsten Griff anzugehen. Männermomente im Ungefähren.

Viertel vor acht. Kurz bevor ich aufbrechen muss, sonst verpasse ich den Anstoß, lerne ich den einen Interessanten kennen, den man immer kennenlernt, wenn man es lange genug aushält. Er ist im Alter meines Onkels und lebt in Scheidung, wie er ohne Umschweife erklärt.

"Ich hatte schon Kontoverfügungen ausgestellt für meine ex-Frau, ich meine, dass die Zahlungen weiterlaufen, wenn ich tot bin, so schlecht ging es mir. Soll ich dir was sagen, Jochem? Hast du was dagegen, wenn ich dich Jochem nenne?"

"Nur zu", sage ich.

"Mein Neffe heißt nämlich Jochem, an den erinnerst du mich. Der guckt genauso abgeklärt aus der Wäsche wie du. Ähh wo war ich..?"

"Ich glaub, du warst bei den Kontoverfügungen.."

"Ja, richtig, so am Ende war ich. Ich hab nicht mal mehr Spaß gehabt am Geldverdienen, verstehst du?!"

Der Mann schafft es nicht mehr, die aufgebrachten Worte in die passende Mimik zu kleiden, dafür hat er sich schon zu oft ausgekotzt an diesem Tresen.

"Die Depression hatte mich so in den Klauen, mein Junge, ich saß nur noch zu Hause und hab die Wände angestarrt, vollgepumpt mit Tranquilizern. So eine Depression springt einen an wie ein Tier aus dunkler Ecke.."

Kurz nach acht, Hermann-Löns-Weg. Klein und provinziell ist das Stadion, von Bäumen umstellt. Keine dieser neuen Schüsseln, wo man als Zuschauer nie genau weiß, ob man nicht gleich abhebt und davonfliegt. Ich kaufe eine Karte für die Gegengerade. Stehplatz.

Flutlicht.

Ich liebe Flutlicht, ich liebe den satten grünen Strahle-Rasen. Hinter einem rauscht der Wind in den Bäumen, am Spielfeldrand liegt erstes Herbstlaub. Der Fan vor mir stellt seine Umhängetasche ab, holt eine Flasche Rotwein heraus und entkorkt sie, unter Mühen. Dann verschließt er sie wieder, ohne einen Schluck genommen zu haben. Recht so. Hauptsache, die Pulle ist auf, mein Freund.

Zweitausend Zuschauer, ich verliere mich im Spiel.

*

21. September 1988

Union Solingen - Blau-Weiß Berlin 0:2

16.10.17 16:59, kommentieren

Der seltsamste Scheißtag

War es Boxer Butch, gespielt von Bruce Willis, der in Pulp Fiction die weisen Worte sprechen durfte, „das ist der seltsamste Scheißtag in meinem ganzen Leben“? Ich meine ja. Ich meine, es wäre in der Szene, wo er im Taxi sitzt, nachdem er entgegen der Abmachung einen Boxkampf nicht durch K.O. verloren, sondern durch Totschlag gewonnen hat. Jedenfalls hätte man als Drehbuchautor in diesem Moment Boxer Butch solche Worte in den Mund legen können, machte ja durchaus Sinn.

Und natürlich, ja, ich könnte jetzt kurz nachgoogeln und wüsste sofort und sicher Bescheid, wer was wann in Pulp Fiction gesagt hat, aber ich lasse es lieber im Ungefähren, ich tu einfach mal so, als schrieben wir das Jahr 1994 und Internet wäre noch Underground und Google in weiter Ferne und alles sowieso nicht so scheißeinfach und banal, ich meine das Überprüfen kultureller Geschehnisse.

