Als der Dauerregen vormittags eine Pause einlegt, setz ich mich auf eine Kippe und ein paar Notizen in die Malteser Gründe, dem Park hinterm Haus der Jugend. Hier haben wir früher getobt, gesoffen, im Gebüsch gebumst mit Geräuschen: Als Lena und ich zwischen den Sträuchern wieder hervortraten, ihr tat der Rücken weh von den spitzen Steinchen, hat man uns mit freundlichem Applaus empfangen.
Viele Jahre später, ein Typ nähert sich vorsichtig. Etwa mein Alter. Dünnes rötliches Haar unterm Käppi. Rötlicher Schnauzbart. Armeeklamotten. "Morgen", sagt er. "Morgen", sag ich. "Ist trocken?" fragt er. "Hier ja", sag ich. Unsicher wischt er mit der Hand über die Sitzfläche, bevor er sich auf der Bank niederlässt.
"Nix los heute, wa?" "Keine Ahnung", sag ich. "Ich bin nicht oft hier. Nicht mehr. Früher haben wir hier viel rumgehangen. Ist aber schon lange her." Ich zeige auf die andere Park-Seite. "Da war dahinten noch das grosse orangene Zeltdach." Er nickt matt. "Und du?" fragt er, mir Blick auf das Landré-Notizbuch in meinen Händen. "Studium?" "Nee, ich äh.. nein, nur so." "Hast du vielleicht siebzig Cent übrig, fürn Bierchen?" Normalerweise rücke ich immer einen Euro raus, warum nicht, aber irgendwas wehrt sich in mir. Keine Ahnung. Dabei ist der Typ nicht mal unsympathisch. Könnte auch im Wilden Westen auf einer Bank sitzen, als ausgestorbener Dorf-Sheriff. Sheriff Schmitz. "Nee, hab ich nicht. Die Kohle brauch ich selber." Er zieht ein verknülltes Päckchen Tabak aus der Army-Jacke. "Ist schon okay. Ich dachte ja nur. Ein Bierchen."
Er hat nikotingelbe Reval-Finger, auch wenn er gar keine Reval raucht. Kein Mensch raucht mehr Reval. Nur die Finger existieren noch. "Ich hab auch mal ein Buch geschrieben. Vor zehn Jahren", sagt er. "Als die Zeiten noch gut waren. War ein Bestseller." Ich leg das Notizbuch ab. "Du hast ein Buch geschrieben..?" Die Leute entsorgen immer dreister ihren Sondermüll. "Was denn für eins?" Er stiert auf seine Hände. "Was Frauen an Männern lieben. Das war der Titel. 420 Seiten. Mit Kreuzworträtseln und so. War alles drin. Aber ich schreib nicht mehr." Mit Rätsel. So so. "Und wo hast du das Buch veröffentlicht?" "Bei Bertelsmann. Das Manuskript hab ich zuhause noch irgendwo rumfliegen. Ist damals sofort angenommen worden. 420 Seiten. War ein Bestseller." Seine prompten Antworten überraschen. "Und jetzt schreibst du nicht mehr?" "Nee. Jetzt schreib ich nicht mehr." "Und warum?" "Na, ich weiss nicht. Ich hab.. den Faden verloren. Zuviel Tod überall. Erst ist meine jüngste Tochter gestorben. Blutkrebs. Mit sieben. Da machst du nichts. Dann meine Schwester. Mein jüngster Bruder. Meine Frau. Und demnächst stirbt wahrscheinlich wieder jemand. Ich hab einen schwarzen Anzug zuhause. Den kann ich eigentlich anlassen." Bei Trinkern ist oft nicht auszumachen, ob das Tränen sind, die sich in ihren Augen sammeln, oder der noch nicht befriedigte Suff am Morgen. Der Sehnsuff.
