Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Die rigorosen Dinge

Man muss nicht unbedingt fünfzig werden, um zu begreifen, dass Geburt und Tod die rigorosesten Dinge sind, die dieses Leben zu bieten hat. Geburt und Tod sind die Lunte, die von beiden Enden aufeinander zu brennt und sich in der Mitte trifft, in der Lebensmitte, wo all die existentiellen Fragen auflaufen. Wer bin ich? Was soll das?

Und: wann knallts?


Am 2. Weihnachtstag 2010, dem Abend vor ihrem Tod, rief sie aus dem Krankenhaus an und hinterliess mit leiser, leicht brüchiger Stimme einige Worte auf unserer Mailbox. "Susanne, sag doch dem Andreas, er möchte mir Tempotaschentücher und Baldrian extra-stark mitbringen.." Die Nachricht beschloss sie, wie üblich, mit einem beschwingten "Enn-de!", als handelte es sich um ein altmodisches Spaßtelegramm, das einem an die Tür gebracht wird.

Und während sie nun den Hörer mühsam in Richtung Telefonapparat bugsierte, um einzuhängen, die Spital-Bettwäsche raschelte, wünschte sie noch ein fernes und sehr leises "..schüss..", und das kleine Wörtchen verschwand in den Schluchten von Zeit und Raum wie ein allerletztes Winken.

Derweil im Hintergrund: das Getuschel der nur wenige Jahre jüngeren Bettnachbarin, die in den Wirtschaftswunderjahren als Hutmacherin in Hamburg gearbeitet hatte. Vielleicht war Besuch da, vielleicht telefonierte sie ebenfalls. Eine freundliche Person und der letzte Mensch, mit dem Mutter gemeinsam vorm Fernseher gelacht hat.


Montag, der 27. Dezember, beginnt ungemütlich, alles geht schief. Seit Wochen liegt Schnee, nun setzt Regen ein und es beginnt zu tauen. Weil ich zum Doc nach Gräfrath muss, um mein Rezept abzuholen, bin ich früh unterwegs. Ich hab ruckzuck nasse Füße, weil die Boots nicht mehr richtig dicht sind, fluchend verpasse ich den ersten Bus. Ich seh noch seine roten Rücklichter, als er an der nächsten Ampel hält, ein schwerfälliges arrogantes Kastenwesen. Dann gibt es Gas.

Weil ich keine Lust habe, zwanzig Minuten in der Nässe rumzulungern, bis der nächste Bus kommt, laufe ich die Felder Strasse hoch, zur nächsten Haltestelle. Und dann stehe ich da und warte. Vertrete mir die Beine, von einem Fuß auf den anderen stippelnd, zwanzig, dreissig Minuten geht das so, doch da kommt kein Linienbus. Ein Lastwagen habe sich oben in Meigen quergestellt, höre ich endlich. Der Bus kommt nicht durch. Ich könnte kotzen, so verärgert bin ich. Anstatt direkt zu Fuß in die Stadt gegangen zu sein und die 683 Richtung Vohwinkel/Gräfrath bestiegen zu haben, warte ich eine Dreiviertelstunde auf einen Bus, der nicht durchkommt, und hole mir nasse Füße. Nasse Füße sind große Scheiße.


Gegen halb elf bin ich zurück aus Gräfrath. Ich kaufe in der Innenstadt Mandelsemmel und Brötchen zum Einfrieren, wie jeden Montag. Weiter zum Discounter auf der Wupperstrasse, für ein paar Kleinigkeiten. Als ich den Kannenhof runtegehe, bepackt mit zwei Tragetaschen, ist es kurz vor elf und ich hab keine Ahnung, dass meine Mutter zehn Kilometer entfernt im Stadtteil Ohligs mit dem Tode ringt.

In der Lukas-Klinik erleidet sie kurz hintereinander zwei Herzinfarkte, den ersten während der Arzt-Visite. Sie liegt im Bett, läuft blau an, röchelt, verliert das Bewusstsein. Weil Arzt und Schwestern im Zimmer sind, wird sie sofort reanimiert, schneller kann keine erste Hilfe sein. Sie wird auf die Intensivstation gebracht, wo sie, laut Auskunft der Ärztin, ein weiterer "Rieseninfarkt" ereilt. "Ihre Mutter hat uns keine Chance mehr gegeben. Sie ist uns unter den Händen weggestorben."

Zur gleichen Zeit gehe ich den Kannenhof runter, der immer noch nicht von Schnee geräumt ist, und da steht dieser PkW halb auf dem Gehweg. Überall ist es eng, wegen der vielen Schneehaufen, freie Parkflächen sind rar, aber am Kannenhof ist es besonders eng. Die Beifahrertür des Wagens steht weit offen und ragt auf den Bürgersteig, ohne dass es der Fahrer im Wagen bemerken würde, er ist mit dem Handschuhfach beschäftigt.

