Ich bin ein äusserst träges System. Selbst zum Kacken lasse ich mich nicht öfters als 2mal die Woche nieder, dann aber "Hüppe die Berge", wie der Solinger scherzt, Haufen und Berge.
Oder hier, Pubertät. Dauerte bei mir dreissig Jahre, vom 15. bis zum 45. Lebensjahr. Dann kam das Erwachsendasein doch noch hereingeschneit, quasi über Nacht. Als schon niemand mehr damit rechnete. Ich jedenfalls nicht. Ich erst recht nicht. Woher auch.
Dreißig lange Jahre war mir nicht klar gewesen, wohin die Reise gehen sollte, während Gleichaltrige mit weniger Talent längst Karriere gemacht hatten oder wenigstens schon mal tot waren, das war ja schon mal was, während ich weiter die verdammte Zeit verklimperte, als wären Murmeln in meiner Hosentasche und nirgends ein Loch.
30 Jahre lang nicht wissen, wohin - wozu sollte das gut sein? Warum eine Phase, wenn auch die wichtigste im Leben, dermaßen in die Länge ziehen? Warum 30 Jahre, wenn andere dafür nur 5 oder 6 brauchten, um exakt das gleiche Ergebnis zu erzielen? Wo ist da der tiefere Sinn? Verborgen? (Wer die Antwort nicht kennt, muss die richtige Frage suchen.) Bringt auch nicht immer was.
Es gibt ein paar Sätze aus diesen Tagen, besonders in der Spätphase, die ich von gewissen Leuten zu hören bekam und die mich erst ärgerten und dann, mit Verzögerung, zum Nachdenken brachten.
Da war unser werter Dr. Hilten, seines Zeichens Methadonarzt und ein Trottel vor dem Herrn. Er war nicht in der Lage, die Frustration über sein eigenes verkorkstes Dasein von den verkorksten Lebensgeschichten seiner Patienten zu trennen. Damit machte er sich ständig zum Komplizen oder zum Richter, je nach Tagesform. Beides darf ein Arzt niemals sein. Niemals Komplize, niemals Richter. Das bringt nur Ärger auf Dauer, für alle Beteiligten.
Dennoch hatte der Doc einige erstaunliche Dinge drauf, wie es bei Narren oft der Fall ist. Stehst du einem Narren gegenüber, höre genau zu. Er wird dir etwas zu sagen haben. Er kennt die Tricks der eigenen Psyche nur zu gut, die einem so arg zusetzen, ohne dass man es bemerkt.
In meinem Fall ging der Satz etwa so, ich hab es schon mal erwähnt, in
Schattenreich und Existenz: "Warum sollte ich mir ein Buch von dir kaufen? Von einem Autor, der die Dinge nicht zu Ende denkt. Welchen Gewinn bringt mir das? Was hab ich davon? Welchen Erkenntnisgewinn?"
Der Vorwurf hatte keine unmittelbare Auswirkung. Es gab sowieso kein Buch von mir. Die Worte waren mehr hypothetischer Natur. Er wollte mich herausfordern. Sein Spielchen treiben. Dann fiel mir auf, dass ich immer öfter an seine Worte dachte und ich fragte mich, ob da vielleicht doch was dran war, warum dachte ich sonst darüber nach, musste ja einen Grund haben, verdammte Scheiße.
Ich gewöhnte mir beim Schreiben versuchsweise an, den einmal aufgenommenen Faden weiterzuspinnen und mich nicht gleich mit dem ersten, naheliegenden Ergebnis zufrieden zu geben. Schnell spürte ich: Der Vorschlag ging in Ordnung. Das wollte ich nur mal gesagt haben, an dieser Stelle: danke, Doc.
*
Abends spielt sie ein kleines Spiel mit mir. Fragt, welche drei Tiere ich gerne wäre.
"Aber direkt antworten, ohne zu überlegen."
"Drei Tiere?"
"Ja. Erstens, zweitens, drittens."
"Erstens am liebsten? Zweitens am zweitliebsten?"
"Ja! Fang an! Nicht überlegen."
Ich fang an:
1. ein Elefant
2. ein Hund
3. ein Vogel
Sie klärt mich auf.
"Das Tier an erster Stelle sagt etwas darüber aus, wie du von anderen Menschen gesehen werden möchtest. Als Elefant also. Das zweite Tier sagt aus, wie andere Menschen dich wirklich sehen."
"Als Hund", juble ich. "Die denken alle, ich wär ein Hund. Ein linientreuer Dackel. Cool. Und das dritte?"
"Sagt aus, was du wirklich bist: ein Vogel."
"Hm.. was denn? ICH soll ein Vogel sein?"
"Ja, natürlich. Das stimmt. Du bist frei."
*
Sie selbst hat das Spiel tags zuvor schon gemacht, bei der Schamanin.
Ergebnis:
1. ein Walfisch
2. eine Schildkröte
3. ein Panther