Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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An manchen Tagen sind meine Nerven ein Indianerfriedhof und ich opfere eine Erinnerung

Was mich am schreiben reizt ist dieser wunderliche kleine rausch der von einem besitz ergreift wenn sich ein satz besser noch eine satzfolge oder ein ganzer abschnitt aufbaut in einem wenn die silben die buchstaben revue passieren dich fluten unaufhaltsam wie ein heranrollender tsunami ein geordnetes tosen im kopf ein moloch dass man fein aufpassen muss dass man mit dem notieren überhaupt hinterherkommt und nicht unterwegs die hälfte fallen lässt vergisst überwältigt von den eindrücken die auf einen einprasseln & von denen man oft selbst nichts weiß wenn das neue anfängt einzuwirken in dich einzudringen dich zu manipulieren bis zu diesem wunderlichen moment wo du der inneren wortraserei komplett verfällst ohne punkt und komma bis zum aushusten der Follikel
23.12.17 14:57


Eines Tages geht das Telefon und jemand ist tot, den du liebst

°
26. Juni 1987

Karlos saß am Küchentisch, als ich reinkam, und starrte aufs Telefon. Er war aschfahl im Gesicht, jegliches Blut war raus.

“Der Pepe ist tot”, sagte er.

“Was..?”

“Der Pepe ist tot. Überdosis.”

Ich hatte schon verstanden, was er gesagt hatte. Ich dachte nur, beim zweiten Hören würde ich etwas empfinden. Eine Todesnachricht kriegt man nicht alle Tage, selbst wenn man in Pepes Fall damit rechnen konnte, irgendwann. Aber wieso jetzt schon!? Und warum sagte Karlos dauernd „DER Pepe ist tot“, so als gäbe es noch einen zweiten Pepe, einen, der nicht tot war, einen, den man sich aus dem Hut zaubern konnte, der sein Leben fortführte..

Ich musste lachen. Das war kein Lachen. Es war eine Art Zerrung, um den Mund rum. Es grenzte an Hysterie. Ich wusste überhaupt nicht, was ich fühlen sollte. Ein Freund war tot, und es war mir egal. Junkies sterben, so ist das.

„Woher weißt du das?“

„Matiny hat eben angerufen“, sagte Karlos. „Vor fünf Minuten.. jetzt eben.“

Vor fünf Minuten..? Dann hatten sie ja höchstens fünf Minuten lang telefoniert..! Es war die Kälte, die sich von Telefon zu Telefon fortsetzte und die mir zu schaffen machte, weil ich der kälteste von allen war, wenn es darauf ankam.

Weil ich nichts fühlte.

Karlos biss sich auf die Lippen, sein ganzes Gesicht arbeitete, war in Bewegung.

„Matiny, ah.. und der weiß das woher..?“ fragte ich.

„.. von Pepes Freundin.. die hat ihn heut Morgen angerufen.“

Ich ließ mich am Küchentisch nieder. Matiny, auch ein Freund von uns, lebte wie Pepe in München, ging auf eine private Schauspielschule, war in der Künstler-Szene angekommen. Er und Pepe wohnten nicht weit voneinander, doch großen Kontakt hatten die beiden nicht gehabt, soviel wir wussten. Aber was wussten wir schon. Pepe hatte sich rargemacht, seit er aus der Kiste raus war und sein Vater ihm in München einen eigenen Jeans-Store spendiert hatte wie ein großes Eis mit doppelt Sahne.
"Street Life" hieß der Laden, ich sehe die silbrige Visitenkarte noch vor mir, "Street Life, München, Leopoldstraße". Da, wo das Geld shoppen ging. Bloß weg von Solingen, bloß weg von den alten Drogengesichtern.

Start me up!

Auch wenn das Ganze nicht Pepes Idee gewesen war. Sein Vater wollte ihm eine letzte Chance geben zu beweisen, dass er dazu taugte, sein Nachfolger zu werden. Chef über ein kleines Imperium an Mode-Shops.

„Wann ist es passiert..?“ fragte ich.

Jetzt, wo ich saß, wurde es weicher in mir.

„Schon am Freitag, vor drei Tagen.“ Karlos klang wirklich niedergeschlagen. „In irgendeinem Café in München. Der Wirt hat Pepe auf dem Klo gefunden, tot. Die Pumpe steckte noch im Arm.“

„Schore?“

Er zuckte mit den Achseln. Karlos tat mir leid. Er hatte keine Schutzmechanismen, wenn etwas Schlimmes passierte. Es blutete in ihm.

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich. Ist wohl noch nicht freigegeben, der Leichnam. Wahrscheinlich.. Schore, logisch.“

Das letzte Mal gesehen hatten wir Pepe zwei Monate zuvor, als er überraschend im Mumms aufgetaucht war, an einem Samstagnachmittag, kurz vor der Sportschau, wie aus dem Nichts und gut gelaunt, in Fruit of the loom-Klamotten und nagelneuen Wildlederboots. Wir hatten uns anderthalb Jahre nicht gesehen.

„He, ihr verdammten Lutscher hängt ja immer noch hier rum..!“ feixte er mit seinem charmanten Jungengrinsen, und wir packten uns kurz gegenseitig an die Eier, wie wir es immer getan hatten, jedenfalls Pepe und ich: Rüden, die sich gegenseitig beschnuppern. Mal eben die Zunge in den Hals graben. Mal gucken, was los ist.

Er war extra aus München eingeflogen, zum 50. Geburtstag seines Vaters. Dem König der Übergrößen. Dem Big Boy aller Big Boys. Erfolgreicher Geschäftsmann und stets so braungebrannt, als wäre er überm Toaster eingepennt, das war Pepes Vater.

Eine halbe Stunde standen Pepe, Karlos und ich noch mal am Tresen wie in alten Zeiten und quatschten und lachten. Brachten den alten Running Gag, „Gute Idee, Boss!“, wenn einer etwas sagte, was absolut keinen Sinn machte. Dass es unsere letzte halbe Stunde sein sollte, konnte niemand ahnen. Doch was hätte das auch geändert. Es wären nicht plötzlich drei Stunden daraus geworden, nur weil man gewusst hätte, dass man sich nie wiedersieht, nicht in diesem Leben. Höchstens um die Ecke, bei Gott, eventuell. Wer weiß das schon.

Drei Stunden.

„Gute Idee, Boss!“

Pepe schmiss eine Runde Tequila, ein letztes Tablett. Ich hatte seit Tagen Rückenschmerzen und Schwierigkeiten, beim Schnapstrinken Schritt zu halten, aber das ließ Pepe nicht gelten.

„Jesus hatte es auch im Kreuz, du Jammerlappen.“

Pepe war ein lieber Kerl, ein Träumer, der es meist locker angehen ließ, auf der anderen Seite war er schnell auf Hundert. Wenn ich noch zögerte, hatte er schon durchgeladen, abgedrückt und begann die Leiche zu verscharren. Er war nicht nur der erste aus unserer Clique, der Heroin nahm, er war auch der erste, der sich den ganzen Kram in die Venen jagte anstatt es teuer durch die Nase zu sniefen. Und dass er auch der erste sein sollte, den eine Überdosis dahinraffte, auf einem stinkenden Pisspott in München, mit gerade mal 25, es rundete das Bild nur ab.

Pepe liebte Reggae und Sixties-Soul a la Diana Ross und den Samba-Pop von Blue Rondo a la Turk, Hauptsache gute Laune und immer was zu kiffen im Haus. Eine typische Scheibe, die er anschleppte, war "In the southern part of France where the ladies wear no pants", eine putzige Mittelmeer-Schnurre von Zwol, von der er nicht genug kriegen konnte. Die Platte drehte sich einen ganzen Sommer lang in der Wipperaue, einem Tal, durch das die Wupper fließt und wo Pepe gemeinsam mit seinem durchgedrehten älteren Bruder ein großes Fachwerkhaus angemietet hatte.

Wie in alten Fachwerkhäusern üblich, war es auch in der Wipperaue feucht und muffig, und wenn man zu viel gekifft hatte, knallte man im Dunkeln gegen freistehende Balken, dass es nur so schepperte. Es war saugemütlich in der Wipperaue, es gab eine Scheune im Hof, wo das Haschisch versteckt war, die Wupper plätscherte gemächlich hinterm Haus, wie sie es all die Jahrhunderte zuvor auch schon getan hatte.

Wie oft erwachte ich morgens auf dem Sofa und musste verkatert zusehen, wie ich aus der Wipperaue wegkam, vom Arsch der Welt, ohne vernünftige Busanbindung. Pepe war längst zur Arbeit, ebenso sein bekloppter Bruder Heinz. Also half nur den Daumen raus oder die fünf Kilometer zu Fuß gehen bis zum Busbahnhof.

Mit Heinz war kein Staat zu machen. Nicht, dass er verkehrt gewesen wäre, nein, er war einfach durch den Wind, verkorkst, plemplem. Oder, wie Heinz selbst von sich sagte: „Jungs, ich bin mal wieder total fix und foxi!“
Beide Söhne waren bei ihrem Vater angestellt, Inhaber einer Reihe florierender Bekleidungsgeschäfte. Während Pepe seinen eigenen kleinen Jeans-Shop führte, wo wir ihn oft besuchten und in den Umkleidekabinen ein Näschen Koks zogen, buckelte der ältere Bruder auf dem Zentrallager und lieferte Ware aus. Das entsprach exakt dem Bild, das der Vater sich von seinen Söhnen gemacht hatte.

Pepe, gutaussehend, jovial und schon ganz der Juniorchef, sollte als Nachfolger aufgebaut werden. Er hatte von seinem alten Herrn das Draufgänger-und Eitler Fatzke-Gen geerbt, das Heinz gänzlich abging. Heinz gab sich schnell zufrieden, mit allem. Ein Wesenszug, für den ihn sein braungebrannter zuckerärschiger Superdaddy zutiefst verachtete.

Wenige Jahre nach Pepe erwischte es den vier Jahre älteren Heinz ebenfalls: eine Überdosis Heroin in Hagen.
Glaubhaft überliefert ist die Schlussbemerkung des Vaters, als er in Hagen am Grab seiner beiden Söhne stand und angewidert zu den wenigen Umstehenden sprach: „Ich habe niemals Söhne gehabt.“ Er eliminierte sie aus seinem Leben, als hätte es sie nie gegeben, diese Kretins. Dass er als Vater irgendwie mit der Drogensucht seiner Söhne zu tun haben könnte, kam ihm offenbar nicht in den Sinn.
Dass sie nie einen Vater gehabt hatten, bloß einen braungebrannten Lackaffen mit viel Geld, darauf kam er nicht.

Es gibt nur eine Erinnerung an diesen hochgewachsenen sonnengebräunten Blödmann, die es wert ist festgehalten zu werden: Wie er uns 1976 als Teenager im dicken Benz zum Zappa-Konzert in der Kölner Sporthalle chauffierte. Während des Konzerts ging er mit seiner neuen Freundin schön essen, nach dem Konzert holte er uns auf dem Parkplatz vor der Sporthalle ab und fuhr uns gut gelaunt heim. Vielleicht hätte er lieber Chauffeur werden sollen. Ein schmissiger Businessman durch und durch, für den Geld und sonnengebräunte Haut alles war. Ein Mann, der ohne Wärme durchs Leben stolzierte, weshalb er auch ständig auf die Sonnenbank musste, um innerlich nicht zu erfrieren.

Wenn ich so zurückblicke: die Dinge sind ganz schön schiefgelaufen.
16.12.17 03:57


Vater & Sohn

Greta, die vierzehnjährige kleine Punkerin, die mit ihrem Vater, Alt-Punk Gus, über uns wohnte, war irgendwann keine Punkerin mehr. Wenn Greta nun das Haus verließ, sah sie aus wie eine kleine Frau, die Einkaufen geht. Sie drehte ihre Anlage kaum noch auf, und wenn sie es doch mal tat, sozusagen aus alter Verbundenheit, dann nicht für Punk, sondern für irgendein Singer/Songwriterzeugs, das wieder Konjunktur hatte und die Kids im Glauben ließ, ihre Helden hätten was Neues erfunden. Eines aber hatte Greta nicht abgelegt: Sie rotzte immer noch auf die Straße. Schicke kleine Rotzer, beiläufig auf die Erde geflappt, Kringel aus Gelatine.

Es kam zu einer Art Kindertausch. Greta zog zu ihrer Mutter, dafür war nun Erik, der elfjährige Sohn häufiger zu Besuch bei Gus. Erik, der ebenfalls bei seiner Mutter lebte, kam meist an Feiertagen und an den Wochenenden. Vater und Sohn verstanden sich gut, sie spielten von Samstagmorgen bis zum späten Sonntagabend Playstation. Es war, als hätten sie allerlei nachzuholen, hauptsächlich Playstationspielen.

Wenn ich mit Frau Moll von der Abendrunde heimkehrte, blieb ich eine Zeitlang im Vorgarten stehen und hörte den Beiden zu, wie sie beim Spielen Spaß hatten, wie sie sich bei geöffnetem Fenster unterhielten und lachten. Die beiden hatten mächtig Spaß miteinander, es bildete sich eine verschworene Gemeinschaft. Es war nicht der Wortlaut, der mich faszinierte, der mich stehen bleiben und horchen ließ, den Wortlaut bekam ich kaum mit, es war der Klang ihrer Stimmen. Wenn Vater und Sohn sich mögen, das hat schon einen ganz besonderen Klang.
13.12.17 14:56


Ballroom Blitz

Ich war zehn, als es losging, und zwanzig, als es endete: die Siebziger. Was alles dazwischen lag und im Nachhinein schrill und farbig klingt, nach plappernden Plateausohlen und Teenage Rampage, war in Wirklichkeit ein graues und fremdes, ein langweiliges Jahrzehnt. Das spannendste waren noch der große Nuss-Joghurt von Bauer und die Revierkämpfe nach Schulschluss. In den Bussen traf man noch auf schlecht gelaunte Altnazis, die dreißig Jahre zuvor den Krieg verloren hatten und nun mitansehen mussten, wie ihnen Langhaarige und andere Haschgetüme den Sitzplatz streitig machten. Da konnte auch der Gehstock der Waffen-SS wenig ausrichten.

Nachts zogen wir durch die Stadt und hatten nichts besseres zu tun, als Laternen auszutreten, eine nach der anderen, bis es stockdunkel war in den Gassen. An jeder Laterne gab es diesen exakt definierten Punkt, den man treffen musste, damit das Natriumlicht erlosch. Der Punkt befand sich in gut einem Meter Höhe, da, wo die Elektronik saß. Natürlich gab es auch widerborstige Exemplare, die das Leuchten nicht lassen konnten, trotz all der Tritte, die trafen. Da waren wir dann als Gang gefragt, als Gesamtveranstaltung. Wie eine Herde Bullen tanzten und sprangen wir nacheinander den Mast an, ein Trommelfeuer an Sohlen und Absätzen ging auf den Punkt nieder, eine grimmige Kung Fu Choreografie, RATAKK! RATAKK! RATAKK! RATAKK!, bis es geschafft war. Endlich Finsternis. Endlich Nacht.

Für Slade brauchte es dicke Wände im Kinderzimmer, sonst gab’s Ärger mit der Nachbarschaft. Vor allem, wenn eine neue Single rauskam, die zehnmal hintereinander gespielt werden musste, bis sie saß. Slade waren roh und rotzig, Slade waren laut, Slade kamen aus Nottingham. Ich hatte sechs oder sieben Singles von Slade. Von ihren größten Kontrahenten, Sweet, schaffte es nur "Ballroom Blitz" auf meinen Plattenteller.

Sweet oder Slade – man hatte sich zu entscheiden Mitte der Siebzigerjahre. Im Pop gab es sie immer, die Zweikämpfe, das Ringen um den Lorbeerkranz, das definitive Armdrücken.

Beatles oder Stones.
Michael Jackson oder Prince.
Mods oder Rocker.
Punks oder Popper.
Oasis oder Blur.
Geha oder Pelikan.
American Dad oder Family Guy.
Ernie oder Bert.
Van Halen oder AC/DC.
Pearl Jam oder Nirvana.
Little Richard oder James Brown.
Sean Combs oder Puff Daddy.
Eminem oder Slim Shady.
Hooligan oder Ultra.
Rechts oder links.
Radierung oder Kupferstich.
Jetzt oder nie.
East Coast oder West Coast.
Tribüne oder Stehplatz. 
Wrangler oder Levis.

Oder Lois.

