"DU BIST SO KALT!" schrie sie. "ICH BRING DICH UM!"
Unter Tränen machte sie kehrt und lief in die Küche. Ich lag im Bett und hörte, wie die Besteckschublade aufgerissen wurde, wie Löffel, Messer und Gabeln wild durcheinanderpurzelten. Nein, dachte ich, scheiße, da kam sie schon in mein Zimmer zurück, auf nackten Füßen. Ich richtete mich auf. Sie hatte ein langes Messer in der Hand, das Brotmesser, soviel konnte ich im Halbdunkel erkennen.
"Ich bring dich um!!" schluchzte sie, stürzte aufs Bett zu und versuchte auf mich einzustechen.
"Bist du wahnsinnig!?" rief ich. "HÖR AUF!!"
Ich wehrte die Stöße mit der Hand ab. Stöße, die zum Glück nur aus halbem Herzen kamen. Haßerfüllt, aber ohne Wille zum Töten.
"HÖR DEN SCHEISS AUF!"
Irgendwie bekam ich das Messer zu packen, an der Klinge, und zog daran, während sie unablässig weiterschluchzte. Meine rechte Hand wurde warm. Blut floss. Ich ging ins Bad und machte Licht. Ich machte Licht im Bad, in der Diele, ich machte überall Licht und ließ kaltes Wasser über die Hand laufen.
Sie blieb in meinem Zimmer sitzen, auf dem Bett. Sie blutete aus der anderen Hand, der linken, und heulte wütend auf.
"Arschloch..!"
Die Bettwäsche war voller Blutflecken, das Messer lag auf dem Boden.
Später saßen wir uns gegenüber, ratlos. So heftig war es noch nie gewesen. Einmal hatte sie mir die schwere alte Schreibmaschine entgegen geschleudert. Die stolze Continental aus den 40ern, meine schwarze Lady, die danach kaputt war. Und da war dieser betrunkene Abend, der damit endete, dass eine volle Ketchuppulle von Heinz gegen die Wand krachte und die Küche in ein zähes Rot tauchte.
"WEISST DU, WARUM SU SOVIEL TRINKST?"
"KEINE AHNUNG. SAG ES MIR! DU WEISST DOCH SOWIESO ALLES!"
"WEIL DU MIT NÄHE NICHT KLARKOMMST! DU SÄUFST DIR DEINE DISTANZ ZUM LEBEN WEG, DU FEIGLING!"
In all den Jahren war manches hochgekocht, doch ein Messer war bislang nicht im Spiel gewesen.
Nicht bis zu diesem Tag.
Als ich morgens um halb acht vom Nachtdienst nach Hause gekommen war, hatte ich mich gar nicht erst hingelegt, es lohnte nicht. Um 11 Uhr 45 war ich als Zeuge geladen, vorm Landgericht in Wuppertal, wo gegen den Kerl verhandelt wurde, der mich ein halbes Jahr zuvor im Turmhotel überfallen hatte, während meines Nachtdiensts.
Die Gräfin hatte zwar Lust, mich zu begleiten, ("den Kerl muss ich sehen, der dich überfallen hat"), wollte aber nicht Autofahren, also nahmen wir den Obus bis Wuppertal-Vohwinkel, und ab da die Schwebebahn.
Schwebebahnfahren macht Spaß, ist aber eine lärmende Angelegenheit. Endstation Oberbarmen bremste der Zug mit einem Kreischen ab, als rutschte ein alter Arbeitselefant mit dem Bauch über heißes Metall. Schwerfällig kam das alte Muttertier zum Stehen, und wir stiegen aus.
11 Uhr 30, Landgericht Wuppertal. An Saal 10b klopfte ich an die schwere Eichentür. Laut Aushang lief der Prozess gegen Marc D. bereits seit zwei Stunden. Der Saaldiener öffnete die Tür und drängte uns auf den Flur zurück. Es roch nach frisch aufgetragenem Bohnerwachs.
"Name?"
"Glumm", sagte ich, und fügte vorsichtshalber hinzu, "Zeuge. Kein Angeklagter."
Der Saaldiener blickte auf einen Zettel.
"Mh.. ja. Sie werden hier nicht mehr benötigt."
"Ich werde nicht mehr benötigt..? Wieso das denn?"
"Auf Anordnung des Richters."
Er drückte mir ein Formular in die Hand, auf dem was von Verdienstausfall stand, Erstattung der Fahrtkosten. Die Gräfin war enttäuscht.
"Ich wollte das Monster doch live sehen.."
"Aber zugucken können wir doch", meinte ich zum Saaldiener. "Oder ist das nicht öffentlich?"
Er nickte und öffnete die Tür.
Wir waren die einzigen Zuschauer.
"Ist er das?"
"Ja, nehm ich an", sagte ich. Ich erkannte ihn kaum wieder. "Die Frisur ist ganz anders."
