Andreas Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem Nimbus
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DU BIST SO KALT

"DU BIST SO KALT!" schrie sie. "ICH BRING DICH UM!"
Unter Tränen machte sie kehrt und lief in die Küche. Ich hörte, wie die Besteckschublade aufgerissen wurde und dachte noch "nein.. scheisse", schon kam sie in mein Zimmer zurückgerannt, auf nackten Füßen.

Ich lag kalt im Bett, und richtete mich auf. Sie hatte das Brotmesser in der Hand, soviel konnte ich im Halbdunkel erkennen.
"Ich bring dich um!!" schluchzte sie und versuchte auf mich einzustechen.
"Bist du wahnsinnig!? HÖR AUF!!"

Ich wehrte die Stöße mit der Hand ab. Stöße, die zum Glück nur aus halbem Herzen kamen.
Haßerfüllt, aber nicht mit dem Willen zum Töten.
"Hör auf!"
Doch die Gräfin in Rage, das war ein Feuer, das mit dem Wind hochlodert.
Erst mußte der Wind nachlassen.

Irgendwie bekam ich das Messer zu packen, an der Klinge, ich zog daran während sie unablässig weiterschluchzte.
Meine rechte Hand wurde warm.
Blut floss heraus.
Ich ging ins Bad, und machte Licht.
Ich machte Licht im Bad, in der Diele, ich machte überall Licht und liess kaltes Wasser über die Hand laufen.

Sie blieb auf meinem Bett sitzen.
Sie blutete aus der anderen Hand, der linken, und heulte wütend auf.
"Du Arschloch.."
Die Bettwäsche war voller Blutflecken, das Messer lag auf dem Boden.

Später saßen wir uns gegenüber, in der engen Diele, ratlos. In einer ähnlichen Situation kam mir vor Jahren mal eine Schreibmaschine entgegen geflogen.
Eine pechschwarze Continental aus den 30ern.
Ein Erbstück.
Seither steht das Teil auf dem Dachboden. Reste der Mechanik. Die Spule.
Drei Sonderzeichen.

Wir hatten uns gegenseitig auf die Fresse gehauen und da waren Abende wie dieser, als zwei volle Ketchupflaschen gegen die Wand krachten und die Küche für Tage in ein tomatöses Rot tauchten.

In acht Jahren war so manches hochgekocht, natürlich, doch ein Messer, ein Messer war bislang nicht im Spiel gewesen, nicht bis zu diesem Tag.
Diesem 23. Juni 1995.

°
Als ich vom Nachtdienst nach Hause komme, leg ich mich erst gar nicht hin, lohnt nicht. Im Prozess gegen den Blödmann, der mich vergangenen November im Turmhotel überfallen hat, als ich Nachtdienst hatte, bin ich als Zeuge geladen, vorm Wuppertaler Landgericht.

Die Gräfin hat Lust mitzukommen, aber ohne Auto, nehmen wir eben Bus und Schwebebahn.
Als wir im Bahnhof Oberbarmen einlaufen, bremst die Schwebebahn mit einem Kreischen ab, als rutsche ein alter Arbeitselefant mit dem Bauch über heisses Metall.
Endlich kommt das Muttertier schwerfällig zum Stehen, wir steigen aus.

11 Uhr 30.
Ich klop an die Eichentür von Saal 10b. Laut Aushang läuft der Prozess gegen Marc D. bereits seit zwei Stunden.
Ein Saaldiener eilt uns entgegen und drängt uns auf den Flur zurück.
Es riecht nach Desinfektionsmitteln und altmodischem Bohnerwachs, wie in den Kabinen eines Wichsgeschäfts.

"Name?"
"Glumm", sag ich, "Zeuge. Kein Angeklagter."
Der Saaldiener schaut auf einen Zettel.
"Mh.. ja. Sie werden hier nicht mehr benötigt."
"Wie ich werde nicht benötigt?"
"Auf Anordnung des Richters."

Er drückt mir ein Formular in die Hand, für den Verdienstausfall und Erstattung der Fahrtkosten.
Scheisse.
Auch die Gräfin ist enttäuscht.
"Ich wollte das Monster doch mal live sehen, das dich überfallen hat."

Auf der Zuschauerbank ist noch Platz.
Wir sind die einzigen Zuschauer.
"Ist er das?" fragt die Gräfin.
"Ja", sagte ich.
Ich erkenne ihn kaum wieder, Marc D.
"Die Haare sind ganz anders."

