Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Gefährlich

Solange 15 Uhr am Nachmittag ein anderer Kontinent ist als 8 Uhr morgens, bleibt man Kind.


*
"Find ich super", sagt sie, und fährt mit dem Finger durch den Atlas. "Wenn du von uns aus Richtung Osten läufst, bist du irgendwann in Russland, im Herzen von Russland, mittendrin, brauchst du gar kein Schiff, nicht mal ein Auto, nur deine Beine, und wenn du noch weiter latscht, landest du in China, kannst du die Richtung direkt beibehalten, find ich klasse, Richtung Osten, immer Osten."


*
"Danke, dass ihr mit mir alt werdet", flüsterte sie gerührt, als sie abends vorm Zubettgehen auf dem Bettrand hockte und ihre alte, fadenscheinig gewordene Trainingshose streichelte, die berühmte Jackie Joyner-Kersee-Hose von damals, als sie noch Sport getrieben hatte, etwas Milchsäure verschüttet.


*
"Hast du eigentlich ne Ahnung, warum du früher so viel gesoffen hast?"
"Keine Ahnung", sag ich.
"Weil du dich so schwer getan hast mit Nähe. Du hast dir die Distanz zum Leben regelrecht weggesoffen."
"Ach so. Und heute?"
"Säufst du nicht mehr."


*
Schlangen waren mir von klein auf suspekt. Keine Arme, keine Beine. Glitschig. An der Hasseldelle gab es eine Wiese, die niemals gemäht wurde, die Schlangenwiese. Hohes Gras. Einmal spielten wir Verstecken, obwohl die Schlangenwiese tabu war für Spiele. An diesem Tag nicht. Viele fremde Kinder waren da.

..neun, zehn! Ich komme!

Und keinen halben Meter von mir entfernt, plötzlich ein Zischeln. Es raschelte.
"Eine Schlange!" schrie Patrizia.
Alles flüchtete. Rannte um sein Leben. Durchs Schlangengras. Kroch etwas. Durchs hohe Gras. In kurzen Lederhosen rempelte ich jemanden an, am Boden eine hechelnde Bewegung, ein Hinschnappen! Störrische Halme knickten, Gräser rissen. Dreckige Knie - Getrappel.

Ich war der erste, der die Strasse erreichte.


*
Mittags in der Apotheke. Vier Leute vor mir, und ein einziges weißes Arzneimütterchen hinterm Verkaufstresen. Das kann dauern. Ich stell mich mal auf die Personenwaage, in voller Montur. Jacke, Weste, Tabak und Feuerzeug dabei, Notizbuch, Schuhe. Macht insgesamt 81 Kilo. Ohne Klamotten, sagen wir, 77. Wie ist das mit dem Notizbuch? Das ist noch leer. Frisch angebrochen. Angenommen, es wäre voll. Ist man schwerer mit vollgeschriebenem Notizbuch? Und wenn ja, was wiegen Worte? Ein Buchstabe, mit Kuli hingepinnt, ein Gramm? 1000 hingepinnte Buchstaben 1 Kilo? Bin ich mit 77 Kilo, ohne Klamotten, schwer wie 77.000 hingepinnte Buchstaben? Wie eine kleine Erzählung?

Ich bin eine kleine hingepinnte Erzählung.


*
Pfingstmontag. Mitten auf dem kleinen Parkteich unter der gewaltigen, ausgehöhlten Trauerweide schwimmt ein weißer Fußball.
Ein Lederball.
"Sieht noch richtig neu aus."

Mann, Mann. Wäre uns das früher passiert, wir hätten alle möglichen Stöcke, Astgabeln und andere Hebel in Bewegung gesetzt, um die Pille wiederzuholen. Aber haben die Kids von heute ja nicht mehr nötig - nääh! Mutti, Ball ist futsch, Vati, neuen kaufen! Ja natürlich, Hans-Cedric! Reicht es denn, wenn Papi Montagfrüh ins Sportgeschäft..? (Gemurre im Kinderimmer, als hätte eine dicke Taube Bauchweh.)

Die Sache nimmt insgesamt dramatische Züge an: ich mit meinen fast 50 ("wenn du läufst, ist dein Rücken so steif. Hast du Schmerzen?") Jahren durchforste den Park nach einem passenden Stock, und, was soll ich sagen? finde einen abgebrochenen Kandidaten, der sich beim Fall aus der Krone in der unteren Region eines nordamerikanischen Amberbaums verfangen hat. (Der im Herbst feurig leuchtendes Laub abwirft, wie Blutplättchen auf der Intensivstation.)

"Hier. Der geht."
"Meinst du, der ist lang genug?"
"Na klar, der geht."

Wir brauchen vier Anläufe und etwas Eigendynamik des Wassers, das, einmal in Bewegung gesetzt, den Ball in meine, in unsere Richtung treibt, ans Ufer, super Sache!
Da isser.
"Der hat dicke 40, 50 Euro gekostet", sag ich mit dem Kennerblick des Alt-Internationalen, als ich das handgenähte Exemplar, empfohlen von Paul Breitner, beschichtet, in der Hand halte.
"9, 99", meint die Gräfin.
Das Preisetikett ist noch dran.

Wir bleiben im Park und verbringen den Rest des Nachmittags mit Fußballspielen zu dritt. Sanne und ich, krebsrot von der Sonne, "du siehst aus wie ein Senioren-Pumuckl!" ruft sie heiter.

Frau Moll, mit ihren verwirrend vielen Pfoten eine geschickte Dribblerin, geht wie immer zu forsch ans Werk, was das Apportieren des Balls angeht, schafft es aber trotz größter Anstrengung nicht, die Hauer so tief ins weiße Kunstleder zu treiben, dass die Luft aus der Blase entweicht und der Ball in sich zusammenfällt, wie sie es sonst immer schafft, wenn wir eine schöne Pille finden und übrig bleibt etwas Lederhaufen, schlaff.

Die Pille bleibt erstaunlich intakt.
"War ja auch schwer erarbeitet", sagt Sanne.
Tags drauf hat sie Muskelkater, und das Knie verdreht.


*
Eine Geschichte vom Fotografieren im Studio Glumm
27.5.10 17:52
 



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