Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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Die 3 Rockettas in: Ihr größter Coup

Nachdem Mutti Rocketta ihre drei Lauser (27, 30, 38) wieder einmal bei einer Onanage á trois erwischt hat, bei sperrangelweit geöffnetem Fenster und Sonnenschein, setzt es ein Donnerwetter.

"Wie oft soll ich euch noch sagen, ihr sollt nicht bei offenem Fenster onanieren! Das gibt Aquaplaning! Da rutschen draussen die Autos aus! Schliesst wenigstens das Fenster, wenn es euch kommt, ihr verdammten Bengel!"

Auch noch ein Stündchen später, beim Abendbrot, ist Mutti Rocketta ausser sich.
"Alle Wichsgriffel will ich oben sehen!" droht sie mit erhobener Fliegenklatsche. "Auf der Tischkante!"
"Aber Mutti..", seufzt der junge Rocketta, eine Hand immer am Sack, egal, was sonst noch anliegt.
"Nichts da, Junge! Das gilt auch für dich!"

Es gibt lecker Tee, Ei und Tomatenbrot.


*
Mitternacht. Endlich haben die drei Lümmel ihre Ruhe. Sie halten Kriegsrat.
"Aufgemerkt!" wispert der Lange, mit 38 nicht nur der älteste, sondern auch der einzige im Trio, der weiß, wo der Hase lang läuft.
Ins Gebüsch nämlich, verstecken.

Die Sterne und der Vollmond tauchen das Kinderzimmer in ein knalliges Flutlicht, als der Lange seinen Plan schildert, um endlich mal an Zaster zu kommen.
An richtig viel Zaster.
"Damit wir hier ausziehen können!"
"Ja! Mit Mutti in ein schönes fettes Haus!" ruft der mittlere Rocketta begeistert.
Er will immer, dass alles gut ist, wie alle mittleren Geschwister, die im Geiste Opel Diplomat fahren mit einem Sonderkennzeichen für schicke Oldtimer.
"Nicht so laut!" stöhnen seine Brüder.
"Ja sicher!!!"

Zurück zum Coup, den der Lange schon ausbaldowert hat, bis in die Details.
Beim Sondieren verschiedener Pläne war ihm eingefallen, was Yüksel gesagt hat, sein türkischer Kollege bei Samen Hansen, als sie beim Abfüllen von genverändertem, holländischen Supertomatensamen nebeneinander hockten.
"Damit kannst du in der Türkei mordsmäßig Kohle scheffeln. Die sind da ganz scharf drauf."
"Wo drauf?"
"Na, hier. Auf den Supertomatensamen. Die säen da unten doch nur rote Köttel aus."
"Köttel? Was für Köttel?"
"SCHLECHTEN SAMEN, MANN!"

"Und hier ist der ganze Coup", flüstert der Lange und präsentiert seinen Brüdern powerpointmäßig die verschiedenen Schritte zum perfekten Rififi.

Schritt 1: das Entwenden 5.000 leerer Verpackungen, auf denen Edle Fleischtomate (Samen) draufsteht.
"Wieso entweder?" fragt der jüngste Rocketta.
"Wie entweder? Entwenden hab ich gesagt. Nicht entweder."
"Hm. Was ist entwenden?"
"Klauen, du Hauptschüler."
"Warum sags du dann nicht klauen?"
"Weil wir jetzt Geschäftsleute sind. Die sagen nicht klauen."
Der Lange ist voll in seinem Element.
"Ich kann's kaum erwarten!"
Er hat Fieber vor Vorfreude! Fast vierzig!
Also 39!
Mit 38!

Seine Brüder glotzen blöd in die Zimmerluft. Was für Verpackungen? Welchen Samen?
Wovon redet der Lange da?
Dürfen sie jetzt doch wieder wichsen bei offenem Fenster?
"Aber was meint Mutti dazu?" sorgt sich der Jüngste.
Und überhaupt: woher kriegen sie diese 5.000 Verpackungen?
"Na, bei Samen Hansen! Wo ich gejobbt hab. Und jetzt aufgemerkt!"

Hier kommt Schritt 2: Die Tütchen, wo Edle Fleischtomate draufsteht, werden nämlich mit minderwertigem Samen aufgefüllt.
"Für 5000 Tütchen brauchen wir 50 Kilo Sorte Wassertomate. Die stiebitzen wir auch beim ollen Hansen."
"Was ist stiebitzen?"
"Entwenden."
"Du meinst klauen."
"Richtig."
"Warum sagst du..?"
"Fresse!"

Schritt 3:
Gejohle.
"Psst!"

Schritt 4: den ganzen Bullshit in die Türkei verschieben, wo entlang der Mittelmeerküste Bauern und Besitzer von kleinen Gewächshäusern sehnsüchtig auf genmanipulierten Zaubersamen warten, der resistent ist gegen Ungeziefer jeglicher Art, sogar anatolische Käfer und Futter-Eulen.
"Aber warum kaufen die Bauern das nicht selbst, Langer?"
"Keine Ahnung. Dürfen die nicht. Wegen dem Zoll. Wegen Europa. Wegen den Genen. Muss ich Yüksel fragen."
"Yüksel? Welcher Yüksel?"
"MAUL HALTEN."


