Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Du Monster in meinem Kopf! Tschüss 500beine!

Ich habe Myblog.de noch die Stange gehalten, als das Renommee schon lange konkurrenzlos im Eimer war. Doch irgendwann ist selbst bei mir Schluss. Zuletzt war der ganze Laden mal 14 Tage dicht. Nicht zu erreichen. Tot. Es gab keinerlei Information seitens des Betreibers, geschweigedenn eine Erklärung. Alles scheißegal. Als gäbe es uns Blogger gar nicht, die Myblog.de notdürftig am laufen halten.

Den zuletzt noch 151 Abonnenten von 500beine rufe ich zu: kommt rüber zu Glumm.

Danke für 13 Jahre Treue.
19.6.18 11:11


Kein Unterschied

"Ich glaube, wenn ein Mensch einmal etwas ganz Schlimmes getan hat, ohne dass er dabei erwischt wurde oder im Erdboden versunken ist vor Scham, dann könnte es passieren, dass er sich daran gewöhnt, schlimme Dinge zu tun - und zwar immer wieder. Das ist genau so, wie man sich daran gewöhnt, gute Dinge zu tun. Der Unterschied ist nicht so groß, wie man vielleicht glauben mag."

- Die Gräfin -
12.6.18 07:41


Looking back over the years



Ist gut jetzt, Glumm. Es reicht. Noch nicht ganz. Einen noch. Hier, der hier:

Alone again, Gilbert O'Sullivan

Es war der Rest der unschuldigen Zeiten, Mitte der Achtzigerjahre, später Biedermeier. Wenn wir uns ab und zu, sozusagen auf Käptn Zufall, wie der schöne Dirk es gern nannte, ein Briefchen Heroin besorgten - Bubbles gab es damals noch nicht - zogen Karlos und ich im Laufschritt nach Hause. Wir legten tatsächlich den Eilboten-Gang ein, wir kicherten wie die Schulmädchen, in Vorfreude auf die nächsten Stunden, die ins Haus standen, und mit jedem Schritt, den wir uns dem Zuhause näherten, wurden wir noch schneller.

Ich meine, wir hatten wirklich ein ziemliches Schoss raus, Karlos und ich. Als hätten wir ein Tütchen Puppenstuben-Heroin gekauft, um uns auf unsere Zeit als Junkie vorzubereiten. Auf all das, was da noch kommen sollte in späteren Jahren, ff.

Wir gingen grundsätzlich zu mir nach Hause zur Schillerstrasse. Zu Hause holte ich den Handspiegel aus dem Bad. Wir schütteten das braune Pulver aus, hackten und mörserten es mit Rasierklinge und Geldkarte bis es endlich fein genug war für die Nase, und zogen zwei lange Linien.

Während wir nun die Lines snieften, beobachteten wir uns im Spiegel. Ich dachte damals schon, Junge, hast du alte Haut um die Augen. Siehst du verbraucht aus. Da war ich 25. Was würde ich erst heute denken. Heute denke ich nichts mehr. Denken hat sich erledigt mit 57.

Mir wurde übel, wenn die Chemie die Kehle runterlief, bitter & warm & langsam ins Herz sickerte, es einpackte wie eine Scheibe Morphin beim Puppenstuben-Metzger. Ich legte Gilbert O’Sullivan auf. Zur Überbrückung, bis die Wirkung einsetzte. Das Album Big Hits, A-Seite, die erste Nummer. Immer nur die erste Nummer, immer zwei Mal hintereinander: Alone again.

Ein Ritual.

Oder dreimal. In meiner Erinnerung war stets Sommer, wenn wir uns ein Briefchen Heroin kauften und teilten, immer lief das sonderbar entspannte und altmodische Alone again und immer haben wir alles ausgekotzt, was es mittags bei den Eltern zu essen gegeben hatte. Scheiße, das Zeug ist doch viel zu stark, dachte ich. Zu stark für uns. Doch Gott in seiner Gnade gewährte uns freie Hand, so hatte er entschieden und wir nickten seine Entscheidung ab. What do we do. Dann eben Morphin. Am Ende zahlt man immer die Zeche, und zwar genau die, die man eigentlich prellen wollte. Wir lehnten uns zurück und harrten der Dinge.
11.5.18 14:08


Auf dem Koks-Run



"Du kannst mich mal an meinem klapprigen Hühnerarsch lecken!" meinte Selle gut gelaunt.

Er trug eine merkwürdige Cordhose mit Schlag und diese cognacfarbenen Lederslipper. Ich schaute sie mir genauer an.

"Was ist denn da los?" lachte ich. "Was soll das denn geben?"

Sein Onkel war plötzlich gestorben, erfuhr ich, und hatte ihm einen Stapel Klamotten hinterlassen. Da beide von ähnlicher Statur waren, trug Selle das Zeug nun auf, doch es handelte sich um Kleidung, die er sich selbst niemals gekauft hätte. Viel zu piefig, das Zeugs. Das ist der Zwiespalt bei geschenkter Kleidung. Sie mag passen, doch in 99 % aller Fälle käme man selbst niemals auf die Idee, solch einen Mist zu kaufen. Einfach, weil man einen anderen Geschmack hat. Weil jeder andere Sachen in der Welt gut findet.

Es waren 20 Paar Schuhe, Jacken, Reisestrümpfe, Chinos und Leinenhosen, Blousons, Designerjeans und eine Million Gürtel. Selle sah aus wie der kleine Gatsby an dem einen Tag und wie ein zorniger Hering am nächsten Tag. Sein Outfit war nichts halbes und nichts ganzes.

"Ich seh voll kacke aus, wa?" strahlte er.

Er hatte etwas Nordisches an sich, mit seinem blaffend roten Haar. Er erzählte von einem Kerl, mit dem er in Amsterdam die Nächte durchgekokst hatte.

"Das war der durchgeknallteste Koks-Junkie, den ich je kennengelernt hab. Wir teilten uns ein Zimmer in einer billigen Absteige und taten vierzehn Tage nichts anderes als uns zuzuballern. Er hatte diese coole Panama-Connection, das Koks war von 80prozentiger Reinheit, das ist heute gar nicht mehr vorstellbar. Jeder glaubt, ich binde ihm einen Bären auf, wenn ich das heute erzähle."

"Ein Kerl wie ein Schrank und voll okay, aber wenn er sich Koks geschossen hatte, wenn er auf dem Koks-Run war, drehte er völlig ab. Dann zog er sich splitternackt aus, nur die Cowboystiefel behielt er an, und sagte Dinge zu mir wie, he, guck mal, da krabbeln tausend Würmer aus mir raus! Guck doch mal! Nee, das sind keine Würmer, versuchte ich ihn zu beruhigen, aber ich war selbst im Stress. Versuch mal ne intakte Vene zu finden, wenn du schussgeil bist auf dieses super-ungestreckte Amsterdam-Koks der Achtziger, und neben dir tickt ein Knabe wegen irgendwelcher unsichtbaren Würmer aus."

"Der ließ nicht locker, der fing immer von neuem an. Da ist jemand an der Tür! schrie er und schnappte sich sein Butterfly-Messer. Darin war er echt ein Meister, mit dem Butterfly-Messer konnte er umgehen wie ein Zirkus-Artist, das machte wirklich was her, wenn er da mit dem Messer hantierte. Dann riss er die Zimmertür auf und sprang auf den Gang, ein pudelnackter Kokser in Westernstiefeln, der wild mit dem Messer rumfuchtelte und wirres Zeugs schrie, Riese, war der durchgedreht, ich mein, der hatte das Limit wirklich überschritten."

"Eine halbe Stunde später mussten wir den Zug nach Köln kriegen. Wir hatten die letzte Kohle in diese zwei Tickets investiert, aber es musste dieser eine bestimmte Zug sein, den wir kriegen mussten, sonst wären die Karten verfallen. Ich seh uns noch in höchster Eile oben der Gracht entlang stolpern, zugekokst bis unter die Schädeldecke, ich mit meinem klapprigen Hühnerarsch, LOS JETZT am schreien, und der Irre in seinen Westernstiefeln, den Pimmel halb aus der Hose fliegend.. Dass uns keiner verhaftet hat an diesem Tag, begreife ich bis heute nicht."

aus: IS OKAY, RIESE!
10.5.18 12:29


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Zu diesem Zweck binden wir sog. Soundcloud-Widgets in unsere Website ein. Dabei handelt es sich um Abspielsoftware, mit der Nutzer die Podcasts abspielen können. Hierbei kann Soundcloud messen, welche Podcasts in welchem Umfang gehört werden und diese Information pseudonym für statistische und betriebswirtschaftliche Zwecke verarbeiten. Hierzu können Cookies in den Browsern der Nuzer gespeichert und zwecks Bildung von Nutzerprofilen, z.B. für Zwecke der Ausgabe von Anzeigen, die den potentiellen Interessen der Nutzer entsprechen, verarbeitet werden. Im Fall von Nutzern, die bei Soundcloud registriert sind, kann Soundcloud die Hörinformationen deren Profilen zuordnen.

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Wir löschen die Anfragen, sofern diese nicht mehr erforderlich sind. Wir überprüfen die Erforderlichkeit alle zwei Jahre; Ferner gelten die gesetzlichen Archivierungspflichten.


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Erstellt mit Datenschutz-Generator.de von RA Dr. Thomas Schwenke
24.5.18 15:12


Bringen Sie uns, was Sie haben, für fünf Mann



Im Juni lief mir am Grünewald der Mitsubishi Boy über den Weg. Er war seit einer Woche draußen. Fast zwei Jahre hatte er abgesessen, wegen dieser dummen Sache beim Grenzübertritt von Holland nach Deutschland, als ein Kilo Haschisch auf dem Beifahrersitz lag, einfach so, wie Weintrauben. Und weil der Motor seines goldenen, nah am Kolbenfresser operierenden Toyotas plötzlich so brutal laut gurgelte, winkte der Zoll ihn raus. Niemand hatte je daran gedacht, Öl nachzufüllen, nicht bei dieser alten Gangsterkutsche.

“Ja, bist du doof? Ich mein, ein Kilo.. einfach so auf dem Beifahrersitz..? Und dann noch so ne Karre unterm Arsch..”

“Na, weißt du, doof.. das ist ein hartes Wort, Bruder. Guck mal, es war ein superschöner Ostersonntag. Ich am Flöten, tausend Mark Kurierlohn in Aussicht und voll der Rückreiseverkehr, Scheiße, wer konnte ahnen, dass die Säcke ausgerechnet mich rauswinken..”

Ausgerechnet ihn, mit Blues Brothers-Sonnenbrille, Ry Cooder im Tapedeck und unrasierter Pulvervisage. Ausgerechnet ihn, mit sterbendem Motorenlärm und fettem Soundsystem. Ausgerechnet ihn, mit handgestrickter Mütze aus Nepal, mit Bommeln dran. Na, so gesehen, stimmt auch – kommt eigentlich niemand drauf. Außer zwei, drei Zöllnern vielleicht. So Säcken.

Ort der Säckeglückseligkeit war der Grenzübergang Emmerich; 33 Monate ohne Bewährung. Zwei Drittel musste der Mitsubishi Boy absitzen. Zwei Drittel, die er mit dem Studium philosophischer Texte abbummelte, von Charles Bukowski über "Die Straße der Ölsardinen" von Steinbeck bis zur hoffnungsvoll versoffenen Margarete Dumas.

„Ich hab noch nie so viel gelesen wie in der scheiß Kiste. Ein Buch nach dem anderen, bis ich alleine nicht mehr denken konnte. Alles kam nur noch in Zeilen gepresst bei mir an. Ich glaub, ich war buchstabenabhängig.“

Weil er sein Entlassungsgeld noch nicht ganz auf den Kopf gehauen hatte, ließ er eine Pulle weißen Rum springen, die wir im Stadtpark leermachten. Komischerweise war ich nicht mal halbbetrunken, auch Mitsubishi war eher ein bisschen noch cooler als sonst schon. Dass er 22 Monate Bau hinter sich hatte, merkte man ihm nicht an. 22 Monate in einem Tresor, auf einer Leerfläche, im toten Winkel. 22 Monate das Gerassel der Schließer und Erbsenpüree. Er war nicht mal besonders grau geworden im Gesicht, auch vom gefürchteten rastlosen Auf- und Ablaufen war nichts zu spüren. Nein, er saß cool auf seinem Hintern wie früher auf dem Bananensattel.

Ich seh ihn noch vor mir, als Knirps auf dem Bonanzarad, mit hochgezogenem Lenker und wuschigem Fuchsschwanz, im Stadtpark hinterm Haus der Jugend. Fahren sah man ihn eher selten, meist lungerte er an irgendwelchen Ecken herum, den Hintern lässig auf dem King Size-Bananensattel. Die coolste 13jährige Sau der ganzen Stadt. Ein Killer.

Der Killer berichtete Erstaunliches. Als Mitsubishi nach zwölf Monaten in eine andere Haftanstalt verlegt werden sollte, verbrachte er genau eine Nacht in der JVA Duisburg, als Zwischenstation. Und mit wem teilte er sich dort die Zelle? Mit Pepe. Ausgerechnet Pepe… der selbst gerade auf dem Weg in eine andere JVA war und in Duisburg für eine Nacht zwischengeparkt wurde.

"Zufälle gibt’s.. aber vielleicht haben die Schließer auch gesehen, dass wir beide aus derselben Stadt kommen und wollten uns eine Freude machen, die Wichser, hahaa!! Vor allen Dingen wollten die uns ne Freude machen. Na,auch egal. Ich hab ihn beim Freigang im Hof gesehen und dachte, das gibt's doch nicht, der Pepe, wie er leibt und lebt! Er schien irgendwas zu checken, er hatte sofort den Überblick und die Connections, obwohl er genau wie ich erst ein paar Stunden hier war. Ich mein, er kannte ja keinen, hat aber direkt was klargemacht. Wir haben die ganze Nacht geraucht, gelacht und von alten Zeiten gequatscht, bis die Sonne aufging.“

Mitsubishi nahm einen letzten Schluck weißen Rum.

„Pepe müsste auch bald draußen sein. Vielleicht zwei, drei Monate noch.“

Pepe, der alte Sonnyboy, saß wegen Heroinhandel, der übliche Kleinkram. Er hatte mir lange Briefe aus der Kiste geschrieben. Den letzten zu Weihnachten. Darin schilderte er minutiös einen Traum, in dem Karlos und ich ihn in einer halsbrecherischen Helikopter-Aktion aus dem Knast befreien. Am Ende stürzen wir alle über einem Puff in Köln ab und er wird wach.

Mitsubishi und ich verließen den Stadtpark und liefen die Einkaufszone hoch, landeten im Mumms. Nachmittags war grundsätzlich tote Hose, nur hinten beim Flipper hockten ein paar Leute, darunter Meckenstock und Harry.

„Harry“, sagte ich.

„Glummmann“, sagte Harry.

Er sagte immer Glummmann. Er hatte ein charmantes Grübchen und war sehr verlässlich, er arbeitete seit tausend Jahren in der selben Großhandelsbude auf dem Büro. In einer abschließbaren Schreibtischschublade lag stets ein gesatteltes weißes Pferdchen bereit für einen kleinen Ausritt: der Flachmann. Harry war ein Trinker. So wie Meckenstock, der sich in eine Spendierlaune reinsteigerte. Er warf eine Runde nach der anderen und strahlte. Er hatte den Mitsubishi Boy fast zwei Jahre nicht gesehen. Meck war ein bisschen in ihn verliebt. Nicht, dass er das zugegeben hätte. Es war ihm unangenehm, schwul zu sein. Er hätte alles dafür gegeben, um nicht zufällig schwul zu sein.

Eine Frau, die ich vage vom Sehen kannte, stellte sich zu uns, als sie was zu trinken bestellen wollte.

„Mann, bist du dünn geworden“, meinte sie zu mir.

„Echt?“ sagte ich. „Liegt vielleicht am Schnäuzer, der ist weg. Dann wirkt man direkt schmaler.“

„Hast du ihn dir wegrasiert?“

„Nee, weggesoffen.“

Blöde Frage. Fertige Männergesellschaft am Nachmittag, aber die beteiligten Frauen waren irgendwie auch nicht die Hellsten. Meckenstock orderte ein Taxi.

