Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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My poor heart is achin'

1

Koronare 3-Gefäßerkrankung, so steht es obenan in den Entlassungspapieren des Städtischen Klinikums.

Kalkablagerungen in den Herzkranzgefäßen, sagt der Doktor.

Verdammtes Plaque, denk ich.

My poor heart is aching, singt Nina Simone.

*

Alles begann am 10. Mai 2012, einem Donnerstag. Wir saßen beim Frühstück, und sie blickte mich besorgt von der Seite an. 

"Neuerdings glitzert morgens eine ungeweinte Träne in deinem Auge."

Was sie manchmal so sagt. Kleine rätselhafte Sachen. Schöne kleine rätselhafte Sätze.

Was im Nachhinein wie eine Vorahnung klingt, machte mich im ersten Moment stutzig. Vielleicht sollte ich mir den Schlaf aus dem Auge reiben, dachte ich, doch dann würde es nicht mehr glitzern. Das machte keinen Sinn, das würde niemand wollen. Also liess ich es so, wie es war, eine Spezialität von mir, und widmete mich wieder dem Marmeladenbrötchen und der Zeitung. Man reibt sich ungern das Glitzern aus dem Auge, schon mal gar nicht, wenn es eine schmucke Träne ist.

Tears are a boy's best friend. Oder nicht.

Während sie schon beim nächsten Thema war, ihre Ausstellung in Remscheid sollte zwei Tage später beginnen, nahm ich das Notizbuch vom Frühstückstisch und hielt den schönen kleinen rätselhaften Satz fest, Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge, machte ein Zitat daraus, um in Fragen des Urheberrechts erst gar keine Unsicherheit aufkommen zu lassen. Dahinter das Datum, 10. Mai 2012, und meinen ersten schnellen Senf dazu:

Na. Ich weiß auch nicht, schrieb ich.

*

Keine anderthalb Stunden später, viertel vor elf, rast ein Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn durch die Nordstadt in Richtung Klinikum, mit mir hinten drin. Herzinfarkt. Mitten in der Fußgängerzone. Bei schwüler Hitze, in Höhe Fronhof, in Sichtweite der Evangelischen Stadtkirche: O LAND LAND LAND, HÖRE DES HERRN WORT. Mit dem Hund an der Leine und einer Horde wild trompetender Elefanten auf dem Brustkorb.

Herzinfarkt! Das ist ein Herzinfarkt!  

*

Vorbei am Hähnchengrill und an der Laderampe des Kaufhof, vorbei am Obststand, an dem Erdbeeren verkauft werden aus den Leichlinger Sandbergen, "Sie auch junger Mann? Eine schöne rote zum Probieren? Nur zum Probieren. Ist nicht zum Sattessen", über den grossen leeren Fronhof.

Erst glaube ich, was ich immer glaube, wenn es irgendwo steil bergauf geht und ich schlecht Luft bekomme: dass es Asthma ist, aber hier geht nichts steil bergauf, hier ist alles eben, das ist nicht die Lunge, das ist mehr als bloß schlecht Luft kriegen, das ist mein Herz, ohne Tiefe die Atmung, flaches dünnes Gehechel..

O LAND LAND LAND, HÖRE DES HERREN WORT.

ein Infarkt..!? Und wenn ich sofort ins Krankenhaus muss? Als Notfall? Wohin mit dem Hund? Der lässt doch keinen Sanitäter an dich ran.

Ich versuche es mit einer Entspannungsübung wie beim Fußball, nach einem langen Sprint: den Rücken durchdrücken, die Arme hinterm Kopf gekreuzt. Das entlastet die Lunge. Jetzt nicht. Ich bin gefangen im Stahlkorsett, gefangen, als hätte meine Lunge auf Schnappatmung umgestellt. Mageratmung. Geht so Sterben? So schmal? so mager?

Ich setze mich auf eine der grünen Drahtbänke. Versuche zu entkrampfen, verzweifelt zu relaxen. Auf dem Rücken liegend. Ein Schulmädchen im Sommerkleidchen, ihre wippenden weissen Waden nehme ich noch aus den Augenwinkeln wahr, als der Tod, der alte Herbergsvater, schon den Schlüsselbund rasseln lässt.

Mein Bewusstsein taucht sekundenweise ab. Stückweises Hinweggleiten, wie bei einem fremden, gleichwohl bekannten Manöver. Immer hektischer meine Schritte, gleichzeitig kraftloser. Ich weiss nicht, wohin.

Der Wind fegt über den Fronhof. Links die Treppe, wo die Solinger Lieferfrau ihr Denkmal hat, ich taumle die Stufen runter - keine zwanzig Meter vorm Hintereingang der Stadtkirche, wo Karlos Vater früher als Küster gearbeitet hat. Wo wir ihn oft aufsuchten, wenn Karlos einen Schlüssel abliefern sollte oder sonst eine Kleinigkeit zu tun war. Ein Konfirmandenunterricht vorbereiten, Kaffekochen für den Seniorennachmittag, Kuchen anschleppen, irgendetwas. 

Suche dir einen Ort, der dir bekannt ist, wenn der Tod anklopft mit langen dürren Fingern. Wenn noch Zeit bleibt. Wenn man es sich aussuchen kann.

Von hinten in die Stadtkirche. Im Eingangsbereich lasse ich mich auf einer langen, im Dunkel liegenden Holzbank nieder. Niemand zu sehen. Stille. Ich hätte mich zuvor in der Fußgängerzone an jeden x-beliebigen Passanten mit Handy wenden können, damit er den Rettungswagen ruft, doch intuitiv liefere ich mich in der Stadtkirche ein. Ich bin ein Sterbender, der Schutz sucht, der Rat sucht, weil er sich nicht sicher ist, ob er überhaupt Rettung will, weiterleben.

Der im Mahlstrom seines nachlassenden Bewusstseins einem neuen Gedanken begegnet: Du kannst dich jetzt auch sterben lassen..

Du kannst dich sterben lassen...

