Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Gestern in der Kindheit

Sie hieß Karina. Ich wusste, wo sie wohnte. Nach der Schule hockte ich gegenüber auf der Mülltonnenbox und wartete darauf, dass sie das Haus verließ. Ich war in sie verliebt, und sie wußte nichts davon. Sie war älter als ich, nicht sehr viel älter, ein Jahr vielleicht. Aber wenn die Frau, die man liebt, neun ist und man selber erst acht, ist ein Jahr ein Haufen Zeit.

Sommer 1968. Filmaufnahmen und Fotos zeigen revolutionäre Straßenschlachten und Wasserwerfer und ein kleines Mädchen mit dunklem Haar. Ihre Haut war weiß, sie trug weiße Strümpfchen und ein Lackmäntelchen. Ich saß auf der Müllbox aus Edelstahl, die so nach gar nichts roch, weil sie nagelneu war, so unschuldig, und guckte zu ihrem Fenster hoch. Ich wartete auf ein Zeichen. Eine Bewegung hinter der Gardine. Ich sehe mich dort sitzen, immerzu, Stunde um Stunde, bis es dunkel wird. Sie zeigt sich nie. Sie ist ein Engel in einem Lackmäntelchen. Ein fernes stilles Mädchen. Sie wußte nichts von mir. Das Haus lag ruhig da. Niemals geschah etwas.

Einmal kam der Vater von der Arbeit. Er parkte sein Auto, und als er mich sah, blieb er kurz stehen. Er schien zu überlegen, ob er mich kannte. Wo er mich hinstecken sollte. Dann ging er weiter, den Kiesweg hinauf. Ich war nur ein kleiner Junge, der gegenüber auf der Mülltonne saß und seinen Wünschen nachhing. Er schloss die Haustüre auf. Niemand begrüßte ihn. Keine Frau, nicht die Tochter. Nicht mal ein Hund. Ein verlorener Mann. Er hatte alles, was ein Mann brauchte, doch niemand freute sich auf ihn. Ich verrenkte meinen Kopf, um einen Blick in den Hausflur zu werfen, es gab nichts zu sehen.

Ihr Zimmer war im ersten Stock. Es hatte eine kurze Gardine. Das Häuschen war das erste in einer Reihe von fünf, die alle gleich aussahen, wie Bastelarbeiten aus Beton lehnten sie aneinander. Unsere Familie wohnte im unteren, dem alten Teil der Hasseldelle, einer 20er-Jahre-Siedlung mit hohen Hecken und der spitznasigen Frau Drexelius, die über ihr klitzekleines Büdchen wachte wie eine Vogelmama über ihre Brut. Karina und ihre Eltern waren ins Neubaugebiet gezogen, das man mitten ins Grüne gesetzt hatte, uptown: Flachdachbungalows und Reihenhäuser mit Vorgärten, in denen dürre Bäumchen und Sträucher, gerade erst angepflanzt, dem Wind nichts entgegenzusetzen hatten. Staub strich um die Häuser, Bauschutt. Splitter. Nur mein Platz auf dem Container war geschützt, in seiner Ecke.

Daheim spielte ich Schlager und Beat-Singles meiner großen Schwester. Eloise. Lady Madonna. See how they run. Ein stürmisches Piano und die leidenschaftliche Stimme von Vicky, einer jungen Griechin, waren der Soundtrack meiner ersten großen Liebe: "Dich mit Anderen teilen kann ich nicht." Am Nachmittag kletterte ich wieder auf die Edelstahlbox, uptown, und sobald Bewegung ins Haus kam, schnurrte und bubbelte mein kleines Herz, als hätte es jemand angehoben und mit weißer Munition unterfüttert: alles bereit zur Sprengung. Das Haus lag ruhig da.


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Der Virus ist zurück.
15.10.09 10:48
 



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