Eine Hürriyet, Meister!

Samstagmorgen bei Mustafa.

So winzig-klein und bis unter die Decke mit Alltagskram und orientalischem Nippes vollgestopft ist sein Kiosk, dass sich der bullige kleine Türke meist draußen auf dem Trottoir aufhält und auf Kundschaft wartet. Immer noch besser als drinnen zu ersticken. Die Kulisse erinnert an Paris oder St. Pauli, wo Koberer vorbeilaufende Passanten für den Besuch einer Sex-Show zu animieren versuchen, nur dass mit Mustafa der Besitzer selbst draußen an der Front steht und süß-saure Schnüre feilbietet, türkische Gazetten und Rauchwaren.

Während ich drinnen meinen Tabak kaufe, bleibt die Gräfin vor Mustafas Etablissement stehen und wartet auf mich. Kommt ein schidderig Kerlchen daher. Mitte Fünfzig, verschossene Jeansjacke, Trinkernase. Die Art Typ, die früher als Stielkamm-Luigi durchging, die in Oberhausen-Eisenheim eine Anderthalbzimmerbude bewohnte.

“Mensch, dahinten kommt meine Ex..”, ruft er erschrocken. “Und das am Samstagmorgen!”

“Ach, du Scheisse”, pflichtet die Gräfin ihm bei.

“Obwohl, na ja, ist ja nicht meine erste Ex. Das ist meine zweite Ex.”

“Na, dann gehts ja”, meint die Gräfin.

Er winkt ab. “Siehst du den Kerl neben ihr, den Brocken?”

“Ist ja nicht zu übersehen.”

“Der wollte mich letztens vermöbeln, glaubste nich?”

“Wenn du das sagst.”

“Der wollte mich richtig.. vermöbeln! Komm ich nichtsahnend aus der Kneipe, unten aus dem Jägerstübchen, kennste? Nee? Na, egal, steht der da an der Ecke. Ich denk noch, Mensch, was macht der denn hier, was steht der denn hier so blöd rum..? Der geht doch sonst nie ins Jägerstübchen..! Und wie ich das so denke, läuft der Arsch schon hinter mir her. Verfolgt mich richtig, glaubst du nich? Wie im Kino, voll auf Speed! Ja, hör mal, wie soll ich mich denn gegen so ein Biest wehren? Das ist doch ein Tier, oder nich! Ich kleines Männeken! Ich hab doch die Beine kaputt.”

Er zeigt beiläufig nach unten, auf seine Füße.

“Ich hab 80 Prozent Schwerbehinderung! Mich grüßt jeder Busfahrer! Die kennen mich alle!”

Ich verabschiede mich von Mustafa und trete mit frischem Tabak an die Sonne.

“.. dabei wusst ich gar nicht, warum der mich vermöbeln wollte, da konnte ich mir keinen Reim darauf machen. Aber ich kleines Männeken darf auch mal Glück haben. Oder nich. Denn wie ich da so stehe, wer kommt da plötzlich um die Ecke..? Na..??”

Pause.

“Der Maik!”

Pause. Sonnenschein. Ratlosigkeit.

“Sag bloß, ihr kennt den Maik nich..!?”

Die Gräfin blinzelt zu mir rüber.

“Den kleinen Streifenpolizisten?” frag ich.

“Ja, genau! Der Maik! Der immer Streife läuft!”

“Ja, kenn ich”, sag ich, “vom Sehen. Klar. Und?”

“Na, das Tier will mir gerade eine reindonnern, die Faust steht praktisch in der Luft wie ein Fallbeil, fertig zum Runtersausen, da glotzt der Maik um die Ecke..”

Ja, sehr schön, aber das hatten wir schon.

“.. und ruft: Mensch, Roland! Was machst du denn hier?”

“Och!” sagt die Gräfin. “Und wer ist Roland? Du?”

“Ja klar! Ich bin der Roland! Halllooo!?”

“Und dann?”

“Na ja, meine Ex stand ja auch dabei, also im Hintergrund, und wie sie den Maik sieht, zieht sie ihren Kerl schnell weiter. Klar, die wollte keinen Ärger haben, meine Ex..”

“.. deine zweite Ex”, stellt die Gräfin richtig.

“Wa?”

“Das war doch die zweite Ex, oder nicht? Nicht die erste.”

“Klar. Die zweite Ex. Danke, gut aufgepasst. Die erste ist tot. Hör mal, ich trink seit fünfzehn Jahren keine Kurzen mehr, nur noch Bier. Keine Kurzen mehr. Seit fuffzehn Jahren. Damit komm ich prima klar. Ungelogen. Nur die Füße..”

“Mama, seit wann gibt es denn das Büdchen wieder?” erkundigt sich ein vorbeikommendes Mädchen bei seiner Mutter, während Mustafas bulliger Kopf aus dem Kiosk äugt wie ein zu groß geratener Kuckuck.

Roland klopft ihm freundlich auf die Schulter.

“Morgen, Meister! Eine Hürriyet!”

1 Kommentar 23.2.18 10:22, kommentieren

Eine leicht frustrierte Aufbruchstimmung

Ich ahnte schon früh, dass die meisten Mädchen einen zuverlässigen Partner suchen, der ordentlich was in der Hose hat und zweimal im Jahr zwei Wochen Urlaub springen lässt. Ich hätte es also wissen müssen.

„Ich will in die Normandie! Oder in die Picardie! Am besten erst in die Norman, dann in die Picardie! Kann das denn so schwer sein? Stattdessen renne ich schon wieder mit dem Hund und dir durch den Wald hinter unserem Haus! Den hab ich schon tausend Mal gesehen, diesen beschissenen Wald! Da, die scheiss Buchsbaumhecke kenne ich auch! Die heisst vermutlich Magdalena!“

Die Gräfin ist geladen. Wir wollten ein paar Tage in den Süden fahren, nach Holland, nach Süd-Holland, müssen es aber verschieben. Es geht nicht. Nichts zu machen. Ein Termin ist dazwischengekommen.

„Fahren wir eben im Oktober“, sag ich. „Sind doch nur noch vier Wochen.“

„Ach, du! Auf dich muss man immer nur warten! Mein ganzes Leben warte ich schon auf dich! Du könntest langsam mal kommen.“

Sie geht so zornig weiter, dass der Kies wegspritzt unter ihren Sandalen. Na, das ist ja ein toller Samstagvormittag. Wir biegen in die Schrebergartenkolonie ein, der Hund trottet zwanzig Meter hinter uns her, wie immer, wenn wir streiten.

Seemannshohe Sonnenblumen verneigen sich wie Richtmikrofone in unsere Richtung, Vorsicht! Live-Aufzeichnung!

Steinchen zersplittern unter ihren Schritten, Vögel verirren sich in der Luft.

Am Boden spielen Schrebergartenkinder zum 10. Jahrestag der Angriffe auf die USA lauthals Dschihad. „In zehn Sekunden geht der Anschlag los!! Zehn, neun, acht, sieben..“

Wird Zeit, dass wir weiterkommen.

Krähenversammlung und Waschtag am Himmel, der Feuerahorn wirft erste Blätter ab, wie Blutplättchen sammeln sie sich rund um den Baum.

„Dass das ganze Leben super ist, dass immerzu alles passieren kann und nichts unmöglich ist, diese Einstellung hat mich mein Leben lang getragen. Und jetzt?! Jetzt bin Ende vierzig und alles kracht zusammen“, schimpft sie. „Ich bin gelandet. Nicht mal ne Woche Holland kriege ich noch hin.“ Sie fixiert mich. „Kriegen wir noch hin.“

„Süd-Holland“, sag ich.

Unser Spielzeugkalifornien mit Pommes Frites.

Immer schön bei der Wahrheit bleiben.

*

Richtung Bärenloch begegnet uns eine intakte Familie. Mutter, Vater, zwei Kinder, Großmutter, Hund, es herrscht ausgelassene Stimmung. Die Oma legt liebevoll die Arme um die Enkelin, die das offenkundig geniesst. Mutter und Vater unterhalten sich mit uns, der Gräfin kommt der pummelige Gang des Labradors bekannt vor.

„Das ist doch die Mona, die ist doch früher immer laufen gegangen, wenn sie die Hitze hatte.“

„Genau“, freuen sich Vater und Mutter. Dass sich daran jemand erinnert. Aber Mona ist alt geworden, sie hat Arthrose und schnauft wie ein Seehund und ist froh, wenn sie es ab und zu den Hügel raufschafft, den Hügel im Park.

Als wir im Bärenloch sind, einer weitläufigen Parkanlage mit Hundeauslaufplatz, den wir noch nie benutzt haben, weil es nichts langweiligeres gibt als Hundeauslaufplätze, wo die Hunde rumstehen und sich fragen, was sie hier machen sollen, hat sich die Lage beruhigt. Frau Moll nimmt Anlauf und springt vor Freude in den großen Teich, und die Gräfin unterhält sich mit einem Mädchen, das im flachen Wasser seht und Stichlinge fischt.

Ich geh auch mal dahin.

„Ich hab schon sechzig Stück!“ ruft das Mädchen, keine zehn Jahre alt.

„Kaulquappen?“ sag ich.

„Nee, Stichlinge..!“

Ich guck in den Eimer.

„Das sind doch keine Stichlinge, hör mal. Das sind glitschige kleine Küchenschürzen.“

Mir hört niemand zu. Ich hab auch schon mal besser gescherzt. Der Tag entwickelt sich nicht richtig. Er bleibt im Ungefähren. Da, wo sich niemand richtig wohlfühlt. Wo jedermann nach links und rechts blinzelt, um sich zu vergewissern, wie man ankommt.

„Darf ich euren Hund mal in Stichlingen baden?“ tanzt das Mädchen am Ufer entlang. Die Gräfin steht bis zu den Knöcheln im Teich, die Sandalen hat sie ausgezogen.

„Iiih, die lutschen mir am grossen Zeh, die Stichlinge.“

Das Mädchen folgt der Gräfin ins Wasser.

„Vielleicht nuckeln die mir auch am Zeh. Ich möchte auch am Zeh genuckelt werden.“

Frauen, denk ich.

„Kannst du schwimmen?“ fragt die Gräfin.