Ständig hatte man Farbe zu bekennen. Es gab keinen Mittelweg, keinen goldenen Standard, keine Einigung, auf die man sich zurückziehen konnte. Es ließ sich nicht zwischen zwei Stühlen sitzen, ohne voll auf dem Hintern zu landen. Entweder du warst heiß oder du warst kalt.

Entscheide dich, Gringo!

1973/74, auf dem Gipfel des Glam-Rock, als meine Generation, die zu Beginn der Sechzigerjahre Geborenen, im Teenageralter war, fand der Feuerwechsel hauptsächlich zwischen Slade- und Sweet-Anhängern statt. Beide Bands kamen von der Insel und versammelten Kids hinter sich, die mit dem anderen Lager auf dem Kriegsfuß standen.

Natürlich konnte es passieren, dass einem die neue Single des erklärten Feindes ausnahmsweise gefiel, aber dann hatte man mit seiner Meinung gefälligst hinterm Berg zu halten. Ich erinnere mich, das schwuchtelige "Co Co" von Sweet im Strandbad gehört zu haben, aus einem Kofferradio, eine Nummer, die ich toll fand, aber ich durfte es nicht zeigen. Ich war erklärter Slade-Fan, ein Noddy Holder-Anbeter, ein Working Class Kid.

Slade bedienten die arbeitenden Massen. Slade machten Musik für Lastwagenfahrer, die sich beim Fahren auf der Überholspur der Autobahn einen runterholten und gleichzeitig eine Pall Mall rauchten, ohne Filter, während Sweet-Kids beim Masturbieren streng darauf achteten, nur ja nichts einzukleckern in Papas Hobbykeller.

Nein, ich mochte Sweet nicht, und ich mochte die Jungs nicht, die Sweet mochten. Die waren genauso ölig wie die Knilche von der 1. Sportvereinigung, die in schneeweißen Trikots aufliefen und nach Spielschluß immer noch keinen Schmutzfleck auf der Hose hatten, obwohl ihr Platz aus roter Asche bestand. Das musste man erstmal hinkriegen. Ich meine, ich war ja schon eingesaut, wenn ich morgens die Augen aufschlug und nicht schnell genug die Finger über die Decke kriegte.

Slade waren anders. Slade waren dreckige Prolls, Viehzeugs fast, Slade kamen aus Nordengland. Der Frontmann Noddy Holder war ein Shouter vor dem Herren. Sein UFO-Haarschnitt kam vom beklopptesten Planeten, der 1974 durchs Weltall trieb – und das zu einer Zeit, als das Universum im Minutentakt durchzudrehen pflegte, in hohen Bühnenstiefeln und Prinz Eisenherz-Anzügen.

Ich weiß nicht, ob ich es verraten soll, aber ich kann es nicht länger bei mir behalten: In Wahrheit war Noddy Holder unser Kommandant, und nicht Major Tom!

Slade hatten eine Reihe großartiger Hits, die heute noch durch die Jeans-Werbung geistern. Das unschlagbare COZ I LOVE YOU, das Mississippi-Lagerfeuer-Epos FAR FAR AWAY usw.. Die Nummer aber, die mich in ihre Arme trieb, war das programmatisch harte CUM ON FEEL THE NOIZE. Seither bin ich gezeichnet, genoddyholdert, in alle Ewigkeit.

Amen.

Und dennoch. Wenn ich ehrlich bin, und wofür sollte ein kleiner Rückblick wie dieser sonst gut sein, überstrahlte der Song "Ballroom Blitz" von Sweet alles andere, was damals auf den Markt kam. Schon die Eröffnung ist eine Klasse für sich. Ich erinnere mich, wie wir Jungs die Reihen geschlossen durch die Straßen zogen, den Anfang von "Ballroom Blitz" nachahmend. Und jeder wollte der Leadsänger sein, der surfbrettblonde Brian Connolly, und dieses eine Mal hängte er Slade und Noddy Holder tatsächlich ab.

Are you ready, Steve ? Uh-huh !
Andy ? Yeah !
Mick ? OK !
All right, fellas …
LET’S GOO !!!

Der Song war primitiv, er war verrückt, er war completely nuts. Er war genauso verdammt einfach wie die Zeit, damals, als wir vierzehn waren und die Frage aller Fragen lautete: Warst du Tina schon unter der Bluse? Was mich im Nachhinein erstaunt: Woodstock war zwar erst fünf Jahre her, erschien uns aber wie ein Ereignis von einem fremden Stern. Nein, die Hippiezeit war tot und vorbei, Maggie und nicht Tina ging mir in die Hose und ich verärgerte die Nachbarschaft mit britischem Blitzkriegpop.
6.11.17 17:54


Frau und Mann nebeneinander

„Du machst echt keine Kompromisse“, meint sie, als wir gemeinsam im Garten stehen und Wäsche aufhängen.

„Wieso?“

„Na hier, sieh selbst. Du hast kein kleines Loch im Strumpf wie normale Männer, du legst gleich die komplette Ferse frei. Das ist das totale Loch, was du hier siehst. Nicht zu fassen, der Kerl. Das sieht richtig brutal aus. Ein Desaster ist das. Das ist doch kein normales Loch im Strumpf!“

*

“Also, ich finde das sexy”, sagt sie, als wir im  Badezimmer nebeneinander vorm Spiegel stehen. “Das sieht so verletzlich aus..”

“Moment mal.. sexy?! Du findest Geheimratsecken.. sexy?”

“Na.. ja, sexy nicht wirklich. Aber verletzlich. Verletzlichkeit finde ich sexy. Besonders bei Männern. So herum ist richtig..”

Erst sexy, dann nicht wirklich sexy, oder doch nur mit Einschränkung sexy, also ich weiß nicht. Früher lagen die Dinge einfacher. Da hatte ich eine schöne Matte und die Mädels liefen mir hinterher. Das war besser. Da war ich mein eigenes Naturvolk. Da war ich..

“Ach Blödsinn, das sind doch noch gar keine richtigen Geheimratsecken. Die kommen erst noch..”, tröstet sie mich.

Na, toller Versuch, Dankeschön auch.

„Weißt du noch früher? Das war besser, da war ich mein..”

“..eigenes Naturvolk, ja, ja, ja, ich weiß.”

*

„Ich will diesen ganzen Scheiß nicht. So’n Großbildschirm zu Hause würde mich verrückt machen, da wäre ich innerhalb einer Woche tot. Wie ne Stubenfliege, die am Fliegengitter klebt, weil sie dem Ding zu nah gekommen ist.. Nee, lass mal. Mir imponiert jeder, der heutzutage noch mit ner kleinen Schwarz-Weiß-Kiste zurechtkommt.“

„Schwarz-Weiß? Gibt’s doch gar nicht mehr. Hat doch kein Mensch mehr.“

„Nicht? Na, dann imponiert mir auch keiner mehr.“
5.11.17 23:46


Die wahren Helden wohnen um die Ecke

Wenn Eileen, die Frau mit dem dicken Bauch, lachte, sah es aus,
als lachten viele Frauen
und ein Buddha.



Ill.: Sanne Eggert

*

Die wahren Helden wohnen um die Ecke. Aber was tun, wenn sie plötzlich fortziehen? Nehmen sie ihr Heldentum dann mit? Bleibt eine Leerstelle, wo zuvor der Held lebte?

Der kleine dicke Mann, der so lange in der Nachbarschaft gewohnt hat, dass ein Leben ohne ihn kaum vorstellbar war, ist fortgezogen. Die Wohnung war ihm zu teuer geworden. Außerdem hat er es in den Beinen, er kann nicht mehr gut gehen, er und seine Frau haben eine Erdgeschoßwohnung gesucht, in einer anderen Siedlung.

Wie oft habe ich mit dem kleinen dicken Mann vorm Haus zusammengestanden und seinen Geschichten gelauscht, in diesem warmen Solinger Singsang, der mich an meine Eltern erinnerte. An meine Onkel und Tanten, an Opa, meine Oma, an die ganze Sippe, die Solinger Platt sprach, den Slang meiner Kindheit.

Manchmal ertappte ich mich dabei, dass ich einfach die Augen schloss und mich in den Worten des kleinen dicken Mannes hin- und herwog, ohne groß auf den Sinn zu achten. Es war, als badete ich, und der kleine dicke Mann war mein Badesee.

Der kleine dicke Mann erzählte gern von Fußball. Sein Enkel spielt bei der Fortuna, er ist sein ganzer Stolz, ehrlich gesagt, mir war lieber, er erzählte aus den alten Zeiten. So erfuhr ich, dass diese hybridartigen Fußballplätze wie in Kohlfurth, wo ich beim RSV alle Jugendmannschaften durchgespielt habe, von der E- bis zur A-Jugend, früher gang und gäbe waren im Stadtgebiet, Zwitterplätze zwischen Asche und Rasen. Das Gras säte sich sozusagen von selbst aus und wuchs mit der Zeit von den Rändern zur Mitte hin, es geschah von ganz allein, ohne Zutun der Vereine.

Als der Ascheplatz in Kohlfurth mehr und mehr von Rasen überwuchert wurde, stellte RASSPE einen Mähtraktor zur Verfügung und mähte die Wiese ab und zu. Das bot sich an. RASSPE war nicht nur Namensgeber des 1909 gegründeten Arbeitervereins Rasspe Sport Verein (RSV) Kohlfurth, RASSPE war einer der führenden Landwirtschaftsmaschinen-Hersteller seiner Zeit, die Fabrikhallen lagen um die Ecke. RASSPE zahlte schlecht, das war in der ganzen stolzen Stadt bekannt: "Willst du schlechte Löhne, geh zu Rasspe und Söhne!"

Der kleine dicke Mann erzählte, dass es 1950, zum 40jährigen Bestehen des RSV ein einwöchiges Fest-Turnier in Kohlfurth gab. Im Endspiel standen sich der SV Sudberg und der SSC 95/98 gegenüber. Es war Sonntagnachmittag, Bratwurststände und Trinkbuden waren aufgebaut, Hunderte von Zuschauern säumten den mit Blumengirlanden geschmückten Platz. Und dann gab es eine mordsmäßige Klopperei unter den Spielern, in deren Verlauf eine betagte Sudberger Anhängerin ("Minimum um die sechzig!") den Platz stürmte und mit ihrer Handtasche zuschlug, wobei einem Spieler des SSC das halbe Ohr abrasiert wurde. Sofort wurde das Endspiel abgebrochen, Polizei fuhr vor (im Peterwagen), es wurden Platzverweise ausgesprochen. Nicht vom Schiedsrichter, der hätte weiterspielen lassen, aber von der Polizei.

"Das waren noch richtige Kerle früher auffem Platz, die hatten noch Schitte inne Füße!"

Wieso ist der kleine dicke Mann bloß weggezogen. Wer erzählt mir jetzt noch solche Schoten, die bei Licht betrachtet vielleicht nichts besonderes darstellen, aber wenn man das Licht ein wenig dimmt und zur Seite schaut...
1.11.17 17:04


Käptn Red, King of Lagos

Im Frühsommer 1982 reisten Karlos und ich per Bahn nach Portugal, Ziel war Lagos an der Algarve. Mit Anfang zwanzig hatten wir die Nase voll vom Trampen, wir fühlten uns zu alt, um weiterhin mit vollbepackten Rucksäcken an staubigen Landstraßen zu stehen und uns von total witzigen Cabrio-Fahrern verkohlen zu lassen, die zwanzig Meter weiter den Wagen anhielten und warteten, bis man zu ihnen aufgeschlossen hatte und dann johlend Stoff gaben, mit durchdrehenden Reifen, den Mittelfinger durchs offene Wagendach gestreckt. Darauf hatten wir keinen Nerv mehr, es war zu anstrengend geworden, damit lässig umzugehen. Nicht mit 21, Baby, da wollten wir es ein bisschen gemütlicher haben, ein bisschen mehr kommod, wenn wir schon in Ferien mussten.

Denn ehrlich gesagt, ein kleines bisschen war die Luft schon raus. In den Jahren zuvor waren wir meist zu dritt und stattlichen Backpacker-Rucksäcken unterwegs gewesen, Karlos, Schnaat und ich. Es gab auch Ausnahmen, so fuhr ich im Sommer 78 mit dem dicken Hansen in seiner blauen Ente nach Spanien. Doch Usus war die Trio-Variante mit Schnaat und Karlos, wir verbrachten aufregende Ferien in Frankreich, im Umfeld belgischer Autobahnen und in England.

Als Trio auflaufen ist bei Autostopp nicht gerade von Vorteil, wer hält schon an, wenn drei Siebzehnjährige auf dicken Rucksäcken am Straßenrand hocken und statt den Daumen rauszuhalten lieber selbst den Mittelfinger zeigen, aus Gründen der Coolness. Es war nicht einfach gewesen, zu dritt voranzukommen als Tramper. Intern passte es dafür umso besser, zu dritt unterwegs zu sein. In der internationalen Zahlensymbolik steht die 3 für START. Wo die Dinge ins Rollen kommen. Und wir drei waren gleichaltrig, waren Baujahr 1960. Nach dem chinesischen Horoskop sind 1960 geborene Ratten nicht kaputt zu kriegen.

Bis sie kaputt sind.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, warum Schnaat 1982 ausfiel, der dritte Mann. Warum Karlos und ich zu zweit unterwegs waren. Egal.

Nach vierzig Stunden fielen wir in Lissabon aus dem Intercity, die Klamotten verklebt, Schweißfüße und gerädert von den harten Bänken portugiesischer Eisenbahnen. Schlimmer noch: Das Gras war uns ausgegangen.

Kaum ausgestiegen, sprach ich am Hauptbahnhof Lissabon einen schlaksigen Bimbo an, er stand an der Ecke eines internationalen Presseladens. Nicht, dass er irgendwie einen aufrichtigen Eindruck gemacht hätte, das war es nicht, nein, aber sein Anblick erfüllte gleich mehrere Kriterien, auf die man sich weltweit verständigt hat, um in der Fremde einen Dealer auszumachen:

An der Ecke stehen. Bimbo sein. Cool.

Für umgerechnet fünfzig Mark erwarb ich ein Säckchen Marihuana. Es roch stark und würzig. Man bekam regelrecht Appetit, wenn man sich das Kraut unter die Nase hielt. In einem Hinterhof öffnete Karlos das Zellophansäckchen, um den ersten kleinen Stick zu drehen. Er verzog das Gesicht.

“Was hast du dir da denn andrehen lassen.. Das sind Küchenkräuter, du Penner. Das ist Kapuzinerkresse mit ein bisschen Vogelfutter drin.”

Karlos kannte sich aus in der Küche.

„Der hat dich schön abgekocht.“

So begann der Portugal-Urlaub 1982 also mit einem Abzug in der Lissaboner Drogenszene. Und es war noch nicht Abend. Weil wir erst am nächsten Tag weiterfahren konnten Richtung Lagos, bezogen wir im Nuttenviertel ein billiges Hotel, eine Art Stundenhotel. Die zwei Mädels, die wir in der Nacht sturzbetrunken anbaggerten, hatten nur unsere Brustbeutel im Sinn, während sie uns einen runterholten, aber nicht mal das klappte richtig, so voll wie wir waren, aber dafür blieben die Brustbeutel auch schön bei uns unterm Hemd.

Am nächsten Mittag ging es mit dem Bummelzug nach Lagos. Unser kleines Zwei-Mann-Mann-Zelt, gestählt von unzähligen Tramptouren zu dritt, schlugen wir auf dem staubigen Stadt-Camping von Lagos auf, wo wegen Armut und Wohnungsknappheit auch viele Einheimische hausten, in ausrangierten britischen Double Dutch-Autobussen und Hauszelten.

Eher nebenbei erfuhren wir, dass Romy Schneider zwei Tage zuvor in Paris an gebrochenem Herzen gestorben war. “Poor Sissy’s dead and gone”, sangen Karlos und ich und klopften Heringe in den harten Zeltplatz-Boden.

Noch am selben Abend lud uns unser langhaariger portugiesischer Nachbar namens Eusebio (sic!) in sein Hauszelt ein. Karlos war zu müde, ausgenockt von der langen Zugfahrt schlief er früh ein, während ich bei Eusebio Gras rauchte und John Mayall & The Bluesbreakers lauschte, The Blues Giant, ein rares 3-fach-Album im stabilen Schuber, das ich ebenfalls in meiner Plattensammlung hatte. Da saß ich nun im fernen Portugal und hörte den gleichen rätselhaften weißen Blues wie daheim.

