Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Looking back over the years

Ist gut jetzt, Glumm. Es reicht langsam. Noch nicht ganz. Einen noch. Hier, der hier:

Alone again, Gilbert O'Sullivan

Es war der Rest der unschuldigen Zeiten, Mitte der Achtzigerjahre, später Biedermeier. Wenn wir uns ab und zu, sozusagen auf Käptn Zufall, wie der schöne Dirk es gern nannte, ein Briefchen Heroin besorgten - Bubbles gab es damals noch nicht - zogen Karlos und ich im Laufschritt nach Hause. Wir legten tatsächlich den Eilboten-Gang ein, wir kicherten wie die Schulmädchen, in Vorfreude auf die nächsten Stunden, die ins Haus standen, und mit jedem Schritt, den wir uns dem Zuhause näherten, wurden wir noch schneller.

Ich meine, wir hatten wirklich ein ziemliches Schoss raus, Karlos und ich. Als hätten wir ein Tütchen Puppenstuben-Heroin gekauft, um uns auf unsere Zeit als Junkie vorzubereiten. Auf all das, was da noch kommen sollte in späteren Jahren, ff.

Wir gingen grundsätzlich zu mir nach Hause zur Schillerstrasse. Zu Hause holte ich den Handspiegel aus dem Bad. Wir schütteten das braune Pulver aus, hackten und mörserten es mit Rasierklinge und Geldkarte bis es endlich fein genug war für die Nase, und zogen zwei lange Linien.

Während wir nun die Lines snieften, beobachteten wir uns im Spiegel. Ich dachte damals schon, Junge, hast du alte Haut um die Augen. Siehst du verbraucht aus. Da war ich 25. Was würde ich erst heute denken. Heute denke ich nichts mehr. Denken hat sich erledigt mit 57.

Mir wurde übel, wenn die Chemie die Kehle runterlief, bitter & warm & langsam ins Herz sickerte, es einpackte wie eine Scheibe Morphin beim Puppenstuben-Metzger. Ich legte Gilbert O’Sullivan auf. Zur Überbrückung, bis die Wirkung einsetzte. Das Album Big Hits, A-Seite, die erste Nummer. Immer nur die erste Nummer, immer zwei Mal hintereinander: Alone again.

Ein Ritual.

Oder dreimal. In meiner Erinnerung war stets Sommer, wenn wir uns ein Briefchen Heroin kauften und teilten, immer lief das sonderbar entspannte und altmodische Alone again und immer haben wir alles ausgekotzt, was es mittags bei den Eltern zu essen gegeben hatte. Scheiße, das Zeug ist doch viel zu stark, dachte ich. Zu stark für uns. Doch Gott in seiner Gnade gewährte uns freie Hand, so hatte er entschieden und wir nickten seine Entscheidung ab. What do we do. Dann eben Morphin. Am Ende zahlt man immer die Zeche, und zwar genau die, die man eigentlich prellen wollte. Wir lehnten uns zurück und harrten der Dinge.
11.5.18 14:08


Auf dem Koks-Run

"Du kannst mich mal an meinem klapprigen Hühnerarsch lecken!" meinte Selle gut gelaunt.

Er trug eine merkwürdige Cordhose mit Schlag und diese cognacfarbenen Lederslipper. Ich schaute sie mir genauer an.

"Was ist denn da los?" lachte ich. "Was soll das denn geben?"

Sein Onkel war plötzlich gestorben und hatte ihm einen Stapel Klamotten hinterlassen. Da beide von ähnlicher Statur waren, trug Selle sein Zeug nun auf, doch es handelte sich um Kleidung, die er sich selbst niemals gekauft hätte. Viel zu piefig. Das ist der Zwiespalt bei geschenkter Kleidung. Sie mag passen, doch in 99 % aller Fälle käme man selbst niemals auf die Idee, solch einen Mist zu kaufen. Einfach, weil man einen anderen Geschmack hat. Weil jeder andere Sachen gut findet.

Es waren insgesamt zwanzig Paar Schuhe, es waren Jacken, Reisestrümpfe, Chinos und Leinenhosen, Blousons, Designerjeans und eine Million Gürtel. Selle sah aus wie der kleine Gatsby an dem einen Tag und wie ein zürnender Hering am nächsten. Sein Outfit war nichts halbes und nichts ganzes.

"Ich seh voll kacke aus, wa?" strahlte er.

Er hatte etwas Nordisches an sich, mit seinem blaffend roten Haar. Er hatte gute Laune und erzählte von einem Kölner, mit dem er in Amsterdam die Nächte durchgekokst hatte.

"Das war der durchgeknallteste Koks-Junkie, den ich je kennengelernt hab. Wir teilten uns ein Zimmer in einer billigen Absteige und taten vierzehn Tage nichts anderes als uns zuzuballern. Er hatte diese coole Panama-Connection, das Koks war von 90prozentiger Reinheit, das ist heute gar nicht mehr vorstellbar. Jeder glaubt, ich binde ihm einen Bären auf, wenn ich das heute erzähle."

"Ein Kerl wie ein Schrank und voll okay. Nur wenn er sich Koks geschossen hatte, wenn er auf dem Koks-Run war, drehte er völlig ab. Dann zog er sich splitternackt aus, nur die Cowboystiefel behielt er an, und sagte Dinge wie, he, guck mal, da krabbeln tausend Würmer aus mir raus! Guck doch mal! Nee, das sind keine Würmer, versuchte ich ihn zu beruhigen, aber ich war selbst im Stress. Versuch mal ne intakte Vene zu finden, wenn du schussgeil bist auf dieses super-ungestreckte Amsterdam-Koks der Achtziger, und neben dir tickt ein Knabe wegen irgendwelcher Würmer aus, die es nur in seiner Einbildung gab."

"Der ließ nicht locker, der fing immer wieder von neuem an. Da ist jemand an der Tür! schrie er und schnappte sich sein Butterfly-Messer. Darin war er echt ein Meister, mit dem Butterfly-Messer konnte er umgehen wie ein Zirkus-Artist, das machte wirklich was her, wenn er da mit dem Messer hantierte. Er riss die Zimmertür auf und sprang auf den Gang, ein pudelnackter Kokser in Westernstiefeln, der mit dem Messer rumfuchtelte und wirres Zeugs schrie, Riese, war der durchgedreht, ich mein, der hatte das Limit wirklich überschritten."

"Eine halbe Stunde später mussten wir den Zug nach Köln kriegen. Wir hatten die letzte Kohle in diese zwei Tickets investiert, aber es musste dieser eine bestimmte Zug sein, den wir kriegen mussten, sonst wären die Tickets verfallen. Ich seh uns noch an der Gracht entlang stolpern, zugekokst bis unter die Schädeldecke, LOS, WIR MÜSSEN UNS BEEILEN am schreien, und der Irre in seinen Westernstiefeln, den Pimmel halb aus dem offenen Mantel fliegend.. Dass uns keiner verhaftet hat an diesem Tag, begreife ich bis heute nicht."

aus: IS OKAY, RIESE!
10.5.18 12:29


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