„Klar, aber nicht hier drin.“ Das Mädchen rollt die Ärmel hoch. „Hier, fühl mal meine Mukkis.“

Die Beiden haben sich innerhalb fünf Minuten angefreundet und spazieren Hand in Hand durch den Teich, und Frau Moll paddelt eifrig hinterher, um nicht den Anschluss zu verlieren. Wenn Frau Moll später aus dem Wasser steigt, riecht ihr Fell wie ihre alte Blockflöte, meint die Gräfin. „Wenn ich sie zu sehr eingespeichelt hatte, roch sie wie nasser Hund.“

*

Als wir am Nachmittag zurück sind und im Park noch eine Zigarette rauchen, beobachten wir zunächst ein Passagierflugzeug, das wie ein silbriger Walfisch den Himmel durchpflügt, dann eine weitere Krähenversammlung und zuletzt diesen Mann, der seiner Geliebten mal zeigen will, wie hoch er seine Brieftasche werfen kann.

„Mit 500 Euro drin!“

Die Börse verschwindet gleich beim ersten Versuch im dichten Geäst des Kastanienbaums. Eine halbe Stunde lang bemüht sich der Trottel, sein Portmanee wiederzukriegen. Hochklettern geht nicht, da der Stamm unten keine Äste hat, die man als Trittbrett nutzen könnte, also wirft er alle möglichen Stöcke und Steine in Richtung Baumkrone, in der Hoffnung, die Börse zu treffen, damit sie sich lösen kann und herunterfällt, aber er stellt sich dabei so untalentiert an, dass selbst uns als geübte Beobachter anderer Leuts Leben langweilig wird und wir das Beobachten einstellen.

Auch seine Geliebte stöhnt irgendwann nur noch „Blödmann“, und so endet der Tag, wie er begonnen hat.

So ungefähr.

*

Räuber Hotzenplotz ist in der Stadt! Ich lese es auf der Rückfahrt, als ich desinteressiert aus dem Fenster schaue, (nur ranghohe Hunde können sich desinteressiertes Verhalten erlauben), und wer glotzt mich da von einem Plakat an, aus den Tiefen meiner Kindheit?

Räuber Hotzenplotz ist in der Stadt!

Es ist das gleiche Bild wie auf dem Buchumschlag 1970, wo der alte Schelm verschlagen über einen Lattenzaun blickt, auf der Flucht vor Wachtmeister Dimpfelmoser. Die ganze Innenstadt ist mit der Ankündigung gepflastert, ganze Stellwände von Baustellen und Hauswände.

Räuber Hotzenplotz, Puppentheater-Vorstellung, tgl. 15, 17, 19 Uhr.

Ich nehme alle drei!

Mir wird ganz heiß im Unterbauch, da, wo die Seele sitzt, weil ich ab jetzt jederzeit damit rechnen muß, dass Hotzenplotz barfuß und vollbärtig und schlapphütig hinterm Busch hervorspringt, um mit vorgehaltener Knallbüchse die Herausgabe der Kaffeemühle von Seppels Großmutter zu verlangen!

PIFF! PAFF!

Ich bin ganz aufgeregt!

(Ich hab eine leicht frustrierte Aufbruchsstimmung.)

*

Der Text stammt aus dem Jahr 2011. Dem letzten Jahr, wo wir noch Zigaretten geraucht haben.

25.1.18 08:19, kommentieren

Die Crux unserer Tage

Es sind ja nicht die Sätze, die vor Kraft kaum laufen können und einem sofort ins Auge springen wie durchtrainierte Athleten, es sind eher die eingeschobenen kleinen Nebensätze, das Volk der cleveren kleinen Sherpas, die Unterstützer-Szene, die den ganzen Ballast trägt und der man zunächst, auch als Schreiber, zu wenig Beachtung schenkt, die aber den Ton einer Story vorgibt. Den Takt. Den Herzschlag. Den Blutzoll.

Genau das sind die Sätze.

*

Mit einer der unheimlichsten Film-Szenen der Film-Geschichte endet Der Pate, Teil II. Jedes Mal, wenn der Film im Fernsehen wiederholt wird, schalte ich kurz vor dem Ende ein. Ich muss mir das Ende immer und immer wieder ansehen.

Die Szene: Der zunächst in Ungnade gefallene und dann von Clan-Chef Michael Corleone (scheinbar) wieder in die Familie aufgenommene Bruder Fredo fährt im Morgengrauen zum Angeln raus. Mit im Kahn sitzt Al, einer der Untergebenen des Mafiaclans, ein eher unscheinbarer Crack, der es gewohnt ist, still seinem Handwerk nachzugehen.

Die Kamera ist nun abwechselnd im Bootshaus, wo Clan-Chef Michael Corleone zum Fenster hinausschaut, und draussen auf dem ruhigen See.

Der Himmel um diese frühe Uhrzeit ist grau und betonschwer, im Hintergrund spielt die unheilvolle Musik von Ennio Morricone.

„Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes..“, hört man Fredo beten, den Verräter, bevor ein vom Zuschauer ebenso erwarteter wie befürchteter einzelner Genickschuss übers Wasser peitscht. Der Kahn gerät ins Schaukeln, ein Vogel kreischt zwei unvergessliche Male, eng verwoben mit zwei dunklen Akkorden.

*

Weisst du, warum dicke Menschen nicht gut gelitten sind in der Gesellschaft?

Weil es für jeden offensichtlich ist, dass sie sich im Leben zu viel herausgenommen haben.

– Die Gräfin –

*

Immer weniger Menschen können gut zuhören, warum? Weil sie in Gedanken schon vorformulieren, was sie selber sagen wollen – genau das ist die Crux unserer Tage. Und am Ende der Tod der Demokratie.

*

Mit 50 hat man die Weltkarriere im allgemeinen schon hinter sich. Ich nicht. Wie immer liegt darin die Komik, und lauter Missverständnisse.


*

Einen Monat vor ihrem Tod Weihnachten 2010 feierte Mutter ihren 83. Geburtstag in der St. Lukas Klinik. Wir hatten einen großen Tisch in der Cafeteria gedeckt und ein bisschen dekoriert. Während die Familie schon Platz nahm, fuhr ich mit dem Aufzug hoch zur Station, um Mutter abzuholen.

Auf dem Gang kam mir der Tod entgegen, ein Vorbote - ein junger Bursche, blond, keine zwanzig Jahre alt, völlig aufgelöst und verzweifelt. Er kam gerade von der selben Station, auf der auch Mutter lag, und er hatte schlechte Neuigkeiten bekommen. Er machte sich ganz dünn, hielt sich nahe der Flurwand, wo ihn ausser mir niemand zu bemerken schien.

In Situationen, wo das Leben sich plötzlich und unerwartet zum Drama verdichtet, versuche ich mich stets zu vergewissern, ob es einen Gewährsmann gibt, ob ich einen Zeugen habe. Jemanden, der das Erschrecken in seinem Gesicht, sein ebenso ton- wie bodenloses Schluchzen ebenso wie ich beobachtet. Und diese Eile, mit der fortstrebt von der Station, von der schlechten Nachricht.

Ich werde diesen Jungen nie wiedersehen, dachte ich. Er hetzte der Wand entlang. Er bebte vor meinen Augen. Er floh von der Station, auf der auch Mutter lag.

Ich klopfte nicht an. Ich stieß die Tür auf. Sie saß im Rollstuhl und wartete bereits. Tags zuvor war sie mit meiner Schwester beim Krankenhaus-Coiffeur gewesen, extra für den Geburtstag, sie sah richtig schick aus. Ein hübsch gemachtes Großmütterchen.

„Da bist du ja endlich.“

20.1.18 10:49, kommentieren

Arnheim, der Blues (1986)

MUSS RAUS HIER.
JETZT.
RAUS.
REIN IN DEN QUIETSCHEKADETT
UND RAUS AUS DIESER STADT.
WEG VON DIESER FRAU, DER ICH ZU FÜSSEN LIEGE
"KOMM ZURÜCK!",
ABER SIE KOMMT
NICHT..

..also raus auf die Piste da fahren Lastwagen beladen mit
Zigarren die dickste für mich die paff ich zum Blues
der steckt in den Knochen

und im Handschuhfach
da sind Schlagzeugstöcke
mit denen trommel ich den Beat:

SHE-S-MY-BA-BEE-
SHE-S-DRIVING-ME-
CRA-ZEE

2 Wochen und 2 Tage hab ich sie nicht gesehen und dann
heut Nacht das Telefon
ihre Stimme
"Muss dich sehn, mach mir Sorgen, du schmierst ab"
sag ich "Ja Mädchen, das ist der Trip, der scheucht mich"
und nachts zeigt der Türsteher mit dem Finger auf mich

Ahh, da isser wieder der Fertige,

fertig bin ich wirklich schlimm aber da ist diese Frau in
meinem Kopf, sag ich

und schieb ihn beiseite

"Aber sehen will ich dich nicht"
sag ich
"Das würd mich umbringen"

Aber schwach bin ich
hilflos und um 6 in der Früh
kommt sie mit dem Adventskalender wir öffnen zwei Törchen
REDEN RAUCHEN
HEIZEN
durch den Vormittag
kaufen Turnschuhe im Supermarkt
weil die Latschen vom toten Nachbarsjungen
mir kein Glück gebracht haben

tauschen Komplimente an der Kasse
"Du siehst gut aus!"
"Nein, du siehst gut aus!"
"Nein, du!"

Frag ich: "Das ist unwirklich, nicht wahr?!

sagt sie "Doch es ist wahr,
wirklich, lass uns frühstücken".

