Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Karriere
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Andreas Glumm
   Blogroll
   Citronenbusen
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de



 
Tinnitus - Innen und laut

Samstagabend spielten Blowbeat in der Libelle, einem Nachtclub in Gräfrath. Blowbeat, für ihren druckvollen lauten Beat bekannt, kamen aus Holland, wo sie mehrfach zum besten Live-Act des Jahres gewählt wurden. An der Leadgitarre stand Schnaat, einziger Nicht-Holländer und Freund von mir, und so drängelte ich mich trotz schwerer Erkältung bis nach vorn an die Boxen, wie ein Groupie fast, ein Groupie mit Freikarte.

Seine Soli funkelten. Er raste auf einen bestimmten Punkt zu, und wenn er ihn erreicht hatte und man gespannt war, wie er in den Song zurückkehren würde, raste er weiter. Der Mund verzerrte sich, wurde roh und gemein. Ein Verbrecher, der an der Rififi-Gitarre die Zuhörer über die Dächer der Großstadt zerrte; er trug spitz zulaufende Lackschuhe. Dabei war Schnaat ein eher zurückhaltender Mensch. Mit Esprit und Witz, aber scheu.

Sonntagmorgen wurde ich wach und es jaulte und fiepte in meinem Schädel, als hätte ich unter einem Starkstrom-Mast campiert. Ich saß aufrecht im Bett und raufte mir die Haare, versuchte den Ton aus dem Kopf zu kriegen, zu verjagen, ihn mit der flachen Hand herauszukicken, aber es half alles nichts, der Pfeifton blieb. Ich hatte einen Wasserkessel in den Ohren, der bei konstant niedriger Hitze vor sich hin flötete.

Ich ging in die Stadt, damit der Verkehrslärm das Gejaule und Gefiepe überlagerte. Mitten auf dem Zebrastreifen blieb ich stehen und steckte den Finger ins Ohr. Ich wollte hören, ob das Geräusch noch da war. Es war noch da. Es ging nicht weg. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten Tag. Jeden Tag hoffte ich, dass die Aufregung sich legen würde, dass jemand den Kessel von der Herdplatte nahm und wieder Ruhe einkehrte. Die Vorstellung, dass es von nun an so bleiben würde, trieb mich zu einem Ohrenarzt am Neumarkt.

"Kein Wunder", meinte er mit Blick durch das Otoskop, "da ist so viel Ohrenschmalz drin, das habe ich lange nicht gesehen. Ein Wunder, dass Sie überhaupt noch was hören."
Er packte die große Gummispritze aus und forderte mich auf, stillzuhalten und die Knie zusammenpressen.
"Den Schuh wegen mangelnder Hygiene brauchen Sie sich nicht anzuziehen", meinte er wohlwollend, doch solche Schuhe trug ich eh nicht. "Manche Menschen produzieren Ohrenschmalz im Überfluss. Zu denen gehören Sie offensichtlich."

Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass ich schwer erkältet auf einem Club-Konzert gewesen war, doch der Doktor, ein Kauz mit großen rosigen Patschehändchen, hörte gar nicht richtig hin, so sehr war er in seinem Element. Ein Ohrenarzt mit Leib und Seele, Hals und Nase, und der Mitarbeiterin.
"So, jetzt nicht erschrecken, junger Mann.."
Warmes Wasser schoss mir ins Ohr und hinterließ ein Gefühl, als wäre ein Staudamm gebrochen, der alles überflutete.
"He! Stillhalten! Ist gleich vorbei."

Klebriges rötliches Sekret landete in der Petrischale. Der Doktor zeigte mir den Fang. Es sah nicht gut aus. Auch die Mitarbeiterin verzog das Gesicht.
"Fast wie Schaschlik?" versuchte ich unsicher einen Scherz.
"Ja", schwitzte er und wiederholte die Spülung zweimal, dann erst war er zufrieden. "So. Jetzt müssten die Ohren wieder frei sein."
Ich stand auf, machte einige Schritte durchs Behandlungszimmer. Es fauchte aus meiner Nase, es war das Fauchen eines wilden Tiers.
"Besser jetzt?" fragte der Doktor.
"Weiß nicht.."
Die Worte klangen gleißend und hell, wie von der Rasierklinge auf die Zunge gehoben.

