Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Das weiße Zimmer

Ich war neunzehn und seit einigen Monaten mit Lena zusammen, sie war süße fünfzehn, das war ein Problem. Ihre Mutter hatte Angst, dass man sie wegen des Kuppelei-Paragraphen 180 drankriegte, also untersagte sie uns Sex in ihren vier Wänden, obwohl sie sonst nichts dagegen hatte.

Lenas Mutter, eine resolute und etwas anstrengende Person, war frisch geschieden. Den Vater hatte ich nur einmal kurz gesehen, als er unmittelbar vor dem Auszug aus dem gemeinsamen Reihenhaus auf dem Wohnzimmerteppich kniete und kleine Feuerwehrautos hin-und herschob, ein Mann Mitte vierzig, mit traurigen erstickten Augen.

Lenas Mutter wußte natürlich, was für ein Früchtchen ihre Tochter war, das machte die Sache nicht einfacher. Wir mussten oft ganz schön tricksen, bis sie endlich sechzehn war und ganz offiziell den Mann bumsen durfte, den sie erst zum Mann gemacht hatte, mit ihrer unschuldigen Gabe, alles richtig zu machen.

Noch aber war sie fünfzehn. Es war Vormittag, als ich in ihrem kleinen Zimmer aufwachte, ich hatte verschlafen. Lena war längst fort, sie absolvierte eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin, genau drei Monate lang. Es folgte eine abgebrochene Lehre zur Zahnarzthelferin, dann zehn Jahre Kellnern in diversen Brombeerweinschenken und Kneipen, bevor sie nach Hamburg ging, Abitur nachmachte und zur Theater-Pädagogin umsattelte.

Warum auch nicht.

Ich wollte gerade aufs Klo gehen, da hörte ich Stimmen in der Wohnung. Ich erstarrte. Wieso zum Teufel war die Mutter da? Sie hätte um diese Zeit längst zur Arbeit sein müssen. Hatte sie Urlaub und Lena vergessen, mir davon zu erzählen? Oder war sie krank? Und, schlimmer noch: da war eine weitere weibliche Stimme in der Wohnung.

"..machen wir was mit Reis?" hörte ich Lenas Mutter fragen und die andere Stimme, sie gehörte Dascha, Lenas geschwätziger Kusine, die sich eine Weile in der Wohnung einquartiert hatte, antwortete mit einem hingenuschelten Satz, der klar und deutlich mit "Spargel" endete.

So eine Scheiße. Ich zog mich an, weil ich dringend aufs Klo musste, traute mich aber nicht aus dem Zimmer. Noch am Abend zuvor war mächtig Stunk in der Bude gewesen, als Lenas Mutter uns in flagranti beim einem Nümmerchen überrascht hatte.
"Geht meinetwegen in den Park und treibt es im Gebüsch, aber nicht in meiner Wohnung!"

Ich stand an der Zimmertür und horchte. Als die Stimmen sich entfernten, in Richtung Wohnzimmer und Balkon, öffnete ich die Tür. Ich schlich den langen Korridor entlang, an dessen Ende sich die rettende Etagentür befand, die Pforte zur Freiheit, zur Sonne, doch als ich die Hälfte des Flurs hinter mir hatte, näherten sich Schritte und ich verschwand hastig im Zimmer von Tom, Lenas grossem Bruder. Der war hier auch zuhause, aber mehr auf dem Papier.

Tom war ein paar Jahre älter als ich und der Prototyp des penibel gepflegten Langhaarigen, der sich hauptsächlich darüber definierte, welche Schallplatten er hörte und seinen Freunden vorspielte. Ich kannte viele solcher Typen.
Wie findest du mich? guckten sie einen mit großen ängstlichen Augen an, wenn sie ihre Lieblingsstücke präsentierten.

Seine Plattensammlung umfasste sicher zweitausend Platten, nicht wenige davon aus der Jazz-Ecke. So Be Bop. Mit Be Bop hatte man natürlich wenig Freunde. Zwei, wenn es hochkommt. Oder einen. Dafür war die Charlie Parker-Discografie, die er besaß, seiner Meinung nach komplett.

Als Familienmitglied war Tom kaum präsent. Er studierte in Wuppertal, wo er eine kleine Bude bewohnte, das Zimmer bei seiner Mutter diente mehr als Ausweichquartier und späte Erfüllung eines spleenigen Teenagertraums: alles darin war in weiß gehalten. Angefangen bei der Wandfarbe, blütenweiß und 3fach aufgetragen, bis hinunter zum weiß gestrichenen Fußboden und den darauf liegenden, ineinander überlappenden Flokatis.

Die wenigen Möbel waren, wenn nicht per se schon weiß, mit weißen Tüchern verhangen, und die Matratze mit weißen Spannlaken bezogen. Auf dem Regal lagen Füllfederhalter und andere kleine Accessoires in weiß, sogar eine weiße Reiseschreibmaschine von Olivetti hatte Tom auf einem Trödelmarkt in Antwerpen aufgetrieben. Einzig die schwarzen Typen störten darauf, weswegen Tom die Maschine auch niemals benutzte.

Aber nun war ich ja da. Ich spannte ein weißes Blatt Papier ein und tippte so sachte wie möglich einige Buchstaben.
dascha ist eine krude schachtel, schrieb ich leise. Sah gut aus. Aber pinkeln musste ich immer noch. Und ich traute mich immer noch nicht heraus.

