Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
  Startseite
  Über...
  Archiv
  Karriere
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Andreas Glumm
   Blogroll
   Citronenbusen
   Ihr Schreiber

kostenloser Counter



http://myblog.de/500beine

Gratis bloggen bei
myblog.de



 
DIE UNKE

Nachdem ich es in die Stadt geschafft hatte, schob ich das Rad in den Hausflur und lief die drei Stockwerke hoch.
Oben angekommen drückte ich die Klingel.
1x kurz, 1x lang.
"Tür ist offen!" hörte ich die Unke schnaufen. Ihre Nasenscheidewand war so porös geworden, sie klang mehr und mehr wie ein marodes Pferd.
"Komm rein, Mann."

Da saß sie vor ihrem Wohnzimmertisch, in der Couch versunken, mit stämmigen, ungeheuer weißen nackten Schenkeln.
Der Tisch war mit Utensilien übersät.
"Hallo", keuchte ich.
Erledigt vom Radfahren und dem beginnenden Affen fiel ich in den Ohrensessel, einem gemütlichen Altertümchen, das sie vor Jahren auf einem Flohmarkt in Antwerpen erstanden hatte, damals, als sie noch clean und ansehnlich war.
Eine Art rassiges Mauerblümchen.

Jetzt hiess sie nur noch die Unke, wenn die Rede auf sie kam. Es lag an ihren Augen. Die wölbten sich aus den Höhlen hervor wie Mozartkugeln, und schwammen geradezu in Tränenflüssigkeit.
Es war, als hätte sie ein Depot angelegt, um jederzeit Zugriff auf Tränen zu haben.
Um stante pede losheulen zu können.

Der Schweiss tropfte mir aufs T-Shirt.
"Willste dich was frisch machen..?"
"Nee, schon okay..", sagte ich.
Sie grinste.
Erst da ging mir auf, wie sie das meinte.
"Ja, klar", beeilte ich mich.
Frisch machen, das bedeutete, hier, Junge, ich streu dir ne Strasse.
Zieh dir die erst mal rein, dann sehen wir weiter.

Mitte der Neunziger ist das Leben nur noch eine Übergangslösung zwischen zwei Nasen. Ein Monat, ein Tag ist wie der andere. Auch wenn ich das Pulver kein einziges Mal intravenös zu mir nehme, ich seh scheisse aus - Heroin und Gesichtszüge sind eine tragische Liaison.
Ergebnis: ein alter Hund.

Da die Unke einer regulären Arbeit nachging, in irgendeinem Büro, empfing sie erst nach Feierabend ihre Stammkundschaft. Die bestand aus nicht mehr als vier, fünf Leuten, damit erst gar kein Gerede aufkam, in der Szene.
Ein Kunde war Stan, ein blässlicher Krankenpfleger.
"Ich bin unheimlich weiß und ich komme aus dem Beton", hat er mal zu mir gesagt.
Schön.

Ab halb Sieben saßen die weißen Schenkel der Unke im Wohnzimmer, wo sie auf der elektronischen Feinwaage die Bestellungen bearbeitete.
"Mann.. du schwitzt ja wie ein Schwein..", näselte sie.
Ich stöhnte zustimmend.
Sie reichte eine Illustrierte rüber, auf der Pulver zu einer kleinen braunen Pyramide aufgeschichtet war.
"Um Sieben musst du weg sein, dann hab ich ein anderes Date."
"Na und? Ist doch egal, oder nicht? Ich kenn doch deine Leute."

Weil sie nicht antwortete, blinzelte ich zu ihr hinüber.
Ihre Augen waren geschlossen, und der Mund stand offen. Ganz langsam, Millimeter für Millimeter, sank ihr Kinn auf die Brust.
Braunes Pulver, feucht geworden vom Nasenrotz, lief klumpig aus ihrer Nase.
Sie war breit wie tausend Russen.

Ich nahm ein Messerchen vom Tisch und teilte die Pyramide in zwei Strassen, die ich hintereinander wegsniefte. Dann lehnte ich mich zurück.
Gedämpft stieg der Strassenlärm in die Wohnung hoch.
Die Unke schnarchte.
Ich schielte auf das Holzbrett, das vor ihr auf dem Tisch lag. Den Hügel Heroin darauf schätzte ich auf vierzig Gramm, vielleicht auch mehr.
Sie hatte Nachschub bekommen.
Ich sass da und starrte den Hügel an.

"Wieviel?" murmelte die Unke.
"Was..?"
Aufgeschreckt kramte ich die Geldscheine aus der Hosentasche.
"Zwei Blaue", sagte ich.
Sie stiess die Augen auf, wie Schlagladen.
"Zwei Blaue? Hey.. hast du im Lotto gewonnen?!"
"Im Lotto.. pff. Ein Junkie gewinnt nicht im Lotto. Ein Junkie hat immer nur die Zusatzzahl richtig", sagte ich.
Sie kicherte bräsig.

Wahrscheinlich war sie die ganze Zeit wach gewesen. Wollte mich nur testen, ob ich ihren Pulverhügel antaste, wenn sie wegdämmert. Doch ich war wie gelähmt gewesen. Natürlich hätte ich sie gerne bestohlen. Ein paar Zehntel Gramm vielleicht, gerade soviel, dass es auf Anhieb nicht aufgefallen wäre. Erst am Abend, bei der Abrechnung. Wenn sie auf dem Rechenmaschinchen fein säuberlich die Tageseinnahmen eintippte.

"Zweihundert also?" schnoberte sie, ganz Geschäftsfrau jetzt.
Wie mit einer Kuchengabel schob sie ihr Messer in das Pulver, nahm eine Breitseite und schüttete es auf das Zellophan, das vorbereitet auf der elektronischen Waage lag.
"So, exakt zwei Gramm."
"Bei zwei Blauen kannst du ruhig noch was draufpacken", sagte ich.
"Hab ich doch schon", antwortete sie.
"Na ja, schon, aber.. da wusstest du noch nichts davon, dass ich mehr hole!"
"Kannst du mal sehen, was ich für ein feines Näschen hab", sagte sie, und wir mussten beide lachen.
"Abziehtante!"
Sie streute noch einen.

Auf dem Rückweg hielt ich an der Baumstrasse. Ich hatte kaum mein Rad abgeschlossen und war im Treppenhaus, schon riss Felix die Tür auf.
Ich wurde sehnsüchtig erwartet.
Die zweihundert Mark hatte ich mir zuvor hier abgeholt, in der WG. Die war jung, die WG, gerade mal Anfang Zwanzig. Drei Jungs, ein Mädel, auf dem Weg in die Sucht.
Ich lieferte 1,4 Gramm ab.
Die Unke war von ihrem Lieferanten beschissen worden, dann hatte sie mich beschissen, und nun beschiss ich die Greenhorns von der Baumstrasse.

Ob die auch noch jemanden bescheissen würden, fragte ich mich, nachdem ich mich so schnell wie möglich wieder verabschiedet hatte.
Noch im Hausflur begegnete mir ein verschwitztes Mädchen, dem es nicht gut ging. Sie hechelte die Stufen hoch, und drückte die Klingel.
"Ist offen..!"
25.9.06 23:29
 



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung