1
Wir sind Traditionalisten. An Allerheiligen besuchen wir das Grab von Ringo. Es hat keinen Grabstein.
"Bist du sicher, dass es das Richtige ist?"
"Ja natürlich", sagt sie und geht in die Hocke. "Hier sind doch die Heideröschen, wo wir letztes Jahr das Grablicht reingedrückt haben, damit es nicht umfällt."
"Hm, ja", sag ich. "Sicher?"
"Ja. Sicher."
"Dann hab ich letzte Woche am falschen Grab gestanden."
Am 23. Oktober, Ringos zweitem Todestag, bin ich mit dem Hund über den Friedhof spaziert und hab eine kleine Notiz hinterlassen, unter einer losen Steinplatte. Nichts besonderes. Kleinen Gruß an Ringoschetien, wie ich ihn manchmal nannte, wenn wir uns morgens im Zug gegenübersaßen. Ich auf dem Weg zur Umschulung nach Ohligs, er zur Arbeit nach Düsseldorf, wobei ihm nicht selten noch der Heroinrotz aus der Nase lief, eine zähe braune Masse, Spuren der morgendlichen Erstversorgung.
"Mann, Ringo.. mach dir die Schnötte weg", sagte ich. (Die Leuten guckten schon.) Und Ringo? Gehorchte. Putzte sich das Näschen.
"Brav", sagte ich, und Ringo legte nach. Trompetete so unverschämt und laut ins zweite Taschentuch, dass Blutgefäße aufplatzten und keiner mehr guckte.
So war das damals, Anfang 2000, morgens in der Regionalbahn Ringoschetien, einer Republik zwischen Europa, Asien und Düsseldorf. Ein fernes Mohnanbaugebiet, und doch so nah am Herzen. Wir waren beide Junkies damals, aber ich war ins Methadonprogramm gewechselt, Ringo nicht, er hatte keine Lust aufzuhören. Warum auch? Nur weil ein Anderer zufällig aufhörte?
Das falsche Grab liegt nur ein paar Meter entfernt, in der Reihe darüber. Ich könnte den Zettel also unter der Steinplatte hervorholen und zu Ringo rüberbringen. Zum richtigen Ort.
"Ach was, ist doch egal. Hast du eben einem Toten einen Gruß geschickt, den du im Leben gar nicht kanntest", meint auch die Gräfin. "Ist kein Weltuntergang. Vielleicht freut der sich ja."
Sie stellt das neue Grablicht ab, drückt es ins Heidekraut und entzündet den Docht, mit Tränen in den Augen.
"Ach Mist, ich wollte doch gar nicht heulen.. So dicke waren wir doch gar nicht."
"Na, irgendwie schon", sag ich.
"Ja.., irgendwie.."
Wir stehen nebeneinander vor der verschlossenen Grube, Ringos Worte im Ohr, konserviert auf unserer T-Net-Box.
"Hel! Stellt endlich das Nageln ein und hebt den Hörer ab, Onkel Ringo hat was zu verkünden", forderte er mit tiefergelegter Stimme. Und in der Fehlannahme, die T-Net-Box, ein Service der Telekom, funktioniere wie ein normaler Anrufbeantworter, wo man den Hörer mittendrin abnehmen kann, wenn der Anrufer sich als genehm entpuppt, gab er nicht auf und quatschte weiter, minutenlang, breit wie eine Eule, irgendeinen Ringo-Blödsinn, "..und nageln und nageln und nageln und nageln und nageln und nageln und nageln und nageln und nageln..", bis die Box voll war.
Nach seinem Tod hab ich die Aufnahme auf Micro-Kassette überspielt, damit sie nicht verloren geht. Angehört haben wir es uns nicht mehr. Es klang unheimlich, wie aus einer Zukunft, in der Leute nicht mehr sterben. In der sie virtuell weiterleben zwischen all den zu Lebzeiten gespeicherten Videos, Blognotizen, Fotos, Beiträgen in Spezial-Foren, Mailbox-Nachrichten etc. Man ist tot und existiert weiter. Zu tot zum Löschen.
Wir verlassen den evangelischen Teil des Friedhofs, gehen rüber zu den Katholiken. Da ist mehr los. Schon am hellichten Tag brennen viele Dutzend Kerzen und Grablichter, zu Ehren der Toten und ihrer baldigen Wiederauferstehung.
2
"Stell dir vor, Elvis würde wiederauferstehen, geklont aus altem Militärmaterial", sag ich, als wir über die Trasse nach Hause spazieren, und sie leuchtet mich honiggelb an. Wie das Herbstlaub zu unseren Füßen, frisch gefallen, knusprig noch beinahe. "Was glaubst du, was da los wäre. Was eine Karte für seine ersten Las Vegas-Shows kosten würde. The King is back."