Da packen wir alles auf einen Teller mein erstes Ei
seit 2 Wochen 2 Tagen,

"Und neue Jeans brauch ich auch,
solche in denen frau die Klöten sieht" sag ich
da wird sie böse das ist gut und dann

DIE UMKLEIDEKABINE
DIE KÜSSE
ABER DA LÄUFT DIESES RADIO
DIESE SERVICEWELLE
DIE MELDET STAUS
AUF DER A8 B9
B10

und so finden wir nicht zueinander
die Zungen blockieren

"Das is nich unsere Zeit", sagt sie,

"Nein, das ist sie nicht", sag ich, "Aber die Jeans,
die passt, die nehm ich"

also raus aus der Boutique und
rein in den quietschenden Kadett,
irgendwohin fahren was kiffen
nichts mehr sagen
nur die Kassette
tönt
die ist von mir
die eiert
das macht uns melancholisch
sag ich "Mädchen, muss jetzt raus hier
auf nach Arnheim in das Zimmer von Schnaat
das auf meinen Blues wartet"

sag ich "Ich liebe dich", sagt sie "Ich dich auch, irgendwie"

und dieses Irgendwie
das ist der Knockout der komische
aber das war heut Mittag

jetzt ist Abend
jetzt ist Arnheim
ich park am Hommelseweg
und tret mit Kubastummel vor die Vermieterin
die bebrillte Kröte

sag ich
"Grüsse vom Schnaat, würd gerne ne Woche hier
knacken, bin auf der Flucht vor dieser Frau",
sagt sie "Klasse, aber für Grüsse kann ich mir nix kaufen,
kost' doch alles, Strom, Gas,
und die Frau, die kenn ich auch nicht,
also 15 Gulden die Nacht"
sag ich "10!"
sagt sie "15!"
sag ich "Abgemacht, Hauptsache ne Hütte"

steig die Treppe hoch
ist das Zimmer kahl
kein Bett keine Matratze
nur Fussboden und ein Haufen Decken

so mach ich mir das Nachtlager
und hier lieg ich jetzt

HOL IHN MIR HOCH
UM IHN WIEDER RUNTER ZU HOLEN
DOCH ALS ER KOMMT DER ORGASMUS
DENK ICH ES WÄRE IHRER
DEN DER SOLDAT IHR MACHT
UND LASS LOS LASS SPRITZEN
LASS RUMSEN IM BAUCH
BIS ES HELL WIRD
draußen

das ist der Blues der akute Schwitzkasten
selbst im Traum steh ich auf dieser endlosen Strasse
seh sie fortlaufen mit dem Soldaten
immer schneller
will ihr nach ich schaff mich schwitze
steck fest bis sie fort ist nur
noch ein Punkt in der Ferne
da renn ich los in andere Richtung
gar keine Richtung

also rein in die Röhrenjeans
die O-Beine auch nicht gerade
gerade macht
und runter auf den Hommelseweg

HALLO ARNHEIM HIER BIN ICH

aber wer ist ich?
Steh doch nur neben den Schuhen
weil sie drinsteckt sogar in diesen
und die sind so neu
dass die Ferse blutet
das ist der Blues

ICH GEH
FÜHL
& KOMM UM

SEH ZWEI PUNKS
EINEN KANISTER DURCH DIE GOSSE TRETEN
MIT SPITZEN STIEFELN BIS SIE FLITZEN
DENN DA BIEGT DER METZGER UM DIE ECKE
STEMMT DIE FÄUSTE IN DIE HÜFTE

aber das juckt mich nicht ich

seh nur die Mayonnaise aus den Ritzen quillen
denk mir ist

EH ALLES BLECH
EINDRESCHBAR

Und das diese Frau mich wahnsinnig macht

Was ich ihr alles verspreche
"Ich mach ne Million Dollar und hol dich zurück/Oder in Lire/Fürn Anfang auch nich übel/Oder ich leih mir was!"
lacht sie "Junge bist du drauf"
sag ich
"Klar, Mädchen, aber deine warmen braunen Augen,
die machen mich so satt dass kein Hunger bleibt
für Worte, die mir Dollars bringen sollen,
also bleibts bei den Lire"

doch das findet sie nicht witzig
ich auch nicht
es sind nur die schweren Sachen im Blut
die mich sülzen lassen
jung bin ich
blöd hab keine Zeit für Weisheit und

MEINE EINZIGE ERFAHRUNG
IST DIE EFAHRUNG
DASS ERFAHRUNG HUMBUG IST
ES MACHT HUM
UND DU KRIEGST WAS VOR DEN BUG

das ist alles das ist wie Langlegen/Aufstehen/Lang
legen/Aufstehen der Rhythmus stimmt
aber ich
ich
lieg grade lang
nehm mich selbst furchtbar wichtig
also weg von dieser Strasse
vom Gestank holländischer Fritten
in gelben Tüten und

Rein in die Cafeteria/Da steht ein Tisch/Da klemm ich den Bauch dran/Den Taste ich ab mit dem Kugelschreiber/Aber da kommt nichts/Weil ich ja doch nur an sie denke
an ihre Worte
die ich vom Ohr gleich rüberlege zur Goldwaage
damit ich ein Bild kriege
doch ihr Kopf ist ein Tollhaus
da gehts drüber
da gehts drunter
und was sind da schon Worte
ausser unzulänglich und verlogen

Da denk ich lieber an zu Hause
an den BEUTEL BRATWURST IM KÜHLSCHRANK
der sollte Proviant sein
hab ich aber liegenlassen vergessen
wie den Brösel und meine Purpfeife
die kleine Freundin die stopf ich
dass sie es mir warm macht
oder das Herz rasend

Doch jetzt seh ich nur die Spiegelwand
bin erschrocken wie normal ich wirke
nichts dringt nach außen
bin nur der Sack der
sich nicht öffnen lässt
sonst liess ich ihn strömen
den Schmerz bis er mehr
Ausdruck fände als Fassade und Gesülze

DAMIT DU BESCHEID WEISST

Kraftlos bin ich eine einzige Lücke
und hundertfünfzig Kilometer Luftlinie
von dir entfernt und diese Linie in der Luft
die gibts wirklich

Warum also flüchten warum Arnheim
auch nur eine deprimierende Stadt
nicht mal gross
nur deprimierend
wenn man kein Bild ist
in den Köpfen von Eingeweihten

also rein in den Kadett
quietsch mich heim zu ihr
zur Bratwurst im Kühlschrank.

17.1.18 17:48, kommentieren

Wasserkrawall

Montagfrüh, Regenwetter, Gesichter. Ich war mit dem Obus unterwegs, musste am Central umsteigen. Wer fremd ist in der Stadt und eine Kreuzung namens Central sucht oder das Hotel Tack am Central, der wird vom Navigationssystem zu einem unspektakulären Knotenpunkt zwischen den drei Stadtteilen Gräfrath, Mitte und Wald gelotst. Viel Lärm, eine große Versicherungsagentur, eine Kneipe, die früh um acht schon brechend voll ist, ein Hotel. Kaum Baum.

Da fällt mir ein: Wie der Herrgott einst die Natur erfand? Ich kann es euch sagen. Er liess einfach sein gesamtes Inventar über Nacht draußen und wartete ab, bis alles grün wurde. So machte er es immer. So ungefähr. Am Central hatte es nicht so gut geklappt. Ich meine, ein Baum..

Unweit des altehrwürdigen Hotel am Tack stieg ich aus dem Bus und spannte den Schirm auf. Die Regenböen trafen mich seitlich, ein kräftiges Westgeschäft, STURM, da konnte auch der begabteste Schirm nichts reißen. Also klappte ich ihn wieder ein und zog die Kapuze über. Im strömenden Regen wechselte ich die Strassenseite, und obwohl ich es eilig hatte, blieb ich auf dem Trottoir jäh stehen. Von der Dachrinne eines hohen Gründerzeitbaus prasselte das Wasser nieder, gebündelt zu einem langen Zopf schlug es hart aufs Pflaster. Ich drückte mich ein Stück der Hauswand entlang, bis ich lotgenau unter dem Wasserfall zum Stehen kam und ihm Gelegenheit gab, auf den – jetzt wieder entspannten – Schirm zu trommeln; ein Gehämmer wie von hundert Protzen, die sich vor der Pinkelrinne aufbauen und es krachen lassen.

Es blieb keine Zeit, auch wenn ich ein großer Fan von Geräuschen bin – ich musste den Bus nach Wald erwischen. Hinter mir hörte ich ihn schon herankriechen, den Strom kauenden Oberleitungsbus, los jetzt: bei Rot über die Fußgängerampel.

Nun war ich nicht der Einzige, der die Linie 2 noch kriegen wollte, in meinem Schlepptau wackelte ein xbeiniges Mütterchen über die vielbefahrene Straße und zwang den Berufsverkehr (und einen hochhackigen Freizeitjeep) zum Mitdenken, sonst wäre sie weg gewesen von der Bildfläche.

„Na, wir sind ja schöne Vorbilder“, schnaufte das Mütterchen, als wir an der Haltestelle ankamen. "Bei Rot über die Ampel.."

„Ja wie sonst“, keuchte ich.

Es stellte sich schnell heraus, dass es der falsche Bus war. Statt nach links Richtung Solingen-Wald bog er an der Kreuzung nach rechts ab, Richtung Solingen-Gräfrath. Es handelte sich um die Linie 3 statt Linie 2.

„Sind wir ganz umsonst bei Rot gegangen“, feixte die alte Dame, „hätten wir uns gar nicht sputen müssen.“

Ein bißchen ähnelte sie einer pumpenden Kaulquappe, aber das konnte auch an den nassen Umständen liegen. Ein kleines Persönchen, das sich trotz des hohen Alters linkisch bewegte, unfreiwillig akrobatisch.

„Das wird überhaupt nicht richtig hell heute“, sagte sie.

„Stimmt, seit Tagen nicht.“

„Ja stimmt. Seit Tagen nicht.“

„Nicht richtig hell.“

Ich schaute mich um. Wo ich stand, war geweihte Erde. Die Haltestelle war keine zehn Schritte entfernt von dem überwucherten Gelände, auf dem einst das Geburtshaus von Pina Bausch stand. Ein zuletzt baufälliges altes Fachwerkhäuschen, das gegen geringen Widerstand in der Bevölkerung abgerissen wurde, zu einem Zeitpunkt, als Pina Bausch noch lebte und kaum jemand in der Stadt wusste, wer Pina Bausch überhaupt war. Bis auf die Tanzinteressierten. Ein Jahr später war sie plötzlich tot, und plötzlich wusste die ganze Stadt, wer Pina Bausch gewesen war, die große Choreografin des Plötzlich, und alle wollten ihren Tod mitfeiern.

- Die Gräfin nahm mich 1989 mit ins Stadt-Theater zum Ballett. „Wie, Ballett?“ fragte ich. „Was soll ich im Ballett?“ „Nicht Ballett“, sagte sie. „Pina Bausch.“ Wir sahen uns "Nelken" an. Toller Abend. -

Am Central war ein Brachgelände aus dem historischen Ort geworden, wo Pina Bausch aufwuchs. Nahe Hotel Tack, unweit Cafe Müller. Wilder Weizen hatte sich ausgesät, buschige kleine Regentage, eine Landschaft ohne Zaun, mild und friedlich, wie von einem wohlmeinenden Regengott hingewürfelt, locker aus dem Handgelenk, Solingen-Central, zwischen Wald und Gräfrath.

