Mal angenommen...

Nur mal angenommen, jedem Erdenbürger stünde im Leben laut Andy Warhols Definition 15 Minuten RUHM zu, würde sich das bei zur Zeit rund 8 Milliarden Erdenbürgern auf summasummarum 120 Milliarden Minuten GESAMT-RUHM addieren. Jedenfalls, wenn man die Ansprüche aller zur Zeit lebenden Menschen hintereinander abfeierte, wie bei einer sehr langen, sehr anstrengenden, zuletzt explodierenden Nummernrevue. Fragt sich nur, wann ich (Tünnes) an der Reihe bin. Kann also vielleicht mal jemand diese 120 Milliarden Minuten Gesamtruhm auf Jahre, Monate, Tage, Stunden runterbrechen, um zu klären, wann der Einzelne, in diesem Fall: ICH, an der Reihe ist mit Dransein und eine Viertelstunde lang auf den Schultern getragen wird, besungen und allgemein abgefeiert?! Und bis dahin würde ich mich gern eine Runde aufs Ohr hauen. Auf die faule Haut legen. Rekeln. Damit, wenn ich meine fünfzehn Minuten Glorienschein bekomme, auch tatsächlich hochklassig abstrahle und ausgeschlafen rüberkomme. Nicht, dass ich am Ende noch verpenne, mein ich.

16.2.22 15:43, kommentieren

Du Monster in meinem Kopf! Tschüss 500beine!

Kommt rüber zu Glumm.

Danke für 13 Jahre Treue

1 Kommentar 19.6.18 11:11, kommentieren

Kein Unterschied

"Ich glaube, wenn der Mensch einmal etwas Schlimmes getan hat, ohne dafür je zur Rechenschaft gezogen worden zu sein, wenn er also, oberflächlich betrachtet, mit einer kriminellen Sache davongekommen ist, dann könnte es passieren, dass er sich daran gewöhnt, diese Dinge zu tun - zunächst nur ab und zu, dann immer wieder. Ein Wiederholungstäter. Das ist genau so, als gewöhne man sich daran, gute Dinge zu tun. Vielleicht schämt man sich zu Beginn ein bisschen, weil man sich eigentlich für einen guten Menschen hielt, doch das legt sich mit der Zeit. Der Unterschied zwischen gut und böse ist ohnehin nicht so groß, wie man vielleicht glauben mag."

- Die Gräfin -

1 Kommentar 12.6.18 07:41, kommentieren

Looking back over the years

Ist gut jetzt, Glumm. Es reicht langsam. Noch nicht ganz. Einen noch. Hier, der hier:

Alone again, Gilbert O'Sullivan

Es war der Rest der unschuldigen Zeiten, Mitte der Achtzigerjahre, später Biedermeier. Wenn wir uns ab und zu, sozusagen auf Käptn Zufall, wie der schöne Dirk es gern nannte, ein Briefchen Heroin besorgten - Bubbles gab es damals noch nicht - zogen Karlos und ich im Laufschritt nach Hause. Wir legten tatsächlich den Eilboten-Gang ein, wir kicherten wie die Schulmädchen, in Vorfreude auf die nächsten Stunden, die ins Haus standen, und mit jedem Schritt, den wir uns dem Zuhause näherten, wurden wir noch schneller.

Ich meine, wir hatten wirklich ein ziemliches Schoss raus, Karlos und ich. Als hätten wir ein Tütchen Puppenstuben-Heroin gekauft, um uns auf unsere Zeit als Junkie vorzubereiten. Auf all das, was da noch kommen sollte in späteren Jahren, ff.

Wir gingen grundsätzlich zu mir nach Hause zur Schillerstrasse. Zu Hause holte ich den Handspiegel aus dem Bad. Wir schütteten das braune Pulver aus, hackten und mörserten es mit Rasierklinge und Geldkarte bis es endlich fein genug war für die Nase, und zogen zwei lange Linien.

Während wir nun die Lines snieften, beobachteten wir uns im Spiegel. Ich dachte damals schon, Junge, hast du alte Haut um die Augen. Siehst du verbraucht aus. Da war ich 25. Was würde ich erst heute denken. Heute denke ich nichts mehr. Denken hat sich erledigt mit 57.

Mir wurde übel, wenn die Chemie die Kehle runterlief, bitter & warm & langsam ins Herz sickerte, es einpackte wie eine Scheibe Morphin beim Puppenstuben-Metzger. Ich legte Gilbert O’Sullivan auf. Zur Überbrückung, bis die Wirkung einsetzte. Das Album Big Hits, A-Seite, die erste Nummer. Immer nur die erste Nummer, immer zwei Mal hintereinander: Alone again.

Ein Ritual.

Oder dreimal. In meiner Erinnerung war stets Sommer, wenn wir uns ein Briefchen Heroin kauften und teilten, immer lief das sonderbar entspannte und altmodische Alone again und immer haben wir alles ausgekotzt, was es mittags bei den Eltern zu essen gegeben hatte. Scheiße, das Zeug ist doch viel zu stark, dachte ich. Zu stark für uns. Doch Gott in seiner Gnade gewährte uns freie Hand, so hatte er entschieden und wir nickten seine Entscheidung ab. What do we do. Dann eben Morphin. Am Ende zahlt man immer die Zeche, und zwar genau die, die man eigentlich prellen wollte. Wir lehnten uns zurück und harrten der Dinge.

1 Kommentar 11.5.18 14:08, kommentieren

Auf dem Koks-Run

"Du kannst mich mal an meinem klapprigen Hühnerarsch lecken!" meinte Selle gut gelaunt.

Er trug eine merkwürdige Cordhose mit Schlag und diese cognacfarbenen Lederslipper. Ich schaute sie mir genauer an.

"Was ist denn da los?" lachte ich. "Was soll das denn geben?"