(Das war kein Suizidmoment, wo man selbst noch aktiv werden muss. Wo man eine Pistole ansetzen oder Medikamente fressen oder von der Brücke springen muss, nein, nicht nötig. Ich hätte nichts weiter tun müssen, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Um diesem Zustand zu entfliehen. Dieser Atemschwäche, die wie ein schweres knochiges Tuch auf mir lag.)

In den Katakomben der Stadtkirche, der Geruch von Politur und Filterkaffee. Ich kauere vor der Holzbank, neben mir der Hund. Du hast die Wahl, denk ich, und mein Herz drückt. Die Holme knacken. Musst bloß ein wenig warten, bis das ruinierte Herz alle Aus- und Zugänge geschlossen hat. Ein bißchen noch. Warten.. Die wärmende Hand unter mir schaufelt mich hoch. Ich fliege ein bißchen. Der Hund, die ganze Zeit an meiner Seite, angeleint, blickt zu mir hoch. Unsicher. Die Contenance wahrend, mühsam.

Jetzt langsam den dunklen Flur hinunter. Wohin mit dem Hund, wenn der Krankenwagen kommt? Der kann ja wohl kaum mitfahren. Ich höre Stimmen hinter verschlossenen Türen, kann mich aber nicht durchringen anzuklopfen, torkle den Flur zurück, zurück in den Vorraum. Auf die nach Politur stinkende Bank. Maßlos schwitzend, als hätte ich Tag und Nacht ohne Filter geraucht und jetzt fliegt mir der Laden um die Ohren.

Bevor ich alles aus der Hand gebe, falle ich einen Entschluss: ich will nicht sterben, nicht hier in den Katakomben der Kirche, nicht bei Kaffee und Kuchen. Ich erhebe mich und wanke mit dem Hund an der Seite den langen Flur entlang, Richtung Sozialräume. Noch bevor ich anklopfen will, öffnet sich schon eine Tür. Schweiß pläddert an mir runter, als käme ich aus einem Platzregen. Erschrockene Blicke.

Können Sie den Notarzt rufen? Ich hab einen Herzinfarkt.

*

Mit jeder Minute, die wir auf den Rettungswagen warteten, schnürte sich der Brustkorb mehr zu, verstopften die Schläuche. Man hatte mich in ein Hinterzimmer gebracht, halb Lager, halb große Garderobe, in dem ein Sofa stand.

Können wir etwas für Sie tun, können wir Ihnen etwas bringen? erkundigte sich eine der beiden Damen leise.

Ein Glas Wasser? flüsterte ich und versuchte mich lang zu machen, zu entspannen, aber wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt.

Der Hund hockte vor mir auf dem Boden und beobachtete mich, er wusste nicht, was los ist. Auch die Mitglieder der Gemeinde, zwei Frauen und ein Mann, um die sechzig alle, evangelisch, adrett gekleidet, waren ratlos. Da wankt an einem Vormittag im Mai im Souterrain der Stadtkirche ein Mann mit Hund auf sie zu, weil ausnahmweise die Hintertüre offen steht. Der Mann ist fahl, der Schweiss pläddert an ihm herunter, als käme er direkt aus der Sauna.

So warteten wir. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen und dem Tod so nah, ich konnte schon rüberspucken, der Hund auf dem Fußboden, die drei Gemeindemenschen halb im Zimmer und halb auf dem Flur, um die Ambulanz nicht zu verpassen.

Ich wurde mit jeder Minute schwächer, es war, als rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild. Und doch war da eine warme Hand, die sich unter meinen Körper schob, mich sachte aufschaufelte.

Wenn gleich die Rettungskräfte kommen, dachte ich, gibts ein Problem. Der Hund wird sie nicht an mich ranlassen.

(Na schön, die Sanitäter kamen an mich ran und retteten mich und brachten mich ins Krankenhaus und der Fahrer fluchte, weil die Einkaufszone zugeparkt war. Der Hund landete für ein paar Stunden im Tierheim, bis die Gräfin ihn auslöste, und ich hatte für einen Moment die Wahl gehabt zwischen Leben und Tod, einen winzigen Moment nur, aber immerhin, ich meine, ich hätte auch alles sausen lassen können.

Sehr beruhigend, das.)

 *

"Einmal Diazepam läuft durch!" höre ich hinten im Ambulanzwagen einen Sanitäter rufen, und ich lieg da und denke, Scheiß Dias, die machen nur wirr im Kopf und verliere das Bewusstsein, schmiere ab, "HE! JUNGER MANN!", kehre zurück. Schwitze wie verrückt.

Was ist mit dem Hund, sage ich schwach, auf der Bahre liegend. Haben Sie die Nummer.. meiner Frau notiert? Die richtige Nummer? Sie ist bei meiner.. Schwiegermutter.

Das stimmt so nicht, geht mir durch den Kopf. Die Gräfin ist nicht meine Ehefrau und ihre Mutter nicht meine Schwiegermutter, doch wir sind schon so lange zusammen, zu lange, um unter diesen Umständen groß zu erklären..

"Keine Sorge. Darum wird sich gekümmert", sagt der Notarzt. "Und wir kümmern uns um Sie", fügt eine andere Stimme hinzu.

Eine dritte Stimme: “Unter der Nummer ist niemand zu erreichen.”

“Ist aber die richtige Nummer”, flüstere ich und wiederhole die Zahlenfolge, wegsackend. Der Wagen fährt an, ich nehme das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, und eine gewisse Kühle. Über allem eine erregte Männerstimme: “Die Fußgängerzone ist blockiert!” Von da an halte ich die Augen geschlossen, es rappelt und rumpelt während der Fahrt, eine Infusion wird gelegt.

“Einmal Diazepam läuft durch.”

Ich öffne die Augen erst wieder, als ich im Klinikum, U1, in den Herzkatheterraum gerollt werde und mir auf dem OP-Tisch in Nullkommanichts Strümpfe, Hose und Hemd runtergezogen werden. Wie ein Fisch fühle ich mich, der in Windeseile skelletiert wird.

