Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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DER ÜBERFALL

Nachtdienst. Die fünfte Nacht hintereinander. Die Zimmer sind alle belegt, bis auf ein Einzel, das kann ich noch verkaufen.
Gegen drei Uhr, ich will mich gerade eine Runde aufs Ohr hauen, schellt es.

Auf dem Monitorbildschirm erkenn ich verschwommen eine Person. Einen Mann.
Kein Gepäck.
"Ja?" brumme ich in die Gegensprechanlage.
"Ja.. haben Sie noch ein Zimmer für heut Nacht?"
"Eins hab ich noch", sag ich und drück per Summer die Türe auf.

Während der Gast zur Rezeption hochfährt, in den elften Stock, zieh ich meine Klamotten an, und die Schlappen vom Chef.
Wieso hab ich nicht einfach "wir sind voll" gesagt, "tut mir leid"? Mach ich doch sonst auch, wenn ich so erledigt bin.

"Morgen."
Das Gesicht kommt mir bekannt vor, aber ich weiss nicht, wo ich es hinstecken soll.
"Kann man bei euch nur gegen Vorkasse übernachten?"
Sofort liegt Ärger in der Luft. Mit diese Augen stimmt was nicht. Sie sind kalt, und sie schnüffeln.
"Richtig", sag ich, "nur gegen Vorkasse. Sonst geht gar nichts."
"Was ist mit einem Scheck?"
"Nein", sag ich, "nichts zu machen. Geht nicht. Nur gegen bar."
"Wenn ich meinen Personalausweis hinterlege?"
"Haben wir alles schon gehabt. Da hat auch jemand seinen Ausweis hinterlegt und ist nie wieder aufgetaucht. Der liegt heute noch hier, der Ausweis."

Er ist gereizt. Sein Blick flackert.
"Und warum keinen Scheck?"
Ich zuck mit den Schultern.
"Order vom Chef."
Er fährt sich durchs kurz geschorene Haar, nestelt nervös an seiner Wildleder-Jacke.
"Und wenn ich hier drunter eine Waffe trage? Was würdest du dann sagen..?"
Er greift mit der Hand in die Innentasche.
"Was ich dann sagen würde...? Na, du bist lustig.. Das würd ich nicht glauben."

Er setzt einen entschlossenen Schritt auf die Rezeption zu und zielt auf mich, durch die Jacke. Mit dem Finger, nehm ich an. Oder doch mit einer Knarre?
Keine Ahnung.
"Dann pass mal auf.. Ich habe hier eine Automatik, und du, du rückst jetzt schön die Kohle raus.."
Es geht so flott, ich kann die Situation kaum ernst nehmen. Soll das ein Raubüberfall sein? Oder macht der Knabe nur Spaß?
Ich kann ihn schlecht einschätzen. Er hat etwas Psychopathisches.

"Du machst jetzt die Kasse auf, nimmst die Kohle raus und schiebst sie zu mir rüber."
Ganz plötzlich ist es ein Gangster, der mir hier gegenüber steht. Das Haar paramilitärisch kurz, und unter seiner Jacke könnte eine Pistole sein. Eine Automatik..
Es sind genug Bekloppte unterwegs.
"Mach doch keinen Scheiss", sag ich. "Lohnt doch gar nicht."
"Halts Maul und rück die Kohle raus..! Und nur Scheine. Kein Wechselgeld."

Ich lass die Kasse aufspringen, trete einen Schritt zurück und hör mich sagen: "Dann komm um den Tresen rum und hol dir das Geld selber ab."
"Was..? Wieso?! Nee. Du gibst mir die Kohle..!"
Ich hab sowieso keine Ahnung, was ich damit bezwecke. Einfach Zeit gewinnen? Zeit gewinnen wofür? Dass er plötzlich Kniepäugelchen macht und "Ätsch" sagt!? War nur Spaß? Und das hier, das ist die Kamera!?
"Mach schon!" wird er ungeduldig. "Nur Scheine."

Alles, was an Zehnern, Zwanzigern und Fünfzigern da ist, pack ich auf den Tresen.
Vielleicht fünf-, sechshundert Mark.
"Die Hunnies auch!" fordert er, und seine Augen zucken im gleissenden Neonlicht.
"Hier sind keine Hunnies. Alle Scheine sind raus. Kannst dich ja selbst überzeugen."

Während eine Hand weiterhin in der Jacke steckt und auf mich zielt, grabscht er mit der anderen nach den Banknoten und stopft sie umständlich in seine Hosentaschen.
"Ist dir klar, dass du für die paar Mark in den Bau gehst? Das ist doch bescheuert", sag ich.
Einen Moment lang scheint er tatsächlich zu realisieren, was er hier abzieht. Dass das keine Show ist.
Es arbeitet hinter seiner Stirn, er schwitzt.
"Pass auf", versuch ich die Situation zu nutzen. "Du gibst mir die Knete wieder, steigst in den Aufzug und verschwindest in die Nacht, und Schwamm drüber."
"Ich.. brauche das Geld aber!" Er ist so nervös, sein Blick läuft Hürden.
Und plötzlich winselt er:
"Das ist das erste Mal, das ich so was mache."
"Dann lass den Quatsch und gib mir die Kohle wieder."

