Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Der Herbst ist geritzt

Sonntagmorgen. Wir benötigen geschlagene anderthalb Stunden für die Mimi Schulz-Runde, weil wir andauernd stehen bleiben und uns irgendwas angucken und bereden. Wir kreisen wie Satelliten um die eigene Geschichten.
"Das ist kein Gehen, das ist relativ flottes Stehen", sag ich.

Wir verlassen unseren Andromedanebel und kraxeln kreuz und quer durch die Wupperberge, Frau Moll begeistert voran.
"Die riecht wie meine alte Blockflöte", schnuppert die Gräfin an ihrem Fell, "wenn die nass wurde. Wenn sie zu sehr eingespeichelt war. Dann roch die Blockflöte wie nasser Hund."

Man spürt ja, wenn man sich kennenlernt, ganz schnell und instinktiv, ob man ähnliche Bedürfnisse hat. Ob man das gleiche braucht im Leben. Wir haben uns 1987 kennengelernt. Da war dieses Muttermal über ihrer Oberlippe. Ich hatte ein Grübchen. Das ging in Ordnung. Das passte ineinander. Es konnte losgehen.

Und hier kommt der Fichtenwald. Es duftet süß und geheimnisvoll nach Erde und Pilzen. Wie eine glitzernde Schweißnaht windet sich in der Ferne ein Bach durchs Tal. Plötzlich Kuddelmuddel in der Luft. Zwei Vogelschwärme geraten aneinander, es gibt kurzfristig Keile, dann wird die Kollision für beendet erklärt und jeder fliegt seines Luftraums. Nur ein Bussard bleibt und kräht italienisch. Was ein schöner Lärm.

"Schade, dass du keinen Fotoapparat dabei hast", sagt sie.
"Ja."
Eine Zeitlang behandelte ich meine Kamera wie mein Notizbuch: ohne sie hab ich keinen Schritt vor die Tür gemacht, nicht mal zum Müllcontainer. Jetzt schreibe ich die Fotos lieber auf. Vorteil: selbst wenn man den perfekten Moment verpasst hat, geht noch was. Plötzlich steht da was. Eine mächtige Buche. "Guck mal..!"
Vergangene Botschaften, eingeritzt ins Holz. ONLY TO MY LADY-FRIEND.
Erstaunliche Daten: 23. 3. 1976.
MARCH 1966.
22. 3. 1946. (!)
"..BELLA.. EYE OF MY.."

Manche Zeichen haben sich so tief in die Baumrinde gegraben, es lässt sich kaum noch entziffern, das meiste aber sieht aus wie gestern geritzt. Es ist diese plötzliche Präsenz, die verblüfft. Die Entdeckung eines Evergreens. Sogar die Sonne sucht sich ein Loch in den Wolken und schaut uns zu.

Die Gräfin klettert den Abhang hoch, bespielt den Hund mit Stöckchen, während ich staunend vor den Liebesbeweisen einer versunkenen Ära verharre.
1946..
Der Name HENRY läßt sich enträtseln, und BELLA. HENRY AND BELLA IN THE WOOS TONIGHT. Wurde da ein D vergessen? 1946, IN THE WOODS TONIGHT. So kurz nach dem Weltkrieg, schätze, die Alliierten waren hier und haben sich am bergischen Frollein bedient.

"Hallooo Oktooober!" hallt es oben durch den Wald, wie eine erregte Bahnhofsdurchsage. Dazu bellt der Hund. Nichts wie hinterher. Feuerahorn raschelt unter meinen Füßen. Der Herbst ist die einzige Jahreszeit, wo es im Wald brennt und niemand muss löschen. Sagt sie. Der Herbst ist der Feuerläufer. Die Sache ist geritzt.


Selbstportrait Gräfin

*
Die kleine Geschichte vom anderen Foto auf The Glumm.
21.10.09 13:32
 



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