Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Die Pferde sind nass *

Womit man so alles seine Tage verbringt, bevor man in den Himmel kommt, sag ich, das ist allerhand, das ist rekordverdächtig, andererseits, man gewöhnt sich daran, man gewöhnt sich ja an alles.

Selbst dass jeder Einsame glaubt, er fiele auf in seiner Einsamkeit, auch daran gewöhnt man sich. An den Anblick von Menschen, die sich einsam fühlen und alles daran setzen, nicht einsam zu erscheinen, weil die Menschheit glaubt, Einsamkeit sei ansteckend, Einsamkeit sei HIV positiv, ist nicht selbst gewählt.

"Je länger ich zu Hause bleibe, ohne vor die Tür zu kommen, desto ausgeprägter wird mein weißes feistes Drinnen-Gesicht, meine Mobilliar-Visage", sagt sie.

Aber das ist selbstgewählte Einsamkeit. Als Künstler befriedigt man eine Nachfrage, die man erst selbst schaffen muss. Ohne Gardinchen. Ohne lange Fingernägel. In der Abgeschiedenheit.

Kaum geh ich zehn Jahre nicht in die Kneipe, sind die ganzen Freunde weg!

Unverschämt.

Dass wir von nichts wirklich eine Ahnung haben und dass Hunde heutzutage heißen wie früher die Kellner, nämlich Teddie, Freddie, irgendwas mit Eddie.
Ja selbst dass El Kaida mit schwerem Gerät Suren über deutsche Autobahnen transportieren, an Sonntagen! tja, das ist eben so, Sondergenehmigung.

Aber dass die Schweine uns jetzt den Winter wegnehmen wollen, da hört der Spaß auf!
"Dafür ham se Geld!"

Oder soll DAS etwa Winter sein, wenn Mücken fröhlich im Waschlappen der Gräfin überwintern und "No me moleste Mosquito" summen – IST DAS VIELLEICHT ...

WINTER!!?

In diesem Winter sind die Mücken eine echte Plage. Weil der Winter davor noch milder war. Das sind alles Überlebende. Die sind nur älter geworden.
Und langbeiniger.
Und erfahrener.
Und resistenter.
Und hungriger.

Es herrscht ständiger Fliegeralarm.

"He, du Lump!" rotz ich die Mücke im Waschlappen an.
"Lass das Insekt in Frieden", sagt die Gräfin. "Außerdem ist das immer noch mein Waschlappen." Sie schaut misstrauisch an mir herunter. "Was willst du überhaupt mit dem Waschlappen? Dich waschen?"
Ich bin gereizt.
"Nee! Mit Eiswürfeln befüllen und in meinen Wintermantel einnähen! Das hält doch kein Schwein aus, die Temperaturen. Das soll WINTER sein!?"

Das Schlimmste an diesem Winter: Es regnet in einem fort, die Pferde sind nass.
"Hm..? Seit wann juckt es dich, ob Pferde nass werden?"

Es folgt der Sonntagsspaziergang, ein Ritual. Und ein Ritual darf nicht von der Witterung abhängig sein. Sonst wäre es ein sehr dürftiges Ritual. Wir haben genug dürftige Rituale. Die braucht kein Mensch.

(Wenn Menschen unaufgefordert und freiwillig zusammenströmen, dann muss es sich um ein Ritual handeln.)

"Weiß nicht", sag ich, im Hinblick auf die nassen Pferde.
Ich weiß es tatsächlich nicht.
Nasse Pferde dampfen.
Na und.
Im Übrigen, es hat aufgehört zu regnen.

Im Wald kann man dreißig Mal an der gleichen Stelle abbiegen, biegt man nur einmal einen halben Meter weiter rechts ab, tut sich gleich unbekanntes Terrain auf. Das ist Spazierengehen. Ein Wort, fatalerweise in der Kindheit an die Tugendhaftigkeit verfüttert.
Eigentlich ist es eher ein Streunen.
Den Pfaden folgen.
Den Bergischen Göttern.

Wir beobachten dies kleine Blatt, das keine Lust hat, zu Boden zu fallen.
Es steht in der Luft.
"Ich bin ein Wunder", singt es und schwebt auf mich zu. Wie an einem unsichtbaren Faden tänzelt es in der Luft, einen halben Meter über dem Boden. Der Trick: Das kleine Blatt hat sich in einem feinen Spinnennetz verfangen.

"Dass der Tod so schön sein kann, so leicht", murmelt die Gräfin, "jedenfalls von außen. Ich weiß ja nicht, wie es innen in dem Laub aussieht, wenn es welk vom Baum trudelt. Vielleicht hat es ja auch Todesangst."

