Vom räudigen Leben, der Wucht & dem Nimbus
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Der seltsamste Scheißtag

War es Boxer Butch, gespielt von Bruce Willis, der in Pulp Fiction die weisen Worte sprechen durfte, „das ist der seltsamste Scheißtag in meinem ganzen Leben“? Ich meine ja. Ich meine, es wäre in der Szene, wo er im Taxi sitzt, nachdem er entgegen der Abmachung einen Boxkampf nicht durch K.O. verloren, sondern durch Totschlag gewonnen hat. Jedenfalls hätte man als Drehbuchautor in diesem Moment Boxer Butch solche Worte in den Mund legen können, machte ja durchaus Sinn.

Und natürlich, ja, ich könnte jetzt kurz nachgoogeln und wüsste sofort und sicher Bescheid, wer was wann in Pulp Fiction gesagt hat, aber ich lasse es lieber im Ungefähren, ich tu einfach mal so, als schrieben wir das Jahr 1994 und Internet wäre noch Underground und Google in weiter Ferne und alles sowieso nicht so scheißeinfach und banal, ich meine das Überprüfen kultureller Geschehnisse.

Wir sind 1994 zur Premiere von Pulp Fiction ins Bambi nach Düsseldorf gefahren, zur Mitternachtsvorstellung, in einer eiskalten Winternacht, in einem geliehenen alten VW Variant, den ich an jeder Kreuzung anschieben musste, weil der Motor streikte. Vielleicht war es auch Weihnachten 1993. Den Wagen hatten wir von einem alten Bekannten der Gräfin geliehen, der für eine traditionsreiche Solinger Manufaktur neue Regenschirme entwarf und ohne Ende Haschischbongs rauchte. Vom vielen Kiffen hatte er rote Pickel im Gesicht, am Hals, am Arm, eigentlich überall, wo seine Haut Platz bot zur verschärften Pickelblüte. Ein introvertierter Vogel mit einem kränkelnden Auto, aber Ideen für neue Schirme schüttelte er nur so aus dem Ärmel. Jedes Mal, wenn wir ihn besuchten, entweder weil wir uns sein Auto ausleihen oder ihm unseren Hund aufs Auge drücken wollten für ein Wochenende, saß er da am Tisch, stopfte einen Bong und zeichnete auf Millimeterpapier einen weiteren Rohentwurf für auf Knopfdruck aufploppende Regenschirme. Er war talentiert.

Ich hatte im Vorfeld viel über den Film gelesen, ich hatte einige Ausschnitte gesehen. Jetzt war ich total scharf auf John Travolta als Gangster, und als er in Pulp Fiction unter Heroineinfluss zu Chuck Berry tanzte, raste mein Puls vor Freude, er war brilliant.

Doch plötzlich, nach nicht mal der Hälfte der 145 Minuten Laufzeit, sackte Travolta von Kugeln durchsiebt auf dem Scheißhaus zusammen. Ich war verstimmt. Ich wollte auf der Stelle nach Hause.

"So ein Betrug! Travolta ist tot!"

"Ist ja gut", stöhnte sie. "Ich sehs."

Ich fand Pulp Fiction ganz okay, aber als John Travolta auf dem Pott sitzend und Zeitung lesend erschossen wurde, war die Nummer für mich gelaufen. „Komm, John Travolta ist tot“, sagte ich zur Gräfin und wollte los, doch sie bestand darauf, den Film zu Ende zu sehen.

Für mich ist P.F. der beste Film der 90er Jahre, und die 90er Jahre, so übel sie insgesamt waren, habe noch einige andere herausragende Werke auf dem Buckel. Was Tarantino angeht, so hat er danach keinen nennenswerten Film mehr zustande gebracht. Macht aber nichts. Lieber ein Meisterwerk als keins.

Und Travolta? Ich kann machen, was ich will, der Mann hat als Schauspieler ein Stein bei mir im Brett, seit er 1978 in der Eröffnungssequenz von Saturday Night Fever zu Stayin' alive von den Bee Gees taktsicher übers New Yorker Trottoir stiefelt. Einer der bewegendsten Momente der Popkultur. Mit zehn, zwölf Schritten in eine neue Ära. Ich hab den Film, als er damals in die Kinos kam, vier oder fünf Mal gesehen, und jedes Mal mussten wir, weil wir auf den letzten Drücker kamen und die Vorstellungen fast ausverkauft waren, mit einem Platz in der ersten Reihe Vorlieb nehmen. Ich wollte aber eh nur den Anfang sehen, und zehn, zwölf Schritte machen noch keine Genickstarre, Freunde.

*

aus: Einmal Diazepam läuft durch
11.10.17 14:34
 



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