Es gab noch einen zweiten Nachtportier im Turm-Hotel, den alten Sokolov. Sokolov war ein kleiner zäher Rentner, der aus Sofia stammte und krankhaft sparsam war. Er weigerte sich, verdorbene Wurst wegzuschmeißen, und wenn die Schlieren auf den Mortadellascheiben nicht mehr zu übersehen waren, schabte er sie heimlich ab, schon fiel im diffusen Licht des Frühstückbüffets nicht mehr auf, was auf dem Tablett lag.
Wäre er jünger gewesen, Sokolov hätte einen eins-a-Foodstylisten abgegeben. Er hatte alle Tricks drauf. Sogar aufgeweichte Cornflakes, von den Gästen in der Milchschüssel zurückgelassen, konnte er wieder knackfrisch machen. Keine Ahnung, wie er das hinkriegte. Sokolov war ein Zauberer. Ich
musste oft kotzen.
Am schlimmsten war, dass er aufs Klo ging und die Pisse nicht abzog, um Wasser zu sparen.
"Ist doch Trinkwasser", sagte er mit hochrotem Kopf und nahm einen Schluck. "Hier, siehst du."
"Sokolov", schrie ich ihn an, "du machst uns alle noch krank!"
"Wieso?"
"Weil du deine Bakterien hier verbreitest!"
"Bakterien? Wie Bakterien?! Was für Bakterien?! Ich hab keine Bakterien! Was willst du?"
Bei Dienstbeginn war ich aufs Personal-Klo gegangen und hatte versäumt, den Abzug zu drücken, bevor ich den Klodeckel anhob. Schließlich konnte es immer mal sein, dass in der Schüssel ein gülden Pfützchen vom alten Sokolov schimmerte. Ein gülden Pfützchen aus der Nacht zuvor, oder aus der Nacht davor, oder.. ach, wer wusste das schon.
"Du machst uns alle krank!" schrie ich.
Bulgarische Schimpfworte quollen mir entgegen. Wenn Sokolov sich angegriffen fühlte, verteidigte er sich in seiner Muttersprache. Das war seine Linie. Er verließ niemals seine Linie. Er war fabelhaft.
"Bäh!" machte ich.
Es war sinnlos.
Er war eine fabelhafte bulgarische Pottsau.
Ich war durch Zufall an den Job gekommen. Sagen wir, Schicksal. Ich nahm die Dinge, wie sie kamen. Warum sich großartig wehren, warum deinem Schicksal nachlaufen. Es wird dich schon finden, dachte ich. Es ist ja deins.
Das Arbeitsamt hatte mir in Ohligs ein Vorstellungsgespräch in einem Kühlhaus aufs Auge gedrückt, danach stand ich an der Strasse und hielt den Daumen raus in Richtung City. Der erste Wagen hielt an. Blauer Kombi, Familienkutsche.
"Die Strassen sind eine einzige Katastrophe hier", schimpfte der Fahrer, etwa so alt wie ich, Mitte zwanzig. "Die werden überall aufgerissen, wegen der schlechten Kanalisation. Dabei liegt die Stadt auf einem Berg, da könnte man die ganze Scheiße doch einfach zu den Seiten runterlaufen lassen. Oder nicht? Ich fahre übrigens bis zum Turm-Hotel. Kennst du das?"
Ich nickte.
"Natürlich, das riesig Einwegfeuerzeug mitten in der Stadt. Haben Sie ein Zimmer da?"
Er lachte auf.
"Ich bin der Geschäftsführer. Bob mein Name. Und du? Was machst du so? Wie heißt du?"
Schon wieder ein Vorstellungsgespräch. Ich hatte mich gerade erst vorgestellt, als Kommissionierer für Tiefkühltorten und gefrorenem Hühnerklein.
"Als Kommissionierer?" meckerte Bob. "Das ist nicht gut für den Kopf. Also, falls du einen Job suchst, ich hätte bei uns noch was frei."