Sein Onkel war plötzlich gestorben und hatte ihm einen Stapel Klamotten hinterlassen. Da beide von ähnlicher Statur waren, trug Selle sein Zeug nun auf, doch es handelte sich um Kleidung, die er sich selbst niemals gekauft hätte. Viel zu piefig. Das ist der Zwiespalt bei geschenkter Kleidung. Sie mag passen, doch in 99 % aller Fälle käme man selbst niemals auf die Idee, solch einen Mist zu kaufen. Einfach, weil man einen anderen Geschmack hat. Weil jeder andere Sachen gut findet.

Es waren insgesamt zwanzig Paar Schuhe, es waren Jacken, Reisestrümpfe, Chinos und Leinenhosen, Blousons, Designerjeans und eine Million Gürtel. Selle sah aus wie der kleine Gatsby an dem einen Tag und wie ein zürnender Hering am nächsten. Sein Outfit war nichts halbes und nichts ganzes.

"Ich seh voll kacke aus, wa?" strahlte er.

Er hatte etwas Nordisches an sich, mit seinem blaffend roten Haar. Er hatte gute Laune und erzählte von einem Kölner, mit dem er in Amsterdam die Nächte durchgekokst hatte.

"Das war der durchgeknallteste Koks-Junkie, den ich je kennengelernt hab. Wir teilten uns ein Zimmer in einer billigen Absteige und taten vierzehn Tage nichts anderes als uns zuzuballern. Er hatte diese coole Panama-Connection, das Koks war von 90prozentiger Reinheit, das ist heute gar nicht mehr vorstellbar. Jeder glaubt, ich binde ihm einen Bären auf, wenn ich das heute erzähle."

"Ein Kerl wie ein Schrank und voll okay. Nur wenn er sich Koks geschossen hatte, wenn er auf dem Koks-Run war, drehte er völlig ab. Dann zog er sich splitternackt aus, nur die Cowboystiefel behielt er an, und sagte Dinge wie, he, guck mal, da krabbeln tausend Würmer aus mir raus! Guck doch mal! Nee, das sind keine Würmer, versuchte ich ihn zu beruhigen, aber ich war selbst im Stress. Versuch mal ne intakte Vene zu finden, wenn du schussgeil bist auf dieses super-ungestreckte Amsterdam-Koks der Achtziger, und neben dir tickt ein Knabe wegen irgendwelcher Würmer aus, die es nur in seiner Einbildung gab."

"Der ließ nicht locker, der fing immer wieder von neuem an. Da ist jemand an der Tür! schrie er und schnappte sich sein Butterfly-Messer. Darin war er echt ein Meister, mit dem Butterfly-Messer konnte er umgehen wie ein Zirkus-Artist, das machte wirklich was her, wenn er da mit dem Messer hantierte. Er riss die Zimmertür auf und sprang auf den Gang, ein pudelnackter Kokser in Westernstiefeln, der mit dem Messer rumfuchtelte und wirres Zeugs schrie, Riese, war der durchgedreht, ich mein, der hatte das Limit wirklich überschritten."

"Eine halbe Stunde später mussten wir den Zug nach Köln kriegen. Wir hatten die letzte Kohle in diese zwei Tickets investiert, aber es musste dieser eine bestimmte Zug sein, den wir kriegen mussten, sonst wären die Tickets verfallen. Ich seh uns noch an der Gracht entlang stolpern, zugekokst bis unter die Schädeldecke, LOS, WIR MÜSSEN UNS BEEILEN am schreien, und der Irre in seinen Westernstiefeln, den Pimmel halb aus dem offenen Mantel fliegend.. Dass uns keiner verhaftet hat an diesem Tag, begreife ich bis heute nicht."

aus: IS OKAY, RIESE!

10.5.18 12:29, kommentieren

Hühnerklein



Angenommen, ich würde nicht rein zufällig in mir stecken, ich schätze, ich wäre so ein Typ, bei dem ich nicht wüsste, was man über ihn schreiben könnte. Doch ich stecke nun mal in mir, dem Herrgott sei Dank, also - Klappe auf, Einheimischer!

Und schreib.

*

Wer bei Sonnenschein mit seinem Hund unterwegs ist, kommt mit Leuten ins Gespräch, ob man will oder nicht. Es bleibt einem gar nichts anderes übrig. Bei regnerischem Wetter geschieht es auch, aber da bleiben die Leute nicht so lange stehen, da will jeder möglichst rasch heim und bei Facebook und Instagram und Wordpress darüber berichten, wie abenteuerlustig man Wind und Wetter getrotzt hat und wie frech die Wolken unterwegs sind, wenn sie gerade dabei sind abzuregnen.

Ein leichtfüßiger älterer Herr, den alle nur den Doktor nennen, weil er in jüngeren Jahren eine kleine internistische Praxis leitete, führt Karli an der Leine, seinen 10jährigen kleinen Terrier. Der Doktor hält sich vornehm zurück mit Ratschlägen für die Volksgesundheit und erzählt lieber von seinen Reisen rund um den Globus, als er jung gewesen war. Er war jung in China, er war jung in Amerika, er war jung in den 60ern, aber er war kein 68er, er war ein Doktor, ein Internist, der sich um Leber und Milz und andere innere Angelegenheiten kümmerte, "da war keine Zeit für Steinewerfen und Polizisten verdreschen", meint er naserümpfend.

Wenn der Doktor beim Spaziergang mit Karli leere Bierflaschen findet, "und man findet immer welche", sagt er, "jedenfalls wenn man sich um die Waldhygiene sorgt", dann sammelt er das Leergut ein und bringt es seiner Putzfrau mit.

"Da hat sie ein schönes Bierbrot", verspricht er sich, "na ähm Zubrot mein ich doch", da müssen wir alle zwei lachen.

Aber nicht so laut.

Eine Zeitlang regte sich Herr Doktor über die Hinterlassenschaften eines unbekannten Trinkers auf, der an einer ganz bestimmten Bank am Theegarten alle paar Tage eine leergesoffene Batterie kleiner Spirituosen zurückließ. Dass der Doktor sich so aufregte, lag vielleicht auch daran, dass die kleinen Ex-und Hopp-Fläschchen kein Pfand bringen, wenn man sie im Grünen einsammelt.

"Was für Fläschchen waren das? Underberg?" rate ich.

"Nee. Nicht Underberg.."

"Jägermeister?"

"Nee. Nicht Jägermeister."

"Jim Beam? Wurzelpeter? Jagdfürst?"

"Was..?"

"Boonekamp? Chantre?"

"Nein.."

Der Doktor blickt mich schräg an.

"Ja, in der Quengelzone kenne ich mich gut aus", sag ich. "Wenn ich an der Kasse stehe, lese ich immer Etiketten."

Interessiert den Doktor nicht die Bohne.

"Mensch, na, wie heißen die Dinger noch?! KLEINER FEIGLING! Genau!"

Jeden Morgen standen die Dinger auf der Bank, acht, neun, zehn Stück, wie Zinnsoldaten aufgereiht. Bis letzten Monat. Dann nicht mehr. Seither ist Sense.

"Ich hab den Schweinehund nie erwischt. Wahrscheinlich hat er sich totgesoffen, der Halunke."

Der Doktor bückt sich zu Leo nieder.

"Du bist ein ganz braver, ein ganz fleißiger, ja, Leon?"

Er hängt Leo stets ein n an und macht Leon daraus - na schön, warum auch nicht. Mir hat man qua Geburt sogar ein doppel M angehängt. Hab ich auch überlebt.

Aber es war schwer.

*

Dann ist da dieser andere Hundehalter, ungefähr mein Alter. Volles dunkles Haar, schwere Knochen - eines dieser Gesichter, das ich nicht wirklich einordnen kann. Eine Randfigur aus meiner Vergangenheit. Wir sind nie wirklich miteinander in Kontakt gewesen, dieser andere Hundehalter und ich, aber man kennt sich und grüßt sich vage. Ich habe keine Ahnung, was er macht, wie er sein Leben lebt, wie er heißt schon mal gar nicht. Blödmann wahrscheinlich.

Hat er Kinder, was arbeitet er, wäscht er sich ordentlich?

Er hat einen großen Schäferhundmischling namens Rocky. Rocky geht ein bisschen steifbeinig, wie ein Kamel.

"Der Bronko säuft drei Liter Wasser am Tag", sagt er. "Ich hab schon gedacht, der hat Zucker. War sogar bei der Tierärztin."

Ach. Ich dachte, der heißt Rocky.

"Und?"

"Nee, hat kein Zucker. Der säuft eben viel Wasser, hat die Tierärztin gesagt. Ist einfach ein Wassersäufer. Bronko läuft nicht nur wie ein Kamel, Bronko säuft auch wie ein Kamel."

Er mustert Leo.

"Neuer Hund? Du hast doch lange Zeit so einen Wuschel gehabt, oder nicht, du und deine Frau, oder nicht?"

"Ja, der ist tot. Frau Moll. Ist 13 geworden."

"Frau Moll! Genau!"

Er beguckt sich unseren neuen Hund. "Der sieht irgendwie goldig aus.. wie dieser Schlagersänger..", sagt er und blickt auf Leo nieder, der brav vor ihm sitzt, weil er sich ein Leckerchen verspricht. "Wie hieß der noch, von damals der.. wie hieß er noch, na.."

Wir überlegen ein bisschen.

"Katja Ebstein?" rate ich aus Spaß. "Underberg?"

"Nee, wie... Christian Anders! Also in Hund jetzt!"

Wir kommen ins Gespräch.

"Du hast doch früher im Kühlhaus gearbeitet, da unten in Kohlfurth", sagt er.

Dass er sich daran erinnert.

"Stimmt. Ist schon ewig her."

"Ich weiß, klar. In den Achtzigern. Ich hab euch Brüder damals genau im Blick gehabt, mit dem Fernglas, oben von der Hasseldelle aus. Ihr habt doch alle geschmuggelt."

Ich bin baff.

"Geschmuggelt? Wer..?"

"Na, ihr. Haschisch."

"Häh?"

"Ach komm, ihr habt doch mit dem Holländer Geschäfte gemacht. Wenn der Freitagabends Geflügel angeliefert hat, war doch unter den Kartons Haschisch versteckt.."

"Was..?? Blödsinn."

Er grient wie ein Krieger. Er fixiert mich.

"Komm, mir kannst du es sagen - ist doch schon ewig her. Ist doch schon verjährt."

"Was redest du da fürn Quatsch.. Obwohl, ich mein, das wäre ne Idee gewesen...", muss ich lachen. "Aber damit kommst du ein bisschen spät rüber, jetzt, nach all den Jahren."

Jeden Freitag gegen 17 Uhr kam der Tieflader aus Rotterdam an die Rampe gefahren, die Ladefläche voller Kartons mit Hühnerklein aus Vorderkappen und Rückenstücken und Hähnchenschenkeln und anderem Frischgeflügel, das bei uns eingefroren wurde. Klar hätte man da locker Haschisch und Marihuana drunterpacken können, unter die verschnürten Kartons - jede Menge sogar, logisch.

Oder Rohöl und Hafenratten.

"Ich hab euch jeden Freitagabend beobachtet von meinem Fenster aus.. Und ich hätte gewettet, dass ihr schmuggelt da unten", sagt er mit Schmand im Mundwinkel, so wie Psychos ihn entwickeln, die zu wenig Wasser trinken. Psychos trinken immer zu wenig Wasser, Wasser trinken bringt nichts, Wasser trinken ist lästig. Von Wassertrinken kriegt man kein inneres High.