„Los, wir gehen was essen. Ich lad euch ein.“

Wir landeten in der Chinesischen Mauer am Zwillingswerk, dem größten Chinalokal in der Gegend.

„Bringen Sie uns, was Sie haben, für fünf Mann!“ (Meckenstock).

Die Kellnerin lächelte, machte aber einen leicht gekränkten Eindruck, so als fühlte sie sich veralbert. Verkackeiert. Meckenstock spürte das und versuchte seine flapsige Ansage zu präzisieren.

„Sagen wir, bisschen Rindfleisch, ein Happen Ente und Huhn, paar Schüsseln klätschigen Reis, Gemüse, Sie wissen schon.. alles für fünf Mann. Und Sekt im Kübel.“

Meck war ein undurchsichtiger Bursche. Obwohl er keiner Arbeit nachging, war er stets flüssig und spendabel. Eine Weile jobbte er in einem Autohaus als Verkäufer, Harry hatte ihm die Stelle besorgt. Innerhalb weniger Monate entwickelte sich Meck zur Verkaufsgranate Nummer 1. Dann geriet er in eine Verkehrskontrolle. Tagsüber. Fast drei Promille. Lappen weg, Job weg, Karriere ade. Nur die Kleidung blieb. Er sah immer noch aus wie ein Businessman, der Popcorn-Maschinen und bunte Las Vegas-Partyzelte verlieh und damit einen Haufen Schotter machte.

Ein hagerer Bursche, kein Gramm Fett zu viel. Vom Saufen war seine Bauchspeicheldrüse schwer angeschlagen, und weil nun jedes nächste Schnäpschen den Tod bedeuten könnte, mied er harte Sachen und soff konsequent Altbier mit einem Alibi-Schuss Malz und Sekt, dem er durch ständiges Rühren den Sprudel entzog und somit zur Plirre herunterstufte, wie er glaubte. Den speziellen Eislöffel zum Umrühren, extralang und in feines Anstecktuch gewickelt, trug er stets bei sich. Zum Plirre anrühren.

Meckenstock war voller Marotten und Tics. Ständig musste er Mauern und Wände berühren. Anfassen. Man spazierte mit ihm durch die Stadt, runter zum Chinesen am Zwillingswerk, und Meck blieb alle Nase lang stehen und spürte mit den Fingern der Hauswand entlang. Der Litfaßsäule. Ganz leicht nur, mit Fingerspitzen und einem Lächeln, so selig, als hörte er eine feine Zement-Arie.

Der chinesische Kellner tischte nacheinander sechs verschiedene Platten auf, mit Ente, Huhn, Rindfleisch und gläsernem Gemüse. Wir kifften Purpfeifen und kleine Sticks am Tisch, was bei den exotischen Gerüchen nicht weiter auffiel. Und wenn schon. Nur der Mitsubishi Boy verdrückte sich mit meiner Purpfeife, der Roten Zora, runter aufs Klo, er hatte noch acht Monate Bewährung offen. Das war ihm zu heikel. Am frühen Abend jedoch war ihm das auch wurscht.

„Drei Vater unser und die Sache ist erledigt!“ blökte er ins Blaue hinein, ohne dass irgendwer wusste, was damit gemeint war.

Ein Walkman machte die Runde, mit Soul und langen Liedern in e-Moll. Ich futterte wie ein Schwein. Ich war hackebekifft.

„Auch ein schönes Lied!“ (Harry).

„Kannste noch einen bauen, Glummmann? Oder reicht dat nich mehr?“

„Klar. Hier, roll du einen.“

Die Stimmung war ausgelassen und sprang sogar auf die Nachbartische über, Gelächter und Gejohle an Tisch 10.

„Hörst du die dahinten?“ raunte Mitsubishi mir zu, so leise, als würde er Stille Post spielen. „Die lachen, die haben Recht.“

„Genau. Die machen weiter.“
13.4.18 16:53


Aus ihrer Haut heraus kommt nur die Schlange



Ich mag Menschen, die einem das Gefühl vermitteln, die Ruhe der ganzen Welt würde sich in ihnen breitmachen.

Nicht, dass ich einen kennen würde.

*

"Wie lange ist Scheiblettenkäse denn haltbar..?"

Wir hatten vor einiger Zeit Heißhunger auf Hawaii-Toast, dafür brauchte es unbedingt Scheibletten-Käse, doch mehr als die Hälfte der Packung blieb übrig und steht sich seither im Kühlschrank die Beine in den Bauch.

"Ach, der ist ewig haltbar", sag ich. "Ich schätze sowieso, das sind Restbestände aus alten Louis de Funes-Filmen aus den 60ern, die heute noch im Supermarkt verkauft werden."

"Dann hält er sich noch, meinst du?"

"Ja. Der hält noch."

*

Ist ja kein teurer Charakterkäse, der schnell in Arsch geht.

*

Den alten Notizbüchern meines Vaters haftet ein lockerer Schweißgeruch an, wie original abgefüllt von kanadischen Holzfällern, die von vier Wochen Jahresurlaub die letzten dreieinhalb Stunden in Baton Rouge auf den Kopf hauen.

*

Aaahh.. die Welt geht unter! Genau!! Da blühen die Geschäfte!!!

*

Das Herz einer Fledermaus schlägt 1000mal in der Minute. Das Herz einer Fledermaus ist ein sehr leises Schnellfeuergewehr, Fledermausblut ist seine Munition.

*

Aus ihrer Haut heraus kommt nur die Schlange.

*

Ich habe in der Nacht zufällig einen schönen iranischen Spielfilm gesehen, „Das Lied der Sperlinge“ aus dem Jahre 2008. Es war wie im Märchen, die Bilder aus der Großstadt Teheran, wo Zehntausende von Motorradfahren in den Straßen unterwegs sind, ohne Helm, mit flatterndem Hemd. Bilder, wie es sie hierzulande noch in den Siebzigern gab. In Belgien sogar noch 2007. Hab ich genau gesehen, aus dem Auto heraus. In einem kleinen Kaff namens Nazareth. Aber in Belgien. Flatternde adidas-Hose, dickes Moped, weit und breit kein Helm.

*

Da war dieses strenge Blumenkind mit langem dünnen blonden Haar, das ich aus der Teestube an der Kasernenstraße kannte. Ein ungemein blasses Geschöpf, nahe am Albino. Sie hatte einen Freund, der war ziemlich klein und hatte dünnes langes schwarzes Haar und fuhr Moped. Er also vorn mit dem flatternden dunklen Haar, sie auf dem Sozius mit ihrem flatternden blonden Haar und ihrem flatternden Maxi-Rock. Die langen Haare wie Seidenvorhänge im Wind, beide Rücken gerade durchgedrückt, die Matten geapfelshampoot.

*

Was auch immer in meinem Leben geschieht, es tritt mit Verzögerung ein. Wenn Eric Clapton der Mister Slowhand des britischen Bluesrock ist, bin ich der Herr Langsamstift an den Buchstaben.

„Red nicht. Du bist das Faultier unter den Schreibkräften“, sagt sie.

*

Worte wie Modul und Cluster gehen mir auf den Sack, Worte, denen Coolness anhaftet und die doch nichts bedeuten, die keinen Inhalt haben, nicht wirklich jedenfalls, die irgendwann gegen die Wand fahren und abgelaufen sind, Worte, wie in den Nullkorridor der deutschen Sprache gedrückt.

*

„Wie heißt das noch..?"

"Was meinst du..? Wie heißt was?"

"Na, was die meisten Menschen haben.. die haben doch eine… eine…. na, wie nennt man das noch mal.. diese Memoryschleife.. also alles, was bisher geschah… ist eine…?“

„Hm..? Vergangenheit?“

„Genau! Eine Vergangenheit!“

*

Samstagabend. Es ist dunkel. Auf dem Spielplatz sitzt ein einsamer Teenager auf der Schaukel und schaukelt. Das Handy klopft an. Das bläuliche Licht des Displays schwingt in der Finsternis vor und zurück wie ein betont höfliches UFO, das JETZT keine Fehler machen will. Nicht beim Schaukeln.

*

Es gibt Dinge auf Erden, die sollten einem klar sein. Etwa die Tatsache, dass auch das teuerste und exklusivste und prominenteste Captains Dinner der Welt am Ende nichts anderes ist als der Vorläufer einer dicken fetten Portion Fäkalien, die in die Kloschüssel klatscht und stinkt.

*

Die Heizperiode geht los. In den Heizkörpern grollt und bläst die Luft, wie im Straflager. Allerdings nicht in unseren. Der Heizkessel ist nämlich kaputt. Er gibt keinen Mucks mehr von sich. Ein neuer muss eingebaut werden. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. „Wir haben brutal viel zu tun“, stöhnt der zuständige Klempnermeister, den ich kontaktiere. Der Schornsteinfeger ist ebenfalls involviert in den Neu-Einbau. Er hat gute Zähne. Vielleicht fällt das Weiß seiner Zähne auch nur deshalb so brutal gut auf, weil alles andere an ihm kohlrabenschwarz ist. Ein cleveres Bürschchen.

*

Ich: „He! Es ist schon viertel vor zehn!“

Sie: „Bei dir vielleicht, du Penner.“
2.4.18 16:45


Wenn der Schrottkerl kommt



Auf der Suche nach Altmetall durchpflügen immer öfter Schrottkerle unser Viertel. Angekündigt werden sie stets von den gleichen Rattenfängermelodien, via Megaphon abgesondert, klebrig wie Schneckenschleim.

In endlosen Schleifen tönt es aus blechernen Lautsprechern, die oben auf der Fahrerkabine angebracht sind, damit auch der letzte Anwohner Bescheid bekommt: Der Schrottkerl ist da. Der fahrende Altmetallhändler, der kostenlos dein Metall abholt und entsorgt, egal, ob es am Straßenrand zur Abholung bereitsteht oder im Keller erst mühsam freigeschaufelt werden muss. DER LUMPENSAMMLER IST DA. Ihr werdet euren Schrott los und wir verdienen Geld.

Je höher die Preise für Altmetall steigen, desto mehr alte Pritschenwagen schleichen durch unser Viertel, fast alle von außerhalb. Sie kommen aus dem Ruhrgebiet, tragen Autokennzeichen aus Essen und Oberhausen und Duisburg, und je mehr alte Pritschenwagen und demolierte VW-Busse und Ford Transits durch die Straßen pirschen, desto mehr blechernes Jahrmarktsgeorgel ist zu hören.

Elvis und Beatles. Es ist die Pest. In Schrittgeschwindigkeit. Einer spielt ohne Ende den Refrain von „Muss i denn zum Städtele hinaus“, ein anderer ALL YOU NEED IS LOVE. Man hört Panflöten und 70er-Jahre-Softporno-Soundtrack ("Bilitis"), man hört den Refrain von „O when the saints go marching in“ und, als Dauerbrenner, "Amazing Grace". Und alles klingt nach Ricky King in der Dose.

Obwohl man die Endlosschleifen als gewöhnlicher Anwohner nur wenige Minuten ertragen muss, bis die Eisenkerle die Bürgersteige und Vorgärten nach verwertbaren Gegenständen abgegrast haben und kehrtmachen zur nächsten Siedlung, zu den nächsten Vorgärten, zum nächsten Eisenhaufen, geht einem das ganze Gejaule zunehmend an die Nerven und erfordert Geduld.

(Ich komme trotzdem nicht drauf, welche Melodie das sein soll, die meine Nerven gerade auf die Probe stellt. Irgendein alter Grand-Prix-Kram, den jeder mitpfeifen muss, mit 60erjahre-Grandezza.)

„Wenn ich einen Schrotthändler kommen höre, muss ich immer an dich denken“, sagt die Gräfin, „selbst wenn du direkt neben mir stehst. Diese furchtbaren Melodien.. ich weiss auch nicht. Das ist wie früher, wenn wir auf Hahneköpper-Feste gegangen sind und uns kaputtgelacht haben.. Der Schrottkerl, das sind du und ich – das sind wir beide.“

„Das ist schön, wie du das sagst. Aber welches Lied der da gerade spielt weisst du auch nicht, oder?“

„Nee. Weiss ich nicht. Ist doch egal.“

Hm. Ich hab schon "Yellow Submarine" vermutet, doch als ich den Refrain von "Yellow Submarine" ansatzweise vor mich hin summe, merke ich schnell, Freunde – das haut nicht hin. Das sind nicht die Beatles, das ist was anderes. Auch "Oh when the saints go marching in, oh when the saints.." passt nicht, meine zweite Vermutung. Wie frisch von der Blechwalze schwappt der Refrain rüber, und je näher der Leierkasten-Kraftwagen kommt, desto lauter und selbstvergessener flötet man als Anwohner den Ohrwurm mit. SCHWEINEREI.

Endlich erreicht der Wagen unser Haus.

„Die arme Sau da drin muss doch bekloppt werden“, sag ich zur Gräfin.

„Was? Wer?“

„Na, der Fahrer da drin..! Ich mein, tagein, tagaus When the Saints goes marching in in den Ohren, da wird man doch bekloppt, oder nicht..“

„Wieso, stimmt doch gar nicht. Manchmal läuft auch Muss I denn zum Städtele hinaus, und du mein Schatz bleibst hier.. Ausserdem sitzen da zwei Männer im Fahrerhäuschen, nicht einer. Da sitzen immer zwei drin.“

„Na und? Ist doch egal. Dann werden die eben abwechselnd bekloppt“, sag ich. "Aber bekloppt werden die. Die können ja nicht mal eben aussteigen und weghören, das geht nicht. Das einzige, was sie machen können, ist die äh Musik ausschalten. Aber dann weiß niemand, dass der Schrottkerl kommt."

Der Pritschenwagen, zwei Lautsprecher auf dem Dach der Fahrerkabine, fährt die Sackgasse runter bis zum Hippergrund, dreht um und kehrt langsam zurück, im Schritttempo. Beladen mit ausrangierten Kühlschränken, aus denen Kühlflüssigkeit läuft, irgendwelchen rostigen Metallgittern sowie einem bunten Strauß Karabinerhaken, Regenrinnen, dünnen Kupferdrähten und armdicken Industrieroboterschrauben. Ein echter Fang ist selten darunter, wie man hört. Mal eine ganze Schrottimmobilie oder ein Containerschiff zum Ausschlachten, das schon.

Kein Thema.

Der Moment der Kontaktaufnahme ist dann ein schöner. Der Pritschenwagen schiebt sich gemächlich an unserem Haus vorbei. Downtown, ich erkenne Downtown von Petula Clark aus dem Lautsprecher, als Instrumental freilich. Es sind immer Instrumentals, es ist immer der Refrain, den Text muss man sich denken. "Bist du allein, von allen Freunden verlassen, dann geh in die Stadt - Downtown.." Jetzt reicht's. Ich geh raus auf die Strasse, gebe Handzeichen und halte den Wagen an.

Während die Lautsprecher weiter Downtown vom Dach knarzen, spreche ich ins Führerhaus.

“Sagt mal.. was ich schon immer wissen wollte.. Werdet ihr eigentlich nicht bekloppt, wenn ihr den ganzen Tag dieses Geeire ertragen müsst?”

Der jüngere der beiden Eisenkerle schnellt überrascht vom Beifahrersitz hoch, ein hagerer Bursche, der aussieht, als hätte man ihm in der Schweiz die Haare geschnitten, aber oben auf dem Berg, wo's dunkel ist. Er strahlt mich an, als wäre ich der Exklusiv-Vertreter von Seltenen Erden, auf den er so lange schon gewartet hat. Damit es endlich vorangeht in Essen-Altenessen.

“JA KLAR! ” ruft er heiser und lupft die Mütze Gott zum Gruße. “ICH BIN SCHON TOTAL LANGE BEKLOPPT DAVON!”

Heilfroh, dass das endlich einmal jemand goutiert.
1.4.18 16:17


Konsequent Weltklasse

 

Man braucht zwei Leben.