Wirklich, er greift in die Hosentasche, zieht ein paar Scheine raus und wirft sie auf den Tresen der Rezeption. Zweihundert Mark oder so.
Bisschen weniger.
"Den Rest auch noch raus", sag ich.
"Nee.. geht nicht. Den Rest brauche ich."
"Wofür?"
"Für ein Taxi.. ich brauch das Geld. Für ein Zimmer."
"Mach dich doch nicht unglücklich, Mensch. Für die scheiss paar Mark", wiederhole ich mich, doch die Situation ist festgefahren. Er droht, in der nächsten Nacht wieder zu kommen und mich abzustechen, sollte ich die Bullen rufen, wenn er gleich weg ist.
"Ich bin ein scharfer Hund, pass bloß auf.. wehe, du drückst den Alarm!"
"Hier gibts überhaupt keinen Alarm", sag ich, und dreh mich um.

Ich verschwinde kurz ins Büro, um meinen Tabak zu holen. Er ist sprachlos. Ich auch.
Das ist ein Raubüberfall, denke ich.
Ich drehe mir eine Kippe.
"Kann ich mir auch eine drehen?" fragt er.
"Klar", sag ich, "bedien dich", und lege den Tabaksbeutel auf die Rezeption, aber er dreht sich keine. Wahrscheinlich ist ihm aufgegangen, dass er zum Drehen beide Hände benötigt und dabei nicht mehr auf mich zielen kann.

Das macht ihn wieder zum Gangster.
Er baut sich auf. Ein Hüne, der mit versteckter Knarre auf mich zielt.
"Ich hau jetzt ab. Und denk dran: Keine Polizei!"
Ich zünde mir die Kippe an.
"Keine Polizei, du bist gut. Was soll ich denn meinem Chef erzählen, wo das Geld hin ist, hm?"
"Das ist deine Sache."
"Meine Sache, na, du bist gut."

Wir einigen uns darauf, dass ich die Polizei erst dann rufe, wenn er das Hotel durch den Haupteingang im Erdgeschoss verlassen hat.
"Dann hab ich was Vorsprung."
"Okay."
Ich versuche ein letztes Mal, ihn zu bewegen, mir auch das restliche Geld zurückzugeben, umsonst.
"Wenn du die Bullen rufst, bevor ich weg bin, komm ich wieder und stech dich ab!"

Abstechen? Mit einer Automatik? Er stapft zu den Aufzügen. In dem Moment, als die Aufzugstüre sich schliesst und der Lift losfährt, nehme ich den Telefonhörer in die Hand und wähle die Eins-Eins-Null.
Es dauert drei Sekunden.
"Notruf."
"Ja hier ist der Nachtportier vom Turmhotel. Ich bin grade überfallen worden."
"Wie ist Ihr Name?"
Plötzlich spüre ich, wie meine Stimme zittert, ich bin richtig aufgebracht.
"Mein Name..!? Der Kerl verschwindet gerade in Richtung Graf-Wilhelm-Platz und Sie fragen nach meinem Namen! Ich seh ihn auf meinem Monitor, der flieht gerade zum Taxistand!"

Nachdem ich ihn beschrieben hab, höre ich im Hintergrund, wie die Personenbeschreibung über Funk weitergegeben wird.
Ich leg auf und lauf in den Frühstücksraum, von wo man den perfekten Überblick über den Graf-Wilhelm-Platz hat.
Zwei Streifenwagen kommen angerast, mit Blaulicht und Sirene, direkt auf den Taxistand zu.

Dann klingelt es Sturm. Während draussen die Bullen aussteigen, geh ich widerwillig zur Rezeption. Wer wird schon gern im Krimi gestört. Ich seh vier Leute auf dem Monitor.
"Kripo Wuppertal. Machen Sie uns auf?"
Die sind aber flott.

Nachdem ich die Tür im Erdgeschoss aufgedrückt habe, eile ich zurück in den Frühstücksraum, zu meiner Live-Übertragung, gerade rechtzeitig, um die Verhaftung mitzukriegen: Polizisten kreisen den Kerl ein, ein weiterer Bulle hat die Hände um seinen Hals gelegt. Ich hör es Krächzen und Röcheln bis hier oben im elften Stock.
Wollen die den abmurksen? Für die paar Mark?
Die machen sich doch unglücklich.

Stunde später. Auf dem Polizeirevier mach ich meine Zeugenaussage. Ich erfahre, dass keine Waffe bei ihm gefunden wurde, weder Pistole noch Messer, nur Finger, und dass er das gestohlene Geld in den Backentaschen gebunkert hatte. Wie ein Hamster.
Respekt.
"Das waren ja ne ganze Menge Zehner und Zwanziger, sogar ein paar Fuffies waren dabei", sag ich zu dem Bullen bei der Vernehmung. "Ich mein, das muss man erst mal alles in die Fresse reinkriegen."
Der Wachtmeister guckt überrascht auf.
"Stimmt."
6.5.07 16:41
 



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