Anfang der 80er leistete ich Zivildienst im Krankenhaus. Ich hatte mich für den Job im Operationssaal entschieden, das wollte kaum jemand machen, trotz geregelter Fünf-Tage-Woche und Zulage. "Trauen Sie sich das auch zu?" "Pfah, sicher!"
"Muttih!" Am ersten Arbeitstag wollte ich nur eines: so schnell wie möglich heim. Überall Knochen und Fleisch, selbst unterm Kittel der Anästhesistin, und dann dieses Blut, ganze Pötte voll, die ich zum Ausguss rollen und auskippen musste, und wer so etwas zehnmal am Tag erledigen muss, der ertappt sich beim Sekundenschlaf schon mal dabei, wie er einen roten Teppich auslöffelt, mit massig Speck drauf.
Am Rosenmontag wurde ein stattlicher alter Mann in den OP-Saal geschoben. Trotz Vollnarkose stammelte er leise vor sich hin. Böse Sache, Raucherbein. Die beiden Chirurgen, denen ich immer wieder den Schweiss von der Stirn wischen musste, sägten unermüdlich. Ich konnte kaum hingucken, ohne dass mir übel wurde, dazu das verzweifelte "Lot stonn.." des alten Solingers und dieser Gestank, den ich heute noch in der Nase habe, wie ein kokelndes Wurstbrot.
Als zwei Pötte randvoll waren mit Blut und das Bein endlich ab, wurde es in Zellpapier eingewickelt und mir übergeben. "Bring das mal ins Krematorium." Da marschierte ich nun an Rosenmontag durch die Katakomben der städtischen Krankenanstalten, mit einem warmen Bein im Arm, das niemanden mehr gehörte, und traf Schnaat, der ebenfalls Zivildienst machte, allerdings im Hals,- Nasen,- Ohren-Bereich. "Eh, Glumm, wohin?" "Büttenmarsch!" grüsste ich. "Hier, nimm mal."
Ich drehte ich mir eine Zigarette, während Schnaat das Bein hielt. Dann begleitete er mich zur Verbrennungsanlage, wo wir uns aufs Mäuerchen setzten und die Kippe teilten. Wir plauderten über Pappnasen, einbeinige Polonäse und all das Holz, aus dem die Menschen geschnitzt sind. Holz, in dem pötteweise Blut steckt, wenn man es aufschneidet. Oder ab.