Eins, um zu kapieren, was richtig ist und was nicht, und ein zweites, um sich gelegentlich danach zu richten.

*

Es wollte sich mit mir treffen, das junge Frl. Weiden. Es jobbte als Zimmermädchen im Turmhotel. Es war keine zwanzig, schätzte ich, und trug gern luftige Sommerkleidchen. Es war in seiner ganzen Erscheinung keinem bestimmten Jahrzehnt zuzurechnen, das Fräulein Weiden, die Zeit hatte es irgendwie links liegen lassen, das muss kein Unglück sein. Im Gegenteil. Eine gewisse Nichtbeachtung zur rechten Zeit fördert das Flüggewerden.

Das flügge Frl. Weiden hatte etwas Unschuldiges an sich, doch dahinter verbarg sich ein Früchtchen, so jedenfalls meine Vermutung, in Einklang mit meiner knapp 25jährigen Lebenserfahrung.

Was ein Haufen!

Es war viertel vor sieben in der Früh an diesem Sonntag, wir standen in der Hotelküche nebeneinander, füllten frisch gekochten Kaffee in Thermoskannen um und schauten aus dem Fenster des 11. Stockwerks.

Meine Schicht als Nachtportier neigte sich für heute dem Ende entgegen, ihre Frühschicht hatte just begonnen. Es duftete nach Röstkaffee und kandierten Früchten, nach Kokos, das kam vom Rummel, der unten am Weyersberg gastierte, und von der nackten Haut, die das Frl. Weiden zeigte, der aufgetragenen Lotion.

"Nachmittags treffe ich mich immer mit meinen Leuten im Karstadt-Cafe", sagte sie. "Hast du vielleicht Lust, mal zu kommen? Heute Nachmittag oder so? Wir sitzen immer am selben Fenster.. Wir machen viel Unsinn. Wir lachen viel."

Ich starrte sie an. Meinte sie das ernst? Wen glaubte sie vor sich zu haben? Ich war ein Trinker, ein Kiffer, ein Acid-Head, ich lebte in einer anderen Welt, ich war auf dem besten Wege, mich in den Club 27 einzubringen. Und Frl. Weiden? Auch wenn sie nur einige Jährchen jünger war als ich, sie kam mir vor wie ein Kind. Mit den Attributen einer Frau.

Ihre Worte, ihre Unschuld, ihr ganzes Auftreten erinnerte an die Fünf Freunde von Enid Blyton. Das Frl. Weiden blätterte sozusagen im Abenteuerbuch, wenn es mich einlud, es zu treffen. Im Beisein der Freunde. Im Karstadt. Im Cafe. Ein Abenteuer in den großen Ferien.

Sie hatte schöne lange bleiche Beine und eine wechselnde Note. Mal Karamell, mal Kokos. Immer frisch. Ihre Stimme zitterte ein bisschen. Es war ein Versuch gewesen, ihre Einladung ins Cafe, sie hatte etwas gewagt. Sie wollte sehen, ob ich auf ihren Vorschlag einging. Wie ich reagierte. Ob ich überrascht war.

Eine Viertelstunde noch, dann würde die Chefin eintrudeln, sie kam stets Punkt 7, wenn sie Frühdienst hatte. Je länger das Zimmermädchen neben mir stand, desto stärker wurde das Verlangen, das Zimmermädchen zu küssen. Frauen wollen Männer kennenlernen, Männer wollen Frauen küssen. Würde es mir gelingen, Frl. Weiden in die Wäschekammer zu lotsen?

Sonntagmorgen. Der Frühstücksraum war leer um diese Uhrzeit, die Sonne schien hinein, man sah Staubflusen im Gegenlicht auf-und niedersteigen, wie Seepferdchen. Das Frühstücks-Buffet war noch nicht aufgebaut, es wartete im großen Kühlschrank, die Kaffeekannen waren abgefüllt. Wir warteten auf den Chinesen, der jeden Morgen Punkt zehn vor Sieben in die Küche marschiert kam und die bestellte heiße Milch abholte. Für ihn und seine Kollegen im 13. Stockwerk. Dampfende Kuhmilch, 2 Liter.

"Wir trinken Kaffee, auch mal eine Limonade, und Gerti kann Witze erzählen, soo gut, das musst du hören", so Frl. Weiden. "Wir lachen uns schlapp. Wir treffen uns um fünf. Wenn du Lust hast.."

Ich kannte ihren Vornamen nicht. Die Chefin hatte sie mir lediglich als Fräulein Weiden vorgestellt. Die Morgensonne strahlte ihr gelbes Kleid an, momentan war alles war gut, alles war frisch. Als der Chinese einmarschierte, fünf vor Sieben, kurz vor der Chefin, verschwand Frl. Weiden Richtung Wäschekammer. Ich folgte ihr, blieb aber auf Distanz. Ich beobachtete sie. Das Zimmermädchen zog einen Stapel Handtücher aus dem Wäscheregal und füllte den Wagen auf.


*

Unter diesem Haufen Dilettanten und Geldabschneidern wird es zunehmend schwierig Leute zu finden, die ihren Job gern machen, die motiviert sind, denen man vertrauen kann, dass sie das, was sie tun, nicht nur des Geldes wegen tun, sondern weil sie es können. Warum das so wichtig ist? So entscheidend? Weil der Mensch, der vor dir sitzt an der Supermarktkasse, auch dein Notarzt sein könnte.

*

Woran man spürt, dass man allmählich ältere Herrschaft wird? Wenn im Gespräch mit Gleichaltrigen zunehmend Floskeln auftauchen wie „Ja klar, das ist Verschleiss, da kann man nix machen“. Oder hier, der: "Der Arzt sagt auch, ich soll mehr trinken."

Da wünscht man sich manchmal, man hätte noch die Kraft, die man mit Mitte zwanzig hatte, auf seinem Höhepunkt, als man selbst vollgeschissen noch gut aussah, von hinten.

Wir waren exakt Mitte vierzig, (also vor 10 Jahren), als die Gräfin mir von diesem Traum erzählte. Sie hatte von einem Mann und einer Frau geträumt, die sehr bedächtig auf einer Parkbank saßen und uns erklärten, dass sie genug hätten von diesem albernen Leben. Dass es an der Zeit sei, endlich ernsthaft zu werden.

„Wir haben genug gelacht in diesem Leben.“

Eine Traumsequenz weiter saß dasselbe Pärchen in unserer Wohnküche und demonstrierte geduldig, wie man sich gegenseitig die Finger bricht. Eine überraschend mühelose Angelegenheit. Ein leichtes Knicken nur. Als wären es Federn, keine Finger.

„Altwerden ist nichts anderes als das Wegbrechen von Flügeln, an deren Stelle nichts nachwächst“, sagte die Frau im Traum. "Aber wer nicht mehr fliegen kann, hat automatisch mehr Zeit für den Erdboden.“

*

Ich möchte noch mal zwölf Jahre alt sein und nachmittags von der Schule heimkomme. In der Kinderstunde läuft Pan Tau, Mutter macht mir einen Becher warmen Kakao zum Essen, aber nicht diesen fair gehandelten Bio-Kakao, sondern Kaba.

Oder elf.

*

Aufwachen am Morgen Immer noch am Leben: Sein Welch ein Privileg Welch Ungeheuerlichkeit & womöglich scheint noch die Sonne DIE SONNE Konsequent Sonne Konsequent Weltklasse

*

("DU GLAUBST AUCH ALLE LEUTE GEHEN MIT DEINEN AUGEN DURCH DIE WELT!")

*

Ein Evergreen, gespielt und gesungen von JJ Cale:

 The old man and me, JJ Cale
27.10.17 15:02


Daily Coffee

Eben bin ich im Daily Coffee am Hauptbahnhof in einen Mann reingelaufen, der am Boden lag. Ich hatte ihn schlicht übersehen. Ich meine, wer hat schon mitten am helllichten Tag einen Mann auf der Rechnung, der am Boden liegt, im Bahnhofs-Café, mit einer Zange in der Hand? Er trug einen blauen Monteurkittel mit der Aufschrift „Klimatechnik“ und reparierte vermutlich die Kühltheke, als ich in etwas Weiches trat und er „autsch!“ aufmuckte. "JA ISSES DENN...!??"

„Oh..!“ sagte ich, und zog irritiert den Fuß aus seinem Bauch.

Ich weiß auch nicht, aber irgendwie sah das unanständig aus, wie er da unten auf den Fliesen lag, im Neonschein des Bahnhof-Cafés, und wie der Fußabdruck sich allmählich zurückbildete und wieder Risikobauchfett wurde.

Dann geschah alles gleichzeitig.

Die drall überschminkte Servicekraft reichte einen Becher schwarzen Kaffee über die Theke, und der gut gekleidete Herr, der neben mir stand und alles beobachtete, wollte schon zulangen, „Ist der für mich?“, „Nee, für den jungen Mann neben Ihnen!“ Also blickte ich hoch, um mich zu vergewissern, ob sie mich damit meinte, (bin ich denn immer noch jung? ein Mann? hört das denn nie auf?) und griff hastig nach dem Becher, wobei etwas Kaffee über den Rand schwappte, genau in den offenen Kittelkragen des armen Klempners.

„Ja isses denn bald gut!??“ schnaufte er genervt.

„Jo“, erwiderte ich, aber ehrlich gesagt: Das war auch nicht mehr als eine bloße Vermutung.
14.3.18 08:29


Natürlich, Männer machen dumme Dinge mit ihrem Schwanz...



15. Mai 1986

Was für eine Nacht. Um 24 Uhr hat sie angerufen und wollte eigentlich nur gute Nacht sagen, eine Stunde später kommt sie im grünen Simca vorgefahren und holt mich ab. Auf einen Kaffee in die Hütte nach Ohligs. Der Laden heißt wirklich so, Hütte, und gehört ihrem neuen Macker.

„Unsinn, die Hütte gehört ihm nicht, er hat sie nur gepachtet“, rückt Lina zurecht.

„Aber ein Kerl ist er schon, dein Chef, oder?“

Sie pfeift durch die Schneidezähne. „Aber hallo.“

Blöde Kuh. Wir sitzen eine Stunde rum in dem dunklen Schuppen, ich nehme noch zwei Bier, dann bringt sie mich wieder nach Hause. Sie will noch auf einen Sprung reinkommen, weil sie pissen muss, und bleibt bis halb fünf.

Wir sitzen zusammengekauert vorm Nachtstromspeicher in der Küche und sie tut mir die Klamotten rein, KLAMOTTEN DER WAHRHEIT. Dass sie es nicht mehr mitansehen könne, wie ich ohne Perspektive und ohne Knete und mich auf die Loyalität meiner Freunde verlassend in den Tag hineinlebe. Dass sie das früher an mir geliebt habe, meine lässige Art, „jetzt hängt es mir zum Hals raus! Und weißt du auch, warum? Weil nichts passiert in deinem Leben. Weil du immer ein kleiner Arsch bleiben wirst, wenn du dich nicht endlich aufraffst und irgendwas probierst!“

„Probieren? Was denn?!“

Sie wird zur Furie. „SOLL ICH DIR DAS ETWA AUCH NOCH SAGEN??!“

Dabei habe ich das nur gesagt, um sie zu provozieren, um dem Affen Zucker zu geben und um zu sehen, was mit einem Affen passiert, bei einer Überdosis Zucker. Wie ich mir das überhaupt vorstelle, meine Zukunft, so als größter Drückeberger der Welt, fragt sie mit all ihrer geballten nächtlichen Energie, und da muss ich passen. Da muss ich jedes Mal passen, wenn sie auf der Zukunft rumreitet. AUF MEINER ZUKUNFT. Zukunft, das ist wahrscheinlich das Denken über den Tag hinaus, doch ich bin immer nur verstrickt im Jetzt, im Transport: DAS JETZT IST IMMER TRANSPORT, treibe ich die Worte vor mir her, doch damit kann man ihr nicht kommen, damit punkte ich nicht, nicht bei ihr.

Ich lege noch einen drauf und sage, dass man keine Zukunft nötig habe, bloß die Gegenwart, “die macht genug Rückenwind, wenn man sie nah genug heranlässt.”

“Ach, du immer mit deinen... Sätzen!”

Sie schleudert meine Worte in einer schnellen Geste über ihre Schulter, wie ein Gläschen Wodka, das man leergesoffen hat, weg damit. Außerdem sei ihr etwas aufgefallen, sagt sie, nämlich dass ich beim Schreiben niemals ein Semikolon setzen würde.

„So ein Ding, weniger als ein Punkt und mehr als ein Komma, das Zeichen, das signalisieren soll, Leser! Jetzt kommt etwas Neues, in Anlehnung an das Alte, oder so ähnlich.“

Und dass ich immer ihr Traummann war, so vom Charakter her, als Mann, und dass ich der auch bleiben werde..., wenn ich doch nur endlich was auf die Reihe kriegen würde und für mich selbst sorgen könnte. Nein, sie will weg, sie hat die Nase voll. Ich hindere sie an ihrer Entwicklung. Sie ist einundzwanzig und will andere Männer ausprobieren. Verständlich sogar, wäre nicht ich der Angeschmierte in der ganzen Geschichte. Ist doch klar, würde ich sonst sagen. Muss doch. Geh deinen Weg.

Sie ist noch nicht fertig. Dass es ja wohl ein Armutszeugnis darstelle, dass ich mit 25 noch jeden Monat Geld von meinen Eltern kriege, um die Miete aufbringen zu können, und dass ich das doch hätten kommen sehen müssen, dass sie sich von mir abseilt nach all den Jahren, wenn ich ihr keine Zukunft biete.

Heute Mittag, ich bin bei meinen Eltern drüben, habe ich dann bei ihr angerufen und gemeint, dass sie natürlich Recht habe von wegen faules Schwein und so, aber ob wir nicht doch irgendwie zusammenbleiben könnten. Lacht sie: Doch klar kommen wir wieder zusammen, aber lass uns nichts überstürzen. Außerdem willst du dir ja doch nur eine Absicherung holen, ich kenne dich doch. Du sollst dich jetzt aber ganz alleine auf dich verlassen, ohne mich.

„Mach was draus.“

Gut, okay, sag ich. Aber was ich nicht einordnen kann ist die Tatsache, dass wir uns kaum noch küssen, dass Sex keinen Spaß mehr gemacht hat in letzter Zeit und so Sachen, aber da gibt sie keine befriedigende Antwort drauf, eigentlich gar keine Antwort, und ich habe sowieso das Gefühl, dass das wichtigste unausgesprochen bleibt. Auch wenn ich selbst nicht weiß, was das sein sollte, das wichtigste. Während wir telefonieren, liegt die dicke Samstagsausgabe der Lokalzeitung aufgeschlagen vor mir, die Stellenangebote.

(Männl. Aushilfe/vormittags 813058)



18. Mai 86

Wenn ich bloß wüsste, wie die Kleine heißt, die hier übernachtet hat. Anja..? Braver Name für eine abgewichste Nummer. Die Sache im Bett beschränkte sich gleich aufs wesentliche. Keine Küsse, kein Abtasten. Ich lutsche an ihren dicken Titten, sie greift nach meinem Schwanz. Ich lege eine Cassette mit Soul-Balladen auf. Womack and Womack. Ich höre es mir an, während sie an mir rumnuckelt. Erst wollte ich mein Ding noch waschen, weil sich da im Laufe eines Kneipentages eine Menge ansammelt, aber da war es schon zu spät, da war ich schon in ihrem Mund. Freitagnacht, und der Stolz geht den Bach runter. Nicht mal baden geht der Stolz. Nur den Bach. Runter. Ich lege meinen Kopf zwischen ihre Schenkel und schaue zu, wie sie es sich selbst macht. Das ist das Beste, was du tun kannst, Mädchen. Es dir selbst besorgen. Ich bin viel zu betrunken, um außer Blasen Sex zu spielen. Den Finger in ihrer Arschritze. Ich lecke sie, feure sie an, spritze ihr übers Gesicht.