Irgendwie fühlte ich mich vergewaltigt. Gestückelt. Auf der Strasse verfolgte mich ein Rasseln, ich drehte mich genervt um, doch hinter mir war niemand. Es dauerte seine Zeit, bis mir endlich aufging, dass es nur einige lose Münzen in meiner Gesäßtasche waren, die beim Gehen klimperten.
Ich machte, dass ich nach Hause kam, schloss die Fenster und legte mich aufs Bett. Ich brauchte Ruhe, Stille. Was da alles zu hören war. Ich hatte in einer abgeschirmten Welt gelebt, und nun war der Schirm weg. Der Schmalz. Sogar den alten Mann, der im Haus gegenüber im Hobbykeller leichte Laubsägearbeiten ausführte und in sein Taschentuch schneuzte, das er zuvor aus dem Blaumann gefischt hatte, konnte ich hören. Durchs geschlossene Kellerfenster. Thermopane. Es waren empfindlich laute Tage damals, im Herbst 1989, als woanders die Mauer brach, plus all dem Gejubel.

Einziger Effekt der Ohrspülung: das Gejaule und Gefiepe kam klarer und heller als je zuvor, nun, wo der Schmand fort war, meine private Rauschunterdrückung, mein Dolby-System. Am heftigsten war es in der Nacht. Stunde um Stunde lag ich wach und konnte nicht einschlafen. Manchmal wußte ich nicht, ob es wirklich im Ohr fiepte oder ob ich es mir nur noch einbildete. Ich steckte den Finger ins Ohr und versuchte den falsettartigen Ton zu isolieren. In der engen Schnecke. Rief ich zum Duell. Nur ich und die Sirene, die ohne Unterlaß zur Pause rief. Aber die Pause kam niemals. Die Fistelstimme arbeitete unentwegt. Die verfluchte Kastraten-Staffel. Ich hatte keine Chance. Getroffen sank ich in den Staub. Und blieb wach dort liegen.

Wo andere Leute ein Nervenkostüm hatten, stand bei mir der Kleiderschrank offen, darin lauter lose Flicken. Der fehlende Schlaf machte ein Wrack aus mir. Ich trank keinen Alkohol mehr, rauchte kaum eine Zigarette. Ich ließ das Kiffen sein und schnappte mir unseren Hund, einen jungen freundlichen Collie-Mischling, und machte riesige Märsche durch Solingen und die Wupperberge. Um die Durchblutung zu fördern, wie die Gräfin mir riet. Um dem Nest zu entrinnen, sagte ich. Dem lauten Nest in meinem Kopf.

Manchmal waren der Hund und ich den ganzen Tag unterwegs. Wir landeten in Autobahnraststätten und dunklen vergessenen Hofschaften mit Namen wie Hoffnung und Jammertal und Habichtshöhe. Uns begegneten verbissen dreinschauende Jogger, deren linkes Auge blutunterlaufen mitlief, wir rochen nach Rascheln und nach Wind. Kilometer um Kilometer pure Muskelautomatik - und doch verspürte ich nur den Drang, weiter zu müssen, immer weiter, damit mein Kopf endlich einmal hinterherhinkte.

Abends lag ich mit monströsen Kilometerbeinen im Bett, komplett k.o. und konnte doch nicht einschlafen. Wir stellten das Radio an. Leise, nicht zu leise. Die Lautstärke musste exakt den Frequenzbereich des Ohrgeräuschs treffen, sonst brachte es nichts. Ich war fertig mit den Nerven. Nichts ging mehr. Sex auch nicht. Kaum war ich steif, fiel ich schon zusammen. Mittags besuchte ich meine Eltern. Um halb eins war Mittagessen, eine feste Größe seit den Kindertagen. Ich war auf der Suche nach fester Größe.

Vater erzählte vom ehemaligen Kollegen Vandersee, dem bei einer Knieoperation versehentlich die Hauptschlagader durchtrennt worden war, worauf er fast verblutet wäre - erst in letzter Sekunde wurde er gerettet. Noch beim Dessert wälzten sich Vaters Worte durch mein angegriffenes Nervensystem. Immerzu sah ich seine Hauptschlagader, wie sie pochte und vom aufblitzenden Besteck in meiner Hand attackiert wurde. Sein Blut platzte warm über den Mittagstisch, ich schüttelte mich, schaute schnell zu Mutter hinüber und biss ihr den kleinen Finger ab.

So ging es nicht weiter.
Wieder zum Ohrenarzt am Neumarkt.
"Junger Mann, was ist los? Hat die Spülung nicht geholfen?"
Er hatte nicht nur große Patschehändchen, er war überhaupt von großer und massiger Statur, wie so viele Ärzte. War er eine einzige Trutzburg. Er sperrte mich in eine schalldichte Audio-Kabine, in die er Töne einspielte, in verschiedenen Lautstärken und Höhen. Ich sollte Bescheid geben, sobald der Ton getroffen war, den ich ständig im Ohr hatte. Das Ergebnis war alarmierend, so der Doktor. Schon im Bereich einer chronischen Schädigung. Ob ich erblich vorbelastet sei. Ob es in meiner Familie Fälle von Schwerhörigkeit oder Taubheit gebe.
"Na sicher", sagte ich. "Mein Opa."