“Ruhig bleiben, Herr Glumm. Ruhig.. Wir retten Sie jetzt.”

Der Oberarzt, ein hochgewachsener Mann, verliert die Geduld, weil ich nicht still liegen will, warum auch immer. Erst seine massive Zurechtweisung, HERRGOTT, WIR WOLLEN IHNEN DOCH NUR HELFEN, und die Drohung SONST MÜSSEN WIR SIE FIXIEREN zeigen Wirkung.

Zwei Engstellen in den Herzkranzgefäßen, "voller Plaque", werden per Ballon aufgedehnt und anschliessend mit zwei Stents versorgt, um die Gefäße offen zu halten.

Stents. Sind kleine Gittergerüste, sagt der Oberarzt.

Was denn..? Sind kleine Klettergerüste? Ich seh von Bakterien verwüstete Kinderspielplätze vor mir, auf links gedreht. Ab hier kein Transport. Ab hier minimalinvasiv.

(Was Eindruck hinterliess: die Kühle auf dem OP-Tisch unter mir und die routinierte Eile, mit der das OP-Team mich entkleidete. Wie gekonnt eine der Skalpellschwestern mit dem Einmalrasierer einen Großteil meiner Schamhaare abrasierte. Kalter Schweiß, mein blasser Pimmel, O mein Herr, ist es soweit, fahre ich jetzt..? hoch? heim zu dir..?)

*

Als man mich auf die Intensivstation bringt, bin ich verblüfft von der Helligkeit und Freundlichkeit, die mich empfängt. Einzig meine Zimmergenossin erinnert an die Gefahr, in der ich mich befinde. Eine todkranke alte Frau, die maschinell beatmet wird, ich höre Schläuche und Überwachungsmonitore bei der Arbeit, jede Menge Hightech-Sound in meiner Nähe, aber ich sehe die Frau nicht, ihr Anblick ist von einem weißen Rollvorhang verstellt.

Ich liege flach auf dem Rücken, darf mein rechtes Bein nicht bewegen, vierundzwanzig Stunden lang. Eine strenge Vorgabe, die mir vom Servicepersonal wieder und wieder eingeimpft wird. Es könne sonst zu einer Verletzung der Leisten-Arterie kommen, durch die der Kardiologe beim Eingriff bis zum Herzen vorgedrungen ist. Vierundzwanzig Stunden still liegen, das rechte Bein nicht bewegen, keinen Deut, "sonst kann es passieren, dass Sie innerlich verbluten."

Na schön, da bleibt man dann schon mal vierundzwanzig Stunden still und wie tot liegen, obwohl es am Abend einen verzweifelten Moment gibt, wo ich mir am liebsten sämtliche Schläuche und Sonden aus der Nase und von der Brust gerissen und mich mitsamt Infusionsständer aus dem Fenster geworfen hätte, dem Fenster, das weit geöffnet steht an diesem lauwarmen Maiabend, ausgefüllt von einem robusten Mückengitter, nein. Das hätte nicht hingehauen. Das wäre peinlich gescheitert. Intensivstation: Freitodversuch endet im Fliegenrollo.

*

"Da sind Sie dem Tod ja noch mal von der Schippe gesprungen", sagt Schwester Simone.

Zunächst nehme ich das als bloße Floskel, mit der hier Herzinfarktpatienten empfangen werden, und erst als der Oberarzt erscheint, in Begleitung weiterer Ärzte und Ärztinnen, und mit ernstem, aber nicht hoffnungslosen Blick von einem schweren Herzinfarkt spricht, den ich nur deshalb überlebt habe, weil ich so rasch auf seinem OP-Tisch gelandet bin, ("Ein Zugang war schon komplett zu, der Herzmuskel wurde nicht mehr mit Blut versorgt", erst da wurde mir bewusst, wie knapp die Sache war. Junge, da hab ich die 80er überlebt, die 90er und die dumm-dreisten 00er haben mich nicht umgebracht, und jetzt das. 

Denn:

Hätte mich der Herrgott an diesem 10. Mai 2012 nach dem Frühstück nicht in die Innenstadt gelotst, um am Schalter der Bank Geld abzuheben, sondern, wie am Tag zuvor, mit dem Hund in die Wupperberge marschieren lassen, abseits der Fußwege und wie immer ohne Handy, dann, ja dann wäre meine Überlegung, wie man eine Herzinfarkt-Geschichte beginnt, obsolet gewesen.

Hoffnungslos veraltet.

Und was wäre mein vorletzter, je geschriebener Satz gewesen? Ein kleiner Satz von ihr im Notizbuch, Jeden Morgen glitzert eine ungeweinte Träne in deinem Auge.

Und der letzte Satz: Na. Ich weiss auch nicht.

Perfekt, eigentlich.

 

2

Da hab ich fünf Wochen lang nicht geraucht, und was passiert? Ich verliere Gewicht, ich nehme zehn Pfund ab! AB! Normalerweise wächst Rauchern eine englische Drops-Plauze, wenn sie das Rauchen aufgeben, eine stramme de Beukelaer-Zone, aber mir??!

Obwohl, also, dass ich überhaupt keine Zigarette angepackt habe, das stimmt nun ja auch nicht. Als ich noch im Klinikum war, die Station aber schon verlassen durfte, hab ich mir draussen eine Kippe geschnorrt, aber nicht sofort angezündet, nur in den Mund geschoben. Wie bei Lucky Luke sah das aus, bei dem qualmts auch nie. Der hat immer nur seinen Stummel im Mund. So bin ich runter zur Ambulanz, weil da gerade ein Rettungswagen um die Ecke bog.

Seit ich selbst in so einem roten Kasten durch die Strassen geflogen bin, höre ich anders hin, wenn eine Notfallsirene sich nähert und Autos unbeholfen und verärgert eine Gasse bilden. Es ist, als wären die vielen Male, die ich die Sirene zuvor gehört hab, das Herz noch intakt, bloß Staffage gewesen, ein jahrelanger Probealarm, eine Bespaßung. Seit dem Herzinfarkt liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Strassen schiesst. Seit mein Leben gerettet wurde, wird mein Leben jedes Mal gerettet, wenn ein Rettungswagen vorüberrauscht.