Was verblüffte: Eusebios Hauszelt war viel wohnlicher als es von außen den Anschein hatte. Es gab sogar Kronleuchter, am Zeltdach befestigt, und an den Wänden gerahmte Bilder, darunter ein großes Porträtfoto, das ein wenig an die junge Romy Schneider erinnerte.

“She’s gone”, sagte ich.

“Gone..? Who’s gone?”

“Sissy. Dead in Paris. Her heart.”

Nachbar Eusebio nickte freundlich.

Die ersten Tage gingen Karlos und ich nach dem Frühstück zum Strand runter. Wir lernten einen Rastafari kennen, der hinter einem Felsvorsprung hervorlugte und „Ganja? Ganja?“ wisperte. Das war unser Mann. Schon am nächsten Tag war das lockere Strandleben passè, wir entschieden uns die heißen Tage auf dem Stadt-Camping zu verbringen. Der Rastamann drehte täglich seine Dealer-Runde über den Platz, mit seinen wippenden Dreadlocks, man durfte ihn nicht verpassen. Die meiste Zeit verharrten wir in unserem von der prallen Sonne aufgeheizten winzigen Zelt, lasen mitgebrachte Clever & Smart-Hefte und dämmerten bekifft vor uns hin.

In der Mittagszeit wurden die Temperaturen unerträglich, die Hitze stand wie ein riesiges Insekt über Lagos. Es gab kaum schattige Ecken auf dem Stadt-Camping, nur auf der Terrasse der Rezeption war es halbwegs erträglich. Wir schleppten uns mit letzten Kräften unter den Sonnenschirm, tranken Bier und glotzten tranig umher. Wenn wir hungrig wurden, bestellten wir beim Pächter des Platzes, der gleichzeitig auch Chefkoch der Kantine war, Hähnchen mit Pommes.

Kaum hatten wir die Bestellung aufgegeben, hörte man das Geflügel im Hof panisch um sich schlagen: wildes Kikeriki, Angst und Aufruhr. Ich habe niemals wieder so frisches Hähnchenfleisch auf dem Teller gehabt wie in Lagos 1982. Das Fleisch flatterte einem sozusagen noch unterm Gaumen.

Zwei kleine portugiesische Jungs, die auf dem Campingplatz lebten, hatten einen Narren an uns gefressen, nachdem wir eines Abends mit ihnen über den Zaun des benachbarten Stadions des FC Lagos geklettert waren und zu viert gekickt hatten, bis es dunkel wurde und man die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte. Fortan kamen sie jeden Abend ans Zelt gelaufen und zupften uns am Ärmel.

„Eh, du Futbol..!!?“

Da sahen wir ihn. Käptn Red, der abgemagerte verlauste Rüde, wie er über den Stadt-Camping schlich. Er zog ein Hinterbein nach und sabberte unentwegt. Wir nannten ihn Käptn Red wegen der ständig geröteten Augen. Sein Anblick war eine Zumutung, ein Affront, eine Beleidigung für den bekifften mitteleuropäischen Geschmack, und weil die Töle das mittlerweile wusste, machte sie sich so rar und so klein wie möglich, duckte sich an der niedrigen Außenmauer des Platzes entlang.

Eigentlich hatte er uns ja nichts getan. Er war nur eine arme Socke, er konnte nichts für sein Aussehen, er war genau das, was ein christliches Herz höherschlagen ließ. Tja. Manchmal warfen wir mit flachen Steinen nach ihm und ließen ihn tanzen, wir spielten Wettflitschen mit dem Humpelhund, während die Sonne erbarmungslos auf uns niederbrannte.

Käptn Reds war ein einsames, ein devotes Tier, doch wir hassten es von Tag zu Tag mehr, zumal auch die Stimmung unter uns rapide abwärts ging, je länger der Urlaub dauerte. Ich vermisste Lena, ich hatte richtig Liebeskummer, Karlos nicht, auf ihn wartete keine Lena zuhause. Er langweilte mich mit seiner Nicht-Sehnsucht, ich ihn mit meiner Sehnsucht, so gingen wir uns gegenseitig auf den Geist und übertrugen diesen Unmut auf den Hund, dem das Bein immerzu wegknickte, als hätte er mit jedem Schritt in eine Scherbe getreten.

Wir waren Schweine damals, was Hunde betraf. Karlos und ich führten einen privaten Kleinkrieg gegen südeuropäische Straßenköter, dem natürlichen Feind jedes anständigen Globetrotters. Wir wollten den Käptn nicht in unserer Nähe haben. Er versprühte diese oberkranke Aura. Er sollte sich davonmachen, der alte Hinkefuß.

Eusebio, der langhaarige arbeitslose Nachbar, fuhr ab und zu auf einem klapprigen Kahn zum Fischen raus, er angelte Chocos. Einmal lud er uns zum Essen ein. Die kleinen Fische wurden frittiert und mit Zwiebeln serviert. Karlos konnte nicht genug davon kriegen, ich hingegen schon. Weil wir kein Portugiesisch sprachen und Eusebio kaum Englisch, blieb die Verständigung allerdings schwierig. Karlos leckte seine fischigen zehn Finger ab, um Eusebio zu verdeutlichen, wie gut es ihm schmeckte. Dazu rief er dauernd „GUSTO! GUSTO! LECKER!“ Eusebio nickte freundlich, während ich hinterm Zelt hockte und kotzte.

In der dritten Urlaubswoche hatten wir die Nase voll von der endlosen Grasraucherei und gingen wieder ab und zu zum Strand runter.

Einmal wählten wir eine Abkürzung und landeten aus marihuanabedingter Unachtsamkeit auf einem Privatgelände, einer weitläufigen sonnenverbrannten Prärielandschaft.

Grosse Steppe, Mittagshitze.

Karlos war knallrot im Gesicht, wie immer. Direkt neben ihm stand ein schwarzes Rieseninsekt in der Luft, dann sah er es als Erster.

“Was ist das da, was da angewatzt kommt?” murmelte er. “Ein Hund?” Er zeigte in die Ferne.

Am Horizont das blaue Meer, davor ein wetzendes Vieh. Es trampelte über den sandigen Boden, schwer wie ein Büffel, wütend kläffend. Es hielt schnurstracks auf uns zu. Ich sah mich um, es waren keine hundert Meter bis zum Zaun, ich machte mich auf die Socken. Ich rannte und rannte und drehte mich nicht einmal um, ehe ich den Zaun erreichte. Ich sprang hoch, schwang das linke Bein auf den Pfosten und setzte über. Auf der anderen Seite angekommen, sah ich Karlos, der die letzten Meter gehend zurücklegte. Gemächlich. Fast blasiert. Dabei konnte er einfach nicht mehr. Er schaffte es im letzten Moment, im wirklich allerletzten, sich hochzuziehen, bevor das Monster nach ihm schnappte.

Nach diesem Erlebnis blieben wir wieder auf dem Stadt-Camping und klebten bekifft in unserem stickigen Zwei-Mann-Zelt die Papierchen für einen Joint aneinander, konnten uns kaum noch rühren. Der Rastafari verkaufte ein Bombengras, aber immer nur in kleinen Mengen, falls die Polizei ihn schnappen sollte. Dummerweise war der Rasta sehr unzuverlässig. Man wusste nie, um welche Uhrzeit er auftauchte, aber wir verließen ja eh kaum noch den Platz.

Am Morgen unseres Aufbruchs, es wurde gerade hell, bauten wir unser Zweimann-Zelt ab und wunderten uns plötzlich über diesen Pisse-Gestank, scharf wie Ammoniak, der ganze Zeltstoff schien verseucht.

Mit Hundepisse.

"Guck mal", stieß Karlos mich an, "Käptn Red."

Er lief in einiger Entfernung auf und ab und schien sich zu amüsieren, irgendwie. Karlos lief zornig auf ihn zu, aber er humpelte davon, überraschend behende, schlüpfte durch ein Mauerloch und jaulte in die Morgendämmerung hinein.

Und das war überhaupt das einzige Mal in den drei Wochen, dass wir den Hund jaulen gehört haben, und es klang überglücklich irgendwie.
19.10.17 19:01


Mit ein paar tausend Mann *

Dienstag, früher Abend. Ich stehe im Bad und rasiere mich bei offenem Fenster. Im Hof jätet der knorrige alte Sizilianer sein kleines Gemüsebeet. Er ist so versunken in die Arbeit, dass er nicht mitkriegt, was um ihn herum geschieht, während Frau Fischer, die über uns wohnt, sich lautstark beschwert, sie habe sich beim Husten eine Rippe angebrochen. Frau Fischer hat schweres Asthma, und sie trinkt zu viel. Die Mülltonne ist nach dem Wochenende grundsätzlich ein Hort leerer Apfelkornflaschen.

"Nicht mal husten darf man noch..! Was ist das denn für ein Leben.."

Mit wem sie wohl redet, frage ich mich, da ihr niemand antwortet, und den knorrigen alten Sizilianer wird sie ja kaum meinen. Und was mich betrifft: Um sechs ist Fußball. Ich schaue mir ein Zweitliga-Spiel an. Ich liebe Flutlichtspiele, besonders jetzt im Spätsommer, wenn es noch nicht kalt ist auf den Rängen. Und das Geräusch, das der Ball macht, wenn er über den Rasen läuft, klingt nur am Abend nach 20 Uhr so tief und satt, so tiefensatt, so aristokratisch grün.

So grünblütig.

Union spielt gegen Blau Weiß Berlin.

Das letzte Mal am Hermann-Löns-Weg war ich letzten Sommer, als Schalke zu Gast und das Stadion ausverkauft war. Bei der Taschenkontrolle am Eingang wollte mir ein übereifriger Ordner die Purpfeife abnehmen, die wie immer im Kleingeldtäschchen der Jeans auf ihren Einsatz wartete. Der Ordner wusste zwar nichts anzufangen mit dem Pfeifchen, aber die Tatsache, dass es aus Metall war, machte ihn nervös. Es dauerte bis ich ihn überzeugen konnte, dass sich mit dem kleinen, keine fünf Zentimeter kurzen Ding nicht viel Unheil anrichten ließ im gegnerischen Fanblock, außer vielleicht einer diffusen kleinen Haschisch-Psychose.

Frisch rasiert steige ich in die Linie 82 nach Ohligs. Es riecht lecker nach Rasierschaum und Frühherbst. Ein paar Union-Anhänger in den letzten Reihen, in voller Kutte, mit meterlangem Schal. Anstoß ist zwanzig Uhr. Da ist noch genug Zeit für die erstbeste Frittenbude in der Ohligser Fußgängerzone.

"Frikadelle mit Pommes. Und ne Dose Bier."

"Bier aber nich hier trinke", klärt mich der Inhaber auf, "is verbote, Gastestättegesetz."

"Dann nehm ich das hier."

Ich wähle eine Capri-Sonne mit Kirschgeschmack. Es gibt eine markierte Stelle an dem prallen Aluminiumsäckchen, an der man den Strohhalm einstechen muss, doch der Halm bohrt sich einfach auf der anderen Seite der Capri-Sonne wieder heraus, Kirschsaft kleckert auf den Boden.

"Klappte nich?" ruft der Türke hilfsbereit und kommt gleich mit dem Lappen rüber.

"Nee", sag ich. "Klappt nicht."

Er rammt den Halm weiter unten ins Alu-Säckchen als vorgegeben, drin ist der Zapfhahn, es funktioniert, die Suppe kriecht den Strohhalm hinauf, als ich dran ziehe, ich bedanke mich.

Nach einer Verdauungszigarette an frischer Luft gehe ich rüber in den Bierbrunnen und trinke drei Kölsch. Ein älterer Mann kommt rein, bestellt ein Bier und fängt sofort an zu lamentieren. Er spricht so undeutlich, ich verstehe seine Worte nicht, bis auf den letzten Satz: "Wir haben uns zu neunzig Prozent gedreht!" Interessiert aber ohnehin niemanden. Eine Frau, die in seiner Nähe steht, verdreht nur genervt die Augen, als der Mann ihr ungefragt seine Hände zeigt.

„Hier, guck mal, mein Engel, ich hab keine Fingernägel mehr, siehst du? Alles abgebissen, hier, sind nur noch Finger.“

Ich mache mich auf in Richtung Hermann Löns-Weg. Weil noch Zeit ist, schlage ich den Fußweg ein, der an einem Nebenplatz des Union-Stadions entlangführt. Gerade ist Training. C-Jugend, schätze ich. Fünfzehn Jungs, fünfzehn Jahre alt. In der Mitte ein schreiender Trainer, der einen Spieler abkanzelt, dessen Schuss aufs Tor auf der schweren roten Asche liegen geblieben ist.

"Die verhungert ja, die Pille!"

Sofort spüre ich Bewegung im Darm. Da ist was unterwegs. Ein verdammt dicker Junge. Das ist nicht immer so. Es gibt Phasen, da wünsche ich mir eine Umwälzpumpe im Darm, damit Bewegung reinkommt. Schnell durch die Siedlung zurück und rein in die nächstbeste Kneipe mit dem nächstbesten Männerklo. Ich bestelle ein Not-Kölsch und verziehe mich aufs Klo, aber der dicke Junge hat sich seinerseits auch verzogen.

Dann eben noch ein Kölsch. Ein Motorradfahrer, quadratisch gebaut, Nierengurt noch am Leib, schildert wiederholt, wie er am Wochenende die Autobahnzufahrt Detmold genommen habe.

„Mit Hundertzehn! Wahnsinn! Ist der Gaul mit mir durchgegangen!“

Neben mir hockt ein Rentner, Mantelkragen hochgestellt, Hornbrille, weißer Stock. Jedem Gast, der sich verabschiedet, ruft er ein kehliges "Wiedersehn!" hinterher, ohne aufzuschauen. Als er sein Bier hebt und zum Mund führt, erkenne ich einen Kranz an Strichen auf seinem Bierdeckel, immer in Fünfer-Päckchen, es sind mindestens dreißig Striche. Junge, wenn ich dreißig Bier intus habe, rufe ich auch jedem Gast Auf Wiedersehn hinterher ohne aufzuschauen.

Ich verschwinde aufs Klo. Es gibt Tage, da will der Herrgott einen zweiten Anlauf. Die Kneipe hat ein seltenes Spezialklosett. Für die besondere Hygiene. Am Spülkasten ist seitlich ein rotes Knöpfchen angebracht, wenn man das drückt, zieht sich automatisch ein desinfizierender Film über die Klobrille. Ich teste die Neuheit aus, aber erst nachdem ich geschissen habe.

Halb acht vorm Stadion. Als ich am Kassenhäuschen anstehe und Schlagermusik aus den Lautsprechern schallt, entscheide ich mich spontan, noch ein Bier trinken zu gehen. Ist ja noch Zeit, eine halbe Stunde. Außerdem, was soll ich hier rumstehen mit ein paar tausend Mann. Bringt doch nichts.

Zurück in die Kneipe, direkt durch aufs Klo. Der Wirt guckt schon misstrauisch. Dabei will ich diesmal nur eine Purpfeife ziehen. Die kleine Freundin. Die erste heute. Als ich vom Klo komme, steht da plötzlich Onkel Fitting, mein Patenonkel. Das graue Haar an den Schädel geklatscht, mit Unmengen Birkenwasser. Das ist Tradition in der Familie, wenn man älter wird und den Sektor der Attraktivität hinter sich lässt.

"Och, was machst du denn hier? Gehst du zur Union? Bist du allein hier? Wenn du willst, kann ich dich später mitnehmen, nach dem Spiel, kein Thema. Kannst du dir den Bus sparen."

Er hat in einem Satz alles klargemacht, wofür andere Leute den halben Abend brauchen. Er ist mit zwei Bekannten unterwegs, von denen mir einer bekannt vorkommt, allerdings dachte ich, der wäre längst tot. Na, ist wohl ein anderer gewesen. Irgendjemand ist ja immer tot.

Mit einem Mal ist alles zu viel für mich. Ich spüre es nicht komme. Es grätscht einem in die offene Flanke, und du musst zusehen, wie du damit zurechtkommst. Wenn du drinsteckst, tut es weh. Es liegt an der Purpfeife. Es liegt an den paar Bier, die ich getrunken habe, ich hab noch ein großes Kölsch geordert. Es liegt an mir.

Es sind die Drogen.

Wenn ich mich jetzt hier sehen würde, wie ich am Tresen stehe, ich würde denken, ist der Kerl verstockt. Warum geht der nicht besser nach Hause. Was will der in der Kneipe. Was will der beim Fußball.

Was will der überhaupt.

Gestern hat Lena angerufen und mir nachträglich zum Geburtstag gratuliert.