Und dann, im finstersten Teil der Nacht, fängt sie an zu schnarchen. SCHNARCHEN! Das macht mich wahnsinnig. Ich werde wach, sie schnarcht. Möglicherweise hat sie vorher schon geschnarcht, ich weiß nicht, da habe ich geschlafen, da juckt mich das Geschnarche nicht. Aber jetzt bin ich wach und neben mir schnauft und ackert ein alter Traktor. Ich remple sie an, bis sie endlich Ruhe gibt. Während sie ruhig weiterschläft, führe ich ihre Hand an meinen Sack.

Am Morgen hänge ich ihr gleich wieder an den Titten. Sie bläst gut. Diesmal spritz ich mir selbst über den Bauch. Ich erkläre ihr den Fußweg in die Stadt.

„Mach’s gut.“

Sie grinst zum Abschied, als ich ihr vom Fenster aus nachschaue. Aber meine Augen werden schlechter. Vielleicht ist das gar kein Grinsen, sondern was anderes. Vielleicht kotzt sie im Gehen. Mittags gehe ich rüber zu meinen Eltern. Es gibt Rindsgulasch. Mutter macht ein göttliches Rindsgulasch.

Natürlich, Männer machen dumme Dinge mit ihrem Schwanz, aber wenn Frauen einen Schwanz hätten, sie würden ungefähr das Gleiche tun - jede Wette.

(Ich weiß nicht, wie es in zwanzig Jahren sein wird, aber ein 25jähriger Mann, der mit einer Morgenlatte wach wird, hat das Gefühl, auf einem Motorboot loszureiten, kaum dass er die Augen aufschlägt..)

(Als die Gräfin zum ersten Mal ein erigiertes Glied sah, hielt sie es für ein inneres Organ, das sich verlaufen hat.)

Als ich das erste Mal ein erigiertes Glied sah, war ich acht oder neun. Wir spielten Ende der Sechzigerjahre gern auf den zahllosen Baustellen der Hasseldelle, wo eine Hochhaussiedlung entstand, eingerahmt von Bungalows und Reihenhäusern. All die Rohbauten gaben großartige Spielplätze ab. Nichts ist spannender als kaputte Leitern und Gummiwannen voller Mörtel. Und urplötzlich liegt

Dieter Rillenhauer splitternackt im Kellerschacht und strahlt uns an, mit einem riesigen erigierten schneeweißen Glied. Jedenfalls kam es mir damals riesig vor, obwohl das kaum sein kann, denn Dieter Rupp war genauso alt wie ich, aber früher reif. Ich für meinen Teil kannte das jedenfalls noch nicht, eine Latte. Ich hatte das an mir noch nicht gespürt.
Wer über das männliche Genital schreibt, hat ein Problem:

Nenn ich es Pimmel oder Latte, Rohr oder Schwanz, Lümmel, Penis oder Riemen, medizinisch oder Schweinkram, es bleibt eine schwierige Entscheidung – bis auf den Fall von Dieter Rupp, 1969, nackig im Neubauschacht an der Hasseldelle, da war die Sache sonnenklar. Was uns da anblitzte im Frühlingslicht, war ein eins a schneeweißes Glied, durchzogen von blauen Adern und erstaunlich stramm für sein Alter und ohne ein einziges Haar am Sack.

Dieter ist schon lange verheiratet, hat zwei Kinder, arbeitet bei der Stadt. Neulich haben wir uns kurz unterhalten, der übliche Mist, wie teuer und doof alles geworden ist, aber innerlich habe ich den Hut gezogen, aus Respekt, ja, aus Ehrerbietung für den ersten weißen Hai, der mir je über den Weg gelaufen ist, live und in Technicolor
3.3.18 19:44


Eine Hürriyet, Meister!

Samstagmorgen bei Mustafa.

So winzig-klein und bis unter die Decke mit Alltagskram und orientalischem Nippes vollgestopft ist sein Kiosk, dass sich der bullige kleine Türke meist draußen auf dem Trottoir aufhält und auf Kundschaft wartet. Immer noch besser als drinnen zu ersticken. Die Kulisse erinnert an Paris oder St. Pauli, wo Koberer vorbeilaufende Passanten für den Besuch einer Sex-Show zu animieren versuchen, nur dass mit Mustafa der Besitzer selbst draußen an der Front steht und süß-saure Schnüre feilbietet, türkische Gazetten und Rauchwaren.

Während ich drinnen meinen Tabak kaufe, bleibt die Gräfin vor Mustafas Etablissement stehen und wartet auf mich. Kommt ein schidderig Kerlchen daher. Mitte Fünfzig, verschossene Jeansjacke, Trinkernase. Die Art Typ, die früher als Stielkamm-Luigi durchging, die in Oberhausen-Eisenheim eine Anderthalbzimmerbude bewohnte.

“Mensch, dahinten kommt meine Ex..”, ruft er erschrocken. “Und das am Samstagmorgen!”

“Ach, du Scheisse”, pflichtet die Gräfin ihm bei.

“Obwohl, na ja, ist ja nicht meine erste Ex. Das ist meine zweite Ex.”

“Na, dann gehts ja”, meint die Gräfin.

Er winkt ab. “Siehst du den Kerl neben ihr, den Brocken?”

“Ist ja nicht zu übersehen.”

“Der wollte mich letztens vermöbeln, glaubste nich?”

“Wenn du das sagst.”

“Der wollte mich richtig.. vermöbeln! Komm ich nichtsahnend aus der Kneipe, unten aus dem Jägerstübchen, kennste? Nee? Na, egal, steht der da an der Ecke. Ich denk noch, Mensch, was macht der denn hier, was steht der denn hier so blöd rum..? Der geht doch sonst nie ins Jägerstübchen..! Und wie ich das so denke, läuft der Arsch schon hinter mir her. Verfolgt mich richtig, glaubst du nich? Wie im Kino, voll auf Speed! Ja, hör mal, wie soll ich mich denn gegen so ein Biest wehren? Das ist doch ein Tier, oder nich! Ich kleines Männeken! Ich hab doch die Beine kaputt.”

Er zeigt beiläufig nach unten, auf seine Füße.

“Ich hab 80 Prozent Schwerbehinderung! Mich grüßt jeder Busfahrer! Die kennen mich alle!”

Ich verabschiede mich von Mustafa und trete mit frischem Tabak an die Sonne.

“.. dabei wusst ich gar nicht, warum der mich vermöbeln wollte, da konnte ich mir keinen Reim darauf machen. Aber ich kleines Männeken darf auch mal Glück haben. Oder nich. Denn wie ich da so stehe, wer kommt da plötzlich um die Ecke..? Na..??”

Pause.

“Der Maik!”

Pause. Sonnenschein. Ratlosigkeit.

“Sag bloß, ihr kennt den Maik nich..!?”

Die Gräfin blinzelt zu mir rüber.

“Den kleinen Streifenpolizisten?” frag ich.

“Ja, genau! Der Maik! Der immer Streife läuft!”

“Ja, kenn ich”, sag ich, “vom Sehen. Klar. Und?”

“Na, das Tier will mir gerade eine reindonnern, die Faust steht praktisch in der Luft wie ein Fallbeil, fertig zum Runtersausen, da glotzt der Maik um die Ecke..”

Ja, sehr schön, aber das hatten wir schon.

“.. und ruft: Mensch, Roland! Was machst du denn hier?”

“Och!” sagt die Gräfin. “Und wer ist Roland? Du?”

“Ja klar! Ich bin der Roland! Halllooo!?”

“Und dann?”

“Na ja, meine Ex stand ja auch dabei, also im Hintergrund, und wie sie den Maik sieht, zieht sie ihren Kerl schnell weiter. Klar, die wollte keinen Ärger haben, meine Ex..”

“.. deine zweite Ex”, stellt die Gräfin richtig.

“Wa?”

“Das war doch die zweite Ex, oder nicht? Nicht die erste.”

“Klar. Die zweite Ex. Danke, gut aufgepasst. Die erste ist tot. Hör mal, ich trink seit fünfzehn Jahren keine Kurzen mehr, nur noch Bier. Keine Kurzen mehr. Seit fuffzehn Jahren. Damit komm ich prima klar. Ungelogen. Nur die Füße..”

“Mama, seit wann gibt es denn das Büdchen wieder?” erkundigt sich ein vorbeikommendes Mädchen bei seiner Mutter, während Mustafas bulliger Kopf aus dem Kiosk äugt wie ein zu groß geratener Kuckuck.

Roland klopft ihm freundlich auf die Schulter.

“Morgen, Meister! Eine Hürriyet!”

23.2.18 10:22


Eine leicht frustrierte Aufbruchstimmung



Ich ahnte schon früh, dass die meisten Mädchen einen zuverlässigen Partner suchen, der ordentlich was in der Hose hat und zweimal im Jahr zwei Wochen Urlaub springen lässt. Ich hätte es also wissen müssen.

„Ich will in die Normandie! Oder in die Picardie! Am besten erst in die Norman, dann in die Picardie! Kann das denn so schwer sein? Stattdessen renne ich schon wieder mit dem Hund und dir durch den Wald hinter unserem Haus! Den hab ich schon tausend Mal gesehen, diesen beschissenen Wald! Da, die scheiss Buchsbaumhecke kenne ich auch! Die heisst vermutlich Magdalena!“

Die Gräfin ist geladen. Wir wollten ein paar Tage in den Süden fahren, nach Holland, nach Süd-Holland, müssen es aber verschieben. Es geht nicht. Nichts zu machen. Ein Termin ist dazwischengekommen.

„Fahren wir eben im Oktober“, sag ich. „Sind doch nur noch vier Wochen.“

„Ach, du! Auf dich muss man immer nur warten! Mein ganzes Leben warte ich schon auf dich! Du könntest langsam mal kommen.“

Sie geht so zornig weiter, dass der Kies wegspritzt unter ihren Sandalen. Na, das ist ja ein toller Samstagvormittag. Wir biegen in die Schrebergartenkolonie ein, der Hund trottet zwanzig Meter hinter uns her, wie immer, wenn wir streiten.

Seemannshohe Sonnenblumen verneigen sich wie Richtmikrofone in unsere Richtung, Vorsicht! Live-Aufzeichnung!

Steinchen zersplittern unter ihren Schritten, Vögel verirren sich in der Luft.

Am Boden spielen Schrebergartenkinder zum 10. Jahrestag der Angriffe auf die USA lauthals Dschihad. „In zehn Sekunden geht der Anschlag los!! Zehn, neun, acht, sieben..“

Wird Zeit, dass wir weiterkommen.

Krähenversammlung und Waschtag am Himmel, der Feuerahorn wirft erste Blätter ab, wie Blutplättchen sammeln sie sich rund um den Baum.

„Dass das ganze Leben super ist, dass immerzu alles passieren kann und nichts unmöglich ist, diese Einstellung hat mich mein Leben lang getragen. Und jetzt?! Jetzt bin Ende vierzig und alles kracht zusammen“, schimpft sie. „Ich bin gelandet. Nicht mal ne Woche Holland kriege ich noch hin.“ Sie fixiert mich. „Kriegen wir noch hin.“

„Süd-Holland“, sag ich.

Unser Spielzeugkalifornien mit Pommes Frites.

Immer schön bei der Wahrheit bleiben.

*

Richtung Bärenloch begegnet uns eine intakte Familie. Mutter, Vater, zwei Kinder, Großmutter, Hund, es herrscht ausgelassene Stimmung. Die Oma legt liebevoll die Arme um die Enkelin, die das offenkundig geniesst. Mutter und Vater unterhalten sich mit uns, der Gräfin kommt der pummelige Gang des Labradors bekannt vor.

„Das ist doch die Mona, die ist doch früher immer laufen gegangen, wenn sie die Hitze hatte.“

„Genau“, freuen sich Vater und Mutter. Dass sich daran jemand erinnert. Aber Mona ist alt geworden, sie hat Arthrose und schnauft wie ein Seehund und ist froh, wenn sie es ab und zu den Hügel raufschafft, den Hügel im Park.

Als wir im Bärenloch sind, einer weitläufigen Parkanlage mit Hundeauslaufplatz, den wir noch nie benutzt haben, weil es nichts langweiligeres gibt als Hundeauslaufplätze, wo die Hunde rumstehen und sich fragen, was sie hier machen sollen, hat sich die Lage beruhigt. Frau Moll nimmt Anlauf und springt vor Freude in den großen Teich, und die Gräfin unterhält sich mit einem Mädchen, das im flachen Wasser seht und Stichlinge fischt.

Ich geh auch mal dahin.

„Ich hab schon sechzig Stück!“ ruft das Mädchen, keine zehn Jahre alt.

„Kaulquappen?“ sag ich.

„Nee, Stichlinge..!“

Ich guck in den Eimer.

„Das sind doch keine Stichlinge, hör mal. Das sind glitschige kleine Küchenschürzen.“

Mir hört niemand zu. Ich hab auch schon mal besser gescherzt. Der Tag entwickelt sich nicht richtig. Er bleibt im Ungefähren. Da, wo sich niemand richtig wohlfühlt. Wo jedermann nach links und rechts blinzelt, um sich zu vergewissern, wie man ankommt.

„Darf ich euren Hund mal in Stichlingen baden?“ tanzt das Mädchen am Ufer entlang. Die Gräfin steht bis zu den Knöcheln im Teich, die Sandalen hat sie ausgezogen.

„Iiih, die lutschen mir am grossen Zeh, die Stichlinge.“

Das Mädchen folgt der Gräfin ins Wasser.

„Vielleicht nuckeln die mir auch am Zeh. Ich möchte auch am Zeh genuckelt werden.“

Frauen, denk ich.

„Kannst du schwimmen?“ fragt die Gräfin.

„Klar, aber nicht hier drin.“ Das Mädchen rollt die Ärmel hoch. „Hier, fühl mal meine Mukkis.“

Die Beiden haben sich innerhalb fünf Minuten angefreundet und spazieren Hand in Hand durch den Teich, und Frau Moll paddelt eifrig hinterher, um nicht den Anschluss zu verlieren. Wenn Frau Moll später aus dem Wasser steigt, riecht ihr Fell wie ihre alte Blockflöte, meint die Gräfin. „Wenn ich sie zu sehr eingespeichelt hatte, roch sie wie nasser Hund.“

*

Als wir am Nachmittag zurück sind und im Park noch eine Zigarette rauchen, beobachten wir zunächst ein Passagierflugzeug, das wie ein silbriger Walfisch den Himmel durchpflügt, dann eine weitere Krähenversammlung und zuletzt diesen Mann, der seiner Geliebten mal zeigen will, wie hoch er seine Brieftasche werfen kann.

„Mit 500 Euro drin!“

Die Börse verschwindet gleich beim ersten Versuch im dichten Geäst des Kastanienbaums. Eine halbe Stunde lang bemüht sich der Trottel, sein Portmanee wiederzukriegen. Hochklettern geht nicht, da der Stamm unten keine Äste hat, die man als Trittbrett nutzen könnte, also wirft er alle möglichen Stöcke und Steine in Richtung Baumkrone, in der Hoffnung, die Börse zu treffen, damit sie sich lösen kann und herunterfällt, aber er stellt sich dabei so untalentiert an, dass selbst uns als geübte Beobachter anderer Leuts Leben langweilig wird und wir das Beobachten einstellen.

Auch seine Geliebte stöhnt irgendwann nur noch „Blödmann“, und so endet der Tag, wie er begonnen hat.

So ungefähr.

*

Räuber Hotzenplotz ist in der Stadt! Ich lese es auf der Rückfahrt, als ich desinteressiert aus dem Fenster schaue, (nur ranghohe Hunde können sich desinteressiertes Verhalten erlauben), und wer glotzt mich da von einem Plakat an, aus den Tiefen meiner Kindheit?

Räuber Hotzenplotz ist in der Stadt!

Es ist das gleiche Bild wie auf dem Buchumschlag 1970, wo der alte Schelm verschlagen über einen Lattenzaun blickt, auf der Flucht vor Wachtmeister Dimpfelmoser. Die ganze Innenstadt ist mit der Ankündigung gepflastert, ganze Stellwände von Baustellen und Hauswände.

Räuber Hotzenplotz, Puppentheater-Vorstellung, tgl. 15, 17, 19 Uhr.