Wo Pina als zehnjähriges Mädchen sonntags losgezogen ist, um Kuchen zu holen im benachbarten Cafe Müller. Die kleine Pina, immer in Bewegung, immer am tanzen, immer Schlange.

Solingen, am Central 1950.

„Stellen Sie sich vor, all der Regen der letzten Woche wäre als Schnee runtergekommen“, schlug das alte Mütterchen vor, tief unterm Schirm geduckt.

„Ja, dann wären wir jetzt eingeschneit, dann würden wir jetzt versinken“, sagte ich.

„Nach dem Krieg war ich mit meinem Bruder im Westerwald, mit dem Zug. Sei vorsichtig, wenn du aussteigst, hatte mein Bruder noch gesagt. Der Schnee liegt hoch, wenn du hinfällst, buddel ich dich nicht mit bloßen Händen raus. Und was tut die kleine Schwester? Springt einfach aus dem Zug. Klar, das konnte man von oben nicht sehen, wie hoch der Schnee lag. Und schwupps war ich weg, eingesunken bis zur Nasenspitze. Was hab ich geschrieen.. Ich dachte, ich ersaufe.“

„Und dann hat der große Bruder Sie ausgegraben?“

„Ja natürlich, dafür sind große Brüder doch da. Der war zehn Jahre älter als ich und einen Kopf größer. Du großer Blödmann, sagte ich immer. Und dann hat er mich ausgegraben. Mit seinen Spatenhänden. Da..! Unser Bus..“

Die alte Dame zog den Schirm ein und wankte beim Einsteigen wie ein Schiffchen im Sturm, ich folgte ihr, drehte mich aber kurz um und sah die kleine Pina, wie sie vom Cafe Müller kam, eine Papiertüte voller Gebäck in der Hand, über den Bürgersteig tänzelend, auf Zehspitzen "Von den blauen Bergen kommen wir" summend.

(Unser Lehrer ist genauso doof wie wir.)

Ich verzog mich ganz nach hinten, in die letzte Sitzreihe. Der Regen klopfte hysterisch gegen die Panoramascheiben. Ich sah den Nothammer, merkte mir die Position. Nur für den Fall.

Wasserkrawall.

16.1.18 11:07, kommentieren

Pott-leck, Pott-leck, Schwarzenbeck

Niemand wusste, was Pottleck bedeuten sollte, aber man stellt Begriffe nicht in Frage, wenn man jung ist, sie sind eben da, sie sind in der Welt, irgendwer hat ihnen einen Namen gegeben, einen Stempel aufgedrückt, fertig, aus,

Pot-leg.

Nachmittags trafen wir uns unten im Klauberg zum Fußballspielen. Mit seinen niedrigen Mäuerchen und Erdhügeln, die den großen Bolzplatz zu den Seiten abschirmten, war der Klauberg eine Art kleines Natur-Stadion. Und da es sich schnell herumsprach, dass hier eine Menge blutjunger Talente bolzten, saßen nicht selten zehn, zwanzig schreiende Frührentner um den Platz herum, die ihre missratenen Söhne anfeuerten.

Da war dieser knorrige alte Pole, der bei jedem Wetter kam, um seinen untalentierten Bub zu unterstützen, der keinen Namen hatte, kein Wort Deutsch sprach und nur stur geradeaus rannte mit hochroter Birne, ohne je die Pille zugespielt zu bekommen. Eine tragische Figur. Der Vater.

Der Sohn aber auch.

Bevor es losging, mussten Mannschaften gewählt werden. Dazu wurden zwei Kapitäne bestimmt, in der Regel die beiden stärksten Spieler auf dem Feld. Wer von den beiden mit dem Wählen beginnen durfte - was ja nicht unwichtig war, schließlich konnte sich der Gewinner den nächstbesten Spieler sichern, oder den einzigen Torwart - das wurde mit einer Runde Pottleck ausgefochten.

Pot-leg.

Beim Pottleck standen sich die beiden Kapitäne gegenüber, im Abstand von einigen Metern, und marschierten abwechselnd einen Fuß vor den anderen setzend aufeinander zu.

Also, erst ging A eine Fußlänge vorwärts, dann B, immer im Wechsel.

Gewonnen hatte, wer als letzter einen Fuß setzen konnte, ohne sein Gegenüber an der Schuhspitze zu berühren. Je später der Nachmittag, desto ausgefuchster wurde gepottleckt. Vor allem in den Großen Sommerferien, wenn es erst spät am Tag dämmerte und schon mehrfach gewählt worden war, wurde die entscheidende letzte Fußlänge gestückelt:

Wenn abzusehen war, dass es zuletzt zwischen den beiden Kontrahenten für eine ganze Fußlänge nicht mehr reichte, setzte man den Fuß eben schräg in die verbliebene Lücke, schon passte es. Manchmal blieben auch für den Gegner noch zwei, drei Zentimeter Platz: Genug für eine Schuhspitze, von oben in den Staub gedrückt.

„Ballerinaaa!!!“ musste so ein Sieger vielleicht über sich ergehen lassen, aus dem Hals von zwanzig wütenden Frührentnern und einem knurrenden Polen, aber gewonnen war gewonnen, wen juckten da höhnische Rufe.

Nur warum dieses Verfahren in unserer Strasse Pottleck hieß, oder Pot-leg, keine Ahnung. Interessierte auch keinen.

Hieß eben so.

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Jeder kennt es, diese Szenen aus der eigenen Kindheit, die in unregelmäßigen Abständen auftauchen, aber keinen erkennbaren Sinn machen. Wo man sich, mittlerweile erwachsen, fragt: Ach ja, und was soll das bedeuten, bitteschön!? Warum fällt mir ausgerechnet diese belanglose Szene ein? Hatte meine Kindheit nichts Spannenderes zu bieten!?

Die Szene, die in meinem Kopf periodisch wiederkehrt, ohne erkennbar Sinn zu machen, spielt im Jahre 1972. Ich komme von der Schule heim und freue mich auf Fußball im Fernsehen: das Europapokalspiel zwischen Steaua Bukarest und Bayern München. Ein Nachmittags-Spiel, Europapokal der Landesmeister.

So sehr ich Bayern München heute hasse, in den frühen Siebzigern hatte das Team ein Gesicht: Gerd Müller hatte ein Gesicht, Beckenbauer hatte eins, Bulle Roth, ja sogar Uli Hoeness, pfeilschnell und immer geradeaus rennend, hatte zumindest eine hochrote Birne. Und, nicht zu unterschlagen, der vierschrötige Vorstopper Katsche Schwarzenbeck, der wie eine Machete übers Spielfeld marschierte, um seinen Kollegen den Weg frei zu hauen.

Fußball im TV war damals was besonderes. Am Samstag lief im Ersten die Sportschau um sechs, abends das Aktuelle Sportstudio im ZDF, ab und an gab es ein Länderspiel, und eben der Europa-Cup. Da Rumänien 1972 noch kein Farbfernsehen hatte, wurde die Partie aus Bukarest in s/w übertragen. Aber darum geht es gar nicht. Die rätselhafte Szene, die im Schnitt alle paar Monate in mir hochgespült wird, betrifft den Kinderfilm, der vor dem Fußballmatch ausgestrahlt wurde, ebenfalls in s/w, und von dem ich nur das Ende mitbekam, kurz bevor der Abspann einsetzte.

Ein Junge, etwa mein Alter, sitzt auf einer betonierten Kaimauer und blickt hinaus aufs offene Meer.

Man hört Möwengeschrei.

Sonst nichts.

Nur das Meer, der Hafenkai, der Junge. Genau dieses Bild. In schwarz und weiß.

Kommt dauernd in mir hoch.

Und jetzt kommt mir bitte keiner mit so Psycho-Kram à la: dieser einsame Junge, der da sitzt, das bist doch du!

Schon klar.

11.1.18 16:23, kommentieren

Auf den Feldern und im Park

Bei der Gräfin ist alles ein bißchen anders. Ist es draußen 35 Grad heiß, steht sie in der Küche am Backofen und kocht Lasagne, regnet es in Strömen, geht sie drei Stunden lang mit dem Hund spazieren. Am liebsten auf den weiten Feldern oben am Theegarten, ihrem windigen Ersatz-Holland. Auch wenn ein Amerikaner zu den Anhöhen sagen würde:

Oh, what a nice kräutergärtlein..!

„Ich werde hier immer glücklich. Alles ist weit, alles ist möglich“, sagt sie. "Und der Wind, der hier oben weht, riecht nach Nordsee. Und das Geraschel in den Holundersträuchern nach Campingplatz.“

„Ihr Bobtail ist aber schon alt“, meint ein dicker Mann, dem sie auf dem engen Feldweg begegnet, als der Regen aufhört und sie heim will.

„Der ist nicht alt und auch kein Bobtail“, sagt die Gräfin,
„und außerdem ist es eine Sie und kein Er.“

„Na denn“, sagt der Alte missmutig.

Frau Moll sitzt bettelnd vor ihm. Hunde sind kalte Genossen. Da kann die eigene Mutter totgeschlagen werden, und der Hund reicht dem Täter noch das Pfötchen: „Guten Tag. Haben Sie ein Leckerchen?“

Bobtail ist natürlich Blödsinn. Frau Moll ist ein Hütehund, der im Dezember 2007 vier Jahre alt wird. Sie ist früh ergraut und allmählich wechselt ihre Fellfarbe ins Weiß: Anstreicherweiß. Und tropfen tut sie auch. Allerdings in rot.

"HE, DU ALTE BLUTMASCHINE!!"

Ich bin fassungslos. Ich meine, dass Frau Moll heiß ist, das ist nichts besonderes, so ist das, wenn man eine Hündin hat, tröpfelt sie eben ein paar Tage lang die Hütte voll und markiert draußen alle naselang geheime Stellen-Angebote: Rüde gesucht. Aber wenn ich mein Zimmer betrete, eine Art Kinderbüro mit Steuerfahnderschreibtisch und Rechner, möchte ich kein freches Aas mitten im Raum stehen sehen, das mir ihren heißen, nackten Hintern entgegenstreckt.

"GRÄFIN! DIE BLUTMASCHINE BAGGERT MICH AN!"