"Nichts hat sich bei dir geändert seit unserer Trennung, du bist ein blödes Arschloch! Mach doch ENDLICH was aus deinem Leben. Wenn du krank wärst, könnt ich deine Desillusion ja noch verstehen, aber du bist gesund, du kannst gut deutsch schreiben, krieg doch endlich deinen dämlichen Arsch hoch!"

Nichts Neues eigentlich, eine ihrer turnusmäßigen Standpauken, mit dem Unterschied, dass ich diesmal nicht den Hauch einer Ausrede gesucht hab, auch gar nicht mehr suchen wollte.

"Du bist ein Feigling", hat sie gesagt, "Du denkst die Sachen nicht zu Ende, warum? Weil es dann zu bitter wird für dich."

"Jim Morrison ist auch mit 27 gestorben", hab ich zwischendurch eingeworfen, es war ironisch gemeint, aber das hat sie endgültig auf die Palme getrieben.

"Du mit deinem blöden Jim Morrison, das ist doch wohl nicht dein Ernst!? Außerdem bist du 28 geworden, deine Ausreden funktionieren nicht mehr!"

Darauf ist mir nichts mehr eingefallen. Dabei meine ich das mit Jim Morrison schon lange nicht mehr ernst. Aber wenn man den Leuten etwas zu lange aufgetischt hat, wird einem den Schwenk hin zur Ironie nicht mehr abgenommen. Dann muss man plötzlich ganz allein über sich lachen.

Onkel Fitting hat es plötzlich eilig, zum Stadion zu kommen.

„Das Spiel fängt gleich an! Ist schon acht!“

Weg ist er mit seinen beiden Spannmännern.

Onkel Fitting war immer mein Lieblingsonkel. In der Familie kursiert die Geschichte seiner Liaison mit Janine, einer belgischen Schönheitskönigin, die er in den Sechzigerjahren als junger Mann kennenlernte. Was Onkel Fitting zunächst nicht wusste, was ihm aber klar wurde, als er Janine in ihrer Heimatstadt Gent besuchte: sie war aus reichem Hause, der Vater Präsident des FC Gent. Schon am ersten Abend des Besuchs packte der Vater Fitting ins Auto und fuhr mit ihm raus zum Stadion. Er schloss das große Eingangstor auf, und präsentierte die Arena. Erst wusste Onkel Fitting kaum, wie ihm geschah, er glaubte fast, einem Hochstapler aufzusitzen – bloß, warum sollte der so einen Wirbel veranstalten? Für ihn, einen armen Schlucker aus dem Bergischen Land?

Nach einigen Tagen in Gent und diversen Einladungen zu gesellschaftlichen Ereignissen kühlte die Stimmung insgesamt merklich ab. Man hatte Informationen eingeholt bezüglich Onkel Fitting und seinem Status in der Heimat. "Ich war ja nur ein armer Gardinen-Dekorateur." Mein Onkel war schwer gekränkt. Eine letzte Chance sah er darin, Janine ihrerseits nach Solingen einzuladen und einen großen Schwindel vorzuspielen. Sie kam tatsächlich, gegen den Willen ihres Vaters. Und Onkel Fitting zeigte, was er draufhatte.

Als gelernter freischaffender Dekorateur und Schaufenstergestalter war es für ihn ein leichtes, das windschiefe kleine Häuschen meines Großvaters in einen funkelnden Ballsaal zu verwandeln. Die schlichten Möbel wurden so lange mit Deko-Fix präpariert, bis sie nach echtem Tropenholz aussahen. Stoffbahnen wurden ausgelegt und mit samtroten Licht angestrahlt, Raffgardinen angebracht, Blumengirlanden schmückten Küche und Baumhof. Fitting und seine Freunde schufen eine so wunderliche Varieté-Stimmung in Opas Häuschen am Stöckerberg, dass man sich noch dreißig Jahre später davon erzählte.

Janine war das alles herzlich egal, sie liebte Onkel Fitting aufrichtig, sie wollte ihn um jeden Preis, auch gegen den Willen ihrer Familie, doch in letzter Sekunde winkte Onkel Fitting ab. „Das hätte nie geklappt mit uns.“ Die Standesunterschiede erschienen ihm zu gewaltig auf Dauer. „Irgendwann hätte sie ihren alten Lebensstil vermisst und dann wäre sie neben einem kleinen Dekorateur in Solingen erwacht. Nee – lass mal.“

Neben mir am Tresen erregt sich ein Männlein darüber, dass beim diesjährigen Flugplatzfest in Wiescheid das Bier in Pappbechern ausgeschenkt wurde: "In Pappbechern!! Trinke ich nicht, hab ich nie getrunken, werde ich nie trinken!"

"Jawoll, Sir!", sage ich.

Manchmal stehe ich in einer Altherrenkneipe und beobachte die Männer, die nicht wissen, wohin mit ihren Händen, weil der letzte Griff zum Bierglas noch nicht lange genug her ist, um den nächsten Griff anzugehen. Männermomente im Ungefähren.

Viertel vor acht. Kurz bevor ich aufbrechen muss, sonst verpasse ich den Anstoß, lerne ich den einen Interessanten kennen, den man immer kennenlernt, wenn man es lange genug aushält. Er ist im Alter meines Onkels und lebt in Scheidung, wie er ohne Umschweife erklärt.

"Ich hatte schon Kontoverfügungen ausgestellt für meine ex-Frau, ich meine, dass die Zahlungen weiterlaufen, wenn ich tot bin, so schlecht ging es mir. Soll ich dir was sagen, Jochem? Hast du was dagegen, wenn ich dich Jochem nenne?"

"Nur zu", sage ich.

"Mein Neffe heißt nämlich Jochem, an den erinnerst du mich. Der guckt genauso abgeklärt aus der Wäsche wie du. Ähh wo war ich..?"

"Ich glaub, du warst bei den Kontoverfügungen.."

"Ja, richtig, so am Ende war ich. Ich hab nicht mal mehr Spaß gehabt am Geldverdienen, verstehst du?!"

Der Mann schafft es nicht mehr, die aufgebrachten Worte in die passende Mimik zu kleiden, dafür hat er sich schon zu oft ausgekotzt an diesem Tresen.

"Die Depression hatte mich so in den Klauen, mein Junge, ich saß nur noch zu Hause und hab die Wände angestarrt, vollgepumpt mit Tranquilizern. So eine Depression springt einen an wie ein Tier aus dunkler Ecke.."

Kurz nach acht, Hermann-Löns-Weg. Klein und provinziell ist das Stadion, von Bäumen umstellt. Keine dieser neuen Schüsseln, wo man als Zuschauer nie genau weiß, ob man nicht gleich abhebt und davonfliegt. Ich kaufe eine Karte für die Gegengerade. Stehplatz.

Flutlicht.

Ich liebe Flutlicht, ich liebe den satten grünen Strahle-Rasen. Hinter einem rauscht der Wind in den Bäumen, am Spielfeldrand liegt erstes Herbstlaub. Der Fan vor mir stellt seine Umhängetasche ab, holt eine Flasche Rotwein heraus und entkorkt sie, unter Mühen. Dann verschließt er sie wieder, ohne einen Schluck genommen zu haben. Recht so. Hauptsache, die Pulle ist auf, mein Freund.

Zweitausend Zuschauer, ich verliere mich im Spiel.

*

21. September 1988

Union Solingen - Blau-Weiß Berlin 0:2
16.10.17 16:59


Der seltsamste Scheißtag

War es Boxer Butch, gespielt von Bruce Willis, der in Pulp Fiction die weisen Worte sprechen durfte, „das ist der seltsamste Scheißtag in meinem ganzen Leben“? Ich meine ja. Ich meine, es wäre in der Szene, wo er im Taxi sitzt, nachdem er entgegen der Abmachung einen Boxkampf nicht durch K.O. verloren, sondern durch Totschlag gewonnen hat. Jedenfalls hätte man als Drehbuchautor in diesem Moment Boxer Butch solche Worte in den Mund legen können, machte ja durchaus Sinn.

Und natürlich, ja, ich könnte jetzt kurz nachgoogeln und wüsste sofort und sicher Bescheid, wer was wann in Pulp Fiction gesagt hat, aber ich lasse es lieber im Ungefähren, ich tu einfach mal so, als schrieben wir das Jahr 1994 und Internet wäre noch Underground und Google in weiter Ferne und alles sowieso nicht so scheißeinfach und banal, ich meine das Überprüfen kultureller Geschehnisse.

Wir sind 1994 zur Premiere von Pulp Fiction ins Bambi nach Düsseldorf gefahren, zur Mitternachtsvorstellung, in einer eiskalten Winternacht, in einem geliehenen alten VW Variant, den ich an jeder Kreuzung anschieben musste, weil der Motor streikte. Vielleicht war es auch Weihnachten 1993. Den Wagen hatten wir von einem alten Bekannten der Gräfin geliehen, der für eine traditionsreiche Solinger Manufaktur neue Regenschirme entwarf und ohne Ende Haschischbongs rauchte. Vom vielen Kiffen hatte er rote Pickel im Gesicht, am Hals, am Arm, eigentlich überall, wo seine Haut Platz bot zur verschärften Pickelblüte. Ein introvertierter Vogel mit einem kränkelnden Auto, aber Ideen für neue Schirme schüttelte er nur so aus dem Ärmel. Jedes Mal, wenn wir ihn besuchten, entweder weil wir uns sein Auto ausleihen oder ihm unseren Hund aufs Auge drücken wollten für ein Wochenende, saß er da am Tisch, stopfte einen Bong und zeichnete auf Millimeterpapier einen weiteren Rohentwurf für auf Knopfdruck aufploppende Regenschirme. Er war talentiert.

Ich hatte im Vorfeld viel über den Film gelesen, ich hatte einige Ausschnitte gesehen. Jetzt war ich total scharf auf John Travolta als Gangster, und als er in Pulp Fiction unter Heroineinfluss zu Chuck Berry tanzte, raste mein Puls vor Freude, er war brilliant.

Doch plötzlich, nach nicht mal der Hälfte der 145 Minuten Laufzeit, sackte Travolta von Kugeln durchsiebt auf dem Scheißhaus zusammen. Ich war verstimmt. Ich wollte auf der Stelle nach Hause.

"So ein Betrug! Travolta ist tot!"

"Ist ja gut", stöhnte sie. "Ich sehs."

Ich fand Pulp Fiction ganz okay, aber als John Travolta auf dem Pott sitzend und Zeitung lesend erschossen wurde, war die Nummer für mich gelaufen. „Komm, John Travolta ist tot“, sagte ich zur Gräfin und wollte los, doch sie bestand darauf, den Film zu Ende zu sehen.

Für mich ist P.F. der beste Film der 90er Jahre, und die 90er Jahre, so übel sie insgesamt waren, habe noch einige andere herausragende Werke auf dem Buckel. Was Tarantino angeht, so hat er danach keinen nennenswerten Film mehr zustande gebracht. Macht aber nichts. Lieber ein Meisterwerk als keins.

Und Travolta? Ich kann machen, was ich will, der Mann hat als Schauspieler ein Stein bei mir im Brett, seit er 1978 in der Eröffnungssequenz von Saturday Night Fever zu Stayin' alive von den Bee Gees taktsicher übers New Yorker Trottoir stiefelt. Einer der bewegendsten Momente der Popkultur. Mit zehn, zwölf Schritten in eine neue Ära. Ich hab den Film, als er damals in die Kinos kam, vier oder fünf Mal gesehen, und jedes Mal mussten wir, weil wir auf den letzten Drücker kamen und die Vorstellungen fast ausverkauft waren, mit einem Platz in der ersten Reihe Vorlieb nehmen. Ich wollte aber eh nur den Anfang sehen, und zehn, zwölf Schritte machen noch keine Genickstarre, Freunde.

*

aus: Einmal Diazepam läuft durch
11.10.17 14:34


Die Stille nach dem Abschmieren

Im Sommer 1975 reisten wir mit dem Haus der Jugend nach Chalon-sur-Saône, Partnerstadt in Burgund. Wir waren dreißig Jugendliche plus Betreuer und dem Fahrer des Reisebusses. Der Mitsubishi Boy war an Bord, Karlos,  Pepe, Franky, ein paar Mädels, die meist unter sich blieben, und der kleine Wiegand.

Er war der jüngste von uns allen, gerade vierzehn geworden und Messdiener in seiner Gemeinde. In Frankreich hatte er das erste Mal Sex, wie er später erzählte. Mit der süßen Lucienne. Da wollte er kein Messdiener mehr sein.

„Jetzt war ich ja Ficker.“

Is logisch, Volker.

Täglich trafen wir uns mit den einheimischen Jugendlichen vom Maison de L’Enfance und unternahmen etwas. Am dritten Abend waren wir bei einem Weinbauern zum Essen eingeladen. Es hatte tagsüber geregnet, jetzt, bei Sonnenuntergang, war der Himmel trocken, eine heitere Stimmung griff um sich.

Es war wie ein Sommerfest auf dem Land.

Wir saßen unter bunten Lampions an einer langen Tafel in einem Baumhof, umgeben von hohen Hecken, Fackeln brannten. Irgendeine Spezialität der Region wurde aufgefahren, und ausnahmsweise gab es sogar etwas Tafelwein für uns Halbwüchsige. (Vom Pastis unterm Tisch ahnten die Betreuer nichts.)

Wir hörten ein Motorrad näherkommen, eine schwere Maschine, die den Tisch zum Schweigen brachte. Plötzlich hörte man, wie das schwere Gerät, und zwar ganz in der Nähe, direkt hinter den Hecken, vom Weg abkam und wegrutschte. Es folgte ein langes, ein unendliches langes Wegrutschen der Maschine auf Asphalt. Dann gab es einen dumpfen Aufschlag, danach war Stille. Eine lange Stille.

Die Verlängerung von Stille.

Allen war sofort bewusst, es ist etwas Schlimmes passiert. Es war diese trockene Dringlichkeit, das Schlingern und Rutschen der Maschine, der Aufprall, und diese schlimme Stille.

Stille.

Stille.

Dieses sekundenlange monströse Wegrutschen von Motorradreifen auf einer Landstraße habe ich heute noch im Ohr, ein Sound, der so gar nicht zu den feierlich zusammengeschobenen Tischen und den darüber baumelnden Lampions passte. Und diese abartige Stille. Die gleiche Stille wie in der Kindheit, wenn man vom Rad stürzt und man liegt da und über einem drehen sich die Reifen in der Luft und tun so, als wäre alles wie gehabt, dabei ist der Boden plötzlich woanders und die Knochen tun weh und man hat Angst, man hätte sich etwas gebrochen.

Wir sprangen von unseren Stühlen auf, wollten zum Tor hinaus, jedenfalls einige von uns – ich nicht. Ich blieb sitzen. Ich hatte Angst. Außerdem ging es zu schnell für mich. Ich war überfordert mit der Plötzlichkeit.

Der Gastgeber und andere Weinbauern schnappten sich brennende Fackeln, die im Garten verteilt waren, und eilten vom Grundstück. Auch unser Gruppenleiter ging nachsehen, was los war, und als er zurückkam, hieß es, alle bleiben, wo sie sind, keiner verlässt den Garten, macht die Musik aus!

Die Musik war schon aus.

Noch bevor die Ambulanz und die Gendarmerie eintrafen, hörten wir Stimmen von der Unfallstelle, Schreie, hilflosen Tumult. Es war genau diese Aufregung, die einige von uns nutzten, um sich unbemerkt durch die Hecke zu zwängen, auf die Landstraße.

Der Mitsubishi Boy war einer der Ersten an der Unfallstelle. Der Fahrer lag im Graben, der Helm war zerbrochen. Ein Büschel Gras quoll aus seinem Mund, oder Moos, "irgendwas Grünes", der Mitsubishi Boy wollte es herausziehen, erzählte er später, „ich dachte, der erstickt doch!“

„Nicht den Helm anfassen!“ schrie eine Betreuerin, und Franzosen drängten Mitsubishi ab.

Mittlerweile war ein zweiter Motorradfahrer eingetroffen. Er hielt kurz an, brüllte so etwas wie „Mama!“ und fuhr direkt weiter, um Hilfe zu holen. Die beiden, so erfuhren wir erst später, hatten sich ein Wettrennen geliefert. Sie stammten von umliegenden Höfen.