Ich nehme alle drei!

Mir wird ganz heiß im Unterbauch, da, wo die Seele sitzt, weil ich ab jetzt jederzeit damit rechnen muß, dass Hotzenplotz barfuß und vollbärtig und schlapphütig hinterm Busch hervorspringt, um mit vorgehaltener Knallbüchse die Herausgabe der Kaffeemühle von Seppels Großmutter zu verlangen!

PIFF! PAFF!

Ich bin ganz aufgeregt!

(Ich hab eine leicht frustrierte Aufbruchsstimmung.)

*

Der Text stammt aus dem Jahr 2011. Dem letzten Jahr, wo wir noch Zigaretten geraucht haben.
25.1.18 08:19


Die Crux unserer Tage



Es sind ja nicht die Sätze, die vor Kraft kaum laufen können und einem sofort ins Auge springen wie durchtrainierte Athleten, es sind eher die eingeschobenen kleinen Nebensätze, das Volk der cleveren kleinen Sherpas, die Unterstützer-Szene, die den ganzen Ballast trägt und der man zunächst, auch als Schreiber, zu wenig Beachtung schenkt, die aber den Ton einer Story vorgibt. Den Takt. Den Herzschlag. Den Blutzoll.

Genau das sind die Sätze.

*

Mit einer der unheimlichsten Film-Szenen der Film-Geschichte endet Der Pate, Teil II. Jedes Mal, wenn der Film im Fernsehen wiederholt wird, schalte ich kurz vor dem Ende ein. Ich muss mir das Ende immer und immer wieder ansehen.

Die Szene: Der zunächst in Ungnade gefallene und dann von Clan-Chef Michael Corleone (scheinbar) wieder in die Familie aufgenommene Bruder Fredo fährt im Morgengrauen zum Angeln raus. Mit im Kahn sitzt Al, einer der Untergebenen des Mafiaclans, ein eher unscheinbarer Crack, der es gewohnt ist, still seinem Handwerk nachzugehen.

Die Kamera ist nun abwechselnd im Bootshaus, wo Clan-Chef Michael Corleone zum Fenster hinausschaut, und draussen auf dem ruhigen See.

Der Himmel um diese frühe Uhrzeit ist grau und betonschwer, im Hintergrund spielt die unheilvolle Musik von Ennio Morricone.

„Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes..“, hört man Fredo beten, den Verräter, bevor ein vom Zuschauer ebenso erwarteter wie befürchteter einzelner Genickschuss übers Wasser peitscht. Der Kahn gerät ins Schaukeln, ein Vogel kreischt zwei unvergessliche Male, eng verwoben mit zwei dunklen Akkorden.

*

Weisst du, warum dicke Menschen nicht gut gelitten sind in der Gesellschaft?

Weil es für jeden offensichtlich ist, dass sie sich im Leben zu viel herausgenommen haben.

– Die Gräfin –

*

Immer weniger Menschen können gut zuhören, warum? Weil sie in Gedanken schon vorformulieren, was sie selber sagen wollen – genau das ist die Crux unserer Tage. Und am Ende der Tod der Demokratie.

*

Mit 50 hat man die Weltkarriere im allgemeinen schon hinter sich. Ich nicht. Wie immer liegt darin die Komik, und lauter Missverständnisse.


*

Einen Monat vor ihrem Tod Weihnachten 2010 feierte Mutter ihren 83. Geburtstag in der St. Lukas Klinik. Wir hatten einen großen Tisch in der Cafeteria gedeckt und ein bisschen dekoriert. Während die Familie schon Platz nahm, fuhr ich mit dem Aufzug hoch zur Station, um Mutter abzuholen.

Auf dem Gang kam mir der Tod entgegen, ein Vorbote - ein junger Bursche, blond, keine zwanzig Jahre alt, völlig aufgelöst und verzweifelt. Er kam gerade von der selben Station, auf der auch Mutter lag, und er hatte schlechte Neuigkeiten bekommen. Er machte sich ganz dünn, hielt sich nahe der Flurwand, wo ihn ausser mir niemand zu bemerken schien.

In Situationen, wo das Leben sich plötzlich und unerwartet zum Drama verdichtet, versuche ich mich stets zu vergewissern, ob es einen Gewährsmann gibt, ob ich einen Zeugen habe. Jemanden, der das Erschrecken in seinem Gesicht, sein ebenso ton- wie bodenloses Schluchzen ebenso wie ich beobachtet. Und diese Eile, mit der fortstrebt von der Station, von der schlechten Nachricht.

Ich werde diesen Jungen nie wiedersehen, dachte ich. Er hetzte der Wand entlang. Er bebte vor meinen Augen. Er floh von der Station, auf der auch Mutter lag.

Ich klopfte nicht an. Ich stieß die Tür auf. Sie saß im Rollstuhl und wartete bereits. Tags zuvor war sie mit meiner Schwester beim Krankenhaus-Coiffeur gewesen, extra für den Geburtstag, sie sah richtig schick aus. Ein hübsch gemachtes Großmütterchen.

„Da bist du ja endlich.“
20.1.18 10:49


Arnheim, der Blues (1986)



MUSS RAUS HIER.
JETZT.
RAUS.
REIN IN DEN QUIETSCHEKADETT
UND RAUS AUS DIESER STADT.
WEG VON DIESER FRAU, DER ICH ZU FÜSSEN LIEGE
"KOMM ZURÜCK!",
ABER SIE KOMMT
NICHT..

..also raus auf die Piste da fahren Lastwagen beladen mit
Zigarren die dickste für mich die paff ich zum Blues
der steckt in den Knochen

und im Handschuhfach
da sind Schlagzeugstöcke
mit denen trommel ich den Beat:

SHE-S-MY-BA-BEE-
SHE-S-DRIVING-ME-
CRA-ZEE

2 Wochen und 2 Tage hab ich sie nicht gesehen und dann
heut Nacht das Telefon
ihre Stimme
"Muss dich sehn, mach mir Sorgen, du schmierst ab"
sag ich "Ja Mädchen, das ist der Trip, der scheucht mich"
und nachts zeigt der Türsteher mit dem Finger auf mich

Ahh, da isser wieder der Fertige,

fertig bin ich wirklich schlimm aber da ist diese Frau in
meinem Kopf, sag ich

und schieb ihn beiseite

"Aber sehen will ich dich nicht"
sag ich
"Das würd mich umbringen"

Aber schwach bin ich
hilflos und um 6 in der Früh
kommt sie mit dem Adventskalender wir öffnen zwei Törchen
REDEN RAUCHEN
HEIZEN
durch den Vormittag
kaufen Turnschuhe im Supermarkt
weil die Latschen vom toten Nachbarsjungen
mir kein Glück gebracht haben

tauschen Komplimente an der Kasse
"Du siehst gut aus!"
"Nein, du siehst gut aus!"
"Nein, du!"

Frag ich: "Das ist unwirklich, nicht wahr?!

sagt sie "Doch es ist wahr,
wirklich, lass uns frühstücken".

Da packen wir alles auf einen Teller mein erstes Ei
seit 2 Wochen 2 Tagen,

"Und neue Jeans brauch ich auch,
solche in denen frau die Klöten sieht" sag ich
da wird sie böse das ist gut und dann

DIE UMKLEIDEKABINE
DIE KÜSSE
ABER DA LÄUFT DIESES RADIO
DIESE SERVICEWELLE
DIE MELDET STAUS
AUF DER A8 B9
B10

und so finden wir nicht zueinander
die Zungen blockieren

"Das is nich unsere Zeit", sagt sie,

"Nein, das ist sie nicht", sag ich, "Aber die Jeans,
die passt, die nehm ich"

also raus aus der Boutique und
rein in den quietschenden Kadett,
irgendwohin fahren was kiffen
nichts mehr sagen
nur die Kassette
tönt
die ist von mir
die eiert
das macht uns melancholisch
sag ich "Mädchen, muss jetzt raus hier
auf nach Arnheim in das Zimmer von Schnaat
das auf meinen Blues wartet"

sag ich "Ich liebe dich", sagt sie "Ich dich auch, irgendwie"

und dieses Irgendwie
das ist der Knockout der komische
aber das war heut Mittag

jetzt ist Abend
jetzt ist Arnheim
ich park am Hommelseweg
und tret mit Kubastummel vor die Vermieterin
die bebrillte Kröte

sag ich
"Grüsse vom Schnaat, würd gerne ne Woche hier
knacken, bin auf der Flucht vor dieser Frau",
sagt sie "Klasse, aber für Grüsse kann ich mir nix kaufen,
kost' doch alles, Strom, Gas,
und die Frau, die kenn ich auch nicht,
also 15 Gulden die Nacht"
sag ich "10!"
sagt sie "15!"
sag ich "Abgemacht, Hauptsache ne Hütte"

steig die Treppe hoch
ist das Zimmer kahl
kein Bett keine Matratze
nur Fussboden und ein Haufen Decken

so mach ich mir das Nachtlager
und hier lieg ich jetzt

HOL IHN MIR HOCH
UM IHN WIEDER RUNTER ZU HOLEN
DOCH ALS ER KOMMT DER ORGASMUS
DENK ICH ES WÄRE IHRER
DEN DER SOLDAT IHR MACHT
UND LASS LOS LASS SPRITZEN
LASS RUMSEN IM BAUCH
BIS ES HELL WIRD
draußen

das ist der Blues der akute Schwitzkasten
selbst im Traum steh ich auf dieser endlosen Strasse
seh sie fortlaufen mit dem Soldaten
immer schneller
will ihr nach ich schaff mich schwitze
steck fest bis sie fort ist nur
noch ein Punkt in der Ferne
da renn ich los in andere Richtung
gar keine Richtung

also rein in die Röhrenjeans
die O-Beine auch nicht gerade
gerade macht
und runter auf den Hommelseweg

HALLO ARNHEIM HIER BIN ICH

aber wer ist ich?
Steh doch nur neben den Schuhen
weil sie drinsteckt sogar in diesen
und die sind so neu
dass die Ferse blutet
das ist der Blues

ICH GEH
FÜHL
& KOMM UM

SEH ZWEI PUNKS
EINEN KANISTER DURCH DIE GOSSE TRETEN
MIT SPITZEN STIEFELN BIS SIE FLITZEN
DENN DA BIEGT DER METZGER UM DIE ECKE
STEMMT DIE FÄUSTE IN DIE HÜFTE

aber das juckt mich nicht ich

seh nur die Mayonnaise aus den Ritzen quillen
denk mir ist

EH ALLES BLECH
EINDRESCHBAR

Und das diese Frau mich wahnsinnig macht

Was ich ihr alles verspreche
"Ich mach ne Million Dollar und hol dich zurück/Oder in Lire/Fürn Anfang auch nich übel/Oder ich leih mir was!"
lacht sie "Junge bist du drauf"
sag ich
"Klar, Mädchen, aber deine warmen braunen Augen,
die machen mich so satt dass kein Hunger bleibt
für Worte, die mir Dollars bringen sollen,
also bleibts bei den Lire"

doch das findet sie nicht witzig
ich auch nicht
es sind nur die schweren Sachen im Blut
die mich sülzen lassen
jung bin ich
blöd hab keine Zeit für Weisheit und

MEINE EINZIGE ERFAHRUNG
IST DIE EFAHRUNG
DASS ERFAHRUNG HUMBUG IST
ES MACHT HUM
UND DU KRIEGST WAS VOR DEN BUG

das ist alles das ist wie Langlegen/Aufstehen/Lang
legen/Aufstehen der Rhythmus stimmt
aber ich
ich
lieg grade lang
nehm mich selbst furchtbar wichtig
also weg von dieser Strasse
vom Gestank holländischer Fritten
in gelben Tüten und

Rein in die Cafeteria/Da steht ein Tisch/Da klemm ich den Bauch dran/Den Taste ich ab mit dem Kugelschreiber/Aber da kommt nichts/Weil ich ja doch nur an sie denke
an ihre Worte
die ich vom Ohr gleich rüberlege zur Goldwaage
damit ich ein Bild kriege
doch ihr Kopf ist ein Tollhaus
da gehts drüber
da gehts drunter
und was sind da schon Worte
ausser unzulänglich und verlogen

Da denk ich lieber an zu Hause
an den BEUTEL BRATWURST IM KÜHLSCHRANK
der sollte Proviant sein
hab ich aber liegenlassen vergessen
wie den Brösel und meine Purpfeife
die kleine Freundin die stopf ich
dass sie es mir warm macht
oder das Herz rasend

Doch jetzt seh ich nur die Spiegelwand
bin erschrocken wie normal ich wirke
nichts dringt nach außen
bin nur der Sack der
sich nicht öffnen lässt
sonst liess ich ihn strömen
den Schmerz bis er mehr
Ausdruck fände als Fassade und Gesülze

DAMIT DU BESCHEID WEISST

Kraftlos bin ich eine einzige Lücke
und hundertfünfzig Kilometer Luftlinie
von dir entfernt und diese Linie in der Luft
die gibts wirklich

Warum also flüchten warum Arnheim
auch nur eine deprimierende Stadt
nicht mal gross
nur deprimierend
wenn man kein Bild ist
in den Köpfen von Eingeweihten

also rein in den Kadett
quietsch mich heim zu ihr
zur Bratwurst im Kühlschrank.
17.1.18 17:48


Wasserkrawall



Montagfrüh, Regenwetter, Gesichter. Ich war mit dem Obus unterwegs, musste am Central umsteigen. Wer fremd ist in der Stadt und eine Kreuzung namens Central sucht oder das Hotel Tack am Central, der wird vom Navigationssystem zu einem unspektakulären Knotenpunkt zwischen den drei Stadtteilen Gräfrath, Mitte und Wald gelotst. Viel Lärm, eine große Versicherungsagentur, eine Kneipe, die früh um acht schon brechend voll ist, ein Hotel. Kaum Baum.

Da fällt mir ein: Wie der Herrgott einst die Natur erfand? Ich kann es euch sagen. Er liess einfach sein gesamtes Inventar über Nacht draußen und wartete ab, bis alles grün wurde. So machte er es immer. So ungefähr. Am Central hatte es nicht so gut geklappt. Ich meine, ein Baum..

Unweit des altehrwürdigen Hotel am Tack stieg ich aus dem Bus und spannte den Schirm auf. Die Regenböen trafen mich seitlich, ein kräftiges Westgeschäft, STURM, da konnte auch der begabteste Schirm nichts reißen. Also klappte ich ihn wieder ein und zog die Kapuze über. Im strömenden Regen wechselte ich die Strassenseite, und obwohl ich es eilig hatte, blieb ich auf dem Trottoir jäh stehen. Von der Dachrinne eines hohen Gründerzeitbaus prasselte das Wasser nieder, gebündelt zu einem langen Zopf schlug es hart aufs Pflaster. Ich drückte mich ein Stück der Hauswand entlang, bis ich lotgenau unter dem Wasserfall zum Stehen kam und ihm Gelegenheit gab, auf den – jetzt wieder entspannten – Schirm zu trommeln; ein Gehämmer wie von hundert Protzen, die sich vor der Pinkelrinne aufbauen und es krachen lassen.

Es blieb keine Zeit, auch wenn ich ein großer Fan von Geräuschen bin – ich musste den Bus nach Wald erwischen. Hinter mir hörte ich ihn schon herankriechen, den Strom kauenden Oberleitungsbus, los jetzt: bei Rot über die Fußgängerampel.

Nun war ich nicht der Einzige, der die Linie 2 noch kriegen wollte, in meinem Schlepptau wackelte ein xbeiniges Mütterchen über die vielbefahrene Straße und zwang den Berufsverkehr (und einen hochhackigen Freizeitjeep) zum Mitdenken, sonst wäre sie weg gewesen von der Bildfläche.

„Na, wir sind ja schöne Vorbilder“, schnaufte das Mütterchen, als wir an der Haltestelle ankamen. "Bei Rot über die Ampel.."

„Ja wie sonst“, keuchte ich.

Es stellte sich schnell heraus, dass es der falsche Bus war. Statt nach links Richtung Solingen-Wald bog er an der Kreuzung nach rechts ab, Richtung Solingen-Gräfrath. Es handelte sich um die Linie 3 statt Linie 2.

