Solingen ist ein eher düsteres Pflaster, wo die Ortschaften Rüden heißen, Teufelsinsel und Werwolf. Der Kölner Komiker Konrad Adenauer nannte die Stadt einst das Sibirien Deutschlands. Der Menschenschlag ist verschroben, geheimnisvoll und mißtrauisch. Und ein bißchen zurückgeblieben.
Gebell von fernen Höfen empfing von jeher alle Fremden, aus gutem Grund: es konnte ja die Gendarmerie sein. In den verstreuten Tälern und dunklen Hofschaften hatte sich steckbrieflich gesuchtes Gesindel breit gemacht, das aus den großen Städten am Rhein geflohen war und sich dort nicht mehr blicken lassen konnte, warum auch immer. Es ist dieses dunkle Erbe, das das Bergische Land noch heute zum unbekannten schwarzen Raucher macht auf der Landkarte Deutschlands.
Wer die Region bereist, ist bald verhext vom welligen Zungenschlag der Einheimischen, nicht umsonst nennt man das Bergische Land die Knautschzone des deutschen Dialekts, nirgends sonst wird auf engstem Raum so viel verschiedenes Platt gesprochen.
Die Landschaft ist verheißungsvoll englisch und brombeerprall, aber auch dunkel und einsam. Die Bushaltestellen tragen Namen wie Jammertal, und gleich die nächste Ausstiegsmöglichkeit heißt:
Hoffnung.
*
Wenn abends eine Lesung ansteht, muss ich mich schon mittags räuspern: da ist ein Berg von Geschichten vor mir, welche soll ich nehmen, das sind dreihundert. Die neueste Geschichte drängt sich auf, weil ich stets der Überzeugung bin, dass die neueste die beste ist. Meist einige ich mich kurz vor der Lesung auf einen inneren Zirkel von 10-13 Stories, packe sie in den Ordner und lasse es drauf ankommen, wie die Stimmung am Abend ist.
Die letzten Male ist es daneben gegangen. Falsche Geschichten eingepackt, (die neueste, ein Reinfall), nicht ins Lesen gefunden, scheiß Publikum. Es steht und fällt mit dem Publikum. Wenn die Stimmung gut ist und neugierig und aufmerksam, funktionieren auch falsche Geschichten. Hat man dann noch die richtigen eingepackt, kann es ein Abend werden, der als Bombe in Erinnerung bleibt. Granate, Kampfmittel. Als würde man Minen räumen und die Zuhörer halten den Atem an, ob ich die Zunge falsch setze und den Zünder auslöse und alles in die Luft lese.
*
Morgens um acht ist zunächst mal der Hund an der Reihe. So beginnt noch jedes Tagesgeschäft.
"Die Moll ist total verfilzt und dreckig", meint die Gräfin, "die sieht aus wie ne räudige Straßennutte."
"Cool", sag ich.
Der Hund bleibt zuhause.
*
Auch wenn ich an diesem Abend nur als kleine Überraschung fungiere, als 15 Minuten-Gimmick, ich bin nervös. Mit einer Vernissage wird die Ausstellung der Gräfin in einer großen Gemeinschaftspraxis von Zahnärzten in
Hilden eröffnet, einem Vorort von Düsseldorf. Ich hab vier Geschichten eingepackt, darunter
Zahnarztstory No.1, in der sich ein Angstpatient in die Hosen scheißt. Ich kann nicht anders. Authentisch kommt immer gut.
*
Wir können nicht anders. Aber wer sich so authentisch abschottet wie die Gräfin und ich in den letzten Jahren und dann innerhalb kürzester Zeit mehrfach unter Publikum gerät, fühlt sich wie von sämtlichen Vampiren der Welt befallen und ausgesaugt.
Man selbst ist natürlich auch nur Vampir, der andere Menschen bis auf den Grund der Seele aussaugt.
Man selbst ist auch nur Leute.
*
Die Initiatorin der Ausstellung, Frau Dr. Dennecke, flattert im bonbonfarbenen Kostüm durch die Gänge und besitzt ein aufgeschlossenes Naturell. "Verdammt! Da muß es doch mehr geben im Leben als nur langweilige Zahnarztsachen", scheint ihr Antrieb zu sein, in der Praxis (7 Zahnärzte!) regelmäßig Bilder der verschiedensten nationalen Künstler zu hängen.
Ihre Ansprache ist kurz und warmherzig, sie folgt dem Motto: "Susanne Eggert, Sie sind mir ja eine!"
Damit liegt sie im Bereich von Gold.
Applaus.