„MAMAAA..!!“
4.10.17 08:21


Wo Geld ein Piss ist

Rita im Park getroffen, mit Shiva, ihre devote dünne Hündin. Ob Rita wirklich Rita heißt, wir wissen es nicht, sie sieht eher aus wie Roswitha, und sie hat immer schlechte Laune. Sie ist voller Zorn. Sie fühlt sich betrogen vom Leben. Sie glaubt, ihr Leben wäre anders verlaufen, hätte sie jemals eine zweite Chance erhalten, und nicht nur dritte Zähne. Ha!

Ja.

Intern nennen wir Rita auch schon mal "Krich-krich-krich". Die Gräfin und ich haben sie so getauft, weil sie ihrer Shiva, als die noch ein niedlicher Welpe war, immerzu Stöckchen geworfen hat, begleitet von geradezu soldatisch strammen Anfeuerungsrufen: "Krieg den Stock, Shiva! Krieg! Krieg! Krieg!" Aber eben auf die verkürzende bergische Art, also mit -ch statt -g und einem kurzem i:

"Krich! krich! krich!"

Sie ist mal wieder übel gelaunt. Sie ist immer übel gelaunt. Sie ist einsam, sie hat keinen Mann, keinen Job, sie hat nur einen Hund, den sie nicht mehr leiden kann, seitdem er kein Welpe mehr ist und jedes Stöckchen verschmäht, das sie ihm wirft, sie hat eine tiefe soldatische Stimme und sie wäscht sich nicht mehr. Wozu auch? Für einen Hund, dem sie nichts mehr abgewinnen kann?

Die Augen tief in den Höhlen, wie die einer Eule, grade vom Baum gestiegen, stiert sie mich an, an diesem frühen Morgen im Januar, als sie mit Schaum vorm rissigen Mund von den Sheriffs vom Ordnungsamt erzählt, die sie in den Anlagen ertappt haben, als Shiva nicht angeleint war.

Fünfundzwanzig Euro Strafe, bar zu berappen.

Was sind schon fünfundzwanzig Euro in einem Land, wo Siegerinnen gern oben schwimmen und tote Frau spielen, damit die Verliererinnen nicht an sie herankommen? Wo man gern unter sich bleibt, unter Seinesgleichen. Wo Geld entweder ein Piss ist oder ständiges Hochwasser.

„Fünf-und-zwan-zig Eu-ro!“ rupft Rita die Zahl empört auseinander.

Die Sache mit dem Ordnungsamt hat Rita bereits zweimal der Gräfin erzählt, mit Schaum vorm rissigen Mund, was wiederum die Gräfin mir erzählt hat. Ich weiß also Bescheid, tue aber so, als wüsste ich nichts davon, damit Rita was zu erzählen, was zum Abladen hat, wir brauchen alle hin und wieder ein Gegenüber zum Abladen, mit Schaumbällchen vorm Mund, zwei, drei Tage hintereinander oder ein Leben lang.

Ich bin eine fröhliche Müllhalde, als ich weiterziehe

Punkt
24.9.17 08:28


Wo man auch hinging, Hirsche und Haarwuchs

Als zehnjähriger Junge gab es eine Million Dinge, die mich begeisterten. Also ungefähr so viele wie heute. Mit einem Unterschied. Die Dinge waren neu. Es waren eine Million neuer Dinge, die mich faszinierten. Und vielleicht noch drei Jahre Zeit bis zur Pubertät, dem Ender aller Dinge und dem Beginn der kalten Jahreszeit. Aber noch nicht. Noch war ich im Spiel. Noch war ich Kind.

Mich begeisterte zum Beispiel: Auto-Quartett. Auch wenn mir nicht recht einleuchtete, was ein Wankel-Motor in einem sportlichen NSU zu suchen hatte. Flugzeug-Quartett war eine Granate, ich sage nur Messerschmitt. Schiffs-Quartett faszinierte mich wegen den abertausend Bruttoregistertonnen und den riesigen Flugzeugträgern der US-Navy, bei deren Anblick ich das Gefühl nicht loswurde, die Navy hätte einfach einen Kilometer Highway aus Kalifornien rausgeschnitten und aufs offene Meer verschifft.

Ich verschlang alle Sportbücher, die mir der Freund meiner Schwester überließ, er hatte einen großen Fundus an Büchern und war für mich wie ein großer langhaariger Bruder. Sein Wort hatte Gewicht. Seine Bücher auch. Es waren ältere, ein bisschen angegilbte Bücher, die von vergangenen deutschen Zehnkampfhelden wie Graf von Moltke handelten, aber das machte nichts, im Gegenteil. Die Vergangenheit schien stets einen Tick feierlicher und nobler zu sein als die Gegenwart, trotz der vergilbten Seiten, das gefiel mir. Selbst wenn die Gegenwart neuer war. Und von Moltke hatte fast 8000 Punkte geholt. Damals schon. Im Zehnkampf.

Am liebsten waren mir natürlich alte Fußballgeschichten, so wie der Roman ELF JUNGENS UND EIN FUSSBALL aus dem Jahr 1950. Oder das Buch der Fußball-WM 1958 in Schweden. Darin gab es Passagen, von denen ich nicht genug bekam. Ich las wieder und wieder, wie das einheimische Publikum seine Mannschaft anfeuerte, mit frenetischen He-Ja, He-Ja-Rufen.

So wie der Verfasser des Buches es beschrieb, lag ein unheilvolles Dröhnen über der Göteburger Arena, als im Halbfinale Schweden auf Deutschland traf. Immer wieder hörte ich beim Lesen, wie das heisere He-Ja, He-Ja aus fünfzigtausend Kehlen stieg, (skandinavisches Adrenalin), ich sah den Einpeitscher mit seinem Megaphon, wie er am Zaun hochkletterte und den nordischen Bienenstock anfütterte. Es herrschte ausgelassene Stimmung in meinem Schädel. Ausverkauftes Haus. Der Schwarzmarkt brummte. Deutschland ging unter gegen Schweden und schied aus.

Dann wurde ich 14 und plötzlich war alles anders.

Die Sexualität krachte in unser Leben. Anderer Leuts Genitalbereich. Der Stimmbruch. Eben noch gepiepst, röhrte jetzte die halbe Klasse. Wo man auch hinging, Hirsche und Haarwuchs.

Im Konfirmanden-Unterricht im Gemeindeheim Margaretenstraße verbrachte ich ganze Nachmittage damit, die schwarzen Haare auf dem Arm meines Banknachbarn zu studieren. Dass ich sie nicht zählte lag nur daran, dass ich ständig durcheinanderkam beim Zählen, es waren einfach zu viel Haare. Er sah aus wie ein Gorilla. Wenn er untenrum auch so einen Busch hat, dachte ich, kann ich einpacken. Dieser blöde Stelzbock.

In der Schule liessen die Leistungen nach. Wir waren die letzte reine Jungs-Klasse, wir liessen es noch mal richtig krachen. Im abgedunkelten Physik-Saal ging es jetzt darum, wer den Längsten hatte, wer den eregierten Vogel abschoss. Ich hörte was von 18, 4 Zentimeter. Das war der Topwert, den es zu schlagen galt. Ich nahm das Lineal zur Hand und setzte diesmal an der Schwanzwurzel an, ganz unten, wenn man den Sackanfang wegliess und Dinge mitrechnete, die noch gar nicht richtig zum Schwanz dazugehörten – irgendwie musste man ja an 18 Zentimeter rankommen.

Und dann verkündete Thomas Belly gut dokumentierte 19 Zentimeter. Die Zahl wurde von Bank zu Bank weitergereicht, machte kurz bei manchem Mitfavoriten halt, es wurde eine zweite Messung eingefordert.

Ausgerechnet Belly.

Er saß zwei Sitzreihen hinter mir. Ein Zwerg von einem Kerl, aber mit kochiger großer Nase und einem gewaltigen Eumel in der Hose. Selbst der Haarwuchs auf seinen Armen übertraf den des Gorillas im Gemeindezentrum. Belly setzte sich unangefochten an die Klassenspitze. Ein kleiner Mann, er lächelte viel in diesen Tagen.

Wobei erwähnt werden muss, dass längst nicht alle mitmachten. Von dreißig Klassenkameraden zeigte nicht mal ein Drittel den Steifen her. Der Rest kicherte blöd oder versuchte dem Unterricht zu folgen und die verdammte 19 aus dem Kopf zu kriegen. Spätestens zu Hause holte jeder den Zollstock raus, jede Wette.

Horst S. zählte zum Favoritenkreis, ohne dass er sich je bei der Latten-Trophy engagiert hätte. Doch schon die anatomisch sichtbaren Merkmale überzeugten. Eins fünfundneunzig groß, 100 Kilo schwer, eine Nase wie aus dem Unterholz. Horst S. stammte aus einer gläubigen Familie, er wollte Priester werden. Klar, dass er da schlecht das Monster unter der Bank hervorholen konnte, ausserdem war Prahlen nicht sein Ding. Ein bescheidener Junge. Doch was er nach dem Sportunterricht unter der Dusche herzeigte, sorgte für Aufsehen. Was, wenn dieses Gerät noch eregierte? Die Vorstellung sprengte jeden Rahmen. Wie auch immer. Frauenwelt und Schwanzvergleich durften aufatmen, wenn der Zölibat dafür sorgte, dass dieser Flugzeugträger aus dem Rennen genommen wurde.

Wir waren wie junge Fohlen, die ungestüm über die Weide sprangen und mit den ersten Erektionen aneinanderrasselten. Die ersten Erektionen mussten gefeiert werden, ob daheim unter der Bettdecke oder im abgedunkelten Unterricht. He-Ja, He-Ja-Rufe brausten über den Flur und begleiteten das Championat, Jungsmotoren jaulten auf, knatterten. Eigentlich wusste niemand, was los war und was das alles zu bedeuten hatte. Na gut, wir hatten plötzlich stramme Knüppel in der Hose und zeigten sie stolz den anderen Jungs. Aber konnte man die Dinger auch Mädchen zeigen?

Die Diskussion kam gerade erst in Gang.
21.9.17 12:36


Ich telefoniere ja nur

Als vor Jahren die ersten Freisprecheinrichtungen aufkamen, hatte ich davon zunächst nichts mitbekommen. Ich wunderte mich nur, warum mir zunehmend Leute begegneten, die augenscheinlich Selbstgespräche führten, ja, die dauerhaft und lustvoll monologisierten, ohne sich dafür auch nur im geringsten zu schämen. Im Gegenteil, sie schienen sogar stolz darauf zu sein, im Gehen mit sich selbst zu quatschen. Eine neue Angewohnheit, die Mut machte. Wenn es immer mehr Menschen nichts ausmachte, ungewöhnlich aufzutreten in aller Öffentlichkeit, war das ein Anlass für vorsichtigen Optimismus.

Als mir nach und nach der Hintergrund klar wurde, war ich enttäuscht. Mal wieder hatte sich die Menschheit nicht geändert, es war nur ein neuer technischer Kniff hinzugekommen.

Es dauerte seine Zeit, bis ich erkannte, dass solche Freisprecheinrichtungen auch für einen Nicht-User wie mich gewisse Vorteile boten. Plötzlich war es nicht mehr nötig, schnell wegzublicken, wenn man beim Singen von Liedern von einem anderen Planeten ertappt wurde am helllichten Tag in der Innenstadt.

Ich telefonierte ja nur.

*

"Wie die alle damit rumlaufen den ganzen Tag und aufs Display starren, als könnten sie ohne nicht mehr leben... Wenn die ihr Smartphone ausstellen, fallen die um. Überall Strippen im Ohr, als würden sie künstlich ernährt. Das ist pathologisch, die Handysucht."

- Die Gräfin -

*

Ach wo, das ist überhaupt kein Telefon, was die Leute da in ihrer Hand halten! Das ist ein Handspiegel! Die Leute kontrollieren unentwegt ihre eigene Fresse! Die gucken sich an, ob sie sexy genug sind für die Welt, die tun nur so, als drückten sie irgendwelche geheimnisvollen Tasten oder riefen Whatsapp-Nachrichten ab!

*

Ich hab gestern Nacht zufällig einen schönen iranischen Spielfilm gesehen, "Das Lied der Sperlinge" aus dem Jahre 2008. Es war wie im Märchen, die Bilder aus der Großstadt Teheran, wo Zehntausende von Motorradfahren in den Straßen unterwegs sind, ohne Helm.

Bilder, wie es sie hierzulande noch in den Siebzigerjahren gab. Da war dieses strenge Blumenkind mit langem dünnen blonden Haar, das ich aus der Teestube an der Kasernenstraße kannte. Ein ungemein blasses Geschöpf, nahe am Albino, also die feminine Version, Albina. Sie hatte einen Freund, der war ziemlich klein und hatte langes schwarzes Haar und fuhr Moped. Sie auf dem Sozius mit ihrem flatternden Haar und dem flatternden Maxi-Rock. Was 1 Bild. Das lange blonde Haar wie ein Seidenvorhang im Wind, den Rücken gerade durchgedrückt, stolz auf die Matte.

*

Was auch immer in meinem Leben geschehen war, es trat mit Verzögerung ein. Wenn Eric Clapton der Mister Slowhand des britischen Bluesrock war, war ich Herr Langsamstift an den Buchstaben.

"Red nicht. Du bist das Faultier unter den Schreibkräften", sagte sie.

Eben.

*

Worte wie Modul und Cluster gingen mir auf den Sack, Worte, denen der Duft des Fortschritts anhaftete und die doch nichts bedeuteten, nicht wirklich jedenfalls, Worte, wie in den deutschen Nullkorridor gedrückt.

*

"Die meisten Menschen haben doch eine.... eine.. na, wie heißt das noch.. was bis jetzt geschah.. äh?"

"Hm..? Vergangenheit?"

"Genau. Vergangenheit."

*

Samstagabend, es ist schon dunkel. Auf dem Spielplatz sitzt ein einsamer Teenager auf der Schaukel und schaukelt. Es hat sein Handy an, und das bläuliche Licht des Displays schwingt in der Finsternis vor und zurück wie ein höfliches UFO.
20.9.17 18:06


Es regnet. Wir kraulen durch den Vormittag.

"Man ist ahnungslos erfüllt von Vorahnungen..“, hatte die Gräfin als Fazit gezogen von diesem bemerkenswerten Sonntag Ende Juli 2005, einige Tage bevor Hurricane Katrina halb New Orleans zerstörte.

An diesem Sonntag kam es uns vor, als gingen wir im Auge des Großen-Ferien-Hurrikans spazieren, so still war es in den Straßen der Stadt, und die Hitze bedeckte die Hausdächer wie eine schwere Tagesdecke.

Außer uns dreien schien jedermann in Urlaub zu sein. Wir begannen, „Louisiana“ zu singen, die Hymne von Randy Newman, die sich um New Orleans dreht während der großen Flut im Jahre 1927.

Kurz bevor wir zwei Stunden später unser Stammesgebiet Kannenhof erreichten, setzte ein warmer Sommerregen ein, den wir mit himmelwärts gestreckten Gesichtern genossen, und wieder war dieser Song da, „Louisiana 1927“.

„They were trying to wash us away...“

Da wir aber nur Fragmente des Textes kannten, wühlte ich mich zu Hause durch die Plattensammlung, bis ich endlich das Album von Randy Newman gefunden hatte. Andächtig lauschten wir der brütenden Ballade, und ein paar Tage später wussten wir auch, warum.

*

Es regnet. Wir kraulen durch den späten Sommer. Der Dauerregen verhagelt die Brombeer-Ernte, die Früchte sind nur spärlich auszumachen, klein und hart und blässlich, dafür wuchert die Vegetation im Ganzen. Und der amerikanische Amberbaum im Park wirft bereits seine glutroten Blätter ab. Es geht auf den Herbst zu.

"So. Die letztes Sonnenstrahlen dieses Sommers gehen an... MICH!" scherzt sie und lässt sich auf der Gartenliege nieder.

*

Der Deutsche an sich ist braver, als es das Ordnungsamt vorsieht. Die Gräfin meint, wir bräuchten endlich ein Auflockerungsamt. Ein Samba-Amt.

"Ach, ist doch gar nicht mehr so schlimm", sag ich.

"Das denkst aber auch nur du."


*

Zorniger Dauerregen, wie Diarrhoe. Es riecht nach Muscheln und nackten Füßen. Fast wie an der Nordsee. Donnergrollen Es ist, als würden Tausende von Marionettenspielern auf der Himmelstribüne ausharren und die Regenpuppen tanzen lassen.

*

Das ist nichts gegen dem Tropensturm in Texas. Houston säuft ab, höre ich in den Nachrichten. Das graue Regenwasser steht meterhoch in den Straßen, die Menschen fahren in Panikbooten herum und wissen nicht wohin. Dann Kuba und Florida. Katastrophen machen Insekten aus uns. Miami krault.