"Guck mal dahinten, die kenn ich", sagt er. Zwei Mitarbeiter vom Ordnungsamt schreiten den Park ab, als schwarzgekleidete Majestäten. Eine trägt Zopf. "Hab ich auch mal gearbeitet, beim Ordnungsamt, aber die Stadt hat mir gekündigt, aus..", er lässt den Anflug eines Lächelns erkennen, "..disziplinarischen Gründen. Ich hab einfach nicht genug Leute angeschwärzt, weisst du. Ich hab ne soziale Ader. Wenn ich die Penner gesehen hab, hier im Park, dann hab ich die nicht vertrieben, wegen dem ganzen Dreck oder so, nee, da hab ich mich dazu gesetzt, ein Bierchen mitgetrunken, weisst du.." Ja, weiss ich.
"Die Penner waren okay. Aber die ganzen Ausländer.." Jetzt kommts. Kommt ja immer. Die Ausländer. "..gibt zu viele Ausländer hier. Guck mal, Solingen hat 165.000 Einwohner, weisst du wieviel davon Ausländer sind?" "So 20.000", sag ich. "Ja, früher mal. Heute sinds..", er verfolgt seine ehemaligen Kollegen vom Ordnungsamt mit wässrigem Blick, "..bestimmt 40.000. Das Doppelte. Und dazu noch die Illegalen. Wenn du das alles zusammenrechnest, kommt du auf 195.000 Einwohner. In Solingen! Nur wegen den vielen Ausländern!" All der Schrott, der aus ihm sprudelt, addiert sich zu einer Art metallenem Parfüm. Er schwitzt wie ein Altmetallhändler. Altmetall Schmitz.
Eher nebenbei bemerkt er, dass er bis vor kurzem vier Jahre abgesessen habe. "Im Simonshöfchen." "Kenn ich", sag ich. "In Wuppertal, ne?" Er nickt. "Genau. War ne harte Schiene." Als ich ihn nach dem Grund frage, "Ich mein, vier Jahre sind ja kein Pappenstiel", wird er einsilbig. Ich muss schon zweimal nachfassen. "Warum denn jetzt, los.." "Wegen versuchten Totschlag." "Totschlag. Ah. Und wen wolltest du tot schlagen?" Er guckt zum Himmel hoch, wo sich in der dichten Wolkendecke eine hellblaue Schneise auftut. "Da möcht ich jetzt so von aufgesaugt werden, von da oben.."
Ich nehm mein Notizbuch zur Hand. Wird Zeit. "Ich war in der Hooligan-Szene.." Pause. "Welche Hools?" frag ich. "Welcher Club?" "Na, die Union!" antwortet er, beinah empört. Ich muss grinsen. "Jo. Eisern Union. Klar." Aber stimmt schon. Union Solingen hat schon immer einen harten Hooligan-Kern gehabt, meist in Kooperation mit den zahlenmäßig überlegenen Fortuna-Hools aus Düsseldorf. "Wir waren in St .Pauli, beim Auswärtskampf." Pause. "Und?" "Was und?" "Na, und dann? Was ist passiert?" "Na, was soll schon passiert sein! Der Pauli lag auf dem Boden und ich hab ihn weiter plattgeboxt. Ich hab die Sau fast totgemacht. Scheisse." Gut. Ich hab, was ich wollte. So halbwegs. Neues Futter fürs Notizbuch, und viel mehr kommt sowieso nicht. Ich verabschiede mich vom Sheriff. "Wie heisst du überhaupt?" "Mike." Wir geben uns die Hand.
Zehn Minuten später, ich hab in der Stadt noch was zu erledigen gehabt, wähle ich die Abkürzung nach Hause, über den Friedhof, und seh Mike da stehen, vor einem Grab. Ganz still. Er sieht mich dennoch vorübergehen. "Tja, ist so..", sagt er. "Ein Kumpel?" grinse ich blöd. "Nee. Meine Frau." Als ich mich unten am Ausgang noch mal umdrehe, streichelt er liebevoll die akkurat gestutzte Hecke, die das Grab einfasst.