Die Hunde stehen doof im Regen rum, auf der aufgeweichten Wiese. Zwischendurch laufen sie eine uninspirierte Runde durch den Schlamm, man hört Steuermarken klimpern. Ich frage mich, wie man bei Leo an Christian Anders denken kann - also in Hund jetzt! Christian Anders hatte langes weiches Haar, Leo weizenhartes Fell.

"Ich hab die Rente durch."

Der Typ hört nicht auf, mich zu überraschen. Alles, was er sagt, kommt aus heiterem Himmel, und er meint es todernst.

"Psychose", sagt er und die klebrige, weiße Schmandspur in seinem Mundwinkel zieht Fäden. "Ich hab drei Jahre durchgekifft. Als ich mit Theo zusammengewohnt hab. Der hat studiert und ich hab gekifft. Nach drei Jahren hab ich aufgehört zu kiffen, von einem Tag auf den anderen und bin voll abgedreht. Ich dachte, ich könnte andere Menschen manipulieren und son Scheiss. Könnte ihre Gedanken an-und ausknipsen wie ein Toaster. Tatsache. Zuletzt hab ich geglaubt, ich wär der Messias."

"Und?"

"Was, und?"

"Warst du Messias oder nicht?"

"Nee.."

"Hm. Merkt man dir aber nicht an. Ich mein, du machst einen ganz normalen Eindruck."

"Ich nehm Medikamente. Bin schon runterdosiert, aber so ganz ohne Pillen.. nee, das ist Scheisse. Das geht nicht. Ih brauch die Runden."

Es hat aufgehört zu regnen, für einen Moment. Man hört das Gras knispeln. Regenwürmer tauchen auf und gucken nach, ob die Luft rein ist.

"Schreibst du noch?" fragt er.

"Noch..? Wieso noch?"

Und wieso weiß der überhaupt, dass ich schreibe? Aber er geht nicht darauf ein, er sagt nicht, woher er davon weiß.

"Ich hab auch mal ein Expose geschrieben", sagt er, "für einen Film mit Götz George. Ist aber nie was draus geworden."

Leo legt sich zu meinen Füssen, mit einem Stöckchen zum Knabbern. Wenn Leo an einem Stöckchen knabbert, das er zwischen den Vorderpfoten hält, sieht es aus, als habe er ein Eis im Hörnchen in Arbeit. Als Rocky nun dazu kommt und was abhaben möchte, wird er verbellt.

"Der heisst nicht Rocky..!" sagt der Typ verärgert.

"Ach so, ja."

Hab seinen Namen schon wieder vergessen.

"Bronko. Ein lieber Kerl. Eigentlich wollt ich ja einen reinrassigen belgischen Schäferhund, keinen Mischling. Einen Polizeihund, weißt du. Schutzstaffel. Aber dann stand Bronko vor der Tür und hat Pfötchen gegeben."

"Klingt wie ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch", sag ich.

Der Regen setzt wieder ein. Diese grosse graue Braut, mit der grossen grauen Schleppe, ist ordentlich am Durchwischen.

Keiner sagt etwas.

"Komm, mal ehrlich.. Wieviel Kilos habt ihr geschmuggelt?"

25.4.18 15:58, kommentieren

Aus ihrer Haut heraus kommt nur die Schlange

Ich mag Menschen, die einem das Gefühl vermitteln, in ihnen würde sich die Ruhe der ganzen Welt breitmachen.

Nicht, dass ich einen kennen würde.

*

"Wie lange ist der Scheiblettenkäse noch haltbar..?"

Wir hatten vor einiger Zeit richtig Heißhunger auf Hawaii-Toast gehabt, dafür brauchte es unbedingt Ananas in der Dose und Scheibletten-Käse, doch mehr als die Hälfte des Käse blieb übrig und steht sich seither im Kühlschrank die Beine in den Bauch.

"Ach, der ist ewig haltbar", sag ich. "Ich schätze sowieso, das sind Restbestände aus alten Louis de Funes-Filmen aus den 60ern, die heute noch im Supermarkt verkauft werden."

"Dann hält er sich noch, meinst du?"

"Ja. Der hält noch."

*

Ist ja kein teurer Charakterkäse, der schnell in Arsch geht.

*

Den alten Notizbüchern meines Vaters haftet ein lockerer Schweißgeruch an, wie original abgefüllt von kanadischen Holzfällern, die von vier Wochen Jahresurlaub die letzten dreieinhalb Stunden in Baton Rouge auf den Kopf hauen.

*

Aaahh.. die Welt geht unter! Genau!! Da blühen die Geschäfte!!!

*

Das Herz einer Fledermaus schlägt 1000mal in der Minute. Das Herz einer Fledermaus ist ein sehr leises Schnellfeuergewehr, Fledermausblut ist seine Munition.

*

Aus ihrer Haut heraus kommt nur die Schlange.

*

Ich habe in der Nacht zufällig einen schönen iranischen Spielfilm gesehen, „Das Lied der Sperlinge“ aus dem Jahre 2008. Es war wie im Märchen, die Bilder aus der Großstadt Teheran, wo Zehntausende von Motorradfahren in den Straßen unterwegs sind, ohne Helm, mit flatterndem Hemd. Bilder, wie es sie hierzulande noch in den Siebzigern gab. In Belgien sogar noch 2007. Hab ich genau gesehen, aus dem Auto heraus. In einem kleinen Kaff namens Nazareth. Aber in Belgien. Flatternde adidas-Hose, dickes Moped, weit und breit kein Helm.