Er hatte einen wasserstoffblonden Igel gehabt, jetzt trug er das Haar schulterlang und dunkel, er sah er aus wie ein leicht verstimmter Steuerfachangestellter. Außerdem war er in meiner Erinnerung viel breiter, muskulöser. Das war doch ein Schrank von einem Kerl gewesen, ein gehetztes Ein-Mann-Überfallkommando, in dieser nebligen Novembernacht letztes Jahr, doch was jetzt da auf der Anklagebank hockte, das war nicht mehr als die abgespeckte U-Haft-Version eines Ladendiebstahls.
"Hast mal wieder übertrieben", meinte die Gräfin. "Der sieht doch sogar ganz nett aus. Ein bißchen traurig vielleicht."
"Ein bißchen traurig..! Tz, genau! Der Drecksack hätte mich glatt abgestochen, wenn keine Kohle in der Kasse gewesen wär."
"Siehste."
"Was, siehste?"
"Du übertreibst schon wieder. Der hatte doch gar kein Messer."
Der Saaldiener machte ein paar Schritte auf die Zuschauerbank zu, den Zeigefinger auf den Mund gelegt.
"Ja, schon gut", nickte ich.
Der Knabe hatte ein paar hundert Mark erbeutet, ganz ohne Waffe. Es hatte nur so ausgesehen, als wäre eine Knarre unter seinem Mantel gewesen, doch es war sein auf mich gerichteter Zeigefinger, wie sich später herausstellte.
Die Gräfin holte ihren Skizzenblock heraus. Sie zeichnete den Angeklagten, der Marc D. hieß, dann den Richter, die Holzvertäfelungen, die stämmige Gutachterin. Als die mit ihrem Gutachten durch war, folgte ein Betreuer der rheinischen Landeskliniken, der Marc D. psychatrisch behandelte. Der Mann schloss sich den Ausführungen der Gutachterin grundsätzlich an. Was alles falsch gelaufen war in seiner Jugend, und so.
Wie er einmal während eines Krankenhausaufenthalts im Kreißsaal eine schwarze Messe gelesen hatte, damit der Teufel keine Kinder in die Welt setzen konnte.
Wie er in der Dorfkirche des kleinen Nests, in dem er aufgewachsen war, Flaschenbier ins Weihwasser gekippt hatte.
So Sachen eben.
Alle keine strafbaren Handlungen, führte der Betreuer aus, aber Fingerzeige für eine schwere psychische Störung.
"Was ist mit dem Überfall?" flüsterte ich.
"Keine Ahnung", antwortete die Gräfin, "vielleicht wurde das schon verhandelt. Oder es spielt keine Rolle, wer weiß, was der noch alles angestellt hat."
Gutachterin und Betreuer waren sich einig, Marc D. wurde als unzurechnungsfähig eingestuft. Die Rede war von einer gespaltenen Persönlichkeit. Schizophrenie.
"Wenns danach geht, gehöre ich auch in die Klapse", meinte die Gräfin. "Manchmal sprechen vier Leute gleichzeitig in mir und ich weiß nicht, wem ich zuhören soll. Das ist Quadrofonie."
Der Saaldiener schaute böse herüber, den Zeigefinger auf die Lippen.
Sie war nicht zufrieden mit ihren Skizzen.
"Irgendwie kommt immer das gleiche Gesicht raus. Die ähneln sich doch alle."
"Blödsinn", sagte ich. "Das sieht gut aus."
"Ach du. Du findest doch alles gut, was ich male. Sagst du wenigstens."
Was war denn jetzt wieder los?!
"Ach, schon gut.. Ich hab schlechte Laune."
Und ich war müde. Übermüdet. Ich war seit vierundzwanzig Stunden auf den Beinen. Und nun saß ich hier und wurde nicht gebraucht.
Zuletzt wurde die Ex-Freundin des Angeklagten Marc D. in den Zeugenstand gerufen. Sie arbeitete als Aufsicht in einer Spielhalle und sagte aus, dass Marc D. sie eines Tages mit vorgehaltenem Messer zu erpressen versuchte.
"Entweder du kaufst mir die Sachen hier ab, oder ich stech dich ab!"
"Was für Sachen denn?" fragte der Richter.
"Na, so Sachen. Die hatte er in einem großen Koffer in die Spielhalle geschleppt. Der Koffer war so schwer, er konnte ihn nicht tragen, er musste ihn schieben. Und ich sollte ihm alles abkaufen."
"Na gut, aber was war drin im Koffer?!"
"Zeugs aus dem Haushalt. Irgendein Krempel. Weiß nicht."
Sie machte einen niedergeschlagenen Eindruck.
"Ich weiß nicht, was mit ihm los ist. Als wäre Marc von heute auf morgen ein anderer Mensch geworden."
Der Staatsanwalt schloss sich dem Antrag der Verteidigung an und der Richter war auch einverstanden: Marc D., der so teilnahmslos auf seiner Bank saß, als würde gegen irgendwen, aber nicht gegen ihn verhandelt, wurde wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen, aber für 30 Monate ins Rheinische Landeskrankenhaus eingewiesen.
