"Den Tag werd ich nie vergessen!" hat Karlos mir mal vorgeschwärmt. "Obwohl ich mich an nichts erinnern kann.."
Welch ein Satz! Welch ein Treffer! Welch hochrangiger Gast im Landstrich Lakonia!
Tatsächlich hat mein alter Freund Karlos damit die Grundschwierigkeit jedes Menschen angesprochen, der zu schreiben versucht: Das verfluchte Vergessen. Das Sichnichterinnernkönnen.
Wie viel abertausend Erlebnisse schon abgetaucht sind auf den Grund meines Gedächtnisses, wo Schwarze Raucher sitzen und alles aufrauchen, was nicht niet-und nagelfest gepeichert ist im Notizbuch, in ganzen Sätzen, am besten, und gegen das Vergessen mit einem passenden Wie-Wort unterfüttert.
Erst wenn mir Jahre später solche Geschichten im Notizbuch begegnen, nur zufällig, weil ich eigentlich etwas ganz anderes gesucht habe, öffnen sich plötzlich Türen und vage Erinnerungen stehen auf der Matte und warten mit großen Augen darauf, in die gute Stube gebeten zu werden. "Halunke..! Komm rein. Erzähl."
April 1995.
Ich stand in der "Kichererbse", einer neu eröffneten Kebap-Bude am Rande der Innenstadt. Ich war der einzige Gast, und ich bestellte einen Kebap-Teller mit gemischten Gefühl und Reis. Gefühl? Wie, Gefühl!? Da steht "gemischten Salat und Reis", nicht Gefühl und Reis. Manchmal liest das Auge im Notizbuch, was es lesen möchte, begünstigt von meiner kritzligen Grundschulklaue.
"Wie schmecken eigentlich Kichererbsen?" fragte ich neugierig den Türken hinter der Theke. (Neugier ist mein erster Wohnsitz.) Er blickte überrascht hoch. "Anders als normale Erbsen?" setzte ich nach.
Er war etwa so alt wie ich, Anfang bis Mitte dreissig, und kratzte sich am Hals. "Anders, ja, wie soll ich sagen..?" Er rang nach Worten. "Süßer?" versuchte ich es. "Süßer, nein.. kann ich nicht erklären, hier, mußt du probieren." Er schaufelte ein paar Kichererbsen auf meinen Teller. "Hier, probier."
Ich schob zwei Erbsen auf die Gabel. Er beobachtete mich. "Gut?" "Mh. Bißchen mehlig. Ja.. mh.. Mehl."
Wir kamen ins Gespräch. Er war kein Türke, er war Araber, und seit knapp drei Jahren in Deutschland. Ein Flüchtling. "Woher?" "Aus Gaza." "Gaza..? Ach du Scheiße."
Im Gaza-Streifen hatte erst wenige Tage zuvor ein Israeli mit einer Maschinenpistole in eine betende Palästinenser-Menge gehalten, es hatte 75 Tote gegeben. Ein Blutbad. "Schmeckt klasse", lobte ich, "der Teller hier." Ausser dem Mehl. "Ja, das Fleisch ist ganz frisch und die Gewürzbeilage nach einem Rezept meiner Mutter." Dann legte er los.
(Die Leute fassen in der Regel schnell Vertrauen zu mir. Man erzählt mir Dinge, man glaubt mir. Und kaum dreht ihr mir den Rücken zu, schreibe ich über euch.)
Er erregte sich über die Israelis, die die Palästinenser in Gaza wie Tiere behandelten. "Wir zahlen Steuern, aber wir haben keine Rechte. Wir dürfen nicht ausreisen, wir bekommen kein Arbeitslosengeld, wir dürfen nur arbeiten, arbeiten, arbeiten. Wenn wir Glück haben und Arbeit finden. Und wehe, du kuckst einen israelischen Soldaten schief an, dann wirst du sofort erschissen...!" "Erschossen", verbesserte ich, ansonsten überrascht, wie gut deutsch er sprach. "Erschossen!"
Zwischendurch kam Kundschaft zur Türe rein, die ohne Ausnahme Pommes mit Currywurst verlangte, zum Mitnehmen, mit Mayo, Meister.
Als wir wieder allein waren, sagte er: "Ich bin Politiker." Das saß. Hatte ich diesen Satz jemals aus dem Munde eines gleichaltrigen Deutschen gehört, "Ich bin Politiker"?
Nein, natürlich nicht. Wir leben in einer wehleidigen angepissten Gesellschaft, nur am Stöhnen, wie schlecht es einem geht. "Hart im Nehmen?!" "Weich, Baby!"
Wer klagt, will nicht Politiker sein. Und ich bin auch nicht besser. Ich will auch nur mein verpimpeltes de Luxe-Leben weiterleben. Ich bin niemand, der neue Dinge anschieben möchte. Der sich einsetzt für sein Volk. Für eine Idee. Für Gerechtigkeit. Für..
(Andererseits leben wir auch nicht in einem Gefängnis, das eigentlich unser eigenes Land ist.)
Als ich ihn fragte, warum er aus Gaza geflüchtet sei und ob er jemals zurückkehren wolle, wich er aus, und plötzlich war da dieser militante Blick. Das war kein plaudernder Imbißblick mehr.
Ich war wieder mit meinem Teller beschäftigt und ließ ihn in Ruhe, als er zögernd mit der Wahrheit über die Theke kam: "Zuhause muss ich 399 Jahre ins Gefängnis." Meine Gabel stand in der Luft. "399 Jahre? Was bedeutet das? Viermal lebenslänglich?! Fünf Mal?! Wieso?"
Die ganze Geschichte wollte er partout nicht herausrücken, ausser dass bei einem Schusswechsel vier israelische Soldaten ums Leben gekommen seien, und er sei daran beteiligt gewesen. "Es war Notwehr!" beteuerte er. Er selbst war auch mehrfach getroffen worden. "Eine Kugel hab ich heute noch im linken Bein."
Nach dem Tod der vier Soldaten waren alle Krankenhäuser in Gaza streng überwacht worden, er konnte sich nirgends behandeln lassen.
Eine Woche später steckte ihm ein ranghöheres PLO-Mitglied ein gefälschtes Visum zu, mit dem er über Norwegen nach Deutschland flüchten konnte, wo er nun mit einer Deutschen verheiratet war.
Zum Nachtisch nahm ich ein Yes-Törtchen. Die gab es damals noch. Ein Nuß-Törtchen.