*

Da war dieses strenge Blumenkind mit langem dünnen blonden Haar, das ich aus der Teestube an der Kasernenstraße kannte. Ein ungemein blasses Geschöpf, nahe am Albino. Sie hatte einen Freund, der war ziemlich klein und hatte dünnes langes schwarzes Haar und fuhr Moped. Er also vorn mit dem flatternden dunklen Haar, sie auf dem Sozius mit ihrem flatternden blonden Haar und ihrem flatternden Maxi-Rock. Die langen Haare wie Seidenvorhänge im Wind, beide Rücken gerade durchgedrückt, die Matten geapfelshampoot.

*

Was auch immer in meinem Leben geschieht, es tritt mit Verzögerung ein. Wenn Eric Clapton der Mister Slowhand des britischen Bluesrock ist, bin ich der Herr Langsamstift an den Buchstaben.

„Red nicht. Du bist das Faultier unter den Schreibkräften“, sagt sie.

*

Worte wie Modul und Cluster gehen mir auf den Sack, Worte, denen Coolness anhaftet und die doch nichts bedeuten, die keinen Inhalt haben, nicht wirklich jedenfalls, die irgendwann gegen die Wand fahren und abgelaufen sind, Worte, wie in den Nullkorridor der deutschen Sprache gedrückt.

*

„Wie heißt das noch..?"

"Was meinst du..? Wie heißt was?"

"Na, was die meisten Menschen haben.. die haben doch eine… eine…. na, wie nennt man das noch mal.. diese Memoryschleife.. also alles, was bisher geschah… ist eine…?“

„Hm..? Vergangenheit?“

„Genau! Eine Vergangenheit!“

*

Samstagabend. Es ist dunkel. Auf dem Spielplatz sitzt ein einsamer Teenager auf der Schaukel und schaukelt. Das Handy klopft an. Das bläuliche Licht des Displays schwingt in der Finsternis vor und zurück wie ein betont höfliches UFO, das JETZT keine Fehler machen will. Nicht beim Schaukeln.

*

Es gibt Dinge auf Erden, die sollten einem klar sein. Etwa die Tatsache, dass auch das teuerste und exklusivste und prominenteste Captains Dinner der Welt am Ende nichts anderes ist als der Vorläufer einer dicken fetten Portion Fäkalien, die in die Kloschüssel klatscht und stinkt.

*

Die Heizperiode geht los. In den Heizkörpern grollt und bläst die Luft, wie im Straflager. Allerdings nicht in unseren. Der Heizkessel ist nämlich kaputt. Er gibt keinen Mucks mehr von sich. Ein neuer muss eingebaut werden. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. „Wir haben brutal viel zu tun“, stöhnt der zuständige Klempnermeister, den ich kontaktiere. Der Schornsteinfeger ist ebenfalls involviert in den Neu-Einbau. Er hat gute Zähne. Vielleicht fällt das Weiß seiner Zähne auch nur deshalb so brutal gut auf, weil alles andere an ihm kohlrabenschwarz ist. Ein cleveres Bürschchen.

*

Ich: „He! Es ist schon viertel vor zehn!“

Sie: „Bei dir vielleicht, du Penner.“

2.4.18 16:45, kommentieren

Konsequent Weltklasse

 

Man braucht zwei Leben. Eins, um zu kapieren, was richtig ist und was nicht, und ein zweites, um sich gelegentlich danach zu richten.

*

Es wollte sich mit mir treffen, das junge Frl. Weiden. Es jobbte als Zimmermädchen im Turmhotel. Es war keine zwanzig, schätzte ich, und es trug gern luftige Sommerkleidchen. Es war in seiner ganzen Erscheinung keinem bestimmten Jahrzehnt zuzurechnen, das Fräulein Weiden, die Zeit hatte es auf ihrem Weg durch die Geschichte irgendwie links liegen lassen, das muss kein Unglück sein. Mit den unscheinbaren Mädchen ist es wie mit den Nebensätzen. Plötzlich hauen sie eine Wahrheit raus, dass man denkt, wow, wieso ist mir das vorher nicht aufgefallen!

Es war viertel vor sieben in der Früh an diesem Sonntag, in einer Viertelstunde würde ich Feierabend haben. Ihr Dienst hingegen hatte gerade begonnen, sie war sogar eine Viertelstunde zu früh dran. Wir standen in der Hotelküche nebeneinander, füllten frisch gekochten Kaffee in Thermoskannen um und blickten eher nebenbei aus dem Fenster des 11. Stockwerks. Die Morgensonne weißte die Küche.

Wir unterhielten uns ein bisschen, aber es war keine wirkliche Unterhaltung. Es war eher, als würden sich zwei Hunde, die sich nicht gut kennen, umrunden und beschnüffeln. Es duftete nach Röstkaffee und den kandierten Früchten vom Rummel, der unten am Weyersberg gastierte und seine Gerüche hochschickte.

Frl. Weiden trug ein gelbes Kleidchen an diesem Tag.

"Nachmittags treffe ich mich immer mit meinen Leuten im Karstadt-Cafe", sagte sie keck. "Hast du vielleicht Lust, mal zu kommen? Heute Nachmittag oder so? Wir sitzen immer am selben Fenster.. Wir machen viel Unsinn. Wir lachen viel."

Ich starrte sie an. Meinte sie das etwa ernst? Wen glaubte sie vor sich zu haben? Einen freundlichen, ebenso aus der Zeit gefallenen Nachtportier? Liebes Frollein, ich war ein Trinker, ein Kiffer, ein Acid-Head, ich lebte in einer ganz anderen Welt. Ich war auf dem besten Wege, mich in den Club 27 einzubringen, den Club der Leute, die das 28. Lebensjahr nicht überschreiten würden. Und Frl. Weiden? Es kam mir vor wie ein Kind. Mit den Attributen einer Frau.

Ihre Worte, ihre Unschuld, ihr ganzes Auftreten erinnerte an die Fünf Freunde von Enid Blyton. Das Frl. Weiden blätterte sozusagen im Abenteuerbuch, wenn es mich einlud, es zu treffen. Im Beisein der Freunde. Im Karstadt. Im Cafe. Ein Abenteuer in den großen Ferien.