Zwar ist Frau Moll empfängnisbereit nur an ein oder zwei Tagen während der dreiwöchigen Hitze, es reicht aber um die Rüden der Nachbarschaft um den Verstand zu bringen.
Gestern, auf dem dunklen Poussier-Weg in den Anlagen. Zunächst hat Frau Moll Mühe, den Beagle abzuwehren, der wie ein Totschläger hinter ihr her watschelt und beinah über die eigene Erektion stolpert, und gegen halb Acht kommt Müller um die Ecke. Müller, ein einjähriger Schäferhundmischling mit wildem schwarzen Fell, wie verfilzte Tischtuchbommel hängen die Haare an ihm runter.

Eine Weile springen Frau Moll und Müller sich gegenseitig an, verspielten Bergziegen gleich, bis der junge Rüde plötzlich von Frau Moll ablässt und aufmüpfig Runden dreht auf der abendlich dahindämmernden Wiese. Schliesslich verlieren wir ihn aus den Augen. "MMMÜLLAAAH!!" ruft sein Frauchen besorgt, als ich hinter mir plötzlich ein Schnauben verspüre, und rumms!! rammt mir jemand seinen harten Sattel in den Schritt! Zack! Von hinten! Ich steh da. Verdattert, einen Tour de France- Rennsattel im Arsch.

"Ist das normal jetzt?" steigt meine Stimme in Frequenzen hoch, die sonst nur Tieren zugänglich ist.

"Irgendwo hat der Müller seine Schnauze immer drin!" giggelt sein Frauchen und packte ihn am Halsband. "Pfui, Müller! Das ist pfui!"

Das hätte man aber auch netter sagen können, hör mal!

3.1.18 17:47, kommentieren

Von der Moni-Dichte und dem Abschalten der Geräte

Ich treffe Lüttich, als ich unterwegs in die Stadt bin. Mittlerweile treffe ich nicht mehr tausend Bekannte wie früher, wenn ich in die Stadt gehe. Es kann passieren, dass ich nicht einen einzigen alten Bekannten treffe in der Innenstadt, dass ich niemanden grüße, wenn ich in den Bioladen stiefle und Brot kaufe. Ganz im Gegensatz zum Kannenhof und dem angrenzenden Landschaftsschutzgebiet. Da kann ich praktisch hergehen, zu welcher Tageszeit ich will, ich treffe immer jemanden, das liegt am täglichen Rausgehen mit dem Hund. Da wird man bekannt. Da trifft man immer jemanden. Das geht an die Nerven. Manchmal bin ich froh, wenn ich ohne Hund in die Stadt gehe, und meine Ruhe habe.

Wir begrüssen uns mit abgespreiztem kleinen Finger, der rothaarige Lüttich und ich. Das ist ein Ritual, seit er mir beim Fussballspielen unabsichtlich den kleinen Finger gebrochen hat. Das war 1981. Wir kickten nachmittags in den Malteser Gründen. Er foulte mich, und ich stürzte unglücklich. Und schon stand der kleine Finger ab wie eine runtergelassene kleine Schranke. Wir haben schon oft unsere kleinen Finger gespreizt, seither. Wenn wir uns begegnet sind, Lüttich und ich. Er arbeitet seit Jahr und Tag in einer Solinger Hinterhofschleiferei. Er ist ein Schleifer. Ein Schlieper. Männer wie er haben Solingen einst groß gemacht. Es gibt sie immer noch. Ich kenne noch so einen Schlieper, einen Spezialisten für Gemüsemesser. Aber hier sprechen wir von Lüttich.

"Schon gehört?" meint er aufgekratzt. "Die Moni ist tot."

"Moni..? Welche Moni?"

"Na, die Moni."

Etwa die Moni, die sich im Heroinrausch so schön hemmungslos zwischen den Schenkeln kratzte, so lange, bis die halbe Kneipe mitgekratzt hat, mit den Augen?

"Ich dachte, die ist clean", sag ich.

"Ja, die Moni ist clean, die du meinst.. Nee, die Moni mein ich nicht! Ich mein die andere Moni, die mit dem kleinen Hund. Die ist nicht clean. Die ist tot."

"Die mit dem ganz kleinen Hund?"

"Genau. Der immer wie ein Flummi an einem hochspringt. So ein Zitterbalken."

"Und die ist tot?!"

"Ja, die ist tot. Herzschwäche. Mit sechsundvierzig. Einfach so. Umgefallen. Tot."

Eine Woche später. Die Gräfin berichtet, sie habe Moni getroffen, auf der Straße. Mit ihrem kleinen Hund. Er sprang wie ein Flummi an ihr hoch.

"Ich dachte, du wärst tot", staunte die Gräfin.

"Ja, hab ich auch gehört", meinte Moni.

Ihr kleiner Hund hatte Herzbeschwerden gehabt, war ein paar Tage malad gewesen. Das war alles. Daher das Gerücht. Jetzt titscht er wieder, der kleine Hund. Der Zitterbalken. Na, kann passieren, so ein Übermittlungsfehler.

Bei dieser gewaltigen Moni-Dichte.

Zwei Monis.

(Ich kenne sogar noch eine.)

Und dann die Sache mit Gregor, Gregor aus dem Kongo.
Ein rabenschwarzer Lastwagenfahrer mit einem dicken deutschen Schäferhund. In Witzhelden, einem kleinen Kaff im Bergischen Land, unweit von Solingen, holt sich Gregor nach dem Kegeln eine Schale Pommes auf die Faust. Zwischen zwei parkenden Autos hindurch tritt er auf die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten, und wird prompt von einem Wagen erfasst.

Er stirbt auf der Stelle.

"Überall auf der Strasse lagen Pommes rum", erzählt mein Bruder, der zufällig in Witzhelden zu tun hatte an diesem Tag. "Noch fünfzig Meter weiter hinter der Kreuzung.. überall.. lagen Pommes."

Beim Kegeln hatte Gregor aus dem Kongo seinen vierzigsten Geburtstag gefeiert, in der Kneipe, in der er manchmal selbst kellnerte, wenn auf dem Bock nichts zu tun war, wenn er zusehen musste, wie die Miete reinkam. Gregor, ein Kerl mit einem Kreuz wie ein Reckturner, der zur falschen Zeit am falschen Ort in eine Schale Pommes Frites vertieft war.

Ehrlich gesagt: Ich weiss nicht genau, was das Schicksal daran so witzig fand. Wahrscheinlich ist Witzigkeit kein Eingreifkriterium für das Schicksal.

Keine Ahnung.

Eine Woche lang lag Gregor aus dem Kongo im Koma, Gregor aus dem Kongo, den viele Leute gemocht hatten, weil er so ruhig war und stets in sich gekehrt, dann verfügte die Staatsanwaltschaft die Abschaltung der Geräte.

3.1.18 13:22, kommentieren

Wieso bist du eigentlich nicht Chef von der Welt?

Der Typ ist etwa so alt wie ich und kurvt auf einem Tretroller herum, einem dieser Dinger, die vor Jahren populär waren, mittlerweile aber wieder aus dem Stadtbild verschwunden sind. Und wenn einem doch mal Tretroller begegnen, dann unter den Füßen von Kindern und Jugendlichen. Ausnahme: dieser Knabe um die fünfzig, der sein Käppi falschrum trägt.

Linie 683. Er steigt am Central zu, den Roller eingeklappt. Der Bus ist knackevoll, kein Sitzplatz frei. Nur in der Mitte, wo Kombikinderwagen, Sport-Buggys und die Doppelwagen schlechtgelaunter Postboten abgestellt sind, ist noch etwas Platz, wenn auch nur zum Stehen. Der Tretrollertyp quetscht sich zu mir durch, als wäre ich sein erklärtes Ziel, und lacht herzlich.

„Was soll ich groß zu Fuß zu gehen, wa!“

„Hm“, sag ich. „Sicher.“

„Ist ein Cityroller. Mein kleiner Scooter.“

Hallo Scooter. Ich wusste ja gar nicht, dass wir Freunde sind, dein Herrchen und ich. Neben uns drängeln sich zwei Frauen an den Halteschlaufen. Eine hat rotes Haar und schwärmt von diesem total süßen kleinen Thailänder in Elberfeld, wo sie gestern Abend zum Essen eingeladen war.

„Aber so was von tootal lecker! Der Koch war am Singen in der Küche, konnte man bis an unseren Tisch hören! So Opern! So Arien! Das einzige, was störte, war Schloss Neuschwanstein an der Wand. Ich meine, bei einem Thai, also ehrlich! Geht gar nicht! Das Essen war so scharf, ich musste mir ein neues T-Shirt anziehen auf der Toilette. Aber so was von tootal leeckah!“

In Elberfeld, Calvinstrasse, erste links. (Für Interessenten.)

Kurz darauf gibt es einen lauten Knall, oben am Wasserturm, der Bus stoppt. Auf dem Fahrzeugdach hat sich eine der Stangen gelöst, mit denen der Strom von der Oberleitung abgenommen wird. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Fahrer schaltet auf Batteriebetrieb und kriecht den Rest der Strecke mit 30 Stundenkilometern durch den Verkehr, oder er zieht sich Arbeitshandschuhe an und führt die sechs Meter lange Stange wieder ans Stromnetz heran. Er entscheidet sich für Arbeitshandschuhe. Ein Aufatmen schwappt durch die Reihen. Niemand will Batteriebetrieb. Niemand will mit 30 Stukkis durch die Lokalgeschichte zuckeln. Niemand will Zeit geschenkt haben zur unfreien Verfügung.

Funkverkehr ist zu hören.

„Hier Linie 3 Richtung Graf-Wilhelm Platz. Hab eben die Stange verloren, weil die 2 die Weiche nicht umgestellt hat. Da schreiben wir noch eine Meldung drüber.“

„Das alte Schwein“, lacht der Tretrollertyp, er steht so nah, ich rieche sein Frühstück, „hat der seine Stange verloren.“

Nachdem die Stromversorgung wieder gesichert ist, fahren wir bis zum Grafen und steigen gemeinsam aus. Er muss zur Sparkasse, ich auch, wir bleiben auf ein Viertelstündchen vor der Hauptfiliale stehen. Wenn ich jemand kennenlerne, lasse ich ihn reden, ich höre mir erstmal an, mit wem ich es zu tun hab. Dahinter steckt weniger Strategie als die Angewohnheit, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Eingreifen ist was für Macher, ich bin ein Lasser. Eine halbwegs funktionierende Gesellschaft setzt sich paritätisch aus Machern und Lassern zusammen, und darüber hinaus wird jede Person speziell zusammengestellt für ihr eigenes Leben.