*

Der große majestätische Fischreiher hat den Coppel-Park für sich allein. Er pirscht in aller Ruhe über die leeren Fußwege, den langen Hals in Richtung Teich gereckt. Bin immer wieder verblüfft, wieviel Ruhe und Muße der Reiher ausströmt, wenn er am Park-Teich ausharrt, am liebsten inmitten des hohen Schilfs am Ufer.

Die Situation ist seit fünfzehn handgestoppten Minuten unverändert.

Der Fischreiher steht mucksmäuschenstill am Teich, exakt da, wo die Enten abends gründeln.

Ich bin die Stille in der zweiten Reihe.

*

Äußerlich mag ich nüchtern wirken, innendrin bin ich ein Spinner, und einmal Spinner, immer Spinner. Das lässt sich nicht so einfach ausknipsen wie das Licht im Backofen, der innere Spinner, zumal unser Backofen defekt ist, das Licht lässt sich nicht mehr ausknipsen, es bleibt an. Noch tief in der Nacht leuchtet es einem vergessenen Hähnchenbollen heimwärts ins Reich des weißen Superfleisches.

“Du Spinner”, murmelt die Gräfin.

Na, das murmelt die Richtige.

*

Sie spricht davon, dass die ersten Kriegs-Tomaten auf dem Markt seien.

"Von dem feuchten Sommer sind die alle so faul und zerdötscht, da kann man die Hälfte gleich wieder wegwerfen. Das sind Tomaten für den Kriegsfall. Wo man alles kauft, was man in die Finger kriegt, nur damit man was zwischen den Zähne hat."

Es gibt Sätze aus ihrem Mund, da blühe ich nicht gerade auf, wenn ich sie höre.

*

"UNZUCHT MIT WÜRMERN KOST' EXTRA!" rief die Wirtin des Stundenhotels für okaye Dinge aufgebracht. "UND JETZT RAUS HIER!"

"Wohin?"

"Zimmer 15."

"Danke."

"Bitte sehr."
12.9.17 00:13


Mistkram, Müll und Mausespeck

Ich frage mich, wer ist das eigentlich, der uns dauernd für blöd verkaufen und weismachen will, Zukunft wäre etwas, das mit "Wir haben jetzt sogar eine Fernbedienung für unser ganzes Haus!" zu tun hat. Wer steckt dahinter, wer hat ein Interesse daran, dass uns solche Lappalien als Zukunft verkauft werden, so als hätte das auch nur im geringsten mit einer erstrebenswerten Zukunft zu tun, hinter der wir alle unheimlich her sind!, wenn wir auf dem Heimweg schon mal per Smartphone die Heizung anknipsen können und daheim nicht erst eine Viertelstunde in ausgekühlten Räumen frösteln müssen.

Eine Viertelstunde Dinge tun müssen, die man sowieso tut, wenn man den ganzen Tag außer Haus war und bei deren Verrichtung einem ohnehin warm wird.

Oder wen interessiert ernsthaft warmes Essen aus dem 3-D-Drucker? Tolle Wurst. Ach nein, funktioniert ja nicht, die Düsen können nur Püree. Können nur Astronautenkost. Können nur Powerkram.

Oder als wäre es irgendwie von Belang einen Kühlschrank zu besitzen, der uns Meldung macht, wenn die Milch leer ist, damit wir auch ja nicht einmal zu viel in den Kühlschrank gucken müssen. So viel komische Kotze kann ich gar nicht produzieren, wenn ich daran denke, dass ich die Gegenwart von Menschen teile, die mir solch einen Mist als Zukunft verzapfen wollen. Als wäre Zukunft ein Kinderspiel. Eine Lappalie. Eine mickrige Abkürzung. Ein Gadget.

Die Zukunft ist kein Kinderspiel, und die Milch schmeckt schon lange nicht mehr nach Milch, ihr Pfeifen. Danke, ALDI & Co. Ihr habt die Frischmilch so lange haltbar gemacht, bis sie endlich nach Scheiße schmeckt und sowieso niemand mehr saufen will.

Ich sage nur Mistkram, Müll und Mausespeck.

*

Während Hitlers fehlgeschlagenem Putsch in der Münchner Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 verfehlte ihn eine Polizeikugel nur um Zentimeter und tötete seinen Nebenmann. Zentimeter entscheiden über die Geschichte. Manchmal fehlt einer, manchmal sechzehn. Und nicht immer kommt jemand mit dem Leben davon, den es besser getroffen hätte. Das ist aber nur die sichtbare Seite der Geschichte. Die nicht sichtbare Seite gehört den Zentimetern, die ins Schwarze trafen. Wo es jemanden erwischt hat, der hernach nicht mehr in die Geschichte eingreifen konnte, weil er plötzlich tot ist.

Jemand wurde getötet, von dem nur bekannt ist, dass er neben Adolf Hitler gestanden hat in der Novembernacht 1923, aber nicht, zu was er in den folgenden Jahren fähig gewesen wäre, hätte ihn die Polizeikugel nicht getroffen.

Wir wissen nicht, ob es das in der Geschichte schon jemals gegeben hat - sehr wahrscheinlich hat es das gegeben, aber bewiesen ist es nicht - dass ein kommender Massenmörder eliminiert wurde, bevor er loslegen konnte, Masse zu morden. Wir kennen stets nur die Folgen der knapp verfehlten Kugel, die aus Hitler den Verbrecher des 20. Jahrhunderts machen konnte.

*

"Erwachsene? Gibt es das überhaupt? Gibt es überhaupt Erwachsene? Ich kenne nur ältere Kinder."

- Die Gräfin -
8.9.17 17:00


Rodeo

Es war an meinem achtundzwanzigsten Geburtstag, als es morgens Sturm klingelte. Ich lag mit einem fiesen Bierschädel im Bett, was damals Usus war, jedenfalls um diese Uhrzeit, und drehte mich fluchend um, doch wer auch immer da draußen stand und rein wollte, er ließ nicht locker. Er stand auf der Schelle. Eine Provokation, ein monströses Klingelmännchen. Ich formulierte innerlich schon die Fäuste, da tauchte schemenhaft das Datum auf, durch meinen Bier- und Nikotin-Schleier, der fünfzehnte September… Junge, du hast Geburtstag! Da draußen ist jemand, der möchte dir gratulieren, den kannst du nicht einfach stehen lassen da draußen im Schnürregen, verdammt.

“JAA SCHON GUT!! MOMENT...!!”

In Unterhose und T-Shirt stieg ich aus dem Bett, drückte per Summer die Haustür auf. Ich hörte Stimmen, Gelächter, ein Poltern irgendwelcher Gerätschaften, und warf einen Blick durch den Spion: drei Leute. Schnaat vorneweg mit blitzenden roten Bäckchen, dahinter Karlos und der Bruder vom dicken Hansen, alle debil am Grinsen!

Schnaat bollerte gegen die Tür.

“AUFMACHEN, SACKFRESSE!”

“Ich darf niemanden reinlassen”, wimmerte ich geistesgegenwärtig, “hat Mutti verboten.”

“Wir sind nur drei fremde Onkel aus dem Abendland, das geht schon in Ordnung. Fremden Onkeln dürfen kleine Jungs die Tür aufmachen...”

“Das müssen kleine Buben sogar”, wies der Bruder vom dicken Hansen auf die geltende Rechtslage hin, so wie er sie sah.

“Wir haben auch lecker Schokolade dabei!” rief Karlos. “Dicke Tafeln!”

Getuschel.

“Mit Nuss!”

Noch mehr Getuschel.

„Mit ganzen Nüssen!“

Die Sau. Ich mochte Schokolade mit Nüssen. Das wusste der Sauhund ganz genau. Schnaat trat gegen die Türe. Er hatte die spitzesten Schuhe, mit Stahlkappen vorn.

“SACKFRESSE! AUFMACHEN!”

Als ich öffnete, schoben die Kameraden mich beiseite wie eine lästige Laus, jeder einen Staubsauger vor sich her karrend. Die Dinger hatte ich durch den Spion glatt übersehen. Logisch, die waren ja auch unten auf dem Boden. Die konnte ich gar nicht gesehen haben. So ein Spion ist ja nicht in Knöchelhöhe in die Tür geschnitzt.

“Steckdosen!” krähte Schnaat. „Wir brauchen Strom!“

Er trug seinen schweren dunkelblauen Admiralsmantel und spitze Lackschuhe.

“Wo sind die gottverdammten Steckdosen?”

Jeder der drei hatte von Zuhause seinen Sauger mitgebracht, jetzt wurde die kleine Flotte in die Küche getrieben, wo die Wände auf Stromquellen inspiziert wurden und man ungeduldig auf die Start-Flagge wartete: das Einstöpseln.

Betriebsbereitschaft.

„AUF GEHTS!”

Die Bodenbretter erzitterten unter dem Gegröle der Vakuum-Cleaner und grasenden Pferdchen, übertönt nur von gelegentlichen “YEE-HAA!”-Anfeuerungsrufen von Schnaat, auf dessen Mist die bekloppte Aktion gewachsen war, garantiert. Er war geradezu besessen von Saugern, fast so besessen wie von selbstgemachtem Likör und alten Mott the Hoople-Singles.

Na gut. Die Jungs wollten es nicht anders. Ich holte die Ziege aus ihrem Tiefschlaf und reaktivierte sie. Einen original Omega-Sauger aus der DDR, der in meinen Besitz gelangt war und dessen Motor wie eine halbverrostete Ziege meckerte. Zu viert dauerte die putzige Stäubchen-Parade keine vier Minuten, dann waren die 60 Quadratmeter abgefressen und die Bande verschwand genauso schnell wie sie eingefallen war, ohne Tschau oder Wiedersehen, ohne irgendwelchen Glückwunschmüll. Ich ging in mein Zimmer zurück und stellte mich ans Fenster, linste durch die Jalousie.

“Wo ward ihr gestern eigentlich, habt ihr in den Geburtstag reingesoffen?” hörte ich Schnaat Karlos fragen, als er den Kofferraum seines Wagens öffnete, um die Staubsauger einzuladen. Der Bruder vom dicken Hansen kicherte bekifft im Hintergrund. Ich legte mich nochmal hin, mit Staubsauger-Nachhall im Schädel und schlief bis in den Nachmittag.
8.9.17 11:06


The Western Blot

Im Schlaf machte ich seltsame Stressgeräusche, erzählte die Gräfin. "Du schnaubst, wenn du träumst." Ich brauchte eine Auszeit. Seit ich im Institut jobbte, war ich dauernd unter Menschen, das war ich nicht mehr gewohnt, ich konnte nicht damit umgehen. Menschen, die man täglich um sich hat, nagen an einem, sie saugen und sie lutschen einen leer, man gerät unter die Zecken. Man wird selber Zecke, ob man will oder nicht. Ich war leer gelutscht. Ich brauchte eine Auszeit. Ich schnaubte, wenn ich träumte.

Montagmorgen rief ich beim Doc an. Ich hatte drei Docs. Einen für Entzugspräparate und Kram, einen für echte Krankheiten, einen zum Krankschreiben. Jeder deckte seinen speziellen Bereich ab. Den Gelben Schein-Doc kannte ihn seit unseren Schultagen. Ein seltsamer Vogel, der mir, wenn wir uns gelegentlich in der Stadt begegneten, wie ein Knallbonbon erschien, inmitten all der bergischen Regengesichter. In jüngeren Jahren fälschte er gern Eintrittskarten für Rock-Konzerte, mit nichts als einem Satz Wachsmalstifte und Buchstaben zum Aufkleben. Er bekam es so perfekt hin, er erschlich sich sogar den Zugang zu Frank Zappa in der Kölner Sporthalle. Da stolzierte er dann als Pan Tau verkleidet durch die Reihen, in der Hand einen Schirm, im Gesicht ein Riesenlächeln. Als er beschloss, den Segelflugschein zu machen, lief er zwei Jahre lang jeden Freitagabend mit dem Hut durch die Kneipen und sammelte Geld für die Prüfung. Wer wollte, erhielt eine Bestätigung, dass er ihm, dem Doktor in spe, unter die Arme gegriffen hatte, damit er um die Welt segeln konnte. Er hatte wirklich einen Knall. Aber er kriegte alles hin, was er sich vornahm. Er studierte Medizin und übernahm die Praxis eines alteingesessenen Doktors in der Nordstadt. Der Patientenstamm blieb ihm treu, obwohl er ein Freak war. Auf dem Schreibtisch platzierte er die Figur des Dr. Hibbert, dem absolut ahnungslosen Arzt aus der Simpsons-Reihe.

Der Anrufbeantworter sprang an. „Der Doktor ist in Urlaub“, sprach die freundliche Stimme von Band und nannte eine Handvoll Vertretungsärzte, von denen mir keiner bekannt vorkam. Schöner Mist. Mein Gelber Schein-Doc war immer gut für zwei Wochen Auszeit, ohne große Nachfrage und mit Option auf eine Verlängerungswoche. Meinen Echte Krankheiten-Doc wollte ich nicht bemühen wegen einer Lappalie wie Krankschreiben – blieb nur noch: Doc Hilten. Mein Methadonarzt. Ich rief erst gar nicht an, um zu erfahren, ob die Praxis geöffnet sei, das war nicht nötig, Hilten machte nie Urlaub. Urlaub würde nur Geld kosten. Er tat nie etwas, was Geld kostete.

Das Wartezimmer war fast leer, ein einziger Patient war vor mir dran. Dennoch fegte der Doktor durch die Gänge, als hätte er nicht gewusst, wo ihm der Kopf stand vor lauter Arbeit. Doktor Hilten rief mich ins Chefzimmer. Wie geht’s und so. Was machen die Drogen. Ist nicht wahr. Hm. Hm. Hm. Hast du Arbeit? Schreibst du noch? Eine Woche Auszeit? Ja, warum das denn?!

„Ich muss auch jeden Tag arbeiten!“ bellte er.

Ich ärgerte mich, dass ich so freimütig gewesen war. Warum hatte ich nicht einfach was von Erkältung in den Knochen gesagt. Er verzog die Mundwinkel und schrieb mich bis Ende der Woche krank, unter der Prämisse, dass ich mir von Wanja noch rasch Blut abzapfen ließ, für ein großes Blutbild.

„Wenn du schon mal hier bist.“

Eine Woche später, Montagmorgen. Die Woche Auszeit hatte zwar gutgetan, aber nun hatte ich Rückenschmerzen vom vielen Rumliegen. Ich bekam mittlerweile schon einen Hexenschuss, wenn ich dem Hund unaufgewärmt ein Stöckchen schmiss. Ich lief erneut in Hiltens Praxis auf. Für eine zweite Woche Auszeit und eine schmerzstillende Spritze. Punkt acht stand ich an der Rezeption. Ich brauchte eh ein neues BTM-Rezept.

„Setzt der Chef auch Spritzen gegen Rückenschmerzen?“

Wanja blickte überrascht auf.

„Ja, natürlich. Nimm einen Moment Platz.“

Das Wartezimmer war zur Hälfte gefüllt. Je nach Laune des Arztes bedeutete das zwei bis drei Stunden Wartezeit. Wenn er einen Lauf hatte, konnte es durchaus passieren, dass er einem Patienten eine volle Stunde seiner kostbaren Sprechzeit schenkte. Dann rechnete er einem gegen Ende der sechzig Minuten zwar penibel vor, wie wenig ihm die Krankenkasse dafür bezahlte, 7 Euro irgendwas, doch es hatte sich gelohnt. Mir erklärte er einmal die Sache mit den Entzugsschmerzen in zwei Sätzen.

"Wenn du Heroin nimmst und du fühlst dich wohlig und entspannt, wird dein Körper das innerhalb kürzester Zeit für normal halten und alles dafür tun, um diese schöne neue Normalität aufrechtzuerhalten. Er zieht alle Register, weil er Angst hat, dass du ihm den Stoff versagst, der ihm so guttut, der ihn so entspannt. Freiwillig entlässt er dich nicht aus der Sucht."

„Kann der Chef mich nicht zwischendurch rannehmen, Wanja? Geht doch schnell bei mir.“

Ihre Wangen waren hektisch gerötet. Hier hat jeder eine Extrawurst, sagte ihr Blick. Aber sie mochte mich. Sie seufzte.

„Ich schau mal, was sich machen lässt.“

Kaum hatte ich mich in einen der Korbsessel im Wartebereich niedergelassen, mit steifem Rücken, erblickte mich der Doktor, als an der Rezeption stand. Er sprach mit Wanja und sah zu mir herüber, ein langer Blick, und winkte mich heran. Ich stand auf, ein alter Seemann, der es im Kreuz hatte, und schlurfte hinter ihm her, ins Sprechzimmer. Er schloss die Tür.

