Als ich acht oder neun Jahre alt war stand im Wohnzimmer eine Stereo-Musiktruhe von Telefunken, doch da durfte ich nicht ran. Ich musste mit dem Plattenspieler in der Wohnküche vorlieb nehmen: Ein altes Möfchen mit vergilbtem Tonarm, aber mit den spannenderen Platten: Den Singles meiner großen Schwester!
"Eloise" von Barry Ryan, "Lady Madonna" von The Beatles, "Ich sprenge alle Ketten" von Ricky Shayne, sogar ein paar Langspielplatten von The Casuals, The Byrds, Donovan.
Die erste Single aber, von der ich nicht genug bekommen konnte, war von Vicky Leandros. Das war noch nicht das gurrende Schlagervötzchen der späteren Jahre, das war eine blutjunge Einwanderin, die mit hungriger Pianobegleitung ihrer Seele Luft machte:
"DEINEN KLEINEN FINGER WILL ICH NICHT..", schrie es drei Minuten lang aus der geheimnisvollen schwarzen Rille, eine katapultartige Anklage in 45 Umdrehungen gegen einen Schuft, der nicht so wollte wie sie wollte, nämlich: "DIE GANZE HAND!"
Sie litt, als hätte sie heiße Suppe gelöffelt, auf der Fettaugen schwimmen und an der man sich ruckizucki die Zunge verbrennt; ich war auf der Stelle süchtig. Nach Vicky. Nach so Suppe. Nach.. Schwärmen für einen anderen!
Die Platte ist im Laufe der Jahre weggekommen, aber ich bin mir sicher, dass es die B-Seite war, die in der Seele eines neunjährigen Buben eine grandios verwüstete Landschaft hinterließ, nicht die A-Seite. Nicht der eigentliche Hit.
Eine andere Single, die ich oft spielte, war von Cliff Richard, "Ein Sonntag mit Marie". Das Stück fand ich scheiße, es war eine Art Polka, auch das Cover, auf dem Cliff Richard zwischen gelben Luftballons hervor lugt, war eher trottelig, doch die Einleitung des Songs, wow, die hatte was, die gefiel mir. Die war sogar richtig gut. Wie das schwärmte!
"Der Sommer war längst schon vorbei..", säuselte Cliff, "es war ein Sonntag, es war noch fruh." Fruh! Nicht früh, fruh. Es war noch fruh. Das war toll. Das war sexy. Fruh. Es war noch fruh!
Noch Jahre später hockte ich mit Karlos zusammen und wir spielten alte Singles von meiner Schwester und noch ältere von meinen Eltern, lange bevor das Hören alter Schlager populär wurde. Damals schlugen alle nur angenervt die Türe zu, wenn Karlos und ich die Spitzenreiter von 1964 auflegten.
Überhaupt steckten Karlos und ich die Köpfe so oft zusammen, am Tresen, in hitziger Rede, dass die Leute schon misstrauisch wurden: Was habt ihr beiden da eigentlich andauernd zu bekakeln?!
Im Nachhinein würde ich das auch gern mal wissen. Ich nehme an, ich hab ihm einfach von Vicky vorgeschwärmt, wie sie mich 68 in die Popmusik eingeführt hat. So alltägliches Zeugs eben, das ich heute hier erzähle, in meinen Geschichten.