"Mann, ist das heiß.. Ich hör schon mein Herz wischen", stöhnt sie. "Mein Herz ist ein Scheibenwischer, hörst du?"
Zu heiß zum Lachen reicht es nur zum Glucksen. Nicht mal das Notizbuch krieg ich hoch. Das Schwitzbuch.
Wir sind hinten im Garten. Es ist Nachmittag. Juli. "Wusstest du, dass Bäume bei extremer Hitze Blätter abwerfen?" "Nee." "Um sich zu schützen. Vor Austrocknung. Die Blätter sind lästige Mitsäufer. Konkurrenten ums Wasser."
Sie fläzt sich im Bikini auf dem Liegestuhl, ich sitz unterm Essigbaum. Der steht in voller Montur da, wie rote Zündkerzen zeigen die Blüten in den knallblauen Himmel. (Gleich biegt Corradini um die Ecke, der Eiswagen, der sich auf Blauen Engel im Becher spezialisiert hat.)
Biblisch, diese Ruhe. Diese Glut. Gras, gestern erst gesmäht, übernacht zu Heu geworden. Der Gartenzaun knackt. Kein Eiswagen. Ich gähne.
"Leuten, die jetzt in Urlaub fahren, wird geraten zwei Koffer voll Schatten mitzunehmen", les ich in der Zeitung. "Soll ich einen Espresso anblasen?"
Wir bummeln eine Runde mit dem Hund. Immer dem Schatten entlang, runter zur alten Papiermühle.
"Ich gehöre nicht in diese Welt", keucht die Gräfin, "ich bin ein Happening. Eine Fata Morgana."
Hinter der Papiermühle, wo die Wupper wohnt unter Eisenbrücken, kommt uns ein Mann entgegen, mit verquollenen Hitzeschühchen.
"Das ist der Hitzepeter". (Die Gräfin).
Er warnt uns vor dem schmalen Reitweg - angeblich ist er von Pferdeäpfeln übersät. Aber Frau Moll ist der Chef. Wir sind zu schwach. Sie hechelt voran, ein Popsong, der lacht und lacht, und lacht..
"Die haben wirklich üppig geäppelt, die Pferdchen", tänzle ich zwischen dem Dung hindurch. "Das liegt an der Hitze", meint die Gräfin. "Da äppeln Pferde immer wie doof."
Wir besuchen die Lehrerin. Die hat auch einen Hund. Ein alter Hund. Er kränkelt. Er hat Sodbrennen und sein Frauchen, die pensionierte Lehrerin, ein Häuschen am Zedernweg und einen Gewölbekeller, der ist kühl.
Wir atmen durch, bei einem Gläschen. Es riecht nach Erdbeeren und nach Dill.
"Erdbeeren sind ein Aphrodisiakum", lächelt die Lehrerin. "Und Dill ist ein Räuber!" fahr ich fort. Ein Gauner. "Ja, die Welt muß man sich ergaunern!" ruft die Gräfin erfrischt.
Die Lehrerin ist aufgebracht. Sie hat die Schnecken im Garten. Die Plage.
"Die kommen von hinten aus dem Wald gekrochen und futtern mir das gesamte Saisongemüse weg. Die müssen Räuberleiter machen, anders kann ich es mir nicht das nicht erklären, wie die über den Zaun kommen. Untenrum geht nicht, der Zaun ist einen halben Meter tief in der Erde."
Der alte Hund, im Körbchen, röchelt wie ein Kastrat, da kann Frau Moll nichts mit anfangen. Sie ist der Chef. Sie will los.
Zurück durch den Wald, an der Wupper entlang. "Guck mal, Goldfische!" ruf ich. Goldfische? Wupperprinzessinnen? "Deine Goldfische sind weggeworfene Möhrenhälften", bei näherer Betrachtung, ja richtig.
Ein Schwarm Mücken bekritzelt die Luft, brüllt wie nach einem langen Nickerchen, und eine Pferdebremse, begeistert von Haut und Menschenschweiss, kommt von der nahen Pferdekoppel herüber und sticht der Gräfin ins Bein. Paff! mit der flachen Hand zugeschlagen, zu spät. Rasch bildet sich ein roter Flatschen.
Als ihr am Wegesrand Nesseln in die Wade brennen, reicht es. "Jetzt reicht's aber mit dem Viehzeugs!"
Frau Moll denkt, sie habe Schuld und schleicht bedröppelt davon, da kurvt ein Schmetterling um die Gräfin herum, ungewöhnlich nah und wild beflattert er sie und plötzlich! pfffitzzu! läßt der Schmetterling ein Häufchen!
"Das gibt's doch nicht!" Wir blicken fassungslos nach oben. "Hast du das gesehen?!"
Auf ihrem Handrücken, drei Pünktchen, bräunlich-rot, als hätte der Falter zuvor Gehacktessauce gerüsselt.
"So also sieht Schmetterlingskot aus", wundere ich mich. "Ich wusste ja gar nicht, dass die überhaupt mal müssen. Und dann noch groß und mitten im Flug." "Sag ich doch! Ich bin ein Happening", prustet die Gräfin.
Spätabends im Garten beginnt der Spuk. Glühwürmchen! So viele wie lange nicht mehr.
Zu Hunderten sausen die kleinen Ufos durch die Dunkelheit und blinken wie eine Halluzination von zuviel Glutamat. Das macht glücklich.