Es ist ja so heutzutage: Viele Leute, nein, die meisten Leute können nicht gut zuhören, weil sie dauernd Dinge im Kopf haben, die sie selber sagen wollen. Sie formulieren schon im Kopf, was sie gleich sagen werden, sobald sich im Gespräch eine erste Pause auftut. Ich habe meist nicht viel im Kopf, was ich zu sagen hätte, das ist ein Vorteil. Wenn ich doch mal was zu sagen habe, schreibe ich es auf und gebe es jemandem zu lesen.

(„Ehrlich gesagt, ich kapiere oft kein Wort von dem, was ich so alles denke am Tag. Am liebsten würde ich den Stimmen, die mich dauernd zuquatschen im Kopf, zurufen: MAUL HALTEN!“ – Die Gräfin)

Wenn ich nicht gerade einen schlechten Tag erwische, schenke ich jedem Menschen, dem ich begegne, eine Viertelstunde. Ich staune immer wieder, was so alles in eine Viertelstunde reinpasst aus dem Graubereich zwischen den beiden großen Eckdaten unseres Daseins, zwischen Leben und Tod: Variationen von Wahrheit sowie Autounfälle, Skiunfälle, Unfälle. Ein Leben in Unfällen in 15 Minuten.

Dass in Zukunft jeder 15 Minuten weltberühmt sein wird, wusste schon Warhol. Dass aber Nahrungswissenschaftler nachgewiesen haben, dass der Mensch nach einer Viertelstunde satt ist, egal, was und welche Mengen er vertilgt – das ist neu. Eine Viertelstunde reicht, um unseren Hunger zu stillen, eine Viertelstunde ist die Zeitspanne, die uns sättigt.

„Nach dem Essen ist man erstmal eine Weile blöd. Etwa eine Viertelstunde lang. Weil der ganze Körper mit Verdauen beschäftigt ist, auch das Gehirn.“ (Die Gräfin).

Der Tretrollermann, Baujahr 60, geschieden, hat einen 16jährigen Sohn und berufsmäßig zuletzt in Holz-Pellets gemacht, bevor der Unfall geschah.

„Bevor mich der Pole überfahren hat.“

„Ein Pole? In Polen?“

„Nee, unten an den Schwarzen Pfählen. Ich hatte die Beine mehrfach gebrochen, die Hüfte gequetscht, ich war zwei Monate im Krankenhaus. Seitdem bin ich Frührentner, zu hundert Prozent. Willst du meinen Schwerbehindertenausweis sehen?“

Unter Freunden? Nicht nötig. Er war mit dem Motorrad unterwegs an diesem Tag vor vier Jahren, als ein Pole ohne Führerschein ihm die Vorfahrt nahm in einem gestohlenen Wagen.

„Zwei Jahre vorher hatte ich meiner Frau ein Haus gebaut. Ich baue nie wieder ein Haus mit Keller, Fußbodenheizung reicht. Einen Keller bauen, nur damit die Frau keine kalten Füße kriegt, ich glaub, ich spinne. Nee, die nächste Frau kriegt Fußbodenheizung, das muss reichen. Ich reiss mir für keine Frau der Welt mehr den Arsch auf, nur damit der Tante nicht fußkalt ist. Nach dem Unfall hat es kein halbes Jahr gedauert, ich musste noch mal ins Krankenhaus wegen dem Bein, da lernt sie diesen Kerl kennen, diesen Doktor Doktor. Soll ich dir was sagen? Der freut sich heute noch über mein Haus. Der lacht heute noch über mich.“

„Wie? Wohnt der da?“

„Ja klar wohnen die da!“

Erst denk ich, oha, jetzt wird aber einer sauer, denn Grund dazu, sauer zu sein, hätte er. Das sind die schwierigen Momente für jeden professionellen Zuhörer. Es ist, als würde man einen Film gucken, wo man genau weiß, was als nächstes kommt, aber umschalten geht nicht, weil man im Kino sitzt. Und tatsächlich zieht er kurz und heftig vom Leder, („Was wir Männer heute alles sein müssen! Wir müssen Ficker sein, Papa, Mama, Geschäftsführer, Prokurist, LKW-Fahrer, Pilot, Flugkapitän.. und wenn man morgens aufwacht, was sagt die Frau als erstes? Na, bist du endlich Chef!? Hast du’s endlich geschafft? Warum bist du eigentlich nicht Chef von der Welt!?“)

Aber er fängt sich schnell wieder. Es leuchtet sportlich in seinen Augen, als er von seinem fünfzehn Jahre älteren Bruder erzählt, einem Unternehmer in Bolivien, im Hochland, so richtig mit Pferderanch und Kaffeeplantage, ein gemachter Mann: vier Betriebe, vierzig Mitarbeiter, viertausend Stück Vieh.

„Warum gehst du nicht auch nach Bolivien? Zu deinem Bruder?“

„War ich doch schon! Schon vier mal!“

„Na ja, ich mein, richtig da leben. Kannst du doch auf der Ranch deines Bruders arbeiten. Nicht nur Urlaub machen. Richtig da leben.“

„Mach ich doch vielleicht! Nächsten Sommer fliegt erstmal mein Sohn rüber.“

Da Ende des Monats ist, schleicht eine Menge Gesindel vor der Sparkasse herum. Abwechselnd verschwindet einer in der Filiale und schiebt die Karte in den Kontoauszugsdrucker, um zu schauen, ob Kohle schon drauf ist. Eine Menge übler Laune und verdruckster Sozialbilanzen schleicht Ende des Monats in den Innenstädten herum. Es mieft nach nicht gewechselter Wäsche, nach fehlenden Zähnen und billigem Essen. Ganze Gesichtsbereiche sind wie verödet.

„Vor dem Unfall mit dem Polen bin ich jedes Wochenende Motorrad gefahren, alle Rennserien. Ich hab ein ganzes Zimmer voller Pokale. Sogar in der alten DDR hab ich 1989 noch einen Silberteller geholt, 2. Platz unter fünfzig Fahrern. Und zuletzt war ich in Schottland, Quad fahren. Mein Motorrad war mein Leben.“

Vor der Sparkasse macht er den Scooter startklar. Drei schnelle Handgriffe. Klapp, klapp, klapp.

„Am schönsten war meine Weltreise 1982, AROUND THE WORLD. Ich hatte ein Weltticket für dreitausendzweihundert Mark, damit konnte ich jedes Flugzeug besteigen, ein Jahr lang, weltweit. Ich war in Amerika, Australien, Asien. Und wenn ich Asien sage, mein ich nicht Thailand, sondern Indonesien. Die Inseln. Das ist für mich Asien.“

Zuletzt flog er in die Südsee.

„Bora Bora.“

„Bora Bora..?“ sag ich. „Woher kenn ich das denn nochmal…? Ist das nicht die Insel, auf der Die Meurerei auf der Bounty gedreht wurde? Mit Marlon Brando?“

Er trägt seine College-Kappe falschrum aufgesetzt, Blue Jeans, hat gute Zähne. Sein Gang ist beschädigt, vom Unfall mit einem Polen an den Schwarzen Pfählen. Die Hüfte steht ein Stück weit heraus, wie eine Schublade, die klemmt, die nicht mehr richtig zugeht.

„Kann sein. Ist bei Tahiti, Bora Bora“, sagt er.

„Ja, mit Marlon Brando.“ Jetzt laufe ich zu Form auf. Vielleicht keine Bestform, aber immerhin, jetzt bin ich mal im Erzählgeschäft – ein, zwei Sätze lang buttere ich meine Sozialbilanz.

„Der hat doch bei den Dreharbeiten so ne Eingeborne kennengelernt und später geheiratet. War das nicht auf Bora Bora?“

Er schüttelt den Kopf. Keine Ahnung, sagt die Geste.

„Solange es irgendwie geht, flitzen Scooter und ich durch die Gegend. Ich muss nicht mehr in die grosse weite Welt, in der großen weiten Welt war ich schon.. So, machs gut. Schönen Tag noch, wa.“

Hm.

Ich schätze, das war ne andere Insel. Das war nicht Bora Bora. Oder? Ist doch egal. Wen juckt's.

„Ist Kohle schon drauf?“ frag ich den Deutsch-Russen, der gerade aus der Sparkassenfiliale kommt. Eine Figur mit einer eigentümlichen Narbe im Gesicht, wie ein Fähnchen. Ich hab mich immer gefragt, von welcher Art Unfall solch eine Narbe stammen könnte, bis mich eine Landsfrau von ihm eines Tages aufklärte. Die Narbe wurde ihm im Knast zugefügt, es ist ein Zeichen, das unter Russen besondere Bedeutung hat: ich bin ein Zinker. Eine Hafenratte. Ich hab Kameraden verpfiffen. Ich bin mit Vorsicht zu genießen. Man darf mich töten.

„Nee. Is noch keine Kohle drauf.“

Na super. Da kann ich auch genauso gut nach Hause gehen.

1.1.18 14:19, kommentieren

Das Weihnachtskegeln

Die Weihnachtsfeier fiel flach dieses Jahr. Stattdessen gingen wir Freitagmittags eine Runde Kegeln, einen Tag vor Heiligabend. Wir, das waren die drei männlichen und die drei weiblichen Mitarbeiter unseres kleinen ambitionierten Design-Instituts.

Als wir die Kegelbahn im Keller des jugoslawischen Restaurants betraten, fühlte ich mich, als wäre die Zeit stehen geblieben, und zwar 1975. Da waren die gleichen schlammfarbenen Schiebetüren, da war der gleiche Nippes und Klimbim in den blinden Glasvitrinen wie auf der Kegelbahn im Vereinsheim des RSV Kohlfurth, wo ich als Bursche zehn Jahre lang gekickt hatte. Selbst der Silberpokal für Platz 4 beim Kegelturnier in Schaffhausen kam mir irgendwie bekannt vor. Ich nahm ihn in die Hand, blies den Staub fort und untersuchte ihn näher. Dann stellte ich ihn zurück.

