"Komm, wir lassen den Drachen steigen", ruft die Gräfin. Zu Ehren von Ringo. Der hatte kurz vor seinem Tod zu seiner Freundin gesagt, sein letzer Wunsch sei es, nochmal einen Drachen steigen zu lassen.
Und kurz darauf hat die Gräfin beim Waldspaziergang mit Frau Moll einen selbstgebastelten Drachen gefunden, im wilden Karnickelgebüsch an der Hasseldelle. Er hatte sich in einer Tanne verfangen. "Hoffentlich ist der noch da." "Bestimmt ist der noch da. Hierhin verirrt sich niemand."
An der Hasseldelle bin ich aufgewachsen, nahe den weiten Feldern, auf denen ich schon mit meinem Vater den orangefarbenen Schicksalsdrachen steigen ließ. Der war aus Stoff. Es weht ein guter Wind. Wolken ziehen vorüber wie Servietten in einem böigen Riesen-Hotel, unten auf der Erde geht das Laub spazieren. "HIER ISSER!"
In der Tannenschonung befreien wir den Drachen aus seinem nassen Versteck. Ein Mordsteil. Besonders der fünf Meter lange Schwanz, aus zerschnittenen Plastiktüten zusammengeknüpft, imponiert. Bevor wir loslegen können, muss die Schnur schnell entwirrt werden. Eine mühevolle Geduldsarbeit. Ist mehr was für die Gräfin. Ich spiele solange Zuschauer, in der Hocke neben Frau Moll, die Ringo Starr spielt: Bin ich Hund? Bin ich Beatle? "Ich bin die Beatles", sag ich. Dann sind wir soweit.
Ich renne los mit dem Drachen in der Hand über die matschige Wiese, den kläffenden Hund am Hosenbein, der eifersüchtig ist, und schieße den Windvogel hoch in den Wind als wären meine Finger ein Flitzebogen - und: ER STEIGT! TATSACHE! "NUN BLEIB OBEN, DU SAU!"
Die Gräfin, die Philosophin an der Leine, hält den Drachen in der Luft. "Wenn die Leine Spannung verliert und schlaff durchhängt, wird man richtig traurig." Zwischendurch füttere ich sie mit Mandarinen aus meiner Manteltasche. Damit sie Kurs hält. Auch Frau Moll profitiert davon.
"Das hat am meisten Spaß gemacht." Wie der Lümmel ruhig am Zenit stand, und unten ging das Laub spazieren. Meine Hände sind ganz orange.