Sie hatte schöne lange weiße Beine und eine wechselnde Note. Mal Karamell, mal Kokos. Immer frisch. Ihre Stimme zitterte ein bisschen. Es war ein Versuch gewesen, ihre Einladung ins Cafe, sie hatte etwas gewagt. Sie wollte sehen, ob ich auf ihren Vorschlag einging. Wie ich reagierte. Ob ich überrascht war.

Eine Viertelstunde noch, dann würde die Chefin eintrudeln, sie kam stets Punkt 7, wenn sie Frühdienst hatte. Je länger das Zimmermädchen neben mir stand, desto stärker wurde das Verlangen, das Zimmermädchen zu küssen. Frauen wollen Männer kennenlernen, Männer wollen Frauen küssen. Würde es mir gelingen, Frl. Weiden in die Wäschekammer zu lotsen?

Sonntagmorgen. Der Frühstücksraum war leer um diese Uhrzeit, die Sonne schien hinein, man sah Staubflusen im Gegenlicht auf-und niedersteigen, wie Seepferdchen. Das Frühstücks-Buffet war noch nicht aufgebaut, es wartete im großen Kühlschrank, die Kaffeekannen waren abgefüllt. Wir warteten auf den Chinesen, der jeden Morgen Punkt zehn vor Sieben in die Küche marschiert kam und die bestellte heiße Milch abholte. Für ihn und seine Kollegen im 13. Stockwerk. Dampfende Kuhmilch, 2 Liter.

"Wir trinken Kaffee, auch mal eine Limonade, und Gerti kann Witze erzählen, soo gut, das musst du hören", so Frl. Weiden. "Wir lachen uns schlapp. Wir treffen uns um fünf. Wenn du Lust hast.."

Ich kannte ihren Vornamen nicht. Die Chefin hatte sie mir lediglich als Fräulein Weiden vorgestellt. Die Morgensonne strahlte ihr gelbes Kleid an, momentan war alles war gut, alles war frisch. Als der Chinese einmarschierte, fünf vor Sieben, kurz vor der Chefin, verschwand Frl. Weiden Richtung Wäschekammer. Ich folgte ihr, blieb aber auf Distanz. Ich beobachtete sie. Das Zimmermädchen zog einen Stapel Handtücher aus dem Wäscheregal und füllte den Wagen auf.


*

Unter diesem Haufen Dilettanten und Geldabschneidern wird es zunehmend schwierig Leute zu finden, die ihren Job gern machen, die motiviert sind, denen man vertrauen kann, dass sie das, was sie tun, nicht nur des Geldes wegen tun, sondern weil sie es können. Warum das so wichtig ist? So entscheidend? Weil der Mensch, der vor dir sitzt an der Supermarktkasse, auch dein Notarzt sein könnte.

*

Woran man spürt, dass man allmählich ältere Herrschaft wird? Wenn im Gespräch mit Gleichaltrigen zunehmend Floskeln auftauchen wie „Ja klar, das ist Verschleiss, da kann man nix machen“. Oder hier, der: "Der Arzt sagt auch, ich soll mehr trinken."

Da wünscht man sich manchmal, man hätte noch die Kraft, die man mit Mitte zwanzig hatte, auf seinem Höhepunkt, als man selbst vollgeschissen noch gut aussah, von hinten.

Wir waren exakt Mitte vierzig, (also vor 10 Jahren), als die Gräfin mir von diesem Traum erzählte. Sie hatte von einem Mann und einer Frau geträumt, die sehr bedächtig auf einer Parkbank saßen und uns erklärten, dass sie genug hätten von diesem albernen Leben. Dass es an der Zeit sei, endlich ernsthaft zu werden.

„Wir haben genug gelacht in diesem Leben.“

Eine Traumsequenz weiter saß dasselbe Pärchen in unserer Wohnküche und demonstrierte geduldig, wie man sich gegenseitig die Finger bricht. Eine überraschend mühelose Angelegenheit. Ein leichtes Knicken nur. Als wären es Federn, keine Finger.

„Altwerden ist nichts anderes als das Wegbrechen von Flügeln, an deren Stelle nichts nachwächst“, sagte die Frau im Traum. "Aber wer nicht mehr fliegen kann, hat automatisch mehr Zeit für den Erdboden.“

*

Ich möchte noch mal zwölf Jahre alt sein und nachmittags von der Schule heimkomme. In der Kinderstunde läuft Pan Tau, Mutter macht mir einen Becher warmen Kakao zum Essen, aber nicht diesen fair gehandelten Bio-Kakao, sondern Kaba.

Oder elf.

*

Aufwachen am Morgen Immer noch am Leben: Sein Welch ein Privileg Welch Ungeheuerlichkeit & womöglich scheint noch die Sonne DIE SONNE Konsequent Sonne Konsequent Weltklasse

*

("DU GLAUBST AUCH ALLE LEUTE GEHEN MIT DEINEN AUGEN DURCH DIE WELT!")

*

Ein Evergreen, gespielt und gesungen von JJ Cale:

 The old man and me, JJ Cale

1 Kommentar 27.10.17 15:02, kommentieren

Daily Coffee

Eben bin ich im Daily Coffee am Hauptbahnhof in einen Mann reingelaufen, der am Boden lag. Ich hatte ihn schlicht übersehen. Ich meine, wer hat schon mitten am helllichten Tag einen Mann auf der Rechnung, der am Boden liegt, im Bahnhofs-Café, mit einer Zange in der Hand? Er trug einen blauen Monteurkittel mit der Aufschrift „Klimatechnik“ und reparierte vermutlich die Kühltheke, als ich in etwas Weiches trat und er „autsch!“ aufmuckte. "JA ISSES DENN...!??"

