Da denkt man gerade noch, boh, Alter, du hast 400 Kilometer Darm in dir, von Leipzig bis München nur Scheiße, welch eine technische Errungenschaft, super Sache, so Biologie. Und plötzlich: Blähungen. Militante Blähungen. Richtige Straßenkampfblähungen, so gewalttätig, dass dir sämtliche Rekordwindungen so was von schnuppe sind, es ist nämlich dein eigener Gestank, der da in der Luft steht wie ein offener Beutel Kadavergehorsam und dich hinterrücks meuchelt. (Ein Moped knattert mit zerschossenem Auspuff um die Ecke.) Es ist unmenschlich. Das hat die Welt noch nicht erlebt. Noch eine Dreiviertelstunde später prustet die Gräfin vor Vergnügen. Sie kriegt sich überhaupt nicht mehr ein.
"Wieso lachst du immer noch?"
"Na.. wegen EBEN, Mann! MAAHAHAAA!! Wie sich das anhörte!"
Erst haben wir zu Abend gegessen, ganz normal. Na schön, nicht ganz normal, die Gräfin hatte sich an Reibekuchen versucht, wünschte sich aber sehr schnell einen Ratgeber für Problempfannen.
"Oder sehen so etwa Reibekuchen aus?!" Sie warf entnervt die Brocken hin.
(Und es waren wirklich Brocken.)
Weil sich so schnell nirgends eine alternative Pfanne auftreiben ließ, gab es Tiefkühlpizza, aufgehübscht mit sündhaft teurem italienischen Thunfisch, Salami und Bio-Mozzarella. Dazu reichte sie Salat, da war ein bißchen viel Zitrone dran geraten, bißchen arg viel Zitrone. Ehrlich gesagt, der Salat war eine einzige große Zitrone. Es war einfach nicht ihr Tag gewesen, zum Kochen.
Nach dem Essen der übliche Espresso, und da stand diese Schale Weintrauben auf dem Tisch. Kleine unscheinbare Dinger aus Israel, von denen ich mir eine Handvoll nach der anderen in den Mund schob ohne es wirklich mitzukriegen. Bis mir plötzlich anders wurde, ganz anders, untenrum. Der Bauch, eine Aktentasche voller Ziegelsteine, und der verfluchte Verschluß klemmte, eine Art Kolik?! Mir brach der Schweiß aus. (Euch kann ich es ja sagen: und euch sage ich es auch: mit Ende Vierzig machen einen Dinge, die man so noch nie erlebt hat, verdammt nervös.
"Ich muss aufs Klo..!" schrie ich.)
Ich schlug mir den Weg frei, durch die Diele, der Hund sprang auf, was geht hier ab!? hinterher, WEG DA! Ich warf die Klotür zu. Und dann hockte ich da. Ein Rumoren und Brummen in mir, wie in einem scheiß Trafohäuschen. So sauweh tat das, dass ich aufstöhnte.
"Alles okay?" rief die Gräfin.
"Ich glaub, ich hab.. Dünnschiss!"
Im selben Moment bricht der Orkan los. Artilleriefeuer. Als würde ein Pfropfen von einer Propangasflasche abpfeifen, PFFARR-ZIIZZZ!! KNATTTTOGRRAT! PFÖT!!! Die Tür geht auf. Die Gräfin, kreidebleich.
"Was ist denn hier los?"
"TÜR ZU!!!"
Es gibt Dinge, die muss ein Mann mit sich selbst regeln, ganz alleine. Heimlich Kokain schnupfen, Nachbarin vögeln, kacken. Die Schüssel randvoll.
(Mickey Keppler ist ein ganz ähnliches Malheur unterlaufen, kürzlich auf der Arbeit. Nachdem er tags zuvor Chili gegessen hatte, kam morgens auf dem Firmenklo ein feuriger Bohnendurchfall ans Tageslicht, ein verdammter Gasangriff in den Ardennen. So heftig, dass die Suppe im 90-Grad-Winkel aus der Porzellanschüssel zurückgepfiffen kam! Als hätte er auf ein stramm gespanntes Trampolin gekackt! Das ganze Firmenklo war voll, con carne. Klodeckel, Wände, die Spiegel, alles vollgeschissen. Mickey Keppler brauchte eine panische halbe Stunde, um die Hütte wieder halbwegs auf Vordermann zu bringen, voller Angst, dass jeden Moment die Tür aufgeht und ein Kollege hereinschaut.
Der Chef hatte sich tatsächlich schon Sorgen gemacht, zumal kurzfristig auch der Brandmelder angeschlagen war.)
Ich komme vom Thema ab. Von der eigenen Weintraubenkonferenz. Ich sitze also auf dem Pott und dreh mich um, seh mir den Salat an.
"JA, WAS IST DAS DENN??!"
Ja, was ist das wohl? STUHLGANG IST DAS! Schwarze Suppe, schlechter Fisch! Irgendwie so was! Ich setz mich wieder hin, weil noch eine Ladung kommt. Es werden insgesamt vier weitere Ladungen.
Zwischen den Angriffen ist Stille und ich höre ein tiefes Grollen. Es kommt aus der Diele.
"Das ist Frau Moll", beruhigt mich die Gräfin. "Die denkt, es wären Einbrecher im Bad."
Als die Kolik vorbei ist, muss ich ohne Ende nachspülen, ich muss Fliesen aufwischen, ich muss das Gelächter der Gräfin aushalten, aber eins muss ich den tausend Weintrauben und dem übersäuerten Zitrus-Salat lassen: meine Aktentasche ist komplett leer - alles ordentlich in die Regale geräumt, von Leipzig bis München und zurück. Wunderbar leicht fühlt es sich an, als ich in die Stube zurückkehre, die Hände ein Seifen-Massaker. Soll die Gräfin ruhig die Nase rümpfen, ich fühle mich easy wie ein Spätzchen.
Noch Weintrauben da?
*
Auf The Glumm:
u.a. Airen:
"Vor einer Million Jahren breitete sich der Homo Erectus von Afrika über die Welt aus und ich liege mittwochfrüh im Bett und guck mir eine TV-Reportage darüber an. Unsere Stufe der Menschwerdung wird eines Tages als Homo Bohei in die Geschichte eingehen, denke ich.
Und steh auf."