Zum Turmcenter, 1969 von einem Konzern mit Sitz in Essen gebaut, gehörte nicht nur das Hochhaus inklusive Turm-Hotel sondern auch Deutschlands erste unterirdische Ladenpassage, ein großes Warenhaus und eine Tiefgarage. Es gab einen Hausmeister, einen Hauswart und einen Haus-Inspektor, alle drei hatten eine Dienstwohnung in dem vierzehnstöckigen Gebäude.
Der Hausmeister war kaum zu sehen. Er erledigte seinen Job wie nebenbei. Es gibt Menschen, die werden von ihren Müttern wie nebenbei geboren, sie führen ein Leben wie nebenbei und wenn es soweit ist und sie unter die Erde kommen, ist der Himmel eher Nebensache. Der Hauswart war ein Einfaltspinsel. Wenn Einfaltspinsel einen Job ergattern, der ihnen ein Minimum an Macht garantiert, blühen sie auf. Sie stolzieren mit konsequent durchgedrücktem Kreuz durch die Gegend, als hätten sie jederzeit gut geschissen, und wenn sie einem die Tür aufschließen sollen, rasseln sie eine Viertelstunde mit dem Schlüsselbund bis sie endlich den richtigen Schlüssel gefunden haben. Blieb noch der Haus-Inspektor. Der machte nicht viel Worte, hatte stets ein waches Auge auf mich und schritt in grüner Kniebundhose, Kniestrümpfen und Wanderschuhen durchs Gebäude. Er war mir unheimlich. Er war groß und stabil und er hatte diesen Dobermann. Der trug zwar einen Maulkorb und wurde an der kurzen Leine gehalten, doch das machte es nicht besser. Im Gegenteil. Was ist durchgeknallter als ein Dobermann mit Maulkorb, der von seinem neurotischen Herrchen, einem Inspektor, an der kurzen Leine durchs Haus gezogen wird.
An meinem ersten Tag als Kofferträger hievte ich frühmorgens das Rad aus dem Keller und rollte bergab in die City, eine Melodie für den modernen Pagen flötend. Auf dem großen freien Platz vorm Turm-Hotel stand ein Reisebus mit holländischem Kennzeichen. Die Amerikaner winkten mir zu. Sie waren ein paar Stunden zuvor in Schiphol gelandet und freuten sich auf the Heart of Europe in 10 Days.
Bob, der Geschäftsführer, drückte mir ein Stück Kreide in die Hand und demonstrierte mir, wie ich das Gepäck zu numerieren hatte. "Danach schleppst du die Koffer in einen der Aufzüge", Bob deutete zum Eingang, "und lädst sie auf den einzelnen Etagen vor den Zimmern ab. Hier die Zimmerliste. Wenn du nicht klarkommst, ich bin an der Rezeption, elfter Stock."
Ich beschriftete alle 46 Koffer und Reisetaschen und brachte sie zum Lift. Baute sie neben- und übereinander, bis kaum noch Platz war im Aufzug. An den Kofferanhängern hingen Adressen aus New York, Chicago, Alabama, Louisville/Kentucky. Plötzlich flog die Tür zum Treppenhaus auf. Ein stattlicher Mann, Kniebundhose, grüne Jacke, Hütchen, betrat das Treppenhaus und herrschte mich an: "SO GEHT DAS NICHT, STUNDENLANG DEN AUFZUG BLOCKIEREN!!" Ich hatte die Lichtschranke mit Klebeband unterbrochen, damit der Lift nicht vom Fleck kam, wenn er angefordert wurde. Wie sollte es sonst funktionieren, wollte ich mich verteidigen, doch der Oberförster fletschte nur die Zähne. "Wir sehen uns noch", knurrte er und verschwand im Treppenhaus.