Ich steh also unten an der Ambulanz, die Kippe im Mund wie Lucky Luke, und schaue zu, wie die Türe des Rettungswagen sich öffnet und ein Mensch auf einer Bahre herausgeschaufelt wird. Keine acht Tage ist es her, dass ich an gleicher Stelle eingeliefert wurde, doch jetzt, wo ich hier stehe und das Spektakel beobachte, wo der Notfall den Wagen verlässt, da fühle ich nichts, gar nichts, bloß das Brennen der heissen Nachmittagssonne im Nacken.

"Haben Sie Feuer?" frage ich eine Raucherin, die mit zwei anderen Raucherinnen zusammensteht. Sie zündet mir die geschnorrte Zigarette an, ich nehme drei hektische Züge und trete die scheiß Kippe auf dem Betonboden aus. 

*

Sie rauschen in ein energetisches Loch, so stand es geschrieben. Das waren genau die Worte, die die Gräfin einen Tag vor meinem Infarkt aus dem Wochenhoroskop vorlas, aus unserem Wochenhoroskop, wir sind schliesslich unter ein und demselben Sternzeichen geboren, als Jungfrau, aber es gibt Worte, auf die reagiere ich nicht, die rauschen an mir vorbei, als wären sie niemals gesprochen worden. Nicht in meinem Beisein.

Worte wie energetisch oder wie PARAMETER sind mir ein Greuel, genau wie die dazugehörigen Leute. Die von ihrer eigenen "emotionalen Festplatte" faseln, als wäre sie eine Maschine. Die ständig ihren "Akku" aufladen. Vielleicht reden die Leute so, um damit ihre wachsende Unterlegenheit zum Computer zu kompensieren. Kotzworte allemal, mickriger Füllstoff, Modebuchstaben mit eingebauten Ausrufzeichen, Angebersprache. Aber nicht die Art Angebersprache, die man aus einem offenen Oldtimer-Karman Ghia aufschnappt, der bei Schneetreiben an der Ampel steht, nichts imposantes.

Aber was solls, was juckt mich das noch. Jetzt, wo mir das Herz zusammengekracht ist. An einem Donnerstag im Mai. Halb elf am Vormittag.

Da juckt mich das alles nur noch am Rande.

Denn plötzlich kracht mir das Herz jeden Vormittag zusammen. Immer, wenn der Uhrzeiger auf halb elf vorrückt. Zieht es im Herzen. Flirrt es, wird das Herz flügge und silbrig, ist Durchzug, und  ein heftig Kammerflimmern. Panikattacke.

- IST DER HERR PANIK-ATTACHÉ ZU SPRECHEN?! -

- NEIN, DER IST SCHON WEG! IST SCHON GEFLÜCHTET! -

- IST SCHON WEG!?? -

- JA. IST SCHON WEG! -

Nicht, dass ich etwa darauf hinzielte, dass ich mir die Panik heranwünschte, nein, natürlich nicht. Es passiert einfach. Jeden verfluchten Vormittag, an dem ich mein Zuhause verlasse, gegen zehn Uhr 30, kommt das Trauma über mich, eine Reihe schwerer Körpertreffer wie an dem Tag, als ich am Fronhof langsam zu Boden ging und niemand da war, der mich anzählte. Kein Ringrichter war da, der es kommen gesehen hätte. Kein Trainer mit weissem Handtuch in der Hinterhand. Niemand. Nur ich und mein Hund und ein paar Menschen, die nicht darauf vorbereitet waren, einem Mann gegenüberzustehen, dem, käsebleich und schwitzend, in diesem Moment das Herz zusammenkracht.

Die Retter kamen später. Die Retter kommen stets später. Man liebt Retter dafür, dass sie später kommen.

 

*

Intensivstation, 13 Uhr 30.

Vor anderthalb Jahren lag mein Vater auf der Intensivstation, mit einem schweremn Herzinfarkt, und ich schrieb:

Auf der Intensivstation liegen Männer und Frauen Bett an Bett, es wird kein Unterschied gemacht zwischen Männern und Frauen, es gibt nur einen Unterschied auf der Intensivstation, das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod.

Einige Monate später starb meine Mutter auf der Intensivstation an einem schweren Herzanfall, und jetzt lieg ich selbst mit einem Infarkt auf der Intensivstation, höre das Auf und Ab der Beatmungsschläuche, die meine Nachbarin mit Atemluft versorgen. Ich weiss nicht, wie die Frau aussieht, die keine drei Meter von mir entfernt mit dem Tode ringt. Ein weisser Rollverhang verstellt den Blick auf ihr Bett, und nur gelegentlich, wenn ich mich ein Stück aufrichte, sehe ich ihre Füße am Bettende, nackig, reglos.

Ich höre die Gespräche der Schwestern, wenn sie die unbekannte Nachbarin umbetten, wenn sie einen neuen Verband anlegen müssen, oder wenn irgendetwas geswitcht wird.

"Nicht erschrecken, liebe Frau Meyer, wir switchen Sie jetzt."

Was wird denn da geswitcht? wollte ich die Schwester noch gefragt haben, aber dann hab ichs vergessen. Krankenschwestern auf der Intensivstation sind bemerkenswert zuvorkommend, fast warmherzig, geschult vom Elend, vielleicht, keine Ahnung. Schwester Simone wohnt übrigens am Kannenhof, ein paar Blocks nur entfernt. Sie ist es auch, die mir am zweiten Tag den einzigen TV-Apparat der ganzen Station ans Bett rollt, damit ich das Pokalfinale sehen kann.

Die meisten Patienten gucken hier sonst kein Fernsehen, kichert sie.

Schwester, sag ich, was ist mit der Frau neben mir los?

Ich erfahre, dass sie schwer lungenkrank ist und tags zuvor einen Luftröhrenschnitt erhalten hat, ansonsten aber austherapiert ist.