Als ich sie 1987 kennenlernte und fragte, welche Musik ihr gefiele, antwortete sie ohne zu zögern: Unterwassermusik und Elvis Presley. Nicht Elvis, Elvis Presley. Das imponierte mir. Besonders imponierte mir, dass sie nicht nur den schlanken jungen Rocker liebte, sondern auch den späteren Rezeptfälscher und strassbesetzten Las Vegas-Elvis, ohne wenn und aber.
"Elvis war meine erste große Liebe", sagte sie.
Als sie an einem heißen Augusttag 1977 von seinem Tod im Radio erfuhr, war sie vierzehn und schluchzte. In diesem Sommer gab es eine Rekordernte Erdbeeren. Erdbeeren, wohin man auch blickte. Ihre Busenfreundin Pia kam zu Besuch. Die Beiden mixten sich kühle Erdbeer-Shakes und saßen in der Hitze auf dem geteerten Garagendach und hörten Elvissongs, die von den Radiosendern rund um die Uhr gespielt wurden. Der King war tot.
"Aber dann müssen sie auch Elvis' Mutter wieder auferstehen lassen", sagt sie. "Elvis hat seine Ma doch so sehr geliebt und verehrt. Und Peter Sellers gleich mit, ja, der muss auch wiederauferstehen."
"Wieso ausgerechnet Peter Sellers?"
"Weil Elvis doch so gelacht hat, wenn ein Film mit Inspektor Clouseau lief. Und Elvis hatte so eine schöne Lache. So breit und ausgelassen platzte es aus ihm heraus."
"Na logisch. Mit so einer Stimme kann man ja nur eine schicke Lache haben."
Mit Hound Dog gelang Elvis die vielleicht wildeste Rock'n Roll-Nummer aller Zeiten. Wie ein durchgeknallter Bodenturner hab ich mich als Teenager gegen die Wände unseres Kinderzimmers geschleudert, wenn mitten in Hound Dog der Trommelwirbel kam, wie eine Serie Platzpatronen. Und schon damals hatte der Song fast zwanzig Jahre auf dem Buckel.
Selbst heute noch, wenn in einem Film Hound Dog kurz angespielt wird, schleudere ich mich voller Verachtung gegen die Wand, allerdings bleib ich mittlerweile dabei im Bett liegen. Ich bin dem Kinderzimmer nie wirklich entwachsen. Scheiß Berufsjugendlicher. Aber schön ist es doch.
Aber das allerschönste kenne ich nur vom Hörensagen, aus ihren Schilderungen: Elvis und sein berühmter Lachanfall. Es geschah live auf der Bühne, mitten in Are you lonesome tonight im Hilton International, Las Vegas.
Im Publikum, erste Reihe, saß eine Dame mit Turmfrisur und hoher Stimme, die jedes Wort laut und frenetisch mitsang. Bei der Zeile Are you sorry we're drifting apart kippte ihre Stimme fast ins Hysterische um, worauf Elvis sich gar nicht mehr einkriegte und der ganze Saal in sein Lachen einfiel und mitprustete.
Ich hab die Aufnahme zwar nie gehört, aber so oft erzählt bekommen, dass mir so ist, als hätte ich sie hundert Mal gehört, und so ist es ja auch richtig. So soll es sein, mit Mythen und Legenden. Man ist ja selten bis nie dabei, wenn Gott die zehn Gebote ausruft.
Eine Weile waren wir richtig hinter dem Song her, haben sogar Flohmärkte abgeklappert. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, über die Deutsche Elvis Presley-Gesellschaft rauszukriegen, auf welchem Album die Nummer ist, aber das war es irgendwie nicht. Wir haben den Song bis heute nicht aufgetrieben, und mittlerweile wollen wir es auch nicht mehr.
Es ist viel schöner, mit der Ahnung von Schönheit durchs Leben zu spazieren als der Schönheit selber zu begegnen. Das weiß man doch. Es ist wie mit dem Träumen. Den ganzen Tag läuft man mit dem Geschmack eines Traums durch die Gegend, bis am Abend nur noch ein letzter Kitzel übrig ist, eine flüchtige süße Unkenntnis, oben am Gaumen. So soll es sein.
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Unter dem Stichwort "Literatur im Netz" werden vom
Deutschen Literaturarchiv Marbach 500beine und einige andere deutschsprachige Weblogs langzeitarchiviert. Nur mit den Illustrationen und Fotos tut man sich noch schwer.
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Ich glaube nicht, dass es passiert, wenn man daran denkt. Es passiert, wenn
man nicht daran denkt. Denke ich mal.
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"Der blasse Herr mit Himbeeraugen" in der
Blogbibilothek.