Überhaupt, der war doch viel breiter gewesen, muskulöser. Das war doch ein Schrank von einem Kerl, in dieser nebligen Novembernacht letzes Jahr, und was jetzt da auf der Anklagebank hockt, das ist die abgespeckte U-Haft-Version vom Schatten eines Überfalls!
Mini-Überfall.

"Hast mal wieder übertrieben", sagt die Gräfin. "Der sieht doch ganz nett aus."
"Nett!" sag ich. "Der Drecksack hätte mich abgestochen, wenn keine Kohle in der Kasse gewesen wär."
"Siehste."
"Was, siehste.?"
"Du übertreibst schon wieder."
"Wieso?"
"Na, ich denk, der hätte ne Knarre gehabt. Wollte der dich mit ner Knarre abstechen!?"

Sie hat ihren Skizzenblock dabei. Sie malt den Angeklagten, den Richter, Holzvertäfelungen, die stämmige Gutachterin.
Letztere ist gerade fertig mit ihrem Gutachten. Es folgt ein Betreuer aus der rheinischen Landesklinik, in der Marc D. seit letzten November behandelt wird. Er schliesst sich ihren Ausführungen grundsätzlich an.
Was alles falsch gelaufen ist in seinem Leben.

"Was ist mit meinem Leben?" sag ich.
"Tja", antwortet die Gräfin. "Das wird auch noch verhandelt."
"Wann?"
"Demnächst."

Marc D. wird als unzurechnungsfähig eingestuft. Die Rede ist von einer gespaltenen Persönlichkeit.
Schizophrenie.
Sein Betreuer der Landesklinik erzählt aus Marc D.'s früher Jugend. Wie er einmal während eines Krankenhausaufenthalts im Kreißsaal eine schwarze Messe gelesen hat. Wie er in dem kleinen Dorf, in dem er aufgewachsen ist, Flaschenbier ins Weihwasser gekippt hat.
So Sachen eben.
Alle keine strafbaren Handlungen, führt der Richter aus, aber doch Fingerzeige für eine schwere psychische Störung.
"Wenns danach geht, müsst ich schon lange einsitzen in der Klapse", sag ich.
Der Saaldiener schaut böse herüber und legt den Zeigefinger auf die Lippen.

Die Gräfin ist nicht zufrieden mit den Skizzen.
"Irgendwie kommt immer das gleiche Gesicht raus."
"Blödsinn" sag ich. "Sieht gut aus."
"Ach du. Du findest doch alles gut, was ich male. Sagst du wenigstens."
Was ist denn jetzt los?
"Ach, schon gut.. Ich hab schlechte Laune."

Vor Übermüdung fallen mir die Augen zu. Ich bin seit vierundzwanzig Stunden auf den Beinen.
Dann kommt die Ex-Freundin des Angeklagten in den Zeugenstand.
Sie arbeitet als Spielhallen-Aufsicht und sagt aus, dass Marc D. sie eines Tages mit vorgehaltenem Messer zu erpresssen versucht habe:
"Entweder du kaufst mir die Sachen hier ab, oder ich erstech dich!"

"Was für Sachen?" fragt der Richter.
"Na, so Sachen. Die hatte er in einem großen Koffer in die Spielhalle geschleppt. Der Koffer war so schwer, er musste ihn schieben. Ich sollte ihm alles abkaufen."
"Ja, aber.. was war drin im Koffer?!"
"Zeugs aus dem Haushalt. Irgendein Krempel. Weiss nicht."

Sie macht einen traurigen Eindruck.
"Ich weiss nicht, was mit ihm los ist. Als wäre Marc von heute auf morgen ein anderer Mensch geworden."

Der Staatsanwalt schliesst sich dem Antrag der Verteidigung an und der Richter ist auch einverstanden:
Der Angeklagte Marc D., der teilnahmslos auf seiner Bank sitzt, wird wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen, aber für dreissig Monate ins Landeskrankenhaus eingewiesen.

Danach gehen wir runter in die Kantine des Landgerichts.
"Hier riechts wie im Stall", sagt die Gräfin.
Mittagstisch.
Wir entscheiden uns für "Lamm-Ragout, weiss, Salzkartoffeln, Salat".