"So liebe Frau Meyer, nicht erschrecken, wir müssen nur kurz die Beatmungsschläuche tauschen."

Es sei unklar, so Schwester Simone, ob die arme Frau überhaupt noch etwas mitkriegt. Ja, ist sie denn im Koma?

"So ähnlich", sagt sie ausweichend.

Die Schwestern sprechen dennoch mit der Patientin, als verstünde sie jedes Wort, als ich Samstagmorgen, halb im Bett liegend, halb sitzend, in Zeitlupe Kaffee und ein Brötchen mit Marmelade frühstücke. Ich trage ein weisses Plastikbändchen am Handgelenk mit Namen, Geburtsdatum und Fallnummer, sowie ein frisches hellblaues Engelshemdchen am Leib, hinten offen, die Arschbacken frei.

Können Sie mir das mal zubinden, Schwester?

Die ständige Alarmbereitschaft der Apparaturen rund um mein verkabeltes Bett, medizinische Hochleistungsapparate, die LIFE VIEW heissen und INTELLI-VIEW und an Baywatch erinnern, an braungebrannte Rettungsschwimmer, jederzeit bereit, ein absaufendes nölendes Herz aus den Fluten zu heben, einen Schlaganfall zu glätten, komm her, du! Falscher Hase! Wir retten dich. Wir betten dich um.

*

Nach der angerauchten Lucky Luke gönne ich mir noch zwei weitere Zigaretten, an denen ich aber nur je ein Mal ziehe. Macht insgesamt fünf Lungenzüge in fünf Wochen, bei fünf Kilo Verlust an Bauch, macht pro Zug ein Kilogramm weniger. Das ist doch kein vernünftiges Rauchen mehr. Kein heiliger Akt, keine Medicine. Nein, vorbei. Künftig heisst es, wie es schon mal geheissen hat, damals, als wir uns kennenlernten,

Erprobung herzstärkender Mittel. Thomas Kling, Eremitenpresse, 1985.

*

"Da sind Sie dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen", so Schwester Simone beim Anlegen der bunten Krokodilsklemmen. Sie will ein EKG anfertigen. "Das war sozusagen Rettung in allerhöchster Not."

Tatsächlich war eine der drei Hauptarterien, die das Herz mit Blut versorgen, schon seit geraumer Zeit dicht.

"Der Herzmuskel wurde nicht mehr mit Blut versorgt."

Die zweite Arterie war nur noch zu 20 Prozent offen und die dritte so akut mit Plaque verstopft, dass es den Infarkt auslöste.

"Sie haben mächtig Massel gehabt, dass Sie so schnell im OP gelandet sind. Stellen Sie sich nur mal vor, Sie wären gestern im Wald gewesen. Das hätte unter Umständen viel zu lange gedauert bis .."

"Ich war vorgestern im Wald," sag ich, fast ein bisschen empört. Tief im Wald, mit dem Hund, Stöckchenwerfen.

"Na, sehen Sie." (Große Augen.)

*

Als ich noch im Klinikum lag, rief Karlos zwei Mal zu Hause an und hinterliess kurze Nachrichten auf der Mailbox, jeweils gegen 19 Uhr. Er hatte keine Ahnung, was passiert war, dass ich im Krankenhaus lag. Er forderte mich auf, alles stehen und liegen zu lassen und in Turnschuhen und Trainingshose, "hast du noch die alte blaue von adidas?", runter zum Käfig zu kommen, eine halbe Stunde kicken.

"Ich bin seit gestern wieder im Training. Los, Glumm, mach hin, ich bin in fünf Minuten im Käfig."

Die Gräfin hörte die Nachrichten ab und war sich nicht sicher, ob sie Karlos zurückrufen solle, ob mir das recht wäre.

"Nee, lass mal. Ich rufe Karlos selbst an."

"Ich konnte nicht zum Käfig kommen", sagte ich ein paar Tage später am Telefon zu Karlos, "ich hatte einen Herzinfarkt."


3

Intensivstation. Jeden Abend gibts eine Thrombosespritze in den Bauch. Man kann sie sich auch ins Bein jagen lassen. Ich bleibe beim Bauch. Auch die weißen Thrombosestrümpfe lagen schon bereit, vorgestern im Herzkatheterraum, wie ich höre, wurden aber nicht übergezogen. Warum, weiss niemand.

Normalerweise sind Thrombosestrümpfe Pflicht, sagt die Schwester.

- Wieviel Herzinfarkte gibt es in Solingen jeden Tag, Schwester? -

- Hm. Das ist verschieden. -

- Na, ungefähr, Schwester. -

- Manchmal zehn, manchmal gar keiner. Warum? -

- Na, nur so.-

Bei anhaltend schwülem Wetter häuft es sich, und im Winter, wenn die Leute frühmorgens Schnee schippen wie die Bekloppten. Dann ist Alarm hier auf Station.

- War ich vorgestern der einzige Herzinfarkt? -

- In Solingen? -

- Ja. -

- In Solingen schon, ja. -

*

Die Bildschirme werfen Tag und Nacht ihr Licht ins Zimmer, wie eine Wachmannschaft auf Dauerpatrouille. Die Geräte messen die Sauerstoffsättigung im Blut, der Puls wird kontrolliert, steriles Wasser läuft in meinen Arm, in meiner Nase steckt eine Sonde.

Als ich eingeschlafen bin, muss jemand die Blutdruckmanschette neu eingestellt haben, statt alle zwanzig Minuten wird der Blutdruck plötzlich alle Naselang gemessen. Das nervt. Ständig bläst sich die Manschette auf und wird so hart, dass ich denke, mir knallen die Oberarme durch. Ich nehm die Manschette ab, lasse sie am Bett runterbaumeln. Es dauert keine Viertelstunde, steht die Schwester am Bett.

Ist abgegangen, sag ich.

*

Da die Enzymwerte im Blut immer noch zu hoch sind, darf ich die Intensivstation noch nicht verlassen, sagt der Kardiologe. Vielleicht morgen.