Auch ein gerahmtes Familienfoto aus verblichenen Tagen tat es mir an. Es zeigte die Eltern des jetzigen Inhabers, die aus Dubrovnik nach Deutschland eingewandert waren und voller Hoffnung und Naivität in die Zukunft blickten. Ich sah mich um. Was ich sah, war eine Kegelbahn. Eine Staubbude. Cevapcici und saurer Biergeruch. Da hörte ich es. Die Querflöte des Kung Fu: Im Hintergrund lief Kung Fu Fighting an, Carl Douglas. Sofort pfiff jeder den Song mit. Uh. Ah. Here comes da big boss.

Wir waren also im Jahr 1974.

“Was darf ich schon mal zu trinken bringen?”

Der Wirt, gleichzeitig auch Chef-Koch der Spelunke, bisschen dick, bisschen schmuddelig, bisschen unhöflich, (“mir sind Stammgäste lieber”, sagte sein abweisender Blick), baute sich vor uns auf, den Stift in der Hand. Während die Kollegen schon bestellten, schwankte ich noch zwischen Cola und Kaffee, jedenfalls keinen Alkohol. Alkohol deprimierte mich nur noch. Ich trank keinen Alkohol mehr. Ich kam nicht mehr klar mit Alkohol. Na klar hätte ich mir gern noch mal richtig einen gezwitschert, aber was nicht ging, ging nicht – hier war die Brechstange keine Option.

„Komm, ein Bierchen trinkst du mit“, versuchte mich unser Maschinenbauer zu überreden, doch was wusste der schon. Leute mit Bierbauch wissen grundsätzlich nichts von Alkohol.

Grundsätzlich tendierte ich um diese Uhrzeit zu einer Tasse starkem Kaffee, doch ich erinnerte mich dunkel an die schlimme Brühe, die anno 1974 im Vereinslokal des RSV Kohlfurth aus Thermoskannen ausgeschenkt wurde. Sicherheitshalber erkundigte ich mich also beim Wirt, welchen Kaffee er führte. Meine Anfrage brachte ihn dermaßen aus dem Konzept, dass der Stift in seiner Hand hin und herzappelte, wie ein nervöses Kasperle.

“Ich hab äh Capuccino, ich hab.. Latte Macchiato, ich hab Cafe.. Latte, ich hab Espresso, ich.. hab..”

Ich winkte ab. Das wollte ich alles gar nicht wissen. Ich hatte nur Schiss vor deutschem Pulverkaffee, das war alles.

“Na schön. Ich hätt gern italienischen Kaffee”, sagte ich,
"aber ohne so cremigen Schaum obendrauf.”

“Ohne so cremigen.. Schaum..?”

Nicht nur der Wirt schien verblüfft, auch unser Geschäftsführer, ein sportlicher und eher verbindlicher Typ, der keinen Zwist mochte, mischte sich ein.

“Italienischer Kaffee hat doch immer Schaum obenauf..”

“Quatsch, aber nicht bei uns zu Hause“, sagte ich, und fügte für die Allgemeinheit an: „Wir trinken zuhause Espresso.”

“Espresso?” Der Wirt war wieder im Spiel. “Ich kann Ihnen einen Espresso bringen, einen zweifachen, einen dreifachen, wie Sie mögen.. Wir haben das Aufschäumsystem von de Longhi.”

De Longhi. Ich wollte kein perfektes Aufschäumsystem, ich wollte kernigen Männerkaffee, ich wollte italienisches Brusthaar, das einem oben aus dem Hemd quillt und in der Nase kitzelt mit all seinem Testosteron, verdammt.

“Schön”, sagte ich. “Dann Espresso. Aber ohne Automaten-Schaum.”

“Ohne Automaten-Schaum?”

Das Gesicht des Geschäftsführers, er saß mir schräg gegenüber, verzog sich gefährlich, und damit ich im Kollegenkreis nicht wie ein verdammter Korinthenkacker dastand, ging ich etwas ins Detail.

Super Idee.

“Zuhause machen wir unseren Espresso in Edelstahlkännchen, die man einfach auf die Herdplatte stellt und aufkochen lässt, ihr wisst schon, die Espressokocher, der Design-Klassiker.. aus Italien.”

“Natürlich”, beeilte sich der Geschäftsführer, „die.. äh Edelstahlkännchen.“

Das Wort Design-Klassiker aus meinem Mund verunsicherte ihn. Ich hatte ihn schon einmal ungewollt bloßgestellt, als ich in der erweiterten Montags-Runde den Klassiker von Afri-Cola erwähnte, die in der Mitte eingedellte kleine Pfandflasche, von der er, wie sich herausstellte, keine Ahnung hatte. Seither war er schwer auf der Hut, wenn ich bei irgendeiner Gelegenheit einen Design-Klassiker ansprach. Als hätte ich nichts besseres zu tun gehabt, als meinen Chef in die Pfanne zu hauen. War mir doch egal. Ich wusste zufällig ein paar Dinge und hatte keine Lust, damit hinterm Berg zu halten, nur um unseren ahnungslosen Geschäftsführer nicht bloßzustellen. So kollegial nach oben buckelnd war ich nicht.

“Hat der Kaffee denn bei deinen.. Design-Kännchen keinen Schaum obenauf..?” mischte sich die Hofmann ein, unsere Sekretärin.

“Nee, eben nicht“, sagte ich.“ Keine Schaumkrone. Deswegen ist er ja so lecker. Schwarz, stark, lecker. Kein Schaum.”

Der Wirt stand immer noch da, den Block in der Hand, verwirrt und zunehmend genervt, bis unser Maschinenbauer, ein hellwacher Kollege mit ordentlicher Plauze, der zum 31. 12. gekündigt hatte, die Situation erfasste und mich aus der selbstgestellten Falle befreite.

“Wissen Sie was..?! Bringen Sie dem Mann hier den Kaffee so, wie er ihn zu Hause trinkt!”

“Danke”, sagte ich erschöpft. „Und ein Bier.“

„Kölsch oder Alt?“

„Nee. War nur Spaß. Kein Bier. Nur Kaffee.“

Ich bekam einen dreistöckigen Espresso, und der schmeckte sogar richtig gut. Stark, schwarz, aromatisch. Heiss. Vierstöckig beinah.

Als der Wirt in meine Nähe trat, um die Getränke abzustellen, liess er seinen Achselgeruch zurück: ein bisschen süßlich roch es, wie verstaubte alte Bücher. Echte Schmöker. Sofort gewann er meine Sympathie. Na ja, sagen wir, meine Antipathie schwand.

Wir begannen mit dem Kegeln. Wir spielten Fuchsjagd, Tag & Nacht, In die Vollen und zwischendurch eine Runde Abräumen.

Beatrix, die diplomierte Designerin, eine große und sehr schlanke Person, die kurz zuvor ein Projekt für einen namhaften Düsseldorfer Waschmittel-Hersteller abgeschlossen und damit dem Institut ordentlich Kohle in die Kassen gespült hatte, rief jedes Mal fröhlich “KACK-STUUUHL!”, wenn jemand fünf Kegel umwarf und das Bild auf der elektronischen Anzeigetafel einem WC-Sitz ähnelte.
„KACK-STUUUHL, KACK-STUUUHL!“

„Wie im Kindergarten“, flüsterte die Hofmann, unsere Sekretärin, und ich sagte, „Ja, wieso nicht, ist doch gut, Kindergarten. Oder nicht?“

Unsere Praktikantin, eine eher unscheinbares Mädel, fiel auch beim Kegeln nicht weiter auf. Als der Wirt die Essensbestellung aufnahm, entschied sie sich für ein Schnitzel Jutta. Ihre Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau, und somit auch ihr Praktikum, endete zum 31. Dezember.

Das Schnitzel Jutta wurde mit Ananas gereicht.

Außerdem hatte sie einen Freund, der sie regelmäßig mit dem Moped vom Institut abholte und dabei frech hupte.

„Kackfrech sogar“, präzisierte Beatrix, unsere Top-Designerin.

Ich saß zwischen unserem Maschinenbauer, dem Dipl. Ing. mit Plauze, und unserer Sekretärin Frau Hofmann, die zum 2. Januar eine neue Stelle antrat. Da sie nicht nur eine große Klappe, sondern auch eine chronische Sehnenscheidentzündung hatte, kegelte sie aus beiden Händen. Sie trampelte einige Schritte geradeaus und liess die Kugel einfach auf den Boden plumpsen, in der Hoffnung, das sie schon irgendwie ins Rollen kam. Das ganze wirkte, als würde eine ungelenke Antilope im Stehen gebären. Merkwürdigerweise klappte das jedoch ganz gut, die Kugel polterte schwerfällig über die Bahn und sie räumte mehrfach alle Neune ab.

„Mann, ist die plump“, flüsterte der Maschinenbauer.

„Ja, aber gut“, sagte ich.

Unser Geschäftsführer hatte, genau wie ich, trotz ausdrücklicher Aufforderung keine Turnschuhe mitgebracht, und da das Kegeln in Straßenschuhen strengstens untersagt war, schlüpfte er jedes Mal lässig aus seinen Lederslippern, wenn er an der Reihe war, und kegelte auf Strümpfen. Er trug Sommersöckchen.

„So, jetzt ist Papa dran.“

Er nahm so schwungvoll Anlauf wie für einen Schmetterschlag beim Volleyball, stoppte aber kurz vor der Bahn ab und setzte die Kugel volles Rohr in die Gosse. Es war nicht zu fassen, aber auf diese Weise schaffte er tatsächlich acht Pudel hintereinander. Er war auf eine begnadete Weise unbelehrbar. Er lernte einfach nicht dazu, er nahm keine Korrekturen vor, weder beim schwungvollen Anlauf noch beim Aufsetzen der Kugel auf die Bahn, doch immerhin bekam er rote Bäckchen von der sauerstoffarmen Kellerluft und gewann somit wieder. Etwas Mitgefühl. Wenigstens das.

“Sieht ja kess aus!” sprang ihm die Hofmann schadenfroh zur Seite. Eine widersprüchliche Person. Stand man mit ihr fünf Minuten an der Luft, bekam ihre Haut diesen knackbraunen Mittelmeer-Teint. Doch sie vermied Sonnenlicht, wo sie nur konnte. Mit dem kuriosen Ergebnis, besonders im Hochsommer: das Gesicht Mallorca, die Beine Helsinki. Spanisch-finnische Freundschaftswochen, das war die Hofmann. Und eine verdammt große Fresse.