Na toll. Es war Mittag. Wir waren hungrig. Im Treppenhaus folgten wir den Bediensteten des Landgerichts in die Kantine.
"Hier riecht's wie im Stall", meinte die Gräfin.
Wir entschieden uns für "Lamm-Ragout, weiß, Salzkartoffeln, Salat".
Verdächtig, dass die Kantinenwirtin an der Kasse, zu der ich unsere beiden Tabletts durchschob, ratlos glotzte, als ich "zwei mal Lamm" bezahlen wollte.
"Lamm..?"
"Ja", sagte ich, "da, das Lamm-Ragout.."
Ich deutete auf die Tafel, auf der handschriftlich die Tages-Menüs eingetragen waren.
"Ach.. DAS da.."
Genau so schmeckte der Fraß auch.
Zurück in Solingen. Es war grade mal früher Nachmittag. Auf der Mummstrasse beobachten wir einen Streit unter Eheleuten.
"Dann tu ich eben das, was ich schon immer tun wollte!"
Eine junge Frau stieg wutentbrannt in ihr Auto und knallte die Tür zu.
"Da reden wir heut Abend noch mal drüber", erwiderte ihr Mann, der im Hauseingang zurück blieb. Als ich ihm in die Augen blickte, guckte er schnell weg.
Mumms.
"Charlotte, zartes Wesen!" begrüsste mich Mickey, der Geschäftsführer. Die Gräfin verdrehte genervt die Augen. Das Mumms war zunehmend ein rotes Tuch für sie. Ich stieg als vierter Mann in eine Skat-Runde ein, und sie zog los, ihre Freundin Rita von der Arbeit abholen. Wir verabredeten nichts. War auch besser so. Ich war noch keine fünf Minuten im Mumms und hatte zwei Bier runtergestürzt.
"Nee, das tu ich mir nicht an", meinte die Gräfin noch, bevor sie den Laden verließ.
Ich soff wie ein Loch an diesem Abend, und irgendwann, es ging schon auf Mitternacht zu, schaute auch noch Kollege Heroin zur Tür rein, und ich machte mir ein fettes Näschen, in irgendeinem Auto auf dem Parkplatz.
Kurz vor der Sperrstunde war die Gräfin plötzlich wieder da. Allein.
"Wo warst du denn?"
"Na, bei Rita."
"Du riechst nach Fusel."
"Fusel..? Wir haben ein Fläschchen Wein getrunken, mehr nicht."
Wir hatten Hunger und gingen zum Amerikaner. Stress lag in der Luft.
"Ich kann deine kleinen Pupillen nicht mehr sehen", wendete sie sich ab. "Diese scheiß Opiumaugen."
Nach einigen Burgern und Apfeltaschen wankten wir heim. Sie war ziemlich neben der Kappe, ich komplett.
Zuhause ging sie gleich ins Bett. Wollte, dass ich mich zu ihr legte, doch in meinem bräsigen Schädel meinte ich unbedingt, noch ein paar Seiten lesen zu müssen.
"Nur ein paar Seiten, ne Viertelstunde, dann komm ich rüber."
Als ich rüber in mein Zimmer stolperte, riss ich einen Aschenbecher zu Boden, wovon sie aufwachte, war sie doch schon weinschwer weggedämmert.
Und von da an lief alles falsch.
Ihre Wut, ihr ganzer Zorn entzündete sich daran, dass ich nicht zu ihr ins Bett wollte. Und sie hatte ja recht: war ich erstmal bei mir drüben, schlief ich sowieso da ein.
Sie steigerte sich in erste Beschimpfungen, "du bist so kalt!", weil ich teilnahmslos in einer Illustrierten blätterte, ohne sie eines Blickes zu würdigen, während sie vor mir stand und mich abkanzelte.
"Was willst du eigentlich", sagte ich einmal, "ich komm doch gleich zu dir.."
Die ersten Gegenstände flogen. Erst nur ein Hut, dann der Korb, in dem meine Notizbücher gesammelt waren, schließlich krachte meine Zimmertür gegen die grüne Kommode und riss aus der Verankerung.
Stille.
Sie war in die Küche gelaufen.
Ich hörte ihr wütendes Heulen, ihre alkoholisierte Verzweiflung. All die vertanen Jahre an meiner Seite. Außerdem wollte sie jetzt ficken, hörte ich, und nicht mir beim Zeitunglesen zugucken. Ficken, ficken!
Als einen Moment Ruhe herrschte, und ich schon drei Kreuze machen wollte, hörte ich ihre entschlossenen Schritte, barfuß.
Sie stand vor mir.
"Guck dich doch an! Wo ist denn da noch was.. Menschliches?! Du Stück Scheiße!"
Je ausfallender sie wurde, desto kälter wurde ich. Ich konnte mich nicht rühren. Ich war kein Mensch mehr. Du hast etwas Komatöses in deinem Charakter, hatte sie gesagt.
Unter Tränen machte sie kehrt und lief in die Küche.
"DU BIST SO KALT!" schrie sie. "ICH BRING DICH UM!"
*
Nachmittag, 1983