Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Ein Faible fürs Ausserirdische

Unten am Klauberger Bach kommt uns Frau Müller entgegen, mit trippelnden kleinen Schritten, dahinter folgt Cara, die ruhige Rehpinscher-Dame.
Frau Müller redet schon aus zwanzig Metern Entfernung auf mich ein.
"Ich muss aufpassen, dass der böse Mann uns nicht sieht! Der mit dem Schäferhund!"

Erst denk ich, sie macht Spaß, doch als sie vor uns steht, in ihrem rosa Mäntelchen, das Make up wie immer einmal quer durchs Gesicht gerutscht, spüre ich ihre Erregung.
"Hier läuft so ein Verrückter rum, kennen Sie den? Der hetzt seinen Schäferhund auf andere Hunde. Hab ich Ihrer Frau auch schon von erzählt. Ein Rauschgiftsüchtiger ist das. Ganz rote Augen hat der. Ein rauschgiftsüchtiger Trinker. Der schlägt auch seine Frau. Man hört so manches."

Ich denke, sie meint Tim, ein in der Nachbarschaft wohnender Dauerkiffer. Sein Hund bellt sich fast um den Verstand, sobald er einen anderen Hund sieht, egal ob Rüde oder Weibchen. Ob er wirklich zubeißen würde, weiß ich nicht, aber Tim hat tatsächlich ein Problem mit der Töle, die er aus dem Tierheim hat.

Während Frau Müller spricht, mit lustig zwinkernden kleinen Augen, legt sich Cara, die Rehpinscherdame, in einiger Entfernung ab. Cara kennt das Spielchen. Wenn ihr Frauchen einmal lostütet, kann man es sich auch gemütlich machen. Warum lange in der Gegend rumstehen, mit vier kurzen krummen Beinen? Ein intelligenter Hund. Ich kenne da ganz andere Vertreter.

"Kreislaufwetter ist das. Furchtbar, ne. Gibt bald wieder Schnee, wissen Sie." Sie spricht schnell und kantig, als würde sie beim Reden kleine Zwiebelchen hacken. "Geht mir auf die Pumpe, das Wetter. Kreislaufwetter ist das. Furchtbar, ne!? Letzte Woche ist bei mir in der Siedlung auch eine umgekippt. Nee, ist nix für mich, das Wetter. Geht mir auf die Pumpe, wissen Sie. So Kreislauf. Gibt bald wieder Schnee, am Sonntag."

Manchmal versuch ich mir vorzustellen, wie sie wohl mit Zwanzig ausgesehen haben mag. Als sie tanzen ging, auf Feten. Sie muss ein Rock'n Roll-Monster gewesen sein, damals. Ein heißes Fetengerät.

Ich kann sie mir aber auch gut auf einem dieser kommunistischen, knatschbunten Propagandaplakate der 50er Jahre vorstellen. Wie sie als junge Bäuerin voranschreitet, im Schlepptau zehn andere Bäuerinnen, mit glühenden KPD-Bäckchen, Fähnchen schwenkend, terrorlächelnd.

Wir mögen Frau Müller sehr.

Als sie mir das erste Mal über den Weg gelaufen ist, schon ein paar Jahre her, das Make-up quer durchs Gesicht gerutscht wie ein schwerer Ausnahmefehler, da musste ich aufpassen, dass ich nicht loslachte, so verschroben kam sie rüber.

Mittlerweile freue ich mich regelrecht, sie zu sehen, die tapfere kleine Rentnerin und ihre kleine Hündin. Immer unterwegs, immer unter Dampf. Immer am quasseln.

Nicht jeder mag verrückte alte Frauen, die durch die Welt stapfen und aus vollem Hals Seemannslieder singen, natürlich.
Nicht jeder hat ein Faible fürs Ausserirdische.

Frau Müller jagt den Leuten Angst ein, mit ihrem lauten Anderssein. Sie ist ja nicht nur laut und schrill, sie ist auch noch: ALT. Und alte Menschen leben nicht so laut. Alte Menschen verstecken sich daheim. Alten Menschen fehlt die Kraft und die Lust, "Seemann, lass das Träumen" dröhnend durch die Welt zu stromern.

Sie dreht sich um und macht ein paar schaukelnde Schrittchen auf Cara zu, stoppt abrupt ab, macht kehrt. Stop and Go, das ist ihr Verkehr. Sie kann nicht anders. Sie springt von Thema zu Thema, wie ein Eichhörnchen. Wenn man Geduld hat und lange genug wartet, kehrt sie irgendwann zum Ursprungsthema zurück.

"Haben Sie den Bekloppten heut schon gesehen, mit seinem Schäferhund? Der ist kriminell. Der ist rauschgiftsüchtig. Und dann lacht der immer so dreckig, wenn er uns sieht. Sagt zu seinem Hund, der soll sich Cara schnappen und auffressen. Das ist ein Krimineller. Der nimmt Rauschgift. Der läuft doch immer hier rum. Der hat ganz rote Augen. Müssen Sie aufpassen. Böse Menschen gibt es, nicht?"