„Sind wir ganz umsonst bei Rot gegangen“, feixte die alte Dame, „hätten wir uns gar nicht sputen müssen.“

Ein bißchen ähnelte sie einer pumpenden Kaulquappe, aber das konnte auch an den nassen Umständen liegen. Ein kleines Persönchen, das sich trotz des hohen Alters linkisch bewegte, unfreiwillig akrobatisch.

„Das wird überhaupt nicht richtig hell heute“, sagte sie.

„Stimmt, seit Tagen nicht.“

„Ja stimmt. Seit Tagen nicht.“

„Nicht richtig hell.“

Ich schaute mich um. Wo ich stand, war geweihte Erde. Die Haltestelle war keine zehn Schritte entfernt von dem überwucherten Gelände, auf dem einst das Geburtshaus von Pina Bausch stand. Ein zuletzt baufälliges altes Fachwerkhäuschen, das gegen geringen Widerstand in der Bevölkerung abgerissen wurde, zu einem Zeitpunkt, als Pina Bausch noch lebte und kaum jemand in der Stadt wusste, wer Pina Bausch überhaupt war. Bis auf die Tanzinteressierten. Ein Jahr später war sie plötzlich tot, und plötzlich wusste die ganze Stadt, wer Pina Bausch gewesen war, die große Choreografin des Plötzlich, und alle wollten ihren Tod mitfeiern.

- Die Gräfin nahm mich 1989 mit ins Stadt-Theater zum Ballett. „Wie, Ballett?“ fragte ich. „Was soll ich im Ballett?“ „Nicht Ballett“, sagte sie. „Pina Bausch.“ Wir sahen uns "Nelken" an. Toller Abend. -

Am Central war ein Brachgelände aus dem historischen Ort geworden, wo Pina Bausch aufwuchs. Nahe Hotel Tack, unweit Cafe Müller. Wilder Weizen hatte sich ausgesät, buschige kleine Regentage, eine Landschaft ohne Zaun, mild und friedlich, wie von einem wohlmeinenden Regengott hingewürfelt, locker aus dem Handgelenk, Solingen-Central, zwischen Wald und Gräfrath.

Wo Pina als zehnjähriges Mädchen sonntags losgezogen ist, um Kuchen zu holen im benachbarten Cafe Müller. Die kleine Pina, immer in Bewegung, immer am tanzen, immer Schlange.

Solingen, am Central 1950.

„Stellen Sie sich vor, all der Regen der letzten Woche wäre als Schnee runtergekommen“, schlug das alte Mütterchen vor, tief unterm Schirm geduckt.

„Ja, dann wären wir jetzt eingeschneit, dann würden wir jetzt versinken“, sagte ich.

„Nach dem Krieg war ich mit meinem Bruder im Westerwald, mit dem Zug. Sei vorsichtig, wenn du aussteigst, hatte mein Bruder noch gesagt. Der Schnee liegt hoch, wenn du hinfällst, buddel ich dich nicht mit bloßen Händen raus. Und was tut die kleine Schwester? Springt einfach aus dem Zug. Klar, das konnte man von oben nicht sehen, wie hoch der Schnee lag. Und schwupps war ich weg, eingesunken bis zur Nasenspitze. Was hab ich geschrieen.. Ich dachte, ich ersaufe.“

„Und dann hat der große Bruder Sie ausgegraben?“

„Ja natürlich, dafür sind große Brüder doch da. Der war zehn Jahre älter als ich und einen Kopf größer. Du großer Blödmann, sagte ich immer. Und dann hat er mich ausgegraben. Mit seinen Spatenhänden. Da..! Unser Bus..“

Die alte Dame zog den Schirm ein und wankte beim Einsteigen wie ein Schiffchen im Sturm, ich folgte ihr, drehte mich aber kurz um und sah die kleine Pina, wie sie vom Cafe Müller kam, eine Papiertüte voller Gebäck in der Hand, über den Bürgersteig tänzelend, auf Zehspitzen "Von den blauen Bergen kommen wir" summend.

(Unser Lehrer ist genauso doof wie wir.)

Ich verzog mich ganz nach hinten, in die letzte Sitzreihe. Der Regen klopfte hysterisch gegen die Panoramascheiben. Ich sah den Nothammer, merkte mir die Position. Nur für den Fall.

Wasserkrawall.
16.1.18 11:07


Pott-leck, Pott-leck, Schwarzenbeck

Niemand wusste, was Pottleck bedeuten sollte, aber man stellt Begriffe nicht in Frage, wenn man jung ist, sie sind eben da, sie sind in der Welt, irgendwer hat ihnen einen Namen gegeben, einen Stempel aufgedrückt, fertig, aus,

Pot-leg.

Nachmittags trafen wir uns unten im Klauberg zum Fußballspielen. Mit seinen niedrigen Mäuerchen und Erdhügeln, die den großen Bolzplatz zu den Seiten abschirmten, war der Klauberg eine Art kleines Natur-Stadion. Und da es sich schnell herumsprach, dass hier eine Menge blutjunger Talente bolzten, saßen nicht selten zehn, zwanzig schreiende Frührentner um den Platz herum, die ihre missratenen Söhne anfeuerten.

Da war dieser knorrige alte Pole, der bei jedem Wetter kam, um seinen untalentierten Bub zu unterstützen, der keinen Namen hatte, kein Wort Deutsch sprach und nur stur geradeaus rannte mit hochroter Birne, ohne je die Pille zugespielt zu bekommen. Eine tragische Figur. Der Vater.

Der Sohn aber auch.

Bevor es losging, mussten Mannschaften gewählt werden. Dazu wurden zwei Kapitäne bestimmt, in der Regel die beiden stärksten Spieler auf dem Feld. Wer von den beiden mit dem Wählen beginnen durfte - was ja nicht unwichtig war, schließlich konnte sich der Gewinner den nächstbesten Spieler sichern, oder den einzigen Torwart - das wurde mit einer Runde Pottleck ausgefochten.

Pot-leg.

Beim Pottleck standen sich die beiden Kapitäne gegenüber, im Abstand von einigen Metern, und marschierten abwechselnd einen Fuß vor den anderen setzend aufeinander zu.

Also, erst ging A eine Fußlänge vorwärts, dann B, immer im Wechsel.

Gewonnen hatte, wer als letzter einen Fuß setzen konnte, ohne sein Gegenüber an der Schuhspitze zu berühren. Je später der Nachmittag, desto ausgefuchster wurde gepottleckt. Vor allem in den Großen Sommerferien, wenn es erst spät am Tag dämmerte und schon mehrfach gewählt worden war, wurde die entscheidende letzte Fußlänge gestückelt:

Wenn abzusehen war, dass es zuletzt zwischen den beiden Kontrahenten für eine ganze Fußlänge nicht mehr reichte, setzte man den Fuß eben schräg in die verbliebene Lücke, schon passte es. Manchmal blieben auch für den Gegner noch zwei, drei Zentimeter Platz: Genug für eine Schuhspitze, von oben in den Staub gedrückt.

„Ballerinaaa!!!“ musste so ein Sieger vielleicht über sich ergehen lassen, aus dem Hals von zwanzig wütenden Frührentnern und einem knurrenden Polen, aber gewonnen war gewonnen, wen juckten da höhnische Rufe.

Nur warum dieses Verfahren in unserer Strasse Pottleck hieß, oder Pot-leg, keine Ahnung. Interessierte auch keinen.

Hieß eben so.

2

Jeder kennt es, diese Szenen aus der eigenen Kindheit, die in unregelmäßigen Abständen auftauchen, aber keinen erkennbaren Sinn machen. Wo man sich, mittlerweile erwachsen, fragt: Ach ja, und was soll das bedeuten, bitteschön!? Warum fällt mir ausgerechnet diese belanglose Szene ein? Hatte meine Kindheit nichts Spannenderes zu bieten!?

Die Szene, die in meinem Kopf periodisch wiederkehrt, ohne erkennbar Sinn zu machen, spielt im Jahre 1972. Ich komme von der Schule heim und freue mich auf Fußball im Fernsehen: das Europapokalspiel zwischen Steaua Bukarest und Bayern München. Ein Nachmittags-Spiel, Europapokal der Landesmeister.

So sehr ich Bayern München heute hasse, in den frühen Siebzigern hatte das Team ein Gesicht: Gerd Müller hatte ein Gesicht, Beckenbauer hatte eins, Bulle Roth, ja sogar Uli Hoeness, pfeilschnell und immer geradeaus rennend, hatte zumindest eine hochrote Birne. Und, nicht zu unterschlagen, der vierschrötige Vorstopper Katsche Schwarzenbeck, der wie eine Machete übers Spielfeld marschierte, um seinen Kollegen den Weg frei zu hauen.

Fußball im TV war damals was besonderes. Am Samstag lief im Ersten die Sportschau um sechs, abends das Aktuelle Sportstudio im ZDF, ab und an gab es ein Länderspiel, und eben der Europa-Cup. Da Rumänien 1972 noch kein Farbfernsehen hatte, wurde die Partie aus Bukarest in s/w übertragen. Aber darum geht es gar nicht. Die rätselhafte Szene, die im Schnitt alle paar Monate in mir hochgespült wird, betrifft den Kinderfilm, der vor dem Fußballmatch ausgestrahlt wurde, ebenfalls in s/w, und von dem ich nur das Ende mitbekam, kurz bevor der Abspann einsetzte.

Ein Junge, etwa mein Alter, sitzt auf einer betonierten Kaimauer und blickt hinaus aufs offene Meer.

Man hört Möwengeschrei.

Sonst nichts.

Nur das Meer, der Hafenkai, der Junge. Genau dieses Bild. In schwarz und weiß.

Kommt dauernd in mir hoch.

Und jetzt kommt mir bitte keiner mit so Psycho-Kram à la: dieser einsame Junge, der da sitzt, das bist doch du!

Schon klar.
11.1.18 16:23


Auf den Feldern und im Park

Bei der Gräfin ist alles ein bißchen anders. Ist es draußen 35 Grad heiß, steht sie in der Küche am Backofen und kocht Lasagne, regnet es in Strömen, geht sie drei Stunden lang mit dem Hund spazieren. Am liebsten auf den weiten Feldern oben am Theegarten, ihrem windigen Ersatz-Holland. Auch wenn ein Amerikaner zu den Anhöhen sagen würde:

Oh, what a nice kräutergärtlein..!

„Ich werde hier immer glücklich. Alles ist weit, alles ist möglich“, sagt sie. "Und der Wind, der hier oben weht, riecht nach Nordsee. Und das Geraschel in den Holundersträuchern nach Campingplatz.“

„Ihr Bobtail ist aber schon alt“, meint ein dicker Mann, dem sie auf dem engen Feldweg begegnet, als der Regen aufhört und sie heim will.

„Der ist nicht alt und auch kein Bobtail“, sagt die Gräfin,
„und außerdem ist es eine Sie und kein Er.“

„Na denn“, sagt der Alte missmutig.

Frau Moll sitzt bettelnd vor ihm. Hunde sind kalte Genossen. Da kann die eigene Mutter totgeschlagen werden, und der Hund reicht dem Täter noch das Pfötchen: „Guten Tag. Haben Sie ein Leckerchen?“

Bobtail ist natürlich Blödsinn. Frau Moll ist ein Hütehund, der im Dezember 2007 vier Jahre alt wird. Sie ist früh ergraut und allmählich wechselt ihre Fellfarbe ins Weiß: Anstreicherweiß. Und tropfen tut sie auch. Allerdings in rot.

"HE, DU ALTE BLUTMASCHINE!!"

Ich bin fassungslos. Ich meine, dass Frau Moll heiß ist, das ist nichts besonderes, so ist das, wenn man eine Hündin hat, tröpfelt sie eben ein paar Tage lang die Hütte voll und markiert draußen alle naselang geheime Stellen-Angebote: Rüde gesucht. Aber wenn ich mein Zimmer betrete, eine Art Kinderbüro mit Steuerfahnderschreibtisch und Rechner, möchte ich kein freches Aas mitten im Raum stehen sehen, das mir ihren heißen, nackten Hintern entgegenstreckt.

"GRÄFIN! DIE BLUTMASCHINE BAGGERT MICH AN!"

Zwar ist Frau Moll empfängnisbereit nur an ein oder zwei Tagen während der dreiwöchigen Hitze, es reicht aber um die Rüden der Nachbarschaft um den Verstand zu bringen.
Gestern, auf dem dunklen Poussier-Weg in den Anlagen. Zunächst hat Frau Moll Mühe, den Beagle abzuwehren, der wie ein Totschläger hinter ihr her watschelt und beinah über die eigene Erektion stolpert, und gegen halb Acht kommt Müller um die Ecke. Müller, ein einjähriger Schäferhundmischling mit wildem schwarzen Fell, wie verfilzte Tischtuchbommel hängen die Haare an ihm runter.

Eine Weile springen Frau Moll und Müller sich gegenseitig an, verspielten Bergziegen gleich, bis der junge Rüde plötzlich von Frau Moll ablässt und aufmüpfig Runden dreht auf der abendlich dahindämmernden Wiese. Schliesslich verlieren wir ihn aus den Augen. "MMMÜLLAAAH!!" ruft sein Frauchen besorgt, als ich hinter mir plötzlich ein Schnauben verspüre, und rumms!! rammt mir jemand seinen harten Sattel in den Schritt! Zack! Von hinten! Ich steh da. Verdattert, einen Tour de France- Rennsattel im Arsch.

"Ist das normal jetzt?" steigt meine Stimme in Frequenzen hoch, die sonst nur Tieren zugänglich ist.

"Irgendwo hat der Müller seine Schnauze immer drin!" giggelt sein Frauchen und packte ihn am Halsband. "Pfui, Müller! Das ist pfui!"

Das hätte man aber auch netter sagen können, hör mal!
3.1.18 17:47


Wieso bist du eigentlich nicht Chef von der Welt?

Der Typ ist etwa so alt wie ich und kurvt auf einem Tretroller herum, einem dieser Dinger, die vor Jahren populär waren, mittlerweile aber wieder aus dem Stadtbild verschwunden sind. Und wenn einem doch mal Tretroller begegnen, dann unter den Füßen von Kindern und Jugendlichen. Ausnahme: dieser Knabe um die fünfzig, der sein Käppi falschrum trägt.

Linie 683. Er steigt am Central zu, den Roller eingeklappt. Der Bus ist knackevoll, kein Sitzplatz frei. Nur in der Mitte, wo Kombikinderwagen, Sport-Buggys und die Doppelwagen schlechtgelaunter Postboten abgestellt sind, ist noch etwas Platz, wenn auch nur zum Stehen. Der Tretrollertyp quetscht sich zu mir durch, als wäre ich sein erklärtes Ziel, und lacht herzlich.

„Was soll ich groß zu Fuß zu gehen, wa!“

„Hm“, sag ich. „Sicher.“

„Ist ein Cityroller. Mein kleiner Scooter.“

Hallo Scooter. Ich wusste ja gar nicht, dass wir Freunde sind, dein Herrchen und ich. Neben uns drängeln sich zwei Frauen an den Halteschlaufen. Eine hat rotes Haar und schwärmt von diesem total süßen kleinen Thailänder in Elberfeld, wo sie gestern Abend zum Essen eingeladen war.

„Aber so was von tootal lecker! Der Koch war am Singen in der Küche, konnte man bis an unseren Tisch hören! So Opern! So Arien! Das einzige, was störte, war Schloss Neuschwanstein an der Wand. Ich meine, bei einem Thai, also ehrlich! Geht gar nicht! Das Essen war so scharf, ich musste mir ein neues T-Shirt anziehen auf der Toilette. Aber so was von tootal leeckah!“

In Elberfeld, Calvinstrasse, erste links. (Für Interessenten.)