Ist nicht schlimm, es gefällt mir auf der Intensiv. Pflegerinnen und Pfleger haben Zeit für einen, es ist schön ruhig hier, kein Geschrei auf den Gängen. Das sage ich auch der Schwester, als sie nach mir schaut.

Schön ruhig, ja. Das hat auch seinen Grund, sagt sie, denn heut Nacht ist hier jemand gestorben, das schlägt allen Mitarbeitern aufs Gemüt. Eine Frau ist gestorben, die sehr lange auf der Intensiv gelegen hat.

Später karrt Schwester Simone ungefragt den einzigen tragbaren TV-Apparat der Station an, damit ich das Pokalfinale sehen kann. Als das Spiel läuft, gucke ich kaum hin. Selbst, dass Bayern verliert, lässt mich kalt. Hauptsache es steht ein Apparat am Bett, der nicht irgendeine Körperfunktion misst.

*

Heute wurde ich Zeuge des stillsten Verwandschaftsbesuchs aller Zeiten. Meine dem Tod entgegendämmernde Zimmergenossin bekommt Besuch von ihrer Tochter und ihrer Enkelin. Punkt 15 Uhr, zu Beginn der offiziellen Besuchszeit, öffnet sich die Tür, die beiden Frauen betreten das Zimmer. Mit bangem Blick, und ohne mich auch nur im geringsten wahrzunehmen. Nur zögerlich nähern sie sich dem Krankenbett, und verschwinden aus meinem Blickfeld, hinter dem weissen Rollvorhang. Ab und zu verlässt die Enkelin, die Augen voller Tränen, die Todeszone und nimmt Platz auf einem Besucherstuhl. Es fällt kein Ton. Kein Hallo Mama, kein Hallo Oma. Ich höre nur das übliche Auf und Ab des Beatmungsschlauches. Nach zehn Minuten verlassen die beiden Angehörigen das Zimmer. Wie Klageweiber in der Vorbereitung. Man trägt noch nicht schwarz, aber das Gemüt ist schon eingemeindet.

*

Ich weiss gar nicht, in welcher Etage des Klinikums ich mich überhaupt aufhalte, wo die Intensivstation liegt. Ich schätze, es ist der fünfte oder sechste Stock. (Später erfahre ich, es ist das Erdgeschoss. Seltsam.)

Wenn ich aus dem Fenster schaue, seh ich in einigen hundert Metern die Müllverbrennungsanlage. Wie eine alte Dampfmaschine mit hohem Schornstein steht sie da, und in der Morgensonne glitzern die silbern ummantelten Rohrleitungen. In der Nacht, wenn die MVA beleuchtet wird, liegt sie da wie eine schlafende Raketenabschussrampe, in der Version der Augsburger Puppenkiste.

*

Sonntagmorgen, neun Uhr, Visite. Zwei Ärztinnen und der kleine polnisch aussehende Doktor treten an mein Bett.

"Sie dürfen die heiligen Hallen heute wahrscheinlich verlassen und werden rauf auf die Kardiologie verlegt", sagt er, "wenn die Werte in Ordnung sind." Eine Ärztin nickt. "Ja, die Werte sind wahrscheinlich in Ordnung."

Nach dem Aufwachen heut Morgen wurde mir sofort Blut abgezapft, zum xten Male. Meine Arme sind blau wie Pflaumenmus.

"Der Infarkt sollte noch einige Tage ausheilen, und dann müssen Sie noch mal in den Katheterraum. Der dritte Stent muss noch gesetzt werden."


4

Auf der Intensivstation wird morgens eine große Waschschüssel mit lauwarmen Wasser ans Bett gebracht, inklusive Seife und einer Zahnbürste to go. Aufstehen kann ich ja mittlerweile, mich aber nur im Radius der Schläuche und Kabel bewegen, die mich anketten, ein Meter ums Bett herum. Gepinkelt wird in die Urinflasche. Ich mach eine Pulle nach der anderen voll und klingele.

"Ist voll, Schwester."

Eine der ständig wechselnden Pflegerinnen meint es gut mit mir und stellt zur Morgentoilette eine Dose 8x4 dabei, für eine frische feminine Note. Zur Abwechslung sprühe ich mir tatsächlich einen Hub unter die linke Achsel, und so kommt es, dass mir bis in den Nachmittag hinein jedes Mal Blümchenscheiße um die Nase weht, wenn ich meinen Kopf nach links drehe und aus dem Fenster schaue. 

Am Abend wird meine Lunge geröntgt, mit Hilfe eines mobilen Röntgenwagens. Ich sitze aufrecht im Bett, Röntgenschürze am Sack, Platte vorm Bauch. "Morgen früh werden Sie auf die Kardiologie verlegt", sagt die Röntgenassistentin und drückt den Buzzer, wie in der Game-Show.

"So."

Ist die Röntgenaufnahme auch im Kasten.

*

Pflegegruppe 32. Zimmer 13.

"Auf einmal geht das KLATSCH! und dann rappelt es wieder und ich lieg da", erzählt Günter, der neue Bettnachbar. "Wegen dem Zucker", fügt er frohgemut hinzu.

Günter, einundsiebzig, ist ein Veteran, was Krankenhausaufenthalte anbelangt. Vor Jahren, so erzählt er, hatte er Wasser in der Lunge, da drückte ihm im Besucherzimmer eine russische Handarbeitslehrerin ein Schwämmchen unters Herz. Er demonstriert es umständlich.

"Hier, so. Und dann hat das Schwämmchen da innnerhalb von vierundzwanzig Stunden peu a peu sämtliches Wasser abgesaugt."

Jedenfalls verstehe ich das so. Sicher bin ich mir nicht. Günter erzählt viel, quasi ununterbrochen, und der Tag hat gerade erst begonnen, und ich verstehe nicht alles. Weil er mich aber mit riesengroßen, nach Bestätigung heischenden Froschaugen ansieht, hebe ich den Daumen zum internationalen Gut gemacht-Zeichen: Allerhand, das mit der russischen Handarbeitslehrerin, wirklich, allerhand. Sämtliches Herzwasser, alles weg, hui.