Ich schlängele mich seitlich am Wagen vorbei, bleibe dabei mit dem Innenfutter der offenen Jacke an der oberen Kante der Türe hängen. Noch erhitzt vom Einkaufen hab ich den Reißverschluss aufgemacht. Für einen winzigen Moment steht meine Jacke nun weit offen, es ist, als präsentierte ich mein Herz, ich bin groß und geöffnet wie ein Zelt, für diesen winzigen Augenblick.

Im Weitergehen, nachdem ich die Jacke von der Autotüre befreit habe, denke ich so für mich, "Ja, was war das denn jetzt? Das ist mir ja noch noch nie passiert, in fünfzig Jahren Bürgersteig nicht", und lächle den Fahrer blöde an, der seinen Fauxpas mittlerweile bemerkt hat und entschuldigend nickt. In diesem Moment, so kann ich später rekapitulieren, ist Mutter gegangen.


1. Januar 2011

Nebliger Morgen, schmutziger Schnee, abgeschossene Sternenkracher und Turbowirbel. Ich hab Silvester kaum registriert. Irgendein Lärm. Mutter ist fünf Tage tot.

"Warum will Opa nicht allein bleiben?" fragen seine beiden kleinen Söhne meinen Bruder.

Ich bewege mich durch die Tage wie eine Drohne, die sich jedem Radar entzieht, ich bin wie vom Schirm genommen. Sanne ist nicht viel weniger neben der Kappe. Wir schreiben den Vornamen meiner Mutter in mannshohen Buchstaben in den Schnee. Wir malen ein großen Herz. Wir sind traurige Kinder. (Unser innerstes Band: wir mögen es beide nicht, dass Dinge im Leben vorbeigehen.)

Vom ersten Moment an war Mutter der Meinung, Sanne sei die richtige Frau für mich, ich solle sie mir bloß nicht durch die Lappen gehen lassen. Und Sanne mochte meine Mutter, diese rätselhafte stolze Frau, die es gerne schlicht hatte. In den letzten Jahren schlief sie alleine im Ehebett, weil mein Vater so laut schnarchte. Das Schlafzimmer strahlte mit seinem weissen Einbaumobiliar, das 1969 der letzte Schrei war, ein INTERLÜBKE-Schlafzimmer, eine Nüchternheit aus, die mich sprachlos machte, wenn ich es betrat oder auch nur einen Blick hinein warf.

Wäre Mutter nicht in der Klinik gestorben, dieses weisse Schlafzimmer wäre ihre ständige Residenz geworden, sie wäre da nicht mehr rausgekommen, da sind wir uns alle einig. Mit ihren nicht mal achtundvierzig Kilogramm Lebendgewicht wäre sie zu schwach gewesen, um wieder auf die Beine zu kommen. Sie wäre ein Pflegefall geworden. Hätte sie doch einmal einige Schritte gemacht, wäre stets die Gefahr eines nächsten Sturzes gewesen, jeder Sturz ein potentieller Knochenbruch.

Die Kraft ihres Geistes, ihre Schwäche. Ich kenne niemanden, der so jäh abstürzen, so haltlos, so in sich verloren sein konnte wie Mutter. "Ich weiss nicht, wo ich es suchen soll", sagte sie dann in diesem weinerlichen Ton, vermengt mit der Panik, was da noch alles kommen möge. Es dauerte oft ein oder zwei Wochen, bis sie sich wieder gefangen hatte, bis sie wieder lachen konnte, und die Schmerzen im Unterbauch, dem Sitz der Seele, endlich nachliessen.

Sie hatte jederzeit ein waches umherflitzendes Auge, mit dem sie Dinge wahrnahm, die anderen Menschen verborgen blieben. Manchmal auch ganz profane Dinge. So war ihr während eines Friedhofbesuchs aufgefallen, dass auf dem Grabstein eines Anverwandten ein Buchstabe fehlte, im Nachnamen. Ein Blick nur hatte genügt, um festzustellen, dass da etwas nicht stimmte. Ein Lapsus, der weder dem Steinmetz noch den Angehörigen aufgefallen war, obwohl der Stein schon einige Monate stand. Daraufhin musste der Steinmetz auf eigene Kosten den Stein komplett neu behauen.

Nachts schaue ich einen Spielfilm.
"Jeder hat eine Mutter", sagt der Darsteller.
"Ich nicht", murmle ich in Richtung Fernsehapparat.


3. Januar 2011

Heut Nachmittag besucht der Pfarrer meinen Vater, wir Geschwister kommen auch. Im Gespräch möchte er, so seine telefonische Ankündigung, Mutter näherkommen, um die Trauerrede halten zu können. Einige Worte nur, sagt er.

Auf dem Fußweg zur Schillerstrasse geistert diese Frage durch meinen Kopf: Wer war meine Mutter? Was soll ich dem Pfarrer darauf antworten? Mir fällt nichts dazu ein. Ich bin voll mit Tränen, aber unfähig zu sagen, wer meine Mutter gewesen ist.

Als ich später mit meiner Schwester darüber rede, blickt sie mich an und meint, dass sie auf dem Weg zur Schillerstrasse dieselbe Frage umgetrieben hat. Und dass auch sie keine wirkliche Antwort fand.

Wer war sie?
29.12.11 18:11
 



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