Kurz darauf gibt es einen lauten Knall, oben am Wasserturm, der Bus stoppt. Auf dem Fahrzeugdach hat sich eine der Stangen gelöst, mit denen der Strom von der Oberleitung abgenommen wird. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Fahrer schaltet auf Batteriebetrieb und kriecht den Rest der Strecke mit 30 Stundenkilometern durch den Verkehr, oder er zieht sich Arbeitshandschuhe an und führt die sechs Meter lange Stange wieder ans Stromnetz heran. Er entscheidet sich für Arbeitshandschuhe. Ein Aufatmen schwappt durch die Reihen. Niemand will Batteriebetrieb. Niemand will mit 30 Stukkis durch die Lokalgeschichte zuckeln. Niemand will Zeit geschenkt haben zur unfreien Verfügung.

Funkverkehr ist zu hören.

„Hier Linie 3 Richtung Graf-Wilhelm Platz. Hab eben die Stange verloren, weil die 2 die Weiche nicht umgestellt hat. Da schreiben wir noch eine Meldung drüber.“

„Das alte Schwein“, lacht der Tretrollertyp, er steht so nah, ich rieche sein Frühstück, „hat der seine Stange verloren.“

Nachdem die Stromversorgung wieder gesichert ist, fahren wir bis zum Grafen und steigen gemeinsam aus. Er muss zur Sparkasse, ich auch, wir bleiben auf ein Viertelstündchen vor der Hauptfiliale stehen. Wenn ich jemand kennenlerne, lasse ich ihn reden, ich höre mir erstmal an, mit wem ich es zu tun hab. Dahinter steckt weniger Strategie als die Angewohnheit, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Eingreifen ist was für Macher, ich bin ein Lasser. Eine halbwegs funktionierende Gesellschaft setzt sich paritätisch aus Machern und Lassern zusammen, und darüber hinaus wird jede Person speziell zusammengestellt für ihr eigenes Leben.

Es ist ja so heutzutage: Viele Leute, nein, die meisten Leute können nicht gut zuhören, weil sie dauernd Dinge im Kopf haben, die sie selber sagen wollen. Sie formulieren schon im Kopf, was sie gleich sagen werden, sobald sich im Gespräch eine erste Pause auftut. Ich habe meist nicht viel im Kopf, was ich zu sagen hätte, das ist ein Vorteil. Wenn ich doch mal was zu sagen habe, schreibe ich es auf und gebe es jemandem zu lesen.

(„Ehrlich gesagt, ich kapiere oft kein Wort von dem, was ich so alles denke am Tag. Am liebsten würde ich den Stimmen, die mich dauernd zuquatschen im Kopf, zurufen: MAUL HALTEN!“ – Die Gräfin)

Wenn ich nicht gerade einen schlechten Tag erwische, schenke ich jedem Menschen, dem ich begegne, eine Viertelstunde. Ich staune immer wieder, was so alles in eine Viertelstunde reinpasst aus dem Graubereich zwischen den beiden großen Eckdaten unseres Daseins, zwischen Leben und Tod: Variationen von Wahrheit sowie Autounfälle, Skiunfälle, Unfälle. Ein Leben in Unfällen in 15 Minuten.

Dass in Zukunft jeder 15 Minuten weltberühmt sein wird, wusste schon Warhol. Dass aber Nahrungswissenschaftler nachgewiesen haben, dass der Mensch nach einer Viertelstunde satt ist, egal, was und welche Mengen er vertilgt – das ist neu. Eine Viertelstunde reicht, um unseren Hunger zu stillen, eine Viertelstunde ist die Zeitspanne, die uns sättigt.

„Nach dem Essen ist man erstmal eine Weile blöd. Etwa eine Viertelstunde lang. Weil der ganze Körper mit Verdauen beschäftigt ist, auch das Gehirn.“ (Die Gräfin).

Der Tretrollermann, Baujahr 60, geschieden, hat einen 16jährigen Sohn und berufsmäßig zuletzt in Holz-Pellets gemacht, bevor der Unfall geschah.

„Bevor mich der Pole überfahren hat.“

„Ein Pole? In Polen?“

„Nee, unten an den Schwarzen Pfählen. Ich hatte die Beine mehrfach gebrochen, die Hüfte gequetscht, ich war zwei Monate im Krankenhaus. Seitdem bin ich Frührentner, zu hundert Prozent. Willst du meinen Schwerbehindertenausweis sehen?“

Unter Freunden? Nicht nötig. Er war mit dem Motorrad unterwegs an diesem Tag vor vier Jahren, als ein Pole ohne Führerschein ihm die Vorfahrt nahm in einem gestohlenen Wagen.

„Zwei Jahre vorher hatte ich meiner Frau ein Haus gebaut. Ich baue nie wieder ein Haus mit Keller, Fußbodenheizung reicht. Einen Keller bauen, nur damit die Frau keine kalten Füße kriegt, ich glaub, ich spinne. Nee, die nächste Frau kriegt Fußbodenheizung, das muss reichen. Ich reiss mir für keine Frau der Welt mehr den Arsch auf, nur damit der Tante nicht fußkalt ist. Nach dem Unfall hat es kein halbes Jahr gedauert, ich musste noch mal ins Krankenhaus wegen dem Bein, da lernt sie diesen Kerl kennen, diesen Doktor Doktor. Soll ich dir was sagen? Der freut sich heute noch über mein Haus. Der lacht heute noch über mich.“

„Wie? Wohnt der da?“

„Ja klar wohnen die da!“

Erst denk ich, oha, jetzt wird aber einer sauer, denn Grund dazu, sauer zu sein, hätte er. Das sind die schwierigen Momente für jeden professionellen Zuhörer. Es ist, als würde man einen Film gucken, wo man genau weiß, was als nächstes kommt, aber umschalten geht nicht, weil man im Kino sitzt. Und tatsächlich zieht er kurz und heftig vom Leder, („Was wir Männer heute alles sein müssen! Wir müssen Ficker sein, Papa, Mama, Geschäftsführer, Prokurist, LKW-Fahrer, Pilot, Flugkapitän.. und wenn man morgens aufwacht, was sagt die Frau als erstes? Na, bist du endlich Chef!? Hast du’s endlich geschafft? Warum bist du eigentlich nicht Chef von der Welt!?“)

Aber er fängt sich schnell wieder. Es leuchtet sportlich in seinen Augen, als er von seinem fünfzehn Jahre älteren Bruder erzählt, einem Unternehmer in Bolivien, im Hochland, so richtig mit Pferderanch und Kaffeeplantage, ein gemachter Mann: vier Betriebe, vierzig Mitarbeiter, viertausend Stück Vieh.

„Warum gehst du nicht auch nach Bolivien? Zu deinem Bruder?“

„War ich doch schon! Schon vier mal!“

„Na ja, ich mein, richtig da leben. Kannst du doch auf der Ranch deines Bruders arbeiten. Nicht nur Urlaub machen. Richtig da leben.“

„Mach ich doch vielleicht! Nächsten Sommer fliegt erstmal mein Sohn rüber.“

Da Ende des Monats ist, schleicht eine Menge Gesindel vor der Sparkasse herum. Abwechselnd verschwindet einer in der Filiale und schiebt die Karte in den Kontoauszugsdrucker, um zu schauen, ob Kohle schon drauf ist. Eine Menge übler Laune und verdruckster Sozialbilanzen schleicht Ende des Monats in den Innenstädten herum. Es mieft nach nicht gewechselter Wäsche, nach fehlenden Zähnen und billigem Essen. Ganze Gesichtsbereiche sind wie verödet.

„Vor dem Unfall mit dem Polen bin ich jedes Wochenende Motorrad gefahren, alle Rennserien. Ich hab ein ganzes Zimmer voller Pokale. Sogar in der alten DDR hab ich 1989 noch einen Silberteller geholt, 2. Platz unter fünfzig Fahrern. Und zuletzt war ich in Schottland, Quad fahren. Mein Motorrad war mein Leben.“

Vor der Sparkasse macht er den Scooter startklar. Drei schnelle Handgriffe. Klapp, klapp, klapp.

„Am schönsten war meine Weltreise 1982, AROUND THE WORLD. Ich hatte ein Weltticket für dreitausendzweihundert Mark, damit konnte ich jedes Flugzeug besteigen, ein Jahr lang, weltweit. Ich war in Amerika, Australien, Asien. Und wenn ich Asien sage, mein ich nicht Thailand, sondern Indonesien. Die Inseln. Das ist für mich Asien.“

Zuletzt flog er in die Südsee.

„Bora Bora.“

„Bora Bora..?“ sag ich. „Woher kenn ich das denn nochmal…? Ist das nicht die Insel, auf der Die Meurerei auf der Bounty gedreht wurde? Mit Marlon Brando?“

Er trägt seine College-Kappe falschrum aufgesetzt, Blue Jeans, hat gute Zähne. Sein Gang ist beschädigt, vom Unfall mit einem Polen an den Schwarzen Pfählen. Die Hüfte steht ein Stück weit heraus, wie eine Schublade, die klemmt, die nicht mehr richtig zugeht.

„Kann sein. Ist bei Tahiti, Bora Bora“, sagt er.

„Ja, mit Marlon Brando.“ Jetzt laufe ich zu Form auf. Vielleicht keine Bestform, aber immerhin, jetzt bin ich mal im Erzählgeschäft – ein, zwei Sätze lang buttere ich meine Sozialbilanz.

„Der hat doch bei den Dreharbeiten so ne Eingeborne kennengelernt und später geheiratet. War das nicht auf Bora Bora?“

Er schüttelt den Kopf. Keine Ahnung, sagt die Geste.

„Solange es irgendwie geht, flitzen Scooter und ich durch die Gegend. Ich muss nicht mehr in die grosse weite Welt, in der großen weiten Welt war ich schon.. So, machs gut. Schönen Tag noch, wa.“

Hm.

Ich schätze, das war ne andere Insel. Das war nicht Bora Bora. Oder? Ist doch egal. Wen juckt's.

„Ist Kohle schon drauf?“ frag ich den Deutsch-Russen, der gerade aus der Sparkassenfiliale kommt. Eine Figur mit einer eigentümlichen Narbe im Gesicht, wie ein Fähnchen. Ich hab mich immer gefragt, von welcher Art Unfall solch eine Narbe stammen könnte, bis mich eine Landsfrau von ihm eines Tages aufklärte. Die Narbe wurde ihm im Knast zugefügt, es ist ein Zeichen, das unter Russen besondere Bedeutung hat: ich bin ein Zinker. Eine Hafenratte. Ich hab Kameraden verpfiffen. Ich bin mit Vorsicht zu genießen. Man darf mich töten.

„Nee. Is noch keine Kohle drauf.“

Na super. Da kann ich auch genauso gut nach Hause gehen.
1.1.18 14:19


Das Weihnachtskegeln

Die Weihnachtsfeier fiel flach dieses Jahr. Stattdessen gingen wir Freitagmittags eine Runde Kegeln, einen Tag vor Heiligabend. Wir, das waren die drei männlichen und die drei weiblichen Mitarbeiter unseres kleinen ambitionierten Design-Instituts.

Als wir die Kegelbahn im Keller des jugoslawischen Restaurants betraten, fühlte ich mich, als wäre die Zeit stehen geblieben, und zwar 1975. Da waren die gleichen schlammfarbenen Schiebetüren, da war der gleiche Nippes und Klimbim in den blinden Glasvitrinen wie auf der Kegelbahn im Vereinsheim des RSV Kohlfurth, wo ich als Bursche zehn Jahre lang gekickt hatte. Selbst der Silberpokal für Platz 4 beim Kegelturnier in Schaffhausen kam mir irgendwie bekannt vor. Ich nahm ihn in die Hand, blies den Staub fort und untersuchte ihn näher. Dann stellte ich ihn zurück.

Auch ein gerahmtes Familienfoto aus verblichenen Tagen tat es mir an. Es zeigte die Eltern des jetzigen Inhabers, die aus Dubrovnik nach Deutschland eingewandert waren und voller Hoffnung und Naivität in die Zukunft blickten. Ich sah mich um. Was ich sah, war eine Kegelbahn. Eine Staubbude. Cevapcici und saurer Biergeruch. Da hörte ich es. Die Querflöte des Kung Fu: Im Hintergrund lief Kung Fu Fighting an, Carl Douglas. Sofort pfiff jeder den Song mit. Uh. Ah. Here comes da big boss.

Wir waren also im Jahr 1974.

“Was darf ich schon mal zu trinken bringen?”

Der Wirt, gleichzeitig auch Chef-Koch der Spelunke, bisschen dick, bisschen schmuddelig, bisschen unhöflich, (“mir sind Stammgäste lieber”, sagte sein abweisender Blick), baute sich vor uns auf, den Stift in der Hand. Während die Kollegen schon bestellten, schwankte ich noch zwischen Cola und Kaffee, jedenfalls keinen Alkohol. Alkohol deprimierte mich nur noch. Ich trank keinen Alkohol mehr. Ich kam nicht mehr klar mit Alkohol. Na klar hätte ich mir gern noch mal richtig einen gezwitschert, aber was nicht ging, ging nicht – hier war die Brechstange keine Option.

„Komm, ein Bierchen trinkst du mit“, versuchte mich unser Maschinenbauer zu überreden, doch was wusste der schon. Leute mit Bierbauch wissen grundsätzlich nichts von Alkohol.

Grundsätzlich tendierte ich um diese Uhrzeit zu einer Tasse starkem Kaffee, doch ich erinnerte mich dunkel an die schlimme Brühe, die anno 1974 im Vereinslokal des RSV Kohlfurth aus Thermoskannen ausgeschenkt wurde. Sicherheitshalber erkundigte ich mich also beim Wirt, welchen Kaffee er führte. Meine Anfrage brachte ihn dermaßen aus dem Konzept, dass der Stift in seiner Hand hin und herzappelte, wie ein nervöses Kasperle.

“Ich hab äh Capuccino, ich hab.. Latte Macchiato, ich hab Cafe.. Latte, ich hab Espresso, ich.. hab..”

Ich winkte ab. Das wollte ich alles gar nicht wissen. Ich hatte nur Schiss vor deutschem Pulverkaffee, das war alles.

“Na schön. Ich hätt gern italienischen Kaffee”, sagte ich,
"aber ohne so cremigen Schaum obendrauf.”

“Ohne so cremigen.. Schaum..?”

Nicht nur der Wirt schien verblüfft, auch unser Geschäftsführer, ein sportlicher und eher verbindlicher Typ, der keinen Zwist mochte, mischte sich ein.

“Italienischer Kaffee hat doch immer Schaum obenauf..”

“Quatsch, aber nicht bei uns zu Hause“, sagte ich, und fügte für die Allgemeinheit an: „Wir trinken zuhause Espresso.”

“Espresso?” Der Wirt war wieder im Spiel. “Ich kann Ihnen einen Espresso bringen, einen zweifachen, einen dreifachen, wie Sie mögen.. Wir haben das Aufschäumsystem von de Longhi.”

De Longhi. Ich wollte kein perfektes Aufschäumsystem, ich wollte kernigen Männerkaffee, ich wollte italienisches Brusthaar, das einem oben aus dem Hemd quillt und in der Nase kitzelt mit all seinem Testosteron, verdammt.

“Schön”, sagte ich. “Dann Espresso. Aber ohne Automaten-Schaum.”

“Ohne Automaten-Schaum?”

Das Gesicht des Geschäftsführers, er saß mir schräg gegenüber, verzog sich gefährlich, und damit ich im Kollegenkreis nicht wie ein verdammter Korinthenkacker dastand, ging ich etwas ins Detail.

Super Idee.

“Zuhause machen wir unseren Espresso in Edelstahlkännchen, die man einfach auf die Herdplatte stellt und aufkochen lässt, ihr wisst schon, die Espressokocher, der Design-Klassiker.. aus Italien.”

“Natürlich”, beeilte sich der Geschäftsführer, „die.. äh Edelstahlkännchen.“

Das Wort Design-Klassiker aus meinem Mund verunsicherte ihn. Ich hatte ihn schon einmal ungewollt bloßgestellt, als ich in der erweiterten Montags-Runde den Klassiker von Afri-Cola erwähnte, die in der Mitte eingedellte kleine Pfandflasche, von der er, wie sich herausstellte, keine Ahnung hatte. Seither war er schwer auf der Hut, wenn ich bei irgendeiner Gelegenheit einen Design-Klassiker ansprach. Als hätte ich nichts besseres zu tun gehabt, als meinen Chef in die Pfanne zu hauen. War mir doch egal. Ich wusste zufällig ein paar Dinge und hatte keine Lust, damit hinterm Berg zu halten, nur um unseren ahnungslosen Geschäftsführer nicht bloßzustellen. So kollegial nach oben buckelnd war ich nicht.

