Samstag, 13. März,
in der Rakete, Wuppertal, 20 Uhr: Der Stille Teilhaber, Punk, und Glumm, der Mann mit dem Notizbuch.

"Schreibste noch im Internet?" fragt Leon, den ich zufällig im Kotten treffe, wo ich mit dem
Stillen Teilhaber sitze und ein Bier trinke.
Ich nicke.
"Ja, sicher."
Leon überlegt.
"Wie heißt die Seite nochmal..?" Sein grüner Jägerhut liegt vor ihm auf dem Tresen. "Irgendwas mit Dackelfüßen oder so? Nee, wah?"
Er überlegt angestrengt, die Augen zugekniffen wie auf der Pirsch, kommt aber nicht drauf.
"Fünfhundert Beine", helfe ich nach.
"Ja, verdammt! Fünfhundert Beine, genau!" Seine Faust saust auf den Tresen. "Wusst ichs doch!"
*
Eigentlich sind wir vorm Cafe del Sol verabredet, der Der Stille Teilhaber und ich, nachmittags um vier. Da steht er, ein Punk Mitte Vierzig. Die wenigsten Punks, die in die Jahre kommen, kleiden sich noch klassisch, sie bleiben Punks im Herzen, es ist das Blut, das brodelt und bleibt, und lärmt.
Montagmorgens sehen wir uns regelmäßig im Bus nach Gräfrath, wo ich was beim Doc zu erledigen habe und er seine Tochter in den Kindergarten bringt. Wenn er Haltestelle Industriestrasse zusteigt, die Tochter auf der Schulter, die den Kopf einziehen muß, könnte er auch direkt von einer Prêt-à-porter-Show kommen, wo die neueste Konfrontation gezeigt wird: feines Tuch, Schiebermütze, Päckchen Tabak.
Und nun wartet er also nachmittags um vier vorm Cafe del Sol und raucht auf Vorrat. Eigentlich kennen wir uns nur aus dem Bus. Er sieht ein bißchen unwirsch aus.
"Wir müssen ja nicht da rein", grüße ich, weil der Vorschlag von mir kam. Ich wollt mal irgendwo rein, wo ich noch nie gewesen bin. "Wir können ja woanders hin."
"Wie wärs mitm Kotten?" sagt er.
"Sicher. Nur zu."
Wir überqueren den zugigen großen Graf-Wilhelm-Platz. Da ist etwas an seinem Gang, hinter das ich noch nicht so recht gestiegen bin. Etwas leicht versehrtes, vorsichtiges, andererseits federt sein Schritt. Ein Solist. Er schrammelt elektrische Punk-Gitarre, baut Melodiebögen ein und singt ausschließlich selbstkomponierte Songs auf deutsch, plus ein Cover. Seine Songs heißen "Auf die Kette" und "Komma nichts". Er spielt ohne Band im Rücken.
Wären wir uns als Kind begegnet, wir hätten uns vermutlich gut verstanden. Jeder hätte vor sich hingepröckelt im Sandkasten, ohne großes Hickhack ums Förmchen. Zwei ruhige, in sich gekehrte Kids, in die eigene Welt abgeraucht. Und mit 19 hätten wir gemeinsam Pilze gefressen.
Der Kotten ist eine harte Trinkerkneipe, die verrufenste in der ganzen Stadt, gleich hinterm Stahlhof, den es nicht mehr gibt, und dem Stonns, den es schon lange nicht mehr gibt. Die gradlinig grimmige Möblierung und die Wandkacheln würde jedem Kiez gut zu Gesicht stehen, genauso wie das Publikum aus Dachdeckern und Gerüstbauern und deren Bosse. Es gibt einen Haufen Kurzarbeit und einen Saal mit kleiner Bühne, wo Karaoke-Abende stattfinden und drei, viermal im Jahr Punk-Konzerte; an solchen Abenden vermischt sich das Publikum und es gibt schon mal was aufs Maul.
Apropos Punk: 1978 landete ich mit Freunden im Ratinger Hof in Düsseldorf. Keine Viertelstunde, und es gab Ärger. Nicht im Ratinger Hof selbst, sondern draußen vor der Tür, wo der eigentliche Brennpunkt jeder wirklich gelungenen Kneipe ist. Zum Glück war es genau die Art Schlägerei, wie ich sie aus Solingen kannte, wo 16jährige Zündapp-Lümmel gerade die Sharks, eine Rockergang, gegründet hatten: WILDSEIN war erste Bürgerpflicht, wer nicht wild war, war tot. Ich fühlte mich gleich zu Hause vorm Ratinger Hof und versteckte mich hinter meiner großen Klappe. Wir versteckten uns alle hinter unserer großen Klappe. Ein gutes Versteck. Niemand bekam je eine Schramme ab.