Im Jahre 1900 geboren, war er stets so alt wie das Jahrhundert. Ein stämmiger polternder Herr, der mir zum 18. Geburtstag ein Buch geschenkt hatte, mit einem milden Lächeln, das sonst so gar nicht zu ihm passte: Aus dem Leben eines Taugenichts. Dann polterte er wieder los. Weil er dermaßen schlecht hörte, dass man jeden Satz so oder so wiederholen musste, waren Teile der Familie dazu übergegangen, alles gleich zweimal hintereinander zu sagen, die Wiederholung in fetten Druckbuchstaben. ("Fühl mich schon wie ein Revolverblatt"/ Onkel Fitting.)

"Junger Mann, Sie sind auf dem besten Wege zur Schwerhörigkeit", hetzte der Doktor vom Neumarkt und glänzte dabei so speckig und rot, als hätte er mit ins Gesicht gezogener Nikolausmütze einen Überfall riskiert. Ich glaubte ihm kein Wort. Ich war erkältet gewesen und hatte beim Rockkonzert zu lange vorne an den Boxen gestanden und jetzt hatte ich den Salat. Rockkonzert? fragte er. Ja, Rockkonzert, sagte ich. Blowbeat. Ach so, sagte er. Schall-Traumata. Dann haben Sie Tinnitus.

Mit seinen für einen leidenschaftlichen Menschen besorgniserregend laschen Patschehändchen stellte er mir ein Rezept für ein Medikament aus, dass die Durchblutung der Ohren fördern sollte. Ich probierte es aus. Es machte müde. Ich steckte ein Buch ein und ging mit dem Hund spazieren, kam aber nicht weit. Ich las Der Untertan von Heinrich Mann und schlief auf der Parkbank ein, am hellichten Tag im Elefantenpark hinter der alten Badeanstalt. Der Hund wachte über meinen Schlaf. Als ich die Augen aufschlug, stand das Falsettgeschwader im Ohr höher als je zuvor. Am zehnten Tag setzte ich das Medikament ab.

"Geräusche im Ohr, hat doch jeder", meinte Schnaat, als ich ausnahmsweise am sauerstoffarmen Tresen stand. Ich nahm einen Schluck Baldriantee und war mir nicht sicher, ob er das ernst meinte oder ob er mir nur etwas von meinem Drama nehmen wollte. Er kannte mich ja. Er wusste, wie sehr ich mich in etwas reinsteigern konnte und dann so schnell nicht mehr heim fand.
"Jeder hat doch Geräusche im Ohr", sagte er. "Ist doch ganz normal."
"Aber kein stetes Piepen und Gejaule. Ich bilde mir das nicht ein."
"Dann lass mal hören", sagte Schnaat und rückte an mich heran. So standen wir am Tresen, Ohr an Ohr, wie im tiefen Winter, wenn ein Auto dem anderen Starthilfe gibt, gab ich ihm seinen verdammten Strom zurück, vom Club-Konzert.

Das Ende kam rapide. Ich nahm das Ganze nicht mehr so ernst. Das Geräusch. Mich. Einfach so. Begann ich den Schwarm, der seine Runden drehte in meinem Kopf, zu überhören und schickte ihn gen Süden. Raus aus meinem Ohr. Runter da. Es geschah ohne Yoga, ohne Meditation. Kehrte mein Gleichmut zurück, und jemand anderes hatte ihn angefordert.
Nun könnte man ja sagen: warum nicht gleich so? Wenn es doch so einfach war. Angeblich. Hättest du dir ein paar schlimme Wochen erspart. All die Nächte. Aber so funktioniert Biographie nicht. Ich musste erst durchs Chaos hindurch. Bei Dingen, die sich innen abspielen. Innen und laut. Muss man immer erst durchs Chaos hindurch.

Eines Nachts wurde ich wach und ging pinkeln. Ich stand vorm Klo und wunderte mich über die Stille. Ich steckte den Finger ins Ohr, um das Geräusch zu isolieren, doch es war nicht mehr da. Es war weg. Bis auf die übliche Zimmerlautstärke des Universums. Das Grundrauschen. Ich stieg ins Bett und schlief weiter. Ich schlief tagelang. Ich schlief einen halben Monat. Erst mal schlafen.



"Die Anderen", Malerin Eggert (Ölkreide, 2009, 20x30cm)

*
Eine Art Fortsetzung ist Madam Pompadour


**
Außerdem ist ein Schütteln in der Welt. Ein Kopfschütteln.
25.11.09 12:39
 



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung