Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Die Dinge ändern sich, und niemand weiß, warum

Hilden, auf der Flachetappe zwischen Solingen und Düsseldorf, hat fünfzigtausend Einwohner und veranstaltet jedes Jahr im Juni den Hildener Künstlermarkt, "100 Künstler in der Stadt".

Auch die Gräfin ist dieses Mal mit einem Stand dabei. Er trägt ein kleines Schild mit der No. 102 und liegt am westlichen Ende der Fußgängerzone.

Der Veranstalter stellt jedem der ausgesuchten Künstler, man mußte sich bewerben, ein weißes Baldachin-Zelt, drei mal drei Meter groß, und kassiert für die Organisation sechzig Euro, zusätzlich fünfzig Euro Kaution fürs Zelt. Soweit das Geschäftliche.

Nun zur Pleite.


*
Samstagmorgen.
"Acht Uhr acht, die Straßen sind leer", moderiert die Gräfin noch ganz aufgeräumt, als sie Platz nimmt hinterm Steuer, trotz des über Nacht gewucherten Herpes, "schreib das mal auf."

Wenn es darum geht, etwas aufzuschreiben, macht mir keiner was vor. Noch in düsterster Nacht setz ich mich im Bett auf und notiere das letzte Traumbild, wo fünf üppige Italienischlehrerinnen mit Tellern voller Spaghetti um mich herumstehen, bevor ich aufs Klo muss.
"..Uhr acht, Straßen leer..", kritzle ich ins Notizbuch.

Acht Uhr neun. Den Wagen bis unters Dach vollgepackt mit Staffeleien, Bildern und Kisten brechen wir auf. Ohne Frau Moll, für die sich kein Platz mehr findet, doch das Gewusel auf dem Markt würde sie ohnehin nur nervös machen, da lassen wir sie lieber zuhause.

Nun ist sie aber nicht gewohnt, länger als sechs, sieben Stunden allein zu bleiben, sie beginnt dann zu wimmern und zu jaulen, so herzzerreißend, dass Nachbarn schon mal beim Tierheim anrufen, ("hier murkst jemand seine Kätzchen ab!"), also werde ich mich zwischendurch auf ein Stündchen nach Hause verdrücken, damit der Hund vor die Tür kommt und etwas Bewegung kriegt, sagen wir: 10mal über die Wiese donnern plus das eine oder andere Stöckchen.

Nächstes Problem.

Da ich keinen Führerschein hab, (selbst wenn ich einen hätte, ich würde jedes Fahrzeug kontinuierlich in den Abgrund führen), muss ich per Bus und Bahn reisen, das dauert. Geht aber nicht anders, denn die Gräfin, die Führerschein, Auto UND Beine besitzt, hat als Künstler laut Veranstalter durchgängig am Stand präsent zu sein.
"Und im übrigen, sollte sich ein Kunst-Interessierter mit dicker Brieftasche Stand 102 nähern, lasse ich dich das nicht alleine vermasseln."

Punkt neun beginnen wir mit dem Aufbau, direkt vorm örtlichen Penny-Markt und der Filiale einer Schuhladenkette. Wobei das Baldachin-Zelt ja schon steht, mit der Nummer 102, wir müssen lediglich viertausend aktuelle Bilder und Zeichnungen der Gräfin unterbringen.
"Ach, Schnickschnack, das geht schon. Ist doch genug Platz."

Ja sicher. Auf einem geliehenen und mit roten Tuch drapierten Tapeziertisch legt sie zwei große und eine kleine Präsentationsmappe mit hundert Illustrationen aus, daneben zwanzig extra für diesen Markt gefertigte schräge Froschkönige und Froschköniginnen aus Gips. Im Hintergrund lauern auf Staffeleien einige ihrer größeren Öl-und Acryl-Bilder, kleinere Tisch-Staffeleien locken mit Tuschezeichnungen, und das ist nicht alles.

Es ist, wie eins ihrer Credos, nur auf den Marktstand übertragen: "Dieses kunterbunte Wachsen in der Natur finde ich sehr tröstlich."