In der Mitte des weißen Resopaltisches stand eine schlanke weiße Vase, darin eine weiße Lilie, die Botschafterin des Todes und beinahe schon mumifiziert, solange hatte Tom diesen Raum nicht mehr betreten. Ich musste pissen. Ich lief hin und her, drückte mein Geschlecht wie ein kleiner Bub, verdammter Mist. In der Zimmerecke entdeckte ich leere Milchflaschen. Nicht dass Tom wirklich aus ihnen getrunken hatte, sie dienten lediglich als Zierde wie alles in diesem unwirklichen Raum.

Ich setzte die Flaschen nacheinander an und ließ sie seufzend volllaufen. Vier halbe Literpullen, alle randvoll. Wäre Lenas Mutter oder Dascha in diesem Moment hereingekommen, es hätte richtig Geschrei gegeben, Operette: DA PISST EINER! Ich machte die fünfte Pulle halbvoll. Irgendetwas stimmte nicht, da fiel es mir auf: das Gelb. Es störte.

Und Scheißen musste ich auch. Ich überschlug die rechnerische Wahrscheinlichkeit, einen weißen Stuhlgang hinzubekommen, der sich der Umgebung unauffällig angepasst hätte, und entschied mich gegen einen Ausscheidungsversuch. Nichts zu machen, was das betraf, mußte ich mich zusammenreißen. Lena würde aber kaum vor vier Uhr zurück sein. Was sollte ich tun? Mich stellen? Dazu war es schon zu spät: Vier Milchflaschen voller Pisse und eine fünfte halbvoll, an diesem geweihtem Ort? Unmöglich.

Es begann lecker nach Mittagessen zu riechen. Spargel. Als Kind hatte ich beim Spargelessen immer das Gefühl gehabt, ich würde ein weißes Pony reiten, was mich nun irgendwie beunruhigte. Ich hörte die beiden Frauen zwischen Küche, Wohnzimmer und Balkon hin und herlaufen, pausenlos schnatternd. Ich musste auf meine Chance warten. Sie würde kommen.

Im Bad wurde Wasser eingelassen. Dascha ging baden. Dascha badete jeden Tag. Danach würde sie schwere süße Öle auftragen und ihr Gesicht einer Sonderbehandlung unterziehen, mit allerlei Zaubermittelchen - umsonst.
"Zieh nicht so ein Gesicht", hatte ich sie mal aufgezogen, "du hast keins", worauf Dascha nach reiflicher Überlegung ("Wie hat er das gemeint, Lena!?") beschloss, mir niemals zu verzeihen.

"Lena sollte ihn sausen lassen..", bekam ich im weißen Zimmer einen Satzfetzen mit, aus Daschas Mund. Dämliche Schachtel. Puffotter, blöde. Das einlaufende Badewasser wurde abgedreht, und Dascha rutschte stöhnend und stinkend in die Wanne. Das war meine Chance. Dascha im Bad, die Mutter (hoffentlich) auf dem Balkon, eine Zigarette rauchen. Jetzt raus hier, den Rest des Korridors entlang, und leise die Etagentür aufziehen - zur Freiheit, zur Sonne!

Die Mutter machte einen Strich durch die Planung. Während Dascha im Bad eine zerstörte Version von "Fly, Robin, fly" pfiff, kehrte sie in die Küche zurück, wo sie Kartoffeln zubereitete, und da die Küche gleich neben der Eingangstür lag, war der Fluchtfisch gegessen. Dazu wurde Spargel gereicht.

Und jetzt? Ich startete seufzend Toms weißen Dual-Plattenspieler, setzte die weißen Kopfhörer auf und hörte ein Stück von Charlie Parker. Von sämtlichen Platten hatte Tom die Cover entfernt, sie steckten in den weißen Innenhüllen. Ich mochte Charlie Parker und Be Bop nicht besonders. Be Bop war für mich wie dicke Knäuel Elektrodraht im Kopf. Chet Baker hingegen mochte ich gern, Musik vom dünnen Trompeter. Das war Jazz, wo das Holz mitarbeitet. Dunkle Sachen, voller Baumblut und Seele.

Allmählich verwirrte mich das viele Weiß im Zimmer, erste Aufallerscheinung: ich wollte mir mit einer weißen Schere Feuer geben. Verflucht. Ich mußte mich irgendwie beschäftigen bis es vier Uhr war.. Es gab ein bestimmtes Stück von Charlie Parker, hinter dem ich lange vergeblich hergewesen war. Kein Be Bop, sondern eine mit Orchester eingespielte Nummer, die geradezu verwunschen klang, wie aus der Brombeerhecke gefallen und von Jazz-Puristen als böser Ausrutscher diffamiert.

Wenn es stimmte, dass Toms Charlie Parker-Sammlung komplett war, musste logischerweise auch dieses eine Stück darunter zu finden sein. Ich ließ mich auf dem Flokati nieder, Spargelgeruch in der Nase und jede Menge Zeit in diesem weißen Irrenhaus. Bis vier Uhr mindestens. Bis Lena kam.

Mit Schneeblindheit hatte ich jetzt nicht gerechnet.
25.3.10 10:16
 



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