Plötzlich reißt ein Windstoß das Blatt fort, wie eine Sternschnuppe saust es um mich herum, und kracht mir mitten auf die Stirn. Samt Spinnennetz. Ich seh total verhuscht aus. Die Gräfin lacht.
Es sind kleine LSD-Tränen.
Sie steht da wie das Sterntalermädchen.

Tief im Wald, abseits der Pfade, nimmt sie sich vor, in Zukunft nicht mehr soviel zu plappern, (Ach du Schande! ruf ich. Mein armes Notizbuch!), sondern ihre Gedanken lieber ins Nichts rascheln zu lassen.
"Dann bin ich glücklich", sagt sie.
"Schön. Dann muss ich eben im Nichts lauern", sag ich.

Entlang den Bahngleisen stochern wir im Schotter nach
Gegenständen, die Leute aus fahrenden Regionalzügen werfen, zwischen Solingen, Wuppertal und Remscheid: Drei vergammelte dunkle Rosen.

"Eine ist noch ein bisschen schön", sagt die Gräfin.
Sie legt sie zurück.
"Vielleicht ist hier mal jemand verunglückt. Vielleicht ist das eine Kultstätte."
"Kann sein."
Es kann vieles sein. Und es ist auch viel.

Warmer Winterregen pixelt unsere Haut.
"Der liebe Gott gurgelt", mutmaßt die Gräfin.
Sie trägt ihren Napoleonmantel.
"Riecht sogar nach Odol."
Sie schnuppert an ihrem Ärmel.
"Hier. Riech."
"Gülle?"
"Odol! Blödmann!"

Pferdegetrappel in der Ferne, verwirrte Plastiktüten, vom Wind aufgewirbelt, fegen über den Hang wie Nikotin über eine Zunge, ein Streifen Sonne fährt als plötzliches Bügeleisen über meinen Kopf.

"Wo kommt die Sonne denn her..?"
Ist schon wieder verschwunden.
"War nur ne Bügelvisite."

Wir hängen uns an Frau Moll ran. Von Hunden lässt sich lernen, dass Rausgehen die zweitschönste Sache der Welt ist. Die Schönste: Draußen BLEIBEN und einfach mal gucken, wo der Tag einen hinführt.

Der Hund bewegt sich geschmeidig durchs menschenleere Revier, kaum zwei Kilometer entfernt von der Waldschnittstelle, wo die Leute sich gegenseitig in den Tag treten.

"Und das soll Winter sein?" juxt die Gräfin, als uns Marienkäferchen entgegen schwärmen, im Sinkflug, IM JANUAR!
"Ich fass es nicht.."

Eine Atmosphäre im Wald, als stieße man hinter jeder Biegung auf einen Leichnam.
"He.. Da liegt was."
Die Gräfin stochert in einem grauen Abfallsack.
"Ein Leichensack."
"Ach so. Lass liegen."

Seltsam: Links und rechts der Leiche stehen zwei Kanister mit undefinierbarer Flüssigkeit.
"Meinst du da ist Sprit drin?" fragt die Gräfin. "Meinst du, die wollten den Sack mit der Leiche anzünden?"
"Bestimmt", sag ich. "Haben die nur im letzten Moment vergessen."
"Kann doch sein.."
"Kann alles sein."
Und ist auch: Alles.

Dieser Bach. Seinem Bett entstiegen vom vielen Regen rast er zu Tal, mit mäandernder Wucht, ist das laut hier! Wie in Österreich! Wie in Las Vegas hinterm Hotel! Wir befinden uns aber im Bergischen Land.
Im kleinen England.

Ragt ein Baumstumpf aus dem aufgeweichten Waldboden, wie ein zum ewigen Lachen verdammter Schnabel.
"Da lacht was!" ruft Frau Blau.
Sie begehrt diese Farbe, als Malerin.
"Ich würde gern mal schnörkellos an blau lecken. Mich mal richtig einblauen."

Wieder zu Hause. Sonntagabend, wir machen es uns vorm Fernseher gemütlich. Auch der Hund liegt da, die Beine in die Luft gestreckt, wie vorm knisternden Kamin.

Müsste ich uns 3 in einem Satz charakterisieren: der Hund und ich gehören zu der Frau, die auch mit Anfang vierzig noch spätabends in der Badewanne unter Wasser die Luft anhält und die Sekunden zählt, weil Baden sonst langweilig ist.
"20 Sekunden!" ruft sie. "Rekordverdacht!"


* Aus:



9.3.09 16:47
 



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