*
Die Nachbarn von Stand 101 kommen aus Xanten, freundliche Leute, im Gegensatz zu den beiden vom Leben enttäuschten Mitdreißigerinnen von Stand 103. (Sogar ihr großes schwarzes Gelände-Auto hat etwas Verbittertes an sich.) Sie halten sich für großartige Fluxus-Künstlerinnen, dabei ist das einzige, was sie auf die Reihe kriegen, ihre unnachahmliche Art, die Nase hoch zu tragen, trotz der winzigen Stupsnäschen.
"Na, immerhin", meint die Gräfin.

Der Nachbar aus Xanten erinnert mich mit seinem Vollbart an einen gemütlichen Kneipenwirt, und tatsächlich sehen wir ihn in den folgenden beiden Tagen meist gegenüber im italienischen Eis-Cafe sitzen, doppelte Espresso schlürfen und herzhaft gähnen, wie ein verdienter alter Trüffelhund.
"Meine Frau ist die Künstlerin", sagt er.

Die bemalt Kartons mit Erdbeeren und rosa Ferkeln für 7 Euro das Stück. Die gleichen Motive finden sich auch auf viereckigen Tafeln in Fliesengröße, für je 3 Euro. Das Ganze ist talentfreier Humbug, aber was solls. Wahrscheinlich verkauft sich der Kram sogar.


*
Die Beiden haben ein Radio dabei, das leise im Hintergrund läuft, bis Elvis Presley auf WDR5 zu "Viva Las Vegas!" anhebt.
"Lauter!" ruft die Gräfin.
Der Song ist so rasend schnell, als wären bei der Aufnahme sämtliche Instrumente in den Windkanal geraten, und doch, alles befindet sich an seinem Platz.

Und dazu stapft, wie gerufen, ein Cowboy durch die Fußgängerzone, stilecht mit Brokat-Weste und Stiefeln mit Sporen (!), enger roter Jeans sowie einem High Noon-Gang, als wäre er auf dem Weg zum nächsten Whiskey.
"Genial, der Gang", lobe ich, doch die Gräfin hat den besseren Blick und schwächt ab.
"Der kann nicht anders. Der muss so gehen."
"Wieso?"
"Na, der hat einen Klumpfuß."

Sie weiß überhaupt eine Menge Sachen, von denen ich keinen Schimmer hab. So kennt sie zum Beispiel den Grund, warum selbstgemachter Kräuterquark so viel besser schmeckt als die Fabrikvariante von Milram: es fehlt der anerkennende Pfiff der Hausfrau, den sie beim Abschmecken mit Gewürzen und Kräutern ausstößt, wenn es GENAU JETZT recht ist. "Ich meine, woher soll so eine Maschine von Milram das wissen, dass sie JETZT pfeifen muss? Die hat doch keine Lippen."

Auch wusste ich nichts von den profanen Dingen des Alltags, an denen man merkt, dass die Welt sich ändert. Da wäre etwa das veränderte Verhalten von Nudeln, wenn man aus Versehen zu wenig Wasser in den Kochtopf gegeben hat. Noch vor wenigen Jahren kam dabei eine ungenießbare Pampe heraus, alles pappte aneinander und das wenige Wasser war komplett verdampft.

Wenn einem so ein Fauxpas heute unterläuft, mit der neuen Generation von Teigwaren, verhalten sich die Nudeln im Topf so aggressiv, auf engstem Raum, dass sie sich gegenseitig verhackstücken und auffressen: Nudeln weg, Wasser weg, Topf angebrannt. (Minimum.)

Ja, so ist das.
"Die Dinge ändern sich", erklärt die Gräfin geduldig, "und niemand weiß, warum."


*
Kurz nach 12 taucht der Vater der Gräfin nebst Lebensgefährtin auf. Der Vater der Gräfin mit seiner wunderbar krumm gewachsenen Nase, wie eine Bogenlampe, wie mit Effet geschossen direkt aus dem Gehirn. Er erwirbt zwei Froschköniginnen aus Gips sowie eine lustige Maske aus Gips, das Arschmündchen.

Punkt 13 Uhr kauft eine Kundin aus Saarbrücken die Schwarz-Weiß-Zeichnung "Warte, du!" für lausige sechzig Euro. Lausig, weil ich am liebsten jede Zeichnung der Gräfin selbst aufkaufen würde, damit alles schön in der Familie bleibt, und sechzig Euro ist sowieso zu wenig.
Die Saabrücker Dame wünscht eine extra Signierung.

Wie abgemacht, fahre ich mittags nach Hause, den Hund befreien. Da die Busverbindungen nicht so klappen, wie sie klappen könnten, (es ist Wochenende), brauche ich fast zwei Stunden, bis ich den Schlüssel endlich ins Schloss stecke und Frau Moll schnaubend die Türe aufstößt, wie ein wilder Stier, wütend und beleidigt. Schnaubend.

Wir gehen eine Runde spazieren und treffen den alten Rumänen mit seinem Schäferhund Spike, der sich gleich über Frau Moll hermacht.
"Spike ist ein ganz aktiver Bursche", sagt der Rumäne. "Der ist seit zwei Wochen steif. Der hat eine Dauerstange."
Der Ton, in dem er das sagt, ist nicht die Bohne anzüglich, es klingt eher, als schwärme er von Kartoffeln, die eingekellert immer noch am besten schmecken.
Dass Frau Moll nicht läufig ist, beruhigt ungemein.


*
Als ich gegen halb fünf wieder das westliche Ende der langgestreckten Hildener Fußgängerzone erreiche, seh ich schon aus einiger Entfernung neben der Gräfin zwei Gestalten an unserem runden Campingtisch sitzen, unterm Baldachin. Erst vermute ich potentielle Bildaufkäufer, die ihre Scheinchen zählen und verhandeln, doch dann erkenne ich die beiden Pappenheimer: Pia und Moritz..
Ausgerechnet!
Wo kommen die denn her?

"Aus der Paar-Therapie!" grölt Pia, Pulle Export in der Hand. "Es gab kein Weizen im blöden Penny!"

Sie drückt mir nassforsch ein Küsschen aufs Maul.
"Lang nicht mehr gesehen", sag ich zurückküssend.
"Na, euch sieht man ja überhaupt nicht mehr", meint Moritz, krebsrot im Gesicht von der ungewohnten Junisonne. Sein Haar hängt fettig und strähnig herab. Er kriegt kein Küsschen. Wir haben uns noch nie geküsst.
"Wasch dir mal die Haare", grüß ich schön.
"Die SIND gewaschen!" dröhnt Pia. "Das ist ja die Scheiße!"
"Was denn, mit Hühnersuppe?" geb ich zurück.

Ich steh hinter der Gräfin und kraule ihr durchs Haar. Sie sieht angestrengt aus. Müde. Der Herpes, groß und rot wie lange nicht, ein Feuerknubbel an der Oberlippe.
Auf dem Campingtisch steht ein angebrochenes Sixpack Exportbier.
"Hier, nimm eins", meint Moritz.

Die Gräfin hatte Pia vor Wochen erzählt, dass sie dieses Jahr auf dem Hildener Kunstmarkt mitmachen wolle, und da die beiden Pappenheimer in der Nähe eine ambulante Drogen-Therapie machen, haben sie sich gedacht, gucken wir einfach mal vorbei.

Die Therapie läuft seit sechs Wochen. Sollte sie nicht erfolgreich abgeschlossen werden, ist Moritz seinen Job an der Musikschule los, wo er seit zwanzig Jahren ununterbrochen beschäftigt ist.
"Ich bin dauernd eingepennt, das fand mein Chef irgendwann nicht mehr lustig und hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt: Entweder du gehst in Therapie oder du bist draußen."

In sechs Wochen ist er beim Drogen-Screening fünfmal positiv gewesen.
"Müsst ihr unter Sicht pinkeln?" frag ich.
Moritz nickt. "Ist ja die Scheiße. Sonst wär ich bestimmt nicht so oft aufgetitscht." Er nimmt einen Schluck Bier. "Überhaupt wär ich schon dreimal rausgeflogen, würde Pia nicht so einen straighten Eindruck machen auf die Therapeuten. So, als hätte sie zu nichts mehr Bock auf der Welt als aufs Cleansein." Er gluckst. "Und aufs Cleanbleiben.. Vor allem aufs Cleanbleiben."
"Tz, wenn ich darauf warte, bis du so weit bist, kann ich lange warten", gibt Pia zurück.

Die arme Sau hat also zwei Gewehrläufe im Genick, den vom Chef und den von Pia. Wobei das Gewehr von Pia eine doppelläufige Schrotflinte ist, jede Wette.

Sie beschwert sich bei der Gräfin über ihr Leben. Das hat sie schon immer gern gemacht. Damit verschafft sie sich Luft.
"Mein Leben besteht nur aus warten. Immer nur warten, warten, warten. Und dann komm ich trotzdem zu spät zu jedem Termin."

"Sag mal, ist deine Brille enger geworden oder wird dein Schädel allmählich dick?" grinst Moritz mich an.
"Wieso?"
"Weil der Bügel deiner Brille sich in die Schläfen eingräbt. Das ist ja ne richtige Ackerfurche da drin. Ne richtige.. Fett-Furche!"
"Was fürn Fett, du Blödmann?"
"Na, da an deiner Schläfe! Das Fett!"
"Soviel Fett wie du in deinem Haar hast, krieg ich im Leben nicht zusammen."

Pia und die Gräfin, die sich von Kindesbeinen an kennen, haben gegenüber beim Italiener Eis geholt und kehren verschworen kichernd zurück.
"Fettiges Haar? Da sagst du was!" meint Pia. "Der Moritz geht alle vier Wochen duschen, wenn's hoch kommt. Der hat ne Haut wie ein alter Dattel-Opa, der alte Fettheinz!"
"Alle vier Wochen..? Niemals!" protestiert Moritz und wechselt das Thema.
"Wie nennt ein Chinese seinen Morgenschiss?" fragt er fröhlich in die Runde. Die Gräfin zwinkert mir zu: so viel haben wir den Moritz seit Jahren nicht mehr reden gehört, am Stück!
"Keine Ahnung."
"Hau Fen!"
Er klopft mit der Pulle auf den Campingtisch und lacht wie ein Küster, der die Glocken läuten lässt.

Die Beiden scheinen tatsächlich clean zu sein, wenn man mal vom Bier absieht. Ein bißchen erinnern sie mich an früher, bevor alles losging, bevor das Heroin Trottel aus uns allen gemacht hat. Reduzierte Trottel, reduziert auf die Suche nach dem Schoß der Ur-Mutter.

Obwohl es nicht falsch war, Heroin zu nehmen.
Es war richtig.
Es fühlte sich gut an.
Es war eine runde Sache, bis zum Schluß.


*
Moritz lacht sich scheckig über das Wort "nassforsch", das in irgendeinem Zusammenhang fällt, und doch, es ist alles eine Spur zu überdreht, nicht wirklich echt, und plötzlich, er sitzt außerhalb des Zeltdachs in der knalligen Sonne, kippt Moritz vom Campingstuhl und kotzt im hohen Bogen aufs Pflaster.

Erst denk ich, er erleidet einen Herzinfarkt oder einen Augeninfarkt oder was weiß ich, was ein Körper so alles an Infarkten hergibt, wenn er so vehement vom Stuhl fliegt, doch die Bierkotze zeigt rasch, woher der Wind weht: nassforsch aus dem Magen!

"Wenn der Moritz schon mal so lange das Maul aufmacht, kotzt er direkt los, ist klar", sag ich und Pia dröhnt los mit ihrer rauen Blueslache, noch verstärkt von Speiseeis auf der Lunge, "hohoo hooh, ich hab vielleicht einen Männe geheiratet, echt, ho hooh..!"

Weder das samstägliche Penny Markt-Publikum, das sich zahlreich durch die City schiebt, kriegt von der Kotzattacke etwas mit, noch zeigt sich beim vollbesetzten Italiener gegenüber irgendeine Reaktion. Auch die übrigen Leute, die durchs Bild laufen und weder der einen noch der anderen Fraktion angehören, Aliens also, stören sich am besudelten Asphalt.

Erst als Pia sich lauthals darüber aufregt, was das für ein Pack sei, das sich außer ihnen in der Therapie tummelt, (und wo sie schon mal dabei ist, zieht sie auch gleich über Hunde in der Stadt her, so groß und so widerlich, dass es ihnen tatsächlich gelingt, auf einen meterhohen Begrenzungsstein zu kacken, "Sag mal, wie schafft so eine Dreckstöle das eigentlich?! Kann mir das mal jemand bitte erklären!?"), da erst gucken zwei potentielle Käuferinnen pikiert auf, die in einer Präsentationsmappe der Gräfin schmökern.

Zumal die Nachmittagssonne just in diesem Augenblick ihren Spot auf die leeren Export-Pullen lenkt, vermutlich weil sie nun leer sind. Voll waren die Flaschen weit weniger sensationell.


*
Pia und Moritz bleiben bis Marktschluß um sechs, wobei die beinah schon hysterisch gute Stimmung der beiden nach Moritz' Kotzattacke, der noch drei weitere, kleinere Sprüher folgen, ("Eh, du Lama!"), ins Gegenteil umschlägt: massives Anschweigen.

Dann:
"Seid ihr jetzt etwa sauer..?" (Moritz).
"Quatsch!" sag ich, aber so ganz sicher bin ich mir da gar nicht, immerhin, "du hättest ja eins von den Bildern einkotzen können. Oder das Skizzenbuch."

Das Skizzenbuch der Gräfin, aus dem so ein wunderbarer Ledergeruch steigt, wenn man es aufschlägt, ähnlich dem Butterbrot-Täschchen, das sie als kleines Mädchen täglich mit in den Kindergarten genommen hat.
"Es ist dieser leckere Mix aus Brot und Leder, der mich so glücklich macht und an früher erinnert", meinte sie gestern, "glücklich und auch ein bißchen hungrig, jedes Mal, wenn ich das Skizzenbuch aufschlage."

"Hat er ja nicht", lenkt sie ein. "Ist ja nichts passiert."
"Riecht nicht mal nach Kotze hier", meint Pia, die keine Spur Reaktion zeigte, als Moritz vornüber vom Stuhl kippte.

Dennoch geht Pia irgendwann auf, dass zorniges Auskotzen doch eher geschäftsschädigend ist, und versucht Wiedergutmachung.
"Müssen Sie mal überlegen, so ein Bild hält doch ewig", versucht sie einer Dame eine Zeichnung der Gräfin schmackhaft zu machen. "Ein Paar Schuhe fällt irgendwann auseinander, selbst wenn es gut verarbeitet ist und 250 Euro kostet."
"Da sagen Sie was", murmelt die Dame und geht schnell weiter, damit man sie nicht darauf festnagelt, womöglich.


*
"Scheiße Mann, bist du vernünftig geworden", beschwert sich Moritz, weil ich kein Bier trinke, nicht mal an der Flasche nippe. Ich mag kein Bier mehr. Ich mag den Geschmack nicht mehr, ich mag die Wirkung nicht mehr.
"Alkohol deprimiert mich nur noch", sag ich, und Moritz blinzelt in die Sonne.

Außerdem hab ich nach dem kleinsten Besäufnis einen Mordskater. Das ist die Rache der Enthaltsamkeit. Hat der Körper sich erstmal eine Droge abgewöhnt, kann man ihm nicht mehr damit kommen, oder man büßt fürchterlich. Das ist so ähnlich, als würde die Suppe, die man sich eingebrockt hat, plötzlich dick machen, wenn man sie wieder auslöffelt.

Moritz erzählt von seinem ersten Rückfall nach der vierzehntägigen Entgiftung, die man standardmäßig vor einer Therapie absolvieren muss.
"Zu Hause hab ich mir erstmal einen Zwanni geholt", sagt er, den Zwanni betonend, weil er zuletzt schon einen Hunni brauchte, um überhaupt so etwas ähnliches wie Euphorie zu spüren. "Einen beschissenen ZWANNI, musst du dir mal vorstellen. Davon bin ich so abgekackt, dass ich die ganze Nacht im Auto rumgesessen hab und mich nicht mehr rühren konnte. Die Sonne ging schon auf, da bin ich endlich wach geworden und nach Hause gefahren."
"Und, was meinte Pia dazu?" frag ich. "War sie sauer?"
"Sauer? Pfft! Ihre erste Frage, als ich zu Hause reinkomm: Hast du noch was übrig?"
Wir gackern.


*
Nacht von Samstag auf Sonntag. Die Forscher, die heute noch darüber rätseln, wie das Leben auf die Erde gekommen ist, sollten einfach mal früh aufstehen, im Juni, gegen vier Uhr dreißig, wenn die Sonne aufgeht.

Es sind die Vögel, die mit dem Licht kommen und das erste Lied des Tages zwitschern.

Leben beginnt mit einem Zwitschern, jeden Tag aufs Neue.


*
Sonntag, elf Uhr und neun Minuten. Zweiter Markttag. Sobald Wind aufkommt, kippen Leinwände um, kleine Staffeleien folgen auf dem Fuße. Immerhin, die in durchsichtigen Hüllen eingetüteten Zeichnungen, die wir auf Stange präsentieren, an einem Kleiderständer von IKEA, an der linken Standseite, halten den Windböen stand.