Am nächsten Morgen fing ich im Turm-Hotel als Gepäckboy an. Amerikanische Touristen machten auf ihrer Heart of Europe-Tour Station in unserer Stadt. Sie waren es nicht gewohnt, ihre Koffer selbst zu tragen, vom Bus zum Hotelzimmer. Das war mein Job. Und am nächsten Morgen, bei Abreise, das ganze retour. Ich bekam pro Gepäckstück einen Dollar fünfzig, es war ein gutes Geschäft. Ein paar Wochen später war die Saison zu Ende und ich wurde Nachtportier.
Das Turm-Hotel lag in den oberen vier Etagen des Turm-Zentrums. Darunter gab es einen stadtbekannten Nervenarzt, der die verrücktesten Vögel anzog, es gab einen Edel-Coiffeur, es gab das Karstadt-Restaurant vom benachbarten Warenhaus, es gab Nebenstellen des Finanzamtes Ost. Trotzdem sprach jedermann in der Stadt vom Turm-Hotel, wenn er das 14stöckige Gebäude meinte, was wohl an der azurblauen Leuchtreklame lag, die am obersten Stockwerk Tag und Nacht brannte.
Die Rezeption war in der elften Etage. Dahinter gab es ein stickiges kleines Büro, in dem das wichtigste Instrument der Nachtschicht stand, der Kabelfernseher. Kabelfernsehen ist das Hintergrundrauschen, das sämtliche Nachtportiers der Welt durch die Nacht bringt. Sogar Damen-Tennis schaute ich mir an, meinen alten Hass-Sport. Live. US Open.
Um den pummeligen Ballmädchen in Flushing Meadows vor den Toren New Yorks besser unter den Rock gucken zu können, rutschte ich tiefer und tiefer in den Chefsessel, bis ich flach im Kunstleder lag, wie ein Käfer. Einen Versuch war es wert. Aber nachts vorm Fernseher war so ziemlich alles einen Versuch wert, was einen von den Stunden ablenkte, die noch vor einem lagen, bis um Sieben die Ablösung einmarschierte.
Wenn in Köln eine große Messe anstand, Photokina, kamen die Gäste aus aller Welt und bis früh in den Morgen. Gerade war es ruhig geworden, schellte es schon wieder. Ich stieg in die Gesundheitssandalen vom Chef und schlappte zur Rezeption. Auf dem grobkörnigen Monitorbild, das den Haupt-Eingang im Erdgeschoß im Blick hatte, erkannte ich ein Paar, Arm in Arm. Der Mann winkte fröhlich in Richtung Überwachungskamera. Das war der Droese. Der alte Hallodri.
"Ja..?" sprach ich in die Gegensprechanlage.
"Nochn Zimmerchen da, Maestro?"
Droese kam grundsätzlich in Begleitung seiner pferdescheuen Geliebten, die keinen Ton redete. Immer nur grinste.
"Ein Doppel hab ich noch", sagte ich. "Nur für Sie. Herr Droese."
Genau genommen noch ein Doppel und ein Einzel, dann war der Laden voll. Per Summer öffnete ich die Tür im Erdgeschoss und sah zu, wie die Beiden im Gebäude verschwanden.
Halbe Minute später kündete ein Gong den Aufzug an. Es gab vier Aufzüge. Es gab vier Monitore, es gab vier Etagen fürs Turm-Hotel, vier Füße trippelten erwartungsfroh zum Empfang.
"Morgen Meister!" dröhnte es im gnadenlosen Neonschein der Rezeption. "Das beste Zimmer! Und nich so ne Bumsbude!"
Das war sein Standardspruch. Das beste Zimmer. Und nich so ne Bumsbude. Immer dasselbe. Aber Droese war in Ordnung. Er schob nicht nur ordentlich Trinkgeld rüber, sondern auch eine Plauze vor sich her, die von sehr guten Eltern zeugte.
"Für Sie..", sagte ich verschwörerisch und nahm den Schlüssel vom Haken, "..nur das beste Zimmer."
Sein Blick flackerte.
"..und nicht so ne Bumsbude!"