Günter ist ein grosser Jerry Cotton-Fan, und er nimmt gern Filme auf DVD auf. Das ist sein grösstes Hobby, Filme aus dem Fernsehen aufzeichnen und später angucken. Er hat daheim ein üppiges Archiv aufgebaut.

"Meistens guckt meine Frau oben einen Film und ich guck unten Krimis, aber manchmal gucken wir uns auch oben zusammen was an und dann schneide ich unten alles auf DVD mit, ist doch kein Thema."

Einmal erzählt er lang und bräsig von irgendeinem Tatort, den er gesehen hat, ich höre nach einer Weile kaum noch hin. Erst, als ich denke, so, jetzt musst du langsam mal den Kopf heben und nicken, damit er nicht denkt, du hörst gar nicht zu, erst da seh ich, dass er ein Handy am Ohr hat und mit seiner Frau telefoniert.

*

"Hast du gestern Tatort geguckt?" höre ich ihre schrille Stimme.

"Ja klar hab ich Tatort geguckt ", sagt Günter.

"Gut. Hab ich für dich aufgenommen. Kann ich dann löschen, oder?"

"Tatort?"

"Ja. Tatort. Hast du doch schon gesehen."

"Ja, hab ich gesehen. Kannst du löschen. Aber danach bei Inspektor Lewis, da bin ich eingeschlafen. Hast du aufgenommen?"

"Inspektor Lewis hab ich auch aufgenommen. Soll ich nicht löschen?"

"Lewis nicht löschen! Bin ich gestern Abend nach fünf Minuten eingenickt. Guck ich mir in acht Tagen an."

"Gut."

Kommunikation unter Ehegatten ist alles. Communication and Breakdown.

*

Der andere Bettnachbar, ein Maschinenbau-Ingenieur namens Raschke, stammt ursprünglich vom Chiemsee, lebt aber seit langem im Bergischen. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit und einer fürstlichen Abfindung seines Arbeitgebers geht es im Juli in Rente.

"Meine Frau und ich sind unter die Mobilisten gegangen", erzählt er und es dauert einen Moment, bis ich kapiere, dass Mobilisten Leute sind, die im Wohnmobil durch die Gegend gondeln.

"Früher sind wir um die ganze Welt geflogen..", sagt der Mann, dessen bratwürstelrote Gesichtsfarbe den Herzkranken verrät.

"Der hat eine künstliche Herzklappe, die klappert nachts so laut", so Günter, "als wär er wieder am Kühlschrank."

"Heute sind wir froh, wenn wir in Holland morgens aufbrechen, ein paar Meilen fahren und stehen bleiben, wenn wir der Meinung sind, dass es das Richtige für uns ist. Dafür muss man nicht um die Welt fliegen."

Und wieder einmal blickt jemand beifallheischend in meine Richtung.

"Obwohl, ab und zu im Winter eine kleine Fernreise, dagegen ist ja nichts einzuwenden, oder..?"

Ich nicke.

"Nee."

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So modern die Intensivstation hier auch eingerichtet ist, auf der Pflegegruppe scheinen die Krankenzimmer auf dem Stand der 60er Jahre eingefroren zu sein, mit ihrer zerschundenen Möblierung.

Als ich das Nachtschränkchen neben meinem Bett genauer in Augenschein nehme, fühle ich mich an eine DDR-Musiktruhe aus dem Jahre 1958 erinnert, designmäßig auf Ostblock-Linie getrimmt. Schön besonders die vielen silbrigen Knöpfe, die sich ins Nichts drehen lassen, die eingebauten toten kleinen Lautsprecher und die Buchsen für den Anschluss von modernen Tonbandmaschinen.

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"Ja, selbstverschnittlauch!" tönt Günter, wenn er in der Früh wach wird und die Augen aufschlägt.

Gerne auch: "Guten Morgen, Kameraden zur See!"

Er ist zucker- und schwer herzkrank und wird morgen operiert. Er bekommt einen Defilibrator eingesetzt. Eine grosse Operation von mindestens drei Stunden Länge. Es ist seine insgesamte siebzehnte OP. Ein Profi durch und durch. Entsprechend weiss er auch, worauf es ankommt: "Man muss vorher noch mal richtig kacken."

Diesen Rat hat er in der ersten Nacht, die ich auf der Kardiologie verbringe, ordentlich beherzigt.

"Wer weiss, wann ich dafür wieder Gelegenheit habe", schnauft er um halb fünf in der Früh, als die ersten Vögel singen und er zum dritten Mal den Pott aufsucht. Das dritte Mal, das ich mitkriege. Jede Sitzung, jeden noch so kleinen Klecks Stuhl leitet unser Günter mit einem ausgelassen knatternden Furz ein. Da kennt er nichts. Nichts ist ihm peinlich. Warum auch. Soll doch die Nachtschwester auf dem Flur ruhig wissen, dass Günter wieder auf dem Töpfchen sitzt, früh um halb fünf. Ein echter Spitalprofi.

Nicht mal als ihm Pfleger Daniel, 32, drei Stunden später einen Blasenkatheter legt, zeigt Günter Nervosität.

"Wenn meine Frau anruft, sag ihr, wir gucken nächste Woche Inspektor Lewis. Kennst du Inspektor Lewis, Daniel? Ist Klasse. Musst du gucken. Kannst mich ja mal besuchen. Ich hab zweitausend Krimis zu Hause, auf Video und auf DVD."

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Die Gräfin ruft an.

"Lass uns ein paar Tage an die See fahren, wenn du aus dem Krankenhaus kommst und etwas Zeit vergangen ist."

Sie träumt von Abenteuern in den Dünen, von Wandern mit dem Hund, von Orten, wo uns niemand erreicht, wo keine Sondermeldung hinkommt, wo der Wind alles erzählt, was man wissen muss.

"Aber erstmal koche ich uns ne schöne Hühnersuppe, wenn du draussen bist. Damit du auf die Beine kommst."