*
Fünfzig Menschen sind gekommen an diesem Abend Anfang März, darunter auch Teile der zahlungskräftigen, privat versicherten Implantat-Kundschaft, die auf ihrem italienischen Schuhwerk zutiefst gelassen die Bildergalerie der Gräfin abstreift. Aber auch Teile von unsereins, die ihre Tage eher damit verbringt, finanziell über die Runden zu kommen, was ja auch seinen Reiz hat, (man beachte nur gealterte Unternehmer, wie sie beim Plaudern über entbehrungsreiche Gründerjahre ins Schwärmen geraten, mit einem Leuchten in den Augen,"..und was ist mir geblieben..? Geld.. Bloß Geld.."), auch unsereins latscht die Bilder meinungslos ab.
Aber vielleicht höre ich auch nur schlecht. Kann auch sein. Ich guck nicht richtig.
Das sowieso.
*
"Sieben Zahnärzte", staune ich, "da kann der eine Zahnarzt doch gar nicht immer wissen, ob der andere Zahnarzt zuhause ist oder nicht."
*
Ich habe zunehmend das Gefühl, ich werde es nicht los, da scheint was dran zu sein: Die Menschen machen lieber Urlaub und kaufen fette Plasmafernseher statt zu arbeiten, statt GERNE zu arbeiten. Überall funktionieren die einfachsten Sachen nicht mehr, weil die Leute ihre Arbeit nicht mehr gerne verrichten.
Da steh ich nach der schönen Ansprache von Frau Doktor am Designer-Stehtisch, lege den Ordner mit den Texten ab und will vorm Lesen noch schnell das tun, was Menschen schon immer getan haben, wenn sie am Stehtisch standen, nämlich sich mit dem Ellenbogen aufstützen, und was passiert? Die Tischplatte, graues Hartplastik, gibt etagenweise nach und rutscht tiefer bis sie in Höhe des Bauchnabels, vierte Station, endlich einrastet, mit einem trockenen Schabuck!
Das Publikum, genauso überrascht wie ich, lacht auf und ist schon auf meiner Seite, bevor ich auch nur ein Wort gelesen habe.
"Ungewollte Stand-up-Comedy", urteilt die Gräfin später.
Kann man mal sehen, wofür Designermöbel so alles gut sind, außer zum Aufstützen, wie es früher mal war, als es noch Schreiner gab, die ihre Arbeit lieb hatten.
*
"Die hat wenigstens ein Geheimnis."
Die Gräfin meint die Gastgeberin, die gleichzeitig wie ein Schmetterling herumflattert und sich angenehm zurückhält.
"Die meisten Leute können ihre Geheimnisse ja gar nicht schnell genug loswerden."
*
Der Fotograf reicht der Gräfin so schwungvoll die Hand, als wolle er Schnick-Schnack-Schnuck mit ihr spielen. Von Stund an war der Kerl für sie gelaufen.
Zwei Fotografen der lokalen Presse sind anwesend, der erste nervt kolossal. Er stellt die ganz dämliche Frage. So:
"Was hat die Künstlerin sich dabei gedacht?"
"Na, nichts. Ich bin ja froh, wenn ich mal nicht denke", antwortet sie genervt. Und sie ist kein Animateur für ihre Kunst, sagt sie.
Na, doch.
*
"Die Menschen sind aber auch zu dämlich."
"Wir sind doch auch Menschheit."
"Ja, das macht die Sache ja so unerhört."
*
"Überall, wo Menschen zusammenkommen, bewegt man sich wie in einem Staat. Es gibt Herrscher, es gibt Untergebene, es gibt Außenseiter und Narren, es gibt Polizisten", sagt sie.
"Wer sind denn hier die Polizisten?" frag ich.
"Die Leute mit dem seltsamen Blick: Wie kann die es wagen, so anders zu sein, so.. frech."
*
Sie ist sauer, weil auch der zweite Fotograf sie in Positur zwingt, unter einem ihrer Ölbilder. Lächeln auf Kommando ist nicht ihr Ding. Sie zerrt den Mund in entgegengesetzte Richtungen, und damit muß es gut sein.
*
Danach nehme ich sie nur noch aus den Augenwinkeln wahr, sie ist meist umringt von irgendwelchen Gesichtern. Ich unterhalte mich mit meiner Schwester. Sie ist müde und muß ins Bett. Es war ein anstrengender Tag. Ein strahlend schöner Tag. Kühl und voller Sonnenschein.
Vielleicht hätte ich unmittelbar vorm Lesen keinen doppelten Espresso trinken sollen, der klebte in der Backentasche.
**
Neues aus der mystischen Bilder-Werkstatt in
Nordafrika 1,2,3*
Neues vom Sterben in
Halte durch, kleines Mädchen