Vor Vergnügen schlug er mit der Faust auf den Tresen, die Klingel machte einen Hopser und klingelte. Ich kassierte im Voraus.
Kaum waren die beiden weg, schellte es. Auf dem Monitor sah ich ein Taxi. Der Fahrer war ausgestiegen und stand dicht an der Gegensprechanlage.
"Ja bitte?"
"Ich hab hier einen Fahrgast aus Berlin. Habt ihr noch ein Zimmer frei?"
"Ein Einzel kann ich noch verkaufen, ja."
"Bitte was?!" Es knisterte im Lautsprecher. "Kann hochkommen?"
"Ja. Kann hochkommen."
"Okay!"
Eine männliche Gestalt stieg aus dem Wagen. Umhängetasche, unsicherer Gang. Dunkle Kleidung.
"Elfte Etage!" rief ich sicherheitshalber in die Sprechmuschel und drückte per Summer die Tür auf. Der Fahrer stieg in sein Taxi und fuhr rückwärts zur Strasse zurück. Sah irgendwie nach Flucht aus. Dann saß ich da und wartete. Beobachtete einen langen Ballwechsel in Flushing Meadows, sonst geschah nichts. Die Minuten verstrichen. Der Knabe hätte längst oben sein müssen. Ein dumpfer Gong meldete das Ankommen eines Fahrstuhls. Allerdings eine Etage höher. Ich seufzte. Im Aufzug waren extragroße Aufkleber angebracht, TURMHOTEL REZEPTION 11. STOCK, damit auch ja niemand im 12. Stock landete oder im 13. oder im 14. Oder auf dem Dach und sich kopfüber in die Nacht stürzte.
Über mir hörte ich hektisches Getrappel, dann fiel eine der schweren Zwischentüren ins Schloss, die ins Treppenhaus führte. Na schön. Dem Knaben war aufgegangen, dass er eine Etage zu weit gefahren war, nun kam er zu Fuß durchs Treppenhaus runter. Dann hörte ich nichts mehr. Niemand kam. Überhaupt niemand. Wie verschluckt, die Schritte. Ich nahm das Treppenhaus.
Als ich auf der zwölften Etage war, vernahm ich wieder Schritte, wieder über mir. Er war auf der Dreizehn. Was machte der Blödmann auf der Dreizehn?! Ich hinterher, die Treppe hoch.
Die dreizehnte Etage war komplett belegt von Mitgliedern der Staatsoper Krakau. Eine hypernervöse Mannschaft mit dicken Hälsen, die ein monströses Geschnarche angezettelt hatte, von meinem Mann aus Berlin hingegen keine Spur. Auch auf der vierzehnten Etage, nichts. Verdammt! Wie besoffen war der Kerl?? Und vor allem: Wo?!
Natürlich konnte es auch sein, dass wir uns um Haaresbreite verpasst hatten und er war längst unten an der Rezeption und klingelte nach mir. Ich durchs Treppenhaus zurück in die elfte Etage. Nichts. Niente. Niemand. Aber Getrappel: über mir! Wieder auf der Zwölf!
"ICH WERD BEKLOPPT!" rief ich.
Ich erwischte ihn im dreizehnten Stock.
"Hah!" krächzte er erleichtert.
Schwarze Ledermontur von Kopf bis Fuß, schwarze Umhängetasche. Ein Gesicht, als hätte ein Maurer darin die Spachtel liegen lassen. Unbehandelte Spanplatte, zwölf Millimeter.
"Mensch, wo muss man denn hier hin? Wat isn det hier? Dat jibts ja janich, wa, det krieg ick nich jeregelt!" rief er, froh mich zu sehen.
"Hier lang", sagte ich, ebenfalls erleichtert. Wir fuhren zur Rezeption runter.
Er war fünfundvierzig, in Solingen aufgewachsen, wohnte aber schon seit über zwanzig Jahren in Berlin.