Ich stopfte die letzte der 46 Reisetaschen in den Aufzug, quetschte mich rein und drückte 11. Etage, wo ich mit dem Entladen beginnen sollte. Es tat sich nichts. Natürlich nicht. Wie auch. Da war noch Klebeband, ich entfernte es aus der Lichtschranke und die Tür schob sich zu. Sonst tat sich nicht viel. Eigentlich gar nichts. Ich drückte nochmal die 11. Etage, nichts rührte sich. Ich drückte alle Tasten auf einmal. Nichts.. nichts! Verdammt! Panik ergriff mich. Da waren fast 50 über-und nebeneinander gebaute sich drängelnde Gepäckstücke und ich wie ein Hering davorgequetscht. Ich konnte mich kaum bewegen. Vielleicht ist das scheiß Ding überladen, dachte ich, und kann nur nach unten absacken. Ich versuchte es mit den Parkdecktasten. Besser nach unten durchrauschen als im Erdgeschoß ersticken. War auch nichts. Ich drückte den Alarmschalter. Die Luft wurde knapp. Minuten verstrichen. Bataillone von Furcht, die Koffer raubten mir die Luft zum atmen. Ich sah mich schon im Rekordbuch der dämlichsten Erstickungstode. Ich schrie. Ich bollerte gegen die Tür. Ich trat zu. Ein Gedanke, aufgehisst wie ein Transparent: Stell dir vor, du musst eine Dreiviertelstunde aushalten bis die Feuerwehr.. endlich - Schritte! "WAS ZUM KUCKUCK..? SIND SIE EIGENTLICH VÖLLIG ÜBERGESCHNAPPT??!" Die Stimme des Oberförsters. "DAS SCHEISSDING BEWEGT SICH NICHT!" rief ich. "IST JA AUCH KEIN WUNDER, WENN EINE TASCHE HALB RAUSHÄNGT!" Ich kämpfte mir die Sicht frei. Ein überlappender Reißverschluss hatte sich in der Tür eingeklemmt. Ich zog ihn heraus und der Lift ruckte augenblicklich los. "SIE IDIOT!"
Auf der elften Etage lief ich einen Koffer links und einen Koffer rechts an der Rezeption vorüber. Bob saß am Fernschreiber und grinste blöde. "Schon Bekanntschaft gemacht mit unserem Haus-Inspektor? Du brauchst dich nicht um ihn zu kümmern. Aber Vorsicht. Er hat einen scharfen Hund. Einen Dobermann. Schampus. Mit dem ist nicht zu spaßen." Ich zuckte zusammen. Scharfer Hund? Nicht um ihn kümmern? Ich legte einen Zahn zu. Zwölfte Etage, dreizehnte. In den Zimmern hatten sich die amerikanischen Touristen vor den Fernsehschirmen versammelt und kommentierten German Television. "What the hell is Derrick?" "Krimi", erklärte ich und kassierte drei Dollar Trinkgeld.
Endlich schleifte ich das letzte Reisegepäck zum Ende des vierzehnten Flurs. Müde war ich. Verschwitzt. Eine Zimmertür stand offen. Ich ging rein und machte das Fenster auf. Was ein Panorama. Sogar den Dom in Köln konnte ich in der Ferne ausmachen. Bis mir aufging, dass der unmöglich so groß sein konnte. Das war unsere Müllverbrennungsanlage an der Sandstrasse. Auch egal. Ich sank aufs Doppel-Bett. Scheiße, war ich erledigt. Aus dem Nachbarzimmer hörte ich das Trällern einer Blondine aus Ohio. Was sang sie da? These boots are made for walking? Sexy. Ich schloss die Augen und lümmelte in meinem Hosenlatz herum, bewies Fingerfertigkeit bis ein tiefes Lefzen mich hochfahren ließ. Der Bluthund! Hastig setzte ich mich auf und schob mein Hemd über die Stange. "Sie Ferkel!" geiferte der Hausförster. "Raus aus dem Bett!"
Ich erkannte die Falle. Der Fluchtweg zur Tür war versperrt und alle Hunde hassen Glumm, dachte Glumm und drehte sich dem Fenster zu. Die Feuerleiter. Ich sah noch, wie der Inspektor die schäumende Töle vom Maulkorb befreite und von der Leine ließ, aber da war ich bereits die ersten Sprossen runter. Fünfzig Meter über der Stadt bellte oben der Todfeind und in Trittweite flatterte ein Schmetterling vorüber. Ich holte aus und schrie: "Hau ab, du Arsch!" und erwachte in Schweiß gebadet aus dem Sekundenschlaf. Ich schloss das Fenster und fuhr mit dem Lift runter zur Rezeption. 46 Koffer waren kein Pappenstiel.