Wir sind 1994 zur Premiere von Pulp Fiction ins Bambi nach Düsseldorf gefahren, zur Mitternachtsvorstellung, in einer eiskalten Winternacht, in einem geliehenen alten VW Variant, den ich an jeder Kreuzung anschieben musste, weil der Motor streikte. Vielleicht war es auch Weihnachten 1993. Den Wagen hatten wir von einem alten Bekannten der Gräfin geliehen, der für eine traditionsreiche Solinger Manufaktur neue Regenschirme entwarf und ohne Ende Haschischbongs rauchte. Vom vielen Kiffen hatte er rote Pickel im Gesicht, am Hals, am Arm, eigentlich überall, wo seine Haut Platz bot zur verschärften Pickelblüte. Ein introvertierter Vogel mit einem kränkelnden Auto, aber Ideen für neue Schirme schüttelte er nur so aus dem Ärmel. Jedes Mal, wenn wir ihn besuchten, entweder weil wir uns sein Auto ausleihen oder ihm unseren Hund aufs Auge drücken wollten für ein Wochenende, saß er da am Tisch, stopfte einen Bong und zeichnete auf Millimeterpapier einen weiteren Rohentwurf für auf Knopfdruck aufploppende Regenschirme. Er war talentiert.

Ich hatte im Vorfeld viel über den Film gelesen, ich hatte einige Ausschnitte gesehen. Jetzt war ich total scharf auf John Travolta als Gangster, und als er in Pulp Fiction unter Heroineinfluss zu Chuck Berry tanzte, raste mein Puls vor Freude, er war brilliant.

Doch plötzlich, nach nicht mal der Hälfte der 145 Minuten Laufzeit, sackte Travolta von Kugeln durchsiebt auf dem Scheißhaus zusammen. Ich war verstimmt. Ich wollte auf der Stelle nach Hause.

"So ein Betrug! Travolta ist tot!"

"Ist ja gut", stöhnte sie. "Ich sehs."

Ich fand Pulp Fiction ganz okay, aber als John Travolta auf dem Pott sitzend und Zeitung lesend erschossen wurde, war die Nummer für mich gelaufen. „Komm, John Travolta ist tot“, sagte ich zur Gräfin und wollte los, doch sie bestand darauf, den Film zu Ende zu sehen.

Für mich ist P.F. der beste Film der 90er Jahre, und die 90er Jahre, so übel sie insgesamt waren, habe noch einige andere herausragende Werke auf dem Buckel. Was Tarantino angeht, so hat er danach keinen nennenswerten Film mehr zustande gebracht. Macht aber nichts. Lieber ein Meisterwerk als keins.

Und Travolta? Ich kann machen, was ich will, der Mann hat als Schauspieler ein Stein bei mir im Brett, seit er 1978 in der Eröffnungssequenz von Saturday Night Fever zu Stayin' alive von den Bee Gees taktsicher übers New Yorker Trottoir stiefelt. Einer der bewegendsten Momente der Popkultur. Mit zehn, zwölf Schritten in eine neue Ära. Ich hab den Film, als er damals in die Kinos kam, vier oder fünf Mal gesehen, und jedes Mal mussten wir, weil wir auf den letzten Drücker kamen und die Vorstellungen fast ausverkauft waren, mit einem Platz in der ersten Reihe Vorlieb nehmen. Ich wollte aber eh nur den Anfang sehen, und zehn, zwölf Schritte machen noch keine Genickstarre, Freunde.

*

aus: Einmal Diazepam läuft durch

11.10.17 14:34, kommentieren

Die Stille nach dem Abschmieren

Im Sommer 1975 reisten wir mit dem Haus der Jugend nach Chalon-sur-Saône, Partnerstadt in Burgund. Wir waren dreißig Jugendliche plus Betreuer und dem Fahrer des Reisebusses. Der Mitsubishi Boy war an Bord, Karlos,  Pepe, Franky, ein paar Mädels, die meist unter sich blieben, und der kleine Wiegand.

Er war der jüngste von uns allen, gerade vierzehn geworden und Messdiener in seiner Gemeinde. In Frankreich hatte er das erste Mal Sex, wie er später erzählte. Mit der süßen Lucienne. Da wollte er kein Messdiener mehr sein.