Tim hat mir mal von der verrückten Alten mit dem kleinen Hund erzählt, die ihm abends übern Weg läuft.
"Die glaubt, mein Hund frisst ihren kleinen Kacker. Die ist voll bräsig, die Alte."

Frau Müller trägt merkwürdig festes Schuhwerk, eine Mischung aus Teufelshufe und Stöckelschuh. Ihr Haar ist laubrot gefärbt, und auch der verblichene Mantel ist mal rot gewesen, jetzt ist er zahnfleischrosa. (Wenn man nicht mehr viel Zahnfleisch hat, diese Art Rosa.)

Die Handtasche, die sie vor sich her trägt wie einen heißen Kochtopf, gerade von der Feuerstelle genommen, ist in Hundekreisen berühmt für die selbstgemachten Getreideplätzchen darin.

Nur dass Frau Müller ihre Leckerchen nicht so liebevoll verfüttert wie ältere Damen das sonst tun, nein, sie schmeißt mit der Kamelle um sich, wie ein zorniges Funkenmariechen auf dem Rosenmontagswagen.

Die Hunde müssen sich sehr vorsehen.

Einmal, es war Sommer, haben wir Frau Müller unten an der Wupper getroffen. Die Wupper ist ein schwarzer mystischer Fluss, der strudelige kleine Geräusche von sich gibt, wenn er durchs enge Tal zuckelt. Als werfe er Blasen auf, wie ein Geysir, wupp, wupp, wupp, geht das. Daher hat der Fluss seinen Namen.

An diesem Sommertag aber war statt der Wupper die laute Operettenstimme von Frau Müller zu hören, und zwar lange, bevor wir sie zu sehen bekamen.

"SEE-MANN", trällerte sie mit Verve und Wehmut, "LASS DAS TR-RÄU-MEN..".

Der Gesang schallte durch die Wupperberge, dass die Krähen aufflogen.
Die wussten nicht, was los war.
Ob Untergang drohte.
Havarie.

"..DENK NICHT AN ZU-HAUS, SEEMANN, WIND UND WELLEN
RRU-FEN DICH HIN-AUS.."

Dann erst sahen wir sie den Waldweg hochkurven, wie ein alter Seebär, Cara im Schlepptau, zehn Meter dahinter, schnaufend.

"DEINE HEI-MAT IST DAS MEEER, DEINE FREUN-DE SIND DIE STERR-NE, ÜBER RIO UND SHANG-HAI.."

Aber zurück zum Klauberger Bach. Frau Müller erzählt, dass man ihrer 57jährigen Tochter letzten Montag den halben Magen wegoperiert hat.

"Oh, die sieht schlecht aus. Die raucht zuviel. Vier Packungen am Tag. Ist doch nicht normal, oder? Und dann die Türken, mit denen sie rummacht. Das bleibt doch nicht in den Kleidern hängen, oder? Immer nur Türken. Ist doch nicht normal. Jetzt ist der halbe Magen weg."

Nun muss sie weiter.
"Cara, komm..", ruft sie, "wir müssen weiter. Frauchen muss noch in den PLUS", doch Cara bleibt liegen. Hat keine Lust. "Cara, komm bei Mama..! Hier ist lecker Pfütze. Komm, lecker Wasser. Cara, komm. Bei Mama!!"
Nichts zu machen. Cara bleibt stur.

(Einmal haben wir zufällig mitgekriegt, wie sie die kleine Rehpinscherdame einfach an der Leine hinter sich hergezogen hat, wie einen störrischen Würfel.)

Als hätte Cara in meinen Gedanken gelesen, erhebt sie sich und schaukelt lässig an uns vorüber, an mir und meinem Hund. Die Beiden haben eine Art Stillhalteabkommen geschlossen, von dem wir Menschen nichts wissen. Sie ignorieren sich auf ganzer Linie. Sie sind Luft füreinander. Nicht mal schlechte Luft oder lästige Luft, nein, einfach nur.. Luft.

Cara folgt ihrem Frauchen, deren merkwürdiges Schuhwerk, dieser Mischung aus Teufelshufe und Stöckelschuh, beim Gehen merkwürdig quakelnde Geräusche von sich gibt, als hätte sie einen nassen Delfin im Schuh.

Ein schöner Sound.
Ein großartiges Konzert.
"Grüßen Sie ihre Frau", ruft sie und wackelt davon.

Ich freu mich schon auf den Frühling, wenn sie wieder im original Plissee-Röckchen aus den 60ern aufläuft, mit großen Karos, und auf ihrem Kopf sitzt ein großer lila Hut.
19.3.09 13:05
 



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