“Hat der Kaffee denn bei deinen.. Design-Kännchen keinen Schaum obenauf..?” mischte sich die Hofmann ein, unsere Sekretärin.

“Nee, eben nicht“, sagte ich.“ Keine Schaumkrone. Deswegen ist er ja so lecker. Schwarz, stark, lecker. Kein Schaum.”

Der Wirt stand immer noch da, den Block in der Hand, verwirrt und zunehmend genervt, bis unser Maschinenbauer, ein hellwacher Kollege mit ordentlicher Plauze, der zum 31. 12. gekündigt hatte, die Situation erfasste und mich aus der selbstgestellten Falle befreite.

“Wissen Sie was..?! Bringen Sie dem Mann hier den Kaffee so, wie er ihn zu Hause trinkt!”

“Danke”, sagte ich erschöpft. „Und ein Bier.“

„Kölsch oder Alt?“

„Nee. War nur Spaß. Kein Bier. Nur Kaffee.“

Ich bekam einen dreistöckigen Espresso, und der schmeckte sogar richtig gut. Stark, schwarz, aromatisch. Heiss. Vierstöckig beinah.

Als der Wirt in meine Nähe trat, um die Getränke abzustellen, liess er seinen Achselgeruch zurück: ein bisschen süßlich roch es, wie verstaubte alte Bücher. Echte Schmöker. Sofort gewann er meine Sympathie. Na ja, sagen wir, meine Antipathie schwand.

Wir begannen mit dem Kegeln. Wir spielten Fuchsjagd, Tag & Nacht, In die Vollen und zwischendurch eine Runde Abräumen.

Beatrix, die diplomierte Designerin, eine große und sehr schlanke Person, die kurz zuvor ein Projekt für einen namhaften Düsseldorfer Waschmittel-Hersteller abgeschlossen und damit dem Institut ordentlich Kohle in die Kassen gespült hatte, rief jedes Mal fröhlich “KACK-STUUUHL!”, wenn jemand fünf Kegel umwarf und das Bild auf der elektronischen Anzeigetafel einem WC-Sitz ähnelte.
„KACK-STUUUHL, KACK-STUUUHL!“

„Wie im Kindergarten“, flüsterte die Hofmann, unsere Sekretärin, und ich sagte, „Ja, wieso nicht, ist doch gut, Kindergarten. Oder nicht?“

Unsere Praktikantin, eine eher unscheinbares Mädel, fiel auch beim Kegeln nicht weiter auf. Als der Wirt die Essensbestellung aufnahm, entschied sie sich für ein Schnitzel Jutta. Ihre Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau, und somit auch ihr Praktikum, endete zum 31. Dezember.

Das Schnitzel Jutta wurde mit Ananas gereicht.

Außerdem hatte sie einen Freund, der sie regelmäßig mit dem Moped vom Institut abholte und dabei frech hupte.

„Kackfrech sogar“, präzisierte Beatrix, unsere Top-Designerin.

Ich saß zwischen unserem Maschinenbauer, dem Dipl. Ing. mit Plauze, und unserer Sekretärin Frau Hofmann, die zum 2. Januar eine neue Stelle antrat. Da sie nicht nur eine große Klappe, sondern auch eine chronische Sehnenscheidentzündung hatte, kegelte sie aus beiden Händen. Sie trampelte einige Schritte geradeaus und liess die Kugel einfach auf den Boden plumpsen, in der Hoffnung, das sie schon irgendwie ins Rollen kam. Das ganze wirkte, als würde eine ungelenke Antilope im Stehen gebären. Merkwürdigerweise klappte das jedoch ganz gut, die Kugel polterte schwerfällig über die Bahn und sie räumte mehrfach alle Neune ab.

„Mann, ist die plump“, flüsterte der Maschinenbauer.

„Ja, aber gut“, sagte ich.

Unser Geschäftsführer hatte, genau wie ich, trotz ausdrücklicher Aufforderung keine Turnschuhe mitgebracht, und da das Kegeln in Straßenschuhen strengstens untersagt war, schlüpfte er jedes Mal lässig aus seinen Lederslippern, wenn er an der Reihe war, und kegelte auf Strümpfen. Er trug Sommersöckchen.

„So, jetzt ist Papa dran.“

Er nahm so schwungvoll Anlauf wie für einen Schmetterschlag beim Volleyball, stoppte aber kurz vor der Bahn ab und setzte die Kugel volles Rohr in die Gosse. Es war nicht zu fassen, aber auf diese Weise schaffte er tatsächlich acht Pudel hintereinander. Er war auf eine begnadete Weise unbelehrbar. Er lernte einfach nicht dazu, er nahm keine Korrekturen vor, weder beim schwungvollen Anlauf noch beim Aufsetzen der Kugel auf die Bahn, doch immerhin bekam er rote Bäckchen von der sauerstoffarmen Kellerluft und gewann somit wieder. Etwas Mitgefühl. Wenigstens das.

“Sieht ja kess aus!” sprang ihm die Hofmann schadenfroh zur Seite. Eine widersprüchliche Person. Stand man mit ihr fünf Minuten an der Luft, bekam ihre Haut diesen knackbraunen Mittelmeer-Teint. Doch sie vermied Sonnenlicht, wo sie nur konnte. Mit dem kuriosen Ergebnis, besonders im Hochsommer: das Gesicht Mallorca, die Beine Helsinki. Spanisch-finnische Freundschaftswochen, das war die Hofmann. Und eine verdammt große Fresse.

Links neben mir, ich erwähnte es bereits, saß unser Maschinenbauer, der Mann mit der Plauze. Er war bereits eine Stunde vor uns allen auf der Bahn eingetroffen, um sich einzuwerfen und Bier zu trinken. Trotz seines stattlichen Bauches war er gelenkig und ehrgeizig. Der typische deutsche Amateur-Meister. Er wollte gewinnen, immerzu, egal wobei, egal gegen wen. Ob bei Mensch ärgere dich nicht oder bei Poker. Aber das ging in Ordnung. Damit konnte ich umgehen.

Was mich betraf, den Bibliothekar des Instituts, das Kelllerkind, so sollte mein zweiter Jahresvertrag sechs Wochen später enden, am 31. Januar. Eine weitere Vertragsverlängerung war ausgeschlossen. Mein Projekt, die Archivierung und Katalogisierung von über zehntausend Fachbüchern und Zeitschriften, Schenkung eines emeritierten Wuppertaler Design-Professors, war abgeschlossen. Ich lungerte meist nur noch am Rechner herum und schrieb für meinen Internet-Blog 500beine.

Wir spielten Abräumen.

Abräumen war die einfachste Kegel-Variante, sie löste die beste Stimmung aus. Mit einem letzten guten Wurf hätte ich die Runde für mich entschieden. Beatrix, die hochgewachsene schlanke Diplom-Designerin, sprang von ihrem Stuhl hoch und rief: “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” Sie wollte mich nervös machen, damit ich einen Pudel warf.

HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN! kam im Kollegenkreis so gut an, dass sich ein spontaner Betriebs-Chor bildete. “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” schallte es über die Holzbahn, “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!”, so laut, dass der Wirt nachschauen kam, ob alles in Ordnung war. Ich sang bravourös eine Strophe des Refrains mit und warf eine lausige “4″, worauf ich das Abräumen auf den letzten Drücker verlor. Das kriegte aber kaum jemand mit, da in diesem Augenblick das Essen serviert wurde.

Ich war nicht besonders hungrig und begnügte mich, glücklicherweise, mit einer hausgemachten Gulaschsuppe. Glücklicherweise, weil hausgemacht vermutlich bedeutete, dass die Gulaschsuppe einem Chemie-Haushalt entstammte, das Fleisch schmeckte jedenfalls verdächtig nach Brom, und es sah auch so aus. Auch wenn niemand mit Bestimmtheit sagen konnte, wie Brom schmeckte oder aussah.

Nicht wie Brombeere vermutlich, wieherte unser Dipl. Ing. mit vollem Mund. Hier, nimm einen Schluck Bier.

Meine Portion war überschaubar. Die Kollegen hatten nicht so viel Massel. Sie waren hungrig gewesen bei der Bestellung und hatten stattliche Teller auf dem Tisch, die abgearbeitet werden wollten. Doch während des Essens war nicht ein einziges Mal ein “miam” oder “lecker” oder wenigstens ein kleines anerkennendes Grunzen zu hören, nichts, gar nichts. Nur genervtes Kauen und leises Spucken.
Selbst die Hofmann, die den Jugo an der Stadtgrenze wärmstens empfohlen hatte, (wegen der angeblich hausgemachten Kroketten, die einfach großartig sein sollten, meisterhaft geradezu), schob den dreiviertel vollen Teller schweigend von sich weg. So weit weg wie möglich. Der Tisch konnte kaum groß genug sein, um den Teller wegzuschieben. Noch ein Stückchen, und es hätte gescheppert.

Der Chef hatte Jäger-Schnitzel genommen, doch es schmeckte, Achtung Wortlaut: „als wäre der Jäger mit dem Hosenlatz am Drahtzaun hängengeblieben.“

Die Nase richtig voll von dem ganzen Fraß hatte Beatrix, die lustlos im Vegetarischen Lady-Teller mit verschiedenen Gemüsen herumstocherte. Mit der Gabel zog sie ein großes undefinierbares lappiges Etwas in die Höhe.

“Also, was das hier Schönes sein soll.. weiß ich beim besten Willen nicht. Und der Spinat.. ist aufgewärmt, viel zu bitter.” Einzig die Erbsen und Möhrchen fanden noch ihre Gnade. “Aber die sind auch aus der Dose. Da kann man ja nichts falsch machen.”

Sie war es schliesslich auch, die mir gegen Ende der dreistündigen Veranstaltung einen Bierdeckel rüberschob, damit ich den Spruch des Tages nicht vergaß und in meine nächste Story einarbeiten konnte.

Herr Glumm, stand da in Schönschrift, soll der Looser sein.

“Och, guck mal, Loser mit zwei o”, sagte ich mit einem schnellen Blick auf den Bierdeckel.

Die Hofmann sah mich an, als hätte ich sie nicht mehr alle. “Na, das schreibt man ja auch mit zwei o! Looser! Das stimmt ja auch!”

“Quatsch. Loser schreibt man mit einem o.”

Die Sekretärin war sofort auf 180. Das war so ihre Art. Immer auf Sturm, ihr Barometer. Ich mochte sie trotzdem gern. Sie machte keine Mördergrube, wie man so schön sagt, aus ihrem Herzen. Eher eine Schreibude.

“Du willst mir erzählen”, rief sie aufgebracht, “wie man Looser schreibt?!”

Sie spielte auf ihre Jugend im englischsprachigen Nigeria an, wohin es ihren Vater in den 60er Jahren berufsbedingt verschlagen hatte, mit der ganzen Familie. Seither fühlte sie sich als eine Native Speakerin, der man nichts vormachen konnte.

„Speakerin, ja, mag schon sein“, sagte ich, „doch ich weiß nun mal, wie man Loser schreibt. Kann ich auch nichts dafür. Es gibt ein to loose mit doppel o, stimmt, das bedeutet aber etwas anderes als to lose mit einem o..”

“Nämlich??”

“Weiß nicht. Komm ich jetzt nicht drauf.”

“Quatsch!” Die Sekretärin giftete, sie speite. Sie hatte ihre Betriebstemperatur erreicht. Es gärte und kloakte in ihr. Sie konnte großkotzig sein wie ein überladenes Containerschiff. “Looser schreibt man so, wie es hier auf dem Bierdeckel steht! Mit doppel o!! Und nicht anders! Blödmann!”

Beatrix dagegen, die mir den Bierdeckel rübergereicht hatte, war sich plötzlich nicht mehr sicher.

“Ich hab Looser zwar mit doppel-o geschrieben, aber irgendwie guckt es mich komisch an.. Also, ich weiß nicht genau. Vielleicht wird Loser auch mit einem o geschrieben..”

Die Praktikantin, von der plötzlichen Vehemenz der Auseinandersetzung aufgeschreckt, erhob sich, lief umher, setzte sich wieder, knabberte unsicher an den Fingernägeln. Sie war die Einzige, die Glück gehabt hatte, mit ihrem Schnitzel Jutta.

“Ich glaube, to lose schreibt man mit einem o, aber Looser mit zwei o”, wisperte sie, doch niemand hörte hin.

Der Geschäftsführer hielt sich überraschenderweise ganz raus. Auch der Maschinenbauer, links neben mir, bildete sich erstmal keine Meinung, rief aber “IST DOCH EGAL! HAUPTSACHE, HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN, OB MIT EINEM ODER ZWEI O!” Das ganze verband er mit einem kollegialen Klaps auf meine Schulter.

In zwei Jahren Zusammenarbeit hatten wir gemeinsam einen Riesenhaufen Zigaretten verqualmt, im Hof vor der Bibliothek. Das verband uns. Wir waren die Köhler des Instituts. Schnalzend forderte der Maschinenbauer die Hofmann auf, die Sache mit mir im Ring zu klären, und zwar mit einer Runde Schlammcatchen.

Was wiederum die Hofmann aufmüpfig werden ließ.

“Loser mit einem o, so ein.. Blödsinn! So was Stumpfsinniges! Könnt ihr ja im Internet nachgucken. Ich bin mir hundertprozentig sicher! Mit doppelt o!”

“Man soll sich niemals zu sicher sein”, antwortete ich mit einer eiskalten Entschiedenheit, die mich allerdings für einen Moment selbst verunsicherte, wie gewisse Dinge geschrieben werden, oder eben nicht.

“Mir reicht’s!”

Beatrix, unsere Top-Designerin, schnappte sich ihr Handy und stapfte die Treppe hinauf Richtung Gastraum. Sie gab kund, irgendwo anrufen zu wollen. Die Sache zu klären. Im Internet. Und unten auf der Kegelbahn bekam sie nun mal kein Netz. Als sie kurz darauf zurückkehrte, wurde sie mit Klopfen und ansteigendem Kegelbahnblöken empfangen.

“TA! TA!” gurrte sie feierlich und bildete mit Mittelfinger und Daumen ein kleines o. “Loser schreibt man definitiv mit einem o. Herr Glumm hat recht.”

“Sag ich doch”, sagte ich doch.

“Glaub ich trotzdem nicht!”

Die Hofmann bemühte sich, weder kleinlaut noch trotzig zu klingen. Das klappte nicht. Der Trotz stand ihr so dick im Mund, als hätte sie auf eine Zyankalikapsel gebissen. Wir warteten auf ihr Hinscheiden. Das klappte auch nicht. Die Hofmann war ja an sich nicht uncool. Sie war es auch gewesen, die eines schönen Tages das gleichzeitige DU und HERR im Institut eingeführt hatte, eine doppelbödige Anrede, die nur für mich galt.

Du, Herr Glumm, sagte sie immer.

Ich mochte sie irgendwie. Sie war in Ordnung. Sie brachte mich zum lachen. Einmal meinte sie, mein Schnupfen würde genauso klingen, wie wenn der Drucker Papierstau hat. Ich hatte also nichts gegen sie. Und ich war auch nicht sonderlich rechthaberisch, was nun den Loser betraf und wie man das Wort schrieb und wie nicht. War doch nicht so wichtig.

Was die Belegschaft aber nicht wusste - weil ich vermutlich in der instituteigenen Hierarchie zu weit abgeschlagen war, um genug Interesse auf mich zu ziehen: ich war weder Loser noch Looser. Nein, ich war ein Loner. Ich war der poor lonesome cowboy and a long way from home, aus dem Lucky Luke-Heft. Ich war der Mann mit dem n in der Mitte.

Gestatten, Glumm. Loner.
25.12.17 11:04


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