*
Der Bruch bei Samen Hansen findet an einem Wochenende statt. Der lange Rocketta kennt sich ja mit den Arbeitszeiten aus, und den Örtlichkeiten.
"Hier hab ich acht Wochen lang geackert, von morgens bis abends!"
Er hat Tränen in den Augen.
Dann rasseln die drei Brüder durch die Luke im Flachdach und landen mitten im Samenlager.
"Super!"
"Das stinkt!"
"Psst."

Sie transportieren die Schore säckeweise ab, mit dem Kleinbus von Tante Irmchen, ("dafür kassier ich aber 20 Prozent, ihr Schmierlappen!"), und sie vergessen auch die 5.000 Tütchen nicht.

Zwei Tage später wird der Einbruch in der Zeitung vermeldet. Von da an geht dem Trio die Muffe.
"Lasst uns endlich rübermachen in die Türkei!" meint der mittlere Rocketta, ein lieber Kerl, der zuvor niemals auch nur ein Bubblegum geklaut hat, höchstens mal zwei, drei Kaugummis hintereinander.

Dann endlich, Anfang April, als in der Türkei die erste Aussaat fällig ist, kann es losgehen.
5000 Tütchen mit minderwertigem Tomatensamen in Reservereifen, Sitzpolstern und Koffern verstaut, wählen die drei Rockettas im Kleinbus von Tante Irmchen ("30 Prozent Minimum! Ihr Luschen!") die Route über Wien und Zagreb, gehen sie doch fest davon aus, dass Jugoslawien nicht mehr existiert.
Da werden sie aber auf dem falschen Fuß erwischt.
"Verdammt, dann ist mit Abkürzung aber Essig", meint der mittlere der drei Gauner, "wenn es das scheiss Land immer noch gibt!"

Von Athen aus nehmen sie die Fähre nach Izmir, von da aus sind es noch mal 16 Stunden bis Istanbul.
Kaum angekommen, geht der Kopf der Bande, der Lange, telefonieren.

Unter der Nummer, die ihm Yüksel besorgt hat, irgendwo in den Katakomben von Duisburg, meldet sich aber nicht wie abgemacht ein Beamter der staatlichen Saatgut-Zentrale Ankara, der 500 Mark gut gebrauchen kann per Express-Überweisung, sondern: niemand.
Es tutet und tutet.
Und tutet.
Und niemand geht ran.

Der Lange wird nervös. Zurück im Kleinbus beginnt er, anatolische Käfer von seiner Stirn zu vertreiben.
"Langer, verdammt, was wischst du da rum?!" sorgen sich seine Brüder, schwer genervt von der plötzlichen Fuchtelei.
"Weiss nicht! Irgendwas wimmelt hier oben! Verdammt!"

Der mittlere Rocketta überrnimmt das Kommando und läuft alle paar Minuten zur Telefonzelle und wählt die Nummer in Ankara.
Endlich, es hebt jemand ab.
Der Hehler.
Der redet minutenlang und ohne Pause und auf türkisch auf Rocketta ein.
Dann legt er auf.
"He!"
Rocketta hat nicht ein Wort kapiert.

Das Trio fährt ziellos durch die grosse Stadt.
"Was machen wir denn jetzt?" jammert der Jüngste, beide Hände am Sack, und einen Ellenbogen.
Sie überqueren die Brücke über den Bospurus, und sind mit einem Mal in Asien.

Andere Sitten.
Es klopft ans Fenster.
Polis.

Der Lange reisst die Schiebetür auf und türmt durch den dichten Verkehr, seinen jüngsten Bruder im Schlepptau, der mit kehliger Stimme "Mutti!" schreit, als würde man einer kleinen Eule den Kopf umdrehen.
Als die Beiden stolpern, sind sofort sechs Bullen über ihnen mit Handschellen.

Nur der mittlere Rocketta hat die Nerven behalten und spaziert in dem Tumult einfach davon, mit zwei dicken Koffern voller Samentütchen.
Im Hotel Savoy sucht er die Telefonkabine auf und ruft erneut den Hehler an.

Zunächst ist besetzt, dann eine Frau am Apparat.
Sie spricht perfekt deutsch.
"Eure Tante Irmchen ruft hier pausenlos an, ihr Schmierlappen!"

Es wird ein Treffpunkt vereinbart, und die zwei Koffer wechseln den Besitzer, für lumpige 1.000 Dollar.
Das ist exakt die Summe, die der türkische Richter als Kaution für seine Brüder festgelegt hat.

In der türkischen U-Haft gibt es zum Abendbrot nur wässrige Tomaten, was vor allem den knasterfahrenen und latent homophoben langen Rocketta (zwei Wochen Dauerarrest, 1979) dermaßen erbost, dass er mitten in der Nacht zu einem Mithäftling ins Bett klettert und ihm den Samen raubt, einen ganzen Mund voll.


*
"Bäh!" verzieht Mutti Rocketta das Gesicht, als ihre drei kleinen Gauner endlich wieder daheim sind und vom großen Samenabenteuer erzählen.

Sie reisst alle Fenster sperrangelweit auf.
28.2.08 13:55
 



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