„Oh..!“ sagte ich, und zog irritiert den Fuß aus seinem Bauch.

Ich weiß auch nicht, aber irgendwie sah das unanständig aus, wie er da unten auf den Fliesen lag, im Neonschein des Bahnhof-Cafés, und wie der Fußabdruck sich allmählich zurückbildete und wieder Risikobauchfett wurde.

Dann geschah alles gleichzeitig.

Die drall überschminkte Servicekraft reichte einen Becher schwarzen Kaffee über die Theke, und der gut gekleidete Herr, der neben mir stand und alles beobachtete, wollte schon zulangen, „Ist der für mich?“, „Nee, für den jungen Mann neben Ihnen!“ Also blickte ich hoch, um mich zu vergewissern, ob sie mich damit meinte, (bin ich denn immer noch jung? ein Mann? hört das denn nie auf?) und griff hastig nach dem Becher, wobei etwas Kaffee über den Rand schwappte, genau in den offenen Kittelkragen des armen Klempners.

„Ja isses denn bald gut!??“ schnaufte er genervt.

„Jo“, erwiderte ich, aber ehrlich gesagt: Das war auch nicht mehr als eine bloße Vermutung.

14.3.18 08:29, kommentieren

Natürlich, Männer machen dumme Dinge mit ihrem Schwanz...

15. Mai 1986

Was für eine Nacht. Um 24 Uhr hat sie angerufen und wollte eigentlich nur gute Nacht sagen, eine Stunde später kommt sie im grünen Simca vorgefahren und holt mich ab. Auf einen Kaffee in die Hütte nach Ohligs. Der Laden heißt wirklich so, Hütte, und gehört ihrem neuen Macker.

„Unsinn, die Hütte gehört ihm nicht, er hat sie nur gepachtet“, rückt Lina zurecht.

„Aber ein Kerl ist er schon, dein Chef, oder?“

Sie pfeift durch die Schneidezähne. „Aber hallo.“

Blöde Kuh. Wir sitzen eine Stunde rum in dem dunklen Schuppen, ich nehme noch zwei Bier, dann bringt sie mich wieder nach Hause. Sie will noch auf einen Sprung reinkommen, weil sie pissen muss, und bleibt bis halb fünf.

Wir sitzen zusammengekauert vorm Nachtstromspeicher in der Küche und sie tut mir die Klamotten rein, KLAMOTTEN DER WAHRHEIT. Dass sie es nicht mehr mitansehen könne, wie ich ohne Perspektive und ohne Knete und mich auf die Loyalität meiner Freunde verlassend in den Tag hineinlebe. Dass sie das früher an mir geliebt habe, meine lässige Art, „jetzt hängt es mir zum Hals raus! Und weißt du auch, warum? Weil nichts passiert in deinem Leben. Weil du immer ein kleiner Arsch bleiben wirst, wenn du dich nicht endlich aufraffst und irgendwas probierst!“

„Probieren? Was denn?!“

Sie wird zur Furie. „SOLL ICH DIR DAS ETWA AUCH NOCH SAGEN??!“

Dabei habe ich das nur gesagt, um sie zu provozieren, um dem Affen Zucker zu geben und um zu sehen, was mit einem Affen passiert, bei einer Überdosis Zucker. Wie ich mir das überhaupt vorstelle, meine Zukunft, so als größter Drückeberger der Welt, fragt sie mit all ihrer geballten nächtlichen Energie, und da muss ich passen. Da muss ich jedes Mal passen, wenn sie auf der Zukunft rumreitet. AUF MEINER ZUKUNFT. Zukunft, das ist wahrscheinlich das Denken über den Tag hinaus, doch ich bin immer nur verstrickt im Jetzt, im Transport: DAS JETZT IST IMMER TRANSPORT, treibe ich die Worte vor mir her, doch damit kann man ihr nicht kommen, damit punkte ich nicht, nicht bei ihr.

Ich lege noch einen drauf und sage, dass man keine Zukunft nötig habe, bloß die Gegenwart, “die macht genug Rückenwind, wenn man sie nah genug heranlässt.”

“Ach, du immer mit deinen... Sätzen!”

Sie schleudert meine Worte in einer schnellen Geste über ihre Schulter, wie ein Gläschen Wodka, das man leergesoffen hat, weg damit. Außerdem sei ihr etwas aufgefallen, sagt sie, nämlich dass ich beim Schreiben niemals ein Semikolon setzen würde.

„So ein Ding, weniger als ein Punkt und mehr als ein Komma, das Zeichen, das signalisieren soll, Leser! Jetzt kommt etwas Neues, in Anlehnung an das Alte, oder so ähnlich.“

Und dass ich immer ihr Traummann war, so vom Charakter her, als Mann, und dass ich der auch bleiben werde..., wenn ich doch nur endlich was auf die Reihe kriegen würde und für mich selbst sorgen könnte. Nein, sie will weg, sie hat die Nase voll. Ich hindere sie an ihrer Entwicklung. Sie ist einundzwanzig und will andere Männer ausprobieren. Verständlich sogar, wäre nicht ich der Angeschmierte in der ganzen Geschichte. Ist doch klar, würde ich sonst sagen. Muss doch. Geh deinen Weg.

Sie ist noch nicht fertig. Dass es ja wohl ein Armutszeugnis darstelle, dass ich mit 25 noch jeden Monat Geld von meinen Eltern kriege, um die Miete aufbringen zu können, und dass ich das doch hätten kommen sehen müssen, dass sie sich von mir abseilt nach all den Jahren, wenn ich ihr keine Zukunft biete.

Heute Mittag, ich bin bei meinen Eltern drüben, habe ich dann bei ihr angerufen und gemeint, dass sie natürlich Recht habe von wegen faules Schwein und so, aber ob wir nicht doch irgendwie zusammenbleiben könnten. Lacht sie: Doch klar kommen wir wieder zusammen, aber lass uns nichts überstürzen. Außerdem willst du dir ja doch nur eine Absicherung holen, ich kenne dich doch. Du sollst dich jetzt aber ganz alleine auf dich verlassen, ohne mich.