"Da bin ick zu Hause, wa. Wedding is mein Bezirk. Aber manchmal, weeste, da krieg ick ein Tick und steig in ein Taxi und muss schnell in die Heimat, wa."
Vierhundert Mücken hatte er dieses Mal hingelegt, Festpreis. "Und det nur, um zu gucken, wat die alten Rocker so machen, wa." Er griff in seine Umhängetasche. "So, wat kost die Nacht? Wat kriegste, Chef?"
"Na.. sagen wir, dreißig Mark", sagte ich. "Ist ja nicht mehr so lang, die Nacht."
Das Einzel lag bei hundertzwanzig. Mit Frühstück.
"Fuffie!" sagte er. "Is det okay?"
Hm. Sicher. Er blieb zwei Stunden an der Rezeption, froh, dass ihm mal einer zuhörte.
"Tut auch mal jut, wa."
Wir tranken ein Bier an der Rezeption, und ich dimmte das Licht runter. Vor kurzem hatte er eine kleine Erbschaft gemacht, sein Bruder war gestorben, der noch in Solingen lebte.
"Der hat immer nur jearbeitet, wa, die Kohle beiseite jelegt. Is abends nach Hause jekommen, hat n'Abend Mutter jesagt und fernjesehen, den janzen Abend." Bis zur Zucker-Diagnose. Zuletzt musste die Mutter ihn füttern, doch noch einen Tag vor seinem Tod hat er den Fernsehapparat komplett auseinandergebaut und repariert.
Er stellte sich vor: ich bin der Helmut.
"Alter, jibt et nochn Bier?"
Er erkundigte sich nach dem Mann, mit dem er sonst immer zu tun hatte, wenn er im Turm-Hotel übernachtete.
"Sokolov?" sagte ich.
"Ja. Der verkooft hier nachts immer sein Schafskäse, so selbstjemachten Quark. Is ja ooch ejal. Ick such ne Olle, wa. So um die fuffzig, vollschlank. Hier in Solingen kenn ick ne dunkelhaarige Putze, der hab ick beim letzten Mal ne gelbe Rose jeschenkt. Is ja klar, schwarze Haare, gelbe Rose, sag ick immer. Vielleicht lad ick se mal nach Wedding ein, ma sehn, wa. In Berlin findste keine Olle, nix zu machen. Die wollen nur Mücken sehn. Berlin is falsch, wa, aber Solingen zu klein. So einfach is det."
Auf der letzten Rückfahrt nach Berlin, zurück nahm Helmut stets die Eisenbahn, saß eine Libanesin im Abteil.
"Du auch Berlin?" lachte sie. "Und dann kam die immer näher, wa." He, doch nich hier! hatte Helmut gerufen. Daheim in Wedding wurde erst mal schön gefickt. Mit allem Pipapo.
"Musste dir vorstellen, haut die Kleene mir beim Ficken immer hinten annen Kopp, hier, so mit der flachen Hand. Da musste ick echt ackern, wa, damit die endlich Ruhe jibt. Ne Berliner Libanesin, meine Herren. Meine Beiruter Trümmerfrau, hab ick zu ihr jesacht, wa, nu hör dat Kloppen uff."
Um fünf war Helmut soweit erledigt. Ich brachte ihn hoch auf sein Zimmer. Zwölfte Etage, Zimmer 34. Er stellte die schwarze Umhängetasche ab und legte sich lang. Paff. Ich half ihm hoch aufs Bett.
"Habt ihr ooch ein Kühlschrank hier?"
"Mini-Bar, sicher. Soll ich dir was bringen?"
"Na, son kleen Sekt, wa."
Ich reichte ihm einen Piccolo rüber und knipste den Fernseher an. US Open. Flushing Meadows. Die Ballmädchen.
"Sonst noch was, Helmut?"
"Dit Licht", sagte er, und zeigte aufs Nachttischlämpchen.
"An?" fragte ich.
"An."
Ich knipste das Licht an, legte die Fernbedienung in seine Hand und sagte Nacht, Helmut.
"Nacht."
*
Auf The Glumm:
Ringo.