Links neben mir, ich erwähnte es bereits, saß unser Maschinenbauer, der Mann mit der Plauze. Er war bereits eine Stunde vor uns allen auf der Bahn eingetroffen, um sich einzuwerfen und Bier zu trinken. Trotz seines stattlichen Bauches war er gelenkig und ehrgeizig. Der typische deutsche Amateur-Meister. Er wollte gewinnen, immerzu, egal wobei, egal gegen wen. Ob bei Mensch ärgere dich nicht oder bei Poker. Aber das ging in Ordnung. Damit konnte ich umgehen.

Was mich betraf, den Bibliothekar des Instituts, das Kelllerkind, so sollte mein zweiter Jahresvertrag sechs Wochen später enden, am 31. Januar. Eine weitere Vertragsverlängerung war ausgeschlossen. Mein Projekt, die Archivierung und Katalogisierung von über zehntausend Fachbüchern und Zeitschriften, Schenkung eines emeritierten Wuppertaler Design-Professors, war abgeschlossen. Ich lungerte meist nur noch am Rechner herum und schrieb für meinen Internet-Blog 500beine.

Wir spielten Abräumen.

Abräumen war die einfachste Kegel-Variante, sie löste die beste Stimmung aus. Mit einem letzten guten Wurf hätte ich die Runde für mich entschieden. Beatrix, die hochgewachsene schlanke Diplom-Designerin, sprang von ihrem Stuhl hoch und rief: “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” Sie wollte mich nervös machen, damit ich einen Pudel warf.

HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN! kam im Kollegenkreis so gut an, dass sich ein spontaner Betriebs-Chor bildete. “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” schallte es über die Holzbahn, “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!”, so laut, dass der Wirt nachschauen kam, ob alles in Ordnung war. Ich sang bravourös eine Strophe des Refrains mit und warf eine lausige “4″, worauf ich das Abräumen auf den letzten Drücker verlor. Das kriegte aber kaum jemand mit, da in diesem Augenblick das Essen serviert wurde.

Ich war nicht besonders hungrig und begnügte mich, glücklicherweise, mit einer hausgemachten Gulaschsuppe. Glücklicherweise, weil hausgemacht vermutlich bedeutete, dass die Gulaschsuppe einem Chemie-Haushalt entstammte, das Fleisch schmeckte jedenfalls verdächtig nach Brom, und es sah auch so aus. Auch wenn niemand mit Bestimmtheit sagen konnte, wie Brom schmeckte oder aussah.

Nicht wie Brombeere vermutlich, wieherte unser Dipl. Ing. mit vollem Mund. Hier, nimm einen Schluck Bier.

Meine Portion war überschaubar. Die Kollegen hatten nicht so viel Massel. Sie waren hungrig gewesen bei der Bestellung und hatten stattliche Teller auf dem Tisch, die abgearbeitet werden wollten. Doch während des Essens war nicht ein einziges Mal ein “miam” oder “lecker” oder wenigstens ein kleines anerkennendes Grunzen zu hören, nichts, gar nichts. Nur genervtes Kauen und leises Spucken.
Selbst die Hofmann, die den Jugo an der Stadtgrenze wärmstens empfohlen hatte, (wegen der angeblich hausgemachten Kroketten, die einfach großartig sein sollten, meisterhaft geradezu), schob den dreiviertel vollen Teller schweigend von sich weg. So weit weg wie möglich. Der Tisch konnte kaum groß genug sein, um den Teller wegzuschieben. Noch ein Stückchen, und es hätte gescheppert.

Der Chef hatte Jäger-Schnitzel genommen, doch es schmeckte, Achtung Wortlaut: „als wäre der Jäger mit dem Hosenlatz am Drahtzaun hängengeblieben.“

Die Nase richtig voll von dem ganzen Fraß hatte Beatrix, die lustlos im Vegetarischen Lady-Teller mit verschiedenen Gemüsen herumstocherte. Mit der Gabel zog sie ein großes undefinierbares lappiges Etwas in die Höhe.

“Also, was das hier Schönes sein soll.. weiß ich beim besten Willen nicht. Und der Spinat.. ist aufgewärmt, viel zu bitter.” Einzig die Erbsen und Möhrchen fanden noch ihre Gnade. “Aber die sind auch aus der Dose. Da kann man ja nichts falsch machen.”

Sie war es schliesslich auch, die mir gegen Ende der dreistündigen Veranstaltung einen Bierdeckel rüberschob, damit ich den Spruch des Tages nicht vergaß und in meine nächste Story einarbeiten konnte.

Herr Glumm, stand da in Schönschrift, soll der Looser sein.

“Och, guck mal, Loser mit zwei o”, sagte ich mit einem schnellen Blick auf den Bierdeckel.

Die Hofmann sah mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle. “Na, das schreibt man ja auch mit zwei o! Looser! Das stimmt ja auch!”

“Quatsch. Loser schreibt man mit einem o.”

Die Sekretärin war sofort auf 180. Das war so ihre Art. Immer auf Sturm, ihr Barometer. Ich mochte sie trotzdem gern. Sie machte keine Mördergrube, wie man so schön sagt, aus ihrem Herzen. Eher eine Schreibude.

“Du willst mir erzählen”, rief sie aufgebracht, “wie man Looser schreibt?!”

Sie spielte auf ihre Jugend im englischsprachigen Nigeria an, wohin es ihren Vater in den 60er Jahren berufsbedingt verschlagen hatte, mit der ganzen Familie. Seither fühlte sie sich als eine Native Speakerin, der man nichts vormachen konnte.

„Speakerin, ja, mag schon sein“, sagte ich, „doch ich weiß nun mal, wie man Loser schreibt. Kann ich auch nichts dafür. Es gibt ein to loose mit doppel o, stimmt, das bedeutet aber etwas anderes als to lose mit einem o..”

“Nämlich??”

“Weiß nicht. Komm ich jetzt nicht drauf.”

“Quatsch!” Die Sekretärin giftete, sie speite. Sie hatte ihre Betriebstemperatur erreicht. Es gärte und kloakte in ihr. Sie konnte großkotzig sein wie ein überladenes Containerschiff. “Looser schreibt man so, wie es hier auf dem Bierdeckel steht! Mit doppel o!! Und nicht anders! Blödmann!”

Beatrix dagegen, die mir den Bierdeckel rübergereicht hatte, war sich plötzlich nicht mehr sicher.

“Ich hab Looser zwar mit doppel-o geschrieben, aber irgendwie guckt es mich komisch an.. Also, ich weiß nicht genau. Vielleicht wird Loser auch mit einem o geschrieben..”

Die Praktikantin, von der plötzlichen Vehemenz der Auseinandersetzung aufgeschreckt, erhob sich, lief umher, setzte sich wieder, knabberte unsicher an den Fingernägeln. Sie war die Einzige, die Glück gehabt hatte, mit ihrem Schnitzel Jutta.

“Ich glaube, to lose schreibt man mit einem o, aber Looser mit zwei o”, wisperte sie, doch niemand hörte hin.

Der Geschäftsführer hielt sich überraschenderweise ganz raus. Auch der Maschinenbauer, links neben mir, bildete sich erstmal keine Meinung, rief aber “IST DOCH EGAL! HAUPTSACHE, HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN, OB MIT EINEM ODER ZWEI O!” Das ganze verband er mit einem kollegialen Klaps auf meine Schulter.

In zwei Jahren Zusammenarbeit hatten wir gemeinsam einen Riesenhaufen Zigaretten verqualmt, im Hof vor der Bibliothek. Das verband uns. Wir waren die Köhler des Instituts. Schnalzend forderte der Maschinenbauer die Hofmann auf, die Sache mit mir im Ring zu klären, und zwar mit einer Runde Schlammcatchen.

Was wiederum die Hofmann aufmüpfig werden ließ.

“Loser mit einem o, so ein.. Blödsinn! So was Stumpfsinniges! Könnt ihr ja im Internet nachgucken. Ich bin mir hundertprozentig sicher! Mit doppelt o!”

“Man soll sich niemals zu sicher sein”, antwortete ich mit einer eiskalten Entschiedenheit, die mich allerdings für einen Moment selbst verunsicherte, wie gewisse Dinge geschrieben werden, oder eben nicht.

“Mir reicht’s!”

Beatrix, unsere Top-Designerin, schnappte sich ihr Handy und stapfte die Treppe hinauf Richtung Gastraum. Sie gab kund, irgendwo anrufen zu wollen. Die Sache zu klären. Im Internet. Und unten auf der Kegelbahn bekam sie nun mal kein Netz. Als sie kurz darauf zurückkehrte, wurde sie mit Klopfen und ansteigendem Kegelbahnblöken empfangen.

“TA! TA!” gurrte sie feierlich und bildete mit Mittelfinger und Daumen ein kleines o. “Loser schreibt man definitiv mit einem o. Herr Glumm hat recht.”

“Sag ich doch”, sagte ich doch.

“Glaub ich trotzdem nicht!”

Die Hofmann bemühte sich, weder kleinlaut noch trotzig zu klingen. Das klappte nicht. Der Trotz stand ihr so dick im Mund, als hätte sie auf eine Zyankalikapsel gebissen. Wir warteten auf ihr Hinscheiden. Das klappte auch nicht. Die Hofmann war ja an sich nicht uncool. Sie war es auch gewesen, die eines schönen Tages das gleichzeitige DU und HERR im Institut eingeführt hatte, eine doppelbödige Anrede, die nur für mich galt.

Du, Herr Glumm, sagte sie immer.

Ich mochte sie irgendwie. Sie war in Ordnung. Sie brachte mich zum lachen. Einmal meinte sie, mein Schnupfen würde genauso klingen, wie wenn der Drucker Papierstau hat. Ich hatte also nichts gegen sie. Und ich war auch nicht sonderlich rechthaberisch, was nun den Loser betraf und wie man das Wort schrieb und wie nicht. War doch nicht so wichtig.

Was die Belegschaft aber nicht wusste - weil ich vermutlich in der instituteigenen Hierarchie zu weit abgeschlagen war, um genug Interesse auf mich zu ziehen: ich war weder Loser noch Looser. Nein, ich war ein Loner. Ich war der poor lonesome cowboy and a long way from home, aus dem Lucky Luke-Heft. Ich war der Mann mit dem n in der Mitte.

Gestatten, Glumm. Loner.

25.12.17 11:04, kommentieren


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