Der Stille Teilhaber etwa hat bis heute einen einzigen Hexenschuss erlitten, da war er 25. Nach einer Diclofenac-Spritze vom Notarzt war die Sache gegessen, während ich insgesamt zwei Bandscheibenvorfälle, ein zur Hälfte taubes Schienbein und krumme Beine vorzuweisen habe. Ich sag das nur, um zu verdeutlichen, dass ich noch nie einen Punk getroffen hab, der, egal in welchem Entwicklungsstadium er sich befindet, eine Rückenschule besuchen musste.
"Du kennst übrigens meine Freundin", sagt er beim Bier. Bislang tauchte sie in unseren Gesprächen kaum auf. Ich weiß nur, dass sie die Mutter seiner Tochter ist.
"Sie hat mal ne Weile über euch gewohnt."
Ich guck ihn an.
"Mit Katze?"
"Ja."
"Doch nicht die Coco?"
"Doch."
"Die Coco, ha, gibts doch nicht."
Coco kenne ich nicht nur als Nachbarin, die einen Kater namens Kasimir hatte, der oft zu uns runterkam, aber nie über Nacht blieb, ich kenne sie noch aus uralten Zeiten im Mumms.
"Sag mal, wie lange wohnt ihr eigentlich schon da unten?" fragt Der Teilhaber, "am Kannenhof?"
"Ende 86. Erst hab ich da mit Karlos gewohnt, und als der ausgezogen ist, war ich ein Jahr alleine. Dann zog die Gräfin ein, 1990."
"Das sind fast fünfundzwanzig Jahre", sagt er. "Wollt ihr da sterben?"
"Vermutlich. Ja."
Dann erzählt er, dass mal ein Freund von ihm, der Hennes, gleich gegenüber unterm Dach wohnte.
"Wir standen am Fenster und haben dich da hergehen gesehen. Wir wussten, dass du schreibst und irgendwie einen Literaturpreis gewonnen hattest und fragten uns, was ist das fürn Typ? Was macht der eigentlich?"
Frag ich mich auch. Leon kommt zur Türe rein. Er nimmt seinen Filzhut mit der schwarzen Kordel ab und bestellt ein kleines Bier. Erst bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich Leon ist, das Licht ist schummrig und er hat sich die schummrigste Ecke des ganzen Kotten ausgesucht, außerdem hab ich ihn seit Jahren nicht gesehen.
Ich grinse versuchsweise in seine Richtung, er grinst zurück.
Ich geh rüber.
"Leon..", sag ich.
"Hallo", sagt er.
Leon hat mal an einem Roman geschrieben, der sich als unendliche Versuchsanordnung entpuppte und bis heute darauf wartet, aus seinem Kopf entlassen zu werden in die Welt der Drucksachen, "Der Patientenplanet".
Wir unterhalten uns ein paar Halbsätze lang, er bleibt merkwürdig verhalten, so kenne ich ihn nicht, na schön, die Leute ändern sich, denk ich, doch plötzlich dreht sich Leon vom Tresen weg und schlägt mit der flachen Hand gegen die Wandkacheln.
"Jetzt weiß ich, wer du bist - der Andreas Glumm..!! Ich kack ab!"
Er lacht so laut, wie er schon immer gelacht hat: als wäre er der lauteste Patient von allen. Der allerlauteste. Der Chefpatient. Mit Jägerhut.
"Mann, siehst du jung aus..!"
Am dunkelsten Ende des Tresens erfahre ich dann Sachen, von denen man nichts mitkriegt, wenn man sich aus der Szene verabschiedet hat. Wenn man zwar weiterhin in der gleichen Stadt wohnt, aber innerlich fortgezogen ist. So erfahre ich, dass die Frau vom Joker letztes Jahr an Krebs gestorben ist. ("Aber dass die Frau vom Joker tot ist, weißt du schon..?") Dass die (neue) Frau von Benzini eine Apothekerin ist mit eigener Apotheke, dass der dicke Hansen eine Weile in England gelebt hat, aber mittlerweile schon über ein Jahr wieder in der Stadt ist, so Sachen.
"Und du?" meint Leon. "Schreibste noch im Internet? Wie heißt deine Seite nochmal..? Der Joker liest die immer und Benzini.. Moment, ich komm gleich drauf.. Ich habs auf der Zunge. Irgendwas mit Dackelfüßen? Nee, wah!?"
*
Was alles passieren kann, wenn man in Wuppertal liest, der Stadt mit den meisten Treppen in Deutschland und dürren blonden Hooligans in der VHS:
Zuckerplätzchen**
Im Anschluß
Santa Esmeralda