„Setz dich. Ich muss was mit dir bereden.“

Ich blieb stehen.

„Wir haben dir doch letzten Montag Blut abgenommen“, sagte er und schaute auf den Bildschirm des Computers. Sofort ging mir ein kleines Wort durch den Kopf: Scheiße. Irgendwann musste es ja mal kommen. Warum sollte es immer nur die anderen treffen. Warum sollten immer nur die anderen die Arschkarte ziehen. Mach es kurz, Doc. Darmkrebs? Lungenkrebs? Hepatitis?

„Das Labor in Köln hat Hinweise auf HIV in deinem Blut gefunden.“

Ich setzte mich hin, ganz vorsichtig, auf die Stuhlkante, und hörte seine Worte. Was redete der da? Wusste der überhaupt, wer vor ihm saß?

„Das heißt jetzt noch nicht unbedingt was“, fuhr er fort, irgendwie gleichgültig, als meinte er das Wetter. Das bisschen Regen. Hat noch keinem geschadet. Vielleicht wirst du ja gar nicht nass. Wanja gibt dir gleich einen Schirm mit, wenn du willst. „Es ist nur ein erster Befund. Ein erster.. Such-Test, der noch eine hohe Fehlerquote aufweist. Pass auf. Was wir jetzt machen, ist ein zweiter Test, der Western Blot. Der ist viel aufwändiger, aber er ist auch sicher. Dann wissen wir Bescheid.“

„AIDS..?“ stammelte ich. „Ich?“

„Nicht AIDS“, sagte er und verdrehte die Augen.. „Du hast kein AIDS. Höchstens HIV.“ Sein Blick war genervt. „Ha-Ich-Vau.“ Er führte so ein Gespräch nicht zum ersten Mal. „Der erste Such-Test ist sehr unsicher, es gibt dabei oft positive Befunde, die sich beim Western Blot nicht bestätigen.“

Das Telefon klingelte, er hob den Hörer ab. Während Hilten, ein wuchtiger Mann, mit einem Patienten redete, den Wanja durchgestellt hatte, saß ich an seinem weißen Schreibtisch und verstand nicht, was vor sich ging. Es konnte nur ein Fehler sein. Ein Missverständnis. Eine Verwechslung. Woher zum Teufel sollte ich den AIDS-Virus haben?! Sex mit Schlampen war lange her, und meine harten Drogen hatte ich stets geraucht oder geschnupft, niemals gespritzt, ich hatte panische Angst vor Spritzen. Wo sollte ich mich angesteckt haben? Keine intravenösen Drogengeschichten, keine Operation, bei der mir verseuchtes Fremdblut zugeführt worden wäre, kein Sex mit Schlampen. Es musste eine Verwechslung sein. Die hatten Mist gebaut im Labor. Der Doktor quatschte in den Hörer und sah zu mir herüber. Sah die Tränen, die in mir hochkochten, weil ich das Gefühl hatte, dass nur noch Scheiße passierte in meinem Leben. Andererseits: Die Diagnose würde endlich erklären, warum ich mich dauernd so mies fühlte. So schlapp. Es ging ja mittlerweile schon nicht mehr darum, ob ich mich scheiße fühlte, sondern, ob ich mich möglichst nicht ganz so scheiße fühlte. Endlich beendete Doc Hilten sein Gespräch.

„Angenommen, ich hätte mich in den Achtzigern und frühen Neunzigern angesteckt“, sagte ich so nüchtern wie möglich, „wieso waren dann alle Tests bislang negativ?“ Ich wartete die Antwort gar nicht erst ab. „Oder kann es sein, dass der Virus erst Jahre später .. aktiv wird?“

Hilten stutzte, wartete einen Moment, bevor er die Antwort formulierte.

„Hm.. ja, das kann sein. Ist zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber möglich. Die Inkubationszeit beträgt bis zu fünfzehn Jahre.“

Verdammt. Das war eine lange Zeit. Ich rechnete zurück. 2008 weniger fünfzehn machte 1993. Das konnte gar nicht sein. Da war gar nichts gewesen. Mir kamen Szenen aus den Achtzigern in den Sinn, Sex im betrunkenen Kopf. Sex mit Frauen, deren Gesichter ich vergessen hatte, aber nicht einige der Pornofilm-Einzelheiten. Manchmal musste ich mich schütteln, wenn ich zurückblickte. Schlechte Erinnerungen sind wie Hämorrhoiden: sie blühen im Verborgenen, sind unnütz und drücken schwer. Aber das waren die Achtziger gewesen. Hier stimmte was nicht.

Hilten kehrte zur technischen Ebene zurück. „Wir arbeiten mit einem renommierten Labor in Köln zusammen, der absoluten Nummer 1 in NRW. Wir wollen, dass unsere Patienten nur in besten Händen sind. Aber jetzt heißt es für dich erstmal cool bleiben.“

Ich saß auf dem Stuhl, ein Häufchen Elend mit Kreuzschmerzen.

„Das Ergebnis ist grenzwertig, vermutlich ist alles falscher Alarm“, fuhr er fort. „Aber ich will nicht so tun, als wäre gar nichts. Das Labor in Köln führt diese Woche mit demselben Blut den Western Blot durch, das dauert ein paar Tage. Nächste Woche Dienstag, spätestens Donnerstag wissen wir Bescheid. Bis dahin heißt es Ruhe bewahren. Ich würde auch deiner Lebensgefährtin nichts davon erzählen.. Ihr seid doch noch zusammen?“

Ich nickte.

„Sie ist zu empfindlich“, sagte er. „Das gibt nur Nervenkrieg. So, warum bist du gekommen? Wegen Rückenschmerzen? Komm mit.“

Wie benommen folgte ich ihm in eines der hinteren Behandlungszimmer.

„Zieh dich aus.“

„Wie, ausziehen?“

Seit wann musste man sich für eine schmerzstillende Spritze in den Hintern ausziehen. Hose runterlassen reichte doch..

„Na, ausziehen“, sagte Hilten.

„Ganz?“

„Bis auf die Unterhose.“

Während ich meine Klamotten ablegte, saß der Doktor vor dem Rechner und moserte vor sich hin, weil das Ding so langsam lief. Er bekam nicht die Daten auf den Schirm, die er suchte. Ich wusste überhaupt nicht, was los war. Es war nicht wie in einem falschen Film, es war, als hätten sich alle falschen Filme der Welt zusammengerottet. Für eine Sondervorführung. Es war kalt im Behandlungszimmer.

„Leg dich hin. Auf den Bauch.“

Ich hatte AIDS. Ich hatte Schweißfüße. Die Massageliege war kühl, trotz der Einmal-Auflage. Ich fror.

„Wieso AIDS?“ sagte ich.

„Du hast kein AIDS! Wenn überhaupt, bist du HIV-infiziert...! Außerdem, ich kenne Leute, bei denen der Virus ausgebrochen ist. Bei dir nicht. Du siehst nicht aus wie jemand, der AIDS hat.“

„Na toll. Ich sah auch vor zehn Jahren nicht aus wie jemand, der Heroin nimmt.“

„Entspanne dich. Einatmen – ausatmen.. Tief einatmen – und ausatmen.. Junge, bist du verspannt.“

Na, wie verspannt wärst du denn, dachte ich, wenn man dir gerade einen halb-positiven HIV-Befund mitgeteilt hätte!? Wärst du dann immer noch das lockere fette Vögelchen, das in seinem selbstgezimmerten Käfig vor sich hin trällert!? Aber ich hatte keine Lust zu reden. Ich hing in den Seilen und am Ring draußen machte man sich lustig über mich.

Na, der ist aber ganz schön unentspannt...

Hilten renkte mich ein, dass die Gelenke nur so knackten. Er zerrte an meinen Armen, drückte meinem Rücken, ich ließ alles mit mir geschehen. Er hatte gute Hände, das musste ich ihm lassen. Er wusste, was er tat. Ich roch meine Strümpfe. Ich war eine angeschwemmte Leiche. Als ich mich von der Liege erhob, komplett durchgeknetet, klebte ein Teil der Einmal-Auflage an meinem verschwitzten Rücken fest, wie ein dämliches Dracula-Cape. Ich hatte immer noch Rückenschmerzen.

„Ich verschreibe dir ein lokal wirkendes Schmerzmittel“, sagte Hilten, mit den Gedanken schon beim nächsten Patienten.

„Und wie geht’s jetzt weiter?“ sagte ich, in die Klamotten steigend.

„Kommst du morgen wieder, wenn der Rücken nicht besser wird.“

„Nein. Ich meine mit diesem.. Western Block Test.“

„Blot, Western Blot. Es gibt Southern, Northern Blot. Egal. Wir rufen dich an, wenn das Ergebnis da ist. Solange heißt es cool bleiben.“

Ich gab Wanja die Durchwahl vom Institut, damit sie nicht zu Hause anrief. Damit die Gräfin nichts davon mitbekam. Hilten hatte Recht. Was das betraf. Nur eins hatte ich in dem Durcheinander ganz vergessen: mich weiterhin krankschreiben zu lassen. Also ging ich arbeiten.

Die restliche Woche lief ich wie in Aspik durch die Gegend. Ich nahm die Dinge um mich herum nur verschwommen wahr. Ich kriegte kaum den Mund auf. Nicht, dass ich die ganze Zeit an AIDS gedacht hätte, es war einfach nichts los in mir. Es war schlimmer als bei einer diffusen Depression. Ich wartete auf ein Ergebnis.

Die Gräfin wurde misstrauisch. „Was ist los mit dir?“

„Nichts.“

„Ach komm, erzähl nichts. Ich spüre es doch, wenn dich was beschäftigt. Du schreibst ja nicht mal mehr.“

Mehr als einmal hatte ich es auf der Zunge, ich muss dir was erzählen, und hielt es dann doch zurück.

Sonntagabend lagen wir im Bett und guckten gemeinsam Tatort. Gleich in einer der ersten Szenen findet die Schmiere im Kühlschrank des Verdächtigen einen HIV-Schnelltest. Der Kommissar wirft einen Blick auf den Test-Streifen und schnarrt nur „Positiv!“ Mir brach der Schweiß aus, ich lief knallrot an. Doch die Gräfin merkte nichts. Sie stöhnte bloß „langweilig!“, und schaltete um.

Montagmorgen hielt ich es nicht mehr aus. Ich rief in der Praxis an. Ob das Ergebnis schon da wäre.

„Welches Ergebnis?“ fragte Wanja. Sie wusste angeblich von nichts. Ich ließ mich mit dem Doc verbinden. Er war genervt.

„Dienstag habe ich gesagt, frühestens Dienstag. Und wir rufen dich an!“

Don’t call us, we’ll call you. Der Song ging mir nicht mehr aus dem Kopf, ich brummte ihn tagelang vor mich hin – wenn auch in viel zu tiefer Stimmlage. Damit meine Gedanken nicht mehr als nötig um das Thema kreisten, untersagte ich mir jegliche Internet-Recherche. Nicht mal Western Blot googelte ich. Nein, ich wollte keinerlei Meinungen oder Untersuchungen lesen, die sich in meinem Schädel festzurrten und alles noch schlimmer machten.

Es reichte schon, dass ich bei dem Gespräch mit Doc Hilten so durcheinander gewesen war, dass ich gewisse Sachen nicht richtig mitbekommen hatte. Was war das zum Beispiel mit den 80 Prozent gewesen? Ich war mir im Nachhinein nicht sicher, was er damit gemeint hatte. Dass 80 % der ersten Suchtest-Ergebnisse falsch waren? Oder dass es eine 80prozentige Wahrscheinlichkeit gab, dass HIV nicht ausbrach, obwohl man infiziert war? Ich blickte nicht mehr durch. Schlimmer: Ich konnte nicht mit der Gräfin darüber reden. Natürlich hätte ich es auch einem anderen Vertrauten erzählen können, meinem Bruder, meiner Schwester, Karlos, doch was hätte es gebracht? Dass jemand mit mir auf das Ergebnis wartete? Es half alles nichts. Hilten hatte Recht. Ich musste cool bleiben.

Allein ihr intuitives Gespür für die Wahrheit kratzte an meinem Schweigen. Oder warum kam sie gerade jetzt auf einen Satz wie: „Ich möchte noch einmal auf die Kirmes, bevor ich sterbe.“ Aus heiterem Himmel. Mal eben so geäußert, am Nachmittag. Überhaupt, der Tod war in diesen Tagen ihr großes Thema. Etwa die Art und Weise, wie sie sich das Leben nehmen wollte, sollte es soweit sein.

„Dann geh ich ins Wasser.“

Eine sehr weibliche Vorstellung. Sehr sehnsuchtsvoll. Während ich mein Testergebnis abwartete. Dienstag geschah nichts, kein Anruf. Mittwoch geschah nichts, kein Anruf. Auch ich rief nicht in der Praxis an. Cool bleiben, nahm ich mir vor. Ich blieb cool. Der Anruf kam Donnerstagnachmittag im Design-Institut an. Ich saß unten an meinem Schreibtisch.

„Hal-looo..!“ rief Wanja in den Hörer, dass ich sofort erschrak. „Ich verbinde dich mit dem Dok-toor..!“

Ihre Worte hüpften fröhlich durcheinander.

„Hilten“, meldete sich der Doc. „Also.. es tut mir leid, aber wir müssen dir noch mal Blut abnehmen, die Menge hat leider nicht ausgereicht für den Western Blot..“

Ich sackte zusammen.

„Wann?“

„Morgen früh.“

Wanja nahm mir so viel Blut ab, dass mir schwindlig wurde. Dann dauerte es noch einmal fast eine Woche, bis die Auswertung da war, und es war ein Dienstagmorgen, als Hilten im Institut anrief. Diesmal war er gleich selbst am Apparat.

„Um dich gleich zu befreien: Der Test ist negativ ausgefallen.“

Ich ballte die Faust, ich atmete aus. Ich war wie Luft, die aus einem Ball entwich, den ich ein Jahr lang jeden Tag aufgepumpt hatte.

„Ich soll mich sogar im Namen des Labors bei dir entschuldigen“, fuhr der Doc fort. Bedauern war allerdings nicht herauszuhören. „Weniger Antikörper als bei dir lassen sich in einem Western Blot nicht nachweisen..“

„Ist wahr?“

„Ist wahr.“

Als ich der Gräfin zu Hause davon erzählte, war sie zunächst stinksauer.

„So ein Schwachsinn. Woher sollst du denn AIDS haben?“

„HIV“, sagte ich, „nicht AIDS.“

„Trotzdem. Woher?“ Sie guckte mich scharf an. „Es sei denn, du hattest da was am Laufen in den letzten Jahren, wovon ich nichts weiß.“

„Was meinst du? So eine kleine Nutte, wie Daphne P.?“

Sie trommelte auf meiner Brust.

„Du verdammter AIDS-Krüppel! Und wasch dir die Füße!“
6.9.17 16:18


Machsten so?

"Was machsten so?"

"Treiben lassen."

"Von der Masse?"

"Nee. Von Einzelnen."

*

Kurzatmig, misstrauisch und ein Manko an Gleichgesinnten Willkommen in Deutschland!

*

"Der Trump sieht immer aus, als würde er für Kukident Reklame lächeln."

- Die Gräfin -

*

"Kümmere dich um deinen eigenen Scheiß!"

"Tu ich ja! Du bist gerade mein Scheiß!!"
5.9.17 12:52


Heiße Luft und ex-Locken

Henrystutzen. Manchmal reicht schon ein einziges aufgeschnapptes Wort und man taucht ab in seine eigene Jugendherberge.

Oder Halifax.

Admiral Benbow.

*

Beim Kacken und beim Beten hat man den gleichen konzentrierten Gesichtsausdruck.

*

Ich bin ein übler Fall von Gewohnheit. Selbst Dinge, die ich nicht mehr tue, weil sie mir schaden, beginne ich zu vermissen, sobald mich ein Gefühl von Rührung beschleicht, wenn ich daran zurückdenke, wie oft ich es getan habe und wie schön es war, das Falsche zu tun, über einen langen Zeitraum, und wie gern ich mich einen Dreck um die Folgen scherte.

Ich hatte mich doch so schön daran gewöhnt.

*

Natürlich muss es noch lange nicht das Beste für einen sein, nur weil man sich an etwas gewöhnt hat. Andererseits hilft Gewohnheit dabei, nicht direkt Panik zu kriegen, nur weil man mal Langeweile hat.