„Mach was draus.“

Gut, okay, sag ich. Aber was ich nicht einordnen kann ist die Tatsache, dass wir uns kaum noch küssen, dass Sex keinen Spaß mehr gemacht hat in letzter Zeit und so Sachen, aber da gibt sie keine befriedigende Antwort drauf, eigentlich gar keine Antwort, und ich habe sowieso das Gefühl, dass das wichtigste unausgesprochen bleibt. Auch wenn ich selbst nicht weiß, was das sein sollte, das wichtigste. Während wir telefonieren, liegt die dicke Samstagsausgabe der Lokalzeitung aufgeschlagen vor mir, die Stellenangebote.

(Männl. Aushilfe/vormittags 813058)



18. Mai 86

Wenn ich bloß wüsste, wie die Kleine heißt, die hier übernachtet hat. Anja..? Braver Name für eine abgewichste Nummer. Die Sache im Bett beschränkte sich gleich aufs wesentliche. Keine Küsse, kein Abtasten. Ich lutsche an ihren dicken Titten, sie greift nach meinem Schwanz. Ich lege eine Cassette mit Soul-Balladen auf. Womack and Womack. Ich höre es mir an, während sie an mir rumnuckelt. Erst wollte ich mein Ding noch waschen, weil sich da im Laufe eines Kneipentages eine Menge ansammelt, aber da war es schon zu spät, da war ich schon in ihrem Mund. Freitagnacht, und der Stolz geht den Bach runter. Nicht mal baden geht der Stolz. Nur den Bach. Runter. Ich lege meinen Kopf zwischen ihre Schenkel und schaue zu, wie sie es sich selbst macht. Das ist das Beste, was du tun kannst, Mädchen. Es dir selbst besorgen. Ich bin viel zu betrunken, um außer Blasen Sex zu spielen. Den Finger in ihrer Arschritze. Ich lecke sie, feure sie an, spritze ihr übers Gesicht.

Und dann, im finstersten Teil der Nacht, fängt sie an zu schnarchen. SCHNARCHEN! Das macht mich wahnsinnig. Ich werde wach, sie schnarcht. Möglicherweise hat sie vorher schon geschnarcht, ich weiß nicht, da habe ich geschlafen, da juckt mich das Geschnarche nicht. Aber jetzt bin ich wach und neben mir schnauft und ackert ein alter Traktor. Ich remple sie an, bis sie endlich Ruhe gibt. Während sie ruhig weiterschläft, führe ich ihre Hand an meinen Sack.

Am Morgen hänge ich ihr gleich wieder an den Titten. Sie bläst gut. Diesmal spritz ich mir selbst über den Bauch. Ich erkläre ihr den Fußweg in die Stadt.

„Mach’s gut.“

Sie grinst zum Abschied, als ich ihr vom Fenster aus nachschaue. Aber meine Augen werden schlechter. Vielleicht ist das gar kein Grinsen, sondern was anderes. Vielleicht kotzt sie im Gehen. Mittags gehe ich rüber zu meinen Eltern. Es gibt Rindsgulasch. Mutter macht ein göttliches Rindsgulasch.

Natürlich, Männer machen dumme Dinge mit ihrem Schwanz, aber wenn Frauen einen Schwanz hätten, sie würden ungefähr das Gleiche tun - jede Wette.

(Ich weiß nicht, wie es in zwanzig Jahren sein wird, aber ein 25jähriger Mann, der mit einer Morgenlatte wach wird, hat das Gefühl, auf einem Motorboot loszureiten, kaum dass er die Augen aufschlägt..)

(Als die Gräfin zum ersten Mal ein erigiertes Glied sah, hielt sie es für ein inneres Organ, das sich verlaufen hat.)

Als ich das erste Mal ein erigiertes Glied sah, war ich acht oder neun. Wir spielten Ende der Sechzigerjahre gern auf den zahllosen Baustellen der Hasseldelle, wo eine Hochhaussiedlung entstand, eingerahmt von Bungalows und Reihenhäusern. All die Rohbauten gaben großartige Spielplätze ab. Nichts ist spannender als kaputte Leitern und Gummiwannen voller Mörtel. Und urplötzlich liegt

Dieter Rillenhauer splitternackt im Kellerschacht und strahlt uns an, mit einem riesigen erigierten schneeweißen Glied. Jedenfalls kam es mir damals riesig vor, obwohl das kaum sein kann, denn Dieter Rupp war genauso alt wie ich, aber früher reif. Ich für meinen Teil kannte das jedenfalls noch nicht, eine Latte. Ich hatte das an mir noch nicht gespürt.
Wer über das männliche Genital schreibt, hat ein Problem:

Nenn ich es Pimmel oder Latte, Rohr oder Schwanz, Lümmel, Penis oder Riemen, medizinisch oder Schweinkram, es bleibt eine schwierige Entscheidung – bis auf den Fall von Dieter Rupp, 1969, nackig im Neubauschacht an der Hasseldelle, da war die Sache sonnenklar. Was uns da anblitzte im Frühlingslicht, war ein eins a schneeweißes Glied, durchzogen von blauen Adern und erstaunlich stramm für sein Alter und ohne ein einziges Haar am Sack.

Dieter ist schon lange verheiratet, hat zwei Kinder, arbeitet bei der Stadt. Neulich haben wir uns kurz unterhalten, der übliche Mist, wie teuer und doof alles geworden ist, aber innerlich habe ich den Hut gezogen, aus Respekt, ja, aus Ehrerbietung für den ersten weißen Hai, der mir je über den Weg gelaufen ist, live und in Technicolor

3.3.18 19:44, kommentieren


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