Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Ich hör uns noch klopfen

Das alte Getaway ist Legende. Es gibt zwar ein neues Getaway in Solingen-Ohligs, aber das hat mit dem alten kaum was am Hut.

Das alte Getaway stand in Glüder, einem düsteren Talkessel zwischen Solingen und Nirgendwo, und übte am Wochenende auf Hunderte von Rotzlöffeln und jungen rothaarigen Ballroombräuten aus der gesamten Umgebung Anziehung aus, und Kraft.

Die Leute kamen sogar aus dem Köln-Düsseldorfer Raum, womit der Spieß auch mal umgedreht wurde: Nicht wir gurkten in die benachbarten Großstädte, um zu tanzen und uns abzuschießen, sondern die In-Crowd bequemte sich nach Sibirien, um zu tanzen und sich abzuschießen.

Das alte Getaway war ein echter Rock-Schuppen. Es roch muffig-feucht wie in einem riesigen alten Wohnwagen mit Moos im Vorzelt, und immerzu lag irgendjemand lang ausgestreckt überm Flipper und bekotzte sich, worauf der Flipper tilte.

Und dann, logisch, war da noch I hear you knocking, die Single von Dave Edmunds.
Schnaat hatte die Single.

Schnaat, neben Karlos mein bester Freund, hauste damals mit seiner Stromgitarre zur Untermiete an der Burger Landstraße. Zuvor hatte er ein möbliertes Zimmer am Neumarkt gehabt, doch da gab es langen Hafer.

Das Pappschild HIER: FRISCHER BRATFISCH, original entwendet von Fisch Schneider, hatte er gut sichtbar ins Fenster gepappt, zur Fußgängerzone hin, doch was als kleiner Deko-Gag gedacht war, wurde fettiger Ernst:
Besonders an Wochenenden und bei Vollmond klingelten die Leute sich die Finger wund und verlangten im besoffenen Kopf lecker Bratfisch, "auf die Faust, Alter!"

Nur tauchte Schnaats Name auf der Klingel-Leiste gar nicht auf. Er hatte keine Klingel. Er reagierte auf Klopfzeichen am Fenster. Die Nachbarn, die hatten Klingeln. Ne Menge Nachbarn, ne Menge Klingeln.
Kündigung.

Burger Landstraße also, nächstes Zimmer.

Wenn wir 1980 mit dem dicken Hansen oder weiß der Kuckuck wem in Richtung Glüder unterwegs waren, sammelten wir Schnaat kurzerhand ein, Schnaat und I hear you knocking von Dave Edmunds aus dem Jahre 1970, schon damals ein Oldie; die Burger Landstraße lag ja auf dem Weg.

Bewaffnet bis zu den Zähnen mit der 45er-Vinyl hielten wir Einzug im Getaway: die KNOCKING-Gladiatoren betraten die Arena!

BÜTTENMARSCH.

Die R&B-Nummer, im Original von Smiley Lewis, 1955, war so schwarz, "die kann man rauchen!" sagte Karlos mal.
Die Version von Dave Edmunds dagegen war ein schweißtreibender Marsch, ein zuckendes Stück Metallverarbeitung, ein Statement, ein Bekenntnis zum Stampfen auf zwei Beinen während Edmunds quengelige Stimme durch einen verdrehten Badewannenschlauch geschleust wurde und explodierte.

Moment.
Die Platte lief noch gar nicht.
Schnaat hielt sie fest in der Hand.

Bis der Discjockey sie ihm gierig entriss und sie auflegte, und endlich, end-lich! rockte ganz Glüder während das Single-Cover wie ein religiöser Fetisch über die Köpfe der stampfenden Menge hinweg gereicht wurde, der Schuppen kochte wie ein Topf Frühkartoffeln bis nach 2 Minuten 52 Sekunden Schluß war und der Tanzboden Püree.
Das steht mal fest.
Oder so.


*
Hier, zum Nach-Stampfen: I hear you knocking, Dave Edmunds, 2:52 Min.
25.7.08 13:18
 



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