Verdächtig, dass mich die Kantinenwirtin, zu der ich unsere beiden Tabletts durchschiebe, mich ratlos anglotzt, als ich "Zwei mal Lamm" bei ihr bezahlen will.
"Lamm..?!"
Sie guckt wie ein Lämmchen.
"Ja", sag ich, "Lamm. Das Lamm-Ragout.."
Ich zeige auf die Tafel, auf der handschriftlich die Tages-Menüs eingetragen sind.
"Ach.. Ragu", sagt sie.
Genau so schmeckt der Fraß denn auch.

Zurück in Solingen, früher Nachmittag. Auf der Mummstrasse
beobachten wir einen Streit.
"Dann tu ich eben das, was ich schon immer tun wollte!" ruft eine junge Frau.
Sie steigt wutentbrannt in ihr Auto und knallt die Tür zu.
"Da reden wir heut Abend noch mal drüber", erwidert ihr Mann, der im Hauseingang zurück bleibt.
Als ich ihn angucke, guckt er schnell weg.

Wir gehen ins Mumms.
"Charlotte, zartes Wesen!" begrüsst mich der Geschäftsführer. Die Gräfin verdreht genervt die Augen.
Ich steige in eine Skat-Runde ein, und sie zieht los, ihre Freundin Rita von der Arbeit abholen. Wir verabreden nichts. Ist auch besser so an solchen Tagen. Ich hab noch keine Minute gepennt, und die ersten zwei Bier in einer Minute runtergestürzt.
"Das tu ich mir nicht an", meint die Gräfin noch.
Ich zuck mit den Achseln.

Der Abend schreitet voran. Ich saufe wie ein Loch, und irgendwann schaut Kollege Heroin auch noch rein, ich mach mir ein fettes Näschen.
Gegen Mitternacht ist die Gräfin wieder da.
Sie hat Wein getrunken, mit ihrer Freundin Rita.

Wir sind beide blau und haben Hunger. Stress liegt in der Luft.
"Ich kann deine Pupillen nicht mehr sehen", wendet sie sich ab. "Diese scheiss Opiumaugen."
Nach einigen Burgern und Apfeltaschen im McDonalds wanken wir heim.
Sie ist fast so betrunken wie ich.

Als wir zuhause sind, fällt sie gleich ins Bett und möchte, dass ich mich dazulege, doch in meinem bräsigen Schädel meine ich, unbedingt noch ein paar Seiten lesen zu müssen.
"Nur ein paar Seiten", sag ich, "ne Viertelstunde, dann komm ich rüber."

Als ich in mein Zimmer stolpre, fällt ein Aschenbecher zu Boden, und sie wacht auf, war sie doch schon weinschwer weggedämmert.
Ab da läuft alles falsch.
Ihre Wut, ihr ganzer Zorn entzündet sich daran, dass ich nicht gleich zu ihr ins Bett will. Und sie hat ja recht: bin ich erstmal bei mir drüben, penn ich dort sowieso ein.

Sie steigert sich in erste Beschimpfungen.
"Du bist so kalt!"
Weil ich lässig in einer Illustrierten blättere, teilnahmslos, ohne sie eines Blickes zu würdigen, während sie vor mir steht und mich abkanzelt.
"Was willst du eigentlich", sag ich einmal, "ich komm doch gleich rüber.."

Die ersten Gegenstände fliegen. Erst der alte Hut von Pepe, dann der Korb, in dem meine Notizbücher gesammelt sind, schliesslich kracht meine Zimmertür gegen die grüne Kommode mit einer Wucht, dass Holz splittert.
Stille.

Sie ist in ihr Zimmer gelaufen.
Ich höre ihr wütendes Heulen, ihre alkoholisierte Verzweiflung. All die vertanen Jahre an meiner Seite. Ausserdem wolle sie jetzt ficken, höre ich, und nicht mir beim Zeitungslesen zugucken. Ficken, ficken!
FICKEN!!

Als einen Moment Ruhe herrscht, und ich schon drei Kreuze machen will, höre ich ihre entschlossenen Schritte, barfuss. Sie steht vor mir.
"Guck dich doch an! Wo ist denn da noch was.. Menschliches?! Du kaltes Stück Scheisse!"
Je ausfallender sie wird, desto kälter werde ich.
Unter Tränen macht sie kehrt und läuft in die Küche.
"DU BIST SO KALT!" schreit sie. "ICH BRING DICH UM!"
6.5.07 16:41
 



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