Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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So ein schöner knallroter Zufall

Der rote Luftballon hat sich in der Baumkrone verfangen. Seit Tagen schon sitzt er da fest, ganz oben in der Spitze. So perfekt, als wäre jemand den Stamm hochgeklettert und hätte ihn dort angebunden, doch das ist unmöglich, die Zweige und Äste sind so dicht, da ist kein Durchkommen.

Nein, der rote Luftballon hat sich von ganz allein in der Krone verfangen, so einfach ist das. Dennoch bleib ich kurz stehen und verrenk mir den Hals und mach mir so meine Gedanken.

So ein schöner knallroter Zufall.

"Kein Zufall. Ist Zeichen", meint der schmächtige alte Pole. Er trägt, wie immer, seinen Pepita-Hut, der wie neu aussieht, und sitzt auf der Parkbank gegenüber. Stunde um Stunde sitzt er da, die Hände überm Knauf seines Spazierstocks gekreuzt.
"Ist Zeichen von Gott", wispert er.

Welches Zeichen? Verrät er nicht. Vielleicht das Zeichen, dass heliumgefüllte Werbe-Luftballons jetzt Baumkronen besetzen und nicht mehr bedingungslos in ihr Unglück fliegen.

"Morgen", nicke ich ihm beim Vorübergehen zu, ich muß den Bus kriegen, ich muß nach Wuppertal, ich muß was erledigen.
Ich hab überhaupt keine Zeit für Luftballons.
"Scheenen guten Morgen..", antwortet der alte Pole versonnen, und schaut nach oben.

Wuppertal-Elberfeld.

Der Bus stoppt an der Haltestelle unter der schmutzigen Betonbrücke, die beide Gebäudehälften der großen Universität miteinander verbindet.
Ich nehm den Haupt-Eingang.
Wo ist die Information?
Ich brauch eine Auskunft.
Ich bin nicht zum Vergnügen hier.

Einer der Mitarbeiter schaut zu mir hoch. Er sitzt auf seinem Schemel, hinter der Scheibe der Information. Ein Chinese. Hongkong-Chinese, schätz ich. Auf einem Drehschemel in Wuppertal.

"Wo finde ich die Fernleihe?" frage ich so überdeutlich, dass er regelrecht zurückzuckt.
"Hatte mit Büchern ssu tun?"
"Mit Büchern. Ja."
"Dann Bibliotheke. Bibliotheke bestimmt."
Ja. Das war irgendwie zu erwarten.
"Und wo ist hier die.. Bibliothek?"
"Bibliotheke, gut. Müss Se erstmal wieder raus, dann Treppe runter rechts.."
Ich guck mich um.
"Bitte gucken mich an! .. Und dann noch mal rechts, da is Eingang zu Bibliotheke von Uni. Und Ferneleihe.. vielleich auch."

Es ist Freitagmorgen, kurz vor neun. Über mir ein bergischer Himmel, der die Ruhe weg hat, trotz aufziehender Bombenwolken und grauer Gischt.
Treppe runter rechts.

Ich bin zum ersten Mal an der Bergischen Universität Wuppertal bei laufendem Betrieb. Auf Abi-Feten war ich früher ab und an, klar, einmal hat Herman Brood aufgespielt & His Wild Romance ("Dope sucks"), doch Freitagmorgen, kurz vor 9, Bombenwolken, graue Gischt?

Treppe runter.
Rechts.

Per Internet-Fernleihe, einem Service der Uni-Bibliothek, habe ich gestern sechs sehr teure, sehr spezielle Produktdesign-Bücher fürs Institut ausgeliehen, nun liegen sie zur Abholung bereit, am Schalter der Fernleihe.

Ich trage meinen orangefarbenen Rucksack. Ich mag das Ding nicht. Ich hab aber keinen anderen Rucksack, und ich muss die Bücher irgendwie transportieren.

"Orange steht für Verrücktsein nach seiner Sache", hat mich die Gräfin heut Morgen noch auf die Schnelle aufgeklärt, am Küchentisch, als ich ihr von meiner Unlust erzählte, den Rucksack mitzunehmen. "Und für Vitalität, für Party."
"Orange, das ist doch die Farbe der Saison", hab ich naserümpfend geantwortet.
Wohin man auch guckt, überall glotzt einen Apfelsine an.

Und wenn ich irgendetwas nicht mag, dann Herdentrieb.

Wenn alle Welt losrennt, um mobil zu telefonieren, bin ich der letzte, der sich ein Handy in die Tasche steckt. Wenn 99 Prozent der Leute, die gerne fotografieren, ihre analogen Apparate für kleines Geld verschleudern, um die neueste 100-Milliarden-Pixel-Digitalkamera auf Ebay zu ersteigern, kaufe ich erst recht eine alt Spiegelreflex und bunkere auf Vorrat eine Palette 400er Silberfilm von Kodak. Und wenn das Volk, rammdösig geworden von der x-ten Kochshow auf Vox, von Wachteleiern auf blutigem Lungen-Püree träumt, dann futtere ich erst recht eine doppelte Portion Bauchspeck mit Kartoffeln aus der Erde.

(Nur wenn die Herde plötzlich anhält, wie auf ein geheimes Kommando hin, und weinen muss, dann zieh ich wie in Zeitlupe vorbei, gemächlich, ein gemächliches, analoges Zicklein, he he!)

"Hoffentlich sind die sechs Bücher keine schweren Schinken. Sonst reißt der Rucksack."
"Der Schinken von Herta hier, der heißt Finesse", murmelte die Gräfin, nicht ganz bei der Sache.
"Finesse?"
Ich schnürte die Schuhe zu, und ihre Worte brodelten in mir, Finesse und Masse. Die Finesse der Masse. Was für schöne Worte. Ich mag schöne Worte. Abgeschmackte aber auch: Hackbraten, Kontrolle.

"Hoffentlich sind die Schinken nicht so schwer."

Nein, sind nicht schwer, die sechs vorbestellten Design-Bücher, die ich jetzt einsacke am Fernleih-Schalter. Nicht schwer, aber teilweise lädiert. Eines wird sogar notdürftig zusammengehalten, von einem roten Gummiband, wie man es für Einmachgläser verwendet. Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Im Gegenteil. Ich dachte: Fernleihe! wow! Moderne Angelegenheit! Und nicht: Fernleihe, na und. Bullshit.

"Hatte mit Büchern ssu tun?"

Ohne mich noch mal umzudrehen, nehm ich den nächsten Bus zurück. Bloß raus aus Wuppertal, eisiges, dreckiges Wuppertal, dann, in Solingen angekommen, noch kurz ins Institut, 6 Bücher abladen beim Geschäftsführer, der, gebräunt vom letzten Segeltörn, kurz aufnickt, als ich vor seinem Schreibtisch stehe und, bitteschön, auf den Tisch purzeln lasse, wie gewünscht, sechs innovative Produktdesignspezialitäten, Phillip Starck.

Feierabend.

Als ich auf dem Heimweg durch den Park schlendre, seh ich den schmächtigen, alten Polen, wie er sich müde von seiner Bank erhebt. Das Gesicht grau, wie eingeebnet. Ein leerer Parkplatz nur noch. Enttäuscht.

Der Luftballon? Weg. Die Baumkrone leer. Langsam, gestützt auf seinen Gehstock, verschwindet der Alte aus dem Park, während ich stehenbleibe und den Himmel absuche.
13.3.09 10:43
 



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