1980 schloss das Stonns von einem Tag auf den andern, und das Mumms hatten wir noch nicht für uns entdeckt. Wir waren ratlos. Wo jetzt die Abende versaufen?
Und was war mit dem dicken Hellman, der doch im Stonns lebenslanges Sitzrecht am Tresen genoß, er und seine einmalige Arschritze, die so schön aus der Jeans quoll, hinten raus in den Gang rein. So schnell endete ein Leben. Ein Genuß.
Zwei Tage stromerten wir bis spät in die Nacht durch die Nordstadt, futterten frisch gerupfte Kohlrabi und brachen Gartenhäuschen auf, nicht um irgendwas zu klauen, sondern um ein trockenes Plätzchen zum Feiern zu haben. Zu Saufen hatten wir selbst genug, Benzini jobbte auf einer Airbase der US-Army und brachte gallonenweise Gin und Whisky mit.
Irgendwann landeten wir in der "Pinte" auf der Schützenstrasse.
Die "Pinte" war verrufen als Domizil der SHARkS, einer der letzten Rocker-Gangs im Bergischen Land. Rocker mit einer Einschränkung: die wenigsten SHARkS hatten ein Motorrad, was durchaus in Ordnung ging, waren doch sowieso alle jeden Abend stockbesoffen.
Pünktlich zum Wochenende gab es wüste Schlägereien in der Pinte. Entweder die Jungs prügelten sich untereinander oder man hielt zusammen und vertrimmte die verhassten Freaks aus dem nahegelegenen "Keller".
"Los, wir gehn Freaks aufmischen!" hiess es Samstagabend, und weder Karlos noch ich taten sich dabei besonders hervor, wir waren ja selber Hippies, irgendwie, aber Benzini seh ich noch vor mir, auf seinen Säbelbeinen mitten auf der Schützenstrasse, wie er mit einem abgebrochenen Stuhlbein bewaffnet auf ein paar Langhaarige zuläuft, die in Panik flüchten.
Benzini, der Zigeuner, mit seiner Kinnpartie viereckig wie ein Etagenbett und immer entschlossen, die nächste Randale anzuzetteln.
Stammgast in der Pinte waren auch die Bullen. Die Wache auf der Goerdelerstrasse war nicht weit, sie rückten mit Schäferhunden und Mannschaftswagen an.
Wenn sie uns eingesammelt hatten, saßen wir dichtgedrängt auf den Bänken und grölten auf dem Weg zur Wache, nach der Melodie der Kindersendung Kli-Kla-Klawitter:
"FAHR MIT IM GRÜN-WEIS-SEN BUL-LEN-BUS, WIR HA-BEN SEHR VIEL PLATZ, WIR NEH-MEN JE-DEN MIT".
Präsident der SHARkS, die in Jeans-Kutte mit SHARkS-Aufnäher und Motorradjacke aufliefen, war der kleine Sonny, ein ruhiger, überaus cleverer Bursche, der seine Jungs im Griff hatte. Das Wort von Sonny war Gesetz.
Karlos, Benzini und ich hatten innerhalb der Pinte bald eine Art Sonderstatus. Wir waren keine Rocker, keine Freaks und keine Punks, wir waren einfach genauso dämlich versoffen wie die SHARkS, und das wurde respektiert.
Ich erinnere mich, dass Pepe sich einmal in die Pinte verlaufen hat und wie er nur mit dem Kopf schüttelte, er konnte es nicht begreifen: "Mann, wo seid ihr denn hier gelandet..?!"
In der Pinte gab es eine alte Wurlitzer-Musikbox, die regelmäßig neu bestückt wurde. Hier hörte ich zum ersten Mal "Video killed the Radio Star" und das wunderbare "Pop Muzik" von M, aber einige Singles blieben als Dauerbrenner drin und wurden nie ausgetauscht. Darunter auch "Heartbreak Hotel" von Elvis.
"Heartbreak Hotel" war die Hymne.
Hatte jemand "Heartbreak Hotel" gedrückt und die ersten Takte setzten ein, WELL SINCE MY BABY LEFT ME, dann kam der irre Götze aus irgendeiner Ecke der Pinte angewatzt und rutschte auf Knien durch bis zur Mitte der Kneipe, wo er zur Luftgitarre griff, und als Plektrum diente sein Messer.
Die meisten SHARkS hatten ein Messer, aber Götze's war das größte und längste. Es sah aus wie ein Metzgermesser zum Zerlegen, was er da unter seiner Weste hervor zog und womit er im Takt von Heartbreak Hotel herumfuchtelte, und man tat gut daran, den Ausgang im Auge zu behalten, denn Götze war unberechenbar, Götze, der wahre Punk, nixentätowiert und die halbe Zeit im Knast, eine ehrliche versoffene Haut, die spätestens nach Mitternacht alle Knochen über der Wurlitzer Box ausstreckte und einen Stiefel Gin ganz alleine auskotzte.