„Jetzt war ich ja Ficker.“

Is logisch, Volker.

Täglich trafen wir uns mit den einheimischen Jugendlichen vom Maison de L’Enfance und unternahmen etwas. Am dritten Abend waren wir bei einem Weinbauern zum Essen eingeladen. Es hatte tagsüber geregnet, jetzt, bei Sonnenuntergang, war der Himmel trocken, eine heitere Stimmung griff um sich.

Es war wie ein Sommerfest auf dem Land.

Wir saßen unter bunten Lampions an einer langen Tafel in einem Baumhof, umgeben von hohen Hecken, Fackeln brannten. Irgendeine Spezialität der Region wurde aufgefahren, und ausnahmsweise gab es sogar etwas Tafelwein für uns Halbwüchsige. (Vom Pastis unterm Tisch ahnten die Betreuer nichts.)

Wir hörten ein Motorrad näherkommen, eine schwere Maschine, die den Tisch zum Schweigen brachte. Plötzlich hörte man, wie das schwere Gerät, und zwar ganz in der Nähe, direkt hinter den Hecken, vom Weg abkam und wegrutschte. Es folgte ein langes, ein unendliches langes Wegrutschen der Maschine auf Asphalt. Dann gab es einen dumpfen Aufschlag, danach war Stille. Eine lange Stille.

Die Verlängerung von Stille.

Allen war sofort bewusst, es ist etwas Schlimmes passiert. Es war diese trockene Dringlichkeit, das Schlingern und Rutschen der Maschine, der Aufprall, und diese schlimme Stille.

Stille.

Stille.

Dieses sekundenlange monströse Wegrutschen von Motorradreifen auf einer Landstraße habe ich heute noch im Ohr, ein Sound, der so gar nicht zu den feierlich zusammengeschobenen Tischen und den darüber baumelnden Lampions passte. Und diese abartige Stille. Die gleiche Stille wie in der Kindheit, wenn man vom Rad stürzt und man liegt da und über einem drehen sich die Reifen in der Luft und tun so, als wäre alles wie gehabt, dabei ist der Boden plötzlich woanders und die Knochen tun weh und man hat Angst, man hätte sich etwas gebrochen.

Wir sprangen von unseren Stühlen auf, wollten zum Tor hinaus, jedenfalls einige von uns – ich nicht. Ich blieb sitzen. Ich hatte Angst. Außerdem ging es zu schnell für mich. Ich war überfordert mit der Plötzlichkeit.

Der Gastgeber und andere Weinbauern schnappten sich brennende Fackeln, die im Garten verteilt waren, und eilten vom Grundstück. Auch unser Gruppenleiter ging nachsehen, was los war, und als er zurückkam, hieß es, alle bleiben, wo sie sind, keiner verlässt den Garten, macht die Musik aus!

Die Musik war schon aus.

Noch bevor die Ambulanz und die Gendarmerie eintrafen, hörten wir Stimmen von der Unfallstelle, Schreie, hilflosen Tumult. Es war genau diese Aufregung, die einige von uns nutzten, um sich unbemerkt durch die Hecke zu zwängen, auf die Landstraße.

Der Mitsubishi Boy war einer der Ersten an der Unfallstelle. Der Fahrer lag im Graben, der Helm war zerbrochen. Ein Büschel Gras quoll aus seinem Mund, oder Moos, "irgendwas Grünes", der Mitsubishi Boy wollte es herausziehen, erzählte er später, „ich dachte, der erstickt doch!“

„Nicht den Helm anfassen!“ schrie eine Betreuerin, und Franzosen drängten Mitsubishi ab.

Mittlerweile war ein zweiter Motorradfahrer eingetroffen. Er hielt kurz an, brüllte so etwas wie „Mama!“ und fuhr direkt weiter, um Hilfe zu holen. Die beiden, so erfuhren wir erst später, hatten sich ein Wettrennen geliefert. Sie stammten von umliegenden Höfen.

„MAMAAA..!!“

4.10.17 08:21, kommentieren


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