Es fängt an zu regnen, dicke einzelne Tropfen zunächst, dann wird der Regen stärker, begleitet von Windböen, wir sind eine Stunde lang nur damit beschäftigt, die Bilder, eben erst aufgestellt, unter den Baldachin zu räumen, damit nichts nass wird.

"Mann, dieser Herpes, das schillert und pocht vielleicht in meiner Lippe..", murmelt sie. "Überhaupt, ich glaub, das mit dem Markt war keine gute Idee. Alles ist zu hektisch, und in mir ist ein Schrei nach Ruhe, nach Mäßigung, nach wenig - dieses Wenige aber richtig machen."

Und da treffen wir uns, wie wir uns in den vergangenen Jahren schon so oft getroffen haben, am gleichen Punkt. Nach den Neunzigern, verbraten mit Stoff und Warten, nun die Nuller, die Ochsentour.

Die schönsten Jahre.


*
Als die Gräfin grade nicht am Stand ist und ein Passant daher kommt und fragt, ob die ausgestellten Bilder von mir wären, sage ich, nee, die sind von von meiner.. ja, was?
Wenn man so lange zusammen ist, aber nicht verheiratet, was sagt man dann? Meine Freundin? Klingt zu teeniemäßig. Zu vorübergehend. Freundin passt nicht zu 22 Jahren Zusammensein. Meine Frau? Ist am ehesten richtig, stimmt aber nun mal nicht, seid wann seid ihr denn verheiratet? Warum habt ihr nicht Bescheid gesagt? Meine Partnerin, meine Lebensabschnittgefährtin? An sich okay, doch zu neutral. Dann schon lieber Lebensmittelgefährtin.
"Wehe!" sagt sie.

Womit wir beim Russen wären. Die erste unbemannte Rakete, geschossen in den Weltraum, hieß Sputnik. Zu deutsch Weggefährte, Begleiter.
Genau.

Sie ist mein Sputnik.


*
Vielleicht liegt es am Wetter, dass es mit ihrem Herpes genausowenig besser wird wie mit den Verkaufsziffern. Meine Prophezeiung, dass der Sonntag der finanztechnisch stärkere der beiden Markttage wird ("weil dann die Penny Markt-Laufkundschaft wegbricht", "mehr Kunstinteressierte unterwegs sind") entpuppt sich als Trugschluß. Die Deutschen halten ihre Kröten beieinander, als wären es glitschige grüne Viecher, die, einmal aus der Hand gegeben, niemals wiederkehren.

Und das stimmt ja auch, verdammt!

"Die Leute kaufen immer nur sich selbst", so das Fazit des Sputnik, der über den Markt kreist, indem er neben mir sitzt. "Es geht den Leuten nicht darum, sich zu bereichern, es geht nur darum, sich noch mal zu kaufen. Sich zu bestätigen, sich dicker zu machen. Das ist heutiges Kaufverhalten."

Überall stehen Künstler und stecken die Köpfe zusammen und stänkern über das maue Einspielergebnis. Sie sehen aus wie Höhlenmenschen, die man in ein Kaufhaus geschubst hat. Jedenfalls die guten Künstler. Die fünf Stück.

Einzig ein Kalligrafie-Stand, wo man seinen Vornamen auf chinesisch bekommt, läßt ordentlich den Rubel reinrollen, und ein zweiter Stand, an dem eine wohlfeil kommunizierende Dame mittleren Alters irgendwelche Skulpturen verhökert, (so eine weibliche Geschichte, wo man als Mann nicht richtig hinguckt), läuft auch gut.

Was mich überrascht: dass die kleinen, mühsam angefertigten Froschköniginnen und Könige der Gräfin nicht gehen. Darauf hätte ich jede Wette angenommen.
"Zwölf Euro? Nee, das ist zu teuer, um mal eben so mitzunehmen", hatte Pia tags zuvor schon gemeint.

"Dabei hätte ich eigentlich 30 Euro je Figur nehmen müssen", sagt die Gräfin. "Hauptform aus Modelliermasse, Silikonabdruck, mit Gips gefüllt, Voranstrich mit Emaille-Lack, Nachanstrich, die Korrekturen, und keine Figur ist wie die andere. Jede ist ein bißchen anders. Einzigartig, und kein Maschinenguss."