– Die Gräfin über Gewohnheit –

*

Der Mensch ist am schönsten, wenn er zu Fuß unterwegs ist. Dafür sind wir gemacht, um zu Fuß unterwegs zu sein.

– Die Gräfin –

*

Es ist ein ständiges Vabanquespiel, den richtigen Ton zu treffen im eigenen Leben.

*

Einen schönen Satz finde ich beim Blättern im Notizbuch Juli 2014. Die Flugbegleiterin hatte einen Mordshusten aus Vancouver mitgebracht. Sie hüstelte ununterbrochen, während wir uns am Graf Wilhelm-Platz unterhielten, es klang wie eine Serie von zuschnappenden rostigen Mäusefallen.

"Und morgen muss ich für drei Tage nach Austin, Texas. Da ist 38 Grad."

Und das bei ihrem Husten.

"Im Moment verfällt in der Luft alles in Hysterie wegen Ebola", ächzte sie. "Da reicht es, wenn ein Fluggast aussieht, als kriegte er gleich Nasenbluten, und alle Kolleginnen verschanzen sich in der Bordküche."

Sie starrte auf das Handy in ihrer Hand.

"Ich versuche gerade mit einer Kollegin zu tauschen. Irgendwie muss ich aus der Austin-Nummer rauskommen. 38 Grad, das geht gar nicht..."

Sie fliegt seit 30 Jahren für die Lufthansa, sie hat die Faxen dicke.

"Ich bin so dermaßen abgeflogen..!" stöhnte sie.

*

"Ich musste grinsen, weil keiner gelacht hat."

- Karlos -

*

"Kaum liege ich mal zwei Tage mit Grippe im Bett und hab Zeit zum Nachdenken, schon kommen die großen philosophischen Kack-Monumente aus meinem Mund. Ich weiß kaum, wo ich anfangen soll."

– Die Gräfin –

*

Sie: Sag mal, Schriftsteller, gibt es Sätze, die zu Besuch kommen, aber schnell wieder weg sind, wenn du ihnen nicht gleich eine Übernachtungsmöglichkeit anbietest in deinem Werk? Gibt es so.. arrogante Sätze?

Ich: Klar gibt es das, dass Sätze wieder abhauen. Aber die kommen auch wieder zurück. Weil sie den Schirm vergessen haben.

*

Flapp, flapp, flapp... Als ich über den Bürgersteig gehe, schießt plötzlich der Fahrtwind vorübersausender Personenkraftwagen unter die Plane des am Straßenrand abgestellten LKW und bläst sie zu einem kurzfristigen Petticoat auf.

Hat der Laster schöne Eisenbeine.

*

"Ich finde Gangster gut, die Spaß verstehen. Die sich erst kaputtlachen, bevor sie einen erschießen."


*

"Die besten Dinge im Leben geschehen nur ein Mal und verschwinden wie ein Spuk."

*

"Es gibt so wenige beseelte Menschen da draußen. Die meisten leben, als erledigten sie einfach ihren Job."

*

"Bremsen können durch die Hose stechen. Die haben den totalen Rüssel."

- Die Gräfin -

*

"So, jetzt muss ich aber die Klappe halten langsam. Mir wird schlecht von mir selber."
5.9.17 09:40


Rockers 007

„Du bist mir heute viel zu laut“, sagt sie, als wir aus der Haustüre treten und ich mit der Faust auf die Mülltonne klopfe, pomm pomm pomm, einfach so. Einfach mal der Mülltonne Guten Tag sagen, mein Gott, da kann man als Mann auch mal was lauter werden. Oder nicht. Als Mann, oder als Rock’n Roller. Oder als ex-Rock'n Roller. Aber lauthals guten Tag sagen geht immer.

Als ich noch auf der Schillerstraße lebte, in meiner eigenen Wohnung, nicht bei meinen Eltern, zwischen 1982 und 1986, da stand vorm Haus eine schwarze Mülltonne, wo jemand ROCKERS 007 draufgepinselt hatte, mit weißer Lackierfarbe. Wenn ich morgens aus der Tür trat, fühlte ich mich einen Moment wie James Bond. Ich hinterließ Moneypenny einen lockeren Spruch und ging zur Arbeit: Ins Mumms, mich volllaufen lassen. Pomm pomm pomm.

„Ja, ich weiß, ich weiß“, stöhnt sie, „aber musst du unbedingt so laut sein, wenn ich neben dir hergehe? Kannst du das nicht machen, wenn du allein bist, auf die Mülltonne kloppen? Und überhaupt, du bist mir ein etwas zu munteres Kerlchen heute.“

Ein paar Schritte weiter. Ob sie sich noch an SHOWADDYWADDY erinnere. Zur Sicherheit wiederhole ich den Bandnamen. SHOWADDYWADDY.

„IST JA GUT!“ Sie hat’s gehört.

Ich weiß gar nicht mehr, was die für einen Hit hatten, sage ich. SHOWADDYWADDY. Hatten die überhaupt einen Hit? Oder war das nur ne Cover-Band? Showaddywaddy konnte man leicht mit den Rubettes oder den Mud verwechseln. Die trugen auch ulkige Bühnenanzüge und machten auf Old fashioned Rock'n Roll mit Chor-Einlage. Am besten fand ich I can do it von den Rubettes.

Ich erinnere mich, dass ich im Park ein Date mit der bildhübschen blonden Skip hatte, da war ich 14. Um mich zu aufzulockern, sang ich von den Rubettes I CAN DO IT, I CAN DO IT, I CAN DO IT FROM MY HEAD RIGHT DOWN TO MY BLUE SUEDE SHOES, YEAH, I CAN DO IT! Dann ging ich den Park runter.

"Ist ja gut, ist ja gut…", murmelt sie. „Showwaddywaddy. Klar.“

*

Skip war auf skandinavische Weise hübsch. Sie hatte langes blondes Haar und Sommersprossen, die sich wie eine Seenplatte auf ihrem Gesicht verteilten. Skip war es auch, die mir 1974 im Kino den ersten Zungenkuss meines Lebens verpasste.

Das Metropol-Kino lag in der unterirdischen Ladenpassage am Graf-Wilhelm-Platz. An den Film selbst habe ich keinerlei Erinnerung, aber den stürmisch-drängelnden Lappen Fleisch habe ich heute noch im Mund, wie eine Vortriebsmaschine fräste er sich durch meinen Kiefer. Ich wurde gnadenlos überrannt. Im Sitzen. In meinem eigenen Maul. In der Nachmittagsvorstellung, zweite Reihe. Wenn das der Startschuss für Sex gewesen sein sollte, was würde dann noch alles kommen? Es fühlte sich an, ob überall Blut war. Ich bekam kein Wort mehr raus. Als der Film aus war, wollte ich nur nach Hause.

Skip hatte Temperament. Aus dem Urlaub bombardierte sie mich mit Dutzenden Briefen in großen schwungvollen Filzstift-Buchstaben, versehen mit roten Kringeln und tausend Bussis.

Nachmittags trafen wir uns hinterm Karstadt, die ganze Clique. Skip war fünfzehn. Ich war vierzehn. Es war Herbst. Es war windig. Es war überhaupt eine zugige Ecke damals hinterm Karstadt, einem Komplex, zu dem auch das Turm-Hotel gehörte. Wenn man nach oben blickte, konnte man die blauen Buchstaben lesen, TURMHOTEL, daneben standen die vier kleinen Häuschen für die Aufzugsmotoren.

Um halb sieben, wenn Karstadt Feierabend machte, kam der schwule Benno aus dem Seitenausgang und versorgte uns Jungs mit Zigaretten. Er arbeitete in der Lebensmittel-Abteilung. Mädchen existierten für ihn nicht. Er übersah sie einfach.

“Die Weiber rauchen doch sowieso nicht auf Lunge“, verteidigte er seine streng maskuline Linie. Es klang als ob er sagen wollte, die blasen doch sowieso nicht, die Hühner. Kommt lieber zum Benno, der Benno zeigt euch mal wie das geht. Dabei rauchte Gudrun, die jeder nur Kippen-Guddi nannte, eine nach der anderen, und das sehr wohl auf Lunge. Manchmal hatte sie drei Kippen zur gleichen Zeit am Brennen, weil die vergessen hatte, dass sie schon zwei angemacht hatte, die Stängel glühten auf dem Mauervorsprung vor sich hin.

Rosenmontag führte der schwule Benno hinterm Karstadt ein Tänzchen auf, nur für uns Jungs. Wie ein Gockel fegte er übers zugige Parkett, einfach so, ohne Musikbegleitung, nur er und seine fliegenden Beine und sein durchgeknalltes Schwulsein. Wir haben geklatscht und gelacht und sogar die Mädchen mochten ihn an diesem Tag. Er rückte eine Extraschachtel Kippen heraus, Overstolz ohne Filter.

Meist standen wir pärchenweise hinterm Karstadt, an die große Schaufensterscheibe gelehnt und machten stundenlang Kiss Kiss, wie meine norditalienische Oma das zu nennen pflegte. („Na, gehst du wieder in die Stadt, Junge, Kiss Kiss machen?“) Karlos machte Kiss Kiss mit Biene, der dicke Hansen machte Kiss Kiss mit Elly, ich machte Kiss Kiss mit Skip und der schwule kleine Benno machte heimlich Kiss Kiss mit sich selbst auf dem Personalklo des Karstadt, das ein kleines Fenster nach hinten raushatte.

Eines Tages kam der Moment, vor dem ich mich insgeheim gefürchtet hatte. Klassenkameraden, die schon mehr wussten, hatten selbstgefertigte kleine Bleistift-Skizzen herumgehen lassen, auf denen zu sehen war, wie so eine Muschi ungefähr aussah. Ein Bär. Es war damals nicht so einfach, an handfeste Pornos ranzukommen. Ich erinnere mich an eine Skizze von Seyfarth, der später nach Amerika ging und Karriere bei einer großen internationalen Bank machte. Nach seinen Beobachtungen sah eine Muschi so ähnlich aus wie ein Fischli aus der Partymischung.

„Is auch so salzig“, meinte Seyfarth.

Der Tag war gekommen. Es war Winter. Es war arschkalt hinterm Karstadt, es zog wie Harri. Wir Jungs trugen Persianer und andere ausgediente Fellmäntel unserer Mütter. Das war die neue Freakmode. Wir sahen aus wie im Zoo. Skip nahm meine Hand und führte sie in ihre Hose. Zentimeter um Zentimeter fingerte ich die enge Jeans runter, bis ich den Ansatz ihres Schamhaars erreichte. Zum ersten Mal im Leben fasste ich einen Busch an. Weiter unten wurde das Haar dichter und ich musste an den Hund eines Nachbarn denken, einem Deutsch Drahthaar.

"Besser wir machen das mal bei mir zuhause, in Ruhe", meinte Skip irgendwann. Sie hatte schon mit anderen Jungs gefummelt während es für mich die Premiere gewesen war. Die Pettingpremiere. Keine Frage. Aus der Nummer war ich vorerst raus.

*

Abends saß ich am Radio, den Finger an der Aufnahmetaste des Kassettenrekorders, und hörte Popshop auf SWF 3 und Radiothek auf WDR 2, im schnellen Wechsel. Pop-Shop, Radiothek, Pop-Shop, Radiothek. Wer gerade den besseren Song hatte, war on air. Als dritter Sender kam noch BFBS hinzu, der englische Soldatensender im Rheinland.

Ich war vernarrt in Hitlisten. Am liebsten hörte ich die amerikanischen Billboard-Charts. Da waren Songs drin, die schafften es nicht nach Europa, Schmonzetten wie "All by myself" von Eric Carmen, die sich in den USA millionenfach verkauften, waren einen Tick zu zuckrig für unsere Ohren, überladen mit Geigen und "es wird alles gut, Darling".

Da ich jeden Song, der es in den USA und England in die Top Twenty schaffte, auf Kassette bannen wollte, war es ein Geduldsspiel, bis ich die Hitlisten komplett hatte.

Ein Indikator, welchen Stellenwert ein 70er Jahre-Oldie heute noch hat, ist sein Einsatz in amerikanischen Spielfilmen und TV-Seifenopern. Je öfter ein bestimmter Oldie im Hintergrund eingesetzt wird, desto gesicherter lässt sich davon ausgehen, dass er in den USA Kultcharakter hat. Etwa All by myself von Eric Carmen. Oder Egyptian Reggae von Jonathan Richman.
Oder eben nicht. Dass er also auch nach Jahren des Abhängens in speziellen Kult-Kammern Geheimtipp geblieben ist, dass er diesem Stadium nie entwachsen ist. Ein schöner Song, sagt man vielleicht, doch er hat es nie geschafft sich zu verpuppen, er ist nie ein Schmetterling fürs Volk geworden.

Ob solch ein Song Kultstatus hat, lässt sich auf die Schnelle auch googeln, logisch. Schau dir die Anzahl der Aufrufe auf You Tube an, und du weißt Bescheid. Doch die wirklichen Geheimtipps findet man auf You Tube nicht. Ein echter Geheimtipp, das ist wie Mord, bei dem die Leiche nicht gefunden wird. Und solange der Leichnam fehlt, kann dem Song nicht der Prozess gemacht werden. Es bleibt in der Schwebe, ob er den Durchbruch zum massenkompatiblen Golden Oldie noch schafft, oder ob er weiterhin im Dunklen vor sich hin gärt, nur von einigen Freaks verehrt. Vielleicht sogar abgöttisch. Es bleibt oft unbefriedigend, obwohl richtig was los war am Tatort Studio. Manchmal hat die Spurensicherung Fehler gemacht, oder die Öffentlichkeitsarbeit war miserabel. Manchmal ist einfach Pech im Spiel.

Oder Dinge, die man nicht richtig erklären kann. Songs, die in dich hineinkriechen wie unscheinbares süßes Gift, werden kein Hit. Irgendwelche Allerweltsnummern verkaufen sich wie Sau. Und dann gibt es Songs, wo die Leiche plötzlich doch noch auftaucht - viele Jahre nach dem Mordanschlag. Ein Song wie Why did you do it von Stretch.

Als die Nummer 1975 erschien, fand ich sie großartig, ich hatte sie aus dem Radioprogramm mitgeschnitten. Doch so toll ich Why did you do it auch fand, ich hörte den Song nur bei mir zuhause auf Cassette, nirgends sonst. Er ging damals einfach unter in dem Wust an Neuerscheinungen, zu einer Zeit, als der Glitter-Rock explodierte und der Disco-Soul a la Barry White und Gloria Gaynor erste gefeierte Runden drehte.

Knapp zehn Jahre später spielte ein DJ Why did you do it plötzlich im Daddy, einem Soul-Club am Stradtrand, und das Ding wurde posthum ein Monsterhit.

Das Problem bei jedem Song, der zum Hit mutiert: Er wird Allgemeingut. Er läuft überall, man hört ihn im Radio, im Supermarkt, im Club, im Auto und bei Freunden - man kann ihm nicht entrinnen. Die Ohren gewöhnen sich so sehr an die Musik, dass das Besondere daran mehr und mehr untergeht. Bei völliger Überbeanspruchung kann es sogar passieren, dass man zuletzt gar nicht mehr weiß, was einen an dieser Nummer je gereizt hatte.

Das geschieht nicht nur bei zu Tode genudelten Sommerhits wie Macarena von Los del Rio aus dem Jahre 1993, mir ist es, allgemeiner gesprochen, mit dem Saxofon so ergangen. Irgendwann in den frühen 80ern wunderte es mich, warum in der Popmusik so selten Saxofon eingesetzt wurde. Ich wünschte mir sehnlichst Songs mit Saxofonsolo.
Und als hätte gleich eine ganze Armada von Produzenten mitgehört, war plötzlich in jedem dritten Song ein verdammtes Sax zu hören. Ich fasste es nicht - und es gefiel mir nicht. Das Besondere war zur Banalität geworden, durch die schiere Masse.

Seit dieser Erfahrung sehe ich manches anders. Hätte ich mir beispielsweise früher sehr viel mehr Zuspruch für die Musik Jonathan Richmans oder Kevin Ayers gewünscht, so halte ich mich mittlerweile mit solchen Wünschen zurück. Geheimtipp soll Geheimtipp bleiben. Buddeln soll Spaß machen. Denn da draußen liegen noch Hunderte der herrlichsten Leichname herum, Freunde der Nacht, verborgen in Gebüschen, verscharrt auf Vinyl.

Und so soll es sein, Freunde.
29.8.17 11:03


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