"Ja selbstverschnittlauch", sag ich. Da freut sich auch der Hund. Auf ein paar schöne spitze Knochen, und wir haben jedes Mal Schiss, dass er sich womöglich die Kehle aufschlitzt.

Um so schöner, wenn alles gut geht.

*

Mittags steht die Oberärztin vor meinem Bett.

"Also, Herr Glumm, wie ich sehe haben unsere Ärzte Sie wieder von der Strasse weggeschnappt", scherzt sie mit Blick auf mein Patientenblatt.

Sie verpasst mir einige Elektroden auf der Brust und ein Maschinchen, das ein 24-Stunden-EKG durchführen soll. Auf dem dazugehörigen Merkblatt lese ich zwar was von empfindlichen Hochleistunggeräten, der Anblick des handygroßen Dings erinnert jedoch eher an Raumschiff Orion und die Untertassen. Auch Günter hatte nur "Mann, sieht das scheisse aus!" gerufen, als er das Gerät tags zuvor am Körper tragen musste.

Die Oberärztin informiert mich über die Risiken der zweiten Herzkatheteruntersuchung, die einige Tage später, am Mittwoch, stattfinden soll, und erklärt den Eingriff anhand einiger Schaubilder. Ein Ballon wird durch die Arterie eingeführt und im Herzen aufgeblasen, um die von Kalk verstopften Gefäße zu öffnen. Dann wird ein Stent, ein kleines Gittergerüst eingesetzt, um das Gefäß auf Dauer geöffnet zu halten. Ich erfahre, dass es dabei, im Ausnahmefall, auch zum Schlaganfall kommen könne. Oder es stellt sich heraus, dass die Arterien so dicht sind, dass kein Stent mehr gesetzt werden kann.

"Dann wird der Eingriff abgebrochen, und Sie werden über einen Zeitraum von einem Jahr medikamentös weiterbehandelt."

Das lässt mich aufhorchen. Ich bin schliesslich alles andere als scharf darauf, noch mal in den OP zu müssen.

"Kann man das nicht gleich mit Medikamenten weiterbehandeln? Brauche ich unbedingt noch einen dritten Stent?"

"Ja natürlich", sagt sie einigermaßen fassungslos, und schickt mich runter auf U1 zur Echo-Untersuchung.

Da treffe ich zufällig den Oberarzt wieder, Doktor Dierks, der den Eingriff durchführte, gleich nach dem Infarkt.

"Sie hatten relativ schlechte Karten an dem Tag, als es passierte. Gut, dass Sie so schnell auf unserem Tisch gelandet sind", sagt er und führt noch einmal aus, wie chronisch kaputt mein Herz schon war.

"Erinnern Sie sich überhaupt noch an mich?" fragt er zum Schluss.

"Nicht wirklich. Nur der Klang Ihrer Stimme kommt mir bekannt vor."

"Ja, ich musste laut werden, weil Sie einfach nicht still liegenbleiben wollten."

Ein groß gewachsener Mann, der Oberarzt, kurzes blondes Haar, eher sym- als unsympathisch.

"Bis Mittwoch", sagt er. "Und keine Angst. Das machen wir schon."

 

5

Günter hat seine vierstündige Herz-OP überstanden und ruft seine Frau an.

"So, ich bin wieder unter den Lebenden", spricht er mit schleppender Stimme. "Gekotzt hab ich auch schon."

Er ist schon wieder so gut in Schusss, dass er eine seiner wunderbaren Lebensweisheiten raushaut, als er auf der Bettkante sitzt und eine frische Unterhose anzieht. "Schlafen ohne Unterhose ist Scheiße", sagt er. Wobei er offen lässt, ob er das in der Nacht zuvor praktiziert hat.

*

Um mein Herz nicht zu arg zu strapazieren, wurde beim Eingriff nach dem Infarkt zunächst auf den dritten Stent verzichtet, nun aber ist es soweit. Mittwochmittag. Die Schwester, die das Bett abholt, in dem ich liege, mein Bett, sie schnauft und keucht, als sie das Bett durch die engen Gänge manövriert.

"Diese alten Betten..", stöhnt sie freundlich.

Als wir im Aufzug sind, tönt es augenblicklich aus dem Lautsprecher: "SONDERFAHRT! BITTE BEIM NÄCHSTEN HALT AUSSTEIGEN!" Ich bin stolz, dass ich der Auslöser dieser Eilmeldung bin, leider ist aber ausser uns niemand im Lift, den es treffen könnte. Die Schwester sieht mir die Sorge an.

"So ein Stent wird heutzutage doch tausendfach gesetzt, das ist Routine für die Chirurgen. Da müssen Sie sich keine Sorgen machen."

Im Moment ärgert mich nur, dass wir keinen Penner aus dem Lift werfen können.

Während sie spricht, überfliegen ihre Augen mein Patientenblatt.

"Bisher hat danach noch jeder Patient gesagt, dass alles nur halb so schlimm gewesen sei."

Gegenüber den OP-Sälen der Kardiologie wird mein Bett zwischengeparkt, in einer extra dafür vorgesehenen Nische, einer kleinen Parktasche für Krankenhausbetten. Ich hab noch eine Viertelstunde Zeit und beobachte den Betrieb auf dem Gang, wobei mir die Augen langsam schwer werden.

Die Oberärztin hatte zuvor auf Station ihre Schwierigkeiten, mir am Arm einen neuen Infusionszugang zu legen, weil meine Venen so dicht waren.

"Sie haben noch nichts gegessen und nichts getrunken, und Sie haben Angst", sagte sie und verzweifelte fast. "Sie sind ganz kalt, und Ihre Hände sind feucht, da schaffe ich es kaum, den Zugang zu legen. Brauchen Sie was zur Bewruhigung?"

"Wäre vielleicht nicht schlecht."

Dann bekome ich eine weiche weisse Pille gereicht, die Oberärztin findet ihre sehnsüchtig erwartete Vene, und mir fallen seither dauernd die Augen zu.

28.6.12 11:38
 



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