*
Gegen 13 Uhr mach ich mich wieder auf nach Solingen, um Frau Moll zu befreien. Seltsamerweise arrangiert sich der Hund schneller mit der Situation als gedacht. Als ich mich um halb vier wieder von ihr verabschiede, mit einem Kalbsknochen, liegt sie auf ihrer Decke und ist schon eingeschlafen.

Unterwegs, im Nahverkehrszug, heißt es anhören, was mobile Menschen so ins Mobiltelefon geben.
"Pass auf.. ich bin jetzt hier hier in.. wat is dat noch ma?.. Solingen-Ohligs.. Ich bin in zwanzig Minuten.. zuhause.. ja, dann kannst du mich treten.. mal gucken.. bißchen aufräumen.. Kannst mich ja abholen.. Warum nich? Lass sie doch da.. Warum lässt du sie nich da..!? Mh.. mh.. Voll abgefuckt, keiner macht auf? Mh.."

Und ein junges Liebespaar im Sitz gegenüber, in einer Handtasche wühlend: "BOH! IST VOLL DER ANDERE SCHLÜSSEL!"


*
Draußen fällt der Regen wieder so vereinzelt, als schäme er sich, uns zu belästigen. Als wäre er lieber entweder gar nicht da oder ein kräftiger Regenschauer, jedenfalls nicht so ein unausgegorenes Gefalle. Das kann ich auch nicht ab.

16 Uhr 16, Ausstieg Hilden-Süd. Der Regen hat sich verzogen. Übrig bleibt ein graues Tuch, das sich übers Land legt, wattierte Luft, eine Schwarte zieht ihres Weges durch Hilden. Wo ich geboren wurde.

Ich bin aufgewachsen in Solingen, aber geboren, wie viele meines Jahrgangs, im Hildener Kreiskrankenhaus, das von schweigsamen Nonnen betrieben wurde. Hilden war DIE Geburtsklinik der frühen 60er Jahre. Hier bin ich aus der Mutti geschlüpft im September 60, und wenn man sich tief bückt, ganz tief, bis man mit der Nase bald das Pflaster erreicht, dann, so meine ich, riecht man sogar heute noch davon, von der Geburt des Chewing Glumm.

Zurück an Stand 102. Hallo, Schatz. Endlich. Ich hab keine Lust mehr. Sollen wir aufbrechen? Geht nicht. Die Kaution gibt’s erst zwischen fünf und sechs zurück. Solang müssen wir noch ausharren. Der Sonntag, Totalausfall. Wir hätten Drucke anbieten sollen. Keine teuren Originale. Nächstes Mal.
"Gibt kein nächstes Mal."

Die Leute, die stehen bleiben und die Muße haben, sich auf die Bilder und Illustrationen der Gräfin einzulassen, die einfach mal in der Mappe blättern und danach die eingetüteten Zeichnungen durchsehen, sind durch die Bank allein unterwegs.

Allein wie dieser junge Typ in Sporthöschen und Schlappen, der nur eine Abendrunde drehen will und sich, ein bißchen eingeäschert noch in der Wahrnehmung vom Nachmittags-Fernsehen, plötzlich im Witz der Gräfin verfängt, er guckt immer wieder aufglucksend hoch von der Mappe und sucht den Blick der Künstlerin, und findet ihn.

Schön auch die doofe Kuh, die, als die Gräfin mal wieder beim Italiener Kaffee holt, auf mich zukommt und fast aufsässig fragt, ob das Absicht wäre.
"Hm? Was?"
"Na, das da! Dass die mit der Zigarette im Mund wie ein kleines Mädchen aussieht!"
Als wäre das der Gipfel der Unverfrorenheit, im Jahre 2009 ein Mädchen (Tusche/Ölkreide/Pastellkreide, 80 x 60 cm) zu zeigen, das lasziv an einer Zigarette saugt, auf einem Barhocker sitzend. *
"Hm, ja, ich schätze, das ist Absicht."

Ich geh auf das Bild zu, das auf einer Staffelei ruht, und guck es mir aus der Nähe an.
"Wenn Sie mal ganz nah rankommen, können Sie sogar sehen, die Sau trägt nix drunter."

Doch sie ist schon weg.